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Zärtliche Nächte auf Zypern

PROLOG

„Ich werde dich so vermissen!“

Katie Carlyon nahm ihre Zwillingsschwester Kelly in den Arm. Nun, da der Moment des Abschieds gekommen war, spürte sie doch Aufregung und Nervosität. Sie hatten sich bislang noch nie für längere Zeit getrennt, und die Vorstellung, in Zukunft ihre Schwester nicht mehr in der Nähe zu haben, machte ihr ein wenig Angst „Ich werde dich auch vermissen, aber es gibt schließlich gute Gründe für unsere Entscheidungen.“ Kelly drückte Katie an sich, ihre Augen funkelten schelmisch. „Sehr gute Gründe sogar. Gib es zu, Katie, du kannst es gar nicht erwarten, Petros wiederzusehen!“

„Das stimmt.“

Katie lachte und hoffte, dass ihre Schwester ihr heimliches Unbehagen nicht spürte. Petros meldete sich nicht. Weder rief er sie an, noch antwortete er auf die zahlreichen SMS-Nachrichten, die sie ihm in den letzten Tagen geschickt hatte. Tatsächlich hatten sie nicht mehr miteinander gesprochen, seit sie ihm die voraussichtliche Ankunftszeit ihres Fluges genannt hatte. Sie konnte verstehen, dass seine Arbeit ihn sehr in Anspruch nahm, aber er hätte doch die Zeit für einen kurzen Anruf erübrigen können …

„Ach ja, dieses warme, prickelnde Gefühl, wenn man frisch verliebt ist.“ Kelly grinste liebevoll.

„Na warte, Kelly Carlyon“, drohte Katie. Sie hatte nicht die Absicht, ihre Schwester in diesem Moment, in dem sie beide an der Schwelle zu einem neuen Lebensabschnitt standen, mit ihren Unsicherheiten zu beunruhigen. Petros hatte ihr aufrichtig versichert, dass er sie liebte, und es gab keine Veranlassung, daran zu zweifeln. „Wir sprechen uns wieder, wenn du dich Hals über Kopf verliebt hast!“

„Da kannst du lange warten, das wird nicht mehr passieren. Mir reichen die Liebesgeschichten, die ich hinter mir habe; ich bin bedient.“

Katie wollte gerade protestieren, doch in diesem Augenblick wurde ihr Flug aufgerufen. Sie umarmte ihre Schwester noch einmal und nahm ihre Reisetasche in die Hand. „Ich schicke dir eine SMS, sowie ich angekommen bin. Pass auf dich auf.“

Sie eilte zur Sicherheitskontrolle und zeigte dort ihre Bordkarte vor. Es war Anfang Mai, und viele Leute flogen in den Süden in Urlaub. Zypern war ein beliebtes Reiseziel und der Flug ausgebucht; deshalb dauerte es eine ganze Weile, bis endlich alle Passagiere an Bord waren.

Zwanzig Minuten später hob das Flugzeug ab. In vier Stunden würde sie ein neues Leben beginnen an der Seite des Mannes, den sie liebte. Es war ein großer Schritt, aber sie war sich sicher. Sie wollte für immer mit Petros zusammen sein.

1. KAPITEL

Wo war er?

Katie spürte ihr Herz vor Aufregung laut schlagen, während sie die Telefonnummer des Krankenhauses eintippte. Ihr Flugzeug war schon seit über einer Stunde gelandet, und noch immer war weit und breit nichts von Petros zu sehen. Sie hatte immer wieder versucht, ihn auf seinem Handy zu erreichen, doch das war ausgeschaltet. Nun fiel ihr nichts anderes mehr ein, als ihn auf seiner Arbeitsstelle anzurufen.

„Poseidonos International Hospital, Kalimera.“

„Ich möchte bitte mit Dr. Constantine sprechen“, erklärte Katie, so ruhig sie konnte. Sie wartete, während ihr Anruf durchgestellt wurde, und betete, dass Petros zu sprechen war. Obwohl er ihr von seiner Villa in der Küstenstadt Paphos erzählt hatte, wusste sie nicht genau, wo diese lag und wie man dorthin kam. Wenn es ihr nicht gelang, Kontakt mit ihm aufzunehmen, war sie ohne Adresse und Ziel …

„Dr. Constantine.“

Erleichtert seufzte sie auf. „Petros, ich bin’s – Katie. Bin ich froh, deine Stimme zu hören!“

„Tut mir leid, da irren Sie sich. Mein Name ist nicht Petros, sondern Christos Constantine.“

„Oh, Verzeihung“, entschuldigte Katie sich. „Mir war nicht klar, dass es in diesem Krankenhaus zwei Ärzte gibt, die Constantine heißen. Ich wollte mit Dr. Petros Constantine sprechen. Würden Sie so freundlich sein und mich weiterverbinden? Mein Name ist Carlyon – Katie Carlyon.“

„Und warum möchten Sie ihn sprechen, Miss Carlyon?“

„Das geht Sie nichts an, meinen Sie nicht?“, erwiderte Katie, entrüstet über den arroganten Unterton des Mannes. Nachdem sich ihre Aufregung etwas gelegt hatte, konnte sie auch den Unterschied heraushören. Dieser Mann hatte eine wesentlich tiefere Stimme als Petros. Und ihm fehlte der leicht belustigte Ton, den sie an Petros immer so attraktiv gefunden hatte.

„Nein, das meine ich nicht. Es geht mich sehr wohl etwas an. Petros hat mich schon vorgewarnt, dass Sie eventuell auftauchen könnten. Wenn Sie jedoch annehmen sollten, ich ließe zu, dass Sie seine Hochzeit ruinieren, dann haben Sie sich geirrt.“

„Seine Hochzeit“, wiederholte Katie wie betäubt. „Ich verstehe nicht, soll das heißen, dass Petros … dass er heiratet?“

„Natürlich. Und tun Sie nicht so, als ob Sie das nicht wüssten. Petros hat mir versichert, dass er Ihnen von Eleni erzählt hat, denn er hoffte, diesem ganzen Unsinn rechtzeitig ein Ende setzen zu können. Er war ganz bestürzt über die unzähligen Nachrichten und Anrufe, mit denen Sie ihn in letzter Zeit bombardiert haben.“

„Ich habe keine Ahnung, wovon Sie sprechen. Von einer Eleni habe ich nie etwas gehört. Petros hat sie mit Sicherheit niemals erwähnt. Das Letzte, was ich von ihm hörte, war eine Liebeserklärung.“

Katie biss sich auf die Lippe, als sie spürte, dass ihr die Tränen in die Augen stiegen. Warum sagte dieser Mann so etwas? Petros liebte sie! Aber warum wollte er dann eine andere Frau heiraten?

Sie holte tief Luft, um die Furcht loszuwerden, die in ihr aufzusteigen begann. „Ich muss mit Petros sprechen, damit wir das klären können. Verbinden Sie mich bitte mit ihm.“

„Ich habe nicht die Absicht zuzulassen, dass Sie meinen Cousin verfolgen, Miss Carlyon.“

„Petros verfolgen? Das verdreht die Tatsachen. Petros hat mich mit seinen Einladungen bedrängt!

Die kurze Pause schien darauf hinzudeuten, dass ihre Behauptung wahrhaftig geklungen hatte. Dann fragte der Mann knapp: „Von wo aus rufen Sie an?“

„Vom Flughafen. Ich bin vor etwa einer Stunde hier gelandet und warte seitdem vergeblich auf Petros.“ Während sie sprach, wurde ihr die Ungeheuerlichkeit dessen, was gerade geschah, bewusst. Wenn es stimmte, was dieser Mann behauptete, war es mehr als unwahrscheinlich, dass Petros unterwegs war, um sie abzuholen. Sie hatte ihren Job und ihre Wohnung aufgegeben, um ein neues Leben mit dem Mann zu beginnen, den sie liebte – aber allem Anschein nach wollte er sie nicht mehr. Es kostete sie große Anstrengung, sich zu konzentrieren, als Christos Constantine weitersprach.

„Bleiben Sie dort. Ich werde zum Flughafen kommen und Sie suchen. Ich brauche etwa zwanzig Minuten, vielleicht etwas länger, je nachdem, wie der Verkehr ist.“

„Woran kann ich Sie erkennen?“, fragte sie schnell, aber er hatte schon aufgelegt.

Katie atmete tief durch. Vielleicht sollte sie noch einmal im Krankenhaus anrufen und direkt nach Petros Constantine fragen. Es musste sich um ein Missverständnis handeln; sie konnte sich nicht vorstellen, dass Petros diese schrecklichen Dinge über sie gesagt hatte.

Sie hatte sich ihm keineswegs an den Hals geworfen, sondern war wie immer äußerst zurückhaltend und vorsichtig gewesen, wenn es um Beziehungen ging. Die unerquickliche Scheidung ihrer Eltern hatte ihre Spuren hinterlassen, und deswegen war sie immer sehr ängstlich gewesen, sich auf etwas Festeres einzulassen. Sie ging zwar hin und wieder mit Männern aus, weigerte sich aber, sich vorschnell in eine Beziehung drängen zu lassen. Niemals wollte sie in dieselbe Situation geraten wie ihre Eltern.

Ihre Mutter und ihr Vater heirateten, wenige Monate nachdem sie sich getroffen hatten. Sie ließen sich keine Zeit, sich wirklich gut kennenzulernen, und mussten bald nach der Hochzeit entdecken, dass sie sehr wenig verband. Als sie im Jahr darauf ihre Zwillingstöchter bekamen, verstärkte das den Druck auf ihre Beziehung noch. Katie war zehn Jahre alt, als die beiden sich scheiden ließen, und ihr sehnlichster Wunsch war, dass all die Streitereien nun ein Ende hätten, aber dem war nicht so.

Denn nun begannen die Streitereien über das Sorgerecht. Das Gericht legte fest, dass sie und Kelly bei der Mutter leben sollten, aber es gab jedes Mal Krach, wenn ihr Vater seine Kinder sehen wollte. Das Leben wurde erst erträglicher, als die Zwillinge erwachsen waren und von zu Hause auszogen; doch zu diesem Zeitpunkt war der Schaden bereits angerichtet.

Schon damals fasste Katie den Beschluss zu warten, bevor sie eine Bindung einging. Der richtige Mann würde schon kommen. In dem Krankenhaus, in dem sie nun schon seit vielen Jahren als Krankenschwester arbeitete, erwarb sie sich den Ruf, in Bezug auf Männer extrem wählerisch zu sein. Aber das störte sie nicht. Sie wollte auf keinen Fall ein Risiko eingehen.

Als sie Petros kennenlernte, war sie zunächst nicht sonderlich beeindruckt von ihm. Er war im Rahmen eines Austauschprogramms an ihrer Klinik und erschien ihr viel zu sehr an seinem Amüsement interessiert, als dass sie ihn ernst nehmen konnte. Als er sich mit ihr verabreden wollte, wies sie ihn ab, aber er fragte sie hartnäckig immer wieder, bis sie schließlich nachgab.

Sie war von Natur aus ein schweigsamer Mensch, aber Petros brachte sie zum Lachen, mit ihm konnte sie unbefangen aus sich herausgehen. Er war so charmant und gut aussehend, so ganz anders als die Männer, die sie vorher gekannt hatte, und sie verliebte sich in ihn. Selbst dann hielt sie sich noch immer zurück, aber als er ihr seine Liebe gestand, war es um sie geschehen.

Als Kelly ihr erzählte, sie habe eine Stelle in Sardinien angenommen, gelangte Katie zu dem Schluss, dass es auch für sie an der Zeit war, in ihrem Leben einige Dinge zu verändern. Petros war gerade wieder nach Zypern zurückgekehrt, und sie vermisste ihn sehr. Der Gedanke, ohne ihn und ohne ihre Schwester allein in England zu leben, erschien ihr unerträglich; also beschloss sie, nach Zypern zu gehen, um mit ihm zusammen zu sein. Schließlich liebte er sie, und sie liebte ihn. Wozu sollte es gut sein, wenn sie getrennt voneinander waren, wenn sie sich doch zusammen eine Zukunft aufbauen konnten?

Das war jedenfalls ihr Plan gewesen bis zu dem Moment, als ihr Flugzeug landete. Und es war immer noch ihr Wunsch. Sollte sie wirklich ihren Traum vom großen Glück aufgeben, nur weil ein Unbekannter ihr irgendetwas erzählte?

Sie begann noch einmal, die Nummer des Hospitals einzutippen, zögerte dann aber. Sie hatte Petros geglaubt, als er sagte, er liebe sie, doch was, wenn es nur ein Trick gewesen war, um sie ins Bett zu bekommen? Es wäre nicht das erste Mal, dass eine Frau sich von aufrichtig klingenden Liebesschwüren einlullen ließ.

Zweifel keimten in ihr auf, und ihr erschien nichts mehr sicher. Sie brach den Anruf ab und steckte ihr Handy in die Tasche. Es war wohl besser abzuwarten, was Dr. Christos Constantine zu sagen hatte, bevor sie irgendetwas unternahm.

Christos fluchte leise vor sich hin, als er aus dem Büro stürmte. Das war das Letzte, was er jetzt brauchte! Es war schon schwierig genug für ihn, echte Begeisterung über die Hochzeit seines Cousins mit Eleni vorzutäuschen, ohne noch mit zusätzlichen Komplikationen zu kämpfen. Eine Sekunde lang war er versucht, Petros anzurufen und ihm zu sagen, dass er selbst die Suppe auslöffeln sollte, die er sich eingebrockt hatte, aber der Gedanke an Eleni brachte ihn wieder von dieser Idee ab. Es würde sie zu sehr aufregen, wenn sie von der Existenz dieser Frau erführe. Ihm lag einfach zu viel an Eleni, und er wollte nicht, dass jemand ihr wehtat.

„Yanni, ich muss kurz weg. Kümmere du dich bitte so lange um die Abteilung.“

Christos blieb kurz am Schreibtisch seines Stationsarztes Yanni Papadopoulous stehen. In der Unfallstation war es heute vergleichsweise ruhig zugegangen, und er hatte geplant, den Tag für eine Mitarbeiterschulung zu nutzen. Das Team arbeitete erst seit sechs Monaten zusammen, und es war wichtig, sein Können regelmäßig zu trainieren. Einige neue Krankenschwestern hatten erst diese Woche angefangen, und ihm war besonders daran gelegen, ihre Fertigkeiten einzuschätzen. Allerdings bemerkte er jetzt, dass von ihnen weit und breit nichts zu sehen war.

„Wo sind die neuen Schwestern?“

„Tina musste nach Hause gehen, weil ihr kleiner Junge krank geworden ist, und Rachel ist heute Morgen gar nicht erschienen“, erklärte Yanni. „Wir haben in ihrer Wohnung angerufen und erfahren, dass sie nach England zurückgegangen ist.“

Christos seufzte. Es war nicht das erste Mal, dass sie Probleme mit ausländischem Personal hatten. Die Vorstellung, auf Zypern zu arbeiten, klang für viele verlockend, aber die Realität sah oft ganz anders aus. Auch wenn das Wetter auf der malerischen Mittelmeerinsel gegenüber dem englischen Klima unleugbare Vorteile hatte, so machte der Sonnenschein letztlich keinen Unterschied, wenn man strapaziöse Zwölf-Stunden-Schichten arbeitete.

„Ich schaue auf dem Rückweg bei der Agentur vorbei und bitte sie, einen Ersatz zu finden. Ich werde nicht lange weg sein – wenn etwas Dringendes anliegt, piepen Sie mich an.“

Er ging hinaus und stieg in seinen Wagen. Es war kurz nach zwölf, und auf den Straßen war es ausnahmsweise ziemlich ruhig. Zypern zog das ganze Jahr über Touristen an, doch der große Ansturm würde erst in einigen Wochen losgehen. Hochsaison auch für seine Abteilung.

Als Leiter der Unfallstation im Poseidonos International Hospital hatte Christos die Auswirkungen von zu viel Sonne und Wein aus erster Hand ausreichend erlebt, und inzwischen konnte ihn fast nichts mehr erschüttern. Er behandelte jeden Fall mit gleichbleibender Professionalität. Er hatte hart gearbeitet, um seine heutige Position zu erreichen, und unbeirrbar das Ziel angestrebt, das er nach dem Tod seiner Eltern für sich festgelegt hatte. Sie waren beide hervorragende Ärzte gewesen, und es erschien ihm richtig, ihr Andenken zu ehren, indem er denselben Beruf wie sie wählte.

Der Weg nach oben war lang und hart gewesen, aber er hatte sein Ziel erreicht. Zumindest in beruflicher Hinsicht. In seinem Privatleben herrschte ein großes Durcheinander, das sich nicht entwirren ließ.

Der Gedanke versetzte ihm einen Stich, doch er war jetzt beim Flughafen angelangt und hatte keine Zeit, sich über seine persönlichen Probleme Gedanken zu machen. Er hatte noch keine Ahnung, wie er mit Katie Carlyon umgehen sollte, aber er würde es nicht zulassen, dass sie Eleni ihren Hochzeitstag verdarb. Obwohl er früher einmal gehofft hatte, dass Eleni ihn heiratete, hatte er schon vor langer Zeit akzeptiert, dass es nie dazu kommen würde. Eleni hatte das Recht auf einen Ehemann, der immer für sie da war, jemanden, der ihre Bedürfnisse über alles andere stellte.

Seit dem Tod seiner Eltern war er beständig auf seine Ausbildung und Karriere konzentriert. Schon als Teenager, wenn Eleni ihn fragte, ob er mit ihr schwimmen ginge, lehnte er meistens ab, denn er war zu sehr mit seinen Schulaufgaben beschäftigt. Also begleitete Petros sie an seiner Stelle zum Strand.

Während seines Medizinstudiums änderte sich an seiner Arbeitshaltung nichts. Erst als er anfing, im Krankenhaus zu arbeiten, gestand er sich seine Gefühle ihr gegenüber ein. Und Eleni gab ihm deutlich zu verstehen, dass sie sich auch von ihm angezogen fühlte.

Sie gingen miteinander aus, und zuerst war alles wunderbar, doch dann zeigte sich mehr und mehr, dass die Beziehung nicht funktionierte. Seine Arbeitstage im Krankenhaus waren lang und anstrengend, sodass sie sich nur selten sahen. Manchmal schaffte er es tagelang nicht einmal, sie anzurufen. Als Eleni ihm dann sagte, dass sie sich von ihm trennen wollte, tat ihm das unendlich weh, aber im tiefsten Innern war ihm klar, dass sie recht hatte.

Die Trennung lag nun schon mehrere Jahre zurück, und die Zeit hatte die Wunden geheilt. Trotzdem war es ein Schock für ihn, als er erfuhr, dass sie mit seinem Cousin zusammen war. Und ein noch größerer Schock, als die beiden ihre Verlobung bekannt gaben. Das war kurz nach Petros’ Rückkehr aus England gewesen.

War Petros wirklich der richtige Mann für sie? Das fragte Christos sich nicht zum ersten Mal, aber Eleni zuliebe behielt er seine Bedenken für sich. Sein Cousin hatte unzählige Freundinnen gehabt und es offensichtlich genossen. Sich ihn als treuen Ehemann vorzustellen fiel schwer. Immerhin behauptete Petros, wahnsinnig verliebt in sie zu sein. Wenn Miss Carlyon nicht gelogen hat, dachte Christos, dann unterscheiden sich Petros’ Vorstellungen von wahrer Liebe gewaltig von meinen!

Seufzend stieg Christos aus dem Wagen. Es brachte nichts, sich jetzt darüber den Kopf zu zerbrechen. Auch wenn er seine Zweifel hatte, würde er doch alles daransetzen, dass die Hochzeit planmäßig stattfand. Und wenn es erforderlich war, Katie Carlyon nach England zurückzuschicken, dann würde er genau das tun.

Katie musterte suchend die Gesichter der Leute, die die Flughafenhalle betraten. Sie hatte keine Ahnung, wie sie Dr. Constantine erkennen sollte. Ob er Petros ähnlich sah?

Ihr Blick streifte einen groß gewachsenen, dunkelhaarigen Mann, der gerade durch die Tür gekommen war, und sie erschauerte. Obwohl er nicht genau wie Petros aussah, lag etwas Vertrautes in seinen kantigen Gesichtszügen. Sie verfolgte seinen Weg durch die Flughafenhalle. Im Gegensatz zu den Touristen in ihrer farbenfrohen Freizeitkleidung war er ausgesprochen nüchtern gekleidet in seinem leichten grauen Anzug, weißen Hemd und mit dezent blauer Krawatte. Er wirkte sehr beeindruckend, und Katie bekam plötzlich Angst.

Wollte sie sich noch einmal der peinlichen Situation aussetzen, sich von ihm eine Standpauke halten zu lassen? Vielleicht hatte er tatsächlich das Gefühl, mit seiner Einschätzung im Recht zu sein, aber er hatte nicht einmal nach ihrer Sichtweise der Geschichte gefragt. Er hegte keine Vorstellung darüber, mit welcher Entschlossenheit Petros ihr nachgestellt hatte. Offensichtlich hatte er sein Urteil über sie schon gefällt. Es war wesentlich sinnvoller, einer weiteren Konfrontation mit ihm auszuweichen und stattdessen zum Krankenhaus zu fahren und Petros selbst zur Rede zu stellen.

Katie schnappte sich ihren Koffer und ging auf den Ausgang zu, um sich ein Taxi zu nehmen. Sie konnte und wollte nicht glauben, dass Petros all diese schrecklichen Dinge über sie gesagt hatte. Immerhin war es möglich, dass dieser Mann sich aus ganz persönlichen Beweggründen eine Geschichte ausgedacht hatte. Dieser Gedanke beflügelte sie. Sie musste so schnell wie möglich zu Petros, um selbst herauszufinden, was wirklich vorgefallen war.

Sie war fast am Ausgang angelangt, als sie plötzlich eine Frau um Hilfe schreien hörte. Katie drehte sich um und sah einen älteren Mann am Boden liegen, der sich an die Brust fasste. Hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, Petros zu treffen, und der Pflicht zu helfen, zögerte sie einen Moment lang, doch am Ende hielt ihr Gewissen sie davon ab, einfach fortzugehen. Schnell eilte sie zu dem Paar hinüber und kniete sich neben den Mann.

„Was ist passiert?“, fragte sie, während sie schon routiniert seinen Hemdkragen lockerte.

„Ich weiß es nicht.“ Das Gesicht der Frau war tränenüberströmt. „Frank sagte, er habe Schmerzen in der Brust, und dann ist er zusammengebrochen.“

Katie nickte und presste ihre Finger an die Halsschlagader des alten Mannes. Sie seufzte, als sie keinen Puls fühlte. Sein Herz hatte aufgehört zu schlagen; sie musste sofort einen Wiederbelebungsversuch unternehmen, wenn sie ihn retten wollte.

„Ich bin Krankenschwester“, erklärte sie. „Ich werde jetzt einen Wiederbelebungsversuch machen. Bitte rufen Sie einen Krankenwagen, und sagen Sie den Sanitätern, dass es sich um einen Herzstillstand handelt.“

Die Frau brach zusammen, als sie das hörte, und begann hilflos zu schluchzen, aber zum Glück erbot sich jemand aus der Menge der Schaulustigen, den Anruf zu erledigen. Katie begann, den Mann zu beatmen. Dann überprüfte sie wieder seinen Puls, konnte aber immer noch keinen Herzschlag feststellen.

„Ich übernehme den Druck, Sie machen weiter mit dem Beatmen.“

Plötzlich kniete der Mann neben ihr, den sie kurz vorher beobachtet hatte. Er sah sie nicht an, sondern führte die Druckmassage aus, während Katie mit der Beatmung weitermachte.

Es erschien ihr, als ob sie die Wiederbelebung eine Ewigkeit lang durchführten. „Puls überprüfen“, instruierte der Fremde sie, und automatisch gehorchte Katie, wie sie es von ihrer Arbeit her gewohnt war. Sie berührte die Halsschlagader des alten Mannes und lächelte, als sie ein schwaches Pochen spürte.

„Wir haben einen Puls“, sagte sie, ohne ihre Freude darüber zu verbergen.

„Gut.“

In diesem Moment trafen die Sanitäter ein.

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