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Zärtlichkeit in blauen Augen

1. KAPITEL

Inmitten einer großen Menschenmenge konnte man sich erschreckend einsam fühlen. Das spürte Eloise Lawton an diesem Abend ganz besonders.

Eigentlich sehnte sie sich danach, nach Hause zu gehen, ein heißes Bad zu nehmen und darin allen Kummer zu ertränken. Stattdessen musste sie zu dieser blöden Veranstaltung. Das war nun mal ihr Job. Oberflächliche Gespräche und Smalltalk gehörten dazu. Sie überhörte geflissentlich die gehässigen Spötteleien und spitzen Bemerkungen der Leute, die ihren Kommentar über den Modegeschmack der Gäste fürchteten. Wahrscheinlich zu Recht – denn ihre Artikel waren in letzter Zeit ziemlich bissig ausgefallen.

Eloise verlagerte ihr Gewicht von einem Bein auf das andere – die Eduardo Munno Sandaletten schnitten ihr schmerzhaft in die Füße. Sie sahen zwar umwerfend aus, waren aber dennoch hoffnungslos unbequem. Sie waren nämlich eine Größe zu klein und passten überhaupt nicht zu ihr. Genauso wenig wie die Leute um sie herum.

Jeder der Gäste wetteiferte um seinen Platz in der High Society, beurteilte die anderen Menschen nach ihrem Vermögen und ihrer gesellschaftlichen Stellung. Eloise fand diese Einstellung einfach erbärmlich.

Doch das war nun mal ihr Beruf. Davon bezahlte sie die Hypothek – denn sie verfügte leider nicht über den Luxus eines Treuhandvermögens oder eines geerbten Herrenhauses. Im Gegensatz zu jeder zweiten Person im Raum.

Eloise blickte verstohlen auf ihre Armbanduhr und rechnete sich aus, wie lange sie noch aushalten musste, bevor sie sich bei Cassie entschuldigen konnte. Noch bis vor Kurzem hätten Anlässe dieser Art sie hellauf begeistert, aber jetzt …

Nun, jetzt lagen die Dinge etwas anders. Eine spontane Eingebung, die Habseligkeiten ihrer Mutter aus dem Lager einer Spedition zu holen, hatte alles verändert.

Dabei war Eloise die Idee zunächst ganz vernünftig erschienen. Nach sechs Jahren, so meinte sie, wäre es wohl allmählich an der Zeit. Sie hatte die entsprechenden Papiere zur Auslösung unterzeichnet, ohne auch nur im Geringsten vorauszuahnen, dass sie eine Büchse der Pandora öffnete.

Ihre Entscheidung hatte sich als großer Fehler herausgestellt. Die Erinnerungen waren erneut auf sie eingestürmt. Kaum verheilte Wunden wurden wieder aufgerissen und schmerzten so qualvoll wie in der Sekunde, als der Lastwagenfahrer über dem Lenkrad eingeschlafen war und damit ihr Leben auf schreckliche Weise verändert hatte.

Immer wieder hatte sie den Brief ihrer Mutter gelesen, der an das Testament geheftet war, doch jetzt, sechs Jahre später, sah sie die Dinge mit anderen Augen.

Eloise ließ ihren Blick über den prachtvollen Saal mit seinen umlaufenden Galerien wandern. Riesige Kerzenleuchter hingen von der gewölbten Decke, und prächtige Blumenarrangements aus weißen Orchideen und winzigen Rosenknospen schmückten den Raum. Man hatte keine Mühen und Kosten gescheut; alles war perfekt und wunderschön arrangiert.

Trotzdem fühlte Eloise sich unwohl. Ihrer Ansicht nach ging es hier nur um eine protzige Zurschaustellung von Reichtum. Und welche Rolle spielt sie darin?

Es war ihr inzwischen egal, welche Farbe gerade angesagt war oder ob Seide zurzeit als perfekter Stoff galt. Morgen würde sie sich zusammenreißen und einen passenden Artikel schreiben, aber heute ließ ihre Umgebung sie kalt.

„Eine Alte, die auf jugendlich macht“, zischte Cassie gehässig über den Rand ihres Champagnerglases hinweg. „Dort drüben.“

Eloise riss sich aus ihren Gedanken und wandte ihre Aufmerksamkeit der Frau zu, über die ihre Chefin so verächtlich herzog.

Die Herausgeberin der Modezeitschrift Image stieß sie an. „Bernadette Ryland. Unter dem Porträt des grauenhaften, fettleibigen Generals.“

Eloise kam der Aufforderung nach und drehte sich in die gewiesene Richtung.

„Die Frau ganz in Gelb. Na ja, fast ganz. Was hat sich ihr Designer bloß dabei gedacht? Die sieht ja aus wie ein eingeschnürtes Huhn.“

Cassie hatte nicht übertrieben. Das Kleid war dem feierlichen Anlass tatsächlich nicht angemessen und passte überhaupt nicht in diesen Rahmen.

„Oh!“, rief Cassie plötzlich überrascht und nippte von ihrem Champagner. „Ach du meine Güte … dort ist Jeremy Norland. Zusammen mit Sophia Westbrooke. Also, ich muss schon sagen, das ist die erste Sensation heute Abend. Ich frage mich nur …“

„Jeremy Norland?“, fragte Eloise hastig nach, als ihr Blick scheinbar gelassen auf die große dunkle Gestalt fiel.

Sie hatte schon ein paar Fotos von ihm gesehen, eins, während er Polo spielte, und ein anderes bei einer Adelshochzeit. In Wirklichkeit wirkte er auf sie noch eleganter als auf den Bildern. Und überaus attraktiv.

„An der Tür. Kennst du ihn?“

„Nein.“ Nervös umklammerte sie ihr Glas. „Seinen Namen habe ich allerdings schon mal gehört“, erklärte sie betont gelassen.

„Heute ist aber auch alles versammelt, was Rang und Namen hat“, staunte Cassie und winkte mit ihrer manikürten Hand einer Dame in grauem Chiffon zu, die schon die ganze Zeit lebhaft versuchte, Cassie auf sich aufmerksam zu machen. „Das ist die Schwester des Duke von Odell“, erklärte sie Eloise mit einem merkwürdigen Unterton. „Verheiratet mit einem Mann der unteren Gesellschaftsschicht. Natürlich hat sie den Titel einer Lady behalten und stellt selbstverständlich sicher, dass jeder davon Kenntnis nimmt.“

Sie drehte sich herum und nahm sich ein neues Glas Champagner, das ihr von dem freundlichen Kellner angeboten wurde.

Eloise stand da wie gelähmt. Jeremy Norland. Hier. In London. Sie hatte Mühe, das Chaos ihrer Gefühle vor Eloise zu verbergen.

Er lehnte an der schweren Eichentür und war offensichtlich gut gelaunt und lachte unbekümmert.

Welche Sorgen sollte er auch schon haben? Er führte ein Leben wie Gott in Frankreich. Er war unter einem Glücksstern geboren.

Cassie folgte Eloises Blick. „Ist er nicht hinreißend? Und so muskulös … wahrscheinlich in zahlreichen Stunden auf dem Rücken eines Pferdes gestählt. Sein Anzug sitzt einfach fantastisch. Sieh dir bloß mal seinen knackigen Po an. Der Mann ist unglaublich attraktiv … sehr, sehr sexy.“

„Und dessen scheint er sich auch ziemlich bewusst zu sein, oder?“, erwiderte Eloise und beobachtete, wie er Sophia Westbrooke charmant anlächelte.

„Schon, aber ich kann ihm auch nicht verübeln, dass er diesen Effekt auf Frauen ausübt, Liebes. Tolles Aussehen. Geld. Gute Beziehungen. Ziemlich todsichere Kombination, würde ich sagen.“

Eloise zwang sich zu einem Lächeln. „Ich dachte, er mag London nicht.“

„Das stimmt ja auch. Er lebt in Sussex, auf dem Gut seines Stiefvaters. Dort fertigt er Tische, Stühle und andere Möbelstücke an.“

„Individuelle, elegante, kostbare und teure Designermöbel. Ja, ich weiß.“ Eloise nippte an ihrem Champagner. „Ich habe darüber gelesen.“

„Du musst schon einen Kredit aufnehmen, um dir auch nur ein einziges Stuhlbein leisten zu können“, stimmte Cassie ihr zu. „Das trifft wohl auch auf Sophias Kleid zu, kann ich mir vorstellen. Weißt du, wer es angefertigt hat?“

„Yusuf Atta. Ein aufstrebender Modedesigner. Spezialisiert sich gerade auf Stickerei auf Chiffon“, informierte Eloise ihre Vorgesetzte. „Sehr romantisch angehauchte Entwürfe.“

„Wäre er eine Reportage wert?“

„Schon möglich“, meinte Eloise abwesend und beobachtete, wie das junge Mädchen Jeremy bewundernd anblickte. Sophia Westbrooke konnte nicht älter als neunzehn Jahre alt sein. Jeremy hingegen war schon vierunddreißig, vielleicht auch fünfunddreißig. So genau erinnerte sie sich nicht mehr an den Internetartikel, den sie kürzlich gelesen hatte.

Cassie verfolgte offensichtlich die gleichen Gedanken. „Gerade zurück aus der Schweiz. Nicht einen Tag älter als neunzehn. Und mit einem Mann wie Jeremy Norland. Die Glückliche.“

„Das hat mit Glück nichts zu tun. Man bleibt eben gern unter sich und heiratet nicht unter seinem Stand. Hauptsache, Geld kommt zu Geld. Wenn Liebe mit im Spiel ist, stört es nicht, muss aber auch nicht unbedingt sein. Wusstest du das nicht?“, meinte Eloise ironisch im schönsten Upper-class-Englisch.

Ihre Bemerkung brachte Cassie zum Kichern. Mit ihren modischen lackierten Fingernägeln tippte sie an ihr Champagnerglas. „Pfui, wie gehässig. Aber jetzt mach bitte mal die Runde. Ich will den neuesten Klatsch erfahren. Und halte dich nicht an bestimmten Leuten fest, flirte nicht mit ihnen, sie beißen.“

Wie wahr. Nur schade, dass das niemand ihrer Mutter gegenüber erwähnt hatte, als diese vor achtundzwanzig Jahren angefangen hatte, auf Coldwaltham Abbey zu arbeiten. Sie konnte damals nicht viel älter gewesen sein als Sophia Westbrooke heute – doch das war wohl die einzige Gemeinsamkeit zwischen den beiden Frauen. Das Schicksal wies den beiden völlig verschiedene Wege in die Zukunft.

Eloise beobachtete, wie sich ihre Chefin den Weg zurück in die Menschenmenge bahnte. Cassie passte ebenso wenig hierher wie Eloise, aber die Herausgeberin der Modezeitschrift ließ sich nichts anmerken. Selbstbewusst begegnete sie jedem, der versuchen sollte, sie zurückzuweisen.

So war Eloise auch einmal aufgetreten, ehrgeizig durch und durch – doch die Dinge hatten sich in den letzten vierzehn Wochen geändert. Vierzehn Wochen und drei Tagen, um genau zu sein. Der Tag, an dem sie die zwei Kisten ihrer Mutter nach Hause gebracht hatte. Wer hätte je ahnen können, dass eine so kurze Zeit so eine gewaltige Veränderung mit sich bringen könnte? Ihr Blick fiel wieder auf Jeremy Norland.

Er verkörperte perfekt das Leben in der High Society. Sein Anzug war sagenhaft. Zweifellos maßgeschneidert. Und wahrscheinlich unverschämt teuer.

Jeremy Norland – ein reicher Mann, dem schon immer alle Türen offengestanden hatten. Sein familiärer Hintergrund hatte ihm den Besuch der besten Universitäten ermöglicht und ließ ihn dementsprechend selbstsicher auftreten. Bis zu seinem Tod waren ihm der Rückhalt und die Unterstützung seiner Familie gewiss – eine garantierte, bequeme Lebensversicherung.

Sie ärgerte sich über ihn mit einer Vehemenz, die selbst sie überraschte.

Er wirkte auf Eloise so maßlos arrogant – vom Scheitel bis zur Sohle, von seinem teuren Haarschnitt bis zu den handgefertigten italienischen Lederschuhen. Sie war sich total sicher, niemals auf einen Mann wie Jeremy Norland hereinzufallen, geschweige denn, sich in ihn zu verlieben, wenn sie sich das unglückliche Leben ihrer Mutter vor Augen führte.

Wut, Zorn, und Abscheu waren schlimmer und schlimmer geworden, seit sie den Brief ihrer Mutter gelesen hatte. Jetzt konnte sie kaum noch die Nähe dieser oberflächlichen, egoistischen Menschen ertragen, die nur mit sich selbst beschäftigt waren und das Leben ihrer Mutter zerstört hatten.

Und ihr eigenes.

Noch bis vor wenigen Wochen hatte diese Gesellschaft sie fasziniert – als unbeteiligte und etwas amüsierte Beobachterin. Aber jetzt …

… jetzt spürte Eloise für sie nur noch Verachtung.

Jeremy Norland war der privilegierte Stiefsohn des Mannes, den sie besonders verabscheute – den adeligen Laurence Alexander Milton, Viscount Pulborough.

Ihren Vater.

Vater!

Als Eloise vor sechs Jahren den Brief ihrer Mutter zum ersten Mal gelesen hatte, hatte sie über deren Tod noch immer zu sehr unter Schock gestanden, um die Zusammenhänge zu erfassen. Der plötzliche Verlust ihrer Mutter hatte in ihr ein Trauma ausgelöst. Es hatte lange gedauert, bis sie akzeptieren konnte, was sie jetzt über die Identität des Mannes wusste, dessen Erbmasse sie teilte.

Viscount Pulborough war nicht Teil ihres Lebens. Er bedeutete ihr nichts. Es war ihre Mutter, die ihre Abschlussfeier nicht mehr erleben durfte – Eloise hatte sie schrecklich vermisst. Allein schon der Gedanke daran tat weh.

Damals packte sie die Habseligkeiten ihrer Mutter in Kisten und stellte diese bei einer Spedition unter. Doch sie gingen ihr nie aus dem Sinn … sechs lange Jahre.

Sechs Jahre. Die Zeit war wie im Fluge vergangen. Eloises Leben verlief hektisch und arbeitsreich, denn sie war voll damit beschäftigt, in ihrem Beruf als Journalistin Erfolg zu haben. Dabei bildete sie im Laufe der Zeit eine Mauer um sich herum, damit niemand merkte, wie entsetzlich einsam sie sich fühlte.

Der Brief.

Schon die ganze Zeit hatte er existiert. Eine vor sich hintickende Zeitbombe – nur hatte sie das nie erkannt.

Als sie die Worte ihrer Mutter sechs Jahre später noch einmal las, sah sie den Inhalt mit anderen Augen, aus einer neuen Perspektive. Ihre anfängliche Antipathie schlug um in Ärger und Zorn.

Sie konnte sich gut vorstellen, was in jenem Sommer geschehen war. Jung, naiv und hoffnungslos verliebt hatte sich ihre Mutter plötzlich in einer traumhaften Märchenwelt wiedergefunden – mit dem einzigen Makel, dass ihr verheißungsvoller Prinz ein verheirateter Mann gewesen war. Eher ein Frosch als ein Prinz. Es hatte sogar so etwas wie ein Schloss gegeben. Eine kurze Zeit vollkommener Glückseligkeit und … ja, was war geblieben?

Ein immerwährender Kampf als alleinerziehende Mutter. Zwei miserabel bezahlte Jobs und die ewig kreisende Frage um die Begleichung der nächsten Rechnung. Das zähe Ringen um die Existenz und die Verantwortung für ein Kind.

Ob sich der hoch geschätzte Viscount je darüber Gedanken gemacht hatte, wenn er über seinen großartigen Besitz in Sussex schritt?

Irgendwann wusste Eloise, dass sie es herausfinden musste, auch wenn sich das als äußerst schwierig herausstellte. Es dauerte Wochen, bis sie endlich den Mut aufbrachte, den Mann, der ihre Mutter und sie selbst verleugnet hatte, mit der Wahrheit zu konfrontieren.

Und was hatte es ihr gebracht?

Nichts.

Eloise bewegte sich vorsichtig auf ihren geborgten Designersandaletten zu einem der geöffneten Fenster, wo der Verkehrslärm Beethovens Musik im Saal übertönte.

Ein leichter Kopfschmerz machte sich nun an ihrer rechten Schläfe bemerkbar. Am liebsten hätte sie die Ungerechtigkeit, die ihr und ihrer Mutter widerfahren war, laut herausgeschrien.

Jeremy Norland beobachtete sie, angezogen von dem Funkeln ihres violetten Seidenkleides.

„Jeremy, hörst du mir eigentlich zu?“, fragte Sophia und zog ihn am Arm. „Andrew und ich wollen uns ein ruhiges Plätzchen suchen, wo wir uns hinsetzen können.“

„Wer ist diese blonde Frau?“, platzte Jeremy mit der Frage heraus, die ihn im Moment brennend interessierte, ohne auf die Aussage der jungen Frau zu achten.

Lord Andrew Harlington folgte seinem Blick quer durch den Saal. „In Lila? Die mit den langen Beinen?“

„Genau.“

Andrew konzentrierte sich. „Keine Ahnung“, sagte er und legte seinen Arm um Sophias Taille. „Und du, Sophia? Kennst du sie?“

„Das ist Eloise …“, seine Freundin dachte offensichtlich scharf nach, „… du weißt schon, diese Frau aus dem Fernsehen. Eloise … Leyton, nein, Lawton. Genau, Eloise Lawton. Die Frau, die sich mit Mode beschäftigt.“

Jeremy blickte sie verständnislos an. „Was?“

„Sie macht dieses Programm über Styling“, erklärte Sophia. „Farben und so was. Blautöne, Rottöne und so weiter. Es kommt eben darauf an, den besten Typ aus sich zu machen. Und darin ist sie wirklich gut. Sie schreibt übrigens auch für Image.“

„Davon habe ich auch schon gehört“, sagte Jeremy distanziert und sah sich die Frau genauer an, die gerade einen giftigen Pfeil auf seine Familie abgeschossen hatte.

Eine Blondine? Irgendwie hatte er keine blonde Frau erwartet. Eloise Lawton – eine scharfsinnige Journalistin, die geistreich über modische Eigenheiten und Schwächen ihrer Zeitgenossinnen zu berichten verstand. Darüber war er informiert. Seine Mutter und seine Stiefschwester hatten es ihm erzählt.

„Champagner, Sir?“

Jeremy wandte den Blick ab. „Danke sehr“, antwortete er und nahm das angebotene Glas von einem Tablett. Ihm war bewusst, dass seine Mutter ihm zur Vorsicht geraten hätte, doch die Gelegenheit war unwiderstehlich.

Was er wirklich wissen wollte, war, warum? Warum jetzt? Und warum Laurence? Sein Stiefvater war ein liebenswerter und untadeliger Mensch. Ein tief religiöser Mann, ehrenhaft und gutherzig. Es war undenkbar …

„Sie ist hübsch, oder?“, ließ sich Sophia neben ihm vernehmen. „Obwohl – eigentlich gar nicht dein Typ.“

Jeremy blickte in ihr verschmitztes Gesicht. „Was?“

„Eloise Lawton. Sie ist sehr hübsch.“

„Ja“, konstatierte er nüchtern.

Eloise Lawton war tatsächlich wunderschön. Aber auch raffiniert und gefährlich. Kaum vorstellbar, dass jemand von ihrem Aussehen so kaltblütig und unbarmherzig sein konnte.

Wie konnte sich jemand nur diesen betrügerischen Schwindel ausdenken? Und ausgerechnet in dieser Zeit, die für Laurence besonders schmerzhaft und schwierig war. Brauchte sie das Licht der Öffentlichkeit so sehr, dass ihr die Qual und die Verletzungen, die sie verursachte, egal waren?

Ungeachtet der amüsierten Blicke entschuldigte sich Jeremy und ging langsam in Richtung des geöffneten Fensters, an dem Eloise stand. Er war sich noch nicht sicher, was er sagen sollte – nicht bis zu dem Moment, als sie ihren Blick auf ihn richtete.

Jeremy Norland bemerkte in den Tiefen ihrer dunkelbraunen Augen, dass sie ihn erkannt hatte. Das hätte er sich denken können. Jemand wie Eloise Lawton machte natürlich seine Hausaufgaben.

Der Termin, an dem sie den Brief abgeschickt hatte, war perfekt geplant gewesen. Sie hatte bewusst einen Zeitpunkt gewählt, zu dem der ältere Viscount am anfälligsten war und seine Familie alles tun würde, um ihn zu beschützen.

Er jedenfalls war bereit, den Mann zu schützen, der sein Leben damals komplett verändert und in die richtigen Bahnen gelenkt hatte. Er unterdrückte seinen Ärger und sah sie kühl an.

„Jeremy Norland“, stellte er sich vor und reichte ihr die Hand.

Er bemerkte, wie sie nervös ihre Abendtasche umklammerte und vergeblich versuchte, ein unverbindliches Lächeln zustande zu bringen.

Auf diese Eloise Lawton war er nicht im Geringsten gefasst. Zu seinem Erstaunen stellte er plötzlich fest, wie müde sie aussah. Dunkle Schatten lagen um ihre Augen, in denen er Verletzlichkeit, ja sogar eine gewisse Resignation erkannte.

Langsam stellte sie ihr Champagnerglas auf einen Seitentisch. „Eloise Lawton“, sagte sie und ergriff seine dargebotene Hand.

Jeremy hielt ihre Hand fest und unterdrückte den plötzlich aufkommenden Wunsch, sie zu trösten. Er durfte sich von ihrer Erscheinung nicht blenden lassen, denn Eloise Lawton war ein intrigantes Biest – davon war er fest überzeugt. Ihre Absicht schien es zu sein, die Menschen zu verletzen, die er liebte.

Da er sich erkundigt hatte, wusste er, dass der Platz neben dem Namen des Vaters auf ihrer Geburtsurkunde leer geblieben war. Wer immer auch ihr Vater sein mochte, es war auf keinen Fall Viscount Pulborough.

Also was bedeutete das Ganze?

Sie ließ es darauf ankommen und riskierte, ja, wagte alles. Nachdenklich musterte er sie. Er konnte sich vorstellen, zu welcher Sorte Frauen sie gehörte. Sie wollte nichts weiter als Publicity. Einmal im Rampenlicht stehen. Berühmt sein für nichts. Schon sein leiblicher Vater hatte diesem Frauentyp nicht widerstehen können, erinnerte er sich aus seiner frühen Kindheit.

Und doch … irgendwie machte sie nicht diesen Eindruck. Sie hatte mehr Klasse und Würde, als er erwartet hatte …

Eloise versuchte noch einmal zu lächeln und … scheiterte erneut. „Ich schreibe für Image.“

„Das habe ich schon erfahren“, sagte er und ließ ihre Hand los. Ihr Blick wanderte nervös zur Tür. „Meine Freundin Sophia hat mir erzählt, dass Sie eine Expertin darin sind, anderen Frauen zu empfehlen, wie sie sich kleiden sollen.“

„N… nein. Ich schreibe über Mode, falls sie das meint. Letzten Endes ist doch alles relativ.“

Eine diplomatische Antwort. Sie war klug. Das musste er zugeben. Und bildhübsch. Unbestreitbar. Eine kühle, gelassene Schönheit.

Und darunter … was befand sich dort? Leidenschaft? Feuer?

Und Gier. Es ging ihr doch nur um Geld, oder etwa nicht? Um die Karriere. Dafür wurde jeder mit Füßen getreten, der diesem Ziel im Weg stand.

Ihrem Ziel, rief er sich in Erinnerung. Dafür hatte sie sich einen kranken, älteren Mann ausgesucht und behauptete, seine Tochter zu sein. Und was für Beweise hatte sie?

Nicht einen einzigen.

Aber da hatte sie die Rechnung ohne Jeremy gemacht!

Er bemühte sich um einen gelassenen Ton. „Sie treten auch im Fernsehen auf? Sophia sagte so etwas.“

„Hin und wieder war ich im Frühstücksfernsehen.“

Unruhig strich sie über die Handtasche. Selbst ein Blinder hätte merken können, wie nervös sie war. Und dafür hatte sie einen guten Grund.

Laurence hatte Jeremy immer vertraut, auch wenn dieser zunächst gegen alles rebelliert hatte. Trotzdem hatte sein Stiefvater unerschütterlich an das Gute in seinem Adoptivsohn geglaubt. Heute wollte Jeremy dieses Vertrauen rechtfertigen.

Laurence war kein Mann, der sich vor seiner Verantwortung drückte. Sein Sinn für richtig und falsch, für Recht und Ordnung war ausgeprägt und Teil seiner Persönlichkeit. Er hätte niemals die Existenz einer Tochter verleugnet oder Coldwaltham Abbey verlassen.

„Wollen Sie in nächster Zeit noch mehr fürs Fernsehen machen?“, fragte Jeremy unverbindlich.

Eloise konnte ihre Nervosität nicht ablegen. Sie stellte ihre Tasche ab und nahm wieder das Champagnerglas. „Nein, eigentlich nicht. Aber es war eine interessante und aufregende Arbeit und hat dem Magazin sehr geholfen.“

Image?“

„Ja.“ Sie nippte an ihrem Champagner. „Außerdem ist es gut für meinen Ruf.“

„Ist Ihnen der so wichtig?“

Unruhig ließ Eloise ihren Blick über die Menschenmenge im Saal schweifen, bis sie sich wieder auf Jeremy konzentrierte. „Ja, sehr. Wenn man sich einen Ruf erwirbt, stehen einem alle Türen offen.“

„Tatsächlich?“

„In diesem Metier kommt es mehr auf Beziehungen und Kontakte als auf Fachwissen an.“

Laurence war also zufällig das Opfer auf dem kometenhaften Aufstieg an die Spitze.

Aber warum gerade Laurence?

Warum ein Mann, dessen Leben über jeden Vorwurf erhaben war? Ein Mann, zu dem andere Menschen aufblickten? Warum diese Grausamkeit gegenüber Laurence, seiner Frau und seiner Familie?

Die Antworten lagen auf der Hand. Wahrscheinlich hatte Eloise Lawton einen Roman in der Schublade, den sie veröffentlichen wollte. Dazu brauchte sie einen „Namen“, einen kleinen Skandal, etwas, was die großen Verlagshäuser davon überzeugte, ihr eine Chance geben zu müssen.

Jeremy Norland empfand Abscheu.

„Eigentlich möchte ich doch viel lieber über andere Dinge schreiben. Ich liebe die Mode, aber …“ Sie unterbrach sich und blickte aus dem Fenster.

„… Sie wollen mehr?“, beendete er ihren Satz. Natürlich, das lag klar auf der Hand. Ihre gesamte Erscheinung sprach Bände.

Ihr war sein sarkastischer Unterton aufgefallen. Sie sah ihn fragend an. „Ist daran etwas falsch?“

„Es hängt davon ab, was Sie zu tun bereit sind, um Ihr Ziel zu erreichen.“

Sie warf ihm einen missbilligenden Blick zu. „Selbstverständlich.“ Seine Miene war schwer zu deuten, aber sie spürte, dass er nicht besonders viel von ihr hielt. Vielleicht ja nur, weil er ihren Beruf verachtete. Das ging vielen Leuten so. Aber möglicherweise …

Eloise leerte hastig ihr Glas, eine pure Verschwendung dieses kostbaren Getränks. Ebenso gut hätte sie auch Essig trinken können, sie hätte es nicht gemerkt.

Ihr Kommen war ein Fehler gewesen. Wenn sie vorher gewusst hätte, dass Jeremy Norland oder irgendein anderes Mitglied der Familie Pulborough auf der Gästeliste stehen würde, wäre sie der Veranstaltung ferngeblieben. Sie wollte vorbereitet sein, wenn sie ihnen gegenübertrat, und Ort und Zeitpunkt selbst bestimmen.

So hatte sie es sich nicht vorgestellt. Sie war noch nicht bereit.

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