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You Love Me

Zu diesem Buch

Joe Goldberg hat genug von Städten. Genug von den unechten Menschen, dem Dreck und dem Lärm. Und genug von der Liebe. Er zieht auf eine kleine Insel im Pazifischen Nordwesten, um zu einfacheren Freuden zu finden und die Natur zu genießen. Dort kann er seit Langem zum ersten Mal wieder frei atmen. Er bekommt einen Job in der örtlichen Bibliothek, mit Büchern kennt er sich schließlich aus. Und genau hier trifft er sie: die Bibliothekarin Mary Kay DiMarco. Und dieses Mal wird er nicht manipulieren, nicht von ihr besessen sein. Dieses Mal wird er sie auf die altmodische Art für sich gewinnen, indem er ihr ein Freund ist. Bald werden sie beide die Vergangenheit vergessen und ihr Happy End in der verschlafenen Kleinstadt finden. Doch es gibt ein Problem. Mary hat schon ein Leben, hat Freunde, ein Kind und wenig Zeit. Für ihn ist kein Platz darin. Joe weiß, wahre Liebe kann nur entstehen, wenn zwei Menschen bereit sind, ihr Raum zu geben. Also bereitet er sich vor und wartet mit Ermutigung und immerwährender Unterstützung darauf, dass Mary das Richtige tut, Platz für die Liebe schafft und sich von ihm erobern lässt …

Für meine Mom,
die MonKon

1

Ich glaube, du bist diejenige, mit der ich telefoniert habe, die Bibliothekarin, deren Stimme so weich ist, dass ich mir anschließend sofort einen Kaschmirpullover gekauft habe. Warm und sicher. Du hast mich vor drei Tagen angerufen und mir die Stelle in der Bainbridge Public Library zugesagt. Das Gespräch hatte kurz sein sollen. Flüchtig. Du: Mary Kay DiMarco, Leiterin der Bibliothek. Ich: Joe Goldberg, ehrenamtlicher Mitarbeiter. Aber die Chemie zwischen uns hat gestimmt. Wir haben ein paarmal gelacht. Die Melodie deiner Stimme ging mir unter die Haut, und ich wollte dich googeln, habe es aber nicht getan. Frauen merken, wenn ein Mann zu viel weiß, und ich wollte gelassen wirken. Ich bin zu früh, und du bist eine heiße Frau – falls du es überhaupt bist, bist du es? –, und du unterhältst dich mit einem Stammkunden – ich rieche Mottenkugeln und Gin –, und du bist sexy, aber verhalten, versteckst deine Beine in blickdichten schwarzen Strumpfhosen, die genauso viel verbergen wie RIP Becks vorhanglose Fenster offenbart haben. Du erhebst deine Stimme  – du willst, dass der alte Mann einen Haruki Murakami mitnimmt –, und jetzt bin ich mir sicher. Du bist diejenige vom Telefon, aber, ach du Scheiße, Mary Kay.

Bist du die Richtige für mich?

Ich weiß. Du bist eine Frau, kein Gegenstand, und bla, bla, bla. Könnte durchaus sein, dass ich jetzt »projiziere«. Ich kenne dich kaum und bin durch die Hölle gegangen. Ich wurde mehrere Monate meines Lebens im Gefängnis festgehalten. Ich habe meinen Sohn verloren. Ich habe die Mutter meines Sohnes verloren. Es ist ein Wunder, dass ich nicht tot bin, und ich will verdammt noch mal sofort mit dir reden, aber jetzt übe ich mich erst in Geduld und entferne mich ein wenig. Dein Bild hängt in der Nähe der Lobby an der Wand, und es ist die endgültige Bestätigung. Du bist Mary Kay DiMarco, und du arbeitest seit sechzehn Jahren in dieser Bibliothek. Du hast einen Master in Bibliothekswissenschaft. Ich fühle mich neu. Kraftlos. Aber dann räusperst du dich – ich bin nicht mehr ganz so kraftlos –, und ich drehe mich um, du zeigst das Peace-Zeichen und lächelst mich an. Zwei Minuten. Ich erwidere dein Lächeln sofort. Lass dir Zeit.

Ich weiß, was du denkst – Was für ein netter Kerl, so geduldig –, und zum ersten Mal seit Monaten ärgert es mich nicht, dass ich mir verdammt noch mal die Mühe machen muss, nett zu sein und geduldig. Weißt du, ich habe auch keine andere Wahl mehr. Ich muss Mr Scheißfreundlich sein. Das ist die einzige Möglichkeit, um sicherzugehen, dass ich dem amerikanischen Unrechtssystem nie wieder zum Opfer falle. Jede Wette, dass du noch keine Erfahrung mit diesem System gemacht hast. Ich dagegen weiß alles über dieses abgekartete Monopoly-Spiel. Ich habe meine »Du-kommst-aus-dem-Gefängnis-frei«-Karte eingesetzt – danke, ihr reichen Quinns! –, aber ich war auch naiv – fickt euch, ihr reichen Quinns –, und von mir aus werde ich den ganzen Tag lang auf dich warten, denn wenn auch nur eine einzige Person in dieser Bibliothek den Eindruck hätte, ich könnte eine Bedrohung darstellen … also, ich werde kein Risiko eingehen.

Dir zuliebe gebe ich mich demütig – ich schaue nicht aufs Handy, sondern beobachte, wie du dich am Bein kratzt. Du wusstest, dass du mir heute zum ersten Mal im wirklichen Leben begegnen würdest … und hast du diesen Rock für mich gekauft? Könnte sein. Du bist älter als ich, dreister als ich, wie ein Highschool-Mädchen im Vergleich zu einem Achtklässler, und ich sehe dich vor mir, in den Neunzigern, als wärest du dem Titelblatt von Sassy entstiegen. Du hast immer weitergemacht, bist durch die Zeit marschiert und hast darauf gewartet, aber doch nicht wirklich darauf gewartet, dass dir ein guter Typ über den Weg läuft. Und jetzt bin ich hier – unser Timing ist perfekt –, und die Mottenkugel »liest« den Murakami, während du mir einen Blick zuwirfst – Siehst du, was ich da gerade getan habe? Und ich nicke.

Ja, Mary Kay. Ich sehe dich.

Du bist die Mutter der Bücher, stehst steif wie ein Roboter in einem Dienstmädchenkostüm da – dein Rock ist wirklich ein wenig kurz – und du umfasst deine Ellenbogen, während die Mottenkugel im Akkord Seiten umblättert, als würdest du auf Kommission arbeiten, als wärst du darauf angewiesen, dass er dieses Buch ausleiht. Bücher sind dir wichtig, und ich gehöre hierher, zu dir und zu deinen hervortretenden Fingerknöcheln. Du bist eine Bibliothekarin, mir als Buchhändler weit überlegen, und die Mottenkugel braucht hier keine Kreditkarte zu zücken, und, ach, stimmt ja. In Amerika gibt es tatsächlich auch gute Dinge. Die Dewey-Fucking-Dezimalklassifikation hatte ich ganz vergessen, und Dewey war als tyrannisch berüchtigt, aber trotzdem darf man nicht vergessen, was er für dieses Land getan hat!

Der alte Mann tätschelt seinen Murakami. »Okay, Schätzchen, ich lass Sie wissen, wie es mir gefällt.«

Du lächelst – du magst es, »Schätzchen« genannt zu werden – und erschauerst. Du fühlst dich schuldig, weil du nicht empört bist. Du bist halb Schätzchen und halb die Chefin – und eine Leserin. Eine Denkerin. Du siehst beide Seiten. Du zeigst mir wieder das Peace-Zeichen – noch zwei Minuten –, und du ziehst noch eine kleine Show für mich ab. Du sagst zu einer Mutter, dass ihr Baby niedlich ist – hä, nicht wirklich –, und alle lieben dich, oder? Dich mit deinem unordentlichen Haarknoten hoch oben auf deinem Kopf, der lieber ein Pferdeschwanz sein würde, und deiner Kleidung, die ein Protest gegen die anderen Bibliothekarinnen in ihren sackartigen Oberteilen und langen Hosen ist. Man sollte meinen, dass du die anderen damit abschreckst, aber nein, tust du nicht. Du sagst oft klar, und ich bin mir ziemlich sicher, dass sich da eine vernünftige Diane Keaton mit einer albernen Diane Keaton gepaart hat und dass diese beiden dich für mich erschaffen haben. Ich richte meine Hose – Behutsam, Joseph – und habe dieser Bibliothek einhunderttausend Dollar gespendet, um die Stelle als ehrenamtlicher Mitarbeiter zu ergattern, und du kannst den Staat Kalifornien fragen, oder den Barista vom Pegasus oder meine Nachbarin, deren Hund heute Morgen schon wieder auf meinen Rasen gekackt hat, aber sie werden dir alle das Gleiche sagen.

Ich bin ein verdammt netter Mensch.

Das ist eine richterlich bestätigte Tatsache. Ich habe RIP Guinevere Beck nicht ermordet, und ich habe RIP Peach Salinger nicht ermordet. Ich habe meine Lektion gelernt. Wenn irgendjemand das Schlechteste in mir zutage bringt, ergreife ich die Flucht. RIP Beck hätte auch weglaufen können – ich war nicht gut für sie, sie war noch nicht reif genug für die Liebe –, aber sie ist geblieben, weil sie genauso wie diese unglückseligen, dürftig charakterisierten, selbstzerstörerischen Frauen in diesen Horrorfilmen war, und auch ich bin kein Stück besser gewesen. An dem Tag, an dem ich RIP Peach kennengelernt habe, hätte ich mich von ihr abnabeln sollen. Ich hätte Love verlassen sollen, nachdem ich ihren soziopathischen Bruder kennenlernt hatte.

Ein Mädchen im Teenageralter kommt in die Bibliothek gesaust und rempelt mich an und holt mich in die Realität zurück – keine Entschuldigung – und ist so flink wie ein Erdmännchen, und du blaffst sie an: »Nicht Columbine, Nomi. Das ist mein Ernst.«

Aha, das Erdmännchen ist also deine Tochter, und ihre Brille ist zu klein für ihr Gesicht, und wahrscheinlich trägt sie sie auch nur, weil du ihr gesagt hast, dass sie nicht gut aussieht. Sie ist trotzig. Mehr streitlustiges Kleinkind als mürrischer Teenager, und sie zerrt eine dicke weiße Ausgabe von Columbine aus ihrem Rucksack. Sie zeigt dir den Mittelfinger, und du zeigst ihr den Mittelfinger. Deine Familie ist witzig. Ist da ein Ring an deinem Finger?

Nein, Mary Kay. Da ist keiner.

Du greifst nach dem Columbine des Erdmännchens, sie stürmt nach draußen, und du folgst ihr zur Tür hinaus – eine kleine, ungeplante Unterbrechung. Und mir fällt wieder ein, was du mir bei unserem Telefonat erzählt hast.

Deine Mom war eine Mary-Kay-Lady, unbarmherzig geschäftstüchtig und wettbewerbsorientiert. Du bist in Phoenix auf den Böden diverser Wohnzimmer aufgewachsen, wo du mit Barbies gespielt hast, während du ihr dabei zugesehen hast, wie sie Frauen mit untreuen Ehemännern dazu beschwatzt hat, ihr Lippenstifte abzukaufen, die ihre betrügerischen Gatten möglicherweise dazu animieren würden, zu Hause zu bleiben. Als könnte ein Lippenstift eine Ehe retten. Deine Mutter war gut in ihrem Job, fuhr einen rosa Cadillac, dann aber haben sich deine Eltern getrennt. Du bist mit deiner Mutter nach Bainbridge gezogen, und sie hat eine Hundertachtziggradwende vollzogen und begonnen, Patagonia statt Pancake-Make-up zu verkaufen. Du hast erzählt, dass sie vor drei Jahren gestorben ist, und dann hast du tief durchgeatmet und gesagt: »Okay, das waren jetzt etwas zu viele Informationen.«

Aber es war nicht zu viel, ganz und gar nicht, und du hast mir noch mehr erzählt: Dein Lieblingsplatz auf der Insel ist Fort Ward, und du magst die Bunker und hast ein Graffito erwähnt. Gott tötet jeden. Ich habe zu dir gesagt, dass das stimmt, und du wolltest wissen, woher ich komme, und ich habe dir erzählt, dass ich in New York aufgewachsen bin, und das hat dir gefallen, und ich habe erwähnt, dass ich eine gewisse Zeit in L. A. abgesessen habe, und du dachtest, ich würde das sarkastisch meinen, und wie käme ich dazu, dich zu korrigieren?

Die Tür geht auf, du bist wieder da. In Fleisch und Blut und Rock. Was immer du zu deinem Erdmännchen gesagt hast, hat sie stinksauer gemacht, und sie nimmt sich einen Stuhl und stellt ihn so hin, dass er gegen die Wand gerichtet ist, und endlich kommst du zu mir, so warm und weich wie der Kaschmir auf meiner Brust. »Entschuldige bitte die Szene«, sagst du, als hättest du nicht gewollt, dass ich alles mitbekomme. »Du bist Joe, oder? Ich glaube, wir haben telefoniert.«

Du glaubst es nicht. Du weißt es. Ja. Aber du hattest nicht geahnt, dass du mir am liebsten die Kleider vom Leib reißen würdest. Du schüttelst mir die Hand, Haut an Haut, und ich atme deinen Duft ein – du riechst wie Florida –, und die Kraft in meinem Körper ist wiederhergestellt. Ping.

Jetzt siehst du mich an. »Kann ich meine Hand zurückhaben?«

Ich habe sie zu lange festgehalten. »Tut mir leid.«

»Ach, nein«, sagst du und beugst dich zu mir, näher als Hautnah. »Mir tut es leid. Ich habe draußen eine Orange gegessen, meine Hände sind etwas klebrig.«

Ich schnuppere an meiner Handfläche und beuge mich ebenfalls zu dir. »Bist du sicher, dass es keine Mandarine war?«

Du lachst über meinen Witz und lächelst. »Verraten wir es niemandem.«

Schon heißt es, wir beide gegen die anderen, und ich frage, ob du das Buch von Lisa Taddeo ausgelesen hast – ich bin ein netter Kerl, und nette Kerle merken sich immer, was die Frau am Telefon erzählt hat –, und ja, du bist fertig, es hat dir sehr gut gefallen, und ich frage dich, ob ich dir eine Frage über deine Tochter und ihr Columbine stellen darf. Du errötest. »Klar«, sagst du. Klar. »Na ja, wie dir bestimmt aufgefallen sein wird … ist sie dezent von Dylan Klebold besessen.«

»Dem Amokschützen?«

»Oh Gott, nein«, sagst du. »Weißt du, laut meiner Tochter war er ein Poet, weshalb es ihrer Ansicht nach auch in Ordnung ist, dass sie den Aufsatz für ihre Collegebewerbung über ihn schreibt …«

»Okay, das ist eine schlechte Idee.«

»Zweifellos. Aber wenn ich ihr das sage, nennt sie mich eine ›Heuchlerin‹, weil ich, als ich in ihrem Alter war, mal Ärger bekommen habe, weil ich nicht über Jane Austen, sondern über Ann Petry geschrieben habe …« Du magst mich so sehr, dass du absichtlich mit gewichtigen Namen um dich wirfst. »Ich kann mich nicht mehr genau erinnern …« Doch, das kannst du. »Hattest du erwähnt, dass du Kinder hast?«

Stephen King muss niemanden umbringen, um den Tod zu beschreiben, und man muss keine Kinder haben, um zu verstehen, was es bedeutet, Eltern zu sein, und streng genommen habe ich sogar ein Kind, nur »habe« ich ihn eben nicht. Ich kann ihn nicht wie all die anderen verdammten Khaki tragenden Väter auf diesem öden Felsen herumtragen. Ich schüttle verneinend den Kopf, und deine Augen glänzen. Du hoffst, dass ich noch ungebunden bin, und möchtest, dass wir Gemeinsamkeiten haben, weswegen ich das Gesprächsthema zurück auf Bücher lenke. »Außerdem mag ich Ann Petry auch. Die Straße gehört zu meinen absoluten Lieblingsbüchern.«

Damit wollte ich dich eigentlich beeindrucken, aber im Grunde kennen viele belesene Menschen Die Straße, und du bist schließlich ein Fuchs. Zurückhaltend. Ich lege noch eins drauf und sage zu dir, dass ich wünschte, noch viel mehr Menschen würden The Narrows von ihr lesen. Das bringt mir ein Lächeln ein – ha, na bitte –, aber wir sind hier an unsrem Arbeitsplatz, deswegen legst du die Hände auf deine Tastatur. Du runzelst die Stirn. Kein Botox für dich. »Nanu.« Etwas in deinem Computer irritiert dich, und weißt du jetzt über mich Bescheid? Ist mein Eintrag mit einer Warnung versehen?

Bleib cool, Joe. Entlastet. Unschuldig. »Bin ich schon gefeuert?«

»Nun, das nicht, aber da ist eine Unstimmigkeit in deiner Akte …«

Du weißt nichts von dem Geld, das ich dieser Bibliothek gespendet habe, weil ich darauf bestanden hatte, anonym zu bleiben, und die Dame von der Verwaltung hat mir versprochen, mir die Unannehmlichkeiten einer eingehenden Hintergrundprüfung zu ersparen. Oder hat sie mich vielleicht belogen? Bist du auf Dr. Nickys verschwörungstheoretischen Blog gestoßen? Ist der Dame von der Verwaltung etwa aufgefallen, dass ich der Joe Goldberg bin? Hat sie durch den verfluchten Podcast irgendeiner von Morden besessenen Frau von mir erfahren?

Du winkst mich zu dir, die Unstimmigkeit in meiner Akte betrifft die Liste meiner Lieblingsautoren – puh –, und du schnalzt leise mit der Zunge. »Mr Goldberg, Debbie Macomber kann ich auf dieser Liste gar nicht entdecken.«

Ich erröte. Neulich am Telefon habe ich dir erzählt, die dämliche Cedar-Cove-Reihe von Debbie Macomber hätte mich auf die Idee gebracht, in den Pazifischen Nordwesten zu ziehen, und du hast gelacht – Ernsthaft? –, aber ich habe mich nicht von meinem wackeligen, von einem malerischen Gartenzaun eingefassten Standpunkt abbringen lassen. Ich bin kein Diktator. Ich habe dir nicht befohlen, eines ihrer Bücher zu lesen. Aber ich habe erzählt, dass Debbie mir geholfen hat, dass die Geschichten über die fromme, nach Gerechtigkeit strebende Richterin Olivia Lockhart und ihren Lokalreporter-Freund Jack mir den Glauben an die Welt zurückgegeben hätten. Du meintest, du würdest dir die Reihe mal ansehen, aber das sagen alle Leute, wenn man ihnen ein Buch oder eine Scheißfernsehserie empfiehlt, und jetzt stehst du hier und zwinkerst mir zu.

Du zwinkerst mir zu. Deine Haare sind rot und gelb. Deine Haare sind Feuer. »Keine Sorge, Joe. Ich esse das Rindfleisch und du den Brokkoli. Niemand muss etwas davon erfahren.«

»Aha«, sage ich, denn das mit dem Rindfleisch und dem Brokkoli ist eine Anspielung auf die Fernsehserie. »Klingt so, als wäre jemand in Cedar Cove gewesen, um sich das Ganze mal anzusehen.«

Deine Fingerspitzen tippen auf der Tastatur, und diese Tastatur ist mein Herz. »Ich habe doch gesagt, ich würde es tun …« Du bist eine Frau, die zu ihrem Wort steht. »Und du hattest recht …« BINGO. »Es ist ein ›schönes Gegengift gegen die höllische Realität der Welt, in der wir gerade leben‹ …« Das bin ich. Du zitierst mich. »Diese vielen Fahrräder und der Kampf um Gleichheit, davon geht der Blutdruck etwas runter.«

Du sprichst weiter über die Vor- und Nachteile von Eskapismus – du hast meine Sprache gelernt und möchtest, dass ich das merke – du bist sexy, selbstbewusst, und ich hatte ganz vergessen, wie sich sexuelle Spannung anfühlt. Anfänge. »Na gut«, sage ich. »Vielleicht können wir einen Fanclub gründen.«

»Klar …«, sagst du. »Aber zuerst musst du mir erzählen, was es war, das deine Begeisterung dafür geweckt hat.«

Ihr Frauen wollt immer etwas über die Vergangenheit erfahren, aber die Vergangenheit ist vorbei. Fort. Ich kann dir doch verdammt noch mal nicht erzählen, dass mir Cedar Cove dabei geholfen hat, die Zeit im Gefängnis zu überstehen. Ich werde dir ganz bestimmt nicht verraten, dass diese Reihe für mich so etwas wie Mayberry-Allzwecksalbe war, während ich zu Unrecht in Haft saß, und ich sollte wirklich nicht sämtliche Details preisgeben müssen. Wir alle erleben doch hin und wieder Zeiten, in denen wir uns gefangen fühlen, eingesperrt. Wo genau wir uns dabei befinden, ist nebensächlich. Ich zucke mit den Schultern. »Dahinter steckt keine große Geschichte …« Ha! »Vor einigen Monaten hatte ich eine schwierige Phase in meinem Leben …« Fakt ist: Die beste Lektüre fürs Gefängnis ist »Strandlektüre«. »Debbie war für mich da …« … als Love Quinn es nicht war.

Du löcherst mich nicht nach noch mehr Einzelheiten – ich wusste doch, dass du klug bist – und sagst, du kennst das Gefühl, und du und ich, wir sind gleich, empfindsam. »Also, ich möchte dich nicht runterziehen, aber ich muss dich warnen, Joe …« Du willst mich beschützen. »Wir sind hier nicht in Cedar Cove, ganz bestimmt nicht.«

Ich mag deinen Elan – du scheust dich nicht vor einer Auseinandersetzung –, und ich neige den Kopf in Richtung des leeren Tisches, wo du vorhin mit dem alten Mann gestanden hast. »Erzähl das der Mottenkugel, die gerade mit dem Murakami, den du ihm empfohlen hast, nach Hause gegangen ist. Das war sehr Cedar-Cove-mäßig.«

Du weißt, dass ich recht habe, und du versuchst zu schmunzeln, aber dein Schmunzeln ist ein Lächeln. »Wir werden ja sehen, wie du darüber denkst, wenn du hier erst einmal ein paar Winter durchgestanden hast, Joe.« Du errötest. »Was ist in der Tüte?«

Ich schenke dir mein schönstes Lächeln, das Lächeln, von dem ich dachte, dass ich nie wieder dazu in der Lage wäre. »Mittagessen«, antworte ich. »Und im Gegensatz zu Richterin Olivia Lockhart habe ich reichlich Essen mitgebracht. Du kannst den Brokkoli und das Rindfleisch haben.«

Das habe ich laut gesagt – DU VERDAMMTES EINGEROSTETES HIRN –, und jetzt darfst du dich in deinem Computer verstecken, während ich hier stehe und der Trottel bin, der gerade zu dir gesagt hast, dass du sein Fleisch haben darfst.

Aber du lässt mich nicht lange zappeln. »Okay«, sagst du. »Der Computer zickt. Wir kümmern uns später um dein Namensschild.«

Der Computer ist ganz schön dreist, oder vielleicht stellst du mich auch nur auf die Probe. Du führst mich zum Pausenraum und fragst, ob ich bei Sawan oder Sawandty gewesen bin. Als ich sage, bei Sawan, sieht dein Erdmännchen von ihrem Columbine auf und macht eine Kotzgeste. »Igitt. Das ist so ekelhaft.«

Nein, Kleines, unverschämt zu sein ist ekelhaft. Sie schwärmt von Sawandty, und du bist auf ihrer Seite, doch ich spreche eure Sprache nicht. Nicht in diesem Augenblick. Du legst mir eine Hand auf den Rücken – schön –, und dann legst du dem Erdmännchen eine Hand auf die Schulter – du bringst uns zusammen – und sagst mir, dass ich noch eine Menge über Bainbridge zu lernen habe. »Nomi ist extrem, aber im Grunde gibt es hier zwei Arten von Menschen, Joe. Es gibt die, die zu Sawan gehen, und dann noch Menschen wie uns, die zu Sawandty gehen.«

Du verschränkst die Arme, und bist du wirklich so kleingeistig? »Okay«, sage ich. »Aber gehören beide Restaurants nicht derselben Familie?«

Das Erdmännchen stöhnt und setzt den Kopfhörer auf – schon wieder unverschämt –, und du signalisierst mir, ich solle in die Küche mitkommen. »Klar«, sagst du. »Aber das Essen ist etwas unterschiedlich.« Du öffnest den Kühlschrank, und ich verstaue mein Mittagessen, und du verhältst dich irrational, aber das weißt du. »Ach, komm schon. Bist du nicht aus Sehnsucht nach genau solchen kleinstädtischen Marotten hierhergezogen?«

»Ach du meine Güte«, sage ich. »Ich lebe hier.«

Du legst mir die Hände auf die Schultern, und man könnte glatt meinen, du hättest nie an einem Seminar über sexuelle Belästigung teilgenommen. »Keine Sorge, Joe. Seattle liegt nur fünfunddreißig Minuten entfernt.«

Ich möchte dich küssen, und du nimmst die Hände weg, wir verlassen den Pausenraum, und ich erzähle dir, dass ich nicht hergezogen bin, um die Fähre in die Stadt zu nehmen. Du siehst mich forschend an. »Aber warum genau bist du hierhergezogen? Ernsthaft. New York … L. A. … Bainbridge … Darauf bin ich wirklich neugierig.«

Du stellst mich auf die Probe. Forderst mich heraus. »Na ja, ich mache Witze über Cedar Cove …«

»Ja, das tust du …«

»Aber wahrscheinlich hat es sich einfach richtig für mich angefühlt. Früher ging es in New York wie in den Wimmelbüchern von Richard Scarry zu.«

»Ich mag ihn.«

»Aber dieses Scarry-Gefühl ist nicht mehr da. Vielleicht sind die CitiBikes schuld …« Oder all die toten Frauen. »Und nach L. A. bin ich einfach nur gezogen, weil das viele so machen. Sie gehen von New York nach L. A …« Es ist so lange her, dass mich jemand kennen wollte, und du gibst mir das Gefühl, zu Hause und gleichzeitig weit fort zu sein. »Hey, kannst du dich noch an diese Schwarz-Weiß-Fotos von Kurt Cobain und seinen Kumpels auf der Wiese erinnern? Aus den Anfangstagen, bevor Dave Grohl bei Nirvana einstieg?«

Du nickst. Du glaubst schon, klar.

»Mir ist gerade etwas eingefallen. Als ich noch ein Kind war, hing dieses Bild bei meiner Mutter am Kühlschrank. Ich fand, es sah aus wie der Himmel, dieses hohe Gras …«

Du nickst. »Komm mit«, sagst du. »Der beste Teil der Bibliothek ist unten.«

In der Kochbuchabteilung bleibst du plötzlich stehen. Jemand hat dir eine Nachricht geschickt, du antwortest darauf, und ich kann nicht sehen, von wem sie kommt. Du schaust mich an. »Bist du auf Instagram?«

»Japp, und du?«

Es ist so verdammt einfach, Mary Kay. Ich folge dir, und du folgst mir, und du likst schon meine Buch-Posts – Herz, Herz, Herz –, und ich like dein Foto von dir und Nomi auf der Fähre, das Foto mit der verdammt noch mal besten Bildunterschrift der Welt: Gilmore Girls. Es ist Instagram-offiziell: Du bist Single.

Du führst mich zur Treppe und witzelst über meinen Account. »Versteh mich nicht falsch … Ich liebe ja ebenfalls Bücher, aber dein Leben scheint mir doch etwas einseitig zu sein.«

»Und was würdest du vorschlagen, Ms ›Gilmore Girl‹? Sollte ich mein Rindfleisch mit Brokkoli posten?«

Du wirst rot. »Oh«, sagst du. »Das ist Nomis kleiner Witz. Ich wurde auf dem College schwanger, nicht auf der Highschool.«

Du sagst das, als wäre der Vater ein namenloser Samenspender. »Ich habe diese Serie nie gesehen.«

»Sie würde dir gefallen«, sagst du. »Ich habe sie genutzt, damit mein Kind denkt, dass Lesen cool ist.«

Ich weiß, was du jetzt denkst. Du wünschst dir, dass in meinem verdammten »Feed« mehr von mir zu sehen wäre, denn ich stehe gerade hier und sehe dein ganzes Leben, Fotos von dir und deiner besten Freundin, Melanda, in diversen Weinstuben, dich und dein Erdmännchen unterwegs als #GilmoreGirls. Über mich erfährst du aber kaum etwas, und das ist ungerecht. Doch das Leben ist ungerecht, und ich werde dich nicht damit langweilen, bescheiden zu prahlen, dass ich ein »zurückhaltender Mensch« bin. Ich stecke das Handy weg und erzähle dir, dass ich zum Frühstück Corn Pops hatte.

Du lachst – ja – und schließt Instagram – juhu! –, und ich füttere dich lieber auf die richtige Art mit Informationen, aus meinem Mund in dein Ohr. Ich erzähle dir von meinem Zuhause und dem Wasser in Winslow, und du krempelst dir die Ärmel noch etwas weiter hoch. »Wir sind ja praktisch Nachbarn«, sagst du. »Ich wohne gleich um die Ecke, in Wesley Landing.«

Ich bezweifle stark, dass du alle Ehrenamtlichen so behandelst wie mich, wir gehen nach unten, und du streifst meinen Arm, und ich sehe, was du siehst. Ein Rotes Bett. In einer Nische in der Wand.

Deine Stimme ist leise. Gedämpft. Kinder sind anwesend. »Ist das nicht toll?«

»Oh, das ist ein tolles Rotes Bett.«

»Das sehe ich auch so. Und ich weiß, dass es kleiner ist als das grüne …« Das grüne ist zu grün, das gleiche Grün wie RIP Becks Kissen. »Aber mir gefällt das Rote. Außerdem hat es das Aquarium …« Wie das Aquarium in Hautnah, und du kratzt dich, obwohl es dich gar nicht juckt, weil du mich am liebsten sofort auf das Rote Bett werfen würdest, aber das kannst du nicht. »Als ich ein Kind war, hat meine Bibliothek ganz anders ausgesehen. Also, diese Kinder, die können sich gemütlich ins gemachte Nest setzen, oder?«

Deswegen wollte ich meinen Sohn auf dieser Insel großziehen, und ich nicke. »In meiner Bibliothek gab es so gut wie keine Stühle.«

Meine Stimme hat ein wenig gebebt – hör auf, verbales Vaguebooking über deine miese Kindheit zu betreiben, Joe –, und du beugst dich näher zu mir, Hautnah. »Nachts ist es hier sogar noch toller.«

Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll, und mit dir ist es zu gut, zu viel, wie Eiscreme zum Frühstück, Mittagessen und Abendessen, und das spürst du auch und deutest auf einen Schrank. »Leider Gottes hat eines der Kinder draufgepinkelt, und der Hausmeister ist krank. Hättest du etwas dagegen, dir die Hände schmutzig zu machen?«

»Aber nein.«

Zwei Minuten später rubble ich Urin aus unsrem Roten Bett, und du bemühst dich, mich nicht zu beobachten, aber du möchtest mir zusehen. Du magst mich, und wie könntest du das auch nicht tun? Mit einem Lächeln im Gesicht mache ich die Drecksarbeit und bin hierhergezogen, weil ich dachte, dass es leichter ist, ein guter Mensch zu sein, wenn man von anderen guten Menschen umgeben ist. Ich bin hierhergezogen, weil die Mordrate niedrig ist, sprich: Seit über zwanzig Jahren gab es keinen einzigen verdammten Mord. Verbrechen sind hier so sehr nicht existent, dass der Bainbridge Islander nicht nur einen, sondern gleich zwei Artikel darüber gebracht hat, dass einige Architekten einem anderen Architekten eine Werbetafel geklaut haben. Hier leben eher ältere Leute, und das Rote Bett ist wie neu, und ich räume meine Putzutensilien weg, und du bist nicht mehr da.

Ich gehe nach oben, um dich zu suchen, und du klopfst an die Glaswand deines Büros – komm rein – und willst mich in deinem Bau haben, und es gefällt mir in deinem Bau. Zur Begrüßung winke ich deinen Postern zu – RIP Whitney Houston und Eddie Vedder –, und du bietest mir einen Platz an, und dein Telefon klingelt, und ich hätte nie gedacht, dass ich jemals wieder so empfinden würde, aber andererseits hätte ich auch nie gedacht, dass Love Quinn mein Kind entführen und mir vier Millionen Dollar dafür zahlen würde, dass ich abhaue. Wenn unsagbar schlimme Dinge möglich sind, dann sind unsagbar gute Dinge ebenfalls möglich.

Du legst auf und lächelst. »Also, wo waren wir?«

»Du wolltest mir gerade sagen, welches dein Lieblingslied von Whitney Houston ist.«

»Also, das hat sich seit meiner Kindheit nicht geändert. ›How Will I Know‹.«

Du schluckst. Ich schlucke. »Ich mag das Lemonheads-Cover von diesem Song.«

Du bemühst dich, mich nicht anzustarren, und lächelst. »Ich wusste gar nicht, dass es das gibt. Das muss ich mir mal anhören.«

»Oh ja. Das Cover ist gut. The Lemonheads.«

Du leckst dir die Lippen und äffst mich nach – »The Lemonheads« –, und ich will auf dem Roten Bett deinen Lemonhead ablecken, und ich deute auf die Zeichnung von der Front eines kleinen Ladens, die an deiner Wand hängt. »Ist das von deiner Tochter?«

»Ach nein«, sagst du. »Jetzt, wo du es sagst … Ich sollte hier drinnen etwas von ihr hängen haben. Aber, also, das habe ich selbst gezeichnet, als ich noch klein war. Ich habe mir gewünscht, meine eigene Buchhandlung zu haben.«

Natürlich hast du das, und ich bin ein reicher Mann. Ich kann dir helfen, deinen Traum zu verwirklichen. »Hatte diese Buchhandlung auch einen Namen?«

»Sieh genau hin«, sagst du. »Dort oben in der Ecke steht er … Empathy Bordello.«

Ich lächle. »Ach, Bordell?«

Du greifst etwas beschämt nach einer Perlenkette, die nicht da ist. Du spürst es ebenfalls, und dein Telefon klingelt. Du sagst, dass du rangehen musst, und ich frage, ob ich rausgehen soll, aber du willst, dass ich bleibe. Du nimmst ab, und deine Stimme verändert sich, wird hoch wie die einer Vorschullehrerin in einem begüterten Schulbezirk: »Howie! Wie geht es dir, mein Lieber, und was kann ich für dich tun?«

Howie sagt dir, was er will, und du deutest auf einen Gedichtband, und ich nehme das Buch von William Carlos Williams und reiche es dir, und du leckst über deinen Finger – das hättest du eigentlich nicht unbedingt tun müssen –, und deine Stimme verändert sich wieder. Du raunst Howie ein Gedicht zu, deine Stimme ist wie geschmolzene Eiscreme, und dann legst du auf, und ich lache. »Jetzt habe ich eine Menge Fragen.«

»Ich weiß«, sagst du. »Also das war Howie Okin …« Du hast seinen vollständigen Namen gesagt. Magst du ihn auch? »Er ist ein süßer alter Mann …« Von wegen! Er ist eine Mottenkugel. »Und er geht gerade durch die Hölle …« Niemand kennt die Hölle besser als ich. »Seine Frau ist gestorben und sein Sohn weggezogen …« Mein Sohn wurde vor vierzehn Monaten und acht Tagen geboren, und ich habe ihn noch nicht ein einziges Mal gesehen. Und er ist nicht nur mein Sohn. Er ist mein Erlöser.

»Das ist so traurig«, sage ich, obwohl meine Geschichte noch viel trauriger ist. Ich bin das Opfer, Mary Kay. Love Quinns Familie hat tief in die Tasche gegriffen, um meine Verteidiger zu bezahlen, weil Love mit meinem Sohn schwanger war. Ich dachte, ich könnte mich glücklich schätzen, jemanden mit Vermögen auf meiner Seite zu haben. Ich dachte, ich würde ein Vater sein. Ich habe in diesem verfluchten Gefängnis Gitarre spielen gelernt, und ich habe den Text von »My Sweet Lord« umgedichtet – Hare Forty, Hallelujah –, und ich erklärte Love, dass ich möchte, unsre Familie möge nach Bainbridge ziehen, in die reale Version von Cedar Cove. Ich fand das geeignete Zuhause für uns, inklusive eines beschissenen Gästehauses für ihre Eltern, obwohl sie mich immer deutlich haben spüren lassen, dass sie diejenigen sind, die die Rechnungen bezahlen, als hätten sie dafür jemals eine Hypothek auf eines ihrer verkackten Strandhäuser aufnehmen müssen.

Faktencheck: Das mussten sie nicht.

Dein Telefon klingelt. Und es ist wieder Howie. Und jetzt weint er. Du liest ihm noch ein Gedicht vor, und ich blicke auf mein Handy. Auf ein Foto, das ich gespeichert habe. Mein Sohn, an seinem ersten Tag. Nass und glitschig. Risikobereit. Ein kleiner Bengel. Ich habe das Foto nicht gemacht. Ich war nicht da, als er aus Loves »betagter« Gebärmutter schlüpfte – die Ärzte sollen sich ficken –, und ich bin ein schlechter Vater.

Abwesend. Unsichtbar. Von der Bildfläche verschwunden, und nicht deshalb, weil ich derjenige bin, der die Bilder macht.

Love rief mich zwei Tage später an. Ich habe ihn Forty genannt. Er sieht genau wie mein Bruder aus.

Ich habe dir zugestimmt. Ich liebe es, Love. Ich kann es nicht erwarten, dich und Forty zu sehen.

Neun Tage später. Meine Anwälte holten mich aus dem Gefängnis. Die Anklagen wurden fallen gelassen. Der Parkplatz. Frische, heiße, muffige Luft. Das Lied in meinem Kopf. Hare Forty, Hallelujah. Ich war jemandes Vater. Papa. Ich stieg in eine Limousine. Überall um mich herum meine Anwälte. Wir müssen kurz in die Kanzlei, damit Sie dort ein paar Papiere unterzeichnen können. Nächster Halt, das Parkhaus einer Betonfestung in Culver Fucking City. Keine Sonne unter der Erde. Kein Sohn in meinem Armen, noch nicht. Nur ein paar Papiere. Wir fuhren mit dem Aufzug in den vierundzwanzigsten Stock des Gebäudes. Nur ein paar Papiere, wird nicht lang dauern. Der Konferenzraum war groß und unpersönlich. Sie schlossen die Tür, obwohl das Stockwerk ansonsten menschenseelenleer war. In der Ecke stand ein Schlägertyp. Breiter Oberkörper. Navy Blazer. Nur ein paar Papiere. Und dann wurde mir klar, was ich die ganze Zeit schon hätte wissen müssen. Das waren nicht meine Anwälte. Loves Familie stellte ihre Gehaltsschecks aus. Die geldgierigen Anwälte arbeiteten für sie, nicht für mich. Nur ein paar Papiere. Nein. Das waren Papiere der Ungerechtigkeit.

Die Quinns boten mir vier Millionen Dollar, damit ich verschwand.

Das Recht auf den Umgang mit dem Kind aufgab. Kein Kontakt. Kein Stalken. Keine Besuche.

Die Quinns erklären sich gern dazu bereit, mir mein Traumhaus auf Bainbridge Island zu finanzieren.

Ich schrie. Es gibt keinen Traum ohne meinen verdammten Sohn.

I schmiss ein iPad. Es prallte auf, aber es zersprang nicht, und die Anwälte schrien nicht. Love Quinn glaubt, dass es das Beste für das Kind wäre. Ich würde mein Fleisch und Blut nicht aufgeben, aber der Schläger legte seine Waffe auf den Tisch. A private dance, a dancer for money kommt mit einem Mord im vierundzwanzigsten Stock einer Anwaltskanzlei in Culver Fucking City davon. Sie könnten mich umbringen. Sie würden mich umbringen. Aber ich durfte nicht sterben. Ich bin ein Vater. Also unterschrieb ich. Ich nahm das Geld, und sie nahmen meinen Sohn, und du drehst dich auf deinem Stuhl um. Du greifst nach einem Notizbuch. Du kritzelst: Alles okay?

Ich glaube, ich lächle. Zumindest versuche ich es. Aber du siehst traurig aus. Du kritzelst noch etwas.

Howie ist so ein netter Mann. Ich fühle mich einfach nur schrecklich.

Ich nicke. Ich verstehe es. Ich war auch ein netter Mann. Dumm. Hinter Gittern, Cedar Cover wie eine Droge für mich, während ich versuchte, positiv zu bleiben. Ich hatte Love geglaubt, als sie sagte, wir würden gemeinsam hierherziehen, als Familie. Ha!

Du kritzelst erneut: Die Welt kann so unfair sein. Ich kann das mit seinem Sohn einfach nicht verstehen.

Du fährst damit fort, Howie Okin zu trösten, und ich bin kein Monster. Der Kerl tut mir leid. Aber Howie hat seinen Arschloch-Sohn erzogen. Ich habe meinen kleinen Forty nicht mal gesehen. Nicht im wirklichen Leben. Ich sehe ihn nur auf Instagram. Love ist wirklich krank, ja. Sie hat meinen Sohn entführt, mich aber nicht geblockt. Es läuft mir jedes Mal eiskalt den Rücken runter, wenn ich darüber nachdenke. Ich fahre die Lautstärke meines Handys runter und öffne Loves Live Story, und ich schaue meinem Sohn dabei zu, wie er sich mit einer Schaufel auf den Kopf haut. Seine Mutter lacht, als ob es lustig wäre – ist es nicht –, und Instagram ist zu wenig – ich kann ihn nicht riechen, kann ihn nicht halten –, und es ist zu viel – er lebt. Er tut das genau in diesem Moment.

Ich mache, dass es aufhört. Ich schließe die App. Aber es hört nicht auf, nicht wirklich.

Ich wurde ein Dad, bevor er geboren wurde. Ich habe Shel-Silverstein-Gedichte auswendig gelernt, und ich kenne sie immer noch, und das, obwohl ich sie meinem Sohn nicht vorlesen kann, und ich vermisse meinen Sohn und Silversteins Boa erwürgt mich, diese Boa schlängelt sich unter meiner Haut, meinem Gehirn, eine ständige Erinnerung an das, was ich verloren habe, was ich verkauft habe, streng genommen, und es ist so falsch, so falsch, und ich ersticke daran, und ich kann so nicht leben, und du hängst das Telefon ein, schaust mich an und schnappst nach Luft. »Joe, ist alles … Brauchst du ein Taschentuch?«

Ich wollte nicht weinen – das war meine Allergie, es war William Carlos Williams, es war die Geschichte des armen Howie Okin –, und du reichst mir ein Taschentuch. »Es ist so beruhigend, dass du es verstehst. Ich weiß, dass es nicht mein ›Job‹ ist, Gedichte vorzulesen, wenn manche Stammkunden einen schlechten Tag haben, aber das hier ist eine Bibliothek. Es ist eine Ehre, hier zu sein, und wir können helfen, und ich …«

»Manchmal brauchen wir alle ein Gedicht.«

Du lächelst mich an. Du lächelst für mich. Meinetwegen. »Ich habe ein gutes Gefühl bei dir.«

Es berührt dich, dass es mich berührt – du denkst, dass ich wegen Howie geweint habe –, und du heißt mich willkommen, und wir schütteln uns die Hände – Haut an Haut –, und in meinem Kopf verspreche ich mir etwas: Ich werde dein Mann sein, Mary Kay. Ich werde der Mann sein, von dem du denkst, dass ich es bin, der Mann, der Mitgefühl mit Howie hat, mit meiner bösen Baby-Mama, mit jedem auf diesem schrecklichen, beschissenen Planeten. Ich werde niemanden töten, der sich uns in den Weg stellt, obwohl, na ja … egal.

Du lachst. »Kann ich bitte meine Hand zurückhaben?«

Ich gebe dir deine Hand zurück, und ich verlasse dein Büro, und ich will die Regale abreißen und alle Seiten rausreißen, denn ich muss keine verdammten Bücher mehr lesen! Ich weiß jetzt, wovon all die Dichter gesprochen haben. Ich mache es, Mary Kay.

Ich trage dein Herz in meinem Herzen.

Ich habe meinen Sohn verloren. Ich habe meine Familie verloren. Aber vielleicht passieren schlimme Dinge wirklich aus einem guten Grund. All diese toxischen Frauen haben mich für sich eingenommen, mich verarscht, weil sie Teil eines größeren Plans waren, der mich auf diesen Felsen, in diese Bibliothek gebracht hat.

Ich sehe dich in deinem Büro, erneut am Telefon, die Telefonschnur zwirbelnd. Du wirkst jetzt anders auf mich. Auch du liebst mich bereits, vielleicht, und du hast es verdient, Mary Kay. Du hast so lang gewartet. Du hast ein Kind auf die Welt gebracht. Du gibst Howie Gedichte, und du konntest nie deinen Buchladen eröffnen – das kriegen wir noch hin –, und du hast deinen Murakami in die Hand dieser Mottenkugel gedrückt, als ob er jemals wertschätzen könnte, was es bedeutet, geradezu in sie hineingesogen zu sein. Du hast dein Leben in deinem Büro verbracht, die Poster angestarrt, die du seit der Highschool nicht weggeworfen hast, der Popstar und der Rockstar. Das Leben kam nie an die Texte ihrer Songs heran, an die Leidenschaft, aber jetzt bin ich ja da. Ich habe ein gutes Gefühl bei dir.

Wir sind gleich, aber verschieden. Hätte ich so jung ein Kind gehabt, wäre ich wie du gewesen. Verantwortungsbewusst. Geduldig. Sechszehn Jahre lang ein und derselbe verdammte Job auf einer verdammten Insel. Und du würdest darum kämpfen, dass es dir besser geht, wenn du so allein wärst wie ich, und heute Morgen sind wir beide aufgestanden. Wir haben uns beide lebendig gefühlt. Ich habe meinen neuen Pullover angezogen, und du hast diesen blauen BH und deine Strumpfhose angezogen, deinen kleinen Rock. Du mochtest mich am Telefon. Vielleicht hast du es dir selbst besorgt, während Cedar Cover ohne Ton im Fernsehen lief, und werde ich rot? Ich glaube schon. Ich hole mein Namensschild und mein Schlüsselband von der Anmeldung ab. Ich mag mein Foto. Ich sah nie besser aus. Habe mich nie besser gefühlt.

Ich klicke das Namensschild an das Band – wie befriedigend, wenn das Leben Sinn ergibt, wenn die Dinge klicken, du und ich, Rindfleisch und Brokkoli, das Namensschild und das Schlüsselband –, und mein Herz schlägt ein wenig schneller, und dann schlägt es etwas langsamer. Ich bin nun nicht mehr ein Vater ohne Sohn. Ich habe eine Bestimmung. Du hast mir das angetan. Du hast das für mich getan. Du hast eine besondere Bestellung aufgegeben, und hier bin ich nun, mit Namensschild. Und ich habe keine Angst, dass ich zu voreilig bin. Ich möchte mich in dich verlieben. Es war hart, ja, aber ich musste mich für ein Kind zusammenreißen. Ich bin dein längst überfälliges Buch, das, von dem du niemals gedacht hättest, dass es einmal käme. Es hat etwas gedauert, bis ich hier sein konnte, und ich wurde auf dem Weg verletzt, aber gute Dinge passieren nur Menschen wie uns, Mary Kay, Menschen, die bereit sind sich zu gedulden, zu leiden und die auf den richtigen Augenblick warten und währenddessen die Sterne an der Wand anstarren, die Betonblöcke in ihrer Zelle. Ich ziehe mir das Schlüsselband über den Kopf, und es fühlt sich an, als wäre es für mich gemacht worden, denn das war es, auch wenn es es nicht war. Perfekt.

2

Gestern habe ich mitbekommen, wie zwei Mottenkugeln uns als Turteltauben bezeichnet haben, und heute verbringen wir die Mittagspause wieder draußen an unsrem Stammplatz auf dem Zweiersofa im Japangarten. Hier essen wir jeden verdammten Tag unser Mittagessen, und im Augenblick lachst du, weil wir immer lachen, denn das hier, das ist es, Mary Kay. Du bist die Richtige.

»Nein«, sagst du. »Erzähl mir nicht, dass du tatsächlich Nancys Zeitung gestohlen hast.« Nancy ist meine fäkaläugige Nachbarin, und du bist zusammen mit Nancy auf die Highschool gegangen. Du magst sie nicht, bist aber mit ihr befreundet – Frauen –, und ich erzähle dir, dass ich ihre Zeitung stehlen musste, weil sie sich in der Schlange im örtlichen Café, das Pegasus heißt, vor mich gedrängt hat. Du nickst. »Das nennt man wohl Karma.«

»Du weißt ja, was man sagt, Mary Kay. Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt

Du lachst wieder, und du bist begeistert, dass endlich jemand Nancy die Stirn bietet, und du kannst es noch immer nicht fassen, dass ich direkt neben ihr wohne, dass ich gleich um die Ecke von dir wohne. Du kaust dein Rindfleisch – wir essen jeden Tag Rindfleisch mit Brokkoli –, und du schließt die Augen und hebst einen Finger. Du brauchst etwas Zeit – das ist immer der stärkste Augenblick in unsren Mittagspausen –, und ich zähle zehn Sekunden herunter, dann mache ich ein Buzzer-Geräusch. »Und, Ms DiMarco? Sawan oder Sawandty?«

Du neigst nachdenklich den Kopf wie eine Gastrokritikerin. »Sawan. Das muss von Sawan sein.«

Du liegst wieder mal falsch, und ich mache noch mal ein Buzzergeräusch, und du bist temperamentvoll und sagst, dass du eines Tages verdammt noch mal gewinnen wirst, und ich lächle. »Ich finde, wir haben beide gewonnen, Mary Kay.«

Du weißt, dass ich damit nicht diesen albernen Thai-Essen-Geschmackstest meine, und du wischst dir eine Lachträne von der Wange. »Oh, Joe, du machst mich fertig. Wirklich.«

Du sagst jeden Tag solche Sachen zu mir, und wir sollten jetzt nackt auf dem Roten Bett liegen. Wir sind schon auf dem Weg dorthin. Deine Wangen sind rosig, und du hast mich schon befördert. Ich bin jetzt der Belletristik-Experte und habe einen neuen Themenbereich in der Bibliothek eingerichtet, der »Die Leisen« heißt, und in dem wir weniger bekannte Werke renommierter Autoren präsentieren, wie beispielsweise The Narrows von Ann Petry. Du hast gesagt, dass es dich freut, wenn Bücher neue Augen finden, und als du dann weggegangen bist, wusstest du, dass ich dir hinterherschaue und sehe, wie du mit dem Hintern wackelst. In der Bibliothek klebst du bei jeder sich bietenden Gelegenheit förmlich an mir, und hier klebst du auch an mir, auf dem Zweiersofa, und warnst mich, dass Fäkalauge mich womöglich auf Nextdoor anschwärzen könnte.

»Also, ich bitte dich«, sage ich. »Ich habe eine Zeitung geklaut. Ich habe doch nicht ihren Hund gestohlen. Und die Leute auf Nextdoor sind doch auch nicht anders als ihr hier. Um zehn Uhr abends gehen die Lichter aus.«

»Also, ich bitte dich«, entgegnest du frech. »Du genießt es doch, die rebellische Nachteule zu mimen. Ich wette, du bleibst die ganze Nacht wach, rauchst Kette und liest Bukowski.«

Ich mag es, wenn du mich neckst, und ich lächle. »Da wir gerade davon sprechen. Mit Bukowski könntest du Nomi vielleicht von ihrem Columbine-Trip herunterholen.«

»Gute Idee. Vielleicht fange ich mit Das Liebesleben der Hyäne an …« Du weißt meine Einfälle immer zu schätzen – ich liebe dein Gehirn – und frage dich, was Bukowski deiner Meinung nach von meiner fäkaläugigen Nachbarin gehalten hätte, und du lachst und verschluckst dich dabei an deinem Rindfleisch, meinem Fleisch, und du hältst dir den Bauch – neuerdings schmerzt er öfter, wegen der Schmetterlinge und unsrer Insiderwitze. Ich klopfe dir auf den Rücken – ich bin fürsorglich –, und du trinkst etwas von deinem Wasser und atmest tief durch. »Vielen Dank«, sagst du. »Ich dachte schon, ich werde ohnmächtig.«

Gern würde ich deine Hand halten, aber das kann ich nicht tun. Noch nicht. Du nimmst dein Handy – nein – und lässt die Schultern hängen, und ich kenne deine Körpersprache. Ich kann dir ansehen, wann das Erdmännchen dir schreibt – du setzt dich dann immer etwas gerader hin –, oder wann es nicht das Erdmännchen ist, so wie jetzt. Ich habe meine Hausaufgaben gemacht, Mary Kay – es ist wirklich unglaublich, wie einfach es ist, eine Frau kennenzulernen, die einem online folgt! –, und ich kenne die Menschen in deinem Leben, in deinem Handy.

»Alles in Ordnung?«, frage ich.

»Na klar«, sagst du. »Entschuldige, das ist mein Freund Seamus. Dauert nur einen Augenblick.«

»Ach was«, sage ich. »Lass dir ruhig Zeit.«

Ich weiß, Mary Kay. Du hast hier ein »Leben«, und das dreht sich hauptsächlich um deine Tochter. Aber du hast auch noch Freunde, zu denen unter anderem Seamus Fucking Cooley gehört. Du bist mit ihm auf der Highschool gewesen – gähn –, und ihm gehört ein kleiner Baumarkt. Korrektur: Er hat den Markt von seinen Eltern geerbt. Jedes Mal, wenn er dir schreibt, jammert er über irgendeine Zweiundzwanzigjährige, die ihm das Hirn verwirrt – ha! –, und du bedauerst ihn. Du sagst immer, dass er sensibel ist, weil er relativ klein ist und deswegen früher gepiesackt wurde – ich wette, diese idiotischen Bullys haben ihn immer Shortus genannt –, und ich verkneife mir jedes Mal, einen Kommentar abzugeben: Schau dir doch mal Tom Fucking Cruise an! – und du schreibst noch immer.

»Tut mir leid«, sagst du. »Ich weiß, das ist unhöflich.«

»Auf keinen Fall.«

Wenn ich dafür sorge, dass du dich besser fühlst, fühle auch ich mich besser. Aber das ist nicht so einfach, Mary Kay. Jedes Mal, wenn ich dich frage, ob wir einen Kaffee trinken wollen, oder ich dich einlade, kurz vorbeizuschauen, sagst du, dass du wegen Nomi nicht kannst, wegen deiner Freunde. Ich weiß, dass du mich willst – deine Röcke werden jeden Tag kürzer, deine Murakami ist scharf auf mich –, und ich komme früher und bleibe noch, wenn meine Schicht schon zu Ende ist. Du kannst nicht genug von mir bekommen und bist verwöhnt, weil ich fast jeden Tag hier bin. Du schickst mich nie nach Hause, und wenn du darüber witzelst, dass wir beide noch auf dem Parkplatz herumlungern, sage ich, dass wir eine Weile dort bleiben. Das gefällt dir. Und obendrein gefallen dir auch noch all meine verdammten Fotos.

@LadyMaryKay gefällt dein Foto.

@LadyMaryKay gefällt dein Foto.

@LadyMaryKay WILL DICH FICKEN, UND SIE IST WÄHLERISCH UND ZURÜCKHALTEND UND GEDULDIG, UND SIE HAT ENDLICH EINEN GUTEN MANN GEFUNDEN, UND DER BIST DU, JOE. DU BIST DER RICHTIGE. SEI GEDULDIG. SIE IST MUTTER. SIE IST DEIN BOSS. WENN SIE DICH ANBAGGERT, KÖNNTE SIE DAFÜR GEFEUERT WERDEN!

Endlich steckst du das Handy in die Tasche zurück. »Uff, ich glaube, ich brauche einen Drink.«

»So schlimm, hm?«

»Ja«, sagst du. »Ich habe dir, glaube ich, doch schon mal erzählt, dass er eine Hütte in den Bergen hat …«

Du hast mir schon von seiner dämlichen Hütte erzählt, und ich bin nicht unbedingt begeistert. Ich habe sein Instagram-Profil gesehen. Er liest nicht gern und hat sich seinen Bizeps bei CrossFit gekauft. »Ich denke schon, ja, klar.«

»Er hat diese Frau mit dorthin genommen, und sie hat sich die ganze Zeit über nur beschwert, dass sie kein WLAN hatte. Und dann hat sie ihn auch noch sitzen lassen.«

»Ach du Schande.«

»Ja«, sagst du. »Und ich weiß, wie übel das klingt, die übliche Geschichte von einem Kerl mittleren Alters, der sich an zweiundzwanzigjährige Frauen ranmacht, aber« – es gibt kein aber, das ist einfach nur übel – »du weißt doch, wie das ist. Er ist wie ein Bruder für mich. Er ist unsicher …« Nein. Er ist einfach nur ein Mann. »Und er tut mir leid. Er tut so viel für diese Insel. Er ist wirklich ein Heiliger. Andauernd spendet er Bücher …« HUNDERT RIESEN, SCHÄTZCHEN. »Er ist für uns so etwas wie Der freigebige Baum …«

Kein Mann ist eine Insel oder ein Baum, aber ich lächle. »Den Eindruck habe ich auch«, sage ich. »Ich habe Plakate für seinen Cooley – Fünftausendmeterlauf und die Cooley – ›Straßenreinigungstruppe‹ gesehen. Aber vielleicht sollte er, anstatt so viel für andere zu tun …« Oh Mann, das tut weh. »Vielleicht sollte er mal allein zu dieser Hütte fahren, damit er wieder einen klaren Kopf bekommt.«

»Klar«, sagst du. Klar. »Und das wäre bestimmt das Klügste, weil er mit Frauen nämlich immer unglaubliches Pech hat.«

Sorry, Mary Kay, aber wenn du meine Ex-Frauen kennen würdest … »Er hat Glück, dich zu haben.«

Du errötest. Du bist still, zu still, und du willst diesen verdammten Mann doch nicht, oder? Nein. Wenn du ihn wolltest, dann hättest du ihn schon, denn sieh dich doch nur an. Du seufzt. Seufzer sind ein Zeichen für Schuldgefühle – und okay. Er will dich, und du willst ihn nicht – du willst mich –, und du zuckst mit den Schultern. »Ich weiß nicht. Es ist einfach selbstverständlich für mich, anderen zu helfen, für sie da zu sein …«

In dieser Hinsicht sind wir gleich, Mary Kay. Nur pflegen wir einen unterschiedlichen Stil. »Das kann ich nachfühlen.«

Wir sind wieder still, uns näher als noch vor einer Stunde. Bei meinem Mr-Saubermann-Plan geht es inzwischen nicht mehr nur um mich allein. Es geht um uns und darum, dass wir zusammen gut sein können. Ich habe geschworen, dass ich niemals jemandem deinetwegen Schaden zufügen werde, nicht mal dem Kerl, dem der Baumarkt gehört, wo die weiblichen Angestellten in engen Jeans und engen Shirts mit dem Cooley-Namenszug umherschweben. Ich bin so freundlich wie du. Ich bin so gut wie du. Ich schlucke. Ich wage es. »Vielleicht könnten wir später etwas trinken gehen …«

Du drückst die Hand auf dein Oberteil. Heute ist es ein Pullover mit tiefem V-Ausschnitt, ziemlich tief für eine Bibliothekarin, die sich oft bückt. Sag Ja. »Ich wünschte, das ginge«, sagst du und stehst auf. »Aber wir haben heute Mädelsabend, und ich sollte lieber wieder reingehen.«

Ich stehe auf, weil ich stehen muss. »Kein Thema«, sage ich. »War nur so eine Idee.«

Wir verweilen noch bei dem Sofa, als könnten wir es nicht ertragen hineinzugehen, und die Zeit verlangsamt sich, wie es immer vor einem ersten Kuss passiert, und wir müssen uns unbedingt küssen. Du solltest mich küssen, oder ich sollte dich küssen, und es ist Herbst, und du verliebst dich gerade in mich, und ich habe mich in meinem ganzen Leben noch nie so allein gefühlt, wie wenn ich mit dir zusammen bin. Ein unsichtbarer Faden zieht unsre Körper zueinander, doch du gehst zur Tür. »Hey, falls wir uns nicht mehr sehen sollten: Ich wünsche dir ein schönes Wochenende!«

Sechs Stunden später, und ich HABE VERDAMMT NOCH MAL KEIN SCHÖNES WOCHENENDE, MARY KAY. Ich möchte meine Freizeit mit dir verbringen und, okay. Du hast mich nicht belogen. Du bist nicht mit Seamus ausgegangen – er sitzt in einer Bar herum und schaut sich ein Fußballspiel an, weil die Leute hier Fußball mögen –, sondern du bist mit Melanda in der Eleven Winery.

Sie ist deine »beste Freundin«, und auf Instagram ist sie @MelandaMatriarchat – o weh – und hat Gloria Steinems Geburtstag gefeiert, indem sie ein Bild gepostet hat von … Melanda. Die Frau ist Englischlehrerin, sie ist die Lehrerin deiner Tochter und nervt in den Kommentaren dein Erdmännchen ständig, dass sie aufhören soll, Dylan Klebold zu verklären – schon mal was von Grenzen gehört? –, aber du siehst nur das Beste in den Menschen. Melanda war deine erste Freundin auf Bainbridge, und sie hat dir auf der Highschool »das Leben gerettet«, und wenn sie Instagram-Befehle ausgibt wie GLAUBT ALLEN FRAUEN – in diesem Fall steht dieser Befehl auf einem T-Shirt, das sich über ihren unnötig großen Brüsten spannt –, na ja, dann likst du verdammt noch mal jeden einzelnen.

Und das tust du, obwohl sie nicht jedes deiner Bilder likt – du bist ein besserer Mensch, genau wie ich – und wenn sie in die Eleven Winery gehen und über ihre OkCupid-Dates meckern will – regelmäßig jeden Dienstag und Freitag –, dann gehst du mit.

Man muss kein Genie sein, um zu erkennen, dass ich mit dir zusammen sein sollte, dass Melanda mit Shortus zusammen sein sollte. Aber die beiden sind zwei Seiten derselben Münze. Ihr gefällt es, Männer zu verabscheuen, weil sie zu reserviert ist, um wahre Liebe zu finden – deine Worte, nicht meine –, und dieser Waschlappen will ein Mädel, das ihm seinen Shortus lutscht. Und dann vibriert mein Handy. Du bist es.

Du: Wie ist dein Abend?

Ich: Ich beiße mich so durch. Wie ist der Mädelsabend?

Du: Du meinst Frauenabend.

Das sind die ersten Nachrichten, die wir miteinander austauschen – JUHU! –, und ich merke, dass du etwas angetrunken bist. Ich möchte mir am liebsten auf die Brust trommeln und die Faust in die Luft recken, weil ich darauf gewartet habe, dass du dich bei mir meldest, und ich habe mich nicht bei dir gemeldet, weil ich paranoid sein muss. Ich weiß, wie es in dieser antiromantischen Welt läuft. Ich durfte nicht derjenige sein, der sich auf deinem privaten Handy meldet, weil mir das Unrechtssystem diese harmlose Geste als »Stalking« auslegen könnte. So ist das Leben, wenn man keine »Du-kommst-aus-dem-Gefängnis-frei«-Karte hat, aber es sieht ganz so aus, als wäre das Leben schön. Du hast es getan, Mary Kay! Du hast die Grenze überschritten und mir nach Feierabend eine Nachricht geschickt, und die Bibliothek ist geschlossen, aber du bist offen. Und was für ein Glück, dass ich mich heute Abend ins Isla Bonita gequält habe – noch ein Volltreffer! –, denn jetzt weißt du, dass ich nicht nur zu Hause herumsitze und mich nach dir verzehre. Ich bin genau wie du, bin mit meinen Freunden in der Stadt unterwegs – auf den Aufnahmen der Überwachungskamera würden die anderen Männer in der Bar wie meine »Freunde« wirken –, und jetzt hast du meinetwegen FOMO – oder besser gesagt: Angst, ich könnte dir durch die Lappen gehen.

Ich: Also ich habe heute JUNGSabend. Bier und Nachos und Fußball im Isla.

Du brauchst einen Moment. Es macht dich fertig zu wissen, dass ich mich ebenfalls im Winslow Way aufhalte, fünfundsiebzig Meter von dir entfernt. Na los, Mary Kay. Kipp den Wein weg und komm zu mir.

Du: Du bringst mich zum Lachen.

Ich: Gelegentlich genehmigen sich Jungs und Frauen in der gleichen Bar ein Gläschen.

Du: Melanda hasst Sportbars. Ist eine lange Geschichte. Der Barkeeper war mal unhöflich zu ihr.

Ich möchte wetten, dass jeder Barkeeper im ganzen Staat schon mal unhöflich zu Melanda war, aber andererseits ist es bestimmt auch nicht einfach, Melanda zu sein. Ich mache ein Foto von den Autoaufklebern hinter der Bar – MEIN BARKEEPER KANN DEINEN THERAPEUTEN IN DIE TASCHE STECKEN, und ICH HABE KEIN GESINNUNGSPROBLEM – DU BIST EIN ARSCHLOCH –, und ich schicke es dir, und dann schreibe ich dir.

Ich: Sag deiner Freundin Melanda, dass ich das verstehen kann.

Du: Ich liebe dich.

Ich: Benommen. Liebestrunken. Sprachlos. Auf Wolke 9000. Ich starre das Handy an, die Pünktchen, die anzeigen, dass gleich noch mehr kommt, und dann bumm.

Du: Vertippt. Ich wollte schreiben, ich liebe dein Foto. Ungeschickte Finger. Lol, sorry, ist nur, weil … klar … Wein.

Mein Herz hämmert, und du liebst mich. Du hast es gesagt. Die Leute um mich herum ahnen nichts, aber Van Morrison feuert uns aus den Lautsprechern an – an diesem Abend scheint alles brandneu zu sein, und es fühlt sich alles brandneu an –, und was zum Teufel soll ich tun?

Du willst mich. Ich will dich. Scheiß drauf.

Ich bin draußen, auf dem Weg zur Eleven Winery, schon bald näher als Hautnah, doch dann bleibe ich ganz plötzlich stehen.

Ja, du hast mir geschrieben, wo du bist, aber du hast mich nicht eingeladen, zu euch zu stoßen. Und nehmen wir mal an, ich würde euren Frauenabend stören. Soll so unsere Liebesgeschichte beginnen? Tief drin weiß ich, dass die Insel-Verhaltensregel für nette Kerle es gebietet, dir verdammt noch mal »Freiraum« zu gewähren. Die Wände des Eleven sind dünn, und ich höre Gelächter in »deiner Bar«. Du bist nicht nur mit deiner besten Freundin zusammen. Du kennst viele der Flanell tragenden Stadtbewohner dort drinnen, und ich möchte dich von dieser geräuschvollen Langeweile retten, die mit unserem Turteltauben-Mittagessen im Garten auf keinen Fall mithalten kann.

Aber ich kann dich nicht retten, Mary Kay. Heute Abend haben wir einen Fortschritt gemacht – du hast mir geschrieben, du hast es begonnen –, und ich will das sein, woran du morgen früh denkst, wenn du aufwachst. Es fällt mir nicht leicht, aber ich stehle mich in die dunklen Straßen davon, entferne mich vom Klang deiner Stimme. Bevor ich zu Hause ankomme, lächle ich wieder, denn, hey, heute war trotzdem ein wichtiger Abend für uns. Da waren all diese Leute, mit denen du dich hättest unterhalten können, sogar deine verfluchte beste Freundin, aber das hat dir nicht genügt, nicht wahr? Du hast das Handy genommen und mir geschrieben. Unhöflich. Besessen. Frech. Aber natürlich konntest du nicht anders.

Schließlich liebst du mich.

Und du kannst mir erzählen, dass du es nicht so gemeint hast. Du kannst es darauf schieben, dass du getrunken hast. Du kannst sagen, dass du nicht aufgepasst hast. Aber jede Person mit einem Handy weiß, dass es sehr wenige echte Fehler gibt, wenn es darum geht, was wir aufschreiben, vor allem nachdem wir ein paar Drinks intus haben. Du hast es gesagt, und zu einem gewissen Grad hast du es so gemeint, und deine Worte sind nun meine, und in der Dunkelheit leuchten sie auf meinem Display.

Ausnahmsweise schlafe ich gut, als ob deine Liebe bereits ihre Magie wirkt.

3

Alle, die nur fürs Wochenende arbeiten, können mich mal kreuzweise. Ich hasse die Wochenenden auf dieser Insel, tonnenweise dröge, brunchige Zeit, in der Familien und Paare zusammenkommen, um die gemeinsamen Stunden zu genießen, ohne Rücksicht auf mich zu nehmen, während ich allein bin und dich so sehr vermisse, dass ich zum Town & Country-Supermarkt laufe – zu deinem Supermarkt – in der Hoffnung, dich irgendwann an diesem Wochenende zufällig zu treffen, solange dein Ich-Liebe-Dich noch frisch ist, noch neu.

Leider haben wir uns am Samstag und auch am Sonntag verpasst. Aber leckt mich, ihr Wochenendfanatiker, denn endlich ist es Montag. Ich seh gut aus, obwohl ich letzte Nacht nicht geschlafen habe – keine Frage, mich hat es so richtig erwischt –, und ich ziehe mir einen knallorangefarbenen Pullover über den Kopf. So wirst du mich zwischen den Regalen besser ausmachen können, und ich checke Instagram. Gestern Abend habe ich noch ein bisschen sehnsuchtsvollen Richard Yates gepostet. Hast du das weiße leere Herz unter meinem Eine strahlende Zukunft-Beitrag berührt und es rot gefärbt?

Nein, hast du nicht. Aber das ist in Ordnung.

@LadyMaryKay hat dein Foto nicht gefallen, weil DU ihr gefällst, Joe.

Ich schließe meine Tür ab, obwohl mir die Mottenkugeln ständig versichern, dass ich meine Tür nicht abschließen muss, und ich komme am Kino in der Madison vorbei – ich will dich im Dunkeln lecken –, und ich rufe Loves Instagram-Profil auf und sehe meinem Sohn zu, wie er Good Night Los Angeles zerreißt. Ich weiß, dass es unklug wäre, ausgerechnet jetzt dein Instagram-Familienmuseum zu betreten, wo ich doch in Bestform sein muss, und ich sehe deinen Subaru auf dem Parkplatz stehen – du bist da! –, und ich gehe schneller und werde wieder langsamer – Behutsam, Joseph – und gehe hinein, aber du bist nicht im Erdgeschoss, und du bist nicht in deinem Bau. Grrr. Ich schlurfe zum Pausenraum, wo mir die verheiratete alte Mottenkugel davon erzählt, dass seine Frau ihn ständig damit nervt, dass er gegen seine Kreuzschmerzen Ibuprofen nehmen soll, und ich möchte, dass wir in dreißig Jahren genauso sind, aber wir werden niemals so sein, wenn wir nicht verdammt noch mal endlich Nägel mit Köpfen machen.

Ich belade unsren Bücherwagen »Dolly Carton« und schiebe sie zwischen die Regale und – bumm. Da bist du. Du stützt dich mit den Händen auf Dolly und richtest den Blick auf mich. »Hey.«

Ich kämpfe gegen den Drang an, einfach zu tun, was du willst, dich auf der Stelle zu packen und an mich zu ziehen. »Hey.«

»Möchtest du vielleicht in der Stadt zu Mittag essen, oder bist du auf dein Cedar-Cove-Spezialmenü festgelegt?«

JA, ICH WILL IN DER STADT ZU MITTAG ESSEN. »Klar.«

Deine Wangen sind so rot wie das Rote Bett, und du willst mit mir zusammen Essen essen, und ein Reißverschluss geht mitten durch deinen Rock, und das ist ein Rock, den ich noch nie gesehen habe, ein Rock, den du heute aus dem Schrank geholt hast, für mich, für unser Lunch-Date. Du spielst an dem Reißverschluss herum. Du möchtest, dass ich daran herumspiele. »Möchtest du jetzt gleich gehen?«

Wir ziehen unsre Jacken an und sind Turteltauben in einem Film, schlendern die Madison Avenue entlang, während im Hintergrund eine klassische Melodie spielt. Du möchtest wissen, ob sich Fäkalauge mir schon vorgestellt hat, und ich erzähle dir, dass sie das noch nicht getan hat, und du seufzt. »Unglaublich«, sagst du. »Weißt du, wenn wir in Cedar Cove wären, hätten dir Nancy und ihr Mann schon längst einen Kuchen gebacken.«

Ich mag nicht bemitleidet werden, deshalb frage ich dich nach deinem Wochenende – Geheimcode für: Weißt du noch, wie du zu mir gesagt hast, dass du mich liebst? –, und du erzählst mir, dass du mit dem Erdmännchen in Seattle warst. Ich bin aufgeweckt, interessiert. »Klingt unterhaltsam. Was habt ihr gemacht?«

»Ach, du weißt ja, wie das ist. Sie ist in diesem Alter, in dem sie grundsätzlich drei Meter vor mir läuft, und wenn ich italienisches Essen möchte, will sie chinesisches, und wenn ich sage, dass das lecker klingt …«

»Will sie italienisches.«

»Und sie hat gefroren, weil sie sich geweigert hat, eine Jacke mitzunehmen. Wir haben bei alten Freunden vorbeigeschaut, die ein Gitarrengeschäft besitzen. Sie sind wie eine Familie …« Du verstummst. Und zuckst mit den Schultern. »Und zum Mittagessen gab es nur Gebäckstückchen auf der Fähre. Wieder mal eine mütterliche Höchstleistung meinerseits.« Du lachst. »Also Joe, wolltest du … Willst du Kinder?«

Das ist eine Fangfrage. Nomi ist im letzten Highschooljahr, und wenn ich sage, dass ich Kinder will, und du keine Kinder mehr willst, dann hast du einen Grund, um mich abzuschießen. Aber wenn ich sage, dass ich keine Kinder will, dann glaubst du vielleicht, dass ich kein Stiefvater sein möchte. »Ich denke, wenn es irgendwann mal passiert, dann passiert es eben.«

»Das ist der Unterschied zwischen Männern und Frauen. Bei dir könnte durchaus eines Tages plötzlich ein Kind vor der Tür stehen und sagen: Hi, Dad!«

Wenn du wüsstest. Ich lächle. »Was ist mit dir? Möchtest du noch mehr Kinder?«

»Also … weißt du, Nomi war die größte Überraschung meines Lebens. Aber in letzter Zeit wird mir immer deutlicher, dass da ein ganz neues Kapitel auf mich wartet. Ich weiß nicht recht, ob ich noch ein Kind möchte, aber eine Buchhandlung zu eröffnen, das kann ich mir vorstellen.« Du verstummst – du stellst dir gerade uns beide in deinem Bordell vor –, und du schiebst die Hände in die Taschen. »Und«, sagst du, und deine Stimme bebt ein wenig, weil dich dieses erste Date nervös macht. »Wie war der Jungsabend?«

Mir gefällt diese neue Seite von dir, Mary Kay. Eifersüchtig. Keck. Und ich gebe mich sarkastisch. »Ach, du weißt schon, Bier … Nachos … heiße Frauen.«

»Ah, heißt das, du hast jemanden kennengelernt?«

Meine Güte, du stehst ja wirklich heftig auf mich, und ich lächle. »Na ja, ich dachte es zumindest …« Ich muss dich ein bisschen ärgern. »Aber dann hat mir diese Frau, mit der ich zusammenarbeite, geschrieben, und danach habe ich es wohl irgendwie vergeigt.«

Du weißt, dass du diese Frau bist, und du zuckst mit den Schultern, eher verhalten. Das ist eine deutliche Mahnung, dass wir uns, obwohl wir Seelenverwandte sind, noch nicht gut genug kennen, nicht in dieser Situation, auf dem Gehweg, in Bewegung. »Ach, komm schon«, sage ich. »Du weißt, dass ich nur Spaß mache … Ich streife nicht in irgendwelchen Bars herum und sowieso niemals, du weißt schon, auf der Suche nach heißen Frauen …« RIP Beck ist in meine Buchhandlung hineinspaziert, und du arbeitest zufällig in meiner Bibliothek. »Ich finde es immer irgendwie schwer zu erklären. Mir geht es nicht ums Aussehen … Es geht darum, dass die Chemie stimmt.«

Hast du dich gerade ein wenig gerader aufgerichtet? Ja, das hast du. »Das kann ich verstehen«, sagst du. »Geht mir genauso.«

Wir verfallen in ein unbefangenes sexy Schweigen, und wenn ich mich jetzt auf einer geschäftigen, vierspurigen Straße in L. A. befände, könnte ich deine Hand nehmen. Ich könnte dich küssen. Aber das hier ist eine Insel, und hier gibt es keine Anonymität, und der Spaziergang ist zu Ende. Du öffnest die Tür des Diners, und meine Augen verwandeln sich in Herzen. Retrorot. Rote Sitznischen wie unser Rotes Bett, und du hast dieses Lokal wegen der Sitznischen ausgesucht. Du kennst den Besitzer, er ist ein liebenswürdiger Mann – er hat einen Ring am Finger – und sagt, dass deine Nische frei ist, deine Nische, sprich: unsere Nische.

Wir sitzen einander gegenüber, und ich habe es geschafft. Ich habe dich ganz für mich allein. Und du hast es geschafft. Du hast mich ganz für dich allein.

Ich schlage die Speisekarte auf, und du öffnest auch eine Karte, obwohl du schon seit hundert Jahren zum Essen herkommst. »Ich bestelle sonst immer das Gleiche, aber ich glaube, heute werde ich mal etwas Neues versuchen.«

Ich bringe dich dazu, Neues auszuprobieren, und lächle. »Kannst du mir etwas empfehlen?«

»Es ist alles gut«, sagst du. »Aber ich hätte nichts dagegen, wenn du etwas mit Pommes bestellen würdest … Ich mein ja nur.«

Du bestellst einen Teller Chili, und ich nehme ein Club-Sandwich mit Pommes, und du lächelst mich an, doch dann siehst du etwas. Du setzt dich gerade hin und winkst. »Melanda! Hier drüben!«

Eigentlich war das anders gedacht, nur du und ich und Pommes, aber deine Freundin Melanda kommt zu unsrer Nische rübergestampft. Sie hat einen Körper Marke Großmarkt – Möpse in Großpackungsformat –, und sie bewegt sich wie ein Linebacker, der auf die Endzone zuhält, als wäre das Leben Krieg. Sie ist verschwitzt – wasch diesen Mist gefälligst ab, bevor du ein Restaurant betrittst, Melanda –, und sie braucht ein Tutorial über Instagram-Filter, denn die optischen Unstimmigkeiten sollten eigentlich nicht so gravierend ausfallen. Du gibst ihr Luftküsschen und sagst, dass sie großartig aussieht – ich bin anderer Meinung –, und warum ist sie hier? Ist das eine Art Initiationsritual? Der Besitzer bringt Melanda eine Karte, und sie bläht die Nasenflügel und ist jemand, der ständig also sagt, und sie saugt eine Menge Sauerstoff ein, um eine völlig aus dem Zusammenhang gerissene Aussage von sich zu geben. »Also, ich hatte in der Schule gerade einen heftigen Streit mit Barry, diesem Mathelehrer, der glaubt, nur weil er ›Vater von Töchtern‹ ist, hätte er das Recht, mir bei der Zukunft zu helfen.«

Du siehst mich an. »Melanda gründet gerade ein regionales gemeinnütziges Projekt für Mädchen …« Melanda beißt sich protestierend auf die Lippe, und du stößt sie im Gegenzug mit dem Ellenbogen an. »Ein gemeinnütziges Projekt für junge Frauen …« Sie verzieht das Gesicht, und du hebst resignierend die Hände, als wolltest du sagen Ich gebe es auf, und sie richtet den Blick auf mich.

»Also, was MK eigentlich meinte, ist, dass ich einen Brutkasten für junge Frauen erschaffe. Das Projekt trägt den Namen Die Zukunft ist weiblich. Bestimmt hast du die Plakate in der Bibliothek gesehen …«

»Sicher habe ich das«, sage ich und erinnere mich wieder an die widersprüchlichen Botschaften, die Frauen dazu auffordern, online Grenzen zu setzen und sie anweisen, ihre Hashtags zu verwenden. #MelandaMatriarchatVernichtetDasPatriarchat … und die jungen Frauen, die vergessen, diese Marke zu promoten!

Melanda lacht. »Und?«

»Und ich bin selbstverständlich ganz dafür.«

In ihrer Gegenwart bist du anders, vorsichtig, aber das ist die Geschichte der Menschheit. Wir schrumpfen auf Passform. Ich kenne solche Menschen wie Melanda. Sie will keine Fragen. Sie will Lob, weshalb ich ihr versichere, dass ihre Idee genial ist. Ich sage nicht, dass man solche Ziele auch erreichen kann, ohne sich wie ein komplettes Arschloch aufzuführen. Obwohl es so ist. »Na ja«, sagt sie. »Die Ideen-Phase habe ich schon abgeschlossen. Wir starten Anfang nächsten Jahres.« Sie nimmt dein Wasserglas. »Apropos, MK, hast du eigentlich meine letzte Leitlinie schon durchgesehen?«

Du hast sie aber noch nicht durchgesehen, und du holst ein kleines Päckchen Splenda-Süßstoff aus der Handtasche, und sie verzieht angeekelt das Gesicht, als hieltest du eine Crackpfeife oder eine Bill-Cosby-Biografie in der Hand. »Schätzchen, nicht«, gurrt sie. »Du musst aufhören zu versuchen, dich umzubringen.«

Ihre Wortwahl ist recht vielsagend. In gewisser Weise möchte sie, dass du stirbst, und du weißt nichts davon, und ihr selbst ist das auch nicht ganz bewusst, und das ist schon etwas traurig.

»Ich weiß«, sagst du. »Ich bin furchtbar. Ich muss mit dem Splenda aufhören.«

Im Moment ist es nicht angebracht, dass ich mich in das Gespräch einmische – wirst du uns überhaupt jemals einander vorstellen? –, und sie trinkt dein Wasser und seufzt. »Also, sie haben endlich meinen Trainer gefeuert. Ich war nicht die Einzige, die sich über ihn beschwert hat.«

Du sagst, du warst noch nie Mitglied in einem Fitnessstudio, und ich möchte mehr darüber erfahren, doch Melanda unterbricht dich, um sich über ihren toxischen Trainer zu beklagen, und ich wünschte, sie würde sich an den Leitsatz halten, der auf ihrem T-Shirt aufgedruckt ist – LASS SIE SPRECHEN –, und du zwinkerst mir zu und … Moment mal. Ist das hier ein abgekartetes Spiel?

»Melanda«, sagst du. »Bevor wir weiter abschweifen – das ist Joe. Ich habe dir doch erzählt, dass er ehrenamtlich in der Bibliothek arbeitet. Er ist vor einigen Monaten hergezogen.«

Ich strecke die Hand aus. »Schön, dich kennenzulernen, Melanda.«

Sie schüttelt meine Hand nicht. Sie tätschelt sie mehr oder weniger, und das hier ist kein abgekartetes Spiel. Mein erster Eindruck hat mich nicht getrogen. Das ist ein Initiationsritual, und Melanda ist wie diese pseudomäßig toughen Studententrottel in miesen Fernsehfilmen, die niemanden in ihre Studentenverbindung hineinlassen wollen. »Wie nett«, sagt sie mit einem affektierten Lächeln. »Noch so ein weißer Mann, der uns vorschreiben will, was wir lesen sollen.« Sie klatscht ihre klamme Hand auf meine. »Herzchen, bitte. Du weißt, dass ich nur Scherze mache, mir einen Spaß erlaube.«

Du siehst mich an, wie damals an Tag eins in der Bibliothek – Bitte, hab Geduld –, und Melanda erzählt, ihr toxischer Trainer hätte Greg, den Barista vom Pegasus, angewiesen, ihr keine Cookies mehr zu verkaufen, und du nickst wie eine Therapeutin. »Also, ich bin froh, dass Greg dir davon erzählt hat. Zumindest in dieser Hinsicht ist er wirklich ein netter Kerl.«

Sie bläht die Nasenflügel. »Na ja, klopfen wir Greg lieber nicht auf die Schulter, Mary Kay. Er hat dabei gelacht, was wahrscheinlich bedeutet, dass er auch mit meinem Trainer darüber gelacht hat. Ex-Trainer.«

Du nickst, Dr. Mary Kay DiMarco. »Okay, aber denk daran: Greg steht den ganzen Tag dort im Laden, und wenn man den ganzen Tag mit Kundschaft zu tun hat, hört man die verrücktesten Sachen. Ich habe den Eindruck, dass Greg zu den Guten gehört. Und stell dir nur vor, er hätte dir nicht von der Sache mit dem Trainer erzählt.«

Du hast sie gezähmt, ohne ihre Probleme abzutun – brillant –, und sie macht einen selbstkritischen Witz darüber, dass sie Bitchy McBitcherson ist, und jetzt unterbrichst du sie. »Hör auf, Melanda. Es ist dein gutes Recht, offen eine Reaktion zu zeigen.«

Am liebsten möchte ich dir die Strumpfhose runterreißen, begnüge mich aber vorerst damit, zustimmend zu nicken. »Du sagst es, Mary Kay.«

Während ich gesprochen habe, habe ich gestrahlt, habe dich angestrahlt, und Melanda hat es gemerkt, und wir sind jetzt eine Dreiergruppe, und sie sieht sich im Diner um, und du stupst sie an, von Freundin zu Freundin. »Um zu etwas Erfreulicherem überzugehen: Du triffst dich diese Woche doch mit diesem Peter, oder? Von Plenty Of Fish?«

Sie schnaubt. »Plenty Of Fish? Ein Haufen Schweine würde besser passen. Er hat mir einen versauten Witz über Aschenputtel geschickt, und ich muss wohl nicht extra erwähnen, dass ich ihn gemeldet habe.«

»Na ja«, sagst du. »Du weißt ja, was ich von diesen Apps halte …«

Melanda nimmt jetzt mich ins Visier. »Und was ist mit dir, Joe? Benutzt du solche Apps?«

Sie ist nicht dumm. Sie hat gesehen, wie ich dich angestrahlt habe. Aber ich will nicht der Arsch sein, der ihre Art zu leben in den Dreck zieht. »Nein«, sage ich. »Aber vielleicht melde ich mich trotzdem an, nur, um Peter die Meinung zu geigen.«

Das war ein Witz, und du lachst, sie aber nicht. »Ach«, sagt sie. »Das ist lieb, aber ich kann mich nicht erinnern, dich gebeten zu haben, meine Kämpfe für mich auszufechten. Kein Bedarf.«

Ich lasse es ihr durchgehen. Ich kann mir vorstellen, wie viele Dickpics sie bekommen muss, welche Ablehnung ihr entgegenschlägt. Du nimmst die Zügel in die Hand und wechselst das Thema. »Also, Melanda, wie geht es meiner Tochter? Ganz ehrlich.«

»Gut«, sagt sie.

Du siehst mich an und erzählst mir, dass Melanda mehr über Nomi weiß als du, und Melanda ist stolz – sie ist so eine liebes-Tantchen-Freundin – und berichtet, dass Nomis Begeisterung für Dylan Klebold langsam abkühlt, und du seufzt. »Gott sei Dank. Ich hatte gehofft, dass es nur eine Phase ist.«

»So habe ich es auch eingeschätzt«, sage ich, weil ich auch eine Stimme habe. »Kinder machen eben unterschiedliche Phasen durch.«

Melanda schnaubt. »Also, ich würde die Gefühle einer jungen Frau nicht unbedingt als Phase herabwürdigen …«

Als du gesagt hast, es wäre eine Phase, war das okay, und wir drei werden auf absehbare Zeit nicht zusammen in der Eleven Winery sitzen. Ich verstehe schon. Du kümmerst dich um Melanda, weil sie allein ist. Sie erzählt dir von Nomis Ideen für ihren imaginären Brutkasten, und sie ist nicht Tantchen Melanda. Sie ist Tantchen Eindringling, und du springst geradezu von deinem Platz auf.

»Seamus!«, rufst du. »Hier drüben!«

Das hier ist ein Initiationshinterhalt, und da ist Seamus, der reale Seamus, der sich wie ein Politiker durch den Raum arbeitet und den anderen Gästen mit seinen Masturbationspfoten übertrieben freundlich die Hände schüttelt. War der Trockner in Ordnung, Dan? Hey, Mrs P, ich komme gelegentlich vorbei und schaue mir Ihren Heizkessel an. Er trägt ein Langarmshirt mit Cooley-Aufdruck und eine Baseballkappe mit dem gleichen Logo, und er ist zu klein für dich. Zu schmierig. Aber er grinst dich an, als könne er dich haben, wenn er wollte.

»Ladys«, sagt er. Jugendlich. »Tut mir leid, dass ich zu spät komme.«

Ich kann gerade Gott im Himmel hören. Den hier machen wir klein und untersetzt mit Armen, die zu lang für seinen Körper sind, und mit einer bombastischen Stimme, die die Frauen abstößt. Aber unten auf der Erde hat man es schon schwer genug. Darum geben wir ihm noch durchdringende blaue Augen und eine kräftige Kieferpartie, damit er sich, wenn der Midlife-Sensenmann an seiner Tür kratzt, nicht gleich das Hirn wegbläst. Aber nicht alles ist schlecht. Ich rutsche ein Stück weiter zur Wand. So kann ich dir wenigstens wieder gegenübersitzen. »Joe«, sagst du. »Ich habe mich schon so darauf gefreut, dir Seamus vorzustellen.«

Du sagst das, als wäre nicht eigentlich er derjenige, der sich glücklich schätzen darf, mich kennenzulernen, aber ich bin der gute Joe. Der gesellige Joe. Ich frage ihn, ob er der Besitzer des Baumarkts ist, als müsse man ihm diese Frage stellen, und die Kellnerin bringt Kaffee – er musste ihn nicht mal bestellen –, und er nickt. »Klar, Kumpel.«

Ihr drei tratscht über irgendeinen Typen, mit dem ihr auf der Highschool wart und der kürzlich betrunken am Steuer erwischt wurde. Du lässt mich außen vor, und ich habe keine gemeinsame Vergangenheit mit dir, und es ist unter deiner Würde, deine Freunde zu benutzen, um mir die kalte Schulter zu zeigen. Ich sitze hier wie ein stummer Mönch und sollte nach draußen gehen und die verfickten Slater, Ushkin, Graham und Powell anrufen und eine Sammelklage gegen Marta Kauffman u. a. einreichen, weil sie Friends gemacht haben, und diese Serie ist nämlich der Grund dafür, dass wir jetzt in diesem Schlamassel stecken. Bei einer Serie wie Cedar Cove ist Liebe das Ziel. Man sieht sie sich an, weil man unbedingt möchte, dass Jack und Olivia zusammenkommen. Aber bei Friends ist alles ein Insiderwitz. Man bekommt das Gehirn gewaschen, bis man denkt, dass Freundschaft wertvoller ist als Liebe und dass, wenn es um Menschen geht, alt grundsätzlich besser ist als neu.

Ich klatsche Ketchup auf meine Pommes, und du greifst auf meinen Teller, stellst die Intimität zwischen uns wieder her. »Ist das okay?«

Ich nicke. »Greif zu.«

Seamus rümpft die Nase. »Keine Pommes für mich«, prahlt er. »Ich lege nachher noch einen Murph ein. Willst du mitmachen, Neuer?«

Ich tupfe mir die Mundwinkel mit einer Serviette ab. »Was ist ein Murph?«

Melanda grapscht sich ihr Handy, und Seamus »klärt mich auf« über die Wunder des CrossFits, erläutert mir, dass ein Murph meine Körpertransformation ankurbeln wird. »Ich habe jetzt mehr Muskelmasse als auf der Highschool, und in einigen Monaten … maximal sechs … könntest du das auch haben, Neuer, wenn du mit einsteigst.«

Melanda ist geistig vollkommen abwesend, und du isst meine Pommes nicht mehr. Deine Aufmerksamkeit gilt ihm, und du wackelst mit dem Kopf, als wäre Fitnesstraining ein Thema, für das du dich interessierst – ist es aber nicht –, und genau aus diesem Grund lädt man zu seinem verdammten ersten Date keine Freunde ein, Mary Kay.

Du haust mit der Faust auf den Tisch. »Moment mal«, sagst du. »Wir müssen über Kendall sprechen.«

Melanda unterbricht dich. »Nein, wir müssen über meine Queen reden. Shiv

Ich öffne den Mund. »Wer ist Shiv?«

Seamus lacht. »Hast du noch nie Succession gesehen? Also bitte, Neuer. Du hast doch keinen Job. Du hast alle Zeit der Welt!«

Du legst los und schwärmst von Kendall, und Kendall ist ein blöder Name und klingt wie Ken-Puppe. Es macht keinen Spaß, wenn sich drei Leute über eine Serie unterhalten, die der Vierte nie gesehen hat. Du greifst nach einer Fritte, und deine Hand verweilt auf meinem Teller, und ich kann dir nicht länger böse sein.

»Hey, Leute«, sage ich. »Kennt jemand von euch den Film Gloria – Das Leben wartet nicht

Keiner von euch kennt Gloria, und Seamus ist nicht begeistert – klingt nach einem Frauenfilm –, und Melanda schaltet ab – auf meiner To-Do-Liste ist kein Platz mehr –, und du lächelst. »Wer hat Regie geführt?«

»Dieser Chilene«, antworte ich. »Sebastián Lelio.«

Melanda zieht eine Grimasse. »Ein männlicher Regisseur erzählt die Geschichte einer Frau … Wie entzückend.«

»Ganz deiner Meinung«, sage ich. »Aber Julianne Moore ist unglaublich. Und der Dialog ist erstklassig … das Ganze erinnert an Woody Allen.«

Melanda bläht die Nasenflügel. »Okay«, sagt sie. »Ich glaube, das war mein Stichwort.«

Du verkrampfst dich, und sie signalisiert, dass sie zahlen möchte, und ich werde das in Ordnung bringen. Schnell. »Hey«, sage ich. »Damit meinte ich nur, dass es ein kluger Film ist.«

Melanda sieht mich nicht an. »Ich kann weder Woody Allen noch seine Kunst gutheißen.«

Du kramst deine Kreditkarte aus der Handtasche, und so wird es nicht mit uns enden. »Melanda, ich verteidige Woody Allen doch nicht. Ich wollte damit nur sagen, dass Gloria ein guter Film ist.«

»Und Woody Allen ist deiner Meinung nach ein Synonym für gut? Na toll. Das Privileg des weißen Mannes zum Nachtisch! Igitt, wo bleibt denn meine Rechnung?«

Du hältst dich raus, und Seamus kichert wie ein Achtklässler im Sexualkundeunterricht. »Melanda, ich glaube wirklich, dass du mich missverstanden hast.«

»Ach, wahrscheinlich funktioniert mein Frauengehirn mal wieder nicht …«

Seamus lacht, und du zeigst die Zähne. »Ach, Leute … ich bitte euch. Joe, ich glaube, in Wirklichkeit besteht das Problem darin, dass Melanda und ich früher so oft Freundinnen und Romy und Michele angeschaut haben, dass viele gute Filme an uns vorbeigegangen sind und wir das nie wieder aufgeholt haben.«

Melanda schnaubt. »Lass es gut sein, Schätzchen. Wir können gehen.«

»Hör mal«, sage ich. »Ich habe Woody Allen nur erwähnt, weil es in seinen Filmen – ungeachtet dessen, was man von ihm persönlich hält – großartige weibliche Hauptdarstellerinnen gibt. Und Julianne Moore ist in Gloria unglaublich.« Du stierst mich an, als wolltest du mir signalisieren, dass ich aufhören soll, aber ich kann jetzt nicht aufhören. »Melanda, ich glaube, dass der Film dir gefallen würde. Ich bin mir sogar sicher.«

»Na klar, du bist dir sicher. Du weißt ja sowieso alles.«

Ich halte den Kopf für alle widerwärtigen Männer dieser Welt hin – wer könnte es Melanda auch verdenken, dass sie mich als Prügelknaben benutzt? –, und du greifst nach meinen eiskalten Pommes, jetzt isst du aus Stress, und von Melanda werde ich mir bestimmt nicht die Peach-Behandlung verpassen lassen.

»Melanda«, sage ich. »Ich weiß überhaupt nicht alles. Das tut niemand.«

»Pff«, macht sie. »Und ich schon gar nicht, als Frau …« Sie schüttelt den Kopf. »Eine Bibliothekarin, die einem Kinderschänder beipflichtet. Wie nett!«

Shortus legt einen Zwanziger auf den Tisch und ergreift die Flucht, und du nimmst die Rechnung, und Melanda ist aufgestanden und doziert weiter. »Tut mir leid, manchmal reagiere ich eben leidenschaftlich.«

»Melanda«, sage ich. »Du musst dich nicht entschuldigen.«

»Ich entschuldige mich auch nicht bei dir«, entgegnet sie und macht ein Gesicht, als wolle sie sagen: Ist dieser Typ zu fassen? »Als Lehrerin weiß ich, dass man die Kunst und den Künstler nicht trennen kann. Und ich werde keinem Mann ein Loblied dafür singen, dass er die Geschichte einer Frau erzählt. Aber denk, was du willst, Neuer.« Sie lächelt dich an. »Bist du bereit, Schätzchen? Brauchst du eine Mitfahrgelegenheit?«

Du windest dich. Die Botschaft ist angekommen. »Danke«, sage ich. »Aber ich habe Lust zu laufen.«

Melanda lächelt. »Das würde ich auch tun, wenn ich so viele Kohlenhydrate gegessen hätte.«

Du wirfst mir einen Blick zu, aber was sollst du machen? Sie ist deine Freundin, deine alte Freundin, und du steigst mit ihr ins Auto, und ich gehe zu Fuß. In der Hölle. Ich habe meinen Initiationsritus versaut, und als ich in der Bibliothek ankomme, bist du schon weg – du musst zu einer Konferenz in Poulsbo –, und ich glaube nicht, dass ich es geschafft habe, in deine gemischtgeschlechtliche Verbindung aufgenommen zu werden.

Am Ende meiner Schicht peile ich die Lage und poste eine Seite mit einer Diner-Szene aus Empire Falls – Schicksal einer Stadt, und zwei Minuten später …

@LadyMaryKay gefällt dein Foto.

Okay, du würdest es nicht liken, wenn du mich nicht mehr mögen würdest, und selbstverständlich magst du mich. Wir haben unsre Bücher und die Leute in dieser Buchhandlung in Brooklyn haben recht. Books Are Magic. Wir sind magisch. Du schickst mir eine Nachricht.

Du: Hat dir das Mittagessen Spaß gemacht?:)

Ich weiß, dass es als unhöflich gilt, auf eine Textnachricht mit einem Anruf zu antworten, aber es ist auch rücksichtslos, einen Mann einem Initiationsritus zu unterziehen, bevor man Sex mit ihm hatte. Ich gehe nach draußen. Ich rufe dich an.

Beim ersten Klingeln gehst du ran. »Na, hallo du!«

»Ist es gerade ungünstig?«

»Ich bin eben nach Hause gekommen, aber ich habe noch einen Moment Zeit … Was gibts? Alles okay?«

»Also, das wollte ich dich eigentlich fragen …«

»Du meinst wegen des Mittagessens? Ach Joe, Melanda lebt, um zu diskutieren, und sie mochte dich, sie mochte dich wirklich.«

Meine Muskeln entspannen sich. »Puh, für einen Moment hatte ich den Eindruck, dass dem nicht so war … Aber wenn du sagst, dass alles in Ordnung ist …«

»Ernsthaft, Joe. Du hast dich gut geschlagen. Melanda … Also, klar, sie regt sich manchmal furchtbar auf. Aber sie ist eben recht leidenschaftlich, ziemlich klug, und du weißt schon …«

Deine Tochter ist zu Hause. Ich höre Schranktüren knallen, und du sagst, du solltest jetzt besser Schluss machen, und ich tue das Richtige. Ich lasse dich ziehen. Einen Moment lang erwäge ich, zu deinem Haus zu gehen. Aber wenn ich dorthin gehe und dich ausspioniere, laufe ich Gefahr, von wichtigtuerischen Nachbarn entdeckt zu werden, die dich womöglich »warnen« würden, dass sich ein »merkwürdiger Mann« vor deinem Haus herumtreibt. (Liebes Bainbridge: Hast du kein eigenes Leben?) Mit dir soll es anders sein, Mary Kay. Ich sollte bei dir anders sein. Wenn ich dich aus der Ferne beobachte, dann verwandle ich mich von einem Menschen, der zu deinem Leben gehört, in jemanden, der von außen zusieht. Das möchte ich nicht für uns, und ich weiß, dass du das auch nicht willst.

Ich tue das Richtige und gehe nach Hause, aber ich fühle mich in meinem Zuhause nicht zu Hause, denn die fäkaläugige Familie ist da draußen und wirft Säckchen in Löcher – gähn –, also mache ich mir einen Kaffee und gehe nach unten an den Ort, der mein Haus besonders macht, der Grund, warum ich diese Immobilie allen anderen vorgezogen habe. Es ist ein schallisolierter Raum. Man macht das Licht an, schließt die Tür, und das war’s. Die Welt ist vergessen. Sie können mich nicht hören, und ich kann sie nicht hören – lang leben schalldichte Orte –, und Love fand diesen Raum gruselig, als ich ihr die Bilder gezeigt habe. Sie sah gepolsterte Wände und nannte es einen Käfig. Aber du verstehst mich, Mary Kay. Du kennst dieses Haus. Als du erfahren hast, wo ich wohne, hast du gesagt, dass du wundervolle Momente in diesem Raum verbracht hast. Du kanntest die Leute, denen das Haus gehörte. Du hast Zeit hier unten verbracht, und ich atme tief ein – vielleicht atme ich gerade dich ein –, und ich muss geduldig sein. Du bist tatsächlich die Eine. Ich muss nur härter kämpfen.

Ich mache Sit-ups und schaue mir dabei ein bisschen dieses dämliche Succession an. Dein Liebling Kendall hat schlaffe Schultern und Triefaugen wie ein Basset. Jede Wette, dass er noch nie Diese gottverdammten Träume, also den Roman zur Serie, gelesen hat, und Letzte Nacht erst recht nicht, das ist ein Buch, das ebenfalls zur Auswahl für Die Leisen in der Bibliothek gehört. Allmählich fangen die Endorphine an zu wirken – Shortus hat zumindest in einigen Punkten recht gehabt –, und ich möchte Marta Kauffman jetzt nicht mehr verklagen. Ich möchte ihr sogar Blumen schicken, weil sie und ihre Friends uns ebenfalls gelehrt haben, dass echte Beziehungen Zeit brauchen, dass man manchmal mit der falschen Person ein Baby macht, sich manchmal in die falsche Person verliebt, aber früher oder später doch mit der Richtigen zusammenkommt.

Mit dir.

4

Es ist zwei Tage her, seitdem du mir mit deinen Verbindungs-Kumpanen aufgelauert hast, und ich habe dich nicht »gestalkt«. Ich war brav. Ich habe gegen alle meine Instinkte gehandelt und bin in CrossFit eingestiegen, um mich mit Shortus gut zu stellen (sprich: Um ein Auge auf den Sack zu haben, sicher ist sicher) und ich gebe es zu, Mary Kay. Ich habe mir durchaus ein paar kritische Gedanken über dich gemacht. Diese jugendlich-cliquenhafte Seite an dir ist nicht gerade ideal. Du bist eine Frau. Ein Master der Bibliothekswissenschaft. Aber du versteckst dich schon dein ganzes Leben lang an dem verdammten Ende der Welt. Ich reiße das Schild von einem brandneuen schwarzen Kaschmirpullover ab – mein Geschenk für dich, für uns –, und heute Abend wirst du das Licht sehen.

Wir sind verabredet, ihr Arschlöcher!

Du warst so süß, als du mich gefragt hast, ob ich mit dir ausgehe. Du hast gerade einen Aufkleber auf Dolly Carton geklebt, und ich habe mich heruntergebeugt, um mir den Aufkleber anzusehen – DIE ZUKUNFT IST WEIBLICH –, und du bliebst unten, nah bei mir. Ich habe mich noch dichter zu dir gebeugt. »Hast du die Erlaubnis dazu eingeholt, Ms Carton so zu verunstalten?«

Du hast dich taumelnd aufgerichtet und deinen Rock glatt gestrichen. »Haha«, hast du gesagt. Du hast auf dein Handy geschaut. »Ich sollte jetzt besser gehen. Heute Abend habe ich ein Buchclub-Treffen in der Weinbar …« Ich lächelte – oh Bainbridge, du musst dir unbedingt Cocktail ansehen –, und du wolltest, dass ich weiß, wo du hingehen wirst. »Im Eleven, also der Weinstube«, hast du gesagt, und du warst so verdammt nervös, so verdammt süß. »Aber bis zehn sind wir dort fertig.«

Du hast mir zum Abschied gewunken und dich dann an den Schenkeln gekratzt und meine Aufmerksamkeit auf deine Beine gelenkt.

Deine Einladung ist bei mir angekommen, Mary Kay, und meine Antwort lautet klar, sprich: ja. Ich warte auf dich gegenüber vom Eleven in einem etwas nach hinten versetzten Minimarkt, und endlich geht dein Buchclub zu Ende – mit Kreditkarten und Umarmungen, falschen Versprechungen, dass man sich unbedingt bald mal treffen sollte, und warum belügt ihr Frauen euch so oft gegenseitig? Ich schleiche einmal heimlich um den Block – und ich gehe langsamer –, und du siehst mich.

»Joe? Bist du das?«

Verkehrswidrig überquerst du die Straße – es ist kein RIP Fincher da, der Strafzettel verteilen könnte –, und ich komme dir auf halbem Weg entgegen, across the sky. Umarmen wir uns? Wir umarmen uns nicht. Ich nicke in Richtung der Bar, die ich für uns ausgesucht habe, keine dämliche Weinstube, sondern ein Pub. »Komm«, sage ich. »Ein Drink.«

Du schiebst deine Handtasche zurecht. »Ich sollte lieber nach Hause gehen. Wir haben heute überzogen.«

Ich habe mit ein wenig Widerstand gerechnet und weiß alles über deine Solltebesser-Störung. Shel Silverstein sollte besser ein Lied über Solltebesser schreiben und das weibliche Bedürfnis danach, ständig zu bekunden, dass euch durchaus bewusst ist, was eine anständige Frau in der jeweiligen Situation tun würde. Aber du zögerst immer noch, und was zum Teufel gibt es da zu überlegen? Du bist meine Nachbarin. Du wohnst gleich um die Ecke, und der Pub ist gleich um die Ecke, und deine Tochter ist nicht sechs Jahre alt, es gibt keinen Babysitter, den man ablösen müsste – und deine Schultern sind verkrampft und verkrampfen sich immer ...

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