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Zärtlich beginnt die Nacht

1. KAPITEL

Ganz in schwarzes Wildleder gehüllt, den Kopf gegen Wind und Regen tief nach vorne geneigt, eilte sie über den Bürgersteig. Die Stiefel mit den hohen Pfennigabsätzen klackerten bei jedem ihrer energischen Schritte. Und so prallte sie mit ganzer Wucht auf Nicolo, der gerade aus einem Taxi gestiegen war.

Der livrierte Türsteher des Hotels wollte ihr zu Hilfe eilen, doch Nicolo war schneller. Er ließ seinen Aktenkoffer fallen und packte die Frau bei den Schultern.

„Langsam“, meinte er freundlich.

Die Kapuze des langen Mantels rutschte ihr vom Kopf, als sie zu ihm aufsah. Nicolo, grundsätzlich empfänglich für Schönheit, lächelte.

Ja, sie war schön, mit feinen Gesichtszügen, Lippen, die weich und einladend wirkten, und Augen, deren Farbe an Veilchen erinnerten. Ihr Gesicht war umrahmt von einer Mähne goldblonder Locken.

Wenn man schon von jemandem umgerannt werden musste, dann würde ein intelligenter Mann so eine Frau wählen.

„Alles in Ordnung mit Ihnen?“

Sie schüttelte seine Hände ab. „Ja.“

„Meine Schuld“, behauptete er aus reiner Höflichkeit. „Ich hätte besser aufpassen sollen.“

„Allerdings, das hätten Sie.“

Nicolo blinzelte. Die Fremde betrachtete ihn mit einem entrüsteten Blick. Sein Lächeln erstarb. Er war Römer, hatte aber einen Großteil seines Lebens in Manhattan verbracht. Daher wusste er, dass Höflichkeit nicht unbedingt zu den hervorstechendsten Eigenschaften der Einwohner dieser Stadt gehörte. Immerhin war sie es, die ihn angerempelt hatte.

„Verzeihung, signorina, aber …“

„Aber natürlich“, fiel sie ihm kühl ins Wort, „bilden Leute wie Sie sich ein, ihnen gehöre die Straße.“

„Hören Sie, ich weiß wirklich nicht, was für ein Problem Sie haben, aber …“

„Sie“, unterbrach sie ihn wieder. „Sie sind mein Problem.“

Eine Mona Lisa mit dem Temperament einer Wildkatze! Die verinnerlichte Galanterie der Alten Welt kämpfte mit der wesentlich rüderen Attitüde der Moderne.

Die Moderne gewann.

„Ich habe mich bei Ihnen entschuldigt, obwohl von meiner Seite her keine Notwendigkeit dazu bestand“, erwiderte er harsch. „Und Sie haben einen Ton an sich, als würden Sie mit einem Stadtstreicher reden. Ein paar Manieren könnten Ihnen nicht schaden.“

„Nur weil ich eine Frau bin …“

„Sind Sie das?“ Sein Lächeln war so kalt wie seine Worte klangen. „Das würde ich gern überprüfen.“ Und damit verließ ihn jegliche Selbstbeherrschung, er schaltete seinen Verstand aus, zog die Blondine an sich und küsste sie.

Der Kuss dauerte keine Sekunde, war nur ein flüchtiges Berühren der Lippen. Als Nicolo die Frau losließ, konnte er maßlose Verwirrung in ihren veilchenblauen Augen erkennen.

Und er schmeckte den wunderbar vollen Geschmack ihrer Lippen auf seinem Mund.

Herr im Himmel, war er völlig verrückt geworden? Es sah ganz danach aus. Nur ein Verrückter würde eine extrem schlecht gelaunte Unbekannte mitten auf der Fifth Avenue küssen.

„Sie …!“ Vor Empörung brachte sie kein Wort mehr heraus.

Doch das war es wert gewesen. Er brauchte sie sich nur anzusehen. Sie stockte, und eine maßlose Verwirrung lag auf ihrem Gesicht. Die Hochnäsigkeit war ihr vergangen.

Die Blondine riss sich aus seinem Griff los. Ihre Hand hob sich. Er las in diesen erstaunlichen Augen, die Blitze auf ihn abfeuerten, dass sie ihm eine Ohrfeige verpassen wollte. Vielleicht hatte er es sogar verdient, aber … der Teufel sollte ihn holen, wenn er es ihr erlauben würde.

Er beugte den Kopf zu ihr vor. „Schlagen Sie mich“, sagte er geradezu freundlich, „und ich verspreche Ihnen, ich werde die Welt um Sie herum einstürzen lassen.“

Sie gab einen Satz von sich, den keine Frau, die er kannte, sich je gewagt hätte über die Lippen zu bringen. Allerdings hätte auch keine Frau, die er kannte, es gewagt, ihm etwas vorzuwerfen, das nicht seine Schuld war. Oder ihm überhaupt etwas vorzuwerfen.

Die Wildkatze funkelte ihn stumm an, er hielt ihrem Blick gelassen stand. Dann rauschte sie an ihm vorbei; in ihrer honigblonden Mähne glitzerten Regentropfen, und ihr schwarzer Wildledermantel flatterte hinter ihr wie ein Segel.

Nicolo sah ihr nach, bis sie in der Menge der Regenschirm tragenden Passanten verschwunden war. Dann atmete er tief durch und drehte sich um. Sein Blick traf auf den des Türstehers. Nichts, nicht das geringste Anzeichen auf der Miene des Mannes, dass irgendetwas Ungewöhnliches passiert wäre. Man war schließlich in New York. In New York lernte man sehr früh, dass es klüger war, nie etwas zu sehen.

Sein Glück. Dieser Kuss reichte völlig, um die Frau herauszufordern, die Polizei einzuschalten …

Nicolo schüttelte sich leicht. Wie dumm konnte ein Mann sein? Diese kleine Episode könnte sein Gesicht auf die Titelseiten bringen. Nicht unbedingt die Publicity, die er vor dem Meeting mit dem neunzigjährigen Eigner einer alteingesessenen Investmentbank gebrauchen konnte.

Der kühle Märzregen fiel immer stärker. Der Portier hielt bereits Nicolos Aktenkoffer in der Hand. Nicolo nahm ihn entgegen und betrat das Hotel.

Die Suite lag im dreiundvierzigsten Stock. Von hier aus hatte man einen fantastischen Blick auf den Park und die New Yorker Skyline. Sollte Nicolo sich eine Wohnung in der Stadt suchen, dann nur eine mit einem solchen Ausblick. Er warf seinen Regenmantel über einen Stuhl. Falls alles lief wie geplant, würde er nach dem Meeting am Montag einen Immobilienmakler kontaktieren.

Falls? Dieses Wort existierte normalerweise nicht in seinem Wortschatz. Er fing nie etwas an, ohne sich nicht absolut sicher zu sein, dass er sein Ziel auch erreichen würde. Diese Einstellung war der Schlüssel zu seinem Erfolg.

Nicolo streifte die Schuhe von den Füßen, zog sich aus und ging ins Bad.

Er war bestens vorbereitet für Montag und die Übernahme von „Stafford-Coleridge-Black“. Schließlich war er Herr über ein riesiges Finanzimperium, mit Vertretungen in London, Paris, Singapur und natürlich Rom. Und jetzt wurde es Zeit für „Barbieri International“, auch auf dem New Yorker Markt aufzutrumpfen. Und dafür hatte Nicolo ein Juwel auserkoren, das sich bestens in seiner Krone machen würde. Was Privatbanken anbelangte, so las sich die Kundenliste von Stafford-Coleridge-Black wie das „Who is Who“ der amerikanischen High Society.

Nur noch ein Stolperstein stand im Weg – der Vorsitzende von SCB, James Black.

„Ich wüsste nicht, was wir beide zu besprechen haben“, sagte der alte Mann, als er endlich Nicolos Anruf entgegennahm.

„Es gibt Gerüchte, dass Sie an eine Veränderung denken, Sir“, hatte Nicolo vorsichtig geantwortet.

Black gab einen Laut von sich, der an ein Lachen erinnerte. „Sie meinen, Sie haben gehört, dass ich bald sterbe. Nun, das habe ich nicht vor.“

„Was ich gehört habe, ist, dass ein Mann mit Ihrem Urteilsvermögen immer vorausplant.“

„Touché, Signore Barbieri. Aber ich kann Ihnen versichern, alle Veränderungen, die ich vorzunehmen gedenke, sind von geringem Interesse für Sie. Unsere Bank ist ein Familienunternehmen, von einer Generation an die nächste weitergegeben, seit über zweihundert Jahren.“ Er machte eine kunstvolle kleine Pause, dann fuhr er fort: „Aber ich erwarte gar nicht, dass Sie die Tragweite dieser Tatsache verstehen.“

Nur gut, dass sie sich zu diesem Zeitpunkt nicht gegenübergesessen hatten. Selbst am Telefon hatte Nicolo Mühe gehabt, sein Temperament zu zügeln. Black war ein alter Mann, aber im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte. Diese Bemerkung hatte er absichtlich fallen lassen, eine nur hauchdünn kaschierte Beleidigung.

In diesen Sphären glich die Finanzwelt einem exklusiven Club. Man wusste alles über den anderen, und Black wusste, dass Nicolo Barbieris Reichtum, trotz des Titels, nicht etwa aus einem Erbe stammte, sondern durch eigene Arbeit geschaffen worden war. Was die Blacks dieser Welt anging, so war das nichts Erstrebenswertes.

Ebenso wenig erstrebenswert wie wütende Blondinen auf der Fifth Avenue, dachte Nicolo jetzt und wunderte sich, woher dieser Gedanke kam. Alles, was zählte, war das Treffen mit Black am Montag.

So wie es auch bei dem Anruf nur gezählt hatte, dass Nicolo völlig neutral geblieben war. „Oh, ich verstehe durchaus“, hatte er ruhig erwidert. „Ich lege großen Wert auf Tradition. Zudem bin ich überzeugt, dass Sie Ihrem Unternehmen keinen Gefallen tun, wenn Sie sich meinen Vorschlag nicht wenigstens anhören.“

Denn SCB hatte Probleme, gerade weil die Bank von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Der alte Mann feierte demnächst seinen neunzigsten Geburtstag, und der einzige Erbe war ein Enkelkind, das noch die Schulbank drückte.

Und ein Mädchen war. Männer wie Black zogen es vor, das Ruder einem Erben zu überlassen, nicht einer Erbin.

Und genau darauf würde Nicolo am Montag aufbauen. Auf eine Sache, bei der sich der Alte und er grundsätzlich einig waren. Frauen waren zu emotional. Sie waren undiszipliniert und launenhaft. Als Assistentinnen machten sie sich gut, manche sogar als Abteilungsleiterinnen, aber als letzte Instanz bei der Entscheidungsfindung?

Die Wissenschaft musste erst etwas erfinden, das dieses ständige Auf und Ab der Hormone bei Frauen ausschaltete. Das weibliche Geschlecht traf keine Schuld. Es war einfach naturgegebener Fakt.

Während er sich eine graue Flanellhose anzog und einen schwarzen Cashmere-Pullover überstreifte, dachte er darüber nach, dass eben diese Tatsache sein Trumpf war. Außerdem war Nicolo der einzige private Investor, der es sich leisten konnte, SCB ohne viel Aufsehen aufzukaufen. Der Alte hatte also gar keine andere Wahl, wenn er sein geliebtes Familienunternehmen nicht in einem der riesigen Bankenkonglomerate verschwinden sehen wollte.

Nicolo war Blacks Rettung, und das wussten beide. Der Moment der Wahrheit war letzte Woche gekommen, als Blacks Sekretärin anrief und ausrichtete, ihr Chef habe einem kurzen Treffen zugestimmt. Natürlich nur aus reiner Höflichkeit.

„Natürlich“, hatte Nicolo erwidert, aber dabei triumphierend die Faust in die Luft gereckt.

Diese Zusage bedeutete nur eins: Der Alte hatte kapituliert und würde verkaufen. Oh, sicher würde er Nicolo noch durch ein paar Ringe springen lassen, aber wie schlimm konnte das schon werden?

Zudem würde Nicolo nicht nach seiner Pfeife tanzen, sondern sich lediglich im richtigen Moment bewegen. Gerade genug, um den Alten bei Laune zu halten.

Und dann gehörte SCB ihm.

Nicht schlecht für einen Jungen, der in Armut aufgewachsen war, obwohl er einen Adelstitel trug.

Der Regen hatte aufgehört, aber der Himmel war grau und wolkenverhangen.

Der Portier winkte ein Taxi heran, als Nicolo vor den Eingang trat.

„Sechsunddreißigste, Ecke Lexington“, nannte Nicolo dem Fahrer die Adresse.

Gestern hatte er mit Damian und Lucas verabredet, sich im Eastside Club, einem exklusiven Fitnessstudio zu treffen, vor allem, da er und Damian gerade erst eingeflogen waren. Ob nun Privatflugzeug oder nicht, ein Interkontinentalflug verspannte die Muskeln eines Mannes.

Danach würden sie irgendwo zusammen essen gehen und sich an die guten alten Zeiten erinnern. Nicolo freute sich darauf. Die drei kannten sich schon Ewigkeiten, um genau zu sein, seit dreizehn Jahren. Seit sie sich in der Kneipe außerhalb des Yale-Campus begegnet waren. Drei Achtzehnjährige aus drei verschiedenen Ländern Europas – Italien, Griechenland und Spanien –, die sich fragten, wie zum Teufel sie in diesem seltsamen Land überleben sollten.

Überleben war nie ein Problem gewesen, im Gegenteil. Die drei waren aufgeblüht. Und ein unzertrennliches Trio geworden. Heute sahen sie sich seltener, jeder hatte seine jeweiligen geschäftlichen Interessen wahrzunehmen, aber sie waren immer noch beste Freunde.

So wie sie auch ungebunden waren. Weil sie es so wollten. Wenn sie sich trafen, begannen sie den gemeinsamen Abend immer mit dem gleichen Trinkspruch.

„Das Leben“, so würde Lucas ernst anheben, „ist kurz.“

„Die Ehe“, würde Damian mit fast grimmiger Miene hinzusetzen, „ist für die Ewigkeit.“

Dann folgte Nicolos Part. „Und die Freiheit, Gentlemen, ist alles!“

Nicolo grinste in sich hinein, als er jetzt daran dachte. Das Taxi hielt vor einem riesigen Ziegelsteinbau aus dem neunzehnten Jahrhundert. Das Gebäude war innen komplett saniert und zu einem sehr exklusiven Fitnessclub umfunktioniert worden.

Das „Eastside“ machte keine Werbung. Weder Schild noch Tafel verrieten, was sich hinter diesen Mauern befand. Eine Mitgliedschaft war nur durch Empfehlung zu bekommen, reserviert für jene, die Privatsphäre schätzten und sich auch die horrenden Beiträge leisten konnten, um diese zu garantieren.

So fehlte dem Club jedes Anzeichen von Snobismus. Man fand keine trivialen Trainingsgeräte, nur weil sie gerade trendy waren, man wurde nicht mit seichter Musik beschallt, weil die angeblich dazugehörte. Die einzige Konzession war die Spiegelwand im Kraftraum. Damit man seine Bewegungen beim Stemmen und Heben überprüfen konnte. Des Weiteren hingen Sandsäcke im Raum, es gab einen Pool und eine höher gelegte Aschenbahn.

Und das Beste von allem – im „Eastside“ hatten nur Männer Zutritt.

Frauen lenken nur ab, dachte Nicolo, als er die Schlüsselkarte durch den Schlitz am Eingang zog. Hier konnte man ihnen für eine Weile aus dem Weg gehen.

In seinem Leben hatte er genug mit Frauen zu tun. Zu viel manchmal, wenn wieder einmal ein tränenreiches Ende gekommen war. Angeblich sollte er eine „lohnenswerte Partie“ sein, so sagte man.

Wahrscheinlich stimmte das sogar.

„Guten Abend, Mr. Barbieri. Schön, Sie wieder bei uns zu sehen.“

„Jack“, grüßte Nicolo freundlich. Er trug sich in das Gästeregister ein und ging in die Umkleide durch.

Er hatte Geld wie Heu. Ein Privatflugzeug. Autos. Ihm gehörten eine Skihütte in Aspen, ein Anwesen auf Mustique, eine Atelierwohnung in Paris und natürlich der palazzo in Rom. Angeblich sollte er der Barbieri-Familie von Cäsar geschenkt worden sein. Zumindest hatte das seine Großmutter immer behauptet.

Nicolo glaubte zwar eher, dass dieser Palast durch einen Dieb zu Zeiten Cäsars in die Familie gekommen war, aber er hatte seiner Großmutter nie widersprochen. Wozu auch? Er hatte diese Frau geliebt wie keinen anderen Menschen. Mit seiner ersten Million hatte er den heruntergekommenen Palazzo di Barbieri renovieren lassen, und er war dankbar dafür, dass seine Großmutter das noch hatte miterleben dürfen. Ihre Freude war für ihn ein großes Geschenk gewesen.

Es hatte ihm gefallen, sie glücklich zu machen. Generell gefiel es ihm, Frauen glücklich zu machen.

Nur wenn die Forderungen unvernünftig wurden, wenn dann plötzlich Worte wie „gemeinsame Zukunft“ und „sesshaft“ wie erdrückende Gewichte über die schönen Lippen kamen, dann wusste Nicolo, der Zeitpunkt war gekommen, da „Frauen glücklich machen“ nicht mehr so wichtig war wie „sich nicht binden“.

Das stand völlig außer Frage. Absolut tabu. Nicht er.

Ein Abend? Sicher. Eine Woche? Auch, gern. Vielleicht sogar einen oder zwei Monate. Schließlich war er kein Mann, der wahllos von Bett zu Bett wanderte.

Apropos Bett … Wie die Frau im schwarzen Wildledermantel wohl im Bett war? Eine wilde Raubkatze? Oder eine Eiskönigin?

Ihm konnte es egal sein.

Nicolo Barbieri zog weibliche Frauen vor. Frauen, die die Aufmerksamkeit eines Mannes zu schätzen wussten. Diese Raubkatze mit der blonden Mähne war unter Garantie kein solcher Typ. Obwohl, im Bett, mit dem richtigen Mann …

Nicolo hängte seine Jacke in den Spind. Was sollten erotische Fantasien über eine Frau, die ihn beleidigt hatte und die er nie wieder sehen würde? Er wollte weder an sie noch an eine andere denken. Keine Ablenkung, kein Sex. Wie ein Leistungssportler hielt er an dem Prinzip der Enthaltsamkeit fest, bevor er in den Ring stieg.

Er musste sich auf Montag konzentrieren.

Und mit diesem Entschluss zog er sich ausgeleierte Jogginghosen, ein altes Yale-Sweatshirt und Sportschuhe an.

Schweißtreibendes Krafttraining war jetzt genau das Richtige für ihn.

Es war Samstagabend, die Halle war leer bis auf einen Mann, der mit der Konzentration eines einsamen Langstreckenläufers um die Aschenbahn lief.

Damian.

Nicolo lächelte, trottete zu der Bahn und fiel in das Tempo mit ein.

„Noch langsamer, dann ist es ein Spaziergang.“ Er beschleunigte. „Was ist, wirst du zu alt, um zu rennen?“

Damian, mit einunddreißig im gleichen Alter wie Nicolo, warf ihm nur einen vernichtenden Blick zu.

„Keine Sorge, ich rufe den Notarzt, wenn du kollabierst.“

„Alles nur heiße Luft.“

„Hundert Dollar, dass ich dich schlage.“

„Zwanzig Runden?“

„Vierzig.“ Damit spurtete Nicolo los.

Wenig später standen sie einander atemlos gegenüber.

„Wie sieht’s aus in Rom?“, fragte Damian.

„Steht Athen noch?“

Und dann begrüßten sich die beiden Männer mit einer festen Umarmung.

„Wie war der Flug?“

Nicolo nahm zwei Handtücher von dem bereitliegenden Stapel neben der Bahn und warf Damian eines davon zu. „Gut. Ein paar Turbulenzen, nichts Besonderes. Und deiner?“

„Das Gleiche.“ Damian wischte sich den Schweiß vom Gesicht. „Ich mag den kleinen Learjet, den ich mir zugelegt habe.“

„Klein.“ Nicolo lachte.

„Na, so groß wie deiner ist er nicht.“

„Meiner wird immer größer sein als deiner, Aristedes.“

„Davon träumst du nur.“

Es waren die gleichen Spielchen wie früher, und beide grinsten breit.

„Wo bleibt Lukas?“, fragte Nicolo.

„Wir treffen ihn in“, Damian sah auf die Uhr, „zwei Stunden.“

„Ach was? Wo denn?“

„Unser Freund hat sich einen Club in Downtown gekauft. Der In-Club, wie er behauptet.“

„Also voll und laut. Viel Musik, viel Alkohol, viele umwerfend aussehende Frauen.“

„Hört sich abschreckend an“, meinte Damian mit todernster Miene.

Nicolo schlang sich nun das Handtuch um den Nacken. „Ja, ich weiß schon. Aber ich habe ein wichtiges Meeting am Montag.“

„Na und, ich auch.“

„Ich hoffe, ich kann den Deal mit James Black über die Bühne bringen.“

„Wow, das ist wichtig. Also feiern wir schon im Voraus ein bisschen, in Lukas’ Laden.“

„He, ich brauche einen klaren Kopf. Genug Schlaf, kein Alkohol, keine Ablenkungen …“

Oh nein! Sag’s nicht. Kein Sex?“

„Kein Sex“, bestätigte Nicolo.

„Sex ist keine Ablenkung, sondern Training. Und gut fürs Herz.“

„Aber schlecht für die Konzentration.“

„Blödsinn.“

„Davon waren wir in der Footballmannschaft überzeugt, weißt du noch? Und wir haben gewonnen.“

„Wir haben gewonnen“, widersprach Damian trocken, „weil die anderen so lausig waren.“

„Ich mein’s ernst.“

„Ich auch. Keinen Sex zu haben ist wider die Natur.“

„Idiot.“ Es klang mehr wie ein Kosename und nicht wie ein Schimpfwort. Die beiden Männer wählten ihre Geräte. „Es ist nur eine Frage der Disziplin“, sagte Nicolo.

„Es sei denn, dir läuft eine so überwältigende Dame über den Weg, dass dir auch deine Disziplin nichts mehr nützt“, schnaufte Damian, der mit Achtkilohanteln arbeitete.

„Das wird nie passieren“, erwiderte Nicolo. Unerwartet und unerwünscht schob sich das Bild der unfreundlichen Blondine vor seine Augen, mit wütendem Blick und kalter Ablehnung auf ihrem Gesicht.

Nicolo hatte ebenfalls nach den Achtkilohanteln greifen wollen. Doch er entschied sich für ein schwereres Paar und trainierte mit ihnen, bis er nichts anderes mehr registrierte als reißenden Schmerz.

Ein Stück entfernt, in einem anderen Teil Manhattans, der kurz davor stand, von der Szene entdeckt zu werden, im Moment aber noch mehr an Slums erinnerte, schlug Aimee Stafford Coleridge Black die Tür ihres Apartments hinter sich zu, schüttelte sich den Wildledermantel von den Schultern und streifte sich die Stiefel von den Füßen.

Der Mantel rutschte vom Stuhl, die Stiefel prallten an der Wand ab. Aimee scherte sich nicht darum.

Schon erstaunlich, wie verheißungsvoll ein Tag beginnen konnte, um dann als Desaster zu enden.

Sie ging in die Küche und stellte einen Wasserkessel auf den Herd, überlegte es sich aber anders. Das Letzte, was sie jetzt brauchte, war Koffein. Sie war auch so schon aufgekratzt genug. Und die Verantwortung dafür trug ihr Großvater, James Black.

Warum bestellte er sie in sein Büro, um dann nicht die Ankündigung zu machen, mit der sie gerechnet hatte?

„Im nächsten Mai werde ich mich zur Ruhe setzen, an meinem neunzigsten Geburtstag“, hatte er ihr schon im letzten Jahr mitgeteilt. „An diesem Zeitpunkt werde ich die Bank in die Hände einer Person meines Vertrauens übergeben. Diese Person wird die Bank dann die nächsten fünfzig Jahre natürlich im Sinne der Familie Stafford-Coleridge-Black weiterführen.“

Die Familie. Für James Black so wichtig wie die Luft zum Atmen. Was Aimee nur recht sein sollte. Schließlich vereinte sie als einzige Person sowohl die entsprechende Abstammung als auch die notwendige Ausbildung. Sie hatte einen Bachelor in Finanzwesen, ein Diplom in BWL, und seit der Highschool jeden ihrer Sommer als Praktikantin in der Bank verbracht. Sie wusste mehr über die Bank als jeder andere Mensch, wahrscheinlich sogar mehr als Großvater, der noch immer in einer Welt lebte, in der weder Faxgerät noch E-Mail existierten.

Aimee ging ins Schlafzimmer und zog sich das Armani-Kostüm aus. Sie hatte es heute Morgen gewählt, weil sie sachlich und geschäftsmäßig aussehen wollte, wenn sie vor ihren Großvater trat – obwohl sie genau wusste, dass man Geschäfte genauso gut in Jeans wie in einem Kostüm abschließen konnte. Sie hatte sogar eine kleine Rede vorbereitet, mit dem Tenor, dass sie die Tradition hochhalten und nichts am Führungsstil ändern würde. In Gedanken würde sie die Finger kreuzen, wenn sie das sagte. Es gab da so einiges, was geändert werden musste.

Sie war pünktlich auf die Minute gewesen – ihr Großvater legte großen Wert auf Pünktlichkeit –, hatte einen Kuss auf seine Wange gehaucht, sich auf sein Geheiß hin gesetzt und die Finger auf dem Schoß verschränkt.

Und sie hörte ihm dabei zu, wie er sie wissen ließ, er habe noch immer keine definitive Entscheidung getroffen.

Ruhe bewahren, hatte sie sich ermahnt. Und sie war ruhig geblieben, zumindest nach außen. „Aber du sagtest doch, Großvater, dass ich die Bank übernehmen soll.“

„Ich sagte, jemand, der kompetent ist, wird die Bank übernehmen. Jemand, der in meinem Sinne handelt.“

„Nun …“ Der Ausdruck auf seinem Gesicht ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren. „Du meinst doch nicht etwa … Bradley?“

Bradley war ihr Cousin zweiten Grades. Glaubte sie jedenfalls. Wer konnte schon die komplizierten Familienverhältnisse nachvollziehen? Seit Jahren trieb Bradley sich in der Bank herum, war während der Sommer ebenso als Praktikant angetreten wie Aimee. Nur, dass er nie auch nur einen Handschlag getan hatte – außer Aimee im Kopierraum zu begrapschen.

„Nicht Bradley“, brachte sie schließlich hervor.

„Bradley hat einen Abschluss in Wirtschaft.“

Richtig. Von einem College, auf dem man wahrscheinlich auch einen Abschluss in Korbflechten machen konnte.

„Er ist eloquent und gewandt.“

Stimmt, nach dem dritten Drink auf jeden Fall.

„Und“, die schweren Geschütze fuhr James Black erst zum Schluss auf, „er ist ein Mann.“

Also die Krone der Schöpfung. Ein Prinz, während sie als Frau nur ein niederes Wesen war.

Ihr Großvater hatte sich erhoben. Das Zeichen, dass ihr seine Gegenwart nicht länger gewährt wurde. „Sei am Montagmorgen hier. Punkt zehn. Dann verkünde ich meine Entscheidung.“

Sie war entlassen. Einfach so.

Danach war sie blind durch die Straßen geeilt, ohne auf diesen Mann zu achten. Dieser schreckliche Typ, der sie fast umgerannt hatte und dann auch noch behauptete, es sei ihre Schuld gewesen. Der angezweifelt hatte, dass sie überhaupt eine Frau war, wenn doch allein diese Tatsache ihr das Einzige vorenthielt, was sie sich ihr Leben lang gewünscht hatte.

Und dafür hatte sie zwei großartige Jobangebote ausgeschlagen, weil sie absolut sicher gewesen war, … nein, wie hatte sie nur so dumm sein können!

Innerlich hatte sie geflucht, und das war der Moment gewesen, als dieser Grobian in sie hineingerannt war. Als wäre sie unsichtbar. Oh, das war sie zweifelsohne, schließlich war sie ja eine Frau!

Die Arroganz der Männer! „Langsam“, hatte er gesagt und gelächelt. So als würden diese samtene Stimme mit dem Hauch eines Akzents, breite Schultern, pechschwarzes Haar und dunkelblaue Augen ein solches Benehmen entschuldigen!

Sie hatte ihm ihre Meinung gesagt. Aber Männer vertrugen die Wahrheit nicht, das hatte sie schon vor langer Zeit gelernt. Und dieser unmögliche Kerl hatte sie auch noch geküsst, so als wolle er ihr eine Lektion erteilen!

Geküsst! Er hatte seinen Mund auf ihre Lippen gepresst, dieser Widerling!

Seinen festen, wunderbar warmen Mund, der zum Küssen geschaffen schien, geschaffen für lange, leidenschaftliche Küsse, die einem den Atem raubten …

Grundgütiger, sie war wirklich in einer miserablen Verfassung. Wut, Frust, Adrenalin – wie immer man das nannte, es pumpte auf jeden Fall wild durch ihre Adern.

Ein Mann würde jetzt in einen Fitnessclub gehen und den Stress ausschwitzen.

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