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Zärtliche Romanze in Irland

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1. KAPITEL

Jack Lewis stand in der Tür, und die Regentropfen rannen in kleinen silbernen Bächen über seine muskulöse Brust. Catherine hielt sein feuchtes Hemd noch in der Hand und betrachtete ihn fasziniert.

Er war wirklich atemberaubend attraktiv. Mit seiner kräftigen Gestalt schien er die kleine Kapitänskajüte zu dominieren. Plötzlich fühlte Catherine sich sehr verletzlich.

„Sie sehen mich so überrascht an.“

Sie schluckte. „Tue ich das?“

Jack lächelte sanft. „Gefällt Ihnen, was Sie sehen, Lady Catherine?“

Sie blickte ihm in die Augen. „Und wenn es so wäre?“, fragte sie und war selbst erstaunt über ihre Kühnheit. Hatte sie zu lange behütet und beschützt gelebt, so dass das Verlangen nach einem Mann auf einmal stärker war als alle moralischen Bedenken? Aber sie bezweifelte, dass ihr Verlangen auch nur halb so stark wäre, wenn statt Jack ein anderer Mann vor ihr stehen würde. Er sah einfach viel zu gut aus mit dem zerzausten Haar, das ihm in die Stirn fiel, und den tiefblauen Augen, mit denen er sie so durchdringend ansah, dass es sie heiß durchlief.

Er kam näher und lächelte verführerisch. „Möchten Sie noch mehr sehen? Verraten Sie mir, was Sie wollen.“

Der Regen klatschte gegen die Luken der Kajüte, und das Boot schaukelte im Wind. Der Wintersturm war so heftig wie Catherines Verlangen. Nur eine einzige Nacht wollte sie das tun, wovon sie sonst nur zu träumen wagte. Oder würde sie es später bereuen, dass sie sich diese Nacht gegönnt und zu einem Erlebnis gemacht hatte, woran sie sich ein Leben lang erinnern würde?

„Ich möchte, dass Sie mich küssen.“

Er lächelte. „Ist das alles, was Sie von mir wollen?“

Sie legte das Hemd weg und betrachtete wieder Jacks Brust. „Darf ich mir etwas wünschen?“

Jack hob leicht ihr Kinn an und zwang sie, ihm in die Augen zu sehen. Dann stellte er sich so dicht vor sie, dass sie die Wärme seines Körpers spürte. „Wir können alles tun, was Sie möchten, Lady Catherine. Hier achtet niemand auf die Etikette, es gibt hier keine Vorschriften, die es Ihnen verbieten würden, Ihre geheimsten Wünsche auszuleben.“

Sie eddwqpmmfpppppppf .vvvves((((((((

„O Percival, musst du unbedingt auf die Tastatur springen?“, rief Tara aus.

Der große gescheckte Kater blickte Tara vorwurfsvoll an, während sie ihn vom Schreibtisch verscheuchte. Es musste acht Uhr sein, denn um diese Zeit bekam Percival immer sein Futter. Und das verlangte er auch, egal, ob seine Besitzerin gerade an einer prickelnden Szene schrieb oder nicht.

„Warum lasse ich mich von einem Kater beherrschen, der an nichts mehr Freude hat als an einer toten Maus?“ Sie lächelte das wohlgenährte Tier nachsichtig an. „Dann kann ich für heute Abend die leidenschaftliche Liebesszene vergessen, die ich gerade schreiben wollte.“

Sie verzog das Gesicht, als sie ihr Spiegelbild in dem großen Panoramafenster erblickte. Tara stand auf und verbeugte sich. „Das wird wieder so ein glamouröser Abend im Leben der Autorin Tara Devlin“, sagte sie laut vor sich hin. „Mit einer zitronengelben Gesichtspackung läuft sie in ihrem abgetragenen Frotteemantel und ausgetretenen Pantoffeln aus Rentierfell herum.“ Sie drehte sich vor dem Fenster im Kreis, legte eine Hand auf die Hüfte und stellte sich in Pose. „Tara trägt die neueste Frisur mit einem interessanten Ensemble aus Schaumstoff- und Velcro-Lockenwicklern. Als Inbegriff moderner Romantik ist Tara mit dreißig Jahren noch Single. Sie bleibt optimistisch, obwohl die Chance, einen geeigneten Mann zu finden, ungefähr so groß ist wie die, als erste Frau auf dem Mond zu leben. Meine sehr verehrten Damen und Herren – und Katzen –, hier ist für Sie – und bitte fühlen Sie sich frei, ihr Angebot anzunehmen, denn schon viel zu lange lebt sie offensichtlich allein – Tara Devlin!“ Sie verbeugte sich tief.

Da klopfte es laut an der Haustür.

„Aha.“ Tara richtete sich auf, stemmte beide Hände in die Hüften und machte eine Hundertachtzig-Grad-Drehung im Batman-Stil. „Welcher gut aussehende Fremde ist gekommen, um mich schnell aus dieser Einsamkeit herauszuholen?“

Der Kater beobachtete sie nachsichtig, als sie zur Haustür sprang.

Vor der schweren Eichentür blieb sie stehen, zog den Bademantel fester um sich und öffnete die Tür. Sogleich lief ein völlig durchnässter Mann an ihr vorbei ins Haus und schüttelte den Kopf, bevor er sich umwandte und sie ansah. Er schien seinen Augen nicht zu trauen. Sekundenlang musterte er sie von oben bis unten: von ihrem zitronengelben Gesicht bis zu ihren in Rentierfell steckenden Füßen. Dann zog er lächelnd die Brauen hoch. „Komme ich ungelegen?“

Sie konnte den Blick nicht abwenden. Er war wirklich da, in voller Lebensgröße, in ihrem Haus. Was für ein Geschenk. Wasser tropfte aus seinem Haar. Regnete es?

Er wedelte mit der Hand vor ihrem Gesicht herum. „Hallo?“

„Ich schätze, entweder es regnet oder Sie sind in voller Bekleidung ins Wasser gefallen.“ Tara machte die Tür zu.

„Oh …“ Er schüttelte wieder den Kopf, und noch mehr Wasser tropfte aus seinem Haar. „Es regnet, richtig. Haben Sie das nicht gehört? Die reinste Sintflut.“

„Nein, ich habe …“ Sie blickte zu ihrem Computer und suchte nach Worten. Was genau sie gerade geschrieben hatte, konnte sie ihm wohl kaum verraten. „Ich war beschäftigt.“

Er folgte ihrem Blick zu dem Schreibtisch am Fenster. „Sie surfen wohl gerade im Internet, stimmt’s?“

„Nein, nicht ganz.“ Sie lächelte. Doch das Lächeln gefror ihr, als sie spürte, wie sich ihre Haut um Mund und Nase spannte. Du liebe Zeit! Sie stand tatsächlich da, unterhielt sich mit ihm, dem Objekt ihrer Träume, und hatte noch die Gesichtspackung aufgetragen. „Ach … verdammt.“

„Wie bitte?“

„Ich muss aussehen wie das Monster von der Grünen Lagune.“

Sein Lachen klang tief und sehr männlich. „Na ja, der Farbton ist etwas ungewöhnlich. Trotzdem, Ihre Hausschuhe gefallen mir.“

„Ach, du lieber Himmel!“

„Schon gut. Sie konnten ja nicht ahnen, dass plötzlich jemand an Ihre Tür klopft.“

Ihr Blick glitt über sein lächelndes Gesicht, von seinen tiefblauen Augen zu den strahlend weißen Zähnen und den sinnlichen Lippen. Er war sehr groß, breitschultrig und hatte lange Beine. So einem außergewöhnlichen Mann begegnete man selten. Als sie ihm wieder in die Augen sah, merkte sie, dass er sie beobachtet hatte, und errötete unter der Gesichtsmaske. „Sie haben sich verfahren, oder?“

Ein wissendes Lächeln umspielte seine Lippen. „Nein, das habe ich nicht. Ich bin genau da, wo ich sein sollte.“

„Wirklich? Sie sollten genau hier sein und das Wasser aus Ihren durchnässten Sachen auf meinen Fußboden tropfen lassen?“

„Nicht ganz.“ Er reichte ihr die Hand. „Ich bin Ihr Nachbar.“

Tara tat so, als hätte sie keine Ahnung. „Im Ernst? Sie haben das alte Gemäuer nebenan gekauft? Sind Sie verrückt?“ Sie schüttelte ihm die Hand.

„Ja, vermutlich. Ich liebe baufällige Häuser.“

Sie lächelte. „Dann haben Sie das richtige Haus gekauft. Ich bin Tara Devlin und sehe normalerweise anders aus.“

„Jetzt bin ich neugierig, wie Sie wirklich aussehen.“ Er hielt ihre Hand immer noch in seiner. „Und aus irgendeinem Grund …“, er ließ den Blick über ihre Rundungen gleiten, die sich unter dem Bademantel abzeichneten, „… werde ich wohl nicht enttäuscht sein.“

Tara zog unvermittelt ihre Hand zurück und band den Gürtel des Bademantels noch fester. „Wenn Sie durch dieses Ding hindurchschauen können, müssen Sie Röntgenaugen haben.“

„Für so etwas habe ich ein Gespür.“

„Darauf wette ich.“ O ja. Sie hatte die Gerüchte über ihn schon gehört. Sie runzelte leicht die Stirn, wobei ihre Gesichtsmaske so viele Knitterfalten bekam, dass sie wie eine Achtzigjährige aussehen musste. „Nun, haben Sie einen Grund für Ihren Besuch? Oder wollten Sie nur kurz hereinschauen, um Ihr Gespür zu testen?“

Er lächelte verlegen. „Ich wünschte, ich könnte behaupten, es sei ein Höflichkeitsbesuch. Nein, ich bin aus einem ganz anderen Grund hier. Mein Jeep ist stehen geblieben, und ich muss eine Werkstatt anrufen, sonst kann ich morgen nicht zur Arbeit fahren.“

„Haben Sie kein Telefon?“

„Nein, es ist noch nicht angeschlossen.“ Er schob die Hand in die Tasche seiner dicken Jacke und zog ein Handy heraus. „Und damit habe ich hier keinen guten Empfang.“

Sekundenlang betrachtete Tara ihn, während er mit gesenktem Kopf dastand und auf sein Handy blickte. Als er aufsah, begegneten sich ihre Blicke. Schließlich lächelte er, dabei erschienen Grübchen in seinen Wangen. „Was meinen Sie, kann ich Ihr Telefon benutzen?“

Immer noch schaute sie ihn an. Er war wirklich sexy – was sie natürlich nur in ihrer Eigenschaft als Autorin interessierte. Schön im eigentlichen Sinn war er nicht, aber er sah gut aus in dem dicken, gestrickten Pullover, den verwaschenen Jeans und den festen Wanderstiefeln. Tara fragte sich, ob sein Pullover auch durchnässt war, und ihre Gedanken schweiften ab zu der Romanszene, die sie gerade schrieb. Plötzlich wurde ihr Mund ganz trocken.

„Tara?“

Beim leisen Klang seiner Stimme bekam sie Herzklopfen. Seit wann hörte sich ihr Name so sexy an? Sie schüttelte den Kopf, wie um den Gedanken loszuwerden.

„Das Telefon steht da drüben.“ Sie wies in die Richtung.

„Danke“, sagte er und durchquerte den Raum.

Sie beobachtete ihn weiter, während er die Nummer von seinem Handy ablas und dann an ihrem Apparat wählte. Wieder dachte sie an die Szene aus ihrem Roman und stellte sich ihn als den Helden vor – schon wieder. Offensichtlich bin ich viel zu lange mit keinem Mann mehr ausgegangen, sonst würde ich nicht so auf ihn reagieren, dachte sie.

„Hallo, McIlvenna’s? Mein Jeep ist an der Küstenstraße stehen geblieben. Könnten Sie ihn abschleppen?“ Er sah Tara über die Schulter hinweg an und lächelte. „In einer halben Stunde, ja, in Ordnung. Ich bin Jack Lewis und warte im Wagen auf Sie.“

„Wie, sagten Sie gerade, heißen Sie?“, fragte Tara, während er den Hörer auflegte.

Jack drehte sich zu ihr um. Sie war wirklich sehr … außergewöhnlich und irgendwie seltsam. Bisher war er ihr noch nicht begegnet. Nur das Licht, das sie oft bis in die frühen Morgenstunden anhatte, hatte ihm bewiesen, dass das Haus bewohnt war.

„Es tut mir Leid, ich hätte mich vorstellen müssen. Ich bin Jack.“

„Jack Lewis?“

„Ja“, antwortete er lächelnd. „Sollten Sie nicht diese Maske vom Gesicht nehmen? Meine Schwestern behaupten immer, man bekomme Hautausschlag, wenn man sie zu lange benutze.“

„Das mag sein. Aber erst muss ich etwas klären. Sie heißen also Jack Lewis, und Ihr Jeep ist auf der Küstenstraße liegen geblieben?“

Er blinzelte kurz und beschloss mitzuspielen, statt an ihrem Verstand zu zweifeln. „Richtig. Ist das wichtig für Sie?“

„Sie können gar nicht Jack Lewis sein, wissen Sie.“ Ihr Lachen klang sogar in ihren eigenen Ohren wie das einer Wahnsinnigen. „Es ist einfach nicht möglich.“

„Was ist nicht möglich?“

Mit ihren großen grauen Augen sah sie ihn skeptisch an. „Alles, denn ich habe Sie erfunden. Sie sind das Produkt meiner Fantasie, deshalb können Sie unmöglich … wirklich existieren.“ Sie wies auf ihren Computer und wandte den Blick von Jack ab.

Er sah in die Richtung und entdeckte die große gescheckte Katze, die dort saß. „Ein schönes Tier.“ Jack hasste Katzen.

„Das ist ein Scherz, stimmt’s? Wer hat Sie dazu angestiftet?“

„Es ist kein Scherz. Ich bin wirklich Jack Lewis, schon mein ganzes Leben lang. Meine Eltern haben mir den Namen gegeben. Und ich besitze einen Jeep. Einen blauen. Ich habe keine Ahnung, wovon Sie reden. Aber danke, dass ich Ihr Telefon benutzen durfte.“ Er ging zur Tür.

Tara versperrte ihm den Weg. „Wie alt sind Sie?“

„Einunddreißig.“

„Okay, das stimmt so weit.“ Sekundenlang dachte sie nach. Dann verschränkte sie die Arme vor der Brust und lächelte. „Gut, wie viele Schwestern haben Sie?“

Jack zog eine Augenbraue hoch. „Vier.“

„Das gibt es nicht! Woher wussten Sie das?“

Er blickte zur Tür hinter ihr. Es waren nur wenige Schritte, es müsste zu schaffen sein, an dieser seltsamen Frau vorbei hinauszulaufen.

„Haben Sie mein Manuskript gelesen?“

„Ihr was?“

„Mein Manuskript! Hat Eleanor Ihnen die Zusammenfassung gegeben?“

„Jetzt passen Sie mal auf, Miss …“ Er machte einen Schritt an ihr vorbei. „Ich kenne keine Eleanor, es sei denn, Sie meinen meine zweiundachtzigjährige Großtante, die in Galway lebt.“

Wieder versperrte Tara ihm den Weg. „Ja, sie hat es getan. Sie hat Sie dazu angestiftet, um etwas mehr Abwechslung in mein Leben zu bringen. Davon redet sie sowieso immer. Sind Sie so etwas wie ein Gigolo?“

„Was soll ich sein?“, fragte er verblüfft.

„Sie wissen schon, eine Art männliche …“

„Oh, ich weiß, was ein Gigolo ist!“

„Hat sie Sie gemietet, um … um …?“ Tara schluckte. „Ach, Sie wissen, was ich meine.“

Ihr Bademantel öffnete sich etwas, und Jack versteifte sich beim Anblick ihrer nackten Haut und dem Ansatz ihrer Brüste. Seine älteste Schwester hatte Recht, er musste wieder öfter ausgehen. Vielleicht hätte er eins der zahlreichen Angebote annehmen sollen, die er seit seiner Ankunft hier in diesem Ort bekommen hatte.

„Klären Sie mich doch auf, Tara. Sie scheinen mehr über mich zu wissen als ich. Weshalb sollte mich jemand gemietet haben?“

„Gehen Sie bitte. Das ist am besten.“

Jack trat einen Schritt näher. „Obwohl man mich gemietet hat, um Sie zu verführen? Das haben Sie doch gemeint, oder?“

Sie wich zurück und griff nach der Türklinke hinter ihr. „Jack Lewis würde mich nicht verführen.“

„Warum nicht?“

Während sie nach einer guten Begründung suchte, blickte sie ihm unverwandt in die Augen. „Weil ich nicht sein Typ bin“, erwiderte sie schließlich.

„Wer wäre denn sein Typ?“

„Er zieht schöne, elegante, selbstbewusste Frauen … mit Sex-Appeal vor.“

„Wer sagt das?“, fragte er lächelnd. „Vielleicht sind mir hübsche Frauen mit Verstand und Sinn für Humor lieber.“

„Sie sind nicht Jack Lewis.“

„Doch, der bin ich.“

„Nein, sind Sie nicht.“

Er seufzte. „Okay. Aber bitte glauben Sie mir, dass niemand mich zu Ihnen geschickt hat. Außer Ihrem und meinem Haus gibt es hier weit und breit kein anderes, und Sie hatten Licht an. Ich bin an keiner Verschwörung beteiligt und habe nicht den Auftrag, mit Ihnen zu schlafen.“

„Ich brauche niemanden, der mit mir schläft“, protestierte sie.

„Wirklich nicht?“ Er sah sich in dem Raum um. „Sie leben hier mitten in der Einöde ganz allein mit Ihrer Katze. Und an einem Samstagabend haben Sie nichts anderes zu tun, als im bequemen Outfit Körperpflege zu betreiben. Das lässt darauf schließen, dass Sie Single sind.“

„Wer sind Sie eigentlich, dass Sie glauben, so mit mir reden zu können?“

Er zuckte gleichgültig die Schultern. „Sie glauben mir ja nicht, wenn ich Ihnen sage, wer ich bin. Deshalb ist es sinnlos, es zu wiederholen.“

Sprachlos sah sie ihn an.

„Ich habe Recht, oder?“ Jack lächelte und kam noch einen Schritt näher. „Wann hatten Sie das letzte Mal Sex?“

Vor lauter Zorn riss sie die Tür so heftig auf, dass sie stolperte und in seine Richtung zu fallen drohte. Rasch hielt er sie fest.

„Oh, Sie brauchen sich mir nicht gleich an den Hals zu werfen.“ Er konnte sich die spöttische Bemerkung nicht verkneifen.

Tara stieß ihn von sich. „Sie sind ein arroganter Kerl!“, rief sie aus. „Verschwinden Sie!“ Er ließ sie los, und sie hielt mit einer Hand die beiden Enden ihres Bademantels krampfhaft zusammen, während sie mit der anderen auf die offene Tür wies. „Ich meine es ernst. Verlassen Sie sofort mein Haus.“

Jack sah ein, dass er zu weit gegangen war. „Okay, es war kein guter Anfang. Aber wir sind Nachbarn, deshalb sollten wir versuchen …“

„Raus hier!“, unterbrach sie ihn.

„Gut, wie Sie wollen.“ Er schüttelte den Kopf und ging hinaus. Als er sich umdrehte, machte Tara gerade die Tür zu. „Sie sind verrückt! Wissen Sie das?“, rief er ihr trotzdem zu.

Tara nahm sich vor, sich über ihren neuen Nachbarn nicht zu ärgern. Dass sie ihn in den zwei Wochen seit seiner Ankunft immer wieder heimlich beobachtet hatte, während er das baufällige Haus renovierte, war völlig belanglos. Aber es gab gewisse Ähnlichkeiten zwischen ihrem Romanhelden und diesem arroganten Kerl, dem das Nachbarhaus gehörte. Das ließ sich nicht abstreiten.

Seine Ankunft war natürlich in Ross’s Point, dem kleinen Ort mit ungefähr zweiundzwanzig Einwohnern, nicht unbemerkt geblieben. Besonders in dem kleinen Lebensmittelladen mit der Postagentur, dem Treffpunkt der Dorfbewohner, redete man über ihn.

Tara brauchte an diesem Tag ungewöhnlich lange, sich zu entscheiden, was sie kaufen wollte. Es ist doch nicht meine Schuld, dass ich meine Lieblingssuppe nicht finden kann und dass die Leute sich so laut unterhalten, versuchte sie sich zu rechtfertigen. Absichtlich würde sie natürlich niemals lauschen. Nein, ganz bestimmt nicht.

„Er ist offenbar wirklich nicht verheiratet.“ Mrs. Donnelly verschränkte die Arme vor ihrem üppigen Busen. „Dabei sollte man meinen, ein Mann wie er hätte in dem Alter schon eine nette Frau. Glaubt ihr, er sei … andersherum?“

Mrs. McHugh mit ihrem perfekt frisierten grauen Haar zog eine Augenbraue hoch. „Geraldine Donnelly, du denkst, jeder Mann, der mit dreißig noch nicht verheiratet ist, sei homosexuell.“

„Na ja“, entgegnete die rundliche Frau, „normal ist es jedenfalls nicht. Es muss doch einen Grund dafür geben, dass er noch ledig ist. Unsere Philomena ist noch zu haben. Warum interessiert er sich nicht für sie?“

Sie hat mindestens zwanzig Kilo Übergewicht, dachte Tara.

Sheila Mitchell, Taras nächste Nachbarin und die einzige, die ungefähr in ihrem Alter war, lächelte nachsichtig hinter der Ladentheke. „Könnt ihr euch nicht vorstellen, dass er vielleicht die Richtige noch nicht gefunden hat?“

Die beiden Frauen sahen sie erstaunt an. „Und warum nicht?“, fragte Edith McHugh. „Er hat sich die Telefonnummer unserer Fiona aufgeschrieben, aber sie bis jetzt noch nicht angerufen. So ein nettes Mädchen würde doch zu ihm passen.“

Sheila lächelte immer noch. „Es stimmt, heutzutage ist es nicht leicht, ein wirklich nettes Mädchen zu finden. Hier im Dorf gibt es sowieso nicht viele. Vielleicht war er zu beschäftigt, um anzurufen.“

„Es gibt aber so etwas wie gutes Benehmen, Sheila“, wandte Geraldine ein. „Philomena hat ihn zum Abendessen eingeladen, doch er hat überhaupt nicht darauf reagiert. Ich habe erfahren, dass er mit jeder unverheirateten Frau im Dorf geredet hat, ohne mit einer einzigen auszugehen. In seinem Alter ist das wirklich nicht normal. Du hast mit vierundzwanzig geheiratet, Sheila, was meiner Meinung nach auch schon relativ spät war. Zu meiner Zeit heirateten die jungen Frauen viel früher. Sie wollten keine alte Jungfer werden, die dann niemand mehr haben wollte.“

Auf einmal sahen alle Tara an. Sie zauberte ein Lächeln auf die Lippen. „Meine Damen?“

Edith seufzte. „Wir wollten dich nicht beleidigen, Tara.“

Sie biss die Zähne zusammen. „Natürlich nicht.“

„Hat dich der neue Nachbar mit seinem Charme noch nicht betört, Tara?“, wollte Sheila wissen.

Langsam richtete sie sich zu ihrer vollen Größe auf und zog eine Augenbraue hoch. „Mich?“ Ich habe keine Lust, auch zu den Frauen zu gehören, die auf ihn warten, fügte sie insgeheim hinzu. Lieber würde sie sich auf die Helden ihrer Romane konzentrieren, das war sicherer. Dann gab es in ihrem Haus keine gebrochenen Herzen außer denen, die sie selbst erschuf und heilte.

Sheila lächelte. „Ja, dich. Du bist doch Jack Lewis’ nächste Nachbarin. Hast du ihn noch nicht kennen gelernt?“

Tara errötete. „Heißt er eigentlich wirklich so?“

„Ja. Er hat mir seinen Führerschein vorgelegt, als er zum ersten Mal mit Kreditkarte bezahlt hat.“ Sheila sah Tara wie um Entschuldigung bittend an. „Das ist Vorschrift. Wir müssen uns einen Ausweis mit Foto zeigen lassen, wenn wir jemanden nicht persönlich kennen. Ich muss vorsichtig sein.“

„Das ist mir klar, Sheila“, versicherte Tara ihr. „Ist es völlig ausgeschlossen, dass er nicht Jack Lewis heißen könnte?“

„O ja.“

Tara runzelte die Stirn. „Okay.“

„Hast du ihn kennen gelernt?“

Sie nickte. „Ja, er ist kurz vorbeigekommen. Hast du keine … Tomatensuppe?“

„Auf dem zweiten Regal links stehen die Dosen. Wann ist er denn vorbeigekommen? War es ein Höflichkeitsbesuch?“

In dem Moment entdeckte Tara die Tomatensuppe. „Sein Jeep ist liegen geblieben, und er wollte McIlvenna’s anrufen, um ihn abschleppen zu lassen.“

„Was hältst du von ihm?“

Ohne Sheila anzuschauen, legte Tara die Dose in den Einkaufskorb. „Wir haben uns nicht richtig unterhalten. Aber ich glaube, er kann ganz nett sein.“

„Jedenfalls ist er Single, wie wir erfahren haben“, bekräftigte Edith. „Er sieht auch nicht schlecht aus.“

„Das ist mir nicht aufgefallen, Mrs. McHugh. Immerhin bin ich bekannt dafür, mit meinem Dasein als alte Jungfer zufrieden zu sein.“ Tara legte die Einkäufe auf die Theke, reichte Sheila einen Geldschein und wartete mit zusammengebissenen Zähnen auf das Wechselgeld.

Sheila lächelte freundlich und beugte sich zu Tara hinüber. „Ärger dich nicht, Tara, die beiden meinen es nicht böse. Ich bin sicher, er ist ein angenehmer Nachbar. Es ist gut für dich, jemanden in deinem Alter in der Nähe zu haben. Pass nur auf, dass er mit dir nicht genauso umgeht wie mit Fiona und Philomena. Aber wenn du dich mit ihm anfreunden willst, kannst du ihn gern an einem Sonntag zum Mittagessen mitbringen.“

„Wahrscheinlich ist er viel zu beschäftigt. Es dauert noch lange, bis er das Haus und das Grundstück in Ordnung gebracht hat. Außerdem ist er bestimmt nicht einsam und allein, sonst hätte er sich Fiona und Philomena gegenüber nicht so unhöflich verhalten.“

„Gut, doch wenn du es dir anders überlegst …“

„Danke, Sheila.“ Sie warf einen kurzen Blick über die Schulter, als sie den Laden verließ. Ihr klangen die Ohren, und sie fragte sich, wie Sheila mit den Klatschtanten zurechtkam, ohne die Geduld zu verlieren.

Während sie über den schmalen Pfad wanderte, der an den Klippen entlang zu ihrem Haus führte, lächelte Tara. An so einem schönen Tag verflog jeder Ärger rasch. Das Meer war genauso blau wie der Himmel, an dem nur zwei kleine Wolken zu sehen waren. Die Wellen brandeten gegen die Steilküste und bildeten weißen Schaum auf den Kämmen. Es war immer wieder ein ganz besonderes Erlebnis für Tara und der Hauptgrund, weshalb sie sich nach Ross’s Point zurückgezogen hatte, um zu schreiben.

Um in ihr Sommerhaus zu gelangen, musste sie an dem baufälligen Gebäude vorbeigehen, das Jack Lewis gekauft hatte. Früher einmal war es ein sehr schönes viktorianisches Haus gewesen, aber man hatte es zu lange vernachlässigt. Sie blieb stehen und betrachtete es. Dann schloss sie die Augen und versuchte sich vorzustellen, wie es einmal ausgesehen haben mochte. Schließlich ging sie lächelnd weiter zu ihrem kleinen Haus, das sie sehr liebte und gut instand hielt.

Auf einmal bemerkte sie aus den Augenwinkeln etwas Rotes und entdeckte schließlich die Leiter an dem großen Gebäude. Und ganz oben auf der Leiter stand ein Mann. Jack Lewis höchstpersönlich, wie sie vermutete.

Sie bemühte sich, nicht hinzuschauen und zu ignorieren, wie eng die verwaschenen Jeans um seine Hüften saßen. Und sie versuchte auch, den Blick abzuwenden, als er die Arme hob, um die neue Dachrinne zu befestigen, und dabei seine nackte Haut zwischen den Jeans und dem roten T-Shirt zu sehen war. Ihr fiel natürlich auch nicht auf, dass sein braunes Haar mit den blonden Strähnen in der Sonne glänzte.

Dass sie immer wieder an ihn denken musste, seit er hier war, war geradezu lächerlich. Sie hatte doch genug andere Dinge zu tun. Wahrscheinlich hatte der Held ihres neuen Romans so viel Ähnlichkeit mit ihm, weil sie ihre Fantasien auf irgendeine Art ausleben musste.

Der Mann war offenbar wirklich ein schwieriger Fall. Angeblich hatte er viele Freundinnen gehabt und alle verlassen.

Plötzlich wackelte die Leiter, und sogleich erinnerte Tara sich an die Szene im zweiten Kapitel ihres Romans. Darin fiel Jack Lewis von der Takelage seines Schiffs und brach sich den Knöchel. Wie weit würde dieser Mann hier gehen, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen?

Wieder wackelte die Leiter, und Jack Lewis stürzte hinunter.

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