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Zane gegen die Götter - Sturmläufer

 

Für Mom, meine Seherin.

Und für alle, die das Gefühl haben, dass sie nicht richtig dazugehören.

VORWORT VON RICK RIORDAN

Zane Obispo hat eigentlich ein richtig schönes Leben.

Seit letztem Jahr unterrichtet ihn seine Mutter zu Hause, was auch bedeutet, dass ihn die anderen Kinder nicht mehr ärgern können. Er verbringt viel Zeit damit, mit seiner treuen Boxer-Dalmatiner-Hündin Rosie in der Wüste von New Mexico auf Entdeckungstour zu gehen.

Seine Mom liebt ihn über alles und sein Onkel Hondo ist ein lustiger Mitbewohner, auch wenn er vielleicht ein bisschen süchtig nach Flamin’ Hot Cheetos (diesen scharfen Paprika-Käse-Flips) und Wrestlingkämpfen ist.

Was die Nachbarn angeht, hat Zane nur zwei: den netten Mr Ortiz, der streng geheime Chilisorten züchtet, und Miss Cab, die als Telefonhellseherin arbeitet und Zane dafür bezahlt, dass er ihr hilft. Also alles bestens.

Und habe ich schon den Vulkan hinter Zanes Haus erwähnt? Nein, du hast dich nicht verlesen – Zane hat einen eigenen Vulkan. Rosie und er klettern oft darauf herum und neulich haben sie sogar einen versteckten Eingang entdeckt …

Das Leben kann so schön sein!

Außer … na ja, außer dass Zane mit ungleichen Beinen zur Welt gekommen ist. Weil ein Bein kürzer als das andere ist, humpelt er und braucht einen Stock. Aber er hat sich dran gewöhnt und ist inzwischen ein superschneller Humpler.

Ach ja, und noch was … Zane wurde gerade an einer Privatschule angenommen. Er will nicht hin, aber seine Mutter lässt nicht mit sich reden. Der Unterricht beginnt schon morgen.

Dann wäre da noch der Unfall. Zane hat beobachtet, wie ein Privatflugzeug über seinem Vulkan abgestürzt ist, direkt über dem Krater. Er war so dicht dran, dass er sogar das Gesicht des Piloten gesehen hat … und entweder trug der Typ eine sehr überzeugende Halloweenmaske oder er war ein außerirdisches Zombiemonster.

Nicht zu vergessen die hübsche Brooks. Sie warnt Zane, dass er in Lebensgefahr schwebt. Bloß dass es in den Unterlagen der Schule gar keine Brooks gibt. Und woher kennt sie Zane überhaupt?

Zane muss feststellen, dass in seinem Leben nichts so ist, wie es scheint. Es hat einen Grund, dass er mit einem zu kurzen Bein auf die Welt gekommen ist. Es hat einen Grund, dass er seinen Vater nie kennengelernt hat – einen geheimnisvollen Typen, in den sich seine Mutter während ihrer Zeit in Yucatán verliebt hat. In Zanes Vulkan gehen sonderbare Dinge vor sich und Brooks behauptet, das hätte mit einer uralten Prophezeiung zu tun.

Was weißt du über die alten Mayas? Wusstest du, dass sie eine Schokoladengöttin hatten? (Wieso hatten die alten Griechen eigentlich keinen Schokogott? Irgendwie ungerecht.) Außerdem gibt es bei den Mayas Dämonen, Gestaltwandler, Zauberer, Riesen, Halbgötter und eine Unterwelt, deren Eingang möglicherweise gleich hinter dem nächsten Taco-Imbiss liegt.

J. C. Cervantes nimmt dich auf eine unvergessliche Reise in die verwickelte, finstere und manchmal auch komische Sagenwelt der Mayas mit. Du lernst Furcht einflößende Götter kennen, gruselige Unterweltbewohner und unerwartete Helden, deren Aufgabe es ist, unsere Welt vor dem Untergang zu bewahren.

Die Welt der Mayas mit ihrer Magie und ihren Mythen ist nicht so weit weg, wie du vielleicht glaubst. Genau genommen beginnt sie gleich hinterm Haus.

Willkommen in der Welt von Zane gegen die Götter.

 

 

»Wer nicht an Magie glaubt, wird auch nirgends welche entdecken.«

ROALD DAHL

 

An alle, die es angeht:

Ich soll meine Geschichte ja unbedingt aufschreiben – bitte sehr, hier ist sie. In allen Einzelheiten, bis zum bitteren Ende. Ihr dürft mich gern als Musterbeispiel dafür anführen, was passiert, wenn jemand die Götter erzürnt.

Ich wollte das alles nicht, aber ihr habt mir keine Wahl gelassen. Jetzt bin ich hier gelandet, und das nur wegen einem blöden Heiligen Schwur, den ich nie geleistet habe, und weil ihr so sauer auf mich seid, dass ihr mich tot sehen wollt.

Hoffentlich seid ihr jetzt zufrieden.

Ich finde, ihr könntet euch ruhig mal bei mir bedanken, aber Götter kennen keine Dankbarkeit, stimmt’s?

Trotzdem bereue ich nichts. Ich würde alles noch mal genauso machen, sogar wenn ich vorher wüsste, wie es ausgeht. Obwohl … eins bereue ich schon, nämlich dass mir eure dummen Gesichter entgehen, wenn ihr das hier lest. Aber egal. Man sieht sich wieder.

Zane Obispo

1

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Mit einem Schrei von Mom fing alles an.

Erst dachte ich, sie hätte einen Skorpion entdeckt, aber als ich in die Küche gerannt kam, schwenkte sie einen Brief und führte barfuß einen Freudentanz auf. Nachdem sie mich ein Jahr lang zu Hause unterrichtet hatte, durfte ich wieder zur Schule gehen. Von wegen »durfte«! Als müsste ich um Erlaubnis fragen, wenn ich etwas lernen wollte. So ein Schwachsinn! Und wieso dürfen Erwachsene eigentlich immer alles bestimmen? Die Sache war nämlich die: Ich wollte auf gar keinen Fall auf eine spießige Privatschule, die »Heiliggeist« hieß und an der einen strenge Nonnen rumkommandierten. Und schon gar nicht wollte ich morgens vom Heiliggeist-Fahrdienst abgeholt werden. Wir wohnen so weit ab vom Schuss, dass ich als Allerletzter eingesammelt würde, was bedeutete, der Bus wäre dann schon voll. Und das wiederum bedeutete, dass mich mindestens zehn Leute blöd anglotzen würden.

Aber weil Mom so glücklich aussah, tat ich so, als würde ich mich auch freuen, und strahlte sie an. Sie macht den ganzen Tag Hausbesuche bei kranken Leuten und lässt außerdem ihren Bruder Hondo bei uns wohnen. Der guckt die ganze Zeit nur Wrestlingsendungen und futtert dabei tonnenweise Cheetos. Deshalb ist Mom meistens genervt und ich sehe sie nur selten lächeln.

»Aber …« Ich wusste nicht, wie ich anfangen sollte. »Aber du hast doch gesagt, ich darf zu Hause lernen!«

»Ein Jahr lang.« Sie war immer noch ganz aus dem Häuschen. »So war es abgemacht. Schon vergessen? Nur ein Jahr.«

Von »abgemacht« konnte keine Rede sein, aber wenn sich Mom etwas in den Kopf gesetzt hatte, war sie nicht mehr davon abzubringen. Widerspruch zwecklos. Außerdem wollte ich ja, dass sie glücklich war – so glücklich, wie es nur ging. Deswegen nickte ich heftig, gleich mehrmals hintereinander, und schaffte es sogar, sie noch mal anzustrahlen.

»Wann soll es denn losgehen?« Es war September und das neue Schuljahr hatte schon vor einem Monat angefangen.

»Morgen.«

Mist!

»Können wir nicht noch bis Januar warten?« Ja, ich geb’s zu, das war superoptimistisch.

Mom schüttelte den Kopf. »So eine Gelegenheit kommt nicht wieder, Zane.«

»Sind Privatschulen nicht furchtbar teuer?«

»Sie gewähren dir ein Stipendium. Hier steht’s!« Zum Beweis schwenkte sie wieder den Brief.

Doppelter Mist.

Mom faltete den Brief sorgfältig wieder zusammen. »Du stehst schon auf der Warteliste, seit …«

Den Rest des Satzes konnte sie sich sparen. »Seit …« meinte den Tag, als dieses Arschloch aus meiner alten Schule (ich werde den Typen nie vergessen) mich verprügelt und ich mir geschworen hatte, nie wieder einen Fuß in eine sogenannte »Lehranstalt« zu setzen.

Aber ich gab noch nicht auf. »Und was ist mit Miss Cab? Sie braucht mich! Außerdem kann ich sonst Rosies Futter nicht bezahlen.«

Meine Nachbarin Miss Cab heißt mit Nachnamen eigentlich Caballero, aber das konnte ich als kleines Kind nicht aussprechen und die Abkürzung ist hängen geblieben. Sie war blind wie ein Maulwurf und brauchte jemanden, der ihr im Haushalt half. Außerdem arbeitete sie als Telefonhellseherin und ich nahm die Anrufe entgegen, bevor sie selbst dranging. Das wirkte irgendwie offizieller. Sie bezahlte mich gut dafür, so gut, dass ich meinen Hund davon ernähren konnte. Rosie war ein Boxmatinermischling (halb Boxer, halb Dalmatiner) und fraß so viel wie ein ausgewachsener Elefant.

»Bei Miss Cab kannst du auch nachmittags arbeiten.« Mom nahm meine Hand. Das macht sie oft, wenn wir uns streiten, und ich kann es nicht ausstehen. »Bitte, Schätzchen! Diesmal läuft es bestimmt besser. Du bist jetzt dreizehn. Du brauchst Freunde. Du kannst nicht immer nur hier draußen mit diesen …«

»Hier draußen« war unsere Landstraße in der Wüste von New Mexico. Außer unseren beiden Nachbarn gab es hier nur Klapperschlangen, Kojoten, ein ausgetrocknetes Flussbett und sogar einen erloschenen Vulkan. Aber dazu später mehr. Die meisten Leute wissen gar nicht, dass es in New Mexico so viele Vulkane gibt (wobei meiner nicht auf natürliche Weise entstanden ist, stimmt’s, ihr Götter?).

»Mit diesen was?«, fragte ich, obwohl ich genau wusste, was sie meinte: diesen Spinnern.

Okay, Miss Cab war ein bisschen speziell und Mr Ortiz, unser anderer Nachbar, züchtete in seinem Gewächshaus seltene Chilisorten – na und? Deswegen waren die beiden noch lange keine Spinner.

»Ich meine ja nur, dass du Kinder in deinem Alter um dich brauchst.«

»Ich mag aber keine Kinder in meinem Alter. Und ohne Lehrer lerne ich viel mehr.«

Dagegen konnte sie nichts sagen. Ich hatte mir selber schon alles Mögliche beigebracht. Ich konnte sämtliche Generäle aus dem amerikanischen Bürgerkrieg aufzählen, sämtliche Blutgefäße des menschlichen Körpers und sämtliche Sterne und Planeten. Das war nämlich das Beste daran, nicht zur Schule zu gehen – ich war mein eigener Boss!

Mom zerstrubbelte mir das Haar und erwiderte seufzend: »Du bist ein Genie, ich weiß, aber es gefällt mir trotzdem nicht, dass du immer nur mit alten Leuten zusammen bist.«

»Miss Cab und Mr Ortiz sind keine ›alten Leute‹.« Wahrscheinlich hoffte ich, dass ich Mom von unserer Abmachung ablenken könnte. Oder dass das Heiliggeist (wie kann man bloß eine Schule so nennen!) plötzlich von einem Erdbeben in Schutt und Asche gelegt würde.

»Mom.« Ich zwang sie, mir in die Augen zu sehen. »Mit einem Krüppel wie mir will sowieso niemand befreundet sein.« Ich klopfte mit meinem Stock auf den Boden. Weil mein eines Bein kürzer als das andere war, humpelte ich. Das hatte mir bei anderen Kindern schon alle möglichen Spitznamen eingebracht: Sir Hinkefuß, McLahm, Krücke und – immer noch mein absoluter Favorit – Uno, von wegen: nur ein gesundes Bein.

»Du bist kein Krüppel, Zane, und überhaupt …«

Oh nein. Jetzt kriegte sie feuchte Augen, die gleich überlaufen würden.

»Ist ja gut, ich geh hin!«, sagte ich rasch. Lieber hundert gehässig glotzende Augen als zwei weinende.

Sie gab sich einen Ruck, wischte sich die Tränen mit dem Handrücken ab und erwiderte: »Deine Schuluniform liegt schon gebügelt auf dem Bett. Und, ach ja … ich habe ein Geschenk für dich.«

Ist euch aufgefallen, wie sie die schlechte Nachricht mit einer guten überspielte? Sie sollte Politikerin werden. Über die Schuluniform zu jammern, hatte sowieso keinen Zweck, obwohl mir die blöde Krawatte bestimmt wieder den Hals aufscheuern würde. Ich konzentrierte mich lieber auf das angekündigte Geschenk und wartete gespannt. Hoffentlich war es kein Kreuz oder ein Rosenkranz oder so was. Mom ging zum Küchenschrank und holte eine längliche, ungefähr regenschirmgroße Schachtel mit einem Silberband drum herum heraus.

»Was ist das?«

»Mach’s auf!« Sie konnte vor Ungeduld kaum stillhalten.

Eigentlich konnten wir uns keine Geschenke leisten, aber egal. Ich riss die Schachtel auf. Unter einem zusammengeknüllten Packpapierstreifen lag ein glänzender schwarzer Stock. Der Messingknauf war als Drachenkopf gestaltet.

»Das … das ist …« Mir fehlten die Worte.

»Gefällt er dir?«, fragte sie erwartungsvoll.

Ich drehte den Stock hin und her und wog ihn prüfend in der Hand. Er sah wie die Waffe eines Kriegers aus – das war das coolste Geschenk des Universums!

»Der war bestimmt teuer …«

Mom schüttelte den Kopf. »Ich habe ihn geschenkt bekommen. Mr Chang ist doch letzte Woche gestorben.«

Mr Chang war ein reicher Patient von ihr gewesen. Er hatte in einer großen Villa in der Stadt gewohnt und Mom jeden Dienstag chinesisches Essen mitgegeben. Er war auch ein Kunde von Miss Cab gewesen und sie hatte ihm Mom als Pflegerin empfohlen. Ich fand es schrecklich, dass Mom immer mit Sterbenden zu tun hatte, aber wir mussten schließlich essen, wie sie immer sagte. Ich hatte sogar versucht, weniger zu essen, aber je älter ich wurde, desto schwerer fiel mir das. Ich war schon fast eins achtzig. So groß war in meiner Familie sonst niemand.

Ich streichelte den Drachenkopf, aus dessen aufgerissenem Maul Messingflammen schossen.

»Mr Chang war ein Sammler«, fuhr Mom fort, »und seine Tochter hat mir den Stock für dich mitgegeben. Sie fand, dass du …« Mom unterbrach sich. »Sie meinte, der Drache steht für Schutz.«

Meine Mutter fand also, ich hätte einen Beschützer nötig. Na toll. Sofort fühlte ich mich mies, dabei wusste ich ja, dass sie es nur gut meinte.

Ich stellte den Stock auf den Boden und stützte mich probehalber drauf. Von der Länge her war er wie für mich gemacht und sah wirklich viel cooler aus als mein blöder brauner Stock, der unübersehbar verkündete: Seht her, ich bin behindert!

»Danke, Mom. Er ist toll.«

»Ich dachte, damit fällt es dir vielleicht leichter, wieder zur Schule zu gehen.«

Leichter. Schön wär’s. Nichts, nicht mal der coolste Kriegerstock der Welt, konnte es mir leichter machen, ab morgen »der Neue« zu sein.

Das war der Tiefpunkt. Schlimmer konnte es eigentlich nicht kommen. Mann, damit lag ich so was von daneben!

Als ich im Bett lag, musste ich die ganze Zeit an den nächsten Morgen denken. Mir war übel und am liebsten hätte ich mich in Urschleim zurückverwandelt und wäre im Erdboden versickert. Auch Rosie spürte, dass etwas nicht stimmte, denn sie knurrte dumpf und stupste ihren weichen Kopf gegen meine Hand. Ich kraulte den weißen Fleck zwischen ihren Augen.

»Hast recht, mein Mädchen«, raunte ich ihr zu. »Aber Mom hat sich doch so gefreut.«

Was wohl mein Vater dazu gesagt hätte? Nicht dass ich ihn je kennengelernt hätte. Meine Eltern waren nicht verheiratet gewesen und er war noch vor meiner Geburt abgehauen. Mom hatte mir nur drei Dinge über ihn erzählt: erstens, dass er wahnsinnig attraktiv gewesen war (ihre Worte, nicht meine); zweitens, dass er aus Yucatán in Mexiko stammte (dort hatte sie vor meiner Geburt mal eine Weile gelebt und sagte immer, das Meer sei dort kristallklar); und drittens? Dass er ihre große Liebe gewesen war. Wie auch immer …

Alles war still. Ich hörte nur draußen die Grillen zirpen und meinen Magen rumoren. Ich machte Licht und setzte mich auf.

Auf meinem Nachttisch lag ein Buch über die Sagenwelt der Mayas, das mir Mom zum achten Geburtstag geschenkt hatte. Eigentlich war es eine fünfteilige Reihe über Mexiko, aber dieser Band war der coolste. Wahrscheinlich wollte Mom mich auf diese Weise mit der Kultur meines Vaters vertraut machen, ohne über ihn sprechen zu müssen. Der grüne Einband war schon ganz abgewetzt, und die Aufschrift war goldverziert: Die vergessenen Mythen der Mayas. Das Buch enthielt eine Menge bunter Abbildungen und Geschichten über die Abenteuer der verschiedensten Götter, Könige und Helden. Die Götter waren echt gruselig, aber Schriftsteller übertreiben ja immer.

Ich schlug das Buch auf. Auf dem Vorsatzpapier prangte die Abbildung einer Totenmaske aus Jade. Die lidlosen Augen waren schmale Schlitze, die viereckigen Zähne erinnerten an kleine Grabsteine.

Die Maske grinste mich breit an.

»Was gibt’s da zu grinsen?«, schimpfte ich und knallte das Buch zu.

Ich schlug die Bettdecke zurück, stand auf und ging zum Fenster. Draußen war alles dunkel und ruhig. In der Wüste von New Mexico zu wohnen, hatte nur einen Vorteil: Der nächste erloschene Vulkan (auch »die Bestie« genannt) war bloß hundert Meter weit weg.

Dass ich einen eigenen Vulkan hatte, war so ungefähr das Spannendste in meinem kurzen Leben (jedenfalls bis dahin). Letzten Monat hatte ich sogar einen verborgenen Eingang entdeckt. Rosie und ich waren bergab gelaufen und ich hatte auf halber Strecke ein ersticktes Keuchen gehört. Natürlich musste ich das sofort untersuchen. Das Geräusch kam aus einem Busch und ich dachte, ein Tier hätte sich verletzt, aber als ich die Zweige auseinanderbog, entdeckte ich etwas anderes – eine Öffnung, gerade groß genug, dass ich hindurchpasste. Dahinter erstreckte sich ein ganzes Labyrinth aus Höhlen und ich hatte schon überlegt, ob ich National Geographic anrufen sollte. Aber dann fand ich es doch besser, ein Geheimversteck für Rosie und mich zu haben, als mein Foto auf dem Cover einer blöden Zeitschrift sehen zu müssen.

Als Rosie sah, dass ich meine Sneaker anzog, sprang sie vom Bett.

»Komm, mein Mädchen. Wir gehen raus.«

Ausgerüstet mit meinem neuen Kriegerstock, humpelte ich an Omas Grab vorbei (als sie starb, war ich erst zwei, darum erinnere ich mich nicht an sie). Dann überquerte ich den breiten Streifen Wüste, bahnte mir einen Weg zwischen Kreosotbüschen, Ocotillosträuchern und Yuccapalmen. Der Mond sah wie ein riesengroßes Fischauge aus.

»Vielleicht kann ich ja nur so tun, als ob ich zur Schule gehe«, sagte ich zu Rosie, als wir uns dem schwarzen Kegel der Bestie näherten, der sich mehrere Hundert Meter hoch aus dem Sand erhob.

Rosie blieb stehen und witterte mit gespitzten Ohren.

»Verstehe. Keine gute Idee. Hast du eine bessere?«

Rosie winselte und wich zurück.

»Ist da was?« Hoffentlich war es keine Klapperschlange. Ich hasse Schlangen. Aber als ich nichts klappern hörte, beruhigte ich mich. »Du hast doch nicht wieder Angst vor einem Hasen, oder?«

Rosie jaulte.

»Doch, du hattest sehr wohl Angst! Gib’s ruhig zu.«

Sie lief plötzlich weiter.

»He!«, rief ich ihr nach. »Warte auf mich!«

Ich habe Rosie vor vier Jahren gefunden, als sie durch die Wüste streunte. Vermutlich hatte sie jemand ausgesetzt. Sie war bis auf die Knochen abgemagert und anfangs so scheu, als wäre sie schlecht behandelt worden. Als ich sie behalten wollte, meinte Mom, wir könnten uns keinen Hund leisten, aber ich versprach ihr, mir was dazuzuverdienen und das Futter selber zu bezahlen. Wie bei den meisten Boxern war Rosies Fell zimtbraun, aber weil sie auch überall schwarze Tupfen hatte, sogar auf den Schlappohren, war vermutlich auch ein Dalmatiner im Spiel. Und weil sie außerdem nur drei Beine hatte, passten wir gut zusammen.

Als wir am Vulkan ankamen, blieb ich wie angewurzelt stehen. Im mondbeschienenen Sand am Fuß des Bergs waren Spuren – die Spuren riesiger Pfoten mit langen Krallen. Ich stellte meinen Fuß in einen Pfotenabdruck, und obwohl ich Schuhgröße 46 habe, füllte ihn mein Fuß nur zu einem Drittel aus. Diese Riesenpfote konnte keinem Kojoten gehören. Vielleicht einem Bären? Aber in der Wüste gibt es keine Bären.

Ich kniete mich hin und sah mir den Abdruck näher an. Ich hätte ihn auch entdeckt, wenn der Mond nicht geschienen hätte, denn ich kann im Dunkeln supergut sehen. Mom behauptet immer, das wäre ein segensreiches Erbe. Keine Ahnung. Für mich ist es einfach eine weitere Eigenschaft, die mich von anderen unterscheidet und zum Außenseiter macht.

»Vielleicht ist ja ein Dinosaurier hier vorbeigekommen, Rosie.«

Sie beschnüffelte die Abdrücke und winselte.

Ich folgte den Spuren, aber sie brachen plötzlich ab, als hätte sich das Geschöpf, das sie hinterlassen hatte, in Luft aufgelöst. Unwillkürlich lief es mir kalt den Rücken hinunter.

Rosie winselte wieder und sah mich mit ihren sanften braunen Augen flehend an, als wollte sie sagen: Bloß weg hier!

»Okay, okay«, sagte ich rasch. Aber ich wollte erst noch hoch auf den Vulkan.

Wir nahmen unseren üblichen Schlängelpfad und gingen an dem geheimen Eingang vorbei (den ich mit Zweigen und Ästen getarnt hatte) bergauf in Richtung Krater.

Als wir oben standen, ließ ich den Blick über die atemberaubende Aussicht wandern. Im Osten erstreckte sich der sternfunkelnde Nachthimmel über der Wüstenlandschaft, im Westen bildete ein grünes Tal die Grenze zwischen der flachen Mesa und der Stadt. Und dahinter? Eine gewaltige Gebirgskette mit schroffen Gipfeln, die Schulter an Schulter aufgereiht waren wie strammstehende Soldaten.

Es gab keinen schöneren Ort auf der Welt, fand ich. Nicht dass ich New Mexico schon mal verlassen hätte, aber schließlich las ich viel. Mom warnte mich immer, dass der Vulkan gefährlich sei, erklärte mir allerdings nie, warum. Doch ich fühlte mich hier sicher. Außerdem war das hier mein Trainingsgelände. Seit die Ärzte verkündet hatten, sie könnten nichts machen, was mein blödes Bein anging, lief ich stundenlang bergauf und bergab. Wenn mein Bein kräftiger wurde, fiel das Humpeln vielleicht nicht mehr so auf.

Leider klappte das nicht. Dafür hatte ich einen hervorragenden Gleichgewichtssinn entwickelt – sehr nützlich, wenn einen die anderen Kinder in der Schule rumschubsen.

Ich legte meinen Stock auf die Erde und balancierte mit ausgestreckten Armen am Kraterrand entlang. Mom hätte mich umgebracht, wenn sie gewusst hätte, was ich hier trieb. Wäre ich ausgerutscht, wäre ich mindestens fünfzehn Meter tief den Felshang hinuntergestürzt.

Rosie lief hinter mir her und beschnüffelte den Boden.

»Und wenn ich mich krank stelle?«, kam ich auf das Thema Heiliggeist zurück. »Oder in der Cafeteria ein paar Ratten freilasse? Wenn die Schüler nichts zu essen kriegen, muss der Unterricht ausfallen, oder?« Hatten katholische Schulen überhaupt eine Cafeteria? Aber alle meine Ideen hätten mir höchstens ein, zwei Tage schulfrei eingebracht.

Vom Himmel ertönte ein dumpfes Dröhnen. Rosie und ich blieben stehen und schauten nach oben.

Ein kleines Flugzeug hielt auf die Bestie zu, drehte bei und kam dann wieder auf uns zugeflogen.

Ich trat ein Stück vom Kraterrand zurück und verrenkte neugierig den Hals. Ob der Pilot mich sehen konnte? Ich winkte, aber er war zu weit weg. Jetzt flog er wie ein Irrer im Zickzack. War er betrunken? Aber er flog einen Halbkreis und kehrte zurück. Diesmal kam er noch näher. Ich rechnete damit, dass er wieder umdrehen würde, aber er richtete die Nase des Flugzeugs direkt auf den Krater. Ich konnte beinahe die Schrauben an den Tragflächen erkennen, und auch der Boden bebte. Ich geriet ins Schwanken, fing mich aber gleich wieder.

Im Cockpit flackerte plötzlich ein unheimliches gelb-blaues Licht auf. Was ich dann sah, musste eine Art Halluzination oder eine optische Täuschung sein, denn am Steuer des Flugzeugs saß kein Pilot, sondern ein … Etwas. Es hatte einen unförmigen Kopf mit roten Glubschaugen und ein Maul voller langer spitzer Zähne, aber keine Nase. Ein außerirdisches Monster steuerte das Flugzeug geradewegs in den Rachen der Bestie! Das Ganze schien sich in quälend langsamer Zeitlupe abzuspielen. Ich hörte es krachen, dann ließ eine planetenerschütternde Explosion den ganzen Berg wackeln.

Als Flammen aus dem Vulkankrater schossen, machte ich einen Satz und ließ mich fallen. Ich hörte Rosie jaulen.

»Rosie!«

Doch ich rollte schon bergab, schneller und immer schneller, entfernte mich von der Bestie, entfernte mich von meinem Hund – und von meinem bisherigen Leben.

2

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Als ich die Augen wieder aufschlug, war der Himmel ein pechschwarzes Meer und alle Geräusche waren so gedämpft, als hätte ich Watte in den Ohren.

Ich drehte mich ächzend auf die Seite und stellte fest, dass ich fast zwanzig Meter Abhang zurückgelegt hatte. Mein Schädel brummte, beide Handgelenke waren aufgeschürft und mein Ellbogen blutete. Dann fiel mir Rosie ein. Wo war sie?

Ich rappelte mich hoch und spähte mit zusammengekniffenen Augen in die Dunkelheit. »Rosie! Wo steckst du, mein Mädchen?« Ich war schon drauf und dran, wieder bergauf zu klettern, als ich es von unten jaulen zu hören glaubte. »Rosie!« Obwohl mir schwindlig war, humpelte ich hektisch bergab.

Unten hockte ich mich kurz hin, weil ich wieder zu Atem kommen musste, und da tauchte Mom auf. Sie fiel vor mir auf die Knie und packte mich so fest an den Schultern, dass es wehtat.

Tränen liefen ihr über die Wangen und sie sprudelte auf Spanisch los (»Gracias a Dios!« und so weiter) – wie immer, wenn sie sich aufregte.

»Ich habe den Ausbruch gehört!«, schluchzte sie. »Als ich nach dir sehen wollte, hast du nicht im Bett gelegen und …« Ihr Griff wurde noch schmerzhafter. »… ich hatte dir doch verboten, hierherzukommen! Und dann auch noch mitten in der Nacht! Was hast du dir bloß dabei gedacht?!«

»Mir geht’s gut«, wehrte ich ab, setzte mich richtig hin und schaute zur Bestie hoch, die schwärzer als ein Wüstenkäfer war. Wie lange war ich bewusstlos gewesen? »Hast du Rosie gesehen?«, fragte ich hoffnungsvoll.

Aber Mom antwortete nicht, weil sie so damit beschäftigt war, sämtlichen Heiligen zu danken und mich zu umarmen.

Ich geriet in Panik. »Mom!« Ich machte mich los. »Wo ist Rosie?«

Doch da kam Rosie angelaufen. Sie trug meinen neuen Stock im Maul, und als ich ihn ihr abnahm, sprang sie an mir hoch und leckte mir das Gesicht, als müsste sie sich vergewissern, dass ich noch am Leben war. Ich zog sie an mich, schlang die Arme um ihre breite Brust und vergrub das Gesicht in ihrem Nackenfell, damit Mom nicht sah, dass mir ebenfalls die Tränen kamen.

»Ich hab dich lieb, du dummer, dummer Hund!«, flüsterte ich erstickt.

Bis der Krankenwagen, die Polizei, die Feuerwehr und die Kamerateams eingetroffen waren, dauerte es nicht lang. Kamen die etwa alle meinetwegen? Dann fiel mir wieder der gruselige Typ ein, der mit dem Flugzeug abgestürzt war. Er brauchte bestimmt dringender Hilfe als ich. Die Sanitäter hatten mich im Nu von Kopf bis Fuß untersucht, meine Schürfwunden verarztet und Mom mitgeteilt, dass ich möglicherweise eine Gehirnerschütterung hätte und man einen CT-Scan machen müsste. Das hörte sich teuer an.

»Mir geht’s gut!«, sagte ich rasch und stand zum Beweis auf.

Der Sanitäter musterte mich skeptisch von oben bis unten.

»Ich habe ein schwaches Bein«, setzte ich hinzu und stützte mich auf meinen Stock. Das klang besser als: »Ich bin behindert.«

Mom schüttelte nur den Kopf.

»Was stimmt denn nicht mit deinem Bein?«, wollte der Sanitäter wissen.

»Sein rechtes Bein hat das linke noch nicht ganz eingeholt«, sagte Mom.

In Wahrheit wusste kein Mensch, was mit mir los war. Bis jetzt hatten alle Ärzte gerätselt, warum mein rechtes Bein nicht genauso schnell gewachsen war wie das andere. Vielleicht war ich ja ein medizinisches Wunder und konnte im Fernsehen auftreten. Ich wäre jedenfalls lieber ein Wunder gewesen als ein Rätsel.

Zum Glück hatte Mom nicht auch noch meinen rechten Fuß erwähnt. Der war nämlich zwei Größen kleiner als der linke, weshalb sie mir immer zwei Paar Schuhe auf einmal kaufen musste.

Als Nächstes wollte die Polizei mit mir sprechen. Nachdem ich Officer Smart (sie hieß wirklich so!) erzählt hatte, was passiert war, sagte sie: »Das Flugzeug ist also in den Krater gestürzt, richtig?«

Ich nickte und hielt dabei Rosie fest, die auf- und abtrippelte und den Vulkan anjaulte. »Alles gut, mein Mädchen«, sagte ich leise.

Officer Smart setzte die Befragung fort. »Hattest du den Eindruck, dass mit dem Flugzeug etwas nicht stimmte? Hat es komische Geräusche von sich gegeben? Oder hast du Rauch gesehen?«

Mir war nichts aufgefallen – außer den rot glühenden Augen und Furcht einflößenden Zähnen des Piloten. Aber das hatte ich mir bestimmt bloß eingebildet …

»Und?«, hakte Officer Smart nach.

»Ich weiß nicht mehr.« Je weniger ich sagte, desto besser. Wenn ich berichtete, was ich wirklich gesehen hatte, kam ich um eine Gehirndurchleuchtung garantiert nicht herum. Aber eine Frage brannte mir auf der Zunge. »Was ist denn aus dem Piloten geworden?«

Officer Smart schielte zu Mom hinüber, als müsste sie erst meine Mutter um Erlaubnis bitten, mir die schreckliche Wahrheit mitteilen zu dürfen.

»Wir haben ihn noch nicht gefunden«, erwiderte die Polizistin dann. »Aber ein Suchtrupp ist schon unterwegs.«

Der Pilot konnte den Absturz unmöglich überlebt haben, aber … Moment mal! Ein Suchtrupp? Was, wenn sie meine Höhle entdeckten? Dann würde das Fernsehen darüber berichten und lauter Forscher würden herkommen und so tun, als gehörte mein Vulkan ihnen!

Ein Auto kam angefahren. Es hielt und Miss Cab und Mr O. stiegen aus. Mr O. hakte Miss Cab unter und beide tappten durch die nächtliche Wüste. Sie versteckte ihre blinden Augen hinter ihrer großen Chanel-Sonnenbrille, er trug wie immer seinen breitkrempigen Cowboyhut, um seine Glatze zu verdecken. Die beiden wirkten wie ein altes Ehepaar, was aber zu Mr O.s großem Bedauern nicht der Fall war. Er fragte mich immer über Miss Cab aus: »Was ist ihre Lieblingsfarbe? Spricht sie manchmal über mich? Glaubst du, sie würde mal mit mir ausgehen?«

Eines Tages hatte ich Miss Cab tatsächlich gefragt, ob sie sich vorstellen könnte, Mr O.s Freundin zu werden, aber sie hatte mich angeschaut, als hätte ich von ihr verlangt, in eine Feuergrube zu springen. Weil ich Mr O. nie davon erzählt hatte (damit er nicht vor lauter Kummer noch dicker und kahlköpfiger wurde), hatte er die Hoffnung noch nicht aufgegeben und schmiedete andauernd Pläne, wie er Miss Cab dazu überreden könnte, mit ihm essen zu gehen. Das imponierte mir irgendwie.

»Zane!« Mr O. riss besorgt die braunen Augen auf. »Ich habe die Flammen gesehen. Ist alles in Ordnung? Oder hast du dich verbrennt?«

»Es heißt ›verbrannt‹!«, brummelte Miss Cab und rückte ihre Brille zurecht.

Offenbar habe ich mich gerade noch rechtzeitig weggerollt, dachte ich.

Mom tätschelte mich. »Jetzt kann ihm nichts mehr passieren, den Heiligen sei Dank.«

»Es gehört sich nicht, sich mitten in der Nacht aus dem Haus zu schleichen, Zane«, sagte Miss Cab streng. »Was hast du dir dabei gedacht?« Sie wandte sich nach dem Vulkan um und ich erkannte trotz der riesigen Sonnenbrille, dass sie finster dreinblickte. Dabei tastete sie nach dem Mayaanhänger aus Jade, den sie an einem Lederband um den Hals trug. Sie hatte mir mal erzählt, dass in dem Anhänger ein Schutzgeist hauste. Wenn ich ein Schutzgeist gewesen wäre, hätte ich mir ein spannenderes (und nicht so winziges) Zuhause ausgesucht.

Officer Smart wollte jetzt unter vier Augen mit Mom sprechen und die beiden entfernten sich ein paar Meter von uns.

Worum es wohl bei dem Gespräch ging? Doch da nahm mich Miss Cab beiseite. »Ich hatte dich doch gewarnt, dass dieser Ort muy peligroso ist. Halte dich lieber davon fern!«

»Der Vulkan ist nicht gefährlich«, widersprach ich und ergänzte in Gedanken: Jedenfalls war er das bis heute Nacht nicht.

Miss Cab ließ sich nicht beirren. »Hier lauert das Böse.« Sie rückte wieder ihre Brille zurecht. »Das spüre ich ganz deutlich. Komm nicht mehr hierher.«

Wenn sie wüsste, dass ich sogar einen Eingang entdeckt hatte! Zum Glück waren ihre hellseherischen Fähigkeiten ziemlich unzuverlässig. Es wäre echt nervig gewesen, wenn sie alles vorher gewusst hätte.

»Haben Sie den Flugzeugabsturz vorhergesehen?«, fragte ich, um sie abzulenken.

In diesem Augenblick riss Rosie sich los und sauste davon. Obwohl sie nur drei Beine hatte, war sie so schnell wie ein geölter Blitz. Ich lief ihr hinterher und ärgerte mich, dass ich nicht richtig rennen konnte, aber immerhin war ich ein superschneller Humpler. »Rosie!«

»Zane!«, rief Mom mir nach.

Als ich an dem Suchtrupp vorbeikam, der sich über den Abhang verteilt hatte, passte ich auf, dass mich niemand bemerkte. Ich wollte auf die andere Seite des Bergs, denn in diese Richtung war Rosie verschwunden. Als ich dort ankam, war kein Mensch zu sehen, aber aus dem Krater der Bestie stieg Rauch auf, als wäre sie erwacht. Rosie stand weiter unten und bellte wie verrückt. Ich humpelte zu ihr hin. Worüber regte sie sich so auf? Ich packte sie am Halsband und folgte ihrem Blick.

Und traute meinen Augen nicht. Mein Hirn musste wohl doch etwas abbekommen haben. Denn das, was ich sah, konnte nur eine Halluzination sein.

Mir war immer noch nicht klar, was ich eigentlich im Cockpit des Flugzeugs gesehen hatte. Einen Außerirdischen? Ein Monster? Einen betrunkenen Piloten in einem echt guten Halloweenkostüm? Wie auch immer – auf jeden Fall konnte niemand so einen Absturz überleben. Trotzdem kauerte der Typ jetzt zwanzig Meter von mir entfernt hinter einem Busch und scharrte wie ein Tier in der Erde. Aus der Nähe sah er noch abstoßender aus und er war eindeutig weder ein Außerirdischer noch trug er ein preisverdächtiges Kostüm. Er … es … sah wie die Ungeheuer aus meinem Mythenbuch aus, nur noch hässlicher. Im Mondlicht wirkte seine bleiche Haut graublau und sein aufgedunsener Körper war mit dunklen Haarbüscheln bewachsen. Die knorpeligen Ohren hingen ihm bis auf den muskulösen Nacken. Das Wesen hob den Kopf und starrte mich mit lidlosen Glubschaugen an. Dann stand es auf (es war mindestens drei Meter groß) und kam schwerfällig auf mich zugeschlurft. Wie hatte dieses Riesenvieh in das kleine Flugzeug gepasst?

Das Wesen fauchte etwas, das sich wie »Ah! Puh!« anhörte, aber weil ich so durcheinander war, verstand ich es nicht richtig.

Ich wollte schreien, brachte aber keinen Laut heraus.

Dicht über meinem Kopf kreiste plötzlich eine riesige schwarze Eule mit gelb glühenden Augen. Ich musste mich ducken, um ihren Krallen auszuweichen.

Dann hatte Mom mich eingeholt. »Was war denn los, Zane? Warum bist du auf einmal weggerannt?«

»Geh weg, Mom!« Warum hatte sie keine Angst?

Das Ungeheuer riss den Furcht einflößenden Rachen auf. Gelber Schleim tropfte heraus.

Rosie heulte in den schrillsten Tönen und ich packte meinen Stock. Wenn sich das Vieh auf Mom stürzen würde, würde ich ihm die Stockspitze ins Auge rammen.

Im selben Augenblick stieß das Monster einen dumpfen Laut aus und löste sich in einen dünnen Rauchfaden auf, der sich zum Himmel emporkräuselte.

Mein Herz schlug zum Zerspringen. »Hast du … hast du das gesehen?«

»Was denn?« Mom befühlte meine Stirn. »Du machst mir Angst, Zane. Vielleicht sollten wir dich doch im Krankenhaus untersuchen lassen.«

»Mit meinem Kopf ist alles in Ordnung. Da war … nur ein Kojote.«

Natürlich war nichts in Ordnung. Nicht mal ansatzweise.

Ich streichelte Rosie, um sie zu beruhigen – nein, um uns beide zu beruhigen. Wenigstens hatte mein Hund das Ungeheuer auch gesehen. Aber warum Mom nicht?

»Necesitas Ruhe!«, sagte sie energisch. »Du gehörst ins Bett.«

Sobald Mom rausgegangen war, nahm ich mein Mayabuch vom Nachttisch. Ich entdeckte eine Abbildung, die dem sonderbaren Wesen sehr ähnlich sah, bis hin zu den Haarbüscheln und den Glubschaugen. Sicherheitshalber las ich die Bildunterschrift zweimal. »Ein Dämon der Unterwelt Xib’alb’a«, teilte ich Rosie dann flüsternd mit. »Aber wie kann das sein? Das sind doch alles bloß erfundene Geschichten!«

Sie legte mir die Pfote aufs Bein und winselte.

»Ja, ich find’s auch gruselig, mein Mädchen.«

Ich schob das Buch unters Bett und schlüpfte unter die Decke. Rosie knurrte.

»Hast recht«, sagte ich, stand noch einmal auf, bückte mich nach dem Buch und ging zur Kommode. Mom bestand darauf, dass ich immer ein Fläschchen Weihwasser in der Schublade hatte. Ich spritzte ein paar Tropfen auf die Abbildung des Dämons, schob das Buch dann unter den Schmutzwäschehaufen im Kleiderschrank und machte die Schranktür zu.

Als ich mich wieder hinlegte, kuschelte sich Rosie an mich. Ihr Herz klopfte wie verrückt. Sie fürchtete sich immer noch.

Natürlich konnte ich nicht einschlafen. Den Flugzeugabsturz mitzuerleben, war schrecklich gewesen. Die Vorstellung, Rosie hätte verbrennen können, noch schrecklicher. Und dann der Anblick des Ungeheuers – der war so verstörend gewesen, dass ich es nicht in Worte fassen konnte.

Dazu kam Moms rätselhaftes Verhalten: Wieso hatte sie den Dämon nicht auch gesehen? Was wäre passiert, wenn er uns angegriffen hätte? Hätten Rosie und ich Mom dann verteidigen können?

Ich kniff die Augen fest zu, aber das Bild des unheimlichen Wesens wollte einfach nicht verschwinden.

Nur eines ängstigte mich noch mehr: Mit meinem verkrüppelten Bein hätte ich nie im Leben schnell genug vor dem Monster fliehen können.

3

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Als ich am nächsten Morgen in den Heiliggeist-Bus stieg, hatte ich scheußliche Kopfschmerzen und sah alles verschwommen. Das kommt davon, wenn man Albträume hat – vor allem, wenn in diesen Träumen der eigene Hund plötzlich sprechen kann und einen warnt: Du bist in Gefahr!

Wenn damit die neue Schule gemeint war, war die Warnung berechtigt. Im Bus saßen bereits acht Kinder. Das machte insgesamt sechzehn Augen. Rosie hatte mich bis zur Ecke begleitet, und als ich einstieg, hockte sie sich hin und heulte so jämmerlich, dass ich mich gleich noch zehnmal elender fühlte. Aber das Getuschel der anderen Schüler war schlimmer.

Was ist denn mit seinem Bein?

Warum geht er am Stock?

Wieso hat sein Hund nur drei Beine?

Bestimmt hat er das vierte abgehackt und gegessen!

Ich lockerte die blöde karierte Schulkrawatte und zerrte mein weißes Hemd aus der Hose, wobei ich stur aus dem Fenster schaute. Beim Frühstück hatte ich Mom klarzumachen versucht, dass ich nach dem Flugzeugabsturz an einer posttraumatischen Belastungsstörung litt, und ich hatte sie schon fast rumgekriegt … als Miss Cab reingekommen war, weil sie mir alles Gute wünschen wollte. Sie hatte behauptet, ich sähe in meiner neuen Schuluniform »hinreißend« aus, und Mom davon überzeugt, dass die Schule mir guttun würde, weil sie mich von meinen »verrückten Einfällen« ablenken würde. Schon klar. Den ganzen Tag unter griesgrämigen Nonnen zu verbringen, würde mir garantiert helfen, die gruselige Fratze des Monsters zu vergessen.

Die Fahrt zur Schule dauerte zwanzig Minuten. Als wir angekommen waren, hatte ich noch zehn Minuten, um mir meinen Stundenplan abzuholen, und weitere fünf Minuten, um dazu verdonnert zu werden, mich beim Direktor, Pater Baumgarten, zu melden. Ja, ich hatte Mom versprochen, mir Mühe zu geben, Freunde zu finden und Ärger aus dem Weg zu gehen. Aber wenn einen der Bestimmt-hat-er-seinem-Hund-das-Bein-abgehackt-Typ gegen einen Spind schubst und einem »aus Versehen« den Ellbogen in den Magen rammt und fünf andere Vollidioten sich darüber totlachen, würde ja wohl jeder dem Mistkerl den Stock über den Schädel hauen. Natürlich nur »aus Versehen«. Wenn ich mich nicht gewehrt hätte, hätten sie mich den Rest des Schuljahrs tyrannisiert. Hinterher lachte jedenfalls keiner mehr.

Vor dem Büro des Direktors klopfte ich mit dem Stock auf den Boden, glotzte das gerahmte Papstfoto an der Wand an und überlegte, wie ich Mom erklären sollte, dass ich einen anderen Jungen geschlagen hatte – als sich das schönste Mädchen des Planeten (oder sogar des Universums) neben mich setzte. Sie duftete nach Regen und ihre Haut schien von innen heraus zu leuchten. Sie trug schwarze Leggings, eine Kapuzenjacke und schwarze, abgewetzte Schnürboots, die aussahen, als hätten sie schon so manchen Kampf überstanden. Eine Auftragskillerin, die großen Wert auf Hautpflege legte – so könnte man sie am ehesten beschreiben. Und wieso trug sie eigentlich keine Schuluniform?

»Hi«, sagte sie und strich sich eine dunkle Haarsträhne hinters Ohr.

Mein Magen schlug einen Purzelbaum. Ich war es nicht gewohnt, mit schönen Mädchen zu reden. Richtigstellung: Ich war es nicht gewohnt, überhaupt mit Mädchen zu reden. Ich lehnte meinen Stock unauffällig in die Ecke und wedelte mit der Hand. Sagen konnte ich nichts, weil mir die Stimme wegblieb.

»Ich bin Brooks«, sagte sie ihrerseits, ohne eine Miene zu verziehen.

Mein Onkel Hondo hatte mir mal erklärt, dass man Mädchen am besten beeindruckte, indem man sie gar nicht beachtete, darum nickte ich nur flüchtig in ihre Richtung und betrachtete dann ein Plakat an der Wand. Es kündigte irgendeine Veranstaltung an, die übermorgen stattfinden sollte. Auch ein Foto von Pater Baumgarten prangte darauf. Er trug eine alberne grüne Sonnenbrille und grinste so breit, dass man sämtliche Zähne sah.

AN ALLE FANS DER SONNENFINSTERNIS: IHR SEID HERZLICH EINGELADEN, DIE TOTALE SONNENFINSTERNIS MIT EUREN MITSCHÜLERN ZUSAMMEN ZU ERLEBEN. WIR TREFFEN UNS UM 17 UHR. SCHUTZBRILLEN SIND IM BÜRO ERHÄLTLICH.

»Hast du auch einen Namen?«, fragte Brooks.

Doch, schon. Ich nickte ihr wieder zu. Ich hab bloß einen Knoten in der Zunge.

»Bist du immer so unhöflich?«

Nein. Sonst nie. Nur wenn mich hübsche dunkelhaarige Mädchen ansprechen. Ich drehte mich zu ihr um, räusperte mich verstohlen und brachte »Zane« heraus.

»Du bist neu hier.«

»Heute ist mein erster Tag. Und du? Wieso trägst du keine Uniform?«

Als sie lächelte, flammten eine Million Watt auf. »Nicht schlecht!«, sagte sie. »Dein erster Tag, und du musst schon zu Baumgarten? Wetten, das ist ein Rekord?«

Ich setzte mich gerade hin. »Und was hast du angestellt?«

Sie lehnte sich total entspannt zurück, als müsste sie nicht gleich dem Direktor Rede und Antwort stehen.

»Erzähl ich dir später«, erwiderte sie dann und mir stockte kurz das Herz. Später? Das hieß, dass ich sie wiedersehen würde. Volltreffer!

Mein Blick fiel auf den gelben Hefter, den sie auf dem Schoß hatte. Sie hatte etwas draufgekritzelt, aber keine Herzchen oder niedliche Kätzchen oder ihren Namen in verschnörkelten Großbuchstaben. Nein, sie hatte ein haariges Monster mit Glubschaugen gezeichnet. Ich fiel fast vom Stuhl. Das Ungeheuer von letzter Nacht? Ich blinzelte und sah noch einmal hin. Nein, meine Augen hatten mir keinen Streich gespielt. Das gezeichnete Monster sah noch ganz genauso aus. Ich wollte Brooks eben danach fragen, als Pater Baumgarten die Tür öffnete und mich hereinwinkte.

Mist! Brooks hatte mich so in ihren Bann geschlagen, dass ich nicht mehr an meinen blöden Stock gedacht hatte. Wenn sie mich humpeln sah, würde sie bestimmt nie wieder mit mir reden wollen.

Ich tat das Erstbeste, was mir einfiel. Ich schob meinen Schulrucksack mit dem Fuß vor mir her und tat dann so, als sei ich über die Türschwelle gestolpert. Lieber sollte sie mich für einen Tollpatsch halten als für Sir Hinkefuß.

Die Unterredung mit Pater Baumgarten brachte mir zehn Rosenkränze und eine Woche Nachsitzen ein. Außerdem würde er Mom anrufen und ich musste mich bei dem Jungen entschuldigen, den ich geschlagen hatte. Ein echt beschissener erster Tag. Der einzige Lichtblick war Brooks. Für die Bekanntschaft mit ihr hatte sich das alles gelohnt. Leider war sie schon weg, als ich den letzten Rosenkranz aufgesagt hatte, und ich traf sie auch nicht wieder.

Aber wie kam es, dass sie den Unterweltdämon auf ihren Hefter gemalt hatte? Vielleicht besitzt sie ja das gleiche Mayabuch wie ich.

Doch es sollte nicht nur bei einem Rätsel bleiben. Nach dem Abendessen gab ich Rosie draußen ihr Futter, dann ging ich wieder rein und schaute mir zusammen mit Hondo und zwei seiner Kumpel den großen Wrestlingkampf zwischen dem »Würger« und dem »Irren« an. Zum Glück hatte Mom heute Spätdienst, sonst hätte sie Hondo bestimmt an den Zehen aufgehängt, weil er gegen die Regel verstieß, in meiner Anwesenheit kein Bier zu trinken und keine Zigarren zu rauchen.

Er leckte sich die orangefleckigen Finger ab, dann hielt er mir die halb leere Cheetos-Tüte hin. »Willst du auch?«

Man hätte denken sollen, dass Hondo aufgrund seiner Ess-, Trink- und Qualmgewohnheiten total fertig aussehen müsste, aber mit seinen knapp einundzwanzig Jahren wirkte er wie siebzehn und war der reinste Schrank: mächtiger Bizeps, Bauchmuskeln aus Stahl und eiserner Griff. Er hatte selbst Wrestler werden wollen und in der Highschool sogar mal eine Goldmedaille gewonnen, aber dann hatte er seinen Traum begraben müssen (soll heißen, er konnte sich das College nicht leisten). Jetzt arbeitete er als Hausmeister in einer Bank. Ich hatte ihn mal gefragt, was er denn gern studiert hätte, und er hatte grinsend geantwortet: »BWL. Dann müsste ich die Bank jetzt nicht putzen, weil sie nämlich mir gehören würde.«

Nachdem ich vorletztes Jahr an meiner alten Schule verprügelt worden war, hatte er mir eine Menge Wrestlingtricks beigebracht, zum Beispiel den Double Leg Takedown, den Wheelbarrow und den Gutwrench. Vor allem aber hatte er mich immer wieder zu Boden geworfen und eine jubelnde Menge nachgeahmt, als sei es eine Heldentat, mich, den »Lahmen«, zu besiegen.

»Das Junkfood bringt dich noch mal um«, sagte ich jetzt.

Einer seiner Freunde schnaubte verächtlich und schaufelte sich die nächste Handvoll Flips mit künstlichem Aroma in den Mund. »Wir essen ja Salsa-Dip dazu. Da ist Gemüse drin, Tomaten und so.«

Ich verdrehte die Augen. »Tomaten sind Beeren. Also eigentlich Obst.«

Hondo zuckte nur die Achseln. »Gibt schlimmere Todesarten.« Das war sein Standardspruch.

»Zum Beispiel?« Ich hob ein paar leere Bierdosen auf und warf sie in den Mülleimer.

Er steckte sich den nächsten Cheeto in den Mund. »Zum Beispiel, wenn man in einem Säurefass aufgelöst wird.«

Es klingelte. Ich ging zur Tür, weil ich dachte, es wäre noch einer von Hondos Freunden, aber ich irrte mich.

Es war Brooks.

»Wa-was machst du denn hier?«, stotterte ich verdutzt. Woher wusste sie, wo ich wohnte?

Sie musterte meinen Stock. So gründlich, dass ich am liebsten im Flurläufer versunken wäre. Dann sah sie mich mit ihren dunklen Augen an und sagte: »Der ist supercool.«

»Ich habe … ich bin …« Meine Gedanken überschlugen sich. Wie sollte ich ihr das mit meinem Bein erklären, ohne mich als Krüppel zu outen?

»Ich weiß alles über dich«, sagte sie, beugte sich vor und setzte gedämpft hinzu: »Ich hatte doch versprochen, dass wir später weiterreden. Jetzt ist später.«

4

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Ich überlegte nicht lange.

Ich knallte ihr die Tür vor der Nase zu.

Warum? Weil ich überrumpelt war. Wer steht denn einfach so ohne Vorwarnung bei jemandem vor der Tür, den er kaum kennt? Außerdem wollte ich nicht, dass sie Hondos Bier-, Chips- und Wrestlinghöhle sah. Auf gar keinen Fall! Mein Herz hämmerte und mein Kopf fühlte sich an, als wollte er abheben und davonschweben.

Es klopfte wieder. Sie war offenbar hartnäckig. Ich wich von der Tür zurück.

»Steh nicht dumm rum!«, blaffte Hondo. »Mach auf!«

Bevor ich ihm die Sache erklären konnte, war er aufgesprungen. Der Fernsehkommentator verkündete lautstark, dass der »Irre« am Boden lag, und Hondos Freunde kommentierten das ihrerseits mit Ausdrücken, die ich nicht mal euch Göttern zumuten möchte.

Wäre ich ein Zauberkünstler wie Houdini gewesen, hätte ich mich in diesem Augenblick selbst verschwinden lassen, aber Hondo kam mir zuvor und riss die Tür weit auf. Als er Brooks erblickte, fiel ihm die Kinnlade runter, als wäre er genauso geschockt wie ich, dass ein Mädchen vor unserer Tür stand.

»Wir kaufen nichts«, sagte er.

»Ich will nichts verkaufen. Ich möchte ihn sprechen.« Brooks funkelte mich verärgert an.

Hondo boxte mich in den Arm. »Wo bleiben deine guten Manieren, Zane? Bitte sie rein!« Er hielt Brooks die Tür auf, dann kehrte er zu seinem Wrestlingkampf zurück und ich übte mich wieder darin, im Flurläufer zu versinken.

»Äh … wir gucken gerade Fernsehen«, stotterte ich. »Magst du Cheetos?«

Brooks schaute sich um und mir fielen zum ersten Mal ihre ungewöhnlichen Augen auf. Wenn sie den Blick umherwandern ließ, bewegten sich die goldbraunen und gelben Pünktchen in ihrer Iris wie die Glassteinchen in einem Kaleidoskop.

Dann sagte sie mit gesenkter Stimme, sodass nur ich es hörte: »Ich muss mit dir reden … aber allein.«

Einer von Hondos Kumpeln drehte sich lachend um und warf mir einen Cheeto an den Kopf. »Du hast uns gar nicht erzählt, dass du ’ne Freundin hast!«

Warum konnte der Vulkan nicht noch einmal ausbrechen und mich unter seiner Lava begraben?

Als ich gerade zu dem Schluss gekommen war, dass es nicht noch schlimmer werden konnte, hörte ich die Hintertür zufallen. Mom war früher zu Hause als erwartet. Das war nie ein gutes Zeichen, schon gar nicht, wenn ich zum Nachsitzen verdonnert worden war und Hondo das Wohnzimmer in einen Wrestlingring verwandelt hatte.

Seine Freunde machten sofort den Fernseher aus und sammelten die Sofakissen vom Fußboden auf und Hondo fegte hektisch Krümel und Asche vom Tisch. Als sähe das Zimmer dadurch besser aus …

Ich erwog, mich durch die Vordertür aus dem Staub zu machen, aber es war schon zu spät. Mom stand mit in die Hüften gestemmten Fäusten und grimmiger Miene in der Küchentür. Ihre müden Augen glitten über die Verwüstung – und leuchteten auf, als sie Brooks erblickten. Als sie zu uns herüberkam, beförderte sie mit einem Tritt eine leere Bierdose aus dem Weg. »Wen hast du denn da mitgebracht, Zane?«

»Das … äh … das ist …«

Brooks stellte sich selbst vor und gab Mom so artig die Hand, als hätte sie einen Benimmkurs absolviert.

»Freut mich sehr!« Mom strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und schenkte Brooks ein strahlendes Lächeln. »Bitte entschuldige, dass es hier so unordentlich ist. Mein Bruder ist der reinste Höhlenmensch.«

Hondo widersprach nicht. Er wartete auf Moms Wutausbruch.

Brooks lachte. »Kein Problem.«

Was sollte sie auch sonst dazu sagen? War dieses Chaos wirklich kein Problem für sie? Wie konnte sie so gelassen bleiben, als wäre sie dergleichen gewohnt? Und überhaupt – was wollte sie denn nun hier? Und wie hatte sie mich gefunden?

»Ich kann alles erklären«, sagte ich zu Mom.

Doch sie schüttelte nur den Kopf und lächelte wieder. Ich ahnte, dass mir ihr aufgesetztes Strahlen mitteilen sollte, dass sie über mein Nachsitzen Bescheid wusste. Demnach hatte die Schule sie bereits angerufen. Mist!

»Jetzt nicht«, sagte sie und wandte sich wieder an Brooks. »Zane hat noch ein paar Pflichten im Haushalt, das verstehst du sicher. Vielleicht kommst du uns ein andermal wieder besuchen?«

»Mom …«, wollte ich protestieren, aber ihr strenger Blick brachte mich zum Schweigen. Ende der Konversation.

Ich brachte Brooks nach draußen. Dabei fiel mir auf, dass gar kein Fahrrad vor unserem Haus stand. Wir wohnten ein ganzes Stück vor der Stadt, am Ende einer unbefestigten Straße. Wie war Brooks hergekommen?

»Wir treffen uns morgen wieder hier«, sagte sie. »Nach der Schule. Die Zeit drängt.«

»Wie meinst du das?«, fragte ich verwirrt. »Ach, und warum hast du einen Dämon auf deinen Hefter gemalt?«

»Bis morgen«, sagte sie nur und lief los. Ihr langes braunes Haar schwang hin und her, als ihre Kampfstiefel über den welligen Wüstenboden stampften. Ich sah ihr nach, bis die Dunkelheit das letzte Tageslicht verschluckte und sie verschwand, als sei sie nie dagewesen.

Mom hielt Hondo eine Strafpredigt, die sich gewaschen hatte, und seine Freunde verdrückten sich. Daraufhin schmollte Hondo und ich wurde für den Rest meines Lebens zum Abwaschen verdonnert. Zum Glück konnte mir Mom nie lange böse sein. Nach einer Weile kam sie in mein Zimmer und wollte wissen, warum ich mit meinem Stock auf einen anderen Jungen losgegangen war.

»Warum hast du das gemacht, Zane?«

Ich kraulte Rosie hinter den Ohren. Am liebsten hätte ich den ganzen Vorfall einfach vergessen. »Er hat mir ein Bein gestellt.«

»Und da hast du den Stock nach ihm geworfen.«

»So ungefähr.«

Sie nickte nachdenklich, als könnte sie verstehen, dass ich mich hatte wehren müssen, um nicht wieder wie in meiner alten Schule der Prügelknabe zu sein. »Und das Mädchen?«

»Brooks habe ich heute erst kennengelernt. Auch in der Schule.«

»Wie schön, dass du schon Freundschaften schließt. Sie scheint sehr nett zu sein und sehr hübsch ist sie auch.«

Mir schoss das Blut in die Wangen.

Mom tätschelte Rosie den Kopf. »Aber halte dich bitte ab jetzt an die Schulordnung, sonst verlierst du noch dein Stipendium.«

Das wäre nicht das Schlechteste, ging es mir durch den Kopf. Andererseits hatte Mom sich so darum bemüht, dass die Schule mich aufnahm, und ich wollte sie nicht enttäuschen.

Sie streckte mir die Hand hin. »Abgemacht?«

Ich schlug ein. »Abgemacht.«

Am nächsten Tag prangte der Bericht über den Flugzeugabsturz auf der Titelseite unseres Lokalblatts. Ich wurde sogar namentlich als Augenzeuge angeführt. Die anderen Schüler im Bus wollten von mir wissen, ob es sich um einen Außerirdischen gehandelt hatte wie seinerzeit in Roswell oder ob ich Blut und Leichenteile gesehen hätte. Ich schüttelte nur den Kopf. So etwas mochte ich mir gar nicht vorstellen. Aber wisst ihr, was? Es tat gut, mal wegen etwas anderem als meinem Bein im Mittelpunkt zu stehen.

In der Schule hielt ich überall Ausschau nach Brooks, in den Fluren, in der Cafeteria, in der Turnhalle. Ich streckte sogar den Kopf in die Mädchentoilette und rief ihren Namen, aber mir flog nur ein Klumpen nasses Klopapier ins Gesicht. Brooks ließ sich nirgends blicken. Schließlich ging ich ins Büro der Schulsekretärin und erkundigte mich, was aus dem Mädchen geworden war, das gestern mit mir zusammen hier gewartet hatte.

Die Sekretärin schaute von ihrem Computer auf und war offensichtlich nicht erfreut über die Unterbrechung. »Welches Mädchen?«

»Sie heißt Brooks und musste auch zu Baumgarten.«

»Pater Baumgarten.« Die Sekretärin kniff die schmalen Lippen zusammen und blickte wieder auf ihren Bildschirm. »An dieser Schule gibt es keine Brooks.«

Sie musste sich irren. Ich lehnte mich über ihren Tisch. »Könnten Sie bitte noch einmal nachschauen?«, fragte ich in meinem höflichsten Ton und lächelte sie sogar an, weil mir wieder einfiel, was ich meiner Mutter versprochen hatte. Keine Verstöße gegen die Schulordnung mehr, kein Ärger. Fiel es unter »Ärger«, wenn man die Schulsekretärin nervte?

»Ich kenne alle unsere Schüler mit Namen«, gab die Sekretärin zurück, »und bei uns gibt es niemanden, der Brooks heißt.«

Lass es, Zane! Lass es einfach. Aber es rutschte mir schon raus: »Und wie heiße ich?« Sie sah mich verblüfft an, aber ich hörte nicht auf. Wenn schon, denn schon! »Sie haben doch gesagt, dass Sie alle Schüler mit Namen kennen. Da müssen Sie doch auch wissen, wie ich heiße.«

Sie schob ihren Stuhl zurück, stand auf und kam so langsam auf mich zu, als wollte sie mich einschüchtern – oder mir Gelegenheit zur Flucht geben. Ich wich keinen Fußbreit zurück und lächelte sie einfach weiter an.

Als ich zwanzig Ave-Maria auf Post-it-Zettel schreiben musste, verging mir das Lächeln.

Am Nachmittag holte Mr O. mich ab, denn der Bus wartete nicht auf Schüler, die nachsitzen mussten. Mr O. fuhr einen alten Cadillac, so einen benzinfressenden Achtzylinder. Das Auto war schwarz und erinnerte an einen Leichenwagen, aber es war Mr O.s Ein und Alles. Als ich einstieg, schmetterte er gerade ein spanisches Liebeslied im Radio mit, in dem das Wort amor bis zum Erbrechen wiederholt wurde. Er hatte das Fenster heruntergekurbelt und eine Gruppe Schüler hatte sich an der Ecke versammelt und lachte sich kaputt.

Mr O. war so in seine amor-Welt versunken, dass er es gar nicht mitbekam. Und ich? Ich schloss die Augen und stellte mir vor, wie ich die Schaulustigen zusammenschlug.

»Hat sich Miss Cab endlich bereit erklärt, mit Ihnen auszugehen, oder was ist los?«, fragte ich, als wir in sicherer Entfernung waren.

Mr O. grinste von einem Ohr zum anderen. »Noch nicht. Aber mein Projekt steht kurz vor dem Abschluss.«

In Mr O.s Hinterhof stand ein kleines Gewächshaus, in dem er Chilipflanzen züchtete. Er arbeitete an einem streng geheimen Projekt, über das er noch nicht sprechen wollte, aber er hatte mir versichert, dass ich der Erste sein würde, der zu gegebener Zeit alles erfahren würde. Ich gebe zu, dass ich neugierig war.

»Wie kurz?«, wollte ich wissen.

Er schielte zu mir rüber und zog vielsagend die buschigen Augenbrauen hoch. »Heute Abend ist es so weit.«

Als unser Haus in Sicht kam, sah ich Brooks auf der Vortreppe sitzen. Sie scharrte mit einem abgefallenen Ast im Sand und war wieder ganz schwarz gekleidet, bloß trug sie diesmal eine Jeans und ein Sweatshirt mit weitem Ausschnitt. Mein Herz machte Luftsprünge. (Anmerkung für die Götter: Gebt ihr das hier bloß nie zu lesen!)

»Neue amiga?«, fragte Mr O.

»Nur eine Bekannte«, erwiderte ich und fuhr mir unauffällig durchs Haar. »Danke fürs Abholen. Bis heute Abend.« Ich sprang aus dem Auto.

Brooks stand auf, warf den Ast weg und sah mir mit todernster Miene entgegen, wobei die goldenen Pünktchen in ihren Augen wieder schimmerten.

»Du bist in Gefahr, Zane. In großer Gefahr«, verkündete sie.

»Ich freu mich auch, dich wiederzusehen.«

»Der Flugzeugabsturz war …« Sie stockte und sah zum sich verdunkelnden Himmel hoch, als sei dort das passende Wort zu finden. »Der Pilot war …«

»Ein Dämon aus Xib’alb’a.«

Sie wirkte überrascht, riss sich aber gleich zusammen. »Richtig. Aber das ist noch nicht alles.«

Als sie das Unfassbare bestätigte, wurde mir flau im Magen. Es war also doch keine Halluzination gewesen.

»Aber wie hat der Typ in das kleine Flugzeug reingepasst? Und wieso konnte er es überhaupt steuern? Können Dämonen den Pilotenschein machen, oder wie?«

Ihr Blick besagte: Geht’s noch? »Das ist doch jetzt nicht wichtig!«

»Für mich schon.«

Sie verdrehte die Augen. »Du bist in Gefahr!«

»Das hast du schon mal erwähnt – und ich bin auch schon selber draufgekommen, als der Dämon in meinen Vulkan geflogen ist.«

»In deinen Vulkan?«

»Richtig. Er steht hinter unserem Haus, falls dir das noch nicht aufgefallen ist, und außerdem bin ich derjenige, der …«

Ihre Augenbrauen schossen in die Höhe. »Der was?«

Ich war noch nicht so weit, ihr von meinem Geheimeingang zu erzählen. Erst wollte ich hören, was sie mir zu sagen hatte. »Warum hast du mich angelogen?«, wechselte ich das Thema. »Du gehst überhaupt nicht auf meine Schule.«

»Das habe ich auch nicht behauptet.«

Eins zu null für sie. »Was hattest du dann bei Pater Baumgarten zu suchen?«

»Ich habe dir gerade erklärt, dass du in Gefahr bist, und du denkst an den Schuldirektor?«

Genau genommen dachte ich an sie, an unsere Begegnung vor dem Büro des Schuldirektors. Nächster Themenwechsel. »Wo kommst du überhaupt her?«

Im Dämmerlicht sah ich, wie sie verächtlich die Nase krauszog. Sie hatte genau sechs Sommersprossen auf dem Nasenrücken und sie schnaufte, als wollte sie sagen: Du nervst! Ich kannte diesen Gesichtsausdruck. In meinem kurzen Leben hatten mich schon eine Menge Leute so angesehen, aber es hatte mich nie groß gestört. Diesmal schon. Denn diesmal sah Brooks mich so an. Ich konnte immer noch nicht glauben, dass dieses umwerfende Mädchen tatsächlich vor meiner Haustür stand. Und das zum zweiten Mal in nur zwei Tagen.

»Bist du immer so schwer von Begriff?«, sagte sie und verschränkte die Arme. »Ich versuche die ganze Zeit, dir etwas Wichtiges mitzuteilen, und du …«

Ich gab mir Mühe, mich nicht auf meinen Stock zu stützen. Lieber begriffsstutzig als behindert. »Noch mal zu dem Dämon. Er sah genauso aus wie auf deiner Zeichnung. Bist du ihm etwa auch begegnet?«

»Ja. Und?«

»Meine Mutter konnte ihn nicht sehen.« Sollte ich jetzt erleichtert sein (weil ich offenbar doch nicht loco – verrückt – war) oder mich zu Tode fürchten (weil der Dämon keine Einbildung gewesen war)? »Wenn du ihn auch gesehen hast, bin ich wenigstens nicht komplett irre.«

»Irre … hm. Das hier wird anscheinend schwerer, als ich dachte.« Sie warf einen Blick über die Schulter. Durchs offene Fenster plärrte der Fernseher. Aus dem Ächzen und Brüllen, das immer wieder von einem dumpfen Aufprall unterbrochen wurde, schloss ich, dass Hondo wieder Wrestling schaute.

Brooks senkte die Stimme. »Können wir woanders weiterreden?«

Ich begriff nicht, weshalb sie so angespannt war. Schließlich standen wir mitten in der menschenleeren Mesa. Wer sollte uns da belauschen – etwa das FBI?

»Erst will ich wissen, was es mit dem Dämonenpiloten auf sich hat und von was für einer Gefahr du andauernd redest. Geht es um Leben und Tod oder nur darum, dass gleich ein Gewitter aufzieht oder so was?« Hoffentlich Letzteres.

Ich riskierte, dass es ihr reichte und sie mich einfach stehen ließ. Aber zu meiner Erleichterung blieb sie, wo sie war, und schien zu überlegen, was sie mir erzählen sollte. Oder wie viel sie mir erzählen sollte, denn sie sah wie ein Mädchen aus, das Millionen Geheimnisse hat.

»Am besten zeige ich’s dir«, sagte sie dann, »denn wenn ich’s dir erkläre … Du würdest mir sowieso nicht glauben. Aber versprich mir, dass du keinen Schreck kriegst.«

Wenn du jemandem versprechen sollst, dass du keinen Schreck kriegst, steht dir meistens der Schreck deines Lebens bevor. Wir gingen durchs Tor in unseren Hinterhof. Zum Glück hingen meine Unterhosen nicht gerade zum Trocknen an der Wäscheleine. Das wäre echt peinlich gewesen.

Als wir um die Ecke bogen, hob Rosie verschlafen den Kopf. Und dann rastete sie plötzlich aus. Sie fixierte Brooks mit einem gruseligen Laserblick, sprang auf und ging kläffend wie eine Irre auf uns los.

»Hey, Rosie!« Ich stellte mich schützend vor Brooks. »Reg dich ab!«

Aber Rosie war wie besessen. Sie war auf einmal ein ganz anderer Hund – ein mordlustig knurrendes Monster mit Schaum vor dem Maul.

Brooks packte mich von hinten so fest an den Schultern, dass ich zusammenzuckte. »Du hast mir nicht gesagt, dass du einen Hund hast!«

»Du hast mich ja auch nicht danach gefragt.«

Dicht vor Brooks und mir blieb Rosie wie angewurzelt stehen und knurrte, wie ich sie noch nie hatte knurren hören. Sie sträubte das Nackenfell – und seit wann hatte sie derart lange spitze Reißzähne?

Ich rückte noch näher an Brooks heran und dann geschah das Unglaubliche. Ich spürte einen jähen Luftzug und als ich mich umdrehte, sah ich, wie Brooks verschwand.

5

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Okay, verschwand trifft es vielleicht nicht ganz.

Brooks verwandelte sich. Die Luft um sie herum flimmerte erst golden, dann blau und grün, und aus dem Mädchen wurde ein riesiger Falke.

Ich schnappte nach Luft. Träumte ich? Oder hatte ich mir den Kopf gestern dermaßen angeschlagen, dass ich mir alles nur einbildete? Vielleicht war der Falke, der über mir kreiste, ein ganz gewöhnlicher Vogel (wenn auch dreimal so groß). Oder war ich unterwegs ins Loco-Land?

Während ich so gebannt nach oben starrte, trat ich auf Rosies Gummiball. Ich rutschte aus und plumpste auf den Hintern, was mich aber mitnichten aus meinem Schockzustand weckte. Hatte Brooks das gesehen? Bestimmt. Falken haben scharfe Augen. Der Falke – Brooks? – war auf einem Pekannussbaum gelandet und schaute von seinem Ast hoch oben tatsächlich zu mir herunter.

Um sich zu vergewissern, dass mir nichts passiert war, leckte mir Rosie übers Gesicht. Dann legte sie sich neben mich und vergrub winselnd den Kopf unter den Pfoten. Ich fand es lieb, dass sie mich offenbar beschützen wollte, allerdings wirkte sie ungefähr so einschüchternd wie ein zwanzig Kilo schweres Toastbrot.

»Brooks?« Meine Stimme überschlug sich.

Sie sah mich mit ihren goldenen Augen an, als wartete sie ab, was ich jetzt tun würde. Ich war aber viel zu erschrocken, um irgendetwas zu tun. Ich hatte schon oft Falken über der Wüste kreisen sehen, aber noch nie so einen. Brooks hatte einen krummen Schnabel, schokoladenbraune Flügel mit weißen Tupfen und hellbraunes Brustgefieder. Aber die schwarze Umrandung ihrer Augen war ungewöhnlich und verlieh ihr etwas Mythisches – ganz zu schweigen von dem Umstand, dass sie muy grande war.

»Ich glaube, Rosie hat sich wieder eingekriegt«, sagte ich und hoffte insgeheim, dass Brooks nicht für immer ein Falke bleiben würde. Das hätte ich echt blöd gefunden.

Ein zweites Mal flimmerte die Luft – golden, grün und blau – und Brooks verwandelte sich vor meinen Augen in einen Menschen zurück. Mir blieb fast das Herz stehen.

»Was … wer bist du?!«

Sie blieb auf dem Ast sitzen und seufzte. »Ich bin eine Nawal.«

»Eine Na-was?«

Rosie winselte und stupste mich an. Ich tätschelte ihr den Kopf.

»Es gibt viele verschiedene Bezeichnungen für uns. Sagen wir, ich bin eine … Gestaltwandlerin.« Sie sprach das Wort so stockend aus, als benutzte sie es sonst nicht.

Was Gestaltwandler waren, wusste ich aus meinem Buch über Mayamythen: Menschen, die sich in Tiere verwandeln konnten. In einigen Gegenden Mexikos nannte man sie brujos und manche Leute glaubten sogar, sie würden wie Vampire Menschenblut trinken. Schön, dich kennenzulernen!

Über solche Wesen in einem Buch zu lesen, ist allerdings etwas völlig anderes, als eines davon mit eigenen Augen zu sehen.

»Du … du trinkst aber kein Blut, oder?«, erkundigte ich mich vorsichtshalber.

In diesem Augenblick riss Hondo die Hintertür auf. »Warum macht Rosie so einen Aufstand?«

»Äh … wir haben bloß gespielt.«

Hondo kratzte sich das Stoppelkinn und grinste. »Der ›Würger‹ hat übrigens gewonnen. Wir hätten auf ihn wetten sollen. Der beste Headlock, den ich je gesehen habe. Soll ich ihn dir mal vorführen?«

Auf keinen Fall vor Brooks!

»Lieber ein andermal. Mir ist nicht gut«, schwindelte ich. Hondo schien enttäuscht, dass er mich nicht zu Boden werfen durfte, darum setzte ich rasch hinzu: »Der ›Würger‹ ist der Beste!«

Zum Glück schaute Hondo nicht zu Brooks im Baum hoch, sondern ließ den Blick über den Horizont schweifen. Die Sonne war schon fast untergegangen. »Stimmt«, brummte er. »Er ist echt der Hammer.« Dann setzte er achselzuckend hinzu: »Ich bin dann mal weg. Die Arbeit ruft.« Er ging wieder rein und knallte die Tür hinter sich zu.

Ich drehte mich zu Brooks um. Sie spazierte jetzt so unbekümmert über den schwankenden Ast, als wäre sie nicht sechs Genick brechende Meter über der Erde. »Kannst du bitte runterkommen?« Ich wollte sie ungern vom Boden kratzen.

»Nö.«

»Wie, nö?«

»Ich trinke kein Blut, und wer so was behauptet, ist ein Idiot.«

»Es stand in einem Buch.«

»Dann ist der Autor ein Idiot.«

»Na ja … in den letzten beiden Tagen bin ich schon zwei mythischen Wesen aus diesem idiotischen Buch begegnet.«

Sie verdrehte die Augen. »Egal. Wer ist denn der ›Würger‹?«

»Ein Wrestler im Fernsehen. Wie gesagt, Rosie hat sich beruhigt. Kannst du jetzt bitte runterkommen?«

»Sie mag mich nicht.«

»Sie will mich bloß beschützen. Außerdem hat sie noch nie eine Gestaltwandlerin gesehen.«

»Sie kann bestimmt ganz schön zubeißen.«

Ich hockte mich neben Rosie. »Lässt du Brooks jetzt in Ruhe?« Ich zog an ihrem Halsband, damit es aussah, als ob sie nickte. »Bist du lieb zu ihr?« Erneutes Nicken. »Siehst du?« Ich grinste Brooks an.

Leider wirkte sie nicht überzeugt.

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