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Zauber einer Karibiknacht

1. KAPITEL

„Ich glaube, wir sollten heiraten.“

Sean King verschluckte sich vor Schreck an seinem Bier. Prustend stellte er sein Glas ab und musterte die unbekannte Frau, die sich an der Bar einfach vor ihn hingestellt und ihm diesen merkwürdigen Vorschlag unterbreitet hatte.

Sie sah umwerfend gut aus.

Ihr Haar war fast so schwarz wie seines, ihre Haut sonnengebräunt. Wahrscheinlich verbrachte sie viel Zeit unter freiem Himmel. Sie hatte hohe Wangenknochen und anmutig geschwungene Brauen, und ihr Blick verriet Entschlossenheit.

Auch der Rest ihres Körpers war nicht zu verachten. Sie trug ein zitronengelbes Sommerkleid, das viel von ihren schlanken Beinen preisgab. Ihre Sandalen waren mit einem weißen Blumenmuster geschmückt, die Zehennägel blutrot lackiert.

Lächelnd sah er ihr in die Augen. „Heiraten? Meinen Sie nicht, dass wir vorher noch mal zusammen essen gehen sollten oder so?“

Ganz kurz lächelte auch sie, dann blickte sie zum Barkeeper hinüber, um sicherzugehen, dass er nicht mithörte. „Ich weiß, das hört sich wahrscheinlich komisch an …“

Er musste lachen. „Komisch, ja. Das trifft es ganz gut.“

„… aber ich habe meine Gründe.“

„Gut zu wissen“, kommentierte er und nahm einen Schluck von seinem Bier. „Dann auf Wiedersehen, schöne Frau.“

Verärgert holte sie Luft. „Sie sind Sean King. Sie sind hier, um sich mit Walter Stanford zu treffen.“

Seine Neugier war geweckt. Aus zusammengekniffenen Augen musterte er sie. „Auf einer kleinen Insel verbreiten sich Neuigkeiten anscheinend sehr schnell.“

„Sogar noch schneller, wenn man Walter Stanford zum Großvater hat.“

„Großvater?“, wiederholte er. „Das heißt, Sie sind …“

„Melinda Stanford, genau“, ergänzte sie und sah sich unsicher um.

Sie war also die reiche wohlbehütete Enkelin des Mannes, dem diese Insel gehörte. Und sie schien nicht alle Tassen im Schrank zu haben.

„Wollen wir uns nicht lieber an einen Tisch setzen?“, schlug sie vor. „Ich möchte nicht, dass jemand mithört.“

Das konnte er sich denken. Es war ja nicht gerade üblich, sich einem Wildfremden vorzustellen, indem man ihm einen Heiratsantrag machte. Die Frau sah wirklich sehr gut aus, aber in ihrem Kopf schien es nicht ganz zu stimmen. Sie wartete nicht auf seine Antwort, sondern ging schnurstracks zu einem der freien Tische in der Hotelbar.

Sean beobachtete sie dabei und blieb unschlüssig sitzen. Sollte er sich zu ihr gesellen – oder lieber doch nicht? Natürlich war sie rein äußerlich eine Klassefrau. Aber wenn es bei ihr im Oberstübchen nicht stimmte …

Inzwischen hatte sie sich hingesetzt und verlieh der dunklen Ecke in der Bar ein wenig Glanz. Vor guten dreißig Jahren war diese Hotelbar bestimmt topmodern und sehr beliebt gewesen. Aber ganz offensichtlich war der Besitzer nicht mit der Zeit gegangen und hatte sie mehr oder weniger verkommen lassen.

Der Holzboden hatte tiefe Kratzer, die von mehreren Farbschichten nur mühselig übertüncht wurden. Die Wände brauchten dringend einen frischen Anstrich, und die Fenster waren zu klein. Davon abgesehen ist die Grundsubstanz gar nicht schlecht, dachte Sean. Die Einrichtung hat Charme, auch wenn sie ein bisschen verstaubt wirkt. Wenn der Laden mir gehören würde, würde ich die Front komplett rausreißen und durch große Glasscheiben ersetzen, dann hätten die Gäste einen tollen Ausblick auf den Ozean.

Diese Gedanken waren ihm ganz unwillkürlich gekommen. So war es eben, wenn man Mitbesitzer einer großen Baufirma war. Ständig baute man im Kopf irgendetwas um.

Aber schließlich war es nicht seine Hotelbar, und eine schöne, wenn auch etwas durchgeknallte Frau wartete auf ihn. Walter Stanford würde er erst am nächsten Morgen treffen, und der Abend war noch lang. Also … Lächelnd erhob sich Sean und ging zu der merkwürdigen Frau hinüber.

Er setzte sich auf den Stuhl ihr gegenüber, lehnte sich zurück und streckte die Beine aus. Mit dem Bierglas in der Hand musterte er sie schweigend und wartete darauf, dass sie ihr Verhalten erklärte. Er brauchte nicht lange zu warten.

„Ich weiß, dass Sie hier sind, um das Land am Nordstrand zu kaufen.“

„Das dürfte auf der Insel kein Geheimnis sein“, erwiderte er und nahm einen Schluck von seinem Bier. Ein einheimisches Erzeugnis und überaus schmackhaft. Wenn alles gut ging und sein Cousin Rico hier ein Hotel eröffnete, sollte er diese Marke auf jeden Fall anbieten.

Er wandte sich wieder der jungen Frau zu. „Wahrscheinlich wissen alle auf der Insel, dass die Kings in Verhandlungen mit Ihrem Großvater stehen.“

„Ja“, bestätigte sie und legte die Hände auf den Tisch. Irgendwie schaffte sie es, gleichzeitig züchtig und doch überaus sexy zu wirken. „Vor ein paar Monaten war ja schon Lucas King hier. Aber sehr weit ist er bei meinem Großvater nicht gekommen.“

Das war leider nur zu wahr.

Sean hatte selbst schon ein Telefonat mit Walter Stanford geführt, und es war ebenfalls nicht besonders gut gelaufen. Deshalb war er jetzt hier. Um von Angesicht zu Angesicht mit ihm zu verhandeln.

Die Insel Tesoro lag in der Karibik und befand sich in Privatbesitz. Walter Stanford war gewissermaßen der Feudalherr des kleinen Eilands. Er besaß Anteile fast aller Unternehmen hier und hütete die Insel wie ein Schlosshund. Neuankömmlinge mit Geschäftsinteressen waren hier nicht gern gesehen.

Seans Cousin Rico King, Besitzer einer Hotelkette, war dennoch fest entschlossen, hier ein luxuriöses Ferienressort zu errichten. Die Baufirma King Construction, die Sean zusammen mit seinen Halbbrüdern Rafe und Lucas betrieb, wäre an dem Bauprojekt beteiligt. Doch dafür mussten sie die entsprechende Landfläche kaufen. Schon seit Monaten umgarnten sie Walter Stanford, um ihn davon zu überzeugen, dass ein King-Hotel der Insel Tesoro nur Vorteile bringen würde. Neue Arbeitsplätze, mehr Touristen, zusätzliche Einnahmen für die ortsansässigen Geschäfte.

Rico hatte den alten Herrn als Erster aufgesucht – erfolglos. Ihm waren Seans Brüder Rafe und Lucas gefolgt und ebenfalls gescheitert. Nun war Sean an der Reihe. Er war stets der Notnagel, wenn Verhandlungen nicht wie gewünscht liefen. Normalerweise führten sein Charme und seine lässig-freundlichen Umgangsformen zum Erfolg. Seine Methode mit Menschen umzugehen war unnachahmlich, und er hütete sich, sein Geheimnis zu verraten.

„Ich bin nicht Lucas“, sagte er selbstbewusst. „Ich bekomme das Geschäft mit Ihrem Großvater schon unter Dach und Fach.“

„Seien Sie sich nur nicht so sicher“, ermahnte sie ihn. „Er ist sehr stur.“

„Da kennen Sie die Kings noch nicht“, gab er leichthin zurück. „Wir sind die Weltmeister in Sturheit.“

Seufzend beugte sie sich zu ihm hinüber. So bekam er einen guten Ausblick auf ihre prachtvollen Brüste. Um nicht wie hypnotisiert dorthin zu starren, sah er ihr wieder in die Augen.

„Mr King, wenn Sie das Land wirklich wollen, gibt es nur einen sicheren Weg.“

Lächelnd schüttelte er den Kopf. Sicher, sie sah fantastisch aus, aber er war nicht bereit für eine neue Frau in seinem Leben – und für eine Ehefrau schon mal gar nicht. Nein, er würde auf seine Art mit dem alten Herrn handelseinig werden. Eine Melinda Stanford brauchte er dazu nicht. „Ich weiß schon. Sie meinen, ich bekomme das Land nur, wenn ich Sie heirate.“

„Ganz genau.“

Er runzelte die Stirn. „Sie meinen das wirklich ernst?“

„Völlig ernst.“

„Sagen Sie … Sie sind nicht zufällig in psychologischer Behandlung?“ Er fragte das so höflich wie möglich.

„Noch nicht“, murmelte sie, um dann lauter hinzuzufügen: „Sie müssen wissen, mein Großvater ist unheimlich heiß darauf, mich verheiratet zu sehen. Möglichst mit vielen kleinen Kinderchen.“

Sean erschauerte innerlich. Viel zu viele seiner Brüder und Cousins hatten in letzter Zeit geheiratet, Lucas gerade erst vor ein paar Monaten. Aber Sean doch nicht! Das kam gar nicht infrage. So etwas hatte er schon hinter sich und war nur knapp mit heiler Haut entkommen. Sein Ausflug in die Ehehölle war kurz gewesen, und keiner seiner Verwandten wusste davon.

Nein, nein, noch eine Heirat kam gar nicht in die Tüte!

„Dann noch viel Glück bei Ihrer Suche nach einem Ehemann“, sagte er und wollte sich erheben. Wie in Panik ergriff sie seine Hand.

Als ihre Hände sich berührten, traf es Sean wie ein elektrischer Schlag. Hitze stieg in ihm auf. Ein Blick in ihre Augen verriet ihm, dass sie ebenso verblüfft war wie er. Und ebenso entschlossen, das aufkommende Begehren zu ignorieren. Vielleicht zog ihn etwas zu dieser Frau hin, aber das hieß ja nicht, dass er dem Verlangen nachgeben musste. Er war aus dem Alter heraus, in dem man sich von seinen Trieben lenken ließ.

Obwohl ihre Anziehungskraft schon ziemlich stark war. Um der Versuchung besser widerstehen zu können, zog er seine Hand zurück. Das Gefühl war zwar angenehm gewesen, aber …

„Sie könnten mich wenigstens bis zum Ende anhören“, bat sie.

Stirnrunzelnd ließ sich Sean wieder auf den Stuhl fallen. Eigentlich interessierte ihn überhaupt nicht, was sie ihm zu sagen hatte, aber warum sollte er ein Mitglied der Familie verärgern, mit der er ein großes Geschäft abschließen wollte? „Na schön, ich höre. Aber mir genügt die Kurzfassung.“

„Okay. Unterm Strich geht es darum, dass Sie mich heiraten sollen.“

„Das habe ich schon verstanden. Aber … warum?“

„Weil es vernünftig ist.“

„In welchem Paralleluniversum sollte das vernünftig sein?“

„Sie wollen das Land für Ihren Cousin, damit er da sein Hotelressort errichten kann. Und ich will einen Kurzzeitehemann.“

„Kurzzeit …?“

Sie lachte auf, und es klang wie Musik in seinen Ohren. „Ja, natürlich. Nur für eine gewisse Zeit. Hatten Sie ernsthaft geglaubt, ich möchte ein Leben lang mit Ihnen verheiratet sein? Mit einem Mann, den ich noch nie vorher gesehen habe?“

„He, passen Sie auf, was Sie sagen. Schließlich waren Sie es, die mir einen Heiratsantrag gemacht hat.“

Sie wurde wieder ernst. „Gut, passen Sie auf. Der Deal läuft folgendermaßen: Wenn Sie sich mit meinem Großvater treffen, wird er Ihnen einen Geschäftsabschluss mit gleichzeitiger Heirat vorschlagen.“

„Woher wollen Sie das wissen?“

„Weil er das schon mindestens vier Mal versucht hat.“

„Bei Lucas und Rafe hat er es nicht versucht. Das hätten sie mir erzählt.“

„Ist doch wohl klar. Die beiden sind ja schon verheiratet.“

„Ach so, ja, logisch.“ Diese verrückte Geschichte brachte ihn schon ganz durcheinander!

„Sie können sicher sein“, fuhr sie fort, „mein Großvater wird Ihnen anbieten, das Land zu verkaufen, wenn Sie mich heiraten. Und ich möchte, dass Sie den Vorschlag annehmen.“

„Und dann soll ich Sie heiraten.“

„Ja, für eine gewisse Zeit.“

„Und wie lang wäre diese gewisse Zeit?“ Er konnte kaum glauben, dass er das wirklich fragte. Er wollte keine Frau, weder kurzzeitig noch für immer. Er wollte doch nur ein Stück Land kaufen, um Himmels willen!

Stirnrunzelnd blickte sie zur Decke und dachte nach. „Zwei Monate sollten reichen“, sagte sie schließlich. „Großvater ist der festen Überzeugung, dass auch aus einer Geschäftsehe allmählich etwas Echtes werden könnte. Ich glaube das nicht.“

„Ganz meine Meinung“, kommentierte Sean und prostete ihr zu.

„Wenn wir zwei Monate verheiratet gewesen sind, wird Großvater denken, dass wir unser Bestes versucht haben und es eben nicht geklappt hat“, erläuterte sie. „Zwei Monate sind okay. Lang genug, um ihn zufriedenzustellen, aber andererseits so kurz, dass wir beide es durchstehen können.“

„Hm, hm.“ Er blickte sie skeptisch an. In welches Tollhaus war er hier nur geraten? „Und womit habe ich es verdient, dass Sie ausgerechnet mich als Kurzzeitehemann auserkoren haben?“

Sie lehnte sich zurück und trommelte mit den Fingerspitzen auf den Tisch. Sie bemüht sich, ruhig zu wirken, dachte Sean, aber in Wirklichkeit ist sie ganz schön angespannt.

„Ich habe einige Nachforschungen über Sie angestellt“, erklärte sie.

„Wie bitte?“

„Na hören Sie, ich werde doch nicht einfach den Nächstbesten heiraten.“

„Nein, natürlich nicht“, kommentierte er sarkastisch.

„Sie waren ein guter Student und haben einen Abschluss in Informatik. Mit zwei Halbbrüdern führen Sie ein äußerst erfolgreiches Bauunternehmen und sind dort für die technischen Aspekte zuständig, werden aber auch gern zu Hilfe gerufen, wenn es um schwierige Vertragsverhandlungen geht.“ Sie holte einen Moment Luft, und Sean sah sie staunend an. „Sie wohnen in einem umgebauten Wasserturm in Sunset Beach und sind verrückt nach den Keksen, die Ihre Schwägerin backt.“

Sean runzelte die Stirn und nahm einen großen Schluck Bier. Er konnte es absolut nicht leiden, wenn ihm jemand nachschnüffelte.

„Und Sie binden sich nicht gerne für länger“, fuhr sie fort. „Sie halten es mit der sogenannten seriellen Monogamie, das heißt, Sie sind einer Frau treu, bis Sie sich der nächsten zuwenden. Trotzdem sprechen alle ihre Verflossenen nur gut über Sie, woraus ich schließe, dass Sie grundsätzlich ein netter Kerl sind – obwohl Sie nicht in der Lage sind, eine längerfristige Beziehung aufrechtzuerhalten.“

„Wie bitte?“

„Ihre längste Beziehung hatten Sie während des Studiums. Die hat knapp ein Dreivierteljahr gehalten. Warum sie dann gescheitert ist, konnte ich leider nicht herausfinden.“

Das wird sie auch nicht, dachte Sean. Die junge Dame kann noch so gut aussehen, langsam nervt sie mich.

„Schön, das reicht jetzt“, stieß er hervor und sah ihr in die wunderschönen blauen Augen. „Ich bekomme das Land, und zwar auf meine Weise. Ihre komischen Pläne interessieren mich nicht. Suchen Sie sich dafür jemand anderen.“

„Bitte warten Sie noch kurz.“ Sie sah ihn so mitleiderregend an, dass er schwach wurde. „Ich weiß, das hört sich alles ziemlich verrückt an. Es tut mir leid, wenn ich Sie verärgert habe.“

„Sie haben mich nicht verärgert“, versicherte er ihr. „Ich bin schlicht und einfach nicht interessiert.“

Melinda fühlte Panik in sich aufsteigen. Sie spürte, sie war die Sache falsch angegangen, aber er durfte ihren Vorschlag nicht ablehnen. Tief holte sie Luft und schlug vor: „Lassen Sie mich noch einmal von vorn anfangen. Bitte.“

Er sah sie misstrauisch an, blieb aber sitzen. Das nahm sie als gutes Zeichen.

Wie sollte sie ihm diese verquere Geschichte nur verständlich machen? Seit sie vor Wochen gehört hatte, dass er kommen würde, hatte sie ihren Überfall auf ihn geplant – inklusive der gründlichen Recherche über sein Privatleben. Trotzdem hatte sie bis zum Schluss nicht gewusst, wie sie ihm alles erklären konnte, ohne völlig verrückt zu klingen.

„Am besten fange ich am Anfang an. Also, wenn ich heirate, bekomme ich einen Treuhandfonds überschrieben. Damit bin ich dann unabhängig. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, ich liebe meinen Großvater. Er ist ein wunderbarer alter Herr.“ Hilflos schüttelte sie den Kopf. „Aber er ist entsetzlich altmodisch. Seiner Meinung nach müssen Frauen ab einem gewissen Alter verheiratet sein und Kinder kriegen, das ist für ihn wie in Stein gemeißelt. Ständig ist er auf der Suche nach einem Ehemann für mich. Da habe ich mir gedacht, wenn ich mir lieber selber einen suche, zu meinen Bedingungen …“

„Okay, soweit habe ich Sie verstanden. Aber warum soll ausgerechnet ich es werden?“

„Weil wir beide etwas davon hätten.“ Aufatmend stellte sie fest, dass er ihr wenigstens zuhörte. „Sie bekommen das Land, ich den Treuhandfonds – und dann lassen wir uns wieder scheiden.“

Ihre Worte schienen ihn nicht zu überzeugen. Verzweifelt schlug sie vor: „Ich … äh … ich könnte Sie auch für Ihre Zeit bezahlen.“

Verärgert blickte er sie an. „Ich lasse mich garantiert nicht von Ihnen dafür bezahlen, dass ich Sie heirate. Ich brauche Ihr Geld nicht.“

Seine heftige Reaktion verriet ihr, dass sie sich den richtigen Kandidaten ausgesucht hatte. Die allermeisten Männer hätten sicher mit Freuden ihr Geld genommen. Aber Sean King war selbst so reich, dass ihm ihr Treuhandfonds – für sie ein Vermögen – wahrscheinlich wie ein Taschengeld vorkam.

Dennoch sprach es für seinen guten Charakter, dass er das Angebot, sich bezahlen zu lassen, so empört ablehnte.

„Okay, aber Sie und Ihr Cousin wollen ein Hotelressort auf Tesoro bauen, das ist doch richtig, oder?“

„Das ist absolut richtig.“

„Und dafür brauchen Sie das Land.“

„Ja.“

„Und um das Land zu bekommen, brauchen Sie mich.“ Als er immer noch nicht überzeugt schien, ergänzte sie: „Ich weiß, dass Sie mir nicht glauben, aber es stimmt. Sie treffen sich morgen früh mit meinem Großvater, richtig?“

Er nickte.

„Gut. Dann lassen Sie uns doch gemeinsam zu Abend essen. So können wir uns noch etwas länger über die Angelegenheit unterhalten – und vielleicht kann ich Sie ja doch noch überzeugen.“

Er lächelte fast unmerklich, aber schon diese winzige Spur eines Lächelns überwältigte sie fast. Sean King strahlte ungeheuren Charme und Sex-Appeal aus. Seine Stärke, seine Männlichkeit ließen sie ganz schwach werden.

Oje, das könnte gefährlich werden, dachte sie.

„Zu Abend essen?“ Er stellte sein Bier ab und nickte. „Gut geht in Ordnung. Wenn eine schöne Frau mich zum Essen einlädt, lehne ich prinzipiell nicht ab. Aber ich warne Sie: An einer Heirat habe ich kein Interesse.“

„Ich weiß“, erwiderte sie. „Deshalb sind Sie ja genau der Richtige.“

Er lachte auf. „Ich weiß wirklich nicht, ob Sie verrückt sind oder nicht.“

„Ich bin nicht verrückt“, versicherte sie ihm. „Nur fest entschlossen.“

„Wunderschön und fest entschlossen“, sinnierte er. „Eine gefährliche Mischung.“

Sie fühlte sich ungeheuer zu ihm hingezogen, obwohl sie das gar nicht wollte. Sie versuchte die Wärme zu ignorieren, die in ihr aufstieg, und sagte: „In der Stadt gibt es ein Restaurant namens Diego’s. Treffen wir uns da um sieben.“

„Vergessen Sie nicht: Mit dem Essen bin ich einverstanden – mit der Heirat nicht.“ Er erhob sich und blickte zu ihr hinunter. „Im Diego’s. Um sieben.“

Als er ging, sah Melinda ihm verträumt nach. Er war groß und schlank und bewegte sich mit einer lässigen Eleganz, die auf großes Selbstbewusstsein schließen ließ. Ja, Sean King stellte mehr dar, als sie erwartet hatte.

Sie konnte nur hoffen, dass er nicht eine Nummer zu groß für sie war.

„Lucas, was weißt du über Melinda Stanford?“ Sean stand mit seinem Handy am Pier und beobachtete, wie die Fischerboote in den Hafen zurückkehrten.

„Sie ist die Enkelin von Walter Stanford.“

„So schlau war ich auch schon.“

„Mehr braucht man doch nicht über sie zu wissen, oder?“

Doch, viel mehr, dachte Sean. „Hast du sie kennengelernt, als du auf Tesoro warst?“

„Nur ganz kurz“, antwortete Lucas. „Aber ich war ja sowieso nicht lange auf der Insel. Walter hat mein Angebot so schnell abgelehnt, dass ich nicht mal zum Auspacken gekommen bin.“

„Ja, ich erinnere mich.“ Nachdenklich ließ Sean seinen Blick über den Ozean schweifen.

„Also, was soll die Frage? Hast du schon Probleme? Funktioniert der legendäre Charme des großen Sean diesmal nicht?“

„Das wirst du nicht erleben“, erwiderte Sean lachend. „Ich habe dir gesagt, ich kriege das Land, und dabei bleibt es.“

„Na schön. Auf jeden Fall viel Glück mit dem alten Herrn. Ich fürchte, er ist gegen Charme immun.“

„Das wird sich zeigen“, erwiderte Sean.

Das Restaurant Diego’s war klein und gemütlich. Seine Spezialität waren Meeresfrüchte, und nicht nur Touristen, sondern auch Einheimische aßen gerne hier. Man konnte draußen vor dem Lokal speisen, aber auch vom Innenraum aus hatte man einen überwältigenden Blick auf den Ozean.

Melinda hatte sich für einen Tisch im Freien entschieden, weil es trotz der Tageszeit noch recht schwül war. Unruhig nippte sie an ihrem Wein. Vielleicht lag es gar nicht am Wetter, dass sie sich so erhitzt und unruhig fühlte. Vielleicht lag es an Sean King.

Aber nein, das kann nicht sein, dachte sie. Er mag ja attraktiv sein, aber ich will nichts von ihm. Zwischen ihm und mir geht es nur ums Geschäft. Das Sexuelle lässt man besser außen vor.

Nervös fuhr sie mit der Fingerspitze den Stiel des Weinglases entlang und versuchte sich einzureden, dass sie schon das Richtige tat. Das einzig Vernünftige.

Sie brauchte einen Ehemann.

Jetzt musste sie nur noch Sean King davon überzeugen, dass er der Richtige für diesen Job war.

„Lass dich bloß nicht nervös machen“, murmelte sie vor sich hin.

Sie wusste selbst nicht, warum sie plötzlich erwartungsvoll herumfuhr. Hatte sie seine Schritte gehört? Oder hatte sie gespürt, wie er sie aus der Entfernung musterte?

Auf jeden Fall kam er auf sie zu. Seine Miene ließ keine Regung erkennen – oder umspielte doch ein feines, kaum wahrnehmbares Lächeln seine Lippen? Er trug eine schwarze Hose, ein weißes Hemd und darüber ein schwarzes Jackett. Entspannt und lässig sah er aus. Und gleichzeitig auch gefährlich.

2. KAPITEL

„Ein romantisches Plätzchen für eine Geschäftsbesprechung“, kommentierte Sean, als er ihr gegenüber Platz nahm.

Melinda holte tief Luft und zwang sich zu einem Lächeln. Das Herz schlug ihr bis zum Hals. Sie wusste, sie durfte jetzt keinen Fehler machen. Irgendwie musste sie Sean King dazu bringen, sie zu heiraten. Ihr Ehemann auf Zeit zu werden.

„Auf die Romantik ist es mir nicht angekommen“, erwiderte sie. „Es sollte nur ruhig sein.“

„Jetzt haben Sie beides. Ruhig und romantisch.“ Der Kellner goss ihm Wein ein und verschwand wieder. Sean nahm einen Schluck, stellte das Glas wieder ab, beugte sich vor und sah sie an. Er wartete darauf, dass sie etwas sagte.

Sein Blick war direkt, seine Miene undurchdringlich. Nichts war in seinen Gesichtszügen abzulesen. War das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen? Melinda wusste es nicht.

„Tut mir leid, dass ich Sie heute Nachmittag mit meinem Anliegen einfach so überfallen habe.“

Er zuckte die Schultern. „Es ist ja auch schwierig, einem Fremden aus heiterem Himmel einen Heiratsantrag zu machen.“

„Allerdings.“ Melinda blickte hinaus auf den Ozean und fuhr fort: „Ich weiß, dass Ihnen das Ganze völlig verrückt vorkommen muss, aber Sie müssen wissen, dass mein Großvater mir gegenüber sehr fürsorglich ist. Sehr, sehr fürsorglich.“

„So sehr, dass er Sie unbedingt irgendwelchen Geschäftspartnern andrehen will?“, scherzte Sean.

Melinda zuckte zusammen. Wenn sie selbst sich kritisch über ihren Großvater äußerte, ging das in Ordnung. Aber sie konnte es nicht leiden, wenn jemand anders – vor allem jemand, der ihn noch nicht einmal persönlich kannte – sich über ihn lustig machte. „Er meint es ja nur gut. Er möchte, dass sich jemand um mich kümmert. Für mich da ist.“

Sean lehnte sich zurück. „Wenn wir noch im finstersten Mittelalter leben würden, wäre das ja auch völlig okay.“

Besonders gut verlief das Gespräch bisher nicht gerade. Aber sie entschloss sich, seine bissigen Kommentare zu ignorieren. Er verstand ihre Situation eben noch nicht, das war alles.

„Ja, na schön“, murmelte sie, „mein Großvater ist eben ein bisschen altmodisch.“

Sean zog eine Augenbraue hoch.

„Okay, mehr als ein bisschen. Ziemlich altmodisch. Sehr altmodisch.“ Sie holte tief Luft und begann zu erklären. „Ich bin hier auf Tesoro aufgewachsen. Mein Großvater hat mich großgezogen, nachdem meine Eltern bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen sind. Ich war damals fünf.“

„Das tut mir leid“, sagte Sean. Noch immer konnte sie in seinem Gesicht nichts ablesen. Was er wohl denken mochte? Wahrscheinlich ist er ein hervorragender Pokerspieler, dachte Melinda. Ganz im Gegensatz zu mir. Ich kann nicht bluffen. Dafür bin ich zu ehrlich und geradeheraus. Obwohl, na ja, zu Großvater bin ich in dieser Sache auch nicht gerade aufrichtig, aber das hat er sich selbst zuzuschreiben. Ich wollte ihm ja ausreden, einen Ehemann für mich zu suchen, aber davon wollte er nichts wissen.

Beim Gedanken an Walter Stanford musste sie unwillkürlich lächeln. Er war die einzige Konstante in ihrem Leben, ihr Fels in der Brandung. Der einzige Mensch, der sie stets uneingeschränkt geliebt hatte. Und er meinte es gut. Er wollte sie verheiratet sehen, um sicherzugehen, dass immer jemand für sie da war und sie beschützte … auch nach seinem Tod.

Nach seinem Tod – sie schauderte bei dem Gedanken. Eine Welt ohne ihren Großvater schien ihr unvorstellbar.

„Er ist ja nicht mehr der Jüngste“, fuhr Melinda zögernd fort, „und er hat Angst, mich irgendwann allein lassen zu müssen. Tausendmal habe ich ihm versichert, dass ich schon zurechtkommen werde – auch allein. Aber er entstammt nun mal einer Generation, in der Frauen versorgt zu sein hatten.

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