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Zärtliche Eroberung im Herrenhaus

1. KAPITEL

Jarrett folgte vorsichtig dem dunkelbraunen Labrador die steile, grasbewachsene Böschung hinunter Richtung Bach. Normalerweise stürmte der Hund immer begeistert auf das Gewässer zu. Doch dieses Mal stockte er plötzlich, und Jarrett blickte überrascht auf: Eine sehr schlanke junge Frau in Jeans und einer kakifarbenen Outdoor-Jacke kniete in einiger Entfernung vor ihnen am Boden und war offensichtlich gerade dabei, etwas zu fotografieren. Gehörte sie vielleicht zu den Gärtnern und Botanikern, die gelegentlich in diese Gegend kamen, um seltene Pflanzen zu dokumentieren?

Es war ein schöner Frühlingstag. Jarrett hatte gerade einen Vertrag über den Kauf eines erstklassigen Grundstücks abgeschlossen und war bester Laune. „Hallo!“, rief er beim Näherkommen.

Als die Frau sich ihm zuwandte, blieb er wie angewurzelt stehen – völlig überwältigt von ihrer Schönheit. Sein Herz begann heftig zu schlagen, als wäre er gerade die Böschung hinuntergesprintet. Noch nie hatte er jemanden mit so unglaublichen hellgrünen Augen gesehen. Und das seidige kastanienbraune Haar hob die außergewöhnliche Farbe noch hervor. „Ein herrlicher Tag, nicht wahr?“, fragte er lächelnd.

„Charlie! Komm sofort her!“, rief sie.

Jarrett hatte das Kind gar nicht gesehen, das nun herbeigerannt kam und sich so ungestüm gegen sie warf, dass es sie fast umstieß. Ob die junge Frau die Mutter des Jungen war? Eigentlich wirkte sie dafür zu jung. Wahrscheinlich befand sie sich nur auf der Durchreise, doch Jarrett musste unbedingt wissen, wer sie war.

„Entschuldigung, ich wollte Sie nicht erschrecken“, sagte er und reichte ihr die Hand. „Ich heiße Jarrett Gaskill und wohne auf der anderen Seite der Anhöhe.“

Wenn er erwartet hatte, dass die unbekannte Schöne sich ebenfalls vorstellte, so wurde er enttäuscht. Sie machte auch keinerlei Anstalten, ihm die Hand zu schütteln. Stattdessen legte sie ihre Kamera ab, setzte sich aufs Gras und streichelte dem kleinen Jungen den Rücken, als wollte sie ihm versichern, dass alles in Ordnung war. Von dem Kleinen waren nur die dunklen Locken zu sehen, denn er barg das Gesicht an ihrem Hals, als wollte er sich verstecken.

„Mir ist bewusst, dass es vielleicht nicht danach aussieht, aber ich fotografiere hier nicht zum Spaß. Ich arbeite.“

In ihren faszinierenden grünen Augen blitzte es, doch nun war Jarrett wie gebannt von ihrer leicht heiseren Stimme, die entschlossen und auch warnend klang. Nahm sie ihn etwa als Bedrohung für sich oder ihr Kind wahr?

Bei diesem Gedanken wich er unwillkürlich einige Schritte zurück und ließ die Hand sinken. Der Labrador seiner Schwester Beth, auf den er aufpasste, drückte ihm sanft die Schnauze gegen die Hand und leckte sie ab. Das Tier war wie immer übermütig durchs Wasser getollt und nun völlig durchnässt.

„Schon gut, alter Junge“, sagte Jarrett zu ihm. „Wir gehen gleich weiter.“

„Wollten Sie sonst noch etwas?“ Der Frau schien es nicht zu gefallen, dass er in Erwägung zog, auch nur eine Sekunde länger zu bleiben.

Das Gefühl, zurückgewiesen zu werden, mochte Jarrett nicht, doch er verdrängte es und sah der Unbekannten direkt in die Augen. „Nein, ich habe mir hier einfach nur die Zeit vertrieben“, antwortete er ein wenig spöttisch. „Ich habe keine bösen Absichten.“

„Bitte nehmen Sie es nicht persönlich. Wenn ich arbeite, muss ich mich einfach voll und ganz auf mein Motiv konzentrieren. Lasse ich mich ablenken, werden die Fotos nichts.“

„Dann will ich Sie nicht länger stören. Noch einen schönen Tag.“

„Ihnen auch.“

„Komm, Dylan, wir gehen“, forderte Jarrett den Labrador auf.

In diesem Moment wandte der kleine Junge den Kopf und warf dem Hund einen sehnsüchtigen Blick zu. Auch er hatte ein außergewöhnliches Äußeres, doch seine Augen mit den langen Wimpern waren dunkelbraun, nicht hellgrün wie die der Frau. Zu gern hätte Jarrett gewusst, ob sie wirklich seine Mutter war – und ob sie aus einem der Dörfer in der Nähe stammte. Wegen seiner Arbeit war er nicht viel zu Hause, glaubte jedoch zu wissen, dass sie nicht aus der Gegend kam. Sonst hätte er sicher von ihr gehört.

Jarrett wusste, dass er trotz seiner Neugier lieber gehen sollte. Als er sich umwandte, erschien ihm der herrliche Tag plötzlich weniger strahlend. Sogar der Gedanke an den erfolgreichen Geschäftsabschluss konnte ihn nicht mehr aufmuntern, nachdem die grünäugige Schönheit seinem Ego mit ihrer Gleichgültigkeit und ihrem Misstrauen so einen Schlag versetzt hatte.

„Sie heißt Sophia Markham und ist auf Ridge Hall eingezogen“, wusste Jarretts Schwester Beth zu berichten, als sie ihn nach ihrer Rückkehr anrief. Sie und ihr Mann hatten eine Wochenendreise nach Paris gemacht.

„Was?“ Jarrett hatte das Gefühl, man würde ihm einen Dolch ins Herz stoßen. Seit Jahren versuchte er, das alte Herrenhaus zu erwerben. Doch die betagte Dame, die dort bis Weihnachten vor zwei Jahren gelebt hatte, war einfach nicht bereit gewesen, das Haus zu verkaufen. Nicht einmal als klar wurde, dass sie auf dem besten Wege war, es herunterzuwirtschaften, weil sie gebrechlich wurde und sich nicht mehr ausreichend um die Instandhaltung kümmern konnte.

Nach ihrem Tod hatte High Ridge Hall leer gestanden. Jarrett hatte mehrfach Erkundigungen eingezogen, doch niemand schien zu wissen, wem es nun gehörte und was damit passieren sollte.

Als Beth ihm nun mitteilte, dass die Frau dort eingezogen war, die er ihr soeben beschrieben hatte, war er zutiefst enttäuscht. High Ridge Hall war viel mehr als ein ehemals herrschaftliches, langsam zerfallendes Gebäude, das er zu gern wieder in altem Glanz hätte erstrahlen lassen. In früheren Zeiten war es immer der Wohnsitz einer der wohlhabendsten Familien der Gegend gewesen. Ein solches Anwesen zu besitzen wäre die absolute Krönung der letzten Jahre gewesen, in denen er mit seinem „Immobilien-Imperium“, wie Beth es scherzhaft bezeichnete, immer erfolgreicher geworden war.

Wider Willen fühlte Jarrett Neid auf die geheimnisvolle Unbekannte in sich aufsteigen, die dort eingezogen war. Sie musste über bedeutende Kontakte verfügen, um in diesem Anwesen leben zu können, auch wenn es langsam in sich zusammenfiel.

Unwillkürlich spürte er erneut die starke Anziehung, die er bei ihrer Begegnung sofort empfunden hatte. Bereits ein Blick dieser faszinierenden Augen hatte genügt, heiße Lust in Jarrett zu wecken …

„Man vermutet, dass die alte Miss Wingham eine Verwandte von ihr war“, erzählte Beth. „Sonst hätte sie wohl kaum dort einziehen können. Das Haus wurde ja nicht mal zum Verkauf angeboten.“

„Ich weiß. Verdammt noch mal!“, platzte Jarrett heraus.

„Mum würde sich im Grab umdrehen, wenn sie dich hören könnte!“, erwiderte seine Schwester pikiert.

„Die religiösen Neigungen unserer verstorbenen Mutter kümmern mich nicht“, entgegnete er gereizt.

„Wie dem auch sei … du hast sie also am Bach getroffen. Sie soll ja einen Sohn haben. War er auch dabei?“

„Ja.“

„Es gibt keine Hinweise auf den Vater oder einen Ehemann. Mir ist jedenfalls nichts zu Ohren gekommen. Meinst du, sie ist geschieden?“, fragte Beth. „Oder arbeitet ihr Mann vielleicht im Ausland?“

„Langsam wirst du genauso neugierig wie die übrigen Dorfbewohner!“

„Ach komm, dich interessiert es doch auch. Wie ich gehört habe, ist unsere Ms Markham ein ziemlicher Hingucker.“

Darauf erwiderte Jarrett lieber nichts. Er musste erst noch verdauen, dass er das alte Herrenhaus, an das er sein Herz gehängt hatte, nun nicht mehr würde kaufen können.

Seine Schwester seufzte schwer. „Tja, und dann ist sie auch noch auf High Ridge Hall eingezogen. Ich nehme an, du wirst so bald nicht mehr auf lange Geschäftsreisen gehen – zumindest nicht, bis du weißt, wer sie ist und wie sie an das Anwesen gekommen ist.“

„Tja, da täuschst du dich. Ich fliege nämlich am Freitag nach New York und werde mindestens zwei Wochen weg sein.“

„Ich mache doch nur Spaß, Brüderchen.“

„Sag nicht Brüderchen zu mir“, entgegnete Jarrett, der über einen Meter achtzig groß war.

„Für mich wirst du eben immer der kleine Bruder sein“, sagte Beth liebevoll. „Und jetzt, da unsere Eltern nicht mehr leben, muss ich als große Schwester ein Auge auf dich haben. Themawechsel: Hast du Katie Stewart in letzter Zeit gesehen?“

Jarrett war ein paar Mal mit Katie ausgegangen, ohne wirklich Lust dazu gehabt zu haben, und hatte seither kaum an sie gedacht. Sie war nett und auch sehr hübsch, aber das reichte nicht als Grund, sich mit einer Frau zu treffen, die einfach keine interessante Gesprächspartnerin war. Für ihn musste eine Frau intelligent sein und Humor haben. Vor allem aber musste es eine tiefe Verbindung zwischen ihnen beiden geben: Es musste ein Funke überspringen, der Jarretts Interesse weckte – und wachhielt.

Warum er mit sechsunddreißig noch Single war, dafür gab es eine einfache Erklärung: Die Art Frau, nach der er sich insgeheim sehnte, war nicht leicht zu finden – zumindest nicht in der Welt, in der er sich bewegte. Beth fand, er sei einfach zu kritisch, Jarrett selbst bezeichnete sich lieber als anspruchsvoll.

„Nein, habe ich nicht“, antwortete er nun. „Aber wenn ich Katie Stewart das nächste Mal sehe, werde ich dir gerne umgehend Bericht erstatten.“

„Ich mache mir einfach Sorgen, weil du niemanden hast, der dir wirklich etwas bedeutet. Geld und Erfolg machen dich nicht glücklich und werden dir in kalten Winternächten keine Wärme spenden, Jarrett.“

Er lächelte. „Jetzt klingst du wie diese durchgeknallten Wahrsagerinnen, die einem prophezeien, ein großer dunkelhaariger Fremder werde in dein Leben treten.“

„Ist Sophia Markham groß?“

Sein Lächeln verschwand. „Keine Ahnung. Als ich sie gesehen habe, hockte sie auf dem Boden und fotografierte irgendwelche Pflanzen. Wie dem auch sei, ich muss jetzt mal weitermachen. Soll ich den Hund gegen Mittag zurückbringen?“

„Bist du vielleicht auf eine Essenseinladung aus?“, fragte Beth.

„Ach, wenn du einfach ein bisschen Schinken zwischen zwei Scheiben Brot klatschst und mir einen Tee kochst, dann bleibe ich gern und halte ein Pläuschchen mit dir.“

„Ich hoffe doch sehr, es wird niemals so weit kommen, dass ich Schinken zwischen zwei Scheiben Brot ‚klatsche‘ und das Resultat dann auch noch als ‚Mittagessen‘ bezeichne“, erwiderte sie schnippisch.

Jarrett musste an die wunderbaren Mahlzeiten denken, die Beth ihm gekocht hatte, lange bevor sie eine entsprechende Ausbildung absolviert hatte und Köchin in einem Spitzenrestaurant im Londoner West End geworden war.

„Ich weiß doch, du kulinarisches Genie“, sagte er versöhnlich. „Und für ein Mittagessen werden mein Magen und mein Gaumen dir zutiefst dankbar sein. Ich komme dann gegen eins, ja?“

„Ja, schon gut. Vergiss aber vor lauter Vorfreude aufs Essen nicht, Dylan mitzubringen!“

Als Sophia die schweren alten Vorhänge zurückzog, wirbelte dichter Staub auf und brachte sie zum Husten. Gerade noch rechtzeitig wich sie einen Schritt zurück, bevor die schwere Gardinenstange aus Messing vor ihr auf den Holzfußboden knallte.

Sie fluchte unterdrückt, war jedoch heilfroh, mit dem Schrecken davongekommen zu sein. Kopfschüttelnd stützte sie die Hände in die Hüften und sah dem Wirbeln der Staubkörner im Sonnenlicht zu. Das hier war ein Projekt, mit dem sie sich von der Verzweiflung und dem Kummer der Vergangenheit ablenken könnte. Mühevolle Arbeit, Schweiß und vielleicht auch ein paar Tränen würden nötig sein, bis man in diesem Haus angenehm leben könnte.

Doch Sophia wollte sich nicht beschweren. Immerhin hatte ihre exzentrische Großtante Mary ihr so ein wertvolles Geschenk gemacht. Dabei hatte diese sie in ihrer Kindheit kaum wahrgenommen! Und dennoch hatte sie sich als Schutzengel und gute Fee in einem erwiesen.

„Tante Mary kann den größten Teil ihrer Familie nicht leiden, zumindest die Erwachsenen“, hatte Sophias Vater einmal mit einem Augenzwinkern erzählt. „Ihrer Meinung nach verdienen wir es nicht, als Verwandte zu gelten. Bestimmt sind wir eine Riesenenttäuschung für sie. Und wenn sie irgendwann stirbt, wird sie dieses Monster von einem Haus sicher irgendeiner Tierschutzorganisation vermachen.“

Doch dann hatte Sophia High Ridge Hall geerbt.

Am Tag vor dem Verlassen ihres Hauses, das sie hatte verkaufen müssen, hatte sich eine Londoner Anwaltskanzlei bei ihr gemeldet. Schon seit Monaten hatte diese Sophia aufzuspüren versucht, um ihr mitzuteilen, dass sie die Alleinbegünstigte im Testament ihrer Großtante war.

Sophia war erschüttert und völlig überwältigt gewesen, denn sie hatte nicht einmal gewusst, dass Mary gestorben war. Seit dem Tod ihres Vaters hatte sie den Kontakt zu fast allen Familienmitgliedern verloren, außer zu ihrem Bruder David, und auch ihn sah sie nur unregelmäßig.

In gewisser Hinsicht war sie fast froh darüber gewesen. Seit die Gewalttätigkeit und die Alkoholsucht ihres Mannes schlimmer geworden waren, hatte Sophia sich zutiefst geschämt und Familie und Freunden nicht zeigen wollen, wie tief sie gesunken war. Dass sie nun nicht nur High Ridge Hall, sondern auch noch eine kleine Geldsumme geerbt hatte, war einfach überwältigend gewesen.

Sie war auf den einzigen antiken Sessel im Wohnzimmer gesunken, den sie noch nicht verkauft hatte, um den riesigen Schuldenberg ihres verstorbenen Mannes abzuzahlen. Und dann hatte sie vor lauter Erleichterung über diese Rettung in letzter Sekunde geweint. Hätte ihre Großtante ihr nicht das wunderschöne alte Gutshaus vermacht, wäre sie möglicherweise gezwungen gewesen, die Pläne ihres tyrannischen Schwiegervaters in Betracht zu ziehen …

Nun kam Sophias kleiner Sohn hereingerannt und machte große Augen, als er die Gardinenstange mit den schweren Vorhängen auf dem Boden liegen sah. „Was ist denn passiert, Mummy? Ich habe so einen lauten Knall gehört!“

„Die Gardinenstange ist heruntergefallen, weil die Wände so alt sind und langsam zerbröseln.“

Es wäre viel Arbeit nötig, um dieses Zimmer und das ganze Haus wieder in einen wohnlichen Zustand zu bringen.

„Kann ich im Garten spielen?“, fragte der Junge. „Ich möchte mir eine Burg bauen. Ich spiele auch nicht beim Teich, versprochen!“

„Also gut. Aber achte bitte darauf, dass ich dich vom Fenster aus sehen kann.“

Charlie nickte eifrig und lächelte. Dabei zeigten sich seine Zahnlücken, wo er die Milchzähne verloren hatte.

Sophia wurde ganz warm ums Herz. „Aber erst möchte ich dich noch in den Arm nehmen und küssen.“ Als sie ihren Sohn herumwirbelte, quietschte dieser vor Vergnügen.

„Loslassen!“, rief er dann. „Mir wird schwindelig!“

Als er wieder stand, schenkte er seiner Mutter ein strahlendes Lächeln und rannte dann hinaus in den verwilderten Garten, der Sophia bereits einige schlaflose Nächte bereitet hatte. Sie überlegte nämlich schon, wie sie daraus wieder das märchenhafte Paradies machen könnte, an das sie sich noch aus ihrer Kindheit erinnerte.

Sie wollte gerade die Vorhänge aufheben, da erschien urplötzlich ein Bild von dem attraktiven Mann vor ihrem inneren Auge, der ihr am Vortag am Bachufer begegnet war, als sie die Wildblumen für ihr Portfolio fotografiert hatte. Er hatte tiefblaue Augen und glänzendes, dichtes dunkles Haar gehabt. Sophia spürte, wie ihr heiß wurde.

Sie hatte sich zu ihm hingezogen gefühlt, war aber zugleich sehr misstrauisch und nervös gewesen. Wenn nun ihr Schwiegervater den Mann geschickt hatte, um sie ausfindig zu machen? Er wollte sie zwingen, dorthin zurückzukehren, wo sie mit ihrem verstorbenen Mann gelebt hatte.

Der Fremde hatte muskulös und fit gewirkt und könnte sie sicher leicht überwältigen, wenn er es darauf anlegte. Zum Glück hatte sich Sophias Vermutung nicht bestätigt, doch ganz beruhigt war sie immer noch nicht.

Jarrett Gaskill … der Name wirkte für ihren Geschmack eindeutig zu hochgestochen und wichtigtuerisch. Bestimmt war er einer dieser ehrgeizigen Städter mit Zweitwohnsitz auf dem Land, um die Londoner Clique dorthin einzuladen und in der Freizeit den Gutsherrn zu spielen.

Doch eigentlich musste sie sich eingestehen, dass seine angenehme Stimme aufrichtig geklungen hatte. Vielleicht sollte ich ihn nicht so vorschnell verurteilen, dachte Sophia. Denn was wusste sie schon: Immerhin hatte sie sich mit achtzehn Hals über Kopf in eine Ehe mit Tom Abingdon gestürzt. Er war der größte Lügner und Betrüger aller Zeiten, außerdem bösartig, eitel und ichbezogen. Naiv hatte Sophia geglaubt, sie könnte ihn von seinen destruktiven Neigungen abbringen und ihn davon überzeugen, wie schön das Leben zu zweit sein konnte.

Aber bereits nach kurzer Zeit zeigte sich Toms Verachtung für diesen unschuldigen, ehrlichen Wunsch deutlich. Ihr gemeinsamer Alltag wurde immer düsterer und niederdrückender. Irgendwann war Sophia so kraftlos, dass sie sich in ihr Schicksal fügte. In den letzten Wochen seines Lebens schien Tom jedoch entschlossen, sie und ihren kleinen Sohn mit sich ins Unglück zu ziehen. Und schließlich wurde Sophia in ihrer unendlichen Verzweiflung klar, dass sie ihren Traum von „glücklich bis an ihr Lebensende“ aufgeben und sich von Tom lösen musste – so bald wie möglich. Wenn nicht um ihrer selbst willen, dann wegen Charlie.

Diese Erkenntnis hatte ihre Hoffnung wieder aufkeimen lassen, und sie hatte geplant, ihren Mann zu verlassen. Doch das Schicksal hatte etwas anderes, Endgültigeres für ihn vorgesehen, und so war Tom Abingdon nach einem weiteren Alkoholexzess im Schlaf gestorben.

Einen Moment lang wurde Sophia erneut von ihrem Schmerz und ihrer Wut über Toms Tod überwältigt. Vielleicht sollte das eine Warnung davor sein, sich jemals wieder auf eine Beziehung einzulassen. Die Ehe mit Tom hatte sie gelehrt, wie leicht man sich von einem Mann faszinieren und in seinen Bann ziehen ließ und dass sich hinter einer charmanten Fassade Betrug, Lügen und Brutalität verbergen konnten. Sie schwor sich, besonders misstrauisch und vorsichtig zu sein. Und sollte sie Jarrett Gaskill jemals wiedersehen, würde sie einen weiten Bogen um ihn machen.

Auf keinen Fall sollte ein Mann sie näher kennenlernen und die beschämende Wahrheit über ihre Ehe mit jemandem herausfinden, der sie so misshandelt und gedemütigt hatte. Sophia wollte einen Neubeginn für sich und ihren Sohn, und kein noch so freundlicher Fremder sollte seine Nase in ihr Leben stecken. Aber wahrscheinlich würde sich Jarrett Gaskill ohnehin nicht an sie erinnern …

Seit drei Wochen ging Sophia regelmäßig auf den Wochenmarkt im Ortszentrum, weil sie Obst und Gemüse lieber direkt vom Erzeuger kaufte als in einem seelenlosen Supermarkt. Außerdem schmeckten die Sachen einfach besser.

Sie zog ihren Sohn näher zu sich und packte eine Papiertüte voller Äpfel in ihre Leinentasche. Als Charlie zu ihr aufblickte, lächelte sie voller Vorfreude auf den Nachmittag. Für Sophia war es noch immer etwas Besonderes, einfach einen Kuchen backen zu können, ohne zu befürchten, dass Tom betrunken nach Hause kam, sich über ihre Bemühungen lustig machte und alles gegen die Wand schmetterte.

„Sie möchten nicht zufällig noch einen Gast einladen? Ich habe nämlich eine ausgesprochene Schwäche für Apfelkuchen.“

Die Stimme klang so angenehm, und die Ausdrucksweise war so gewählt, dass Sophia überrascht aufblickte. Sie sah in Jarrett Gaskills faszinierende blaue Augen und konnte einen Moment lang nichts erwidern. Es erschreckte sie auch, dass ihr sein Name sofort wieder einfiel.

„Nein, lieber nicht. Ich bin gerade erst eingezogen und brauche länger als erwartet, um richtig anzukommen. Außerdem lade ich nicht gerne Leute ein, die ich gar nicht kenne“, fügte sie hinzu und wich seinem Blick aus.

„Ich habe mich Ihnen doch bei unserer ersten Begegnung vorgestellt, wie Sie sich vielleicht erinnern.“

Sophia errötete, denn natürlich erinnerte sie sich. „Den Namen zu wissen und einen Menschen zu kennen, das sind zwei ganz verschiedene Dinge“, beharrte sie leise.

„Stimmt. Aber man schafft durchs Vorstellen die Möglichkeit, jemanden kennenzulernen.“

„Tut mir leid, Mr Gaskill, ich muss jetzt wirklich weiter.“

In seinen tiefblauen Augen blitzte es fröhlich auf. „Sie erinnern sich also doch an meinen Namen. Würden Sie mir vielleicht auch Ihren verraten?“

„Nein.“ Sophia hatte es plötzlich sehr eilig, den kleinen Markt auf dem malerischen Dorfplatz zu verlassen und nach Hause zu fahren.

„Schade. Aber irgendwie muss ich Sie doch ansprechen, falls wir uns noch einmal begegnen.“

„Nein, müssen Sie nicht. Sie können mich einfach ignorieren.“

Jarrett Gaskill zog übertrieben eine Augenbraue hoch. „Auf gar keinen Fall! Das wäre außerordentlich ungezogen.“

„Sind Ihnen gute Manieren wirklich wichtig?“

„Allerdings. Sonst müsste ich in ständiger Angst leben, dass meine selige Mutter mich heimsucht.“

Wider Willen musste Sophia lächeln. Schnell biss sie sich auf die Lippe. „Jetzt muss ich aber wirklich los. Auf Wiedersehen.“

Fest umfasste sie die kleine Hand ihres Sohnes und wollte losgehen, als der Mann neben ihr sagte: „Dann wünsche ich Ihnen guten Appetit beim Kuchenessen, Ms Markham. Vielleicht heben Sie mir ja doch ein Stück auf.“

Abrupt wandte sie sich zu ihm um. „Wer hat Ihnen gesagt, wie ich heiße?“, fragte sie zutiefst beunruhigt.

„Ach, auf dem Dorf erfährt jeder früher oder später den Namen von Neuankömmlingen. Die Leute fragen sich auch, woher diese kommen und warum sie sich hier niederlassen. So sind Menschen nun mal.“ Er zuckte gelassen die Schultern.

Sophia konnte den Blick nicht von ihm abwenden. Unter der teuer wirkenden Lederjacke, die er offenbar schon länger besaß, trug er ein einfarbiges T-Shirt, das sich über seinem muskulösen Oberkörper, der maskuline Stärke ausstrahlte, spannte. Dass Jarrett Gaskill sie so faszinierte, war sehr beunruhigend. Doch noch mehr beunruhigte es sie, dass unbekannte Menschen über sie und ihren Sohn sprachen.

„Diese Leute sollten sich um ihre eigenen Angelegenheiten scheren! Sollte jemand in Ihrer Gegenwart noch einmal meinen Namen nennen, dann machen Sie ihm bitte deutlich, dass ich einfach in Ruhe gelassen werden möchte, Mr Gaskill.“

„Ich beteilige mich nie an Klatsch und Tratsch, werde mich aber selbstverständlich bemühen, Ihren Wunsch nach Ungestörtheit zu achten, Ms Markham“, lautete die förmliche Antwort.

„Danke“, entgegnete Sophia unsicher. Bevor ihr Gegenüber noch etwas sagen konnte, eilte sie mit Charlie davon, ohne sich darum zu kümmern, ob Jarrett Gaskill ihnen mit seinen tiefblauen Augen hinterherblickte. Doch bei der Vorstellung schlug ihr Herz wie verrückt.

2. KAPITEL

Als Jarrett mit seinem Range Rover vor dem eindrucksvollen alten Gutshaus vorfuhr, sah er Charlie im verwilderten Garten spielen. Er betrachtete den bedeckten Himmel, der Regen verhieß. Dann gab er sich einen Ruck, stieg aus und ging durch das quietschende Eisentor.

„Hallo“, begrüßte er den Jungen. „Du bist Charlie, stimmt’s?“

Der Kleine nickte. „Wo ist dein Hund?“, fragte er hoffnungsvoll.

Er erkannte ihn also wieder, obwohl seit ihrer letzten Begegnung zwei Wochen vergangen waren.

Jarrett hockte sich neben den Jungen, der vermutlich kein eigenes Haustier besaß. „Leider gehört er meiner Schwester“, sagte er mit ehrlichem Bedauern. „Ich habe nur auf ihn aufgepasst.“

„Ach so.“

„Hättest du gerne einen Hund?“

Ernst sah Charlie ihn an. „Ja. Aber Mummy meint, es wäre zu viel Arbeit, und wir ...

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