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Zähme mich!

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Widmung
  5. Danksagung
  6. Prolog
  7. 1
  8. 2
  9. 3
  10. 4
  11. 5
  12. 6
  13. 7
  14. 8
  15. 9
  16. 10
  17. 11
  18. 12
  19. 13
  20. 14
  21. 15
  22. 16
  23. 17
  24. 18
  25. 19
  26. 20
  27. 21
  28. 22
  29. 23
  30. 24
  31. 25
  32. 26
  33. 27
  34. 28
  35. 29
  36. 30
  37. 31
  38. 32
  39. 33
  40. 34
  41. 35
  42. 36
  43. 37

Danksagung

Ich danke meinem besonderen Netzwerk aus Freunden, die mich unterstützen, mit mir brainstormen und mich ermutigen: Bella Andre, Shelley Bates, Jenny Andersen, Jackie Yau, Ellen Higuchi, Kathy Coatney, Pamela Fryer, Rosemary Gunn und Laurel Jacobsen. Und natürlich gilt mein Dank auch meiner Agentin Lucienne Diver und meiner Lektorin Wendy McCurdy.

Prolog

Er legte den Kopf in den Nacken und genoss es, ihren Mund auf sich zu spüren. Großer Gott! Sie wusste genau, was ihn anmachte. Langsam senkte er den Kopf und öffnete die Augen, um ihren Anblick in sich aufzunehmen, wie sie auf dem dicken marineblauen Teppich vor ihm kniete und ihr das seidige lange Haar über den Rücken herabfiel. Mit ihren roten Fingernägeln, den roten Lippen und der alabasterfarbenen Haut war sie schöner als jedes Model auf dem Titel einer Zeitschrift.

Er stöhnte, als ihre Zunge eine empfindliche Stelle berührte. Seine Beine zitterten, seine Anspannung stieg, und das Verlangen wuchs in ihm.

Seit sechs Monaten unterstand sie seinem Befehl. Seit der Nacht, in der er sie in einem Klub in der Innenstadt von Derek gewonnen hatte, ihrem gewalttätigen Freund. Sie war nicht für die Klubszene geschaffen, und er hatte sie Derek abgenommen, wie die Kriegsbeute eines Faustkampfes, was sie im Grunde genommen auch war, da er ihn zusammengeschlagen hatte, um sie zu retten.

Und sie war eine großartige Beute. Sie drückte seinen Schwanz, neckte ihn und trieb ihn in den Wahnsinn. Er glaubte, sein Kopf müsste explodieren. Doch er schob seine Finger in ihr Haar und drückte sie nach hinten. »Noch nicht«, murmelte er.

Sie sah mit Augen, die wie Saphire wirkten, zu ihm hinauf. »Habe ich etwas falsch gemacht, Meister?« Ihre Stimme war sanft und süß und glich dem Plätschern eines Baches in der Ferne.

Sie bestand darauf, ihn Meister zu nennen, als ob er ihr Dom und sie seine Sklavin wäre. Dieser dominante Lebensstil war ihm derart fremd gewesen, dass er sich erst einmal im Internet informiert hatte, nachdem er sie in diesem Sexklub in San Francisco entdeckt hatte. Es gab einige Aspekte daran, die er durchaus genoss – sie zu fesseln, ihr die Augen zu verbinden, das Spanking, Spielzeuge, sie dazu zu bringen, ihre Grenzen auszuloten –, aber die Erniedrigung, Degradierung, sie zum Weinen zu bringen, sie wie ein Ding einem anderen Mann zu geben (wobei er Derek erwischt hatte), all das mochte er nicht. Sie ließ sich gern dominieren, aber sie musste sich auch wie jemand Besonderes fühlen. Sie brauchte Bestätigung und litt, wenn man sie ignorierte.

Doch es war ihm ohnehin unmöglich, sie zu ignorieren. Selbst wenn sie nicht bei ihm war, träumte er von ihr. In seinen heißen Fantasien war sie mit Handschellen an sein Bett gefesselt und flehte ihn an, sie zu besteigen. Ja, ihm gefiel die dominante Rolle. »Ich habe dir doch gesagt, dass du dich zurückhalten sollst«, tadelte er sie streng.

»Du solltest mich dafür bestrafen«, flüsterte sie. »Weil ich so eine Schlampe bin und so ungezogen.«

Das war noch etwas, das ihr gefiel: Beleidigungen. Schlampe, Nutte, wenn nicht gar Schlimmeres. Zuerst hatte er es nur getan, weil es sie anmachte, doch dann war er selbst dadurch noch geiler geworden. Durch sie hatte er gelernt, wie heiß man durch schmutziges Bettgeflüster werden konnte. Und dann war da noch die Sache mit der Bestrafung …

»Leg dich aufs Bett, du Hure«, ordnete er an, und seine Erektion wurde noch steifer, als das Blut in seinem Penis pulsierte.

Sie biss sich auf die Unterlippe, zog die Luft ein, und ihre Nasenflügel flatterten vor Aufregung. Dann stand sie anmutig auf und ging mit ruhigen Bewegungen zum Bett. Er zog die Vorhänge zu, um die kalte Januarnacht auszusperren, und das weiche Licht im Schlafzimmer umspielte ihren schlanken Körper, die eleganten Rundungen ihres Rückens und ihres Hinterns. Sie hatte lange und geschmeidige Gliedmaßen und kleine Brüste mit dunklen Höfen. Mit ihren ein Meter fünfundsiebzig war sie eine große Frau, und selbst barfuß überragte er sie nur um wenige Zentimeter. Über seine Größe hatte er sich nie viele Gedanken gemacht, und obwohl Derek größer und kräftiger gewesen war, hatte er sie dennoch gewonnen.

Sie kletterte auf allen vieren auf das große Bett und reckte ihm ihren herzförmigen Hintern entgegen.

»Auf den Rücken«, befahl er. »Spreiz deine Arme und Beine!«

Sie legte sich hin, und ihre Muschi glänzte. Ihre Haut bildete einen starken Kontrast zu der dunkelroten Bettwäsche und schien förmlich zu glühen. »Ich weiß, dass ich böse gewesen bin, Meister. Du musst mich bestrafen und mich so beschimpfen, wie ich es verdient habe.«

Er ging davon aus, dass sie einige Beziehungen hinter sich hatte, die tief in ihr verborgene Unsicherheiten ans Licht gebracht hatten, weil sie jetzt auf solche Dinge stand. Die Arschgeige Derek war bestimmt nicht der Erste gewesen. Allerdings konnte er nicht leugnen, dass er sie auch gern mal zärtlich geliebt hätte und sich nach mehr Intimität sehnte. Er wollte mehr über sie wissen, mehr als nur Sex von ihr, sich auf tieferer Ebene mit ihr vereinen. Doch er verspürte auch Macht, wenn er sie dominierte. Sie ergötzten sich beide an ihren schmutzigen kleinen Spielchen. Er hatte erst die fellbesetzten Handschellen gekauft und dann das Himmelbett, an dem er sie anbringen konnte. Die Schals in der obersten Schublade seiner Kommode, mit denen er ihr die Augen verbinden oder sie fesseln konnte, verbargen eine Vielzahl an Spielzeugen, die er an ihr ausprobierte.

Er hoffte nur, dass keine seiner Töchter in den Semesterferien in seinen Sachen herumwühlte.

»Schal oder Handschellen?« Anhand ihrer Entscheidung konnte er ihre Stimmung immer recht gut einschätzen. »Was hast du verdient, du dreckige kleine Schlampe?«

Ihre Lippen teilten sich, und ihre Augen schienen noch dunkler zu werden. »Handschellen«, flüsterte sie.

Sie wollte es also etwas härter. Vermutlich war heute bei der Arbeit irgendwas vorgefallen. Nicht, dass sie ihm je etwas über ihr Leben abseits ihrer Beziehung erzählt hätte. Selbst wenn er sie danach fragte, blieb sie verschlossen. Dieses ausweichende Verhalten musste er ihr noch austreiben, und er war zuversichtlich, dass ihm das gelingen würde. An diesem Abend hatte sie sehr angespannt gewirkt, als sie zu ihm gekommen war. Eigentlich war sie schon seit Wochen ungewöhnlich gestresst, und er hatte herausgefunden, dass sie umso stärker dominiert werden wollte, je härter ihr Tag gewesen war.

»Breiter, Schlampe«, forderte er und hielt eine ihrer zarten Fesseln fest. Sie streckte sich für ihn, und ihr Duft stieg ihm in die Nase und wirbelte um ihn herum. Er war steif und begehrte sie, aber die Nacht wäre rasch zu Ende, nachdem er gekommen war, und er wollte sie in die Länge ziehen.

Sie blieb nie über Nacht. Sie kuschelten danach auch nicht. Er wusste weder genau, wo sie wohnte noch wie die Firma hieß, für die sie arbeitete, sondern nur, dass sie fünfunddreißig und ledig war, keine Kinder hatte, als Buchhalterin arbeitete und promiskuitiv war. Dass er in den vergangenen sechs Monaten ihr einziger Liebhaber gewesen war, war ungewöhnlich.

Doch er sah es auch als Bestätigung dafür, dass er ihr das gab, was sie brauchte.

Sie sehnte sich nach der Unterwerfung, aber am besten gefiel es ihr, wenn er in ihrem Mund kam und sie sein Sperma schlucken konnte. Dabei genoss sie jedes Stöhnen und jeden seiner Lustschreie. Wenn es ihm nicht gelang, sie zum Orgasmus zu bringen, bevor er kam, dann erreichte sie den Höhepunkt gar nicht. Es war fast so, als bräuchte sie den Orgasmus nicht, um sich befriedigt zu fühlen.

Doch in diesem Moment gierte es ihn nach ihrem Höhepunkt, er wollte ihr Lust schenken und spüren, wie sich ihr Körper nach ihm sehnte.

Nachdem er um das Bett herumgegangen war, fesselte er ihren zweiten Fuß, um danach ihre Handgelenke an den Bettpfosten festzubinden. Er fragte sie nicht, ob es zu fest war, da sie ihm ohnehin nur antworten würde, dass sie alles ertragen würde, was er mit ihr machte.

»Was hast du mit mir vor, Meister?«, wollte sie mit zitternder Stimme wissen, doch es war keine Furcht, sondern Verlangen, das ihre Stimme beben ließ. Wenn sie gefesselt war, konnte er sie dazu zwingen, sich gehen zu lassen.

»Möchtest du, dass ich dich ficke?«, murmelte er, kletterte aufs Bett und beugte sich über sie, um ihren Duft in sich aufzunehmen. Ihm wurde beinahe schwindlig.

»Ich bin deine Hure und tue, was immer du willst, Meister.«

Was er wollte? Himmel! Er wollte so viel, all die Dinge, die sie zurückhielt, und vor allem wollte er sie. Ihre Gedanken, ihre Gefühle, ihre Ängste, ihre Freude, ihre Vergangenheit. Ja, all diese Dinge, aber vorerst musste er sich mit weniger zufriedengeben und es genießen, bis sie ihm mehr gab.

Er packte ihr Kinn, hielt es fest und zwang sie, ihm in die Augen zu sehen. »Ich möchte, dass du meinen Namen schreist, wenn du kommst.«

Sie blinzelte mehrmals schnell, und ihm war klar, dass es nicht das war, was sie hören wollte. Sie wollte seinen Orgasmus. Doch sie war seine Sklavin, daher gab sie ihm die Antwort, die er erwartet hatte. »Das werde ich.«

Er presste seine Lippen auf ihre, küsste sie aber nicht. »Ich werde dich jetzt lecken, meine süße kleine Schlampe. Denn genau so sollst du kommen«, flüsterte er ihr zu.

Daraufhin verspannte sie sich. Er hatte es ihr noch nie mit dem Mund gemacht, wenn sie nicht gefesselt war. Eigentlich brachte er sie nie mit dem Mund, der Zunge oder den Fingern zum Orgasmus, wenn sie sich bewegen und somit wehren konnte. Aber das gefiel ihm, da sie ihm in diesen Augenblicken wirklich gehörte und sich gehen ließ. Als würden die Fesseln ihr eigentlich die Freiheit schenken.

»Aber musst du nicht auch kommen?« Ihre Stimme hob sich am Ende des Satzes wie bei einer Frage, klang aber dennoch schmeichelnd wie bei einer Sirene.

Großer Gott, ja, natürlich musste er in ihr oder in ihrem Mund kommen. Oder durch ihre Hand. Sie würde ihn auf jede Art bearbeiten, wenn er sie ließ. Doch er wollte ihren Höhepunkt, den Gipfel ihrer Kapitulation.

»Ich werde dich lecken, und du wirst schreien.« Er legte sich auf sie, Haut auf Haut, und sah ihr in die weit aufgerissenen Augen mit den geweiteten Pupillen, während sich ihre Nippel gegen seine Brust drückten. »Nicht wahr?«

Sie gab nach. »Ja, Meister«, flüsterte sie, doch es war kaum mehr als ein Hauchen.

Dann rutschte er langsam tiefer und kostete ihre Haut, ließ seine Zunge über ihre Brüste, ihren Bauch bis hinunter zu den gestutzten Haaren auf ihrem Venushügel gleiten.

»Du riechst so gut.« Er atmete tief ein und berührte sie dann kurz mit der Zunge. »Und du schmeckst auch so gut.« Er liebte ihre Muschi, sie war großartig, voll, pink und ihre Klit prachtvoll.

Er leckte sie und genoss ihren Geschmack in seinem Mund. Gott! Wie er das liebte! Sie zerrte an ihren Fesseln, und ihr leises Stöhnen erfüllte den Raum. Er steckte erst einen und dann noch einen zweiten Finger in sie und verwöhnte abwechselnd ihren G-Punkt und ihre Klit.

Sie keuchte. Stöhnte. Das war Musik in seinen Ohren. Dann begannen ihre Beine zu zittern, ihre Schreie wurden lauter, sie rief seinen Namen, und ihr Körper zuckte. Er hörte nicht auf, sondern verlängerte ihren Orgasmus, bis sie schließlich erschöpft auf dem Laken lag und sich ihr dunkles Haar auf dem Kissen ausgebreitet hatte.

Ihren Geschmack noch auf den Lippen, legte er sich neben sie. »Hat dir das gefallen?«

»Es war himmlisch, Meister.« Sie schluckte und schloss die Augen.

Er wollte gar keine Bestätigung, aber das kam ihm doch irgendwie … zu schnell. Es war fast so, als ob sie ihn besänftigen wollte.

»Aber du bist nicht gekommen«, fügte sie hinzu.

Er sah sie lange und abschätzend an und in ihm schien etwas zu zerbrechen. »Hattest du etwa auch keinen Orgasmus?«

Erneut schluckte sie. Es war fast so, als hätte sie einen nervösen Tick entwickelt. »Doch.«

»Lüg deinen Meister nicht an!« Er biss die Zähne zusammen, weil ihm noch andere Worte auf den Lippen lagen. Er konnte sie Schlampe, Hure, Nutte nennen, fast so, als ob er sie verführen wollte, doch im Nachhinein klangen diese Worte bei Weitem nicht mehr so erregend.

Sie holte tief Luft, sodass sie ihre Brust hob, und ihre Haut färbte sich rosa, aber nicht so, als hätte sie gerade einen großartigen Orgasmus gehabt, sondern eher aus Nervosität.

»Ich bin sehr verärgert, dass du nicht gekommen bist.« Er verwendete eine Sprache, die sie verstand und auf die sie reagierte.

Doch dieses Mal wich sie ihm aus. »Ich werde dir einen blasen«, flüsterte sie. Dann bewegte sie die Arme und zerrte an den Fesseln, als ob sie es kaum erwarten könnte, ihn zu berühren. »Ich werde es dir besorgen.«

In seinem Inneren breitete sich Kälte aus. »Wie oft hast du den Orgasmus nur vorgetäuscht?«

»Noch nie«, flüsterte sie und sah seine Nase, seine Wange, seinen Mund an, nur um ihm nicht in die Augen blicken zu müssen.

Aber er spürte ihre Lüge, da sich ihr Körper versteifte. Er fragte sich, wie oft sie ihm den Höhepunkt nur vorgegaukelt hatte, wie oft er so von ihr gefangen und von dem, was er durch sie fühlte, abgelenkt gewesen war, dass er nicht einmal bemerkt hatte, wie gut sie ihm etwas vorspielte.

Scheiße! Er war fünfundvierzig Jahre alt und damit zu alt, um verarscht zu werden, und doch traf ihn diese Lüge schwer. Er wollte ein Teil ihres Lebens sein. Er wollte, dass sie mehr über ihn, seine Töchter und seine Arbeit wusste, sogar von seiner gescheiterten Ehe wollte er ihr erzählen. Und er wollte alles von ihr wissen. Manchmal ärgerte er sich maßlos über die Geheimnisse, die sie vor ihm hatte, wie sie sich emotional zurückhielt. Aber das hier war, was sie hatten. Sie rief an, kam zu seinem Haus, ließ sich von ihm beschimpfen, fesseln, die Augen verbinden oder spanken. Wenn sie seiner Gnade ausgeliefert war, konnte er mit ihr machen, was er wollte. Der Sex mit ihr war großartig, aber er wollte etwas Authentischeres von ihr, etwas Realeres, mehr als nur Bruchstücke ihres Lebens. Er wollte eine ganze Nacht mit ihr verbringen, ohne dass sie rasch wieder ging. Danach sehnte er sich schon seit Monaten, aber er hatte sie nicht gedrängt, sondern ihr Zeit gelassen. Nur um herauszufinden, dass sie einige ihrer Orgasmen nur vorgetäuscht hatte. Verdammt noch mal!

»Fick mich«, säuselte sie, und er bemerkte, dass sie ihn verführen wollte. Sie sagte nie, was sie wollte, bat nie um irgendetwas, aber sie konnte Befehle befolgen. Und wie sie Befehle befolgen und ihn um den Verstand bringen konnte! Dass sie jetzt um etwas bat, war neu und passte nicht zu ihr. »Ich werde dafür sorgen, dass du dich gut fühlst«, fügte sie hinzu.

Wenn er in sie eindrang, fühlte er sich mehr als nur gut. Wenn er tief in ihr war, konnte sie ihn in eine andere Dimension befördern. Das war keiner anderen Frau vor ihr je gelungen, nicht einmal seiner Exfrau, als er sie noch für die Frau seiner Träume gehalten hatte.

Er wurde manipuliert. Sie wich dem aus, was er eigentlich von ihr wollte. Wütend stieg er aus dem Bett, stellte sich daneben und starrte auf ihren perfekten Körper herab, der auf dem Rücken vor ihm lag, und verlor sich im Glanz ihrer strahlend blauen Augen. Er wusste, dass er sie ficken würde. Weil er es selbst unbedingt wollte. So war es vom ersten Moment an, in dem er sie gesehen hatte, immer gewesen.

Aber das Spiel musste sich ändern, die Regeln mussten neu geschrieben werden. Er wollte mehr als Sex, er wollte alles. Und er würde es bekommen. Und wenn er ihr befehlen musste, es ihm zu geben. Schließlich war er der Meister.

1

Bree Mason hatte ihr gesamtes Leben als Erwachsene, wenn nicht sogar noch länger, gelernt, mit Männern umzugehen. Doch in der vergangenen Nacht hatte sie bei ihm alles falsch gemacht. Sie war sich nicht sicher, wie genau es ihr gelungen war, die Sache zu vermasseln. Sie hatte gezittert und seinen Namen geschrien, sich unter seinem Mund aufgebäumt und die richtigen Geräusche sowie die entsprechenden Bewegungen gemacht. Es war so viel leichter, den Orgasmus einfach nur vorzutäuschen und es sich später selbst zu machen, wenn ihr danach war. Wenn sie diejenige war, die es tat. Wenn es keine Schuldgefühle gab, weil sie von einem Mann berührt wurde und es sich gut anfühlte. Normalerweise mochte sie es nicht, von einem Mann zum Höhepunkt gebracht zu werden, es sei denn, es war Teil einer Bestrafung. Aber dieses Mal hatte Luke Raven gemerkt, dass sie ihm etwas vorgespielt hatte. Nur wie?

Er war der einzige Mann, der je Lust auf Zärtlichkeit verspürt hatte. Ihm gefiel es einfach, wenn sie kam. Sie glaubte fast, dass er manchmal versuchte, in ihre Seele zu blicken. Doch sie hatte Angst, dass er zurückschrecken würde vor dem, was er darin sah, wenn sie es je zuließ.

»Hey, Bree, könnten Sie mal kurz in mein Büro kommen?«

Beim Klang der Stimme erschreckte sich Bree. Ihre Chefin, Erin DeKnight, stand auf einmal in der Tür ihres Büros, als hätte sie sich wie ein Gespenst einfach materialisiert, und winkte sie zu sich heran. Allein aus Prinzip drehte sich Bree der Magen um. Sie ging immer vom Schlimmsten aus, sie konnte einfach nicht anders. Wenn man damit rechnete, konnte man es zuweilen umgehen und Schadensbegrenzung betreiben. Als Erin Bree das letzte Mal in diesem Tonfall in ihr Büro gebeten hatte, war sie ordentlich zusammengefaltet worden. Natürlich war es allein Brees Schuld gewesen. Wenn man sich seltsam und geheimnisvoll benimmt, bekommt man irgendwann nun mal die Quittung dafür.

Also sprang sie auf, um ihrer Chefin zu folgen und Schadensbegrenzung zu betreiben, falls es erforderlich war.

Erin war vierzig und somit fünf Jahre älter als Bree, aber immer noch schlank und hatte knallrote Haare. Sie war schlank, selbstbewusst und leitete DeKnight Gauges als wäre sie die Kapitänin eines Schiffes. Erin schien nie an sich zu zweifeln, und sie verwies einen nie an Dominic, nur weil er ihr Ehemann und ein Mann war. Gemeinsam leiteten sie die Firma, die von den Angestellten nur DKG genannt wurde, und teilten sich die Verantwortung. Erin kümmerte sich um die alltäglichen Vorgänge wie den Zusammenbau der Ultraschalltestgeräte, die sie produzierten, während Dominic, der Ingenieur, am Design der Produkte arbeitete und den Großteil des Marketings übernahm. In den sechs Jahren, die Bree jetzt für sie arbeitete, hatte sie noch keinen Streit zwischen den beiden mitbekommen. Natürlich hatten sie eine schwere Zeit zu überstehen gehabt, als sie vor etwas über einem Jahr ihren Sohn Jay verloren hatten, doch das war allen bei DKG so gegangen. In den letzten Wochen schien sich Erin allerdings verändert zu haben. Während er zuvor von niemandem erwähnt worden war, weil sie den Schmerz nicht ertragen konnte, standen auf einmal wieder Bilder von Jay in Erins Büro. Als sie die Tasse mit der Aufschrift »Die beste Mutter der Welt« wieder mit zur Arbeit brachte, waren alle ziemlich schockiert gewesen, allerdings kam das auch fast einer Einladung gleich, sich wieder an Jay erinnern zu dürfen.

Erin schloss die Tür, die ihr Büro mit dem runden Raum verband, in dem der Konferenztisch, die gemeinsam genutzten Bürogeräte und die Kaffee-Ecke waren. Wenn man sich einen Kaffee eingoss, konnte man alles hören, was in irgendeinem an den zentralen Bereich angrenzenden Büro gesagt wurde, und manchmal sogar noch Worte verstehen, die in der Fabrik auf der anderen Seite oder im Ingenieursbereich am anderen Ende gesprochen wurden. Wenn Erin die Tür schloss, dann hatte sie etwas zu sagen, das nur Bree hören sollte.

Bree setzte sich auf den Besucherstuhl und faltete die Hände.

Bevor sie sich an ihren Schreibtisch setzte, zog sich Erin ihren Blazer über. »Verdammt, ist das heute kalt.«

Regen prasselte gegen das Fenster des Büros. In der San Francisco Bay war der Januar meist sehr angenehm, häufig war es sogar so warm, dass man etwas Kurzärmliges anziehen konnte. Der Regen kam im Allgemeinen erst im Februar zurück. Doch dieses Jahr sollte anscheinend nasser werden als die letzten. Bree drückte ihre Finger gegeneinander, um sich zu wärmen.

Erin schob ein Blatt Papier über den Schreibtisch. »Das ist heute Morgen mit der Post gekommen, und ich habe eben mit Marbury telefoniert.«

Denton Marbury war ihr Wirtschaftsprüfer und Steuerberater. Bree war zwar für die Buchhaltung innerhalb der Firma verantwortlich, doch mit Ausnahme der Verkaufssteuermeldungen, die ziemlich einfach waren, hatte sie mit den Abgaben an die Regierung nichts zu tun. Sie beugte sich vor und zog den Brief mit einem Finger näher zu sich heran, bis sie den Briefkopf der Steuerbehörde erkannte. Ihr sackte das Herz in die Hose, und ihr wurde speiübel.

»Sie haben eine Betriebsprüfung angekündigt«, sagte Erin. »Ich habe es vorhin Marbury zugefaxt.«

Selbst wenn man nichts falsch gemacht hat, wird der Puls automatisch schneller, sobald man das Wort Steuerbehörde liest.

»Sie müssen sich keine Sorgen machen, Bree. Marbury hat gesagt, er regelt das. Aber Sie müssen die ganzen Akten raussuchen, die sie sehen wollen. Er wird mir eine vollständige Liste aller Belege zumailen, die er braucht, sobald er sich den Brief genau durchgelesen hat.«

Denton Marbury. Urgs. Natürlich würde er Bree nicht die Liste schicken. Nein, es musste alles über Erin laufen. In diesem Moment wurde Bree klar, dass sie noch keinen Ton gesagt hatte. Sie schluckte ihren Ärger herunter. »Das ist kein Problem. Wann soll die Betriebsprüfung stattfinden?« Sie gab sich große Mühe, zuversichtlich zu klingen und nicht so eingeschüchtert, wie sie sich fühlte.

»Der Termin ist erst Mitte Februar, aber Marbury braucht die Akten bereits in zwei Wochen, damit er sie durchgehen kann.«

»In zwei Wochen?« Brees Stimme klang schrill. Es war Freitag, der fünfte Tag der Jahresinventur. Sie musste noch unzählige Berichte schreiben, die neuen Standardpreise überprüfen, den Geschäftsbericht fertigstellen, die Veränderungen der Arbeitsabläufe analysieren, da die Signalgeber jetzt intern produziert wurden, und hatte auch noch Unmengen anderer Dinge zu erledigen, nicht zu vergessen die ganzen Formulare, die sie an ihre Zulieferer rausschicken musste, und zwar noch vor Monatsende. Am meisten ärgerte sie sich darüber, dass sich Marbury die Akten, die sie ihm zusammenstellte, ohnehin erst am Morgen der Buchprüfung ansehen würde. So war er nun mal. Er war ein großer Mann mit lauter Stimme, die aus der Tiefe seines Bauches zu kommen schien und die immer ein wenig bedrohlich klang, und bei ihm fühlte sie sich … klein. Sie verspürte den schrecklichen Drang, sich zusammenzukrümmen, wann immer sie ihn sah, und dafür hasste sie sich. Das einzig Gute war, dass er sie noch nie wirklich dabei erwischt hatte, wie sie vor ihm zusammenzuckte.

»Das ist eine Menge Arbeit«, stellte Erin fest. »Insbesondere hinsichtlich der Sache mit Ihrem Vater. Soll Marbury dort anrufen und um eine Verschiebung bitten?«

»Nein«, erwiderte Bree rasch. Sie würde es schaffen. Sie war gut organisiert und konnte alles bewältigen. Vor allem wollte sie nicht als klein angesehen werden. »Ich werde mir ansehen, was sie haben wollen, und sage Bescheid, falls es Probleme gibt.« Sie überflog die Liste. »Das sieht alles nach reiner Routine aus.« Dann drückte sie den Brief gegen ihre Brust.

»Bree.«

Bree schluckte. Sie wusste, was jetzt kommen würde. »Mir geht es gut«, sagte sie und versuchte, Erins Worten Einhalt zu gebieten.

»Ich weiß, wie es Ihnen geht«, meinte Erin freundlich. »Aber wie geht es Ihrem Vater?«

Bree schürzte die Lippen und wusste, dass sie jetzt einen Gesichtsausdruck machte, den sie an sich nicht leiden konnte. »So gut, wie man es erwarten kann.« Sie behauptete nicht, dass es ihm gut ging, denn das wäre gelogen gewesen.

»Dominic und mir tut die Sache sehr leid.«

Die Sache. Die Krebserkrankung ihres Vaters. Seine Krankheit. »Vielen Dank«, erwiderte Bree.

»Wenn Sie ein paar Tage freinehmen wollen, lassen Sie es mich wissen. Wir werden uns um alles kümmern.«

»Das weiß ich sehr zu schätzen.« Ihre Finger fühlten sich ganz taub an, wie immer, wenn sie über die Sache reden musste.

Sie hatten vor dem Jahreswechsel darüber gesprochen. Gut, sie hatten nach dem großen Zwischenfall, als jemand Externes vertrauliche Informationen gestohlen hatte, über ihren Vater gesprochen.

»Ich weiß, dass Sie nicht darüber nachdenken wollen«, fuhr Erin fort, »aber wenn die Zeit gekommen ist, dann haben Sie unsere ganze Unterstützung, was immer auch vonnöten ist.« Das war noch eine Sache, die sich bei Erin kürzlich verändert hatte: Auf einmal konnte sie viel besser mit Mitgefühl und Trauer umgehen.

»Das ist sehr nett von Ihnen, Erin.« Seit dem Zwischenfall, wie Bree die Angelegenheit nannte, überschlug sich Erin förmlich damit, sich bei Bree dafür zu entschuldigen, dass sie auch nur auf den Gedanken gekommen war, Bree könnte etwas damit zu tun gehabt haben, dass die Verkaufszahlen in fremde Hände gefallen waren. Doch sie hatte sich bei der Arbeit tatsächlich seltsam und geheimnisvoll benommen und konnte es Erin nicht verdenken, dass sie Verdacht geschöpft hatte. Aber das hatten sie überwunden, wenngleich Erin nicht die leiseste Ahnung hatte, wie viel es Bree bedeutete, von ihr akzeptiert zu werden. Erin hatte Brees Gefühle hinsichtlich der Krankheit ihres Vaters nachvollziehen können und ihre Ängste verstanden. Erin wusste, wie es war, den Kopf in den Sand zu stecken und zu versuchen, so zu tun, als wäre nichts passiert und als würde nichts geschehen, sich vorzumachen, alles wäre in bester Ordnung.

Erin lehnte sich zurück und hob beschwichtigend die Hände. »Dann werde ich das Thema auf sich beruhen lassen. Ich weiß, dass Sie mit alldem fertig werden, aber wenn Sie das Gefühl bekommen, dass es Ihnen über den Kopf wächst, reden Sie mit mir. Und diese Buchprüfung ist keine große Sache. Marbury wird ihnen schon den Wind aus den Segeln nehmen, das hat er mir versichert.«

Genau. Marbury hatte es Erin versichert, aber es war eine ganz andere Sache, wie er Bree behandelte. Wie dem auch sei. Sie würde damit fertig werden, und wenn sie etwas nicht schaffte, würde sie eben so tun, als ob.

Darin war sie sehr gut. Hatte Luke das nicht selbst gesagt? Als sie an ihn dachte, wurde ihr ganz warm und die wilde kleine Bestie in ihr wurde besänftigt, was eigentlich merkwürdig war, wenn sie daran dachte, wie sie sich am vergangenen Abend verabschiedet hatten.

Bree stand auf. »Okay, ich mache mich an die Arbeit. Und die Inventardifferenzen prüfe ich bis heute Abend.« Sie war auf einige unstimmige Stellen gestoßen und musste herausfinden, wo das Problem lag, ob die Pläne verkehrt waren oder es Fehler in den Rechnungen für die Materiallieferungen gab.

Als sie wieder in ihrem Büro saß, ging sie die Liste für die Buchprüfung durch. So schlimm war die Sache gar nicht. Das größte Problem waren die Gemeinkosten, die sie für die Inventarbewertung zugrunde legte. Die würde sie erklären müssen, aber sie hatte sich bereits einige Notizen in der entsprechenden Akte gemacht und verwendete immer dieselbe Methode, seitdem sie vor einigen Jahren zu dem neuen System übergegangen waren. Sie hatte Marbury sogar schon alles erklärt.

Ihr Vater war der Ansicht, dass sie in ihrer Karriere schon viel weiter sein müsste, aber sie war kein Manager und eignete sich nicht dazu, andere zu beaufsichtigen. Nein, sie war kaum mehr als eine richtige Buchhalterin. Allerdings wusste sie alles über DKG. Und die DeKnights brauchten sie. Außerdem kam sie sehr gut zurecht. Ihr gehörte sogar eine kleine Wohnung drüben in Newark. Sie war unabhängig. Sie war glücklich.

Aber sie mochte keine Veränderungen.

Das Telefon auf ihrem Schreibtisch klingelte. »Hier ist Bree Mason. Wie kann ich Ihnen helfen?«

Die Stimme am anderen Ende war kaum mehr als ein Flüstern. »Ich kann das nicht mehr, Brianna. Bitte!«

In Brees Bauch zog sich alles zusammen. Ihre Mutter war die Einzige, die sie Brianna nannte, und das auch nur, wenn sie sich sehr aufregte. »Warum hast du mich nicht auf dem Handy angerufen, Mom?«

»Weil ich wusste, dass du nicht rangehen würdest.«

Okay, sie gab ja zu, dass sie eine schlechte Tochter war. »Ich gehe jeden Tag ans Handy.« Aber nur einmal am Tag, weil sie es öfter einfach nicht ertragen konnte.

»Ich kann mich nicht mehr alleine um ihn kümmern, Brianna.« Sie hörte ihrer Mutter an, dass sie weinte.

»Er muss in ein Hospiz, Mom.«

»Er möchte zu Hause sterben.«

Bree konzentrierte sich auf ihre Atmung. »In einem Hospiz kann man viel besser für ihn sorgen.«

»Das hier ist sein Zuhause.«

Ihre Eltern hatten schon vor Brees Geburt in dem Haus in Saratoga gewohnt. Es hatte vierzigtausend Dollar gekostet, war komplett abbezahlt und inzwischen ein kleines Vermögen wert, obwohl die Immobilienbranche eingebrochen war. Ihrer Meinung nach sollten ihre Eltern das Haus verkaufen und sich ein kleineres, praktischeres suchen.

Aber ihr Vater weigerte sich. Wie immer.

»Du musst dich durchsetzen, Mom, und ihm sagen, dass du es nicht mehr schaffst.«

»Ich würde es schaffen, wenn du nach Hause kommst und mir hilfst.«

Das war es also. Sie wollten, dass sie nach Hause kam. Sie wollten sie zurück. Bei ihrem Vater war vor fünfzehn Monaten Lungenkrebs diagnostiziert worden. Er hatte eine Strahlungstherapie bekommen, und die Krankheit stagnierte eine Weile. Vor zwei Monaten, kurz nach Thanksgiving, hatten die Ärzte dann festgestellt, dass der Krebs in seine Nieren gewandert war. Jetzt war es nur noch eine Frage der Zeit.

Bitte zwing mich nicht dazu, Daddy!

Sie konnte unmöglich wieder nach Hause ziehen. Es fiel ihr schon schwer genug, jeden Sonntag zum Essen hinzufahren, wozu sie ihre Mutter zwang, seitdem Bree nach dem College in ihre erste eigene Wohnung gezogen war. Am letzten Sonntag war sie davon überzeugt gewesen, dass ihr Vater einen Schlaganfall erlitten hatte. Sein Gesicht war einfach eingefallen, als sie ihn mit zerstampften Pfirsichen gefüttert hatte, als hätten alle Muskeln auf einmal die Funktion eingestellt. Er hatte ausgesehen wie ein Clown mit diesem schiefen Grinsen im Gesicht. Dann war es wieder vorbei, und er hatte weiter seine Pfirsiche gemümmelt, als ob nichts geschehen wäre. Irgendwann hatte auch ihr eigenes Herz wieder angefangen zu schlagen.

Sie konnte das einfach nicht tagaus, tagein machen.

Ihre Mutter weinte jetzt hörbar. Bree hielt die Luft an. Ihre Augen brannten, und sie schniefte.

»Bitte, Brianna, hilf mir! Ich weiß nicht mehr, was ich machen soll.«

Bree dachte an das, was Erin bei ihrem Gespräch kurz vor Silvester gesagt hatte, als Bree ihr gestanden hatte, wie krank ihr Vater war und dass er nicht mehr lange zu leben hatte. Erin hatte gesagt, dass sie kein schlechter Mensch war, nur weil sie nicht hinziehen wollte, sich dem nicht stellen wollte, es nicht mitansehen wollte. Erin fand es verständlich und normal, wenn Menschen so reagierten.

Vielleicht war es ja wirklich normal. Aber Bree wusste, dass sie ein schlechter Mensch war, weil sie ihre Mutter weinen hörte und ihr diesen Wunsch dennoch nicht erfüllte.

Zwing mich nicht dazu! Bitte zwing mich nicht dazu!

Sie war fünfunddreißig Jahre alt und betete wie ein kleines Kind zu Gott. Doch Gott würde sie nicht retten. Er würde ihr nicht aus heiterem Himmel eine andere Alternative anbieten. Letzten Endes wusste sie auch nicht, wie lange sie sich selbst noch im Spiegel ertragen konnte, wenn sie nicht hinfuhr.

»Okay, Mom«, sagte sie schließlich. »Ich komme. Ich bin morgen früh da.« Samstag. Erst musste sie ein paar Sachen packen und ihre Blumen gießen. Sie konnte ihre Pflanzen ja nicht sterben lassen.

Nachdem ihre Mutter aufgelegt hatte, drückte Bree den Hörer an die Brust und konzentrierte sich darauf, einfach weiterzuatmen. Sie konnte das schaffen. Sie konnte stark sein. Sie konnte wie Erin sein.

Aber wenn sie das tun musste, dann brauchte sie irgendetwas, das ihr half, die Sache durchzustehen. Normalerweise bat sie ihn nicht um zwei Abende nacheinander, aber sie brauchte ihn so sehr.

Also stand sie auf und schloss mit einem leisen Klicken ihre Bürotür. Wieder auf ihrem Stuhl, wählte sie seine Nummer, die sie per Kurzwahl gespeichert hatte, und als er ans Telefon ging, sagte sie die magischen Worte: »Willst du mich heute Abend, Meister?«

2

Und wie Luke sie wollte! Er hätte am liebsten durchs Telefon gegriffen und sie berührt, seinen Anspruch auf sie angemeldet. Er saß in seinem geräumigen Büro im zweiten Stock des Silicon-Valley-Unternehmens, das er leitete, und sagte: »Zu meinen Bedingungen.«

»Natürlich, Meister. Ich werde tun, was du willst.«

Er überlegte kurz, was er eigentlich wollte, und dachte dann an das, was sie brauchte. »Du musst bestraft werden.«

»Ja, Meister.« Vor Aufregung wurde ihre Stimme zu einem heiseren Flüstern.

»Du wirst nicht schreien, und du wirst dich nicht wehren, Schlampe.« Bei diesen Worten loderten Hitze und Verlangen in ihm auf.

Er konnte fast schon spüren, wie ihr Körper unter ihm bebte, als sie mit zitternder Stimme antwortete. »Nein, Meister, ich werde mich nicht wehren.«

Dieses Mal würde sie um die Erlösung betteln müssen. Er würde sie spanken, und dann würde er es ihr mit dem Mund machen und sie zum Höhepunkt bringen. Er würde den Orgasmus aus ihr herauszwingen.

»Um wie viel Uhr soll ich da sein, Meister?«

»Wir werden uns nicht in meinem Haus treffen, sondern bei dir.« Er hörte, wie sie erschrocken Luft holte, und hatte bei der Pause, die danach entstand, das Gefühl, als ob sich vor ihm ein schwarzes Loch auftun würde. »Oder wir machen es gar nicht.«

»Bitte zwing mich nicht dazu!« Obwohl sie noch immer flüsterte, schien die Erregung aus ihrer Stimme verschwunden zu sein.

Auch wenn sie es nicht wollte, war es doch genau das, was sie brauchte. Und er brauchte es auf jeden Fall. »Es ist Zeit dafür. So oder gar nicht. Ich werde um acht Uhr da sein.«

»Wir müssen früher anfangen«, entgegnete sie, hielt jedoch inne, als ihr auf einmal klar wurde, dass sie seine Autorität infrage stellte.

Gut. Dann hatte er mehr Zeit mit ihr. »Dann sehen wir uns um sieben.«

»Ich habe keine Bettpfosten oder was anderes, woran du die Handschellen anbringen kannst«, sagte sie.

»Die werden wir auch nicht brauchen, da du alles, was ich mit dir machen werde, akzeptieren wirst, ohne dagegen anzukämpfen.«

Sie zögerte. »Ja, ich werde alles tun«, stimmte sie schließlich zu.

Nicht »Ja, Meister«. Er fragte sich, wieso sie das nicht gesagt hatte und ob das etwas Gutes oder etwas Schlechtes bedeutete. Aber eigentlich war es auch egal. Er hatte bereits entschieden, wie alles ablaufen würde.

»Du musst mir deine Adresse per E-Mail schicken.« Er wusste nicht genau, wo sie wohnte. Aber jetzt würde er dieses Geheimnis und noch einige andere lüften.

»Ja.« Das sagte sie so leise, dass er es kaum hören konnte.

Nachdem sie aufgelegt hatte, geriet er ins Grübeln. Trotz der Dominanz, die er ausübte, überließ er ihr noch sehr viel Kontrolle. Er rief sie nie an, sondern wartete immer, dass sie ihn anrief, wenn sie ihn brauchte. Auch übte er nie Druck auf sie aus, drängte sie zu nichts und gewährte ihr Freiheiten. Und genau das war das Problem: Er gewährte ihr zu viel Freiheit. Es war Zeit, die Samthandschuhe auszuziehen. Er würde in ihre Wohnung gehen, sie bestrafen und sie zum Orgasmus bringen. Danach würde er sie im Arm halten, und keiner würde schnell wieder das Bett verlassen. Außerdem hatte er vor, die ganze Nacht bei ihr zu bleiben.

Doch bevor er sich die Dinge ausmalen konnte, die er am Abend mit ihr vorhatte, musste er sich um seine Arbeit kümmern. Er griff zum Telefon und wählte eine Nummer.

»Ja, Luke?« Beeman war sofort dran.

»Ich brauche die vorläufigen Zahlen für die Vorstandssitzung am Mittwoch.«

Beeman seufzte. »Sie wissen, dass das unmöglich ist, Luke.« Auch von ihm kein »Ja, Meisterei.« Als Finanzvorstand sagte Beeman immer, dass etwas unmöglich sei, damit er umso besser dastand, wenn er das, was Luke haben wollte, schließlich doch noch beschaffen konnte.

»Wir reden über vorläufige Zahlen, Beeman. Dem Vorstand ist klar, dass sie sich noch ändern können.«

»Ich habe noch keine Antwort von den Rechnungsprüfern wegen der Rücklagen erhalten.«

»Schreiben Sie eine Notiz dazu, und verdeutlichen Sie, was im schlimmsten und im besten Fall passieren kann.«

»Und mit den Währungsumrechnungen stimmt auch irgendwas nicht.«

Sie hatten vor zwei Jahren eine Fabrik in Deutschland gebaut, doch obwohl die Produkte aus der deutschen Anlage verschickt wurden, lief der Rechnungsversand noch über die USA. Das bereitete der Buchhaltung starke Kopfschmerzen. Die Deutschen mochten es nicht, wenn man ihnen sagte, was sie zu tun hatten. Er begriff, wo das Problem lag, doch das änderte nichts an der Tatsache. »Beeman«, war alles, was er daraufhin sagte.

»Scheiße! Okay. Vorläufige Zahlen bis Mittwoch.«

»Dienstagabend, Beeman. Ich möchte sie mir vor der Sitzung auch noch ansehen können.« Er ging nie uninformiert zu den Vorstandssitzungen.

Sein Finanzchef knurrte widerwillig.

»Danke, Beeman!« Er war eigentlich ein guter Mann und leistete ausgezeichnete Arbeit. Ein Geschäftsführer war nur so gut wie die Leute, die ihn unterstützten, und Luke hatte ein hervorragendes Team zusammengestellt.

Erneut klingelte sein Handy. Irgendwie war das Telefon, sei es das Handy oder das Festnetztelefon, schon fast zu einem Teil seines Körpers geworden. Sein Herz pochte voller Vorfreude, weil er hoffte, dass es noch einmal Bree sein würde.

Doch es war nicht ihre Nummer, die auf dem Display angezeigt wurde. »Hey«, sagte er zur Begrüßung.

»Dad?« Es war Keira, seine Älteste. Sie studierte in San Luis Obispo an der California Polytechnic State University, die kurz Cal Poly genannt wurde.

»Wer sollte denn sonst an mein Handy gehen, Süße?«

»Deine Sekretärin.«

»Die geht doch nicht an mein Handy.«

Keira seufzte, und er konnte beinahe hören, wie sie die Augen verdrehte. »Ich ruf nur an, um dir zu sagen, dass ich mich von Billie getrennt habe.«

»Das tut mir leid, Schatz«, antwortete er. Keira war seit Semesterbeginn mit Billie ausgegangen, Luke hatte ihn jedoch nie kennengelernt.

»Das ist was Gutes.« Allerdings musste sie nach diesem Satz erneut seufzen.

»Freut mich, dass du es so siehst.«

»Er hat angefangen, diese Dominanzscheiße auszuüben.«

Einen Augenblick lang stellten sich Luke die Nackenhaare auf. Niemand durfte sein kleines Mädchen ausnutzen, und er hatte seinen beiden Töchtern beigebracht, selbstbewusst aufzutreten. Doch Keira war noch nicht fertig. »Er hat mir tatsächlich gesagt, dass ich mich nicht mehr mit Stephie treffen darf, weil sie einen schlechten Einfluss auf mich hat.«

Luke schwieg.

»Glaubt der, ich wäre so blöd, Hasch zu rauchen, nur weil meine Freundin das tut? Hält der mich für so ein Weichei?«

Keira war seit der Mittelstufe mit Stephie befreundet. In der Highschool hatte sich Stephie mit seltsamen Leuten eingelassen und angefangen, Marihuana zu rauchen, doch Keira hatte zu ihr gehalten und gehofft, dass sie bald auf den rechten Weg zurückfinden würde. Seine Tochter hatte schon immer einen klugen Kopf gehabt. Sie war stark, hatte eine eigene Meinung und wusste, was sie wollte. Er war davon überzeugt, dass Stephie ohne Keiras Beistand angefangen hätte, härtere Drogen zu nehmen, und abhängig geworden wäre. Gott allein wusste, wie ihr Leben dann ausgesehen hätte.

»Ich bin stolz auf dich, weil du zu deinen Freunden hältst, Schatz. Andere Mütter haben auch schöne Söhne.«

»Himmel, Dad, das ist so ein uralter Spruch.«

Er lachte. »Ich bin ja auch ein uralter Mann. Wann kommen Kyla und du mal wieder nach Hause?« Sie waren zwar erst vor einer Woche wieder gefahren, als die Weihnachtsferien zu Ende gegangen waren, aber er vermisste sie schon wieder.

»Vermutlich in ein paar Wochen. Wir müssen uns erst wieder ans Unileben gewöhnen.«

»Okay, Schatz, aber sag mir rechtzeitig Bescheid, damit ich eure Mom anrufen kann.«

Sie machte ein Kussgeräusch und legte auf.

Er mochte diese kurzen Telefongespräche und dass er von seinen Töchtern oft SMS bekam. Keira war zwanzig, und Kyla, die ein Jahr jünger war, hatte gerade erst an der Cal Poly angefangen. Es war Beths Idee gewesen, ihnen derart ähnlich klingende Namen zu geben. Aber im Grunde genommen war das auch schon alles, was sie von ihrer Mutter hatten. Eigentlich ähnelten sie beide eher ihm. Das hatte Beth auch oft gesagt, dass sie sich ausgeschlossen fühlte, wenn sie mit allen dreien zusammen war, und dass es sei, als ob sie nur ein Schatten oder gar nicht da wäre.

Es gab vieles, was er bedauerte, und dazu gehörte auch, dass ihm nicht einmal aufgefallen war, wie ihm Beth entglitt, bis sie ihm vor fünf Jahren auf einmal gesagt hatte, dass sie es mit ihm nicht länger aushalten könne. Er hatte geglaubt, alles für sie zu tun, war ihr ein treuer Ehemann und brachte genug Geld nach Hause, um ihr das große Haus und alles, was sie haben wollte, zu finanzieren. An diesem Tag war irgendetwas in ihm gestorben. Er hatte den Schmerz, wenn auch nicht die Schuldgefühle in sich begraben können, war aber trotz allem sehr stolz darauf, dass seine Töchter so stark waren. So musste es auch sein. Allerdings war er jederzeit bereit, jeden Typen zu Brei zu schlagen, der ihnen das Herz brach.

Von all dem, was er in seinem Leben erreicht hatte, war er besonders stolz darauf, dass er zwei Töchter großgezogen hatte, die ihn nicht brauchten. Doch er war so darauf bedacht gewesen, das seinen Töchtern beizubringen, dass er die Bedürfnisse seiner Frau so lange missachtet hatte, bis es zu spät gewesen war.

Trotz all der Stärke, die er seinen Töchtern vermittelt hatte, und all der Qualen seiner Frau hatte er sich jetzt für eine Frau entschieden, die sich nach seiner Dominanz sehnte. Das war eine völlig andere Situation. Und verdammt noch mal, er freute sich auf die Intimitäten, zu denen er Bree an diesem Abend in ihrer eigenen Wohnung zwingen würde.

Luke würde in ihre Wohnung kommen. Sie hatte geputzt, abgewaschen, das Bett gemacht, die schmutzige Kleidung weggeräumt und sogar die Badewanne geschrubbt. Normalerweise war Bree immer ein wenig schwindlig, wenn sie wusste, dass sie ihn bald sehen würde. Jetzt war sie jedoch verängstigt. So hatte sie sich das nicht vorgestellt. Sie wollte das voneinander trennen und in einer kontrollierten Umgebung dominiert werden. Sie wollte gehen können, wenn ihr danach war oder wenn ihr irgendetwas zu viel wurde. Wie am vergangenen Abend, als ihm aufgefallen war, dass sie ihren Orgasmus nur vorgetäuscht hatte.

Bree holte tief Luft. »Beruhige dich«, sagte sie leise. Dann ging sie ins Bad und begann ihre Kulturtasche für den Aufenthalt bei ihren Eltern in Saratoga zu packen, der jetzt irgendwie in weite Ferne gerückt zu sein schien. Sie packte Blusen, Hosen und Blazer in eine Reisetasche. Ihr Koffer lag offen auf dem Bett, halb gefüllt mit Slips, BHs, Socken, Jeans, T-Shirts, Nachthemden, ihrer aktuellen Gobelinstickerei und ihren drei Lieblings-DVDs, der Disney-Version von Die Schöne und das Biest, der zwölfteiligen Serie Jane Eyre mit Timothy Dalton und Pitch Black. Gut, Letzterer war ein Science-Fiction-Film, aber die Rettung des Hauptdarstellers am Ende konnte sie sich gar nicht oft genug ansehen. Erlösung spielte bei all ihren Lieblingsfilmen eine Rolle. Wenn ihr bei ihren Eltern alles zu viel wurde, konnte sie eine dieser DVDs reinschmeißen und sich darin verlieren wie mit einem Halluzinogen. Alice auf dem Weg in den Kaninchenbau.

Sie hatte Erin noch nicht erzählt, dass sie vorübergehend zu ihren Eltern ziehen würde. Erst einmal wollte sie am Wochenende mit ihrer Mutter alles durchsprechen. Da ihr Arbeitsweg von dort aus kürzer wäre als von ihrer Wohnung in Newark aus, schließlich lag das Haus ihrer Eltern gerade mal zehn Minuten von DKG entfernt, konnte sie später kommen und früher gehen. Im Notfall konnte sie auch von zu Hause aus arbeiten. Es würde schon irgendwie klappen.

Wie oft sie dieses Mantra seit dem Gespräch mit ihrer Mutter an diesem Morgen vor sich hin gemurmelt hatte, wusste sie selbst schon nicht mehr. Aber wenn sie sich auch nur vorstellte, sich wieder in diesem Haus aufzuhalten, wurde ihr schon speiübel.

Gott allein wusste, wie sie es dann noch schaffen sollte, sich mit Luke zu treffen. Aus diesem Grund brauchte sie den kommenden Abend auch so dringend, denn er könnte für lange Zeit der letzte sein.

Doch selbst wenn sie jetzt noch nervös war, brauchte sie die Aufregung, die sie verspürte, wenn sie bei ihm war. Er war wie eine Droge, und wenn sie sich schlecht fühlte, zwang er sie dazu, etwas anderes zu empfinden. Er hatte sie vor Derek gerettet. Die Sache mit Derek war ihr über den Kopf gewachsen. Sie hatten sich online kennengelernt, und in den ersten Wochen war alles gut gelaufen. Dann hatte er angefangen, sie mit in die Klubs zu nehmen. Er hatte sie gezwungen, es anderen Männern mit der Hand zu machen, während er dabei zusah. Das war nicht so schlimm, und es gefiel ihr, dass ihn das anmachte. Alles war okay, solange er dadurch geil wurde. Doch dann geriet langsam alles außer Kontrolle. Er wollte, dass sie anderen Typen einen blies, mit Fremden schlief, sogar mit mehreren auf einmal. Er sprach sogar davon, Geld für ihre Dienste zu nehmen. Das wäre vielleicht noch in Ordnung gewesen, doch sie fühlte sich bei ihm irgendwann nicht mehr wie jemand Besonderes. Die ganze Beziehung richtete sich nur noch danach, dass er wie ein toller Typ rüberkam. Sie war nur noch ein Ding, das er herumkommandieren und weggeben konnte. Er fasste sie kaum noch an, und seine Blicke waren ständig auf Wanderschaft. Wenn sie sich weigerte, drohte er ihr Schläge an. Und auf einmal war Luke aufgetaucht. Er nahm sie ihm einfach weg. Bei ihm fühlte sie sich wie ein Juwel. In den letzten sechs Monaten hatte er ihr alles gegeben, was sie brauchte. Dafür musste sie nichts weiter tun, als seine Nummer anzurufen.

Bree warf die letzten Kleidungsstücke in ihren Koffer und verschloss ihn. Sie fuhr ja nicht so weit weg, dass sie nicht zurückkommen und weitere Sachen holen konnte. Außerdem musste sie ja auch hin und wieder herkommen und ihre Blumen gießen. Nachdem sie die Tasche auf den Boden gestellt hatte, stand sie kurz nachdenklich da. Sie konnte ihr Gepäck ja nicht im Flur stehen lassen, da Luke sonst Fragen stellen würde. Und sie wollte nichts erklären müssen. In Bezug auf Luke zog sie es vor, alles, was mit ihm zu tun hatte, abzugrenzen. Es gab ihr normales Leben und die Dinge, die sie mit Luke tat. Niemand sollte je von ihrem geheimen Leben erfahren, von den Männern und all den Dingen, die sie getan hatte.

Sie rollte den Koffer zum Schrank, schob die Kleidung beiseite und schaffte genug Platz, um ihn reinzuschieben. Dann stellte sie die Tasche daneben. Schließlich ging sie noch einmal ins Bad, holte drei Kondome aus der Packung, die sie unter dem Waschbecken aufbewahrte, und steckte sie in ihre Handtasche. Vermutlich würde sie nach dem heutigen Abend so schnell keine Gelegenheit mehr haben, Luke zu sehen, aber sie wollte auf alles vorbereitet sein.

So, das Zimmer war aufgeräumt. Sie richtete die blaue Tagesdecke, sah sich ein letztes Mal um und verließ dann den Raum. Ihre Wohnung lag auf zwei Etagen, oben waren zwei Schlafzimmer und ein Bad, unten befanden sich Küche, Essecke, Wohnzimmer und ein Gästebad. In der Küche entkorkte sie eine Flasche Merlot und ließ den Wein atmen. Sie trank lieber Weißwein, aber Luke bevorzugte roten.

Als es an der Tür klingelte, schlug ihr Herz wieder schneller, teilweise vor Aufregung, aber auch aus Angst davor, ihm gleich einen großen Bereich ihres anderen Lebens zu enthüllen. Andererseits war die Zeit, die sie mit ihm verbrachte, für sie realer als alles andere. Sie bezweifelte jedoch, dass er das verstehen würde.

Er war komplett in Schwarz gekleidet und sah mit seinem Rollkragenpullover, der Jeans und den Turnschuhen aus wie Cary Grant als Meisterdieb in Über den Dächern von Nizza. Sein dunkles Haar war ebenfalls schwarz, so rabenschwarz, wie es seinem Nachnamen entsprach. Doch seine Augen waren hellbraun, fast schon bernsteinfarben. Es gefiel ihr, dass er nur wenige Zentimeter größer war als sie. Er war kräftig gebaut, und seine Muskeln passten gar nicht zu einem Büroarbeiter wie ihm. Wäre er über einen Meter achtzig groß gewesen, hätte sein Körper fast schon bedrohlich gewirkt.

»Schön hier«, meinte er. Auf ihrer winzigen Terrasse standen einige Blumentöpfe. Der Regen hatte aufgehört, und ihr Windspiel klingelte leise im Abendwind. Natürlich konnte man auch die lauten Nachbarn auf der anderen Straßenseite hören, ebenso wie die lautstark spielenden Kinder auf dem Parkplatz.

Mit seinem prachtvollen Haus in Atherton konnte man ihr Heim nicht vergleichen, aber es gehörte ihr. Und der Bank. »Komm doch rein!« Sie hielt ihm die Tür auf und verglich sich innerlich mit einer unschuldigen Frau, die einem Vampir erlaubte, über ihre Türschwelle zu treten.

Nur dass sie ihre Unschuld schon vor langer Zeit verloren hatte.

3

Durch die Eingangstür gelangte man gleich ins Wohnzimmer, in dem die Treppe direkt an der Wand, die an die Nachbarwohnung grenzte, nach oben führte. Neben dem Wohnbereich lagen die Küche und eine kleine Gästetoilette mit WC und Waschbecken. Über Bree wohnte niemand mehr, und da sie ganz am Ende des Hauses wohnte, musste sie zumindest nur von einer Seite den Lärm ihrer Nachbarn ertragen. Luke ging ins Wohnzimmer und sah sich interessiert um. Der praktische graublaue Teppich hatte bei ihrem Einzug schon hier gelegen, und die Wände waren weiß gestrichen. Sie besaß eine bequeme Couch mit dazu passendem Zweisitzer sowie einen relativ neuen Flatscreen-Fernseher.

Luke beugte sich vor und begutachtete ihre Stickarbeit, die auf dem Sofa lag, einen historischen Pferdewagen vor einem Herrenhaus. »Hast du das gemacht?«

Bree wurde tatsächlich rot. »Ja.« Das Sticken beruhigte sie.

»Ich hätte nicht gedacht, dass du Handarbeiten magst.«

Warum nicht? Weil es nicht zusammenpasste, wenn eine promiskuitive Schlampe stickte? Das sprach sie jedoch nicht laut aus. Stattdessen deutete sie auf die anderen Stickereien, die an der Wand hingen. »Das mache ich schon seit meiner Kindheit.« Dieses Hobby hatte sie schon immer entspannt. Einige fanden diese Arbeit zwar monoton, doch ihr gefiel es, wie leicht man damit Perfektion erreichen konnte, jeder Stich war derselbe, und das Ergebnis entstand unter ihren Fingern.

»Ich bin beeindruckt.« Er lächelte und ging durch das Wohnzimmer zum Essbereich.

Sie hatte einen Esstisch mit Stühlen von Ikea. Allerdings waren nur ihre Eltern kurz nach ihrem Einzug einmal zum Essen hier gewesen. Meist aß sie allein auf dem Sofa und sah dabei fern.

»Ich habe einen Wein aufgemacht.« Sie deutete auf die Küche. Sie hatten Sex gehabt und so viele schmutzige Dinge zusammen getan, und doch war sie jetzt so nervös wie bei einer ersten Verabredung.

Er lachte. »Das habe ich ganz vergessen. Der Mann sollte ja eigentlich eine Flasche mitbringen. Wie nachlässig von mir.« Er beugte sich vor und schnüffelte an ihren Haaren. »Himmel, riechst du gut! Und die engen Leggings gefallen mir.«

Sie war barfuß, aber ihre Lippen befanden sich fast auf gleicher Höhe. Einige Männer mochten es nicht, dass sie so groß war, da sie sich irgendwie unterlegen fühlten. Luke hatte das nie gestört. Sie starrte seinen Mund an und sehnte sich nach seinem Kuss, machte aber auch keine Anstalten, ihn zu küssen. Stattdessen rieb sie mit der Hand über ihr weißes Lycra-Oberteil. »Ich weiß, dass du dieses Shirt magst.« Sie hatte sich extra für ihn umgezogen. Er mochte es, dass er nur an dem Shirt ziehen musste, um ihre Brüste freizulegen. Die waren zwar nicht gerade groß, hatten aber feste Nippel, die sich, wie sie hoffte, gegen das dünne Material drückten.

Er schluckte den Köder jedoch nicht, sondern machte sich auf den Weg in die Küche. »Hübsch«, sagte er, und damit hätte er sowohl ihre Kleidung als auch ihre Küchenschränke meinen können, über deren Holzoberfläche er gerade mit der Hand strich. Nacheinander öffnete er mehrere Türen.

»Was machst du denn da?« Sie wusste nicht, warum sie das nervös machte, da sie nichts zu verbergen hatte, zumindest nicht in ihren Küchenschränken.

»Ich möchte sehen, was du so in deinen Schränken hast. Wow, du kochst ja tatsächlich!« Er drehte das Gewürzkarussell, in dem sich alles von Muskatnuss und Kardamom über Cayennepfeffer bis hin zu italienischen Gewürzen befand. Auf dem Regalbrett darüber standen Flaschen mit Sojasoße, Sesamöl, Weinessig, Kochsherry und mehr.

»Ich mache gern Chinapfanne«, erklärte sie.

»Sticken und Kochen.« Er zog wie Spock eine Augenbraue hoch. »Ich erfahre gerade eine ganze Menge über dich.«

»Vielleicht solltest du auch noch in den Kühlschrank gucken«, schlug sie trocken vor.

Genau das tat er auch. »Du magst Vanillejoghurt. In Mengen. Und Milch.« Er hatte sich vorgebeugt, um hineinsehen zu können, und drehte den Kopf jetzt zu ihr um. »Sechs Liter? Hast du Kinder, die du mir verschwiegen hast?«

Ihre Haut wurde ganz heiß. »Es ist billiger, sie in großen Mengen zu kaufen. Außerdem mache ich mir jeden Morgen einen großen Michkaffee.« Sie hatte da so ihre Routine. Jeden Morgen kochte sie sich für die Fahrt zur Arbeit einen Milchkaffee. Wenn man jeden Tag zu Starbucks ging, gab man im Jahr locker eintausend Dollar aus. Außerdem mochte sie Routine. Sie war beruhigend, genau wie das Sticken und das Kochen. Wenn man eine gleichbleibende Routine hatte, besaß man die Kontrolle.

»Sparsam, aber mit einem guten Geschmack. Das gefällt mir.« Er zog das Gemüsefach auf, um nachzusehen, ob da noch altes Gemüse vor sich hin gammelte.

Sie machte einen Schritt nach hinten. »Warum machst du das?« Er brachte sie dazu, dass sie sich in ihrer eigenen Wohnung eingeengt fühlte.

Er streckte sich, schloss den Kühlschrank, der mit einem leisen Zischen zuging. »Ich mache was?«

»Dir alles ansehen. Mich überprüfen.«

Er legte ihr die Hand unter das Kinn, und seine Berührung bewirkte, dass ihr ein Schauer über den Rücken lief. »Du hast mich noch nie zuvor in dein Haus gelassen. Ich möchte so viel über dich herausfinden, wie ich nur kann.«

Ständig hatte er ihr Fragen gestellt, doch wenn sie ihm keine Antwort gab, schien ihn das auch nicht weiter zu stören. Das war ihr auch lieber so. »Es ist nur so, dass ich sehr auf meine Privatsphäre bedacht bin.«

Er kam noch näher an sie heran, sodass sich ihre Oberkörper berührten, und sie musste sich zusammenreißen, um nicht zurückzuweichen. Auch wenn er nur wenige Zentimeter größer war als sie, hatte sie jetzt das Gefühl, einen Riesen vor sich stehen zu haben.

»Ich habe dich gefickt, geleckt und gespankt«, murmelte er so sanft, als würde er ihr Liebesschwüre ins Ohr flüstern. »Ich habe dich gefesselt, dir die Augen verbunden und dich gezwungen, meinen Schwanz und meinen Samen in deinen Mund zu nehmen. Findest du nicht, dass ich da ein bisschen mehr über dich wissen sollte?«

Sein Tadel bewirkte, dass sie innerlich zu beben begann.

Er zog ihr Lycra-Shirt herunter, sodass ihre Nippel zu sehen waren. »Ab jetzt haben wir eine neue Regel.« Er streichelte ihre Nippel, bis sie hart wurden. »Wenn ich dir eine Frage stelle, wirst du antworten.« Er starrte ihr in die Augen. »Und du wirst die Wahrheit sagen.« Ihre Nippel fest zwischen dem Daumen und dem Zeigefinger jeder Hand, drückte er zu, und Erregung flammte in ihr auf. »Verstanden?«

Sie keuchte, und ihre Knie wurden weich. »Ja.«

»Ja, was?«

»Ja, Meister.« Sie hatte ihn von sich aus von Anfang an Meister genannt, obwohl er nicht darauf bestanden hatte. Er spielte ihre Spiele der Dominanz und Unterwerfung mit, aber es waren immer ihre Spiele gewesen.

Auf einmal war alles anders. Er hatte das Blatt gewendet. Und sie wusste, dass es ihr gefallen würde.

»Führ mich nach oben!« Sie starrte ihn fasziniert mit großen Augen an, nachdem Luke ihre sämtlichen Küchenschränke durchgesehen, sie nach ihren Lieblingsspeisen und allem, was sie gern aß, gefragt hatte. Er hatte sein Weinglas ausgetrunken und spürte das Verlangen im ganzen Körper. Jetzt wollte er sie. Er wollte sie ficken, sie halten und mit ihr alles machen, worauf er Lust hatte.

Sie war für ihn ein Rätsel, und dass sie stickte und kochte, hatte ihn völlig überrascht, ebenso wie ihre vielen Pflanzen. Er hatte sie nie als besonders häuslich eingeschätzt, dafür war sie viel zu sehr an Sex interessiert, allerdings war ihm jetzt auch nicht ganz klar, wieso das eine das andere ausschließen sollte. Beim nächsten Mal sollte sie für ihn kochen, hatte er beschlossen. Denn er wusste noch lange nicht genug über sie, und es gab noch viele weitere Geheimnisse, die er lüften wollte.

Er folgte ihren verlockend wippenden Hüften die Treppe hinauf. Dort gab es zwei Schlafzimmer, ein großes und ein kleines. Überrascht entdeckte er eine Nähmaschine im Gästezimmer, das sie auch als Arbeitszimmer zu nutzen schien, da dort einige Bücherregale, ein Schreibtisch und ein Computer standen. Ihren Computer hätte er gern mal genauer unter die Lupe genommen. Was er da wohl alles finden konnte?

»Dein Zimmer«, sagte er und schob sie vor sich her. Eine blassblaue Tagesdecke bedeckte das Bett, und am Kopfende lagen haufenweise Kissen. Unter dem zugezogenen Fenster stand ein Sekretär, und auf der anderen Seite entdeckte er eine hohe Kommode. Auf der anderen Seite des Bettes befand sich ein Kleiderschrank mit verspiegelten Türen.

In diesen Spiegeln würde er alles sehen können, was er mit ihr anstellte.

»Ich hatte eigentlich mit Stofftieren auf dem Bett gerechnet«. Die hätten zu den gestickten Katzen und Hunden an der Wand gepasst.

Sie lachte. Das war das erste Mal an diesem Abend, dass er sie lachen hörte. Es gefiel ihr nicht, dass er bei ihr eingefallen war, und für sie hatte er das mit jeder Tür, die er geöffnet hatte, getan.

»Die stehen alle auf dem Bücherregal im Nebenzimmer«, erwiderte sie.

Er ging den kurzen Flur hinunter, am Bad vorbei, das zwischen den beiden Zimmern lag, und betrat noch einmal das andere Schlafzimmer. Und da waren sie, bunte Katzen, Häschen, Teddybären, Fische und Welpen aus Plüsch, die auf dem Bücherregal saßen. Bei den Büchern sah er alles von Horror über Mystery bis hin zu Klassikern. Aber was sagte ihm das über sie?

Nicht viel, außer, dass sie wirklich real war. Dass sie Hobbys hatte, Bücher las und eine sanftere Seite besaß als die, die sie ihm bisher gezeigt hatte.

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