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Zauber der Sonneninsel

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

1. KAPITEL

Obwohl es erst Anfang März war, beschloss Petra, die Fahrt nach Sa Virgen zu riskieren. An diesem Samstagmorgen hatte die Frühlingssonne viele Segler auf das Meer hinausgelockt.

Petra hatte schon immer etwas gegen Menschenansammlungen gehabt – obwohl es schwierig war, mit dieser Abneigung ausgerechnet auf Mallorca zu leben. Ihre Gefühle hingen unmittelbar mit der tiefen Liebe zur Natur zusammen, die bei ihr zur Leidenschaft geworden war.

Wenn sie sah, was die Menschen ihrer Umwelt antaten, wie sie das Wasser verschmutzten, die Luft verpesteten, dann sehnte sie sich weit weg von der gesamten Menschheit. Deshalb lenkte sie ihr kleines Segelboot nun in Richtung Cala Vibora.

Ein wenig unbehaglich fühlte sie sich schon. Denn wie die Schlange, nach der Cala Vibora benannt war, besaß diese Bucht nadelspitze Zähne aus Felsgestein, die unter der Wasseroberfläche verborgen waren. Gefährliche Klippen und unberechenbare Strömungen machten sie zu einer höchst unsicheren Bucht, besonders in dieser Jahreszeit. Manchen Segler hatte der Versuch, Cala Vibora zu erreichen, das Leben gekostet. Doch hier war der goldene Strand fast immer menschenleer, und man konnte einige vom Aussterben bedrohte Tierarten beobachten.

Als sie sich den gefährlichen Klippen näherte, spannten sich ihre Gesichtszüge in äußerster Konzentration. Das Grün des Meeres schien sich in ihren Augen widerzuspiegeln. Es erforderte Entschiedenheit und Erfahrung, das Boot in diesen gefährlichen Strömungen auf Kurs zu halten. Petra fühlte die Vibrationen des Kiels, die sich durch die Teakholzwand auf die Gummisohlen ihrer Schuhe übertrugen.

Einen schrecklichen Moment dachte sie, das Boot würde an einem gefährlich aufragenden Felsen zerschellen. Sie fühlte die Angst wie einen körperlichen Schmerz. Aber um Haaresbreite glitt sie daran vorbei, und dann war sie plötzlich im stillen blaugrünen Wasser der Bucht.

Petra holte die Segel ein. Ihre geschmeidigen Bewegungen verrieten Routine. Hier in der Bucht war das Wasser ruhig wie in einem Teich, und sie seufzte vor Erleichterung und Zufriedenheit.

Sie steuerte das Boot auf den Strand zu, der von bewaldeten Felsen umgeben war, und erst in diesem Augenblick sah sie die Motoryacht, die im seichten Wasser vor Anker lag.

“Das ist doch nicht … Oh, verdammt!” rief sie enttäuscht.

All die Anstrengungen und Risiken, um allein zu sein, und dann war ihr jemand zuvorgekommen!

Ärgerlich betrachtete Petra das fremde Boot. Sie hasste diese pompösen Schiffe. Ihrer Meinung nach waren die Besitzer keine Sportsleute, sondern hielten sich ihre Yachten nur aus Prestigegründen.

Und dieses Boot wirkte besonders protzig. Es war nicht weiß wie die meisten anderen, sondern grau wie ein Hai, und es sah nach Schnelligkeit, Kraft und Geld aus. Vor allem nach Geld. Allein die beiden Motoren am Heck mussten so viel gekostet haben wie ihr komplettes Boot. Durch die lange, flache Form wirkte diese Yacht geschmeidig und kraftvoll, wie dafür geschaffen, auch in rauer See zu bestehen.

Eine Weile betrachtete Petra gereizt den Eindringling. Irgendwie schien der Frühlingshimmel jetzt nicht mehr so blau, der Tag nicht mehr so schön zu sein.

Schließlich gab sie sich innerlich einen Ruck. Warum sollte sie sich von einigen Geldprotzen vertreiben lassen?

Petra warf den Anker und zog das unförmige Ölzeug aus. Bei diesem Anblick wäre mancher Mann schwach geworden, denn Petra Castle hatte eine hervorragende Figur. Der rote Pullover und die Jeans betonten ihre Formen. Man sah ihr an, dass sie viel Sport trieb. Ihre Bewegungen waren sehr anmutig, als sie leichtfüßig in das Schlauchboot stieg und auf den Strand zupaddelte.

Petras Haar war kastanienbraun mit kupfernem Schimmer und umrahmte in weichen Wellen ihr Gesicht, das, nach Meinung ihres Vaters, zu breit war, um wirklich schön zu sein. Doch er musste zugeben, dass es genug junge Männer gab, die sich an den Wochenenden um Petras Aufmerksamkeit bemühten.

Vom Schlauchboot aus betrachtet, wirkte die graue Yacht noch größer und eleganter. Es schien niemand an Bord zu sein. Beim Vorbeifahren las Petra den Namen ‘Epoca’ am Bug des Schiffes. Sie konnte sich nicht erinnern, es jemals im Hafen gesehen zu haben.

Sie watete durch das seichte Wasser an Land, wobei die aufgekrempelten Jeans ihre schlanken Fesseln zeigten.

Bis auf die Stimmen der Möwen und das Rauschen des Meeres war es hier ganz still. Hoch oben am blauen Himmel schwebten zwei Falken fast bewegungslos in der Luft.

Aus einem Beutel, den Petra um den Hals trug, zog sie ein kleines starkes Fernglas und richtete es auf die Falken. Ein Männchen und ein Weibchen waren es, die mit ihren scharfen gelben Augen die Insel nach Mäusen oder Eidechsen absuchten. Irgendwo in den Klippen musste das Nest mit ihren Jungen sein.

Bei dem Gedanken lächelte sie. Sa Virgen war dicht bewaldet und bot einigen der seltensten Tierarten des Mittelmeerraumes eine letzte Zuflucht. Abgesehen von einer schmalen steinigen Straße, die sich bis zum höchsten Punkt der Insel hinaufwand, zeigten sich kaum menschliche Spuren. Im Dialekt von Mallorca bedeutete “Sa Virgen” die Jungfrau, und dieser Name bezog sich sowohl auf die unberührte Schönheit dieser Insel als auch auf ihre Verletzlichkeit.

Aber selbst hier lauerten die Bulldozer. Seit Jahren existierten Pläne, Sa Virgen zu einem Ferienzentrum für reiche Urlauber zu machen – mit einem Hubschrauberlandeplatz, einem Hafen und hundertundfünfzig luxuriösen Apartments. Und das sollte erst der Anfang sein! Begriffen die Menschen denn nicht, dass sie Sa Virgen damit zerstörten?

Petra kletterte den schmalen Pfad hinauf zu den Klippen und legte sich oben ins Gras. Von hier aus hatte sie eine gute Sicht in das luxuriöse Innere der Yacht. Sie verzog verächtlich den Mund. Dicke Teppiche und graues Leder, wohin man sah. Die Kabinen unter Deck waren zweifellos ähnlich eingerichtet.

Auf einem Tisch auf dem hinteren Deck stand eine Schale mit exotischen Früchten, daneben eine Flasche Champagner in einem Eiskübel. Lieber Himmel! Wenn sie noch länger hierblieb, würde sie möglicherweise mehr zu sehen bekommen, als ihr lieb war!

Schade, dass sie sich nicht ein wenig auf der Yacht umsehen konnte. Das wäre etwas für ihren Bruder James gewesen, der gerade für einen sechswöchigen Urlaub aus London gekommen war und Boote leidenschaftlich liebte. Petra hatte zwar ein schlechtes Gewissen, aber Neugier und Spannung überwogen, als sie in das Cockpit spähte. Über einem der Sitze hing nachlässig ein Damenmantel. Auf die Ellenbogen gestützt, starrte Petra wie gebannt in das Innere des Schiffes und zuckte erschreckt zusammen, als sie eine männliche Stimme neben sich hörte.

“‘Sulky Susan’, nehme ich an?”

Petra rollte sich blitzschnell herum. Sie hatte keine Schritte gehört, weil sie so damit beschäftigt gewesen war …

Als ihr bewusst wurde, wobei man sie erwischt hatte, wurde sie rot vor Scham. Zwei Gestalten standen über ihr, ein Mann und eine Frau. Der Mann lächelte leicht, aber die Frau verzog keine Miene.

“Bitte?” sagte Petra verwirrt.

“Sie müssen ‘Sulky Susan’ sein.” Der Mann nickte in Richtung Bucht. “So heißt doch Ihr Boot, nicht wahr?”

“Oh – ja.” Petra überlief es heiß vor Verlegenheit, als sie aufstand.

Die Frau hatte eine auffallend helle Haut, Haar und Augen waren tiefschwarz. Ihre Schönheit war kalt und doch leidenschaftlich, ihre Augen hatten einen fast animalischen Ausdruck. Es konnte kaum einen größeren Kontrast geben als zwischen der makellosen Eleganz der Frau und Petras legerer Kleidung. Das helle Wollkostüm der Frau, nach der letzten Mode geschnitten, verriet Wohlstand und Geschmack. Ihre Miene war verächtlich, als sie Petra betrachtete.

Der Mann war groß und dunkel, offensichtlich Spanier. Petra schätzte ihn auf Mitte dreißig. Er war einer jener Männer, die in jeder Art von Kleidung phantastisch aussahen. Die dunkelgraue Kaschmirjacke betonte seinen athletischen Oberkörper. Die Jeans saßen knapp um die schlanken Hüften und die langen Oberschenkel. Seine Beine steckten bis zu den Knien in Lederstiefeln, denen man ansah, dass sie sehr teuer waren.

Dass diese beiden die Besitzer der ‘Epoca’ waren, hätte selbst dann außer Frage gestanden, wenn die ganze Bucht voll von Booten gewesen wäre.

Die Frau wandte sich ihrem Begleiter zu und fragte in affektiertem kastilianischen Dialekt: “Wer ist sie? Was hat sie hier zu suchen?”

Petra zupfte nervös ein paar Grashalme von ihrem Pullover. “Ich heiße Petra Castle”, sagte sie. Sie war diesen Leuten eine Erklärung schuldig. Schließlich hatten sie sie dabei erwischt, wie sie ihr Boot beobachtete. In fließendem Spanisch fuhr sie fort: “Ich habe nur die Möwen betrachtet. Ich wollte nicht herumspionieren.”

“Meine liebe Miss Castle”, erwiderte der Mann in Englisch, “kein Mensch würde Ihnen so etwas zutrauen.”

Der Sarkasmus war unüberhörbar. Sein Blick und sein sinnlicher Mund ließen Petras Herz höher schlagen, und sein Lächeln verriet, dass er sich seiner Männlichkeit und seiner Macht über Frauen sehr bewusst war.

Seine Augen und das dichte, leicht gelockte Haar waren schwarz. Aber es war die Nase, die dieses Gesicht unverwechselbar machte. Sie musste einmal gebrochen gewesen sein.

Diese Mischung aus männlicher Schönheit und Brutalität war verwirrend, und Petra fühlte ihre Knie zittern, als sie ihm in die Augen sah. Hinter seinem Lächeln war etwas anderes verborgen, etwas Dunkles und Ursprüngliches, das sie erschauern ließ.

Die Frau seufzte ungeduldig, schien zu spüren, was in Petra vor sich ging. Das Lächeln des Mannes vertiefte sich dagegen.

“Sie müssen ein mutiges Mädchen sein”, sagte er sanft. “Sie haben einiges riskiert, um nach Cala Vibora zu kommen.”

Petra erwiderte schnippisch: “Nicht mehr als Sie.”

“Das stimmt nicht.” Der Tonfall war typisch spanisch, aber sein Englisch war korrekt und fast perfekt. “Wir haben der Strömung fünfhundert PS entgegenzusetzen, während Sie auf den Wind angewiesen sind, und der ist sehr unbeständig. Sie hätten fast den Felsen gestreift. Wir haben Sie beobachtet.”

Petra fühlte sich unbehaglich. Sie hatten also gesehen, wie sie die Klippen hinaufgeklettert war und mit dem Fernglas die fremde Yacht ausgekundschaftet hatte. “Ich komme oft hierher, um die Vögel zu beobachten”, erklärte sie in Spanisch. “Ich kenne die Risiken.”

“Tatsächlich?” Er zog eine Augenbraue hoch, als wäre er tief beeindruckt. Diese Art von Spott konnte Petra nicht ausstehen.

“Tatsächlich”, entgegnete sie kurz. “Es tut mir leid, wenn ich Sie gestört habe, aber ich würde jetzt gern weiter die Klippen entlanggehen.”

“Hier geht es nicht weiter”, sagte er mit befehlsgewohnter Stimme. “Der Pfad hier ist während des letzten Regens teilweise weggespült worden.”

Petra zögerte. Es hatte vor kurzem tatsächlich stark geregnet. Selbst auf Mallorca waren einige Straßen unpassierbar gewesen.

“Wir kommen gerade aus dieser Richtung”, fuhr er fort, offensichtlich amüsiert darüber, dass sie seinen Worten misstraute. “Es ist sehr gefährlich, und ich lasse Sie dort nicht hinauf.”

“Ich spreche Ihre Sprache ganz gut”, sagte sie auf Spanisch. “Fast so gut, wie Sie Englisch sprechen. Im Übrigen brauchen Sie mich nicht zu beschützen.”

“Nun gut”, erwiderte er, ebenfalls auf Spanisch. “Dann werden wir eben Ihrer sprachlichen Eitelkeit schmeicheln, statt meiner.”

Die Frau hatte bisher geschwiegen und nur mit unbewegter Miene abwechselnd Petra und den Mann beobachtet. Nun sagte sie ungeduldig: “Lass uns gehen, Tomás.” Petra dachte an den Champagner – zweifellos gab es noch andere Freuden, die an Bord der ‘Epoca’ warteten.

“Aber ich bin neugierig”, entgegnete er und ließ Petra nicht aus den Augen. “Neugierig auf diese Petra Castle, die allein nach Cala Vibora segelt, um Vögel zu beobachten, und die genau weiß, was sie riskiert. Außerdem haben wir uns noch nicht miteinander bekannt gemacht. Miss Castle, darf ich Sie meiner Begleiterin vorstellen? Cristina Colom. Cristina, dies ist Petra Castle. Und mein Name ist Tomás Torres.”

Er reichte Petra die Hand, und ihr blieb nichts anderes übrig, als auch ihm die Hand zu geben, die er mit einer leichten Verbeugung an die Lippen führte und küsste.

Petra fühlte, wie ihr das Blut in die Wangen schoss, und in diesem Augenblick brach Cristina Colom in helles Gelächter aus. Ihr Lachen klang echt, nicht gezwungen. Und mit einem fast körperlichen Schmerz wurde es Petra bewusst, wie lächerlich sie wirken musste – eine zerzauste junge Frau in Jeans und Pullover, die wie hypnotisiert diesen außergewöhnlichen Mann anstarrte, der ihr im Scherz einen Handkuss gab. Sie entzog ihm abrupt die Hand. Petra hasste es, sich zum Gespött anderer Leute zu machen. “Was finden Sie denn so lustig?” fragte sie kühl.

“Ihren Gesichtsausdruck”, entgegnete die Frau. “Sie sind es offensichtlich nicht gewohnt, dass man Ihnen die Hand küsst.”

Wenn Tomás Torres ebenfalls amüsiert war, verstand er es gut zu verbergen. “Ich habe eben merkwürdig altmodische Manieren”, sagte er leichthin. Als hätte er Petras Gefühle erraten, fügte er sanft hinzu: “Ich wollte Sie nicht verletzen.”

“Ich fühle mich nicht im Geringsten verletzt”, erwiderte Petra steif. Mit einer hastigen Bewegung zog sie ihren Pullover zurecht, wobei ihre Brüste sich einen Moment lang unter der dünnen Wolle abzeichneten. Sein Blick verriet, dass es ihm nicht entgangen war.

Er dachte nicht daran, sein Interesse zu verbergen. Anerkennend ließ er seinen Blick über ihre Figur gleiten, dann sah er ihr direkt in die Augen. In seinem Blick lagen Herausforderung und Begehren. Verlegen wandte Petra ihren Blick ab.

“Wie oft kommen Sie nach Sa Virgen?” fragte er.

“Sooft ich Lust habe”, erwiderte sie kühl.

“Sooft Sie Lust haben?” Spöttisch wiederholte die Frau Petras Worte. “Sie reden, als gehörte Ihnen die Insel und nicht ihm!”

Petra betrachtete den Mann nachdenklich. Tomás Torres. Ihr Herz klopfte wie rasend, als sie begriff, wer vor ihr stand. Ausgerechnet sie, die so viel über Sa Virgen zu wissen glaubte, hatte nicht bemerkt, mit wem sie sprach! Denn wenn dieser Mann Tomás war, dann gehörte Sa Virgen ihm tatsächlich. Und dann war er es, der hinter “Proyecto Virgen SA” stand, der Firma, deren Pläne zur Erschließung der Insel bei Naturliebhabern große Empörung ausgelöst hatten. “Sie sind also Tomás Torres?” Sie atmete tief und fühlte, wie ihr Zorn wuchs. “Entschuldigen Sie, dass ich nicht früher bemerkt habe, welch seltene Ehre Sie mir erweisen”, sagte sie kalt. “Sie müssen sehr menschenscheu sein, Señor Torres.”

“Ich liebe mein Privatleben”, korrigierte er sie. “Das ist nicht dasselbe.”

“Auf jeden Fall zeigen Sie sich nicht gern in der Öffentlichkeit.”

Er betrachtete sie gelassen. “Warum sagen Sie das?”

“Ich weiß nicht, wie viele Versammlungen es schon zum Thema Sa Virgen gegeben hat”, antwortete Petra. “Sie sind zu allen persönlich eingeladen worden, aber nicht einmal erschienen!”

“Ahh!” Die Frau sah sie verächtlich an. “Sie gehören also dieser Gruppe von Zerstörungswütigen und Fanatikern an, die überall so viel Ärger macht!”

“Ich bin keine Fanatikerin, ich möchte nur die Natur erhalten.” Petra war empört. “Und Zerstörungswut kann man wohl eher Señor Torres vorwerfen!”

“Nicht nur mir.” Tomás Torres war verärgert. “Im letzten Sommer haben so genannte Umweltschützer auf dieser Insel eine Versammlung abgehalten. Sie haben Sa Virgen mehr geschadet als irgendetwas in den letzten tausend Jahren.”

“Sie haben sich ein wenig danebenbenommen”, sagte Petra, aber es klang nicht sehr überzeugend. Sie selbst war nicht an dieser beschämenden Aktion beteiligt gewesen. Die Diskussion um Sa Virgen hatte eine Reihe von Verrückten angelockt, die nicht unter Kontrolle zu halten waren. Deshalb war die gut gemeinte Kampagne “Hände weg von Sa Virgen” zu einer völligen Katastrophe geworden.

“Ein wenig?” wiederholte er ironisch. “Sie haben Feuer angezündet, überall ihren Abfall zurückgelassen und sich auch sonst wie die Wilden benommen. Ich kann Ihnen versichern, das war kein schöner Anblick, Miss Castle.”

“Es war einfach widerwärtig”, stimmte die Frau ihm zu.

“Das Verhalten dieser Leute ist nichts gegen das, was Sie mit Sa Virgen vorhaben”, entgegnete Petra zornig. “Ihre Pläne für diese Insel sind abscheulich!”

“Darf ich höflich fragen, wer Ihnen eigentlich das Recht gibt, mir zu erzählen, was ich mit meinem Eigentum machen soll?” Der Sarkasmus in seiner Stimme war unüberhörbar.

“Ich nehme diese Gelegenheit wahr, weil Sie sich Ihren Kritikern ja nie stellen”, entgegnete Petra. “Sie verstecken sich hinter Ihren Anwälten und Sprechern, die dafür sorgen, dass Sie unsere Argumente nie zu hören bekommen.”

“Ich bin bestens informiert”, widersprach er ungeduldig. “Immerhin lese ich Zeitung. Und was diese Versammlungen angeht: Warum sollte ich dort erscheinen? Nur um mich von Ignoranten beleidigen zu lassen?”

“Ignoranten ist nicht das richtige Wort.” Petra ließ sich nicht einschüchtern, obwohl er etwa zehn Jahre älter als sie und ein reicher und angesehener Mann war. “Unter den Leuten, die Sa Virgen schützen wollen, sind einige der bekanntesten Vogelkundler und Wissenschaftler des Mittelmeerraumes. Und die als Ignoranten zu beschimpfen, spricht nicht gerade für Sie, Señor Torres!”

“Sa Virgen gehört mir”, fuhr er fort, als hätte er sie gar nicht gehört. “Warum sollte ich irgendjemand darüber Rechenschaft ablegen, was ich mit meinem Besitz zu tun gedenke?”

Seine Arroganz verschlug Petra einen Augenblick die Sprache. “Immerhin sind Sie kein Gott”, sagte sie schließlich.

“Sie aber auch nicht”, entgegnete er und warf ihr dabei einen kalten Blick zu.

“Warum lässt du dir diese Unverschämtheiten gefallen?” empörte sich Cristina Colom. “Es lohnt sich nicht, mit diesem Mädchen zu streiten. Sie ist nicht einmal Spanierin. Warum gibst du dich mit ihr ab?”

“Sie zeigt zumindest einen Funken Intelligenz”, sagte er lächelnd, “obwohl ihre Manieren wirklich zu wünschen übriglassen.” Er sah Petra unverwandt an. “Sie sprechen ausgezeichnet Spanisch, Petra. Ich nehme an, Sie sind Tom Castles Tochter?”

“Ja.” Petra fühlte sich unbehaglich. “Woher wissen Sie das?”

“Ihr Vater ist ein erfolgreicher Schriftsteller. Er ist auf Mallorca bekannt. Weiß er, dass Sie allein nach Cala Vibora gesegelt sind?”

“Meine Familie vertraut mir. Ich habe Ihnen doch schon gesagt, dass ich oft hierherkomme.” Petra warf ihm einen herausfordernden Blick zu. “Ich nehme an, Sie werden mich jetzt auffordern, Ihren Besitz zu verlassen?”

“Aber nein”, sagte Torres liebenswürdig. “Besucher sind immer willkommen auf Sa Virgen – besonders, wenn sie die Natur respektieren.”

Seine Scheinheiligkeit machte sie wütend. “Und was ist mit den Hubschraubern, die Ihre reichen Naturliebhaber zu ihren neu gebauten Apartments bringen werden?”

“Sie schaden der Umwelt weniger als Ihre so genannten Umweltschützer.” Offensichtlich ärgerte es ihn, dass Petra auf seinen Versuch, den Streit beizulegen, nicht reagierte.

“Komm jetzt, Tomás”, drängte Cristina Colom. “Vergiss diese Verrückte und lass uns umkehren!”

Aber Petra wollte sich nicht so leicht abwimmeln lassen. Die Chance, Tomás Torres persönlich ihre Meinung zu sagen, würde sie wahrscheinlich nie wieder bekommen!

Ohne ihren Blick von ihm abzuwenden, fuhr sie fort: “Wie lange wird es dauern, bis Ihre Hubschrauber und Landrover die Falken verscheucht haben? Sie müssen doch wissen, dass auf dieser Insel auch einige sehr seltene Schildkrötenarten leben! Wie fänden Sie es, wenn eine Horde unwissender Leute die Strände nach ihren Eiern absuchte, nur um sie als hübsches Souvenir mit nach Boston oder Manchester oder Oslo zu nehmen?”

“Miss Castle …”

“Fühlen Sie denn gar nichts für diese Insel?” fragte sie heftig. “Wenn Sie der Besitzer von Sa Virgen sind, ist es dann nicht Ihre Pflicht, sie zu beschützen, statt sie zu zerstören?”

“Passen Sie auf, was Sie sagen!” fuhr Torres sie an.

“Das schockiert Sie wohl?” fragte Petra bitter. “Das soll es auch. Die Tatsache, dass Sie genug Geld haben, um sich diese Insel zu kaufen, gibt Ihnen nicht das Recht, sie zu zerstören!”

“Sa Virgen gehört den Torres seit tausend Jahren”, entgegnete er verächtlich. “Ich bin erstaunt, dass Sie das nicht wissen, wo Sie doch so eine Expertin in Bezug auf Sa Virgen sind.”

Diese Spanier und ihr Familienstolz, dachte Petra spöttisch. “Lenken Sie bitte nicht ab. Wenn Sie dieses Feriendorf bauen, wird etwas Einzigartiges unwiderruflich zerstört werden!”

Sein Gesichtsausdruck wurde bitter. “Ich dachte, Sie hätten ein Fünkchen Intelligenz, aber Sie reden genauso wie all diese angeblichen Umweltschützer, Petra. Sie kommen doch auch oft nach Sa Virgen. Doch die anderen möchten Sie davon abhalten, dasselbe zu tun. Ist das nicht Egoismus?”

“Andere verhalten sich hier vielleicht nicht so wie ich.”

“Man merkt, dass Sie noch sehr jung sind.”

“Ich bin nicht zu jung, um Recht von Unrecht unterscheiden zu können”, sagte Petra erregt. “Ich möchte verhindern, dass auf Sa Virgen gebaut wird und diese knatternden Hubschrauber das natürliche Gleichgewicht der Insel stören.”

“Die Hubschrauber tun nichts dergleichen”, erwiderte Torres schroff. “Und Falken und andere Tierarten scheint der Lärm, den sie machen, nicht zu stören.”

“Das haben Sie sicher schon bewiesen, stimmt’s?”

“Stimmt.” Torres sah sie kalt an.

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