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ZU

»Du nicht sagen NEIN-NEIN, du sagen JA-JA!«

Girolamo (»Mimmo«)

Allgemeines Krankenhaus Hagen

Inhalt

Himmi ist weg

Glück

Man geht nie ohne Gruß

Kinder und Geisterchen

Vor dem Fenster

Mädchen kommt

Ich saz uf eime steine

Erkenntnistheorie

Auf dem Bötchen

Brigitte erzählt noch etwas

Letzter Abend am Frankenbad

Kapitel 1

Himmi ist weg

Der dicke Udo meinte hinterher: »Ich glaube, wenn der gewusst hätte, dass er an fünf Flaschen Bier stirbt, dann wär er noch rot geworden.«

Der dicke Udo ist selbst Voll-Alkoholiker, vielleicht hat er ja deshalb so geredet. Er ist Koch im Happy End und schon mindestens acht Jahre als Aushilfe dabei. An dem Tag, als wir alle die Nachricht erhielten, kam er abends mit zwei Tellern Leberkäse aus seiner versifften Küche, stellte sie vor Ernst-Günter auf die Theke und sagte bedeutungsvoll: »Tja, der Weg allen Fleisches.«

Ernst-Günter legte seine Jacke mit dem Futter nach oben auf seinen Schoß und begann zu essen. Dann sagte er zum dicken Udo: »Meinst du das wegen Himmi?«

Der dicke Udo war zwar schon auf dem Rückweg in die Küche, konnte Ernst-Günter aber trotzdem gut hören. Er sagte zuerst nichts.

Nach einer Minute jedoch kam er wieder raus: »Dir schmeckt‘s ja wohl trotzdem!«

Ernst-Günter sah auf seinen Teller. Die Scheibe Leberkäse hing schlapp und schief über den Bratkartoffeln und berührte mit einer Ecke die Theke. Er saß noch ungefähr zwei Minuten kerzengrade da, wenn ich richtig hingesehen habe, dann ging er aufs Klo. Als er wiederkam, bestellte er sich ein Bier. Er trank es aus und bestellte noch eins. Und so ging es weiter, bis das Happy End dicht gemacht wurde, also bis ungefähr zwei Uhr. Und genau so lange blieb sein Teller unberührt vor ihm auf der Theke stehen, mit dem Leberkäse und den Bratkartoffeln und dem Salat.

Einmal kam Horst und fragte, ob er den Teller wegräumen sollte, aber Ernst-Günter sagte: »Ich bin noch nicht fertig!« Horst hatte längst verstanden. Er hielt sich zurück.

Und dann drückte Ernst-Günter alle seine Kippen auf dem Leberkäse aus. Der Teller war hinterher gespickt damit. Danach kippte er noch einen Aschenbecher drauf. Und dann sein Geld: Er holte nicht etwa einzelne Scheine raus, sondern kippte sein Portemonnaie komplett über dem Haufen Fleisch und Asche aus. Bis zum Schluss starrte er in Richtung Küche, obwohl der dicke Udo schon längst hinten raus nach Hause gegangen war. Ich glaube, Ernst-Günter hatte noch enorm Lust, den Teller in die Küche zu schmeißen, aber er sagte nur über den dicken Udo: »Der hat Glück gehabt, dass er nicht mehr aus seinem Loch gekommen ist.« Dann ging er langsam aus der Tür. Ich stand auf, bezahlte schnell und ging auch.

Draußen wartete Ernst-Günter und hatte die Hände in die hohen Taschen seiner kurzen Jeans-Jacke gesteckt. »Fährt noch‘n Bus?«

»Um elf ist der letzte gewesen.«

»Kann ich bei dir pennen? Ich hab morgen Frühschicht.« Ernst-Günter war in einer Süßwarenfabrik Einrichter. Die Fabrik lag in der Nähe von meinem Zimmer. Und deshalb konnte er bei mir den weiten Anfahrtsweg von Bornheim sparen, wo er wohnte. Also wankten wir zu mir.

Als er nachts neben meinem Bett auf dem Fußboden lag und schnarchte, wäre ich gern aufgestanden und hätte noch Musik gehört. Das war eins meiner erfolgreichsten Schlafmittel. Aber Ernst-Günter hatte nur noch drei Stunden, bis er wieder aufstehen musste, und ich konnte jetzt natürlich keinen Krach machen. Ich selber konnte ja morgen ausschlafen, weil ich tagsüber nichts vorhatte. Eigentlich. Und außerdem dachte ich über etwas nach, was Ernst-Günter mir erzählt hatte, als wir den Schlafsack und mein Sofakissen für ihn zurechtgelegt hatten: »Himmi wollte eigentlich verbrannt werden. Das hat er mir mal gesagt. Aber jetzt wird er eben beerdigt.« Deshalb blieb ich wach liegen und überlegte noch ziemlich lange. Dann schlief ich endlich auch ein, für ungefähr zwei Stunden.

Erschrocken wachte ich auf. Ich knipste mein Nachttischlämpchen an und sah Ernst-Günter neben mir: Er lag auf dem Rücken, also in der sogenannten »Königshaltung«. Ich habe das mal in einer Frauenzeitschrift gelesen. Es gibt nicht viele, die auf dem Rücken schlafen, nur Leute, die keine Angst haben. Ernst-Günter ist so einer.

Jetzt lag er da und atmete heftig. Ich dachte, er atmet gleich das Zimmer leer. Er hatte einen ziemlich großen Schnauzbart, der sich beim Öffnen des Mundes bewegte. Die Schnurrbartenden verschoben sich und flogen ein bisschen nach oben, wenn er ausatmete. Genauso wie die Propellerflügel von einem Flugzeug in einem Zeichentrickfilm, den ich mal gesehen hatte: der Propeller wurde von einem Magneten angezogen und verbog sich dadurch völlig. So ungefähr sah es aus.

Ich wusste nicht, was mich so erschreckt hatte, aber mir war merkwürdig zittrig zumute. Ich machte das Licht wieder aus und versuchte, noch einmal einzuschlafen. Ich probierte es auch mal in der Königshaltung, aber es funktionierte nicht.

Ich hatte auf einmal richtig Angst. Nicht vor etwas Bestimmtem, viel mehr vor gar nichts. Ich wartete einfach die Zeit ab. Es war eine ziemlich schwarze Nacht. Ich dachte an Himmi.

Himmi war einer der echten Stammkunden im Happy End gewesen. Er war irgendwie immer da. Er saß meistens ganz aufrecht auf seinem Barhocker, das hat mich immer wieder verblüfft. Er fiel schon beim Reinkommen auf. Er sah aus wie jemand, der gerade verhört wird und genau überlegen muss, was er sagt. Ganz steif und konzentriert. Dabei hat Himmi eigentlich selten mit den anderen im Happy geredet. Er hat immer nur Bier getrunken, das aber in einem enormen Tempo. Gegessen hat er nie was, außer einige Male einen Imbiss, der bei Horst »Rentnerpimmel im Schlafrock« heißt. Das ist ein Hotdog, der komplett aus der Folie gezogen wird und in der Mikrowelle nach einer Minute fertig ist. Dieses Zeug gab‘s immer gegen zwei Uhr, wenn der dicke Udo längst Feierabend hatte und schon wieder selber Gast war. Himmi aß aber meistens nichts und wartete auf nichts. Er saß immer nur aufrecht da und sah geradeaus. Er trug meistens eine Flanellhose und ein Hemd. Es waren teilweise Sachen, die er schon getragen hatte, als er noch zu Hause bei seinen Eltern wohnte. Das war schätzungsweise 20 Jahre her, deshalb waren ihm ein paar seiner Hemden zu eng geworden. Sie waren aber aus so einem Stretchstoff, der sich ganz gut dehnte, wenn er sich nach vorne beugte, um nach seinem Glas zu greifen. Ansonsten saß er, wie gesagt, einfach nur gerade da, und sein linker Arm hing an der Seite runter. Er ließ immer den einen Arm wie gelähmt an sich herunterhängen, obwohl der Arm völlig in Ordnung war. Wenn ich mich neben ihn setzte, drehte er nie den Kopf und sah mich an, sondern sagte nur: »Und, Ulrich, alles klar?«

Himmi ist tatsächlich an fünf Flaschen Bier gestorben – sozusagen. Er hat sie aber nicht ausgetrunken. Er war nämlich herzkrank. Er war natürlich auch Säufer, sonst wäre er nicht jeden Abend im Happy End gewesen. Aber hauptsächlich war er ziemlich herzkrank. Er hatte schon einmal einen Infarkt gehabt, vor zwei Jahren. Er hatte ihn im Auto beim Fahren gekriegt, als er mit dem Kurierfahrzeug einer großen Firma in Bonn unterwegs war, bei der er damals einen Aushilfsjob hatte. Er spürte auf einmal einen riesigen Druck in der Brust und dass ihm schlecht wurde, fuhr auf den Randstreifen und setzte sich neben dem Auto erst mal auf den Boden. Er wartete. Dann hielt ein anderes Auto vor seinem an und der Fahrer holte einen Krankenwagen.

Als die Sanitäter kamen, sagte Himmi zu ihnen: »Hier, fühlen sie mal!« Sein Herz schlug wie eine Trommel und so stark, dass man es durch sein Hemd deutlich sehen konnte. Es flatterte richtig, als hätte er einen kleinen Vogel unter dem Stoff. Dann fragte er: »Ist das jetzt lebensgefährlich?«

Die Rettungssanitäter sagten nur: »Legen Sie sich bitte sofort hin!« und hoben ihn in ihren Wagen.

Später erzählte mir Himmi, dass die Fahrt ziemlich angenehm gewesen war. Er hat keine Angst gehabt. Er redete die ganze Zeit mit den Sanitätern und fragte sie andauernd, ob sie mal das Fenster aufmachen könnten. Und ob sie für ihn seine Ex-Freundin Heike anrufen würden.

Ich lag also im Dunkeln und dachte an Himmi. Ich erinnerte mich an viele Sachen mit ihm. Dann hörte ich ein komisches Geräusch und setzte ich mich wieder auf. Wo war Ernst-Günter? Er war nicht mehr im Zimmer. Ich musste trotz der vielen Gedanken kurz geschlafen haben.

Ich stand leise auf und öffnete die Tür zu meiner Küche. Der Disco-Strahler war an – ich habe keine Deckenlampe, an der Decke hängen nur ein paar Drähte aus dem Putz. Außerdem ist die Leuchtröhre über der Spüle kaputt. Deshalb habe ich die Disco-Kugel in die Küche geschafft. Sie drehte sich langsam und ließ schöne rote, grüne und gelbe Tupfer über Wände und die Decke wandern. Wie bunte Sterne drehten sie sich langsam um Ernst-Günter herum, der am Küchentisch saß. Ernst-Günter hatte sich schon angezogen und trank einen Becher Kaffee. Er las gerade die Beilage vom »Schaufenster«, einer Bonner Gratis-Zeitung. Er las etwas über ein Gartenund Freizeitcenter. Ich konnte in dem bunten Licht erkennen, dass er Bilder von Rasenmähern betrachtete. Er hatte ziemlich viel Kaffee verkippt und mit dem Becher Ränder auf den Tisch gemacht, und zwar so, dass sie einen Kreis bildeten und es aussah wie die Blätter einer Blume.

Ich sah auf die Uhr, es war sechs. Ich setzte mich in der Unterhose an den Tisch.

Ernst-Günter sah mich nicht an, sondern sagte nur: »Er wollte nicht beerdigt werden.«

»Wer?«

»Himmi.«

Ich fing wie so oft mit meinem endlosen »Ähm, hmm, also …« an, um zu überlegen. »Wieso?«, fragte ich endlich.

»Er wollte nicht beerdigt werden!«, sagte Ernst-Günter jetzt ziemlich deutlich. »Er – wollte – es – nicht.«

Da erst sah ich in dem bunten Licht, dass auf dem Küchentisch was lag, was ich nicht da hingelegt hatte. Es war eine Ansichtskarte. Sie war einmal gefaltet, wahrscheinlich, weil sie so in die Hosentasche passte. Ernst-Günter hatte sie mitgebracht. Ich streckte sehr langsam meine Hand danach aus, hätte ja sein können, dass er etwas dagegen hatte. Es war eine Ansichtskarte aus Kreta. Sie war von Heike. Himmi hatte sie im Happy liegen lassen, an irgendeinem Abend. Ich zupfte sie zu mir rüber. Auf dem Foto vorne drauf war ein altes griechisches Ehepaar zu sehen. Es waren Fischer. Sie saßen irgendwie bergab auf wackeligen kleinen Stühlen vor einer weißen Mauer. Die Frau trug ein schwarzes Kleid und war ganz bucklig. Der Mann saß etwas gerader. Er trug graue Hosen und keine Socken in den Schuhen. Er hatte ein weißes Hemd an und trug darüber einen karierten Pullunder. So saßen sie nebeneinander. Ziemlich alt, aber sie machten einen ganz zufriedenen Eindruck. Ich konnte nicht das ganze Foto sehen. Am merkwürdigsten an der Karte war, dass über das Foto ein Fünfzig-Pfennig-Stück geklebt war. Mit Tesafilm. Es hatte die ganze Reise gehalten und war nicht abgegangen. Nun war es hier.

Ich drehte die Karte um und las sie durch:

»Lieber Herbert, das Hotel hier ist sehr schön. Ich habe einen Balkon und sehr viel Sonne. Jeder Tag ist ein Sonnentag. Ich wollte das so sehr und nun ist es da. Eine nette Frau hat mir gesagt, ich soll Buttermilch gegen den Sonnenbrand auftragen. Mein Bett knarzt ziemlich, aber ich liege ganz still. Es ist so heiß. Es wäre schön, wenn du hier wärst. Kreta wäre gut für dich. Ein kleines Andenken lege ich bei. Hoffentlich hält es. Morgens gibt es ein Buffet mit viel Obst und Weißbrot und jeder kann sich ein eigenes Ei in einem Kocher für 16 Eier kochen und dann abholen. Abends gehe ich an den Strand. Ach, Herbert. Viele Grüße, Deine Heike.«

Ernst-Günter starrte auf den Boden zwischen seinen Beinen, als ich die Ansichtskarte las. Er sagte: »Die Karte hat tagelang im Happy rumgelegen. Bernie und Püppi, Horst und Udo und jeder Idiot haben sie gelesen. Himmi hat sie mitgebracht und besoffen auf der Theke liegen lassen. Sie ist locker fünf Tage rumgeflogen und Horst wollte sie schon wegschmeißen. Das Fünfzig-Pfennig-Stück ist nicht abgegangen. Hätt ich nicht gedacht. Horst hat Himmi dann drauf angesprochen. Er hat ihn gefragt, ob er sich noch um seine Post kümmern würde. Himmi hat Nein gesagt. Horst meinte dann zu ihm: Nein? Und deine Freundin? Wer kümmert sich jetzt um die? Himmi hat nicht geantwortet. Nicht antworten konnte er ja gut. Aber dann sagte er doch was, nämlich sein scheiß Lieblingswort: Keiner.«

»Ich muss um halb sechs anfangen«, sagte Ernst-Günter nach einer Weile. »Das geht jetzt nicht mehr.« Er saß aber trotzdem ganz ruhig da, so als ob das alles nicht so wichtig wäre, und studierte das Angebot für den Rasenmäher, der mit dem Spruch »Sonntags Ja!« beworben wurde.

Ich holte Brot, Butter, Orangenmarmelade, Milkana-Streichkäse, Exquisa-Kräuterkäse und noch andere Sachen auf den Tisch.

Ernst-Günter sah sich die Sachen kurz an und sagte dann: »Ich ruf die mal an.« Er stand auf und drückte sich hinter mir vorbei aus der Küche.

Ich hörte, wie er sagte: »Ich komm später, Chef, okay?« Dann gab es ungefähr zehn Sekunden Pause. »Okay.« Ernst-Günter legte auf.

»Na prima«, sagte er leise, als er wieder reinkam. Er zog die Kaffeekanne zu sich rüber.

Ich fragte: »Was, prima?«

»Ich brauche nicht hingehn. Sie haben einen aus der Endkontrolle, der das macht.«

Er schnitt ganz langsam vier enorm dicke Scheiben Butter ab und legte sie auf eine Scheibe Brot. Das Brot sah mit den Butterplatten aus wie ein Schiff mit jede Menge Fracht. Über Ernst-Günters Arme segelten gemächlich die bunten Farben vom Strahler.

Dann steckte er das Brotmesser in die Butter: »Ich hab noch über 200 Überstunden, aber nicht einen Tag frei krieg ich. Scheiße!«

»Aber du hast doch heute frei gekriegt!«

Ernst-Günter sagte: »Das sagen sie oft, wenn man sich krank meldet oder nicht kann. Es ist nicht schlimm. Da kannst du dran sehen, dass sie dich nicht brauchen. Ärger machen sie bei denen, die sie behalten wollen. Die Ratten! Verdammte Scheiße!«

Ich kaute gründlich und überlegte, was ich dazu sagen sollte, aber mir fiel nichts anderes ein, als auch zu sagen: »Scheiße!« »Außerdem find ich‘s nicht richtig, dass Himmi jetzt beerdigt wird«, sagte Ernst-Günter. Er rührte in seinem mindestens vierten Kaffee herum, wieder so, dass alles überlief. »Jeder weiß, dass er das nicht gewollt hat. Er wollte das nicht, und deshalb darf er auch nicht im Sarg beerdigt werden. Er hat vor Kurzem gesagt, dass er im Grab aufwachen wird. So‘n Scheiß hat er erzählt. Aber jetzt ist er tot und es ist immerhin sein letzter Wille gewesen.«

Ich wusste, was Himmi über das Beerdigen erzählt hatte, ich war nämlich damals dabei gewesen. Sie hatten im Happy End darüber schwadroniert. An der Theke hatte einer aus dem »Express« vorgelesen. Da hatte gestanden, dass sie Gräber aufgemacht hatten und andauernd welche dabei waren, in denen die Gerippe nicht auf dem Rücken lagen, sondern knieten, als ob die Begrabenen versucht hätten, den Deckel aufzudrücken. Das hatte Himmi und Ernst-Günter beschäftigt. Sie stritten darüber, wie sie selbst beerdigt werden wollten. Sie hatten eine Menge ziemlich dämlicher Einfälle. Himmi redete erstaunlich viel in dem Moment. Er hatte Angst vor der Erdbestattung, weil er Angst vor der Enge hatte. Er hasste einfach alles, wo es ihm zu eng wurde. Ich kann mir Sachen gut merken. Ich weiß genau, dass er sagte: »Ich hasse alles, was eng ist!« Er hasste enge Pullover, enge Zimmer und enge Henkel an Kaffeetassen. Er konnte es nicht gut ertragen, wenn ihn in der Schlange im Stüssgen einer von hinten drückte. Und außerdem hasste er enge Kragen und zu kleine Kästchen beim Ausfüllen von Anträgen. Lauter solche Sachen. Ernst-Günter sagte damals: »Aber hier vorne …« – er meinte die Theke – »… hast du‘s gerne kuschelig.« Ernst-Günter lachte und Himmi musste auch grinsen. Sie hatten ihr Späßchen. Aber Himmi sagte dann tatsächlich, dass er lieber verbrannt würde, als begraben. Es war sein Wunsch. Er sagte: »Wir brauchen uns dann nicht mehr, mein Körper und ich.« Ich habe ihn damals gefragt: »Was bleibt denn übrig, wenn dein Körper weg ist?« Und Himmi sagte: »Jemand.«

Ich machte mir genauso wie Ernst-Günter ein Brot mit total dicken Butterscheiben, weil die Butter wieder so hart war, dass man sie schneiden musste. Dann machte ich genauso dick Exquisa Kräuterkäse drauf.

Mir fiel auf einmal etwas ein: »Ey, wann ist denn die Beerdigung?«

»Übermorgen, glaub‘ ich.«

Ich überlegte kurz und sagte: »Wir müssten nur zum Beerdigungsinstitut und darauf bestehen, dass es Himmis Wille war, nicht beerdigt zu werden. Wir müssten nur anrufen. Ich meine, das könnte man ja wenigstens versuchen.«

»Blödsinn! Das ist alles längst passiert. Die haben doch schon das Grab ausgehoben.«

Das stimmte wahrscheinlich, aber ich meinte: »Und wenn nicht? Wir hätten mindestens fünf Leute, die Zeuge sind, dass es sein letzter Wille war, nicht unter die Erde zu kommen.« Ernst-Günter sah mich an: »Und jetzt? Sollen wir jetzt hinrennen und erzählen, dass wir Himmi aus der Kneipe kennen und dass er verbrannt werden will?«

Ich sagte: »Ich ruf‘ um acht an.«

Als es acht Uhr war, rief ich beim Bestatter an. Ich hatte mich vorher schon bei Himmis Nachbarin erkundigt, die wusste, welche Firma ihn beerdigte. Sie sagte: »Der is beim Strothmann, in Mehlem, alteingesessenes Geschäft!« Dass er ein Reihengrab hätte und dass es in der Nähe aber auch ein brandneues Urnenfeld geben würde.

Strothmann war nicht da. Es ging nur ein Anrufbeantworter an, der sagte: »Wir nehmen uns Zeit für Ihre Wünsche und Fragen.«

Ich setzte mich wieder an den Tisch zu Ernst-Günter. Es war draußen mittlerweile hell geworden und der Discostrahler erleuchtete kaum noch die Küche.

Dann kam Ernst-Günter aus der Reserve: »Komm, wir fahren da jetzt einfach mal hin!«

»Wie denn? Ich hab nur ein Rad.«

»Wir haben aber noch das von Himmi. Das steht vorm Happy, seit er damals damit auf der Autobahn war. Ich weiß die Nummer vom Schloss.«

»Wie ist die Nummer?«

Ernst-Günter sagte: »Sechs, vier, drei, sechs.«

Ich überlegte, was mir die Zahl sagen könnte, bis Ernst-Günter meinte: »Was ist, träumst du wieder?«

Wir fuhren erst zusammen auf meinem Fahrrad zur Kneipe in der Altstadt und dann mit zwei Fahrrädern weiter zu Strothmann. Wir mussten durch die Fußgängerzone über den Marktplatz und dann noch unheimlich lange an der B 9 entlang. Und dabei war eins komisch: Zuerst fuhren wir nicht so schnell, eher gemütlich. Aber nach ungefähr 20 Minuten wurden wir immer schneller, als ob wir zu spät kämen oder vor irgendwas flüchten würden. Wir strampelten zum Schluss wie wild die B 9 lang und bretterten über jede rote Ampel. Ich knallte einmal gegen so einen rot-weißen Metallpfahl und flog hin. Trotzdem fuhren wir wie die Irren weiter und waren klatschnass geschwitzt, als wir ankamen.

Die Räder legten wir auf den Boden, weil es nichts zum Anlehnen gab. Wir sprangen die Treppe zum Eingang rauf und klingelten. Es dauerte, sagen wir mal, eine ganze Minute, dann kam ein Mann raus. Ich war irgendwie überrascht, dass er kein Schwarz trug, sondern ein rosa Hemd und eine graue Anzughose. Er sah elegant aus und ließ ganz lässig an der einen Hand einen Autoschlüssel baumeln, anscheinend wollte er gerade fort.

Ernst-Günter sagte keuchend: »Guten Tag, ist Herr Strothmann da?«

»Der steht vor Ihnen, meine Herren. Was kann ich für Sie tun?«

Ernst-Günter erwiderte: »Wir haben einen Freund, der bei Ihnen beerdigt werden soll. Er heißt Herbert Himmen. Er soll in der Erde beerdigt werden, wir wollten jedoch sagen, dass er das nicht gewollt hat. Er würde gerne verbrannt.«

Herr Strothmann fragte: »Haben Sie irgendeine Vollmacht?« Wir sagten gleichzeitig: »Nein.«

Strothmann meinte: »Uns ist der Wille des Verstorbenen sehr wichtig, das ist im Grunde entscheidend, aber ansonsten sind wir angewiesen, davon auszugehen, dass die Hinterbliebenen die Art der Bestattung regeln. Das heißt, dass es genaue Verordnungen gibt, nach denen wir uns richten. Der Herr Himmen hatte keine Ehefrau, keine Kinder, keine Eltern, keine Verlobte. In der Reihenfolge müssen wir den Leuten Gehör schenken. Er hat eine Schwester, die wir jedoch nicht erreichen konnten. Eine andere wollte uns nicht antworten. Alle anderen können wir schwerlich bestimmen lassen, was mit dem Leichnam geschieht. Das müssen Sie verstehen.«

Ernst-Günter sagte: »Aber wir kennen Himmi schon seit zehn Jahren. Oder so. Wir haben fünf Leute, die bezeugen können, dass er verbrannt werden will.«

»Wie sollen wir das denn jetzt nachprüfen? Mir wäre es ja recht, aber das Grab ist schon längst bestellt und der Sarg ist da. Meine Herren, das ist jetzt nicht mehr zu ändern. Sie sind sicher liebe Freunde von Herrn Himmen, aber hier kommen Sie umsonst. Da hätten Sie früher etwas sagen müssen.«

Ich fragte noch: »Ist es ausgeschlossen, dass er noch verbrannt werden kann?«

Strothmann sagte: »Ganz entschieden: Ja.«

Als Strothmann wieder im Haus war, standen wir erst noch eine Zeit lang auf dem Hof herum. Ernst-Günter drehte sich eine und rauchte sie gierig auf.

Ich war plötzlich ziemlich müde. Wir stiegen auf die Räder, und beim Abfahren meinte Ernst-Günter: »Da können wir auch direkt zum Happy.«

Wir fuhren zurück, diesmal langsam. Ich dachte während der Fahrt wieder an den Tod von Himmi: Er war nach der Sperrstunde zur Tanke nebenan gegangen und hatte fünf Flaschen Bier gekauft. Er hatte sie ganz kalt aus dem großen Flaschenkühler gezogen. Danach musste er in der Schlange vor der Kasse ziemlich lange warten. Er presste die Flaschen an die Brust und das war das Schlimmste, was er machen konnte. Mehrere Ärzte hatten ihn gewarnt, dass Kälte noch schlimmer wäre als Hitze nach einem Infarkt. Als er an der Kasse ankam, wurde ihm wieder schlecht und er neigte sich ganz komisch über die Verkaufstheke. Er setzte sich dann auf den Boden und legte sich anschließend auf die Seite. Die Flaschen rollten alle weg, über die Fliesen unter die Regale. Dann starb er. Das hat mir die Aushilfe von der Tankstelle erzählt. Ich stellte mir das alles vor, während wir wieder an der B 9 entlang fuhren.

Nach einer halben Stunde waren wir da. Wir waren die ersten Gäste. Kein Wunder, um diese Zeit! Es roch noch nach dem Rauch von gestern, aber auch nach Putzmittel. Ich setzte mich auf denselben Hocker, auf dem ich am letzten Abend gesessen hatte.

Der dicke Udo machte allein die Theke. Er sagte: »Was is ‘n mit euch los? Habt ihr durchgemacht oder was?«

Ernst-Günter beachtete ihn nicht, drehte sich eine Zigarette, zupfte ganz langsam die raushängenden Tabakteilchen ab, zündete sie an, nahm einen Zug, ließ den Rauch durch die Nase wieder raus und sagte zu mir: »Und, Ulrich, alles klar?«

Kapitel 2

Glück

Das Gute am Happy End war, dass man schon nachmittags hingehen konnte. Und das Beste waren die Tage, an denen es draußen warm war. Ich ging am liebsten hin, wenn es Samstagnachmittag war und ein heißer Sommertag. In der Stadt war dann nichts los und es fuhren draußen nur wenige Autos vorbei. Horst klappte an solchen Tagen immer die Türflügel zur Straße auf. Wir sahen beim Biertrinken auf die Straße raus und dahinter auf die Betonwand vom Stadthaus. Viele finden, das Stadthaus ist ein hässlicher Betonbrocken, aber ich habe das Stadthaus immer gemocht, weil es breite Treppen und innen drin viele Gänge hat, wo nichts los ist. Weil es so hässlich ist, ist es wunderbar menschenleer. Man kann zu Fuß auch einige Abkürzungen in die Altstadt nehmen. Drumherum ist es laut und die Autos und Fahrradfahrer nerven, aber wenn man durchs Stadthaus geht, ist es kühl und ruhig und nur wenige Leute kommen einem entgegen. Und bis man auf der anderen Seite wieder die Treppe runtergeht, ist man schon fast ein wenig erholt.

Jedenfalls saßen wir an solchen warmen Tagen gerne im Happy. Horst kam angeschlendert und brachte uns Bier und sah ansonsten von hinter der Theke raus zur Straße und auf das Stadthaus und war genauso froh wie wir, im Schatten zu sein. Wir sahen draußen zum Beispiel Leute mit ihren Einkauftaschen, die aus der City kamen. Oder Autofahrer, die einen Parkplatz suchten und zweimal oder sogar dreimal ganz langsam vorbeifuhren. Oder Leute, die man kannte, aber nicht so gut, dass man rausgegangen wäre, um sie zu grüßen.

Oder Leute, die ihr Fahrrad schoben, mit einer Kiste Mineralwasser hinten drauf.

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