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ZEN – Inmitten des Alltags

Die in diesem Buch veröffentlichten Texte wurden als Motivationen gehalten am Schluss gemeinschaftlicher Meditationsabende oder im Verlauf von Meditationstagen. Es sind gesprochene und gehörte Worte – aus dem Schweigen heraus in das Schweigen hinein. So möchten sie auch in gedruckter und etwas überarbeiteter Form „ankommen“: als komprimierte, auf ein Wesentliches abzielende Fragmente, die vom hörenden Leser, von der hörenden Leserin mit den in ihnen ausgelösten Assoziationen, Gefühlen, Gedanken und Impulsen verbunden werden möchten – hin zu einem Ganzen. Wenn dies hier und da geschieht, ist das Vorhaben aus Sicht des Autors geglückt. Möge der Blick für die spirituelle Dimension des Lebens und die sich daraus ergebende Verantwortung jedes Einzelnen für eben dieses Leben geöffnet und geschärft werden.

Klaus Fahrendorf (Cloud of Merciful Awareness) wurde 1947 geboren. Seit 2008 ist er ein von P. Johannes Kopp S.A.C (Hôun-ken Roshi) autorisierter Zen-Lehrer im „Programm Leben aus der Mitte – Zen-Kontemplation“ in Essen/Mülheim a. d. Ruhr. Bis 2012 war er als Richter tätig. Er ist verheiratet und hat zwei Söhne. 2009 gründete er die Bochumer Zen-Gruppe, die seit 2012 in der evangelischen Emmaus-Gemeinde in Bochum-Weitmar-Mark beheimatet ist. Seit 2015 begleitet er als Zen-Lehrer auch die Meditationsgruppe in Dortmund-Lütgendortmund und leitet Meditationskurse in Essen-Werden im Meditationszentrum im Kardinal-Hengsbach-Haus.

Ulrike Rögner-Fahrendorf, 1959 geboren, ist ausgebildete Theatermalerin und freischaffende Künstlerin nach abgeschlossenem Studium an der Kunstakademie Düsseldorf. Aus ihrer langjährigen Zen-Praxis mit Koan-Studium heraus unterstreicht sie mit 10 ihrer farbigen Malereien den Geist dieses Buchs.

Klaus Fahrendorf

ZEN – Inmitten des Alltags

52 Wünsche für einen guten Heimweg

Bilder

von Ulrike Rögner-Fahrendorf

Wo gehen wir denn hin?

Immer nach Hause

Novalis (1772-1801)

In Kyoto bin ich

Doch beim Ruf des Kuckucks

sehn ich mich nach Kyoto

Bashô (1634-1694)

Inhalt

001 Vorwort

01: „Kommt und seht!“

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02:  Tun, was getan werden muss

03:  Wie atmen?

04:  Wort, das der Stimme vorausgeht

05:  Nichttrennung

06:  Demut, Leere und Leben

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07:  Das wirklich Wichtige

08:  Geliebt und gesehen werden

09:  „Fester, einfacher – schweigsamer, wärmer“

10:  Erstbestes

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11:  Nichts anderes als du selbst

12:  Geduldiger

13:  Übungspotential

14:  Farbe bekennen

15:  Endlich zu Gesicht bekommen

16:  Na und?

17:  Warten

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18:  Lebendig, lebendig

19:  Kein Ende

20:  Jeder Tag ein guter Tag?

21:  „Fallende Blüten, fließendes Wasser“

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22:  Herausfinden aus Sackgassen

23:  Letztlich bezahlen wir selbst

24:  „We-Disease“

25:  Körper-Geist-Haltung

26:  Vergesslichkeit – Bequemlichkeit

27:  Immer diese Gedanken!

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28:  Nichts kann uns trennen

29:  Zweifel/I – Zweifel/II

30:  Selbstverantwortung

31:  Was offenbart uns die Stille?

32:  Zum Warten verurteilt?

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33:  Nimm Platz!

34:  Offener Geist ist ein ehrlicher Geist

35:  Charlie Brown

36:  Nie genug

37:  Glück? – Hmm?!!!

38:  Ungenügen und Vertrauen

39:  Weitergabe

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40:  Wenn es erst richtig losgeht – das Umkehrgesetz

41:  Unsere doppelte Achtlosigkeit

42:  Wie komme ich heim?

43:  Ohne Verlangen

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44:  Schmeckt es?

45:  Was fängt an?

46:  Gerade dann

47:  Ich weiß es nicht

48:  Kein Allheilmittel

49:  Ehrfurcht

50:  Ja, aber

51:  Ziele, Vorsätze und Gewahrsein

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52:  Die Freiheit der Kürbisköpfe

002  Dank

Vorwort

Was ist dies für ein Buch?

„Kommt und seht!“ – so beginnt es, und es endet mit der „Freiheit der Kürbisköpfe“. Ohne es angestrebt zu haben, lässt sich aus diesen Überschriften der Kapitel 01 und 52 bereits die Richtung erahnen, in die dieses Buch führt.

Die meisten der Kapitel sind recht kurz. Sie beinhalten Motivationen aus dem Zeitraum Mitte September 2015 bis Ende Februar 2017, gehalten am Schluss der wöchentlichen gemeinschaftlichen Abendmeditationen in Bochum und Dortmund oder im Verlauf von Meditationstagen in Bochum.

Anders als in meinem Buch: „Finde tiefen Glauben in dir selbst ZEN – Koans in heutiger Zeit“ sind diese Motivationen keine klassischen Teishos1. Sie sind weder formal auf Koans2 aus der buddhistischen Tradition ausgerichtet noch sind sie inhaltlich beschränkt auf deren Behandlung.

Ausgangspunkt und zentrales Thema des hier vorgelegten Buchs ist vielmehr das (all-)tägliche Leben in unserer Zeit, hier in Deutschland, mitten in Europa – in der Verwobenheit mit der globalen Welt mit allen individuellen und kollektiven Verwicklungen und Komplikationen. Indem eine Reihe der Kurzvorträge inspiriert wurde durch aktuelle Meldungen und Analysen in den Medien, aber auch durch Literatur und Kunst, sowie durch eigene Erlebnisse im Alltag, versuche ich immer den Bezug herzustellen zu uns ganz persönlich selbst, den Teilnehmern vor Ort und jetzt zu Ihnen als Leser/in. Es geht mir darum, dass wir unsere Blickweise auf das Leben und seine vielfältigen Erscheinungsformen um uns herum im Sinne und in Ergänzung zu unserer Praxis als Zen-Übende verfeinern. Die Anstöße dazu, die uns das Leben für unsere Übung in der Meditation und im Alltag ständig „liefert“, als solche wahrzunehmen, uns von ihnen „bewegen“ und uns dadurch verändern zu lassen, kann das Leben immer spannender und uns zugleich entspannter werden lassen, und es kann neugierig auf mehr machen, auf die Wirklichkeit jedes Lebensmoments.

Aber dies sind keine Ziele, die wir erreichen wollen. Was aber ist es dann? Wozu dann das alles?

Das sind genau die Fragen, die immer wieder in diesem Buch behandelt werden.

Worum es geht, ist nicht, bestimmte Ziele zu erreichen, sondern Orientierung zu finden. Auf welchem Weg?

Vom Alltäglichen ins Grundsätzliche und vom Grundsätzlichen ins Alltägliche und weiter hin zur Erfahrung der Überschneidung, sowie vielleicht der Deckung und Integration von beidem – in einer Lebens-Wirklichkeit.

Die Zen-Meditation ermöglicht, in der Stille Kontakt zu sich selbst und seiner Mitte aufzunehmen. Sie ist ein kostbares Angebot der Spiritualität des Ostens, welches unter anderem uns im „Programm Leben aus der Mitte“ namentlich durch Yamada Kôun Roshi, P. Hugo Enomya Lassalle und P. Johannes Kopp zum Geschenk gemacht worden ist. Sie kann eine wirksame Hilfe sein, sich selbst und das Leben vollständiger anzunehmen und in lebendiger Achtsamkeit mehr präsent und „da zu sein“. Für Christen kann sie einen Zugang zu den eigenen Wurzeln bilden und zu einer neuen und tieferen Glaubenserfahrung führen. Buddhistische und christliche Tradition inspirieren sich in einer solchen Praxis des Zen wechselseitig zu einem Weg offener Orientierung und Erfahrung für jeden Einzelnen in gerade seiner ihm eigenen Verwurzelung und seiner ganz persönlichen Motivation.

Auch ohne Anbindung an eine Religion oder Kenntnisse über Zen-Meditation bzw. Zen-Kontemplation kann Ihnen, lieber Leser, liebe Leserin, die Lektüre dieses Buchs, so hoffe ich, eine Vielzahl von Anregungen und Impulsen für die eigene Lebenspraxis auf der Suche nach neuen Wegen geben und möglicherweise sogar eine ganz konkrete Umsetzungsmöglichkeit für Ihr eigenes Leben aufzeigen3.

Wie auch immer – seien Sie herzlich willkommen und in diesem Buch begleitet mit 52 Wünschen für einen guten Heimweg – zu sich selbst in Ihrem tiefsten Inneren.

Bochum, im Oktober 2018

Klaus Fahrendorf

Cloud of Merciful Awareness

1Teisho (jap.) = Darlegung zum Zen-Weg aus der Erfahrung des Meisters oder Lehrers, klassischerweise anhand eines Koans oder anderer wichtiger Passagen aus Sutren oder der Zen-Literatur.

2 Zu Koans als künstlichen Schulungsmitteln im Zen vgl. z.B. das Vorwort in „Finde tiefen Glauben in dir selbst – ZEN-Koans in heutiger Zeit“.

3 Informationen über solche Möglichkeiten finden sich zum Beispiel auf folgenden Internetseiten: www.zen-kontemplation.de oder https://ekwm.jimdo.com > gruppen > zen.

01

„Kommt und seht!“

Navid Kermani ist der in Deutschland geborene Sohn seiner aus dem Iran stammenden Eltern, schiitischer Muslime. Er lebt als freier Schriftsteller in Köln. 2015 erschien sein seitdem mehrfach neu aufgelegtes Buch: „Ungläubiges Staunen – Über das Christentum“. Vielleicht kennen es einige von euch. Auf die Frage: „Hatten Sie die Befürchtung, dem eigenen Glauben untreu zu werden?“ antwortete Kermani neulich im ZEIT-Magazin: „Es war eher andersherum. Durch die Beschäftigung mit dem Christentum habe ich Aspekte des Islam kennengelernt, derer ich mir in ihrer Tiefe nicht bewusst war“.

Am 13. 9. 1989 starb der japanische buddhistische Zen-Meister Yamada Kôun Roshi, der so viele nichtjapanische Schüler im Zen unterwiesen hat, darunter Christen, von denen viele Ordensleute und Nonnen, Priester und Pastöre waren. So fand der monatliche Zazenkai4 im Meditationszentrum in Essen-Werden in diesem September 2015 zum Gedenken an seinen Todestag statt. Von Yamada Kôun Roshi wird vielfach bezeugt, dass er jeden Christen in seinem Glauben zu bestärken versuchte. Man kann es auch in seinen Teishos nachlesen. Zu P. Johannes Kopp (Hôun-ken Roshi) sagte er: „Wenn Sie weiter Zen üben, werden Sie ein besserer Priester“. Und: „You must realize, that Jesus Christ is in you. That’s right, that’s right!”

Sich mit dem Christentum zu befassen und seinen im Islam begründeten Glauben tiefer kennenzulernen – Zen zu üben und sein Christentum zu vertiefen: zwei nur auf den ersten Blick verblüffende Aussagen.

Anstatt darüber nur theoretisierende Ausführungen zu machen, möchte ich einfach ein praktisches Beispiel anführen, an dem wir sehen können, wie solche Wechselwirkungen aussehen können, wie sich ein interreligiöser Dialog, welchen ich eher als einen „in-religiösen“ Prozess bezeichnen möchte, ergeben kann und wie er sich für mich ganz aktuell in diesen Tagen abspielte.

Beim Zen-Lehrer-Treffen unseres Programms am letzten Samstag, bei dem es unter anderem um christliche Koans ging, führte ich eine Stelle aus dem Johannesevangelium an (Joh 1, 38, 39), welche sich als das neue Koan für mich anfühlte. Als Jesus sah, dass ihm zwei Jünger des Johannes des Täufers, von dem er am Tage zuvor im Jordan getauft worden war, folgten, sagt er zu ihnen: „Was sucht ihr?“5 Sie antworteten: „Meister, wo wohnst Du?“ Er antwortete: „Kommt und seht!“ Und es heißt weiter: „Da gingen sie mit und sahen, wo er wohnte und blieben jenen Tag bei ihm; es war um die 10. Stunde.“6

Die präzise Beschreibung des Evangelisten fällt auf. Er beschreibt genau, wo, wie und wann diese Begegnung mit Jesus geschah. Kriterien für die Echtheit einer Wesenserfahrung im Zen ist unter anderem, ob jemand mit präziser Genauigkeit zur Beschreibung des Erlebten in der Lage ist.

Die Jünger des Johannes des Täufers waren religiös und spirituell Suchende. Man darf annehmen, dass sie das Geschehen der Taufe Jesu durch Johannes miterlebt haben. Dieser Taufe, während der Jesus eine tiefgreifende Erfahrung der Frohen Botschaft des Königreichs Gottes und die Entdeckung machen durfte, Sohn Gottes zu sein. „Dies war der Moment, in dem Jesus sein wahres Selbst und seine Beziehung mit dem Vater realisierte.“7

Vor diesem Hintergrund wird man die Frage der beiden Jünger des Johannes des Täufers an Jesus: „Meister, wo wohnst Du?“, nicht bloß so verstehen dürfen, dass sie auf die äußere Heimstatt von Jesus gerichtet war und sie lediglich gucken wollten, wie die Wohnung von Jesus aussah. Worauf zielt der Evangelist mit der Schilderung der Frage aber dann?

Worauf zielt die nachfolgende Aufforderung von Jesus an die beiden Fragenden? Diese Aufforderung „Kommt und seht“ richtete und richtet sich, wie jeder intuitiv erfassen kann, auf etwas Tieferes. Aber was ist das?

Was heißt, so die weitere sich uns stellende Frage: „Da gingen sie mit und sahen, wo er wohnte und blieben jenen Tag bei ihm“?

Alle diese Fragen entpuppen sich für Zen-Übende als Koan-Fragen8, als Fragen, die uns in die Tiefe zu uns selbst führen sollen.

Im Koan-Fall Nr. 47 Mumonkan heißt es: „Meister Tosotsu Jûetsu errichtete drei Schranken und fragte seine Schüler: „Man bahnt sich einen Weg durch das Gras und kommt zum Meister, allein um Wesensschau zu erreichen. Nun, ehrwürdige Mönche, wo befindet sich euer Wesen in diesem Moment?“

Wenn du dich übend in dieses Zen-Koan mit der Kernfrage: „Wo bist Du?“ in seiner ganzen Tiefe einlässt und dann Joh 1, 38, 39 liest oder hörst mit dieser Frage: „Wo wohnst Du?“, kann sich eine Tiefe des „Verstehens“ und Erlebens ergeben, die sich dir vorher verschlossen hatte. Dann kannst du das erahnen oder es kann sich in dir möglicherweise das ereignen, was der Vers zum Koan beschreibt.

„In one consciousness we see the whole eternity;

Eternity is nothing other than right now.

If you see through this one consciousness at this moment, You see through the one who is seeing right now.”

„In einem einzigen Bewusstseinsmoment schauen wir sämtliche Kalpas9.

Nichts anderes sind sie als das nackte Jetzt.

Durchschaust Du im Jetzt dies‘ einzige Bewusstseinsmoment,

durchschaust Du im selben Moment den Schauenden selbst.“10

Wie war noch mal die Frage?

Ich wünsche euch einen guten Heimweg.

4 = Meditationstag

5 Neue Genfer Übersetzung (NGÜ).

6 Einheitsübersetzung (EÜ).

7Brother Martin Sahayananda, Neue Visionen für das Christentum, 2004, S. 45.

8Koan (jap.) ist im Zen eine Formulierung aus einem Sutra, häufiger indes die Schilderung einer Episode aus dem Leben alter Meister, sei es ihrer Aussagen in Lehrreden, sei es ihrer „Antworten“ auf Fragen ihrer Mönche oder ihrer Fragen, die sie an ihre Mönche oder einzelne Übende richteten. Ein Koan ist kein Rätsel. Es ist nicht mit dem Verstand zu „lösen“. Es fordert einen Sprung auf eine andere Ebene, auf der logisches, begriffliches Verstehen transzendiert wird.

9Kalpa (Sanskrit) bezeichnet einen unendlich großen, jenseits jeglicher Vorstellung liegenden Zeitraum.

10 Übersetzung von Ludwigis Fabian und Peter Lengsfeld unter Mitarbeit von Migaku Sato.

02

Tun, was getan werden muss

Vor 14 Tagen stieß ich bei der Lektüre der Samstagsausgabe der Süddeutschen Zeitung auf eine Anzeige und einen Artikel, die, obwohl gegensätzlich erscheinend, auf eine gewisse Weise sehr viel miteinander zu tun haben, wenn wir genauer hinschauen, wenn wir – präziser gesagt – aus der Perspektive des Zen-Übungsweges schauen. Jedenfalls lässt sich daran etwas aufzeigen für unsere Praxis, und zwar für die auf dem Kissen und für die im Leben allgemein.

Die Anzeige zeigt den Chefredakteur von Spiegel Online in der Centrum Moschee der Islamischen Gemeinde Hamburg, in Strümpfen auf einem Hocker sitzend, den Koran auf den Knien und dazu als Text: „Wenn wir es schaffen, komplexe Zusammenhänge genau zu erklären, wird die Welt vielleicht ein bisschen besser.“

Der Artikel auf derselben Seite trägt die Überschrift: „Verirrt in Hebron“ und den Untertitel: „Wie ein Palästinenser fünf jüdische Touristen rettete“. Der Artikel schildert, wie sich fünf junge, jüdische Amerikaner auf dem Weg zu Abrahams Grab in Hebron verirrt hatten und mitten im palästinensischen Stadtteil Jabel Juhar landeten. Ein folgenschwerer Irrtum in einem Pulverfass wie Hebron, seitdem sich dort 700 israelische Siedler inmitten von Palästinensern niedergelassen haben. Da die Verirrten für Siedler gehalten wurden, erkennbar an ihrer Kippa auf dem Kopf, bildete sich ein Mob, der die Männer bedrohte, welche nur mit Mühe gerade noch aus ihrem Auto fliehen konnten, bevor dieses in Flammen aufging. Sie fürchteten um ihr Leben. Da öffnete sich eine Tür. Der Palästinenser Fayez Abu Hamdiyeh öffnete seine Tür und gewährte den bedrängten Juden Schutz vor einem drohenden Lynchmord, wie er anderweitig schon vorgekommen war. 40 Minuten vergingen, bis israelische Sicherheitskräfte eintrafen und die Männer aus Jabel Juhar herausbrachten. Fayez Abu Hamdiyeh ließ noch wissen: „Ich habe getan, was getan werden musste.“

„Ich habe getan, was getan werden musste“, sagte der Palästinenser, der doch auch nichts hätte tun müssen oder gar ganz anderes hätte tun können, sich beispielsweise an der Ausschreitung des Mobs beteiligen oder andersherum versuchen, den Mob zu belehren oder gar zu bekehren etc. Das alles hat er nicht getan.

Bei Charlotte Joko Beck, der bekannten amerikanischen Zen-Lehrerin, habe ich gelesen – das Zitat hängt seit vielen, vielen Jahren handgeschrieben in unserer Küche-:

„Die Freude unseres Lebens liegt gerade darin, alles, was getan werden muss, ganz zu tun, und was getragen werden muss, zu tragen.“11

Was ist dieses „Muss“?

Es ist kein äußerer Zwang, auch kein innerer Zwang, der mir das als Pflicht nach Gesetz, Moral oder Religion auferlegt. Es ist vielmehr etwas Selbstverständliches. Ich tue es, weil die Situation so ist, dass es selbstverständlich so getan werden muss. Selbstverständlich! Natürlich!

Aber wann und wie gelingt das nur?

Wenn wir dieses Selbst zum Zuge kommen lassen.

Dinge, komplexe Zusammenhänge genau zu erklären, sich um ihr Verständnis zu bemühen, ist wertvoll und wichtig, um zum Beispiel Veränderungen herbeizuführen, wo sie notwendig sind. Aber das unmittelbare „Sein-Tun“, wie der amerikanische Zen-Lehrer Bernard Glassman es nennt, ist die andere wichtige Säule!

Durch regelmäßiges Zazen12 entsteht sog. Joriki13 und damit für jeden von uns die Möglichkeit, in seinem Leben und in den sich ihm stellenden Lebenssituationen dieser Kraft zu vertrauen und einfach zu tun, was er tun kann. Nichts ist zu unbedeutend, als dass es nicht unserer Präsenz wert wäre!

Im Dhammapadda14 gibt es die Geschichte des Mannes, der von einem Pfeil getroffen wird. Jemand kommt ihm zu Hilfe und will den Pfeil herausziehen. Doch obwohl der Pfeil sein Leben bedroht, will der Mann wissen: „Bevor du das tust, sag mir doch bitte, welche Federn am Schaft befestigt sind. Wenn ich das weiß, kenne ich den Bogen, von dem er abgeschossen wurde.“ Und: „Sage mir bitte, aus welchem Holz der Pfeil geschnitzt ist.“ Dieser Mann wird aufgrund des Anhaftens an diese Fragen sterben! Das, was in diesem Augenblick allein zählt, ist, den Pfeil herauszuziehen15.

Der Palästinenser in Hebron stellte keine großen Fragen. Er stellte sogar überhaupt keine Fragen. Er handelte direkt und schlicht und tat so, was nötig war, um die fünf jüdischen Touristen zu retten. Ohne weitere Gedanken und Fragen scheint er eins gewesen zu sein mit der konkreten Situation. Das zu verwirklichen ist wesentlicher Bestandteil der Zen-Schulung.

Wenn wir schweigend auf unseren Kissen, Bänkchen, Hockern, Stühlen sitzen, allein und in Gemeinschaft, tun wir also nicht nur schon dabei etwas für uns und die Welt, sondern dürfen vielleicht erleben, wie dies auch in unserem sonstigen Leben „nach außen“ wirkt, ganz direkt und schlicht.

Wie auch immer, wo auch immer, wann auch immer!

Ich wünsche euch einen guten Heimweg!

11 Zen im Alltag, S. 111.

12Zazen (jap.) = Sitzen in Versunkenheit, meditative Praxis ohne Meditationsobjekte im üblichen Sinne.

13Joriki (jap.) = Geisteskraft; Kraft der Sammlung.

14Dhammapadda (Pali) ist ein Sutra, bestehend aus 426 Versen über die Grundlagen der buddhistischen Lehre.

15Bernard Glassman, Das Herz der Vollendung, S. 40.

03

Wie atmen?

Schweigend haben wir einundeinhalb Stunden in Meditationshaltung, gerade aufgerichtet, gemeinsam gesessen, die Handflächen wie zu einer Schale ineinandergelegt mit den Daumen darüber, die sich an der Spitze berühren, die Aufmerksamkeit auf den Atem richtend. Na ja, wahrscheinlich sollte ich sagen: Wir haben dies versucht, immer wieder.

Denn es ist ja meistens so: Da sitzen wir da wie Buddhas, schweigend, mit dem Atem „beschäftigt“, den wir zählen oder aufmerksam zu begleiten versuchen. Und schon steigen Gedanken auf, die meisten davon sind wie ein „weißes Rauschen“. Man braucht sie nur zur Kenntnis zu nehmen, sie wieder verschwinden zu lassen und erneut zum Atem zurückzufinden. Beginnen wir mit der Meditation, haben viele zum ersten Mal in ihrem Leben die Gelegenheit, sich wirklich selbst zuzuhören. Im Alltagsleben entgeht uns vielfach, dass wir in einer fortlaufenden Unterhaltung mit uns selbst begriffen sind. Wir reden pausenlos mit uns selbst. Wir sind ständig damit beschäftigt zu kommentieren, zu beurteilen, zu analysieren, zu reflektieren, zu bewerten, zu systematisieren, einzuordnen und zu benennen. Das läuft so ununterbrochen ab, dass uns gar kein Raum bleibt, den jetzigen Augenblick wirklich zu erleben, tatsächlich zu erfahren, was jetzt geschieht.

Zazen gibt uns den Zugang zu diesem „inneren Dialog“ und eröffnet uns zugleich die Möglichkeit, ihn zu verlangsamen, zu vereinzeln und dabei die Mechanismen und Muster unserer Gedanken und Gefühle zu durch-schauen. Und zwar, indem wir all das, was auftaucht, zur Kenntnis nehmen, es wieder gehen lassen und die Aufmerksamkeit auf den Atem richten. Immer und immer wieder! Wenn wir wieder davon abkommen, ist es nicht so wichtig, dass uns das passiert. Wichtig ist der Moment, in dem wir es bemerken und uns aus dem Gedankenfluss wieder ausklinken können. Wichtig ist auch, dass wir das nicht vorwurfsvoll uns selbst gegenüber, frustriert über unser „Versagen“ oder verärgert über uns selbst machen, sondern in der Haltung einer nüchternen Feststellung – und dass wir wieder zurückkommen zu unserer Aufmerksamkeit in der Gegenwart.

Ab und zu taucht plötzlich etwas ganz Wichtiges auf, nicht nur „weißes Rauschen“ oder zufällig auftauchende Gedanken. Vielmehr etwas aus unserem Leben oder etwas für unser Leben Bedeutsames. Das kann Kummer sein; es können Verletzungen und Wunden, Beziehungsprobleme tiefster Art, Versagenserfahrungen und/oder - ängste, Verlusterfahrungen und/oder -ängste, allgemeine Lebensangst etc. sein.

Du willst es gehen lassen, aber es kehrt sofort zurück. Diese Hartnäckigkeit ist ein Zeichen dafür, dass du es nicht ignorieren darfst, dass du ihm Raum einräumen sollst. Gewähre ihm diesen Raum, auch wenn Emotionen ausgelöst werden oder Schmerz.

Dazu möchte ich später noch einmal gesondert einiges sagen und verdeutlichen. Für heute soll genügen: Es gibt solche und solche Gedanken und Störungen, und jeder sollte als erstes die Fähigkeit sich entwickeln lassen, sie als „nicht so wichtig“ oder „wichtig“ in erspürender Aufmerksamkeit – also nicht etwa im Wege analytischer Reflexion – voneinander zu unterscheiden lernen! Das, was nur ein Hintergrundrauschen unseres permanenten Gedankenflusses in unserer Hirntätigkeit ist, also nur kurz auftaucht und wieder weiterfließen kann, und das, was sich „melden“ will und unserer achtsamen Zuwendung bedarf, was gesehen und angenommen werden will und sich dann in Frieden zurückziehen kann.16

In diesem ganzen Geschehen spielt, wie bereits angesprochen, der Atem als Mittelpunkt unserer achtsam spürenden Aufmerksamkeit eine zentrale Rolle. Alles wird durch-atmet, es ist das Erleben, dass alles durch-atmet ist. Das Durch-Schauen, von dem ich vorhin sprach, ist also ein Hindurch-Atmen.

Deshalb kurz zu den verschiedenen Übungshaltungen während unserer Meditation in Bezug auf den Atem, auf die ich bei den nächsten Malen zu Beginn oder während der Meditation zurückkommen werde.

Atem zählen:

Der sicherste Weg zum richtigen Atmen ist das Zählen des Atmens von 1 bis 10. Kommt man aus dem Zählen heraus, weil Gedanken sich eingeschlichen haben, fängt man „ohne Murren und Knurren“ wieder von vorne an, egal bei welcher Zahl man war (wenn man das dann überhaupt noch weiß). Atme die ungeraden Zahlen ein und die geraden Zahlen aus. Lege beim Ausatmen keine Pause ein. Lasse vielmehr die Luft möglichst gleichmäßig fließend los, zunächst etwas stärker, damit sich kein Druckgefühl einstellt, dann nur ganz leicht, mäßig und ruhig Die Aufmerksamkeit richte auf den Unterbauch, das Hara (jap.). Versuche, diese Körpermitte in ihrer auch geistig tiefen und weiten Dimension spürend immer mehr wahrzunehmen. Aus dieser Tiefe heraus und auf diese Tiefe in uns gerichtet, beobachte, wie du – ohne es zu forcieren – immer noch ein wenig länger und tiefer und weiter ausatmen und dann wieder kurz und sanft gleitend aufs Neue ins Einatmen hineinkommen kannst.

Man kann auch, wenn die Gedanken uns besonders zusetzen und wir sehr zerstreut sind, eine Zeitlang nur das Einatmen zählen von 1 bis 10 usw.

Es kann sich auch für dich ergeben, dass du besser damit zurechtkommst, wenn du lediglich das Ausatmen zählst und so deine Atmung im Hara vertiefst. Da das Einatmen lediglich kurz abläuft, halte ich das das Zählen des Ausatmens letztlich für die beste Möglichkeit, zumal dies gut helfen kann, nicht schläfrig zu bleiben oder zu werden. Zählen wir so, ohne dies lediglich rein mechanisch oder bloß automatisch zu tun, sondern mit voller Aufmerksamkeit, können wir bemerken, wie sich unsere Wahrnehmung zunehmend nach unten verschiebt, weg von dem Kopfzentrum oben hin zum Bauchzentrum unten, und dass sich dort ein Kraftzentrum auszubilden beginnt.

Atem beobachten:

Ist man etwas geübter oder kann man beim Zählen ein bloß oberflächliches oder mechanisches Zählen nicht vermeiden, kann es eine Übungsmöglichkeit sein, in der Meditation ohne zu zählen dem Einatmen und insbesondere dem Ausatmen zu folgen und dieses Geschehen aufmerksam zu begleiten.

Dies ist nicht nur eine Übungshaltung in der Sitzmeditation, sondern eine Weise, wie wir uns unseres lebenspendenden Atems immer mehr auch in unserem alltäglichen Leben bewusst sein und das Kraftpotential im Hara immer stärker zur Entfaltung kommen lassen können. Es gibt zahlreiche Gelegenheiten, sich innerlich und äußerlich immer wieder einen Augenblick bewusst aufzurichten, den Atem zu spüren, ihn sich im Hara ausweiten und uns von ihm durchströmen zu lassen.

So zentriert wünsche ich uns einen guten Heimweg.

16 Damit möchte ich keiner Technik das Wort reden, wie sie zum Beispiel in der sog. Achtsamkeitsmeditation in Nordamerika von einigen Lehrern entwickelt wurde und unter dem Akronym RAIN (Recognize; Accept; Investigate; Nonidentification oder Nonattachment) propagiert wird (dazu vgl. Robert Wright, Why Buddhism is True, 2017, S. 135). Ich spreche hier nur – aus eigener Erfahrung über die Art und Weise, wie eine durch-atmende Meditation wie die Zen-Meditation sich intuitiv mehr oder weniger entwickeln und uns weiterhelfen kann, zu einem inneren Frieden mit uns selbst in uns selbst zu gelangen.

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