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YOU – Du wirst mich lieben

CAROLINE KEPNES

YOU

Du wirst mich lieben

Roman

Ins Deutsche übertragen von
Katrin Reichardt

Zu diesem Buch

Es wird dir so leidtun, wenn du erkennst, was ich deinetwegen tun musste. Doch keine Sorge: Ich bereue nichts.

Als die angehende Schriftstellerin Guinevere Beck die Buchhandlung betritt, in der Joe Goldberg arbeitet, ist dieser augenblicklich hingerissen von ihr. Beck ist die perfekte Frau: wunderschön, clever und so sexy. Als sie ihren Einkauf mit ihrer Kreditkarte bezahlt, macht Joe das, was jeder normale Mensch in dieser Situation tun würde: Er googelt ihren Namen. Beck hat einen öffentlichen Facebook-Account, und sie twittert ununterbrochen. Kinderleicht findet Joe heraus, dass sie an der Brown University studiert, in der Bank Street wohnt und sich an diesem Abend mit ihren Freundinnen in einer Bar treffen wird – die perfekte Gelegenheit für ihn, sie »zufällig« wiederzusehen und mit ihr ins Gespräch zu kommen! Ohne dass Beck es bemerkt, beginnt Joe, ihr Leben in die Hand zu nehmen. Stück für Stück zerstört er ihre Welt – und treibt sie dadurch auf direktem Weg in seine offenen Arme. Bald kann Beck gar nicht anders, als sich in den seltsamen, aber irgendwie charismatischen Typen zu verlieben, der wie für sie gemacht scheint. Nicht ahnend, dass Joe systematisch alle Hindernisse aus dem Weg räumt, die sich zwischen sie drängen könnten – und dabei auch nicht vor Mord zurückschreckt.

Für dich, Dad.

»First of the day, God willing, see you tomorrow.«

Harold Samuel Kepnes

29. Januar 1947 – 13. November 2012

1

Du betrittst die Buchhandlung, und dabei hältst du die Eingangstür fest, damit sie nicht laut zuschlägt. Du lächelst, weil es dir peinlich ist, so ein nettes Mädchen zu sein, und deine Nägel sind unlackiert, und dein Sweater mit V-Ausschnitt ist beige, und es lässt sich unmöglich erkennen, ob du einen BH trägst, aber ich glaube, du trägst keinen. Du bist so sauber, dass du schon wieder schmutzig wirkst, und murmelnd sagst du das erste Wort zu mir – Hallo –, gehst nicht wie die meisten anderen einfach an mir vorbei, nein, nicht du, in deiner weiten pinkfarbenen Jeans, Schweinchenrosa wie aus Wilbur und Charlotte entsprungen. Wo kamst du überhaupt her?

Du bist klassisch und kompakt, meine eigene kleine Natalie Portman am Ende von Hautnah, wenn ihr Gesicht frisch strahlt und sie fertig ist mit den britischen Kerlen und nach Hause zurückkehrt, nach Amerika. Du bist zu mir nach Hause gekommen, endlich eingetroffen, an einem Dienstag um zehn Uhr sechs. Tag für Tag pendle ich von meiner Wohnung in Bedford-Stuyvesant zu dieser Buchhandlung an der Lower East Side. Tag für Tag schließe ich abends den Laden, ohne jemanden wie dich gefunden zu haben. Doch heute bist du gekommen, wurdest hineingeboren in meine Welt. Ich zittere und würde gern eine Ativan nehmen, aber die Pillen sind unten im Keller, und ich will eigentlich keine Ativan nehmen. Ich will mich nicht beruhigen. Ich will hier sein, mit vollem Bewusstsein, dir dabei zusehen, wie du an deinen farblosen Nägeln kaust und den Kopf nach links wendest, nein, am kleinen Finger knabberst, die Augen weit öffnest, nach rechts blickst, nein, kein Interesse an Biografien hast, oder an Selbsthilferatgebern (Gott sei Dank), und deine Schritte schließlich verlangsamst – bei der Belletristik.

Ja.

Ich lasse zu, dass du zwischen den Regalen verschwindest – Romane, Abschnitt F–K. Du bist aber nicht die übliche verunsicherte Nymphe auf der Suche nach Faulkner, dessen Buch du niemals zu Ende lesen, nicht mal beginnen wirst. Faulkner, der auf deinem Nachttisch hart werden und verknöchern würde – wenn Bücher verknöchern könnten. Faulkner, der nur dazu gedacht ist, One-Night-Stands davon zu überzeugen, dass du es wirklich ernst meinst, wenn du beteuerst, solche Dinge sonst niemals zu tun. Nein, du bist nicht wie diese Mädchen. Du benutzt Faulkner nicht als Requisit, und deine Jeans sind weit, und du bist zu gebräunt für Stephen King und zu wenig trendbewusst für Heidi Julavits, aber wen, wen wirst du kaufen? Du niest, laut, und ich stelle mir vor, wie laut du wirst, wenn du beim Orgasmus schreist.

»Gesundheit!«

Du kicherst und erwiderst prompt: »Danke, Kumpel.«

Kumpel. Du flirtest, und wäre ich einer von diesen Vollidioten, die auf Instagram Bilder hochladen, würde ich das F-K-Schild fotografieren, eine Menge Filter darüber jagen und drunter schreiben: Oh F–K, ja, ich habe sie gefunden.

Ganz ruhig, Joe. Sie mögen es nicht, wenn ein Mann zu offensiv rangeht. Zum Glück kommt ein Kunde, und es fällt mir schwer, den vorhersehbaren Salinger in die Kasse zu scannen – andererseits fällt mir das immer schwer. Dieser Typ ist wie alt? Sechsundreißig? Und liest jetzt erst Franny und Zooey? Und seien wir doch ehrlich. Er liest es nicht. Er braucht es nur als Rechtfertigung für die Dan Browns weiter unten in seinem Korb. Bei der Arbeit in einer Buchhandlung lernt man, dass sich die meisten Menschen dafür schämen, wie sie wirklich sind. Ich packe den Dan Brown zuerst ein, als wäre er ein Kinderporno, und erkläre dem Kerl, dass Franny und Zooey genial ist. Er nickt, und du stehst immer noch vor F–K, ich kann deinen beigen Sweater durch die Stapel hindurch sehen, wenn auch undeutlich. Falls du dich noch ein wenig mehr reckst, werde ich deinen Bauch zu Gesicht bekommen. Aber das tust du nicht. Du nimmst dir ein Buch und setzt dich in den Gang, und vielleicht wirst du den ganzen Abend dort bleiben. Vielleicht wird es so kommen, wie in dem Natalie-Portman-Film Wo dein Herz schlägt, eine unglaubwürdige Adaption von Billie Letts Buch – und trotzdem für diesen Mist gar nicht schlecht. Dann finde ich dich dort mitten in der Nacht. Nur wirst du nicht schwanger sein und ich nicht die treuherzige Männerfigur aus dem Film. Ich werde mich zu dir beugen und sagen »Entschuldigung, Miss, aber wir haben geschlossen«, und du wirst zu mir aufschauen und lächeln. »Ich bin nicht verschlossen.« Ein Atemzug. »Ich bin für alles offen, Kumpel.«

»Hey«, zischt Salinger-Brown. Er ist noch da? Er ist noch da. »Kann ich den Kassenzettel haben?«

»Entschuldigung.«

Er reißt mir den Beleg aus der Hand. Er hasst nicht mich. Er hasst sich selbst. Hätten die Menschen ihren Selbsthass besser im Griff, wäre im Kundenservice vieles einfacher.

»Hey, Kleiner, weißt du was? Reiß dich mal ein bisschen zusammen. Du arbeitest in einer Buchhandlung. Du machst die Bücher nicht. Du schreibst die Bücher auch nicht. Und wenn du das Bücherlesen einigermaßen draufhättest, würdest du wahrscheinlich kaum in einer Buchhandlung arbeiten. Also spar dir deine abschätzigen Blicke und wünsch mir gefälligst einen schönen Tag.«

Der Kerl kann zu mir sagen, was immer er will. Er bleibt trotzdem der Typ, der sich dafür schämt, Dan Brown zu kaufen. Du hast den Vollidioten auch gehört und tauchst wieder neben dem Regal auf, mit deinem intimen Portman-Lächeln. Ich seh dich an. Du siehst ihn an, und er sieht mich noch immer an und wartet.

»Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag, Sir«, sage ich, und er weiß, dass ich es nicht ernst meine, und ärgert sich darüber, wie viel es ihm bedeutet, Plattitüden von einem völlig Fremden zu hören. Als er weg ist, rufe ich ihm, weil du zuhörst, hinterher: »Viel Spaß mit Dan Brown, Arschloch.«

Du kommst zu mir herüber, lachst, und glücklicherweise ist es noch früh am Morgen, und bei uns ist morgens nie viel los. Niemand wird uns stören. Du stellst deinen Korb mit Büchern auf die Theke und sagst frech: »Willst du mich jetzt auch abschätzig mustern?«

»Was für ein Arsch, oder?«

»Ach, wahrscheinlich hat er nur schlechte Laune.«

Du bist ein Schatz. Du siehst das Gute in den Menschen. Du bist mein Gegenstück.

»Na«, sage ich, doch ich sollte die Klappe halten, und ich möchte eigentlich auch die Klappe halten, aber deinetwegen will ich weiterreden. »Wegen Typen wie diesem ist es schade, dass die Blockbuster-Kette dichtgemacht hat.«

Du siehst mich an. Du bist neugierig, und ich will mehr über dich erfahren, aber ich kann nicht direkt fragen, deshalb rede ich einfach weiter.

»Die Leute nehmen sich doch ständig vor, ihr Leben zu verbessern, fünf Pfund zu verlieren, fünf Bücher zu lesen, ins Museum zu gehen, ein Klassikalbum zu kaufen – und zu mögen. Aber in Wirklichkeit wollen sie Donuts essen, Magazine lesen und Popmusik kaufen. Und Bücher? Bücher kann man vergessen. Die kaufen sich lieber einen Kindle. Weißt du, warum der Kindle so erfolgreich ist?«

Du lachst und schüttelst den Kopf, und du hörst mir noch immer zu, obwohl wir den Punkt erreicht haben, an dem die meisten anderen Leute schon das Interesse verloren hätten und mit ihrem Telefon spielen würden. Du bist hübsch, und du fragst: »Warum?«

»Ich verrate dir, warum. Das Internet hat uns die Pornos ins Haus gebracht –«

Ich habe gerade Pornos gesagt, wie blöd, aber du hörst immer noch zu. Wie lieb.

»Man muss nicht mehr vor die Tür gehen, um sie sich zu besorgen. Man muss nicht mehr Augenkontakt mit dem Typen im Laden aufnehmen, der dann wüsste, dass es einem gefällt, dabei zuzusehen, wie Mädchen den Hintern versohlt bekommen. Der Augenkontakt ist das, was uns zivilisiert bleiben lässt.«

Deine Augen sehen wie Mandeln aus, und ich rede weiter. »Wir offenbaren uns durch ihn.«

Du trägst keinen Ehering, und ich rede weiter. »Er macht uns menschlich.«

Du bist geduldig, und ich sollte endlich den Mund halten, aber ich kann es nicht. »Und der Kindle, der nimmt dem Lesen all seine Integrität, genauso, wie es das Internet mit der Pornografie gemacht hat. Es gibt keine Kontrollmechanismen mehr. Plötzlich kann man Dan Brown in der Öffentlichkeit oder privat lesen. Das ist das Ende der Zivilisation. Aber –«

»Es gibt doch immer ein Aber«, sagst du, und ich könnte wetten, dass du aus einer großen Familie gesunder, liebevoller Menschen stammst, die sich oft umarmen und am Lagerfeuer Lieder singen.

»Aber nachdem es keine Geschäfte mehr gibt, in denen man Filme oder Musik kaufen kann, bleiben eben nur noch die Bücher. Ohne die Videoläden gibt es auch keine Filmfreaks mehr, die dort arbeiten und aus Tarantino-Filmen zitieren und sich mit dir über Dario Argentos Werke streiten und Kunden hassen, die sich Meg-Ryan-Filme ausleihen. Dieser Vorgang, die Interaktion zwischen Verkäufer und Käufer, ist der wichtigste zwischenmenschliche Austausch überhaupt. Wenn wir diese Wechselwirkung einfach ersatzlos abschaffen, müssen wir uns nicht wundern, wenn alles zusammenbricht. Verstehst du?«

Ich weiß nicht, ob du es verstehst, aber du sagst nicht, wie manchmal andere Leute, ich solle still sein. Du nickst. »Hmm.«

»Weißt du, die Plattenläden waren so etwas wie große Gleichrichter. Sie haben den Musikfreaks Macht verliehen. ›Was, Sie kaufen tatsächlich Taylor Swift?‹, lästerten sie, obwohl sich diese Freaks zu Hause auf Taylor Swift einen runterholten.«

Hör auf, dauernd Taylor Swift zu sagen. Lachst du über mich oder mit mir?

»Wie dem auch sei«, sage ich – und ich werde aufhören zu reden, wenn du sagst, dass ich es soll.

»Wie dem auch sei«, sagst du – und willst das Ende meiner Ausführungen hören.

»Worauf ich hinauswill: Einkaufen gehört zu den wenigen ehrlichen Dingen, die wir tun. Dieser Typ war weder wegen Dan Brown hier noch wegen Salinger. Er war hier, um die Beichte abzulegen.«

»Bist du ein Priester?«

»Nein. Ich bin eine Kirche.«

»Amen.«

Du betrachtest deinen Korb, und ich quassele wie ein verschrobener Eigenbrötler und blicke ebenfalls in deinen Korb. Dein Telefon. Du siehst es nicht, ich aber schon. Die Schale ist gesprungen. Es steckt in einer gelben Schutzhülle. Das bedeutet, dass du dich erst dann um dich selbst kümmerst, wenn es unumgänglich wird. Ich wette, du nimmst am dritten Tag einer Erkältung Zink ein. Ich halte dein Handy hoch und versuche, einen Witz anzubringen.

»Hast du das gerade diesem Typen gestohlen?«

Du nimmst dein Telefon, und du errötest. »Ich und mein Telefon …«, sagst du. »Ich bin eine schlechte Mami.«

Mami. Du bist versaut, o ja.

»I wo.«

Du lächelst, und du trägst eindeutig keinen BH. Du holst die Bücher aus dem Korb und stellst den Korb auf den Boden und siehst mich so an, als bestünde tatsächlich die Chance, dass ich jemals etwas, das du tust, nicht gutheißen könnte. Deine Brustwarzen treten hervor. Du verdeckst sie nicht. Du bemerkst die Twizzlers-Lakritzstangen, die ich auf der Ladentheke platziert habe. Du zeigst auf sie, hungrig. »Darf ich?«

»Ja«, sage ich und füttere dich auch schon. Ich nehme dein erstes Buch in die Hand, Impossible Vacation von Spalding Gray. »Interessant«, sage ich. »Die meisten kaufen seine Monologe. Das ist ein tolles Buch, aber keins, das oft gekauft wird, schon gar nicht von jungen Frauen, die, im Gegensatz zum Autor, keine Selbstmordgedanken zu hegen scheinen.«

»Weißt du, manchmal hat man einfach Lust auf etwas Finsteres.«

»Ja«, antworte ich. »Oh ja.«

Wären wir Teenager, könnte ich dich küssen. Aber ich stehe auf einem Podest hinter einer Ladentheke und trage ein Namensschild. Und wir sind zu alt, um jung zu sein. Was nachts noch verführerisch wirkt, verliert am Morgen seine Faszination, und durch die Fenster fällt helles Tageslicht. Sollte es in Buchläden nicht eigentlich dunkel sein?

Merken: Mr Mooney sagen, er soll Fensterläden anbringen. Oder Vorhänge. Irgendwas.

Ich nehme mir dein zweites Buch, Was am Ende bleibt von Paula Fox, einer meiner Lieblingsautorinnen. Ein gutes Zeichen, aber du könntest es auch kaufen, weil du in irgendeinem dämlichen Blog gelesen hast, dass sie Courtney Loves biologische Großmutter ist. Ich kann mir nicht sicher sein, dass du Paula Fox kaufst, weil du auf die einzig richtige Art auf sie gestoßen bist, nämlich durch einen Essay von Jonathan Franzen.

Du greifst in deine Geldbörse. »Sie ist klasse, oder? Ärgerlich, dass sie nicht bekannter ist, obwohl Franzen doch so von ihr schwärmt.«

Gott sei Dank. Ich lächle. »Die Westküste.«

Du senkst den Blick. »Die kenne ich noch nicht.« Ich sehe dich an, während du defensiv die Hände hebst. »Erschieß mich nicht gleich.« Du kicherst, und ich wünschte, deine Brustwarzen wären noch immer steif. »Eines Tages werde ich Die Westküste auch noch lesen. Was am Ende bleibt hab ich schon unzählige Male durch. Dies hier ist für einen Freund.«

»Aha«, sage ich, und rote Warnleuchten blinken in meinem Kopf. Für einen Freund.

»Wahrscheinlich ist es müßig. Er wird es sowieso nicht lesen. Aber zumindest hat sie so wieder ein Buch verkauft, nicht?«

»Richtig.« Und ich will ihn zu Brei schlagen, vielleicht ist er dein Bruder oder dein Vater oder ein schwuler Nachbar, aber trotzdem ist er ein Freund, und ich hacke auf den Taschenrechner ein.

»Das macht einunddreißig einundfünfzig.«

»Ach herrje. Siehst du, darum sind Kindles so beliebt«, sagst du, während du in deinen schweinchenrosa Geldbeutel greifst und deine Kreditkarte zückst, obwohl du genug Bargeld dabei hast, um zu bezahlen. Du willst, dass ich deinen Namen erfahre, doch ich bin nicht begriffsstutzig und ziehe deine Karte durch das Gerät, und die Stille zwischen uns wird immer lauter, und warum lasse ich heute im Laden keine Musik laufen? Mir fällt nichts ein, was ich sagen könnte. Du hast keinen festen Freund. Hättest du einen, wäre deine Paula Fox auch seine Paula Fox.

»So.« Ich reiche dir den Kartenbeleg.

»Danke«, murmelst du. »Das ist ein toller Laden.«

Du unterschreibst, und du bist Guinevere Beck. Dein Name ist ein Gedicht, aber deine Eltern sind Idioten, höchstwahrscheinlich, so wie alle Eltern. Guinevere. Also bitte.

»Vielen Dank, Guinevere.«

»Man nennt mich eigentlich nur Beck. Guinevere ist doch ein bisschen lang und albern.«

»Also, Beck, ich muss sagen, in Wirklichkeit siehst du anders aus. Und dein Midnite-Vultures-Album finde ich klasse.«

Du nimmst die Tüte mit deinen Büchern und unterbrichst unseren Blickkontakt nicht, weil du willst, dass ich sehe, dass du mich siehst. »Du sagst es, Goldberg.«

»Ach, man nennt mich eigentlich nur Joe. Goldberg ist doch ein bisschen lang und albern.«

Wir lachen, und du wolltest meinen Namen so dringend erfahren wie ich deinen, sonst hättest du nicht mein Namensschild gelesen. »Bist du sicher, dass du dir, wo du schon mal hier bist, nicht doch noch Die Westküste mitnehmen willst?«

»Das mag jetzt etwas verrückt klingen, aber ich hebe mir das Buch für später auf. Es steht auf meiner Liste fürs Altersheim.«

»Du meinst, du führst eine Liste der Dinge, die du bis zu deinem Lebensende getan haben willst?«

»Oh, nein nein, das ist was völlig anderes. Auf dieser Liste stehen Dinge, die ich später im Altersheim lesen oder ansehen möchte. Auf die Liste der Dinge, die man vor seinem Tod erlebt haben will, gehören eher solche Sachen wie nach Nigeria reisen oder aus einem Flugzeug springen. Auf meiner Altersheimliste steht beispielsweise Die Westküste lesen, Pulp Fiction ansehen oder das neuste Daft-Punk-Album hören.«

»Ich kann mir dich nicht in einem Altersheim vorstellen.«

Du errötest. Du bist die Personifikation von Charlottes Web, und ich könnte dich lieben. »Willst du mir nicht einen schönen Tag wünschen?«

»Noch einen schönen Tag, Beck.«

Du lächelst. »Danke, Joe.«

Du bist nicht der Bücher wegen gekommen, Beck. Du hättest meinen Namen nicht aussprechen müssen. Du hättest nicht lächeln oder zuhören oder mich an dich heranlassen müssen. Aber das hast du getan. Deine Unterschrift ist auf dem Kartenbeleg. Das hier war weder ein Zahlvorgang noch eine Lastschrift. Es war real. Ich drücke meinen Daumen auf deine noch feuchte Unterschrift, und die Tinte von Guinevere Beck färbt meine Haut.

2

Ich habe E. E. Cummings auf die gleiche Art entdeckt, wie die meisten empfindsamen, intelligenten Männer meines Alters auf E. E. Cummings stoßen: über eine der romantischsten Szenen in Hannah und ihre Schwestern, einer der romantischsten Liebesgeschichten aller Zeiten, in der sich ein intelligenter, kultivierter, verheirateter New Yorker namens Elliot (Michael Caine) in seine Schwägerin (Barbara Hershey) verliebt. Er muss auf der Hut sein. Er kann sich ihr nicht einfach zwanglos offenbaren. Er wartet in der Nähe ihrer Wohnung auf sie und fingiert einen Zusammenprall. Die Liebe nimmt ihren Lauf. Sie ist überrascht, ihn zu treffen, und sie nimmt ihn mit in die Pegeant Buchhandlung – erkennst du das Muster? –, wo er ihr eine Ausgabe von E. E.-Cummings-Gedichten kauft und sie bittet, das Gedicht auf Seite 112 zu lesen.

Sie sitzt allein im Bett und liest das Gedicht, während er allein in seinem Badezimmer steht und an sie denkt. Im Hintergrund hört man sie laut lesen.

Dieses Gedicht, Beck. Das ist einfach unglaublich. Es hat mich auf die Art Gefühle, die ich nun für dich hege, vorbereitet. Für dich wache ich am Morgen auf. Tag für Tag beobachte ich dich und lerne etwas über dich. Ich fühle mich dem Gedicht auf Seite 112 viel näher. Du erfüllst meine Tage mit Sinn. Ich liebe es, dir zuzusehen, meine Liebe. Du legst mit deinen kleinen Händen Hand an dich, wenn du in Stimmung bist, und du bist recht oft in Stimmung, was mich wieder an eine witzige Szene aus Hannah und ihre Schwestern erinnert, in der Mia Farrow Woody Allen damit aufzieht, dass er sich durch exzessive Masturbation zugrunde gerichtet hätte. Dir dagegen geht es, hoffentlich, gut.

Das Problem mit unserer Gesellschaft ist, dass jeder Normalmensch, der von uns erführe – von dir, wie du, allein, drei Mal pro Nacht zum Orgasmus kommst, und von mir, der ich dich von der Straße aus dabei beobachte, wie du, allein, zum Orgasmus kommst –, höchstwahrscheinlich behaupten würde, ich sei irre. Na, aber es ist kein Geheimnis, dass die meisten Menschen verdammte Idioten sind. Die meisten Menschen stehen auf billige Krimis und haben noch nie von Paula Fox oder Hannah gehört. Also, mal ehrlich, Beck, die meisten Menschen können uns doch gestohlen bleiben, oder?

Außerdem gefällt mir, dass du dich selbst um deine Bedürfnisse kümmerst und dein Zuhause und deine Muschi nicht mit einer Vielzahl inadäquater Männerbekanntschaften füllst. Du bist die Antwort auf jeden banalen und reduktiven Artikel über die sogenannte Dating-Kultur. Du hast gewisse Ansprüche, und du bist Guinevere, wartest wie in einer Liebesgeschichte auf den einen, und ich wette, dass du in deinen Träumen den Einen groß schreibst. Wenn du von mir träumst. Alle wollen immer alles sofort, aber du kannst warten dank deiner kleinen Hände.

Dein Name war ein hervorragender Ausgangspunkt. Zu unserem Glück gibt es auf der Welt nicht viele Guinevere Becks – sondern nur eine. Zuerst musste ich dein Zuhause finden, und das Internet ist wie für die Liebe geschaffen. Es gab mir so viel von dir, Beck, dein Twitter-Profil:

Guinevere Beck

@TheUnRealBeck

Ich habe noch nie einen Gedanken unausgesprochen gelassen. Ich schreibe Geschichten. Ich lese Geschichten. Ich spreche mit Fremden. Mein altes Zuhause Nantucket bleibt mein Kumpel, aber mein neues Zuhause New York ist meine wilde Freundin.

Deine aufschlussreichen Kurzbiografien bei diversen Onlinejournalen, die deine Blogs (vielleicht könnte man sie auch als Essays bezeichnen) und deine kaum verhohlenen Tagebucheinträge (vielleicht könnte man sie auch als Kurzgeschichten bezeichnen) und deine Gedichte, die du manchmal verfasst, veröffentlichen, lassen ein deutliches Bild von dir entstehen. Du bist Schriftstellerin, geboren und aufgewachsen auf Nantucket, und du witzelst gern über die Inzucht auf der Insel (deren Produkt du nicht bist), übers Segeln (du hast furchtbare Angst vor Booten) und über Alkoholismus (dein Vater ist an der Trunksucht gestorben, darum schreibst du sehr viel über diese Erfahrung). Du und deine Familie, ihr steht euch nahe, aber nicht zu nahe. Du weißt nicht recht, wie du das Leben hier anpacken sollst, in der Stadt, wo sich die Menschen nicht kennen, obwohl du doch in den vier Jahren als Studentin der Brown University schon ein bisschen üben konntest. Du hast eigentlich nur auf der Warteliste der Universität gestanden, und du bist nach wie vor sicher, dass deine Zulassung bloß ein Missverständnis war. Du isst gern Polenta und Lärabar-Fruchtriegel in der Geschmacksrichtung Cherry Pie. Du schießt keine Fotos von Nahrungsmitteln oder Konzerten, aber du bist auf Instagram aktiv (jedoch nur mit ganz alten Sachen, Bildern von deinem toten Vater, Bildern von Tagen am Strand, an die du dich unmöglich noch erinnern kannst). Du hast einen Bruder namens Clyde. Deine Eltern waren in Sachen Namenswahl wirklich Idioten. Und du hast eine Schwester namens Anya (sie waren wirklich Riesenidioten, allerdings auf eine andere Art, als ich dachte). Grundbucheinträge zeigen, dass sich euer Haus schon seit Ewigkeiten in Familienbesitz befindet. Ihr stammt von Bauern ab, und du betonst gern, dass ihr kein »Haus« auf Nantucket besitzt, sondern dass deine Familie dort ein Zuhause geschaffen hat. Eine Gegenerklärung nach der anderen, du bist wie das Warnschild auf einer Zigarettenpackung.

Anya ist durch und durch Inselbewohnerin und wird niemals von dort fortgehen. Sie ist die Jüngste, die nicht mehr vom Leben erwartet, als Spaziergänge am Strand und die klare Trennung zwischen dem Sommer und der Trostlosigkeit, die sich in vielen Touristenfallen außerhalb der Saison einstellt. Anya ist seit dem Tod eures Vaters nicht mehr ganz richtig im Kopf. In deinen Geschichten schreibst du über sie und verwandelst sie in einen kleinen Jungen oder eine alternde, blinde Frau oder, einmal, in ein verirrtes Eichhörnchen. Aber trotzdem ist klar, dass du über deine Schwester schreibst. Du beneidest sie. Wieso spürt sie nicht die schwere Last des Ehrgeizes? Du bemitleidest sie. Wie kann es sein, dass sie keinerlei Ehrgeiz verspürt?

Clyde ist der Älteste und leitet das Taxiunternehmen eurer Familie auf der Insel. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder und ist ein Vorzeigevater. Eine Lokalzeitung hat ein Foto von ihm veröffentlicht: Er ist Mitglied der freiwilligen Feuerwehr, wettergegerbt und ein Paradebeispiel des durchschnittlichen amerikanischen Mannes. Dein Vater hat das typische Vorstrafenregister eines Kleinstadttrinkers, Alkohol am Steuer und Trinken in der Öffentlichkeit, jedoch nichts Gravierenderes, wogegen dein Bruder sich zu seinem kompletten Gegenteil entwickelt hat – zu einem nüchternen, äußerst nüchternen Menschen. Wärest du die Erstgeborene gewesen, vielleicht wäre dir die Aufgabe, das Familienunternehmen zu führen, zugefallen. Doch du bist das klassische mittlere Kind und warst gut in der Schule, und schon dein ganzes Leben lang bist du »die Hoffnung« gewesen, diejenige, die es weg von der Insel schaffen kann.

Das Internet ist wundervoll, du hast eine Stunde nach unserem Treffen einen Tweet gepostet:

Ich rieche Cheeseburger. #CornerBistroMachtMichFett

Und ich kann dir sagen, für einen kurzen Augenblick geriet ich ernsthaft in Sorge. Vielleicht habe ich ja doch nicht so besonders auf dich gewirkt? Du hast mich, unser Gespräch, nicht mal erwähnt. Dazu kommt noch Ich spreche mit Fremden, die Zeile aus deiner Twitter-Biografie. Ich spreche mit Fremden. Was zum Teufel soll das, Beck? Man bringt Kindern bei, nicht mit Fremden zu sprechen, aber du bist eine Erwachsene. Oder bedeutete dir unsere Unterhaltung überhaupt nichts? Bin ich nur irgendein Fremder für dich? Steckt in deiner Twitter-Biografie ein subtiler Hinweis darauf, dass du süchtig nach Aufmerksamkeit bist und jedem Trottel andächtig lauschst, der auch nur Hallo zu dir sagt? Habe ich dir denn gar nichts bedeutet? Du erwähnst den Mann in der Buchhandlung nicht mal? Verdammt, dachte ich, vielleicht hab ich mich doch geirrt. Vielleicht war da zwischen uns nichts. Aber dann habe ich über dich nachgeforscht und gemerkt, du schreibst niemals über Dinge, die von Bedeutung sind. Du würdest mich nie mit deinen Followern teilen. Dein Onlineleben ist nur Show, weshalb die Tatsache, dass du mich nicht in deine Standup-Nummer eingebaut hast, dafür spricht, dass du mich begehrst. Vielleicht sogar mehr, als ich ahne, denn gerade ist deine Hand schon wieder auf dem Weg hinunter zu deiner Muschi.

Das Nächste, was mir das Internet geschenkt hat, war deine Adresse. Bank Street 51. Soll das ein Scherz sein? Kein quirliger Innenstadtbezirk, wo bienenfleißige, gestresste Arbeitsdrohnen hektisch aus ihren Bürogebäuden ein- und ausschwärmen. Oh nein, du wohnst in einer schicken, verschlafenen, geradezu lächerlich sicheren und teuren Gegend im West Village. Ich kann mich nicht einfach vor deinem Haus herumtreiben. Ich muss mich an all die La-di-da-Typen anpassen, die dort verkehren. Ich statte dem Secondhandladen einen Besuch ab. Ich kaufe einen Anzug (Geschäftsmann und/oder Chauffeur und/oder Gigolo), Arbeitshosen (Handwerker in der Mittagspause) sowie einen hässlichen Trainingsanzug (Arschloch, das auf seinen Luxuskörper achtet). Ich trage bei meinem ersten Besuch in deinem Viertel den Anzug, und ich fühle mich hier pudelwohl, Beck. Es ist der Inbegriff des alten New York, und fast rechne ich damit, dort Edith Wharton und Truman Capote Hand in Hand die Straße überqueren zu sehen, beide mit einem Kaffeebecher im typischen griechischen Design in der Hand und mit dem äußeren Erscheinungsbild ihrer besten Tage, als wären sie in Formaldehyd konserviert worden. Prinzessinnen leben in diesem Häuserblock, und Sid Vicious ist vor langer Zeit in diesem Häuserblock gestorben, als die Prinzessinnen schwanger waren und Manhattan noch cool. Ich bleibe auf der gegenüberliegenden Straßenseite stehen, deine Fenster sind offen (keine Vorhänge), und ich verfolge, wie du Haferflocken in eine Tupperschüssel kippst. Du bist keine Prinzessin. Dein Twitter-Account bestätigt, dass du in einer Art Wohnungslotterie gewonnen hast:

Ähm, ich will ja nicht wie @AnnaKendrick47 klingen, aber ich liebe euch wundervolle Freaks von der @BrownBiasedNYC und kann es kaum erwarten, in die Bank Street zu ziehen.

Ich setze mich und starte eine Googlesuche. Die Brownstone Biased Lottery ist ein Essaywettbewerb für Absolventen der Brown University, die für weiterführende Studien in New York eine Wohnung suchen. Das Appartment gehört schon seit Jahren der Brown-Familie (was immer das genau sein mag). Du bist Anwärterin für einen Masterabschluss in Belletristik, und so ist es kein Wunder, dass du in dieser Lotterie, die eigentlich ein Essaywettbewerb ist, gewonnen hast. Und Anna Kendrick ist eine Schauspielerin und spielt in dem Film Pitch Perfect mit, in dem es um eine Gruppe Collegegirls geht, die an A-cappella-Gesangswettbewerben teilnehmen. Du identifizierst dich mit diesem Mädchen, was absolut keinen Sinn ergibt. Ich habe mir den Film angesehen. Dieses Mädchen würde niemals ein solches Leben führen, wie du es tust.

Passanten gehen an deiner Wohnung vorbei, die im Erdgeschoss liegt, und keiner bleibt stehen, um zu dir hineinzustarren, obwohl du geradezu auf dem Präsentierteller sitzt. Deine beiden Fenster stehen weit offen, und du kannst von Glück reden, dass auf dieser Straße kaum Verkehr herrscht. Das ist wahrscheinlich die Erklärung für deine merkwürdige Auffassung von Privatsphäre. Ich komme am darauffolgenden Abend wieder, im selben Anzug (daran lässt sich leider nichts ändern), und du spazierst nackt vor den offenen Fenstern herum. Nackt! Ich beziehe wieder meinen Posten auf einer Treppe auf der gegenüberliegenden Straßenseite, aber du bemerkst mich nicht. Niemand bemerkt dich oder mich – sind hier denn alle blind?

Die Tage verstreichen, und ich werde unruhig. Du stellst dich viel zu offensiv zur Schau, und das ist nicht ungefährlich. Es muss dich nur ein einziger Irrer so sehen und beschließen, in deine Wohnung einzudringen und dich zu attackieren. Einige Tage später trage ich mein Handwerkerkostüm und male mir aus, Gitterstäbe vor deinen Fenstern anzubringen, diesen Schaukasten, den du dein Zuhause nennst, abzusichern. Ich halte deine Wohngegend durchaus für sicher, und das ist sie auch. Doch in der Stille hier schwingt auch tödliche Gefahr mit. Ich könnte wahrscheinlich mitten auf der Straße einen alten Mann erwürgen, und niemand würde sein Haus verlassen, um mich aufzuhalten.

Ich kehre im Anzug zurück (viel besser als die Handwerkerkluft) und trage zur Abwechslung eine Kappe mit Yankees-Schriftzug, die ich in einem anderen Secondhandladen entdeckt habe, nur für den Fall, dass ich dir auffalle, doch das tue ich nicht. Ein Mann, der mit dir im selben Haus wohnt, erklimmt die sehr kurze Treppe, nur drei Stufen, die zur (unverschlossenen!) Außentür führt, und diese Tür befindet sich ganz nah an deiner Wohnung. Wenn er wollte (und wer würde nicht wollen?), könnte er sich übers Treppengeländer beugen und an dein Fenster klopfen und nach dir rufen.

Ich komme am Tag, in der Nacht, und wann immer ich hier bin, stehen deine Fenster offen. Als hättest du noch nie die Abendnachrichten gesehen oder einen Horrorfilm, und ich sitze auf der Treppe des Backsteingebäudes auf der anderen Seite der schmalen, blitzblanken Straße vor deinem Haus und schütze vor, Pech für George von Paula Fox zu lesen oder Mitteilungen an meine Geschäftspartner zu schicken (Ha!) oder mit einem Freund zu telefonieren, der zu spät kommt und dem ich vernehmlich zugestehe, weitere zwanzig Minuten zu warten (das tue ich für den vermeintlichen Nachbarn, der irgendwo im Versteck lauert und den verdächtigen Kerl auf den Stufen beobachtet; ich habe eine Menge Filme gesehen). Dank deiner Offenherzigkeit erhalte ich Zugang zu deiner Welt. Ich kann, wenn der Wind günstig steht, dein Essen riechen, und ich höre mit dir Vampire Weekend, und wenn ich, vorgeblich um zu gähnen, den Kopf hebe, dann kann ich dich sehen, wie du faulenzt, gähnst, atmest. Warst du schon immer so? Ich frage mich, ob du dich in Providence auch schon so verhalten hast, als legtest du es darauf an, dass deine wenigen Nachbarn dich nackt kennenlernen, halb nackt, dass sie erleben, wie du deiner Sucht nach Mikrowellengerichten nachgehst oder lautstark masturbierst. Hoffentlich nicht. Hoffentlich steckt hinter deinen Verhaltensweisen eine Logik, die du mir zu gegebener Zeit erläutern wirst. Und immer hockst du vor deinem Computer, als wolltest du dein imaginäres Publikum auf diese Weise davon überzeugen, dass du Schriftstellerin bist, obwohl wir beide (insbesondere ich) doch wissen, was du wirklich bist: eine Selbstdarstellerin, eine Exhibitionistin.

Und die ganze Zeit über muss ich wachsam bleiben. An einem Tag gele ich mir das Haar zurück, am nächsten Tag trage ich es zerstrubbelt. Ich darf diesen Menschen, denen nie etwas auffällt, nicht auffallen. Denn wenn der Normalmensch von einem Mädchen erführe, das gern und oft nackt vor dem offenen Fenster herumtanzt, und einem verliebten Kerl, der von der anderen Straßenseite aus – diskret – dabei zusieht, würde er mich für den Verrückten halten. Dabei bist du die Verrückte. Dich bezeichnet man nur nicht als Verrückte, weil all diese Leute deine Muschi nur zu gern näher kennenlernen wollen, während ich und meine ganze Existenz deinen Nachbarn lediglich zuwider sind. Ich wohne im sechsten Stock eines Hauses ohne Fahrstuhl in Bedford-Stuyvesand. Ich habe meine Seele nicht an eine schwachsinnige Studienkreditanstalt verhökert. Ich werde unter der Hand bezahlt und besitze einen Fernseher mit Antenne. Diese Leute würden meinen Schwanz nicht mal mit der Kneifzange anfassen. Deine Muschi dagegen ist Gold wert.

Ich trinke meinen Kaffee auf der Treppe gegenüber von deinem Haus und umklammere mein zusammengerolltes Wall Street Journal. Und ich atme, und ich sehe dich an. Ich trage nie den Trainingsanzug, weil ich für dich gut aussehen möchte, Beck. Zwei Wochen vergehen, und eines Tages schleppt sich eine dickliche Matrone aus ihren vier Wänden. Ich erhebe mich, weil ich schräg bin, aber auch ein Gentleman.

»Hallo, Madam«, sage ich und biete ihr meinen Arm an.

Sie nimmt ihn. »Wird ja auch langsam Zeit, dass ihr jungen Leute lernt, wie man sich ordentlich benimmt«, krächzt sie.

»Ganz Ihrer Meinung«, sage ich, und da öffnet ihr der Fahrer ihres Wagens die Tür. Er nickt mir zu, kumpelhaft. Ich könnte ewig so weitermachen und lasse mich wieder auf meiner Treppe nieder.

Sehen die Leute deshalb so gern Realityformate im Fernsehen? Für mich ist deine Welt voller Wunder. Sehen zu können, wo du faulenzt (in Baumwollhöschen, die du en gros online bei Victoria’s Secret bestellt hast; ich habe vor einigen Tagen beobachtet, wie du das Paket aufgerissen hast) und wo du nicht schläfst (du sitzt auf der Couch und liest blödsinniges Zeug im Internet). Ich gerate ins Grübeln. Vielleicht suchst du ja nach dem attraktiven Kerl aus der Buchhandlung, ja, vielleicht. Hier sitzt du und schreibst, kerzengerade, die Haare zu einem Knoten gebunden, und du schreibst in affenartiger Geschwindigkeit, bis du es nicht mehr aushältst und du nach diesem lindgrünen Kissen greifst, demselben Kissen, das du dir auch unter den Kopf schiebst, wenn du ein Nickerchen machst, und dieses Ding bespringst wie ein Tier. Bis zur Erlösung. Meistens schläfst du danach, endlich, ein.

Und deine Wohnung ist winzig. Du hattest recht, als du auf Twitter schriebst:

Ich lebe in einem Schuhkarton, was nicht schlimm ist, weil ich keine Unsummen in Manolos investiere. @BrownBiasedNYC #Rebellin

Mein #BrownUniversity Kaffeebecher ist größer als mein Appartment. @BrownBiasedNYC #Immobilien #NYC

Es gibt keine Küche, nur eine Stelle, wo mehrere Küchengeräte zusammengedrängt stehen wie beim Ausverkauf im Möbelhaus. Doch in deinem Tweet steckt viel Wahrheit. Du hasst es hier. Du bist in einem großen Haus aufgewachsen, mit einem Garten vor und hinter dem Haus. Du magst die Weite. Darum lässt du auch die Fenster offen. Du kannst nicht mit dir selbst allein sein. Wenn du die Welt aussperren würdest, gäbe es nur noch dich.

Deine Nachbarn leben wie Kinder – Limousinen holen sie von ihren großzügigen Häusern ab und bringen sie am Ende des Tages wieder zurück –, während du in einer Unterkunft dahinvegetierst, die vielleicht für ein Hausmädchen oder einen Golden Retriever mit verstauchtem Knöchel angemessen wäre. Aber ich kann dir nicht verübeln, dass du trotzdem hier bleibst. Du und ich, wir teilen die Liebe für das West Village, und wenn ich in diese Unterkunft ziehen könnte, würde ich es auch tun, selbst wenn es bedeutete, von Klaustrophobie langsam in den Wahnsinn getrieben zu werden. Du hast dich richtig entschieden, Beck. Deine Mutter hat sich geirrt.

Mom findet, eine »Dame« sollte nicht in einer Schuhschachtel leben. @BrownBiasedNYC #Mütterlogik #IchBinKeineDame

Du twitterst häufiger, als du schreibst. Das könnte der Grund sein, weshalb du deinen Masterabschluss an der New School machst und nicht an der Columbia. Die Columbia University hat dir abgesagt:

Ablehnung serviert man am besten in einem Briefumschlag, weil man sie dann wenigstens zerreißen und verbrennen kann. #Nicht
InDerColumbia #DasLebenGehtWeiter

Und du hattest recht. Das Leben ging weiter. Die New School mag nicht so prestigeträchtig sein, aber du bist bei deinen Lehrern und Mitstudenten recht beliebt. Viele der Seminare kann man auch online absolvieren. Ein Großteil des College lässt sich online absolvieren, ein weiterer Schlag gegen das stetig an Bedeutung verlierende, elitäre System, das man als »College« bezeichnet. Mit dem Schreiben klappt es ganz gut, und wenn du jetzt noch ein bisschen weniger Zeit damit verbringen würdest, zu twittern und deine Muschi zu kraulen … Aber ganz ehrlich, Beck, wäre ich du, ich würde mir auch nie was anziehen.

Du magst es, Dingen Namen zu geben, und ich frage mich, wie du mich wohl nennen wirst. Du versuchst, auf Twitter einen Wettbewerb um die Benennung deiner Wohnung auszurufen:

Wie wäre es mit #WohnungKleinerAlsMeinSchatzkästchen

oder #BudeZumPitchPerfectAnschauen

oder #ZurWohnungUmfunktionierterYogamattenschrank

oder #WohnungInDerDuInEinemTanktopAusDemFensterSiehst
UndDenTypenAusDerBuchhandlungEntdeckstUndIhmZulächelst
UndIhmWinkstUnd

Ein Taxifahrer steigt auf die Hupe, weil irgendein frisch geduschter Arsch, der aus einem von Bret Easton Ellis Rohentwürfen gekrochen ist, die nie das Tageslicht erblickt haben, die Straße überquert, ohne auf den Verkehr zu achten. Er sagt Sorry, ohne es zu meinen, und fährt sich mit der Hand durchs blonde Haar.

Er hat zu viele Haare.

Und er erklimmt diese Treppen, als gehörten sie ihm, als wären sie für ihn gebaut worden, und bevor er oben ist, öffnet sich schon die Tür, und du bist es, die die Tür öffnet, und jetzt bist du da, führst ihn hinein, und während die Tür langsam zufällt, küsst du ihn, und jetzt sind deine Hände so kleine Hände in seinem Haar, und ich kann euch beide nicht mehr sehen, bis ihr im Wohnzimmer ankommt. Er setzt sich auf die Couch, und du ziehst dir hastig das Tanktop aus und steigst auf ihn drauf und reibst dich an ihm wie eine Stripperin, und das ist alles vollkommen falsch, Beck. Er zieht dir das Baumwollhöschen herunter und versohlt dir den Hintern, und du kreischst auf, und ich überquere die Straße und lehne mich an die Eingangstür deines Wohnhauses, weil ich zuhören muss.

Tut mir leid, Daddy! Tut mir leid!

Sag das noch mal, mein kleines Mädchen.

Es tut mir leid, Daddy!

Du bist ein böses Mädchen.

Ich bin ein böses Mädchen.

Du willst eine Tracht Prügel, oder?

Ja, Daddy, ich will eine Tracht Prügel.

Er ist in deinem Mund. Er blafft dich an. Er ohrfeigt dich. Hin und wieder kommt Truman Capote vorbei und sieht hin, reagiert, und sieht wieder weg. Niemand wird das hier der Polizei melden, weil niemand zugeben würde, dass er euch zusieht. Liebe Güte, schließlich sind wir hier in der Bank Street. Und jetzt vögelst du ihn, und ich kehre auf meine Seite der Straße zurück, wo ich erkennen kann, dass er keine Liebe mit dir macht. Du krallst dich in seine Haare – zu viele Haare sind das –, als könnte es dich und deine Geschichten retten. Aber du verdienst was Besseres, und das hier gefällt mir nicht, die Art, wie er dich packt, große, schwache Hände, die nie gearbeitet haben, die Art, wie er dir auf den Hintern schlägt, als er fertig ist. Du hopst von ihm herunter und lehnst dich an ihn, doch er schiebt dich weg, und du lässt zu, dass er in deiner Wohnung raucht, und er ascht in deinen Brown-Becher – der größer ist als deine Wohnung –, und du siehst dir Pitch Perfect an, während er raucht und Textnachrichten verschickt und dich wegschiebt, sobald du dich an ihn lehnst. Du siehst niedergeschlagen aus, und es ist auch kein Wunder, dass du traurig bist. Er ist nicht deine Seite 112. Ich bin das. Was lässt mich da so sicher sein? Vor drei Monaten, noch bevor du mich überhaupt kanntest, hast du diesen Tweet verfasst:

Können wir nicht alle ehrlich sein und zugeben, dass wir #EECummings aus #HannahUndIhreSchwestern kennen? Okay? Puh. #KeinUnsinnMehr #SchlussMitDerÜberheblichkeit

Merkst du, wie du zu mir gesprochen hast, bevor du mich überhaupt kanntest? Als er geht, hat er keine Ausgabe von Was am Ende bleibt von Paula Fox in der Hand. Er ist nichts als ein blonder Frauenhasser, und er stellt seinen Kragen auf und pustet sich das Haar aus dem Gesicht. Er hat dich benutzt, und er ist nicht dein Freund, und ich muss gehen. Du brauchst eine Dusche.

3

Vor dir gab es Candace. Sie war auch stur, darum werde ich mit dir ebenso geduldig sein wie mit ihr. Ich werde dir nicht vorhalten, dass du auf deinem alten, klobigen Laptop über so ziemlich alles schreibst außer über mich. Ich bin kein Dummkopf, Beck. Ich weiß, wie man eine Festplatte durchsucht, und ich weiß auch, dass dort nichts über mich steht, und ich weiß ebenso, dass du weder ein Notizbuch noch ein Tagebuch besitzt.

Eine mögliche Theorie: Du benutzt die Notizbuchfunktion deines Telefons, um über mich zu schreiben. Noch besteht Hoffnung.

Aber ich werde dich nicht fallen lassen. Du bist ein außergewöhnlich sexueller Mensch. Ein typisches Beispiel dafür: Du verschlingst geradezu die Anzeigen in der Rubrik »Zwanglose Treffen« auf Craigslist, kopierst alles, was dir gefällt, in einen riesigen Ordner auf deinem Computer. Warum nur, Beck? Glücklicherweise lässt du dich nicht auf »zwanglose Treffen« ein. Mädchen sammeln wohl einfach gern, seien es nun Rezepte für Kohlsuppe oder anzüglich formulierte, grammatikalisch fragwürdige Papa-Fantasien von verzweifelten Einzelgängern. Hey, ich bin trotzdem noch hier. Ich akzeptiere dich so, wie du bist. Na schön, du lässt diesen blonden Widerling Dinge mit dir tun, von denen du in diesen Craigslist-Anzeigen gelesen hast. Aber wenigstens hältst du dabei gewisse Grenzen ein. Der Perversling ist nicht dein fester Freund. Du hast ihn nach eurem Nümmerchen auf die Straße geschickt, wo er auch hingehört. Als würde er dich anwidern – was ich nachvollziehen kann. Und ich habe alle E-Mails gelesen, die du in letzter Zeit verfasst hast, also ist es offiziell: Du hast niemandem davon erzählt, dass er in deiner Wohnung war, in dir. Er ist nicht dein fester Freund. Das allein zählt, und ich bin bereit, dich zu finden, und ich bin auch in der Lage dazu, dich zu finden, und das verdanke ich Candace. Der lieben Candace.

Ich sah Candace zum ersten Mal in der Glasslands Gallery in Brooklyn. Sie war in einer Band, gemeinsam mit ihrem Bruder und ihrer Schwester, und spielte die Flöte. Du würdest ihre Musik mögen. Sie nannten sich Martyr, und schon, als ich sie das erste Mal sah, wollte ich Candace kennenlernen. Ich blieb geduldig. Ich besuchte die Auftritte der Band in Brooklyn und Manhattan, und sie waren gut. Sie hätten es zwar niemals unter die Top Vierzig geschafft, doch manchmal wurde einer ihrer Songs in einer dieser unsäglichen Teenagersendungen im Fernsehen gespielt, wonach ihre Webseite regelmäßig fast zusammenbrach. Einen Plattenvertrag hatten sie nicht, weil sie sich untereinander niemals auf etwas einigen konnten. Wie auch immer, Candace war jedenfalls die hübscheste, der Kopf der Band. Ihr Bruder war ein Schlagzeuger-Volltrottel, wie man sie eben so kennt, und ihre Schwester war häuslich und talentiert.

Man kann ein Mädchen nicht einfach direkt, nachdem sie ein Konzert gespielt hat, abpassen und anquatschen, insbesondere, wenn die Band Ambient-Techno-Elektro-Mist spielt und ihr psychotischer, kontrollversessener Bruder – der es, nebenbei erwähnt, ohne seine Schwestern niemals in eine Band geschafft hätte – ständig in ihrer Nähe herumschleicht. Ich musste Candace allein erwischen. Und ich konnte nicht einfach als Typ, der sie anbaggert, in Erscheinung treten, weil mir dann ihr gluckiger Bruder einen Strich durch die Rechnung gemacht hätte. Ich war mir sicher, sterben zu müssen, wenn ich es nicht schaffen würde, sie in den Armen zu halten oder zumindest dem Augenblick, in dem ich sie in den Armen halten würde, einen Schritt näher zu kommen. Also improvisierte ich.

Eines Abends standen wir draußen vor der Glasslands Gallery, dort, wo alles begonnen hatte, und ich stellte mich Martyr als neuer Mitarbeiter von Stop It Records vor. Ich gaukelte ihnen vor, ich hielte Ausschau nach neuen Bands. Na ja, Bands sind ganz scharf darauf, entdeckt zu werden, und schon Minuten später saß ich in einer Sitznische und trank mit Candace und ihren unangenehmen Geschwistern Whiskey. Ihre Schwester ging irgendwann. Braves Mädchen. Doch ihr Bruder war ein Problem. Ich konnte Candace weder küssen noch um ihre Telefonnummer bitten. »Schick mir eine E-Mail«, sagte sie. »Ich kann dann einen Screenshot machen und es auf Instagram veröffentlichen. Wir freuen uns immer über Rückmeldungen von Plattenfirmen.«

Also tat ich, was Elliot in Hannah getan hätte, und spionierte Stop It Records aus, eine armselige, kleine Klitsche. Mir fiel ein junger Kerl namens Peters auf, der dort jeden Tag auftauchte. Vor und nach der Arbeit verzog er sich in eine schmale Seitenstraße, um ein bisschen Gras zu rauchen. Bei all dem Mist, mit dem er sich tagtäglich bei der Arbeit herumschlagen musste, konnte man ihm das auch kaum verdenken. Peters war der Assistent all dieser Plattenfutzis, die überteuerte Sonnenbrillen tragen und im Restaurant nach Süßstoff und extra Parmesan verlangen. Also postierte ich mich eines schönen Tages mit einem Joint in der Hand in besagter Gasse, und als Peters eintraf, bat ich ihn um Feuer. Sich mit ihm anzufreunden war leicht. Menschen, die auf dem Totempfahl ganz unten stehen, gieren nach Kontakten mit anderen Menschen. Ich erzählte ihm alles über das Dilemma, in das ich mich Candace wegen gebracht hatte, dass ich ihr vorgegaukelt hatte, bei Stop It Records zu arbeiten. Dann war es seine Idee, ihr eine E-Mail von seinem Account (asst1@stopitrecords.com) zu schicken und vorzugeben, ich zu sein. Candace schickte eine Antwort, aufgeregt, aufgegeilt. Und selbstverständlich gab sie mir (asst1) ihre Telefonnummer.

Ich hatte kein schlechtes Gewissen, weil ich Peters für meine Zwecke benutzt hatte. Wenigstens bekam er durch mich das Gefühl, so etwas wie Macht zu besitzen. Und manchmal muss man, um das Mädchen zu kriegen, die Wahrheit eben etwas verbiegen. Ich habe genügend romantische Komödien gesehen, um zu wissen, dass romantische Männer wie ich ständig in derartige Schlamassel hineinrutschen. Kate Hudsons Karriere fußt auf der Tatsache, dass Männer manchmal Lügen darüber erzählen, wo sie arbeiten. Und Candace kaufte mir ab, dass ich Talentsucher wäre. Ich wartete eine Weile, und erst, als wir schon einen Monat lang zusammen waren, erzählte ich ihr die Wahrheit. Sie reagierte anfangs wütend (manchmal werden Mädchen eben sauer, sogar auf Typen wie Matthew McConaughey), doch ich erinnerte sie an die alte, aber unumstößliche, witzige und romantische Wahrheit: Die Welt ist ungerecht. Ich kenne mich mit Musik aus. Ich bin klug. Ich fand, dass Martyr es verdient hatten, entdeckt und vergöttert zu werden. Hätte ich eines dieser liberalen Kunstcolleges besucht und würde Secondhandhosen tragen und der Ansicht anhängen, dass ein BA-Abschluss einen als erwerbsfähig und intelligent ausweist, hätte ich mir hundertprozentig ein unbezahltes Praktikum bei irgendeinem miesen Plattenlabel organisieren und es mit ein bisschen Verhandlungsgeschick zu einem miesen Job ausbauen können. Doch zufälligerweise hänge ich dieser antiquierten Ansicht nicht an. Ich stehe zu mir. Candace konnte meine Ansichten nachvollziehen, zumindest anfangs. Doch mit ihrem Bruder war das eine ganz andere Geschichte, was einer der Gründe dafür ist, weshalb es mit Candace und mir nicht klappte.

Aber keine Sorge, ich bereue diese Episode nicht. Die Mühen, die ich wegen Candace auf mich genommen habe, waren eine gute Übung für diesen Augenblick. Schließlich musste ich irgendwie in deine Wohnung kommen, Beck. Und ich wusste auch genau, wie.

Ich rief deinen Gasversorger an und meldete ein Leitungsleck in deiner Wohnung, genau an dem Tag, an dem du immer Tanzstunden hast. Nach dem Tanzen trinkst du immer noch mit einer Freundin aus dem Kurs Kaffee, und das ist die einzige Zeit, in der du garantiert nicht vor deinem Computer sitzt. Ich erwartete die Ankunft des Gasmannes auf meiner angestammten Treppe gegenüber von deinem Haus. Als er eintraf, erklärte ich ihm, ich wäre dein Freund, und du hättest mich als deine Vertretung geschickt.

Laut Gesetz ist es zwingend erforderlich, dass jedes Gasleck untersucht werden muss, und die Gesetze, die unter Männern herrschen, machen es möglich, dass ein Kerl wie ich, der die Highschool geschmissen hat, ziemlich gut mit einem Kerl klarkommt, der für einen Gasversorger arbeitet. Was soll ich sagen? Ich wusste, dass er mir glauben würde, dass ich dein Freund bin und er mich reinlassen würde. Und ich wusste, dass er mich sogar dann, wenn er mich für einen verlogenen Irren hielte, trotzdem reinlassen würde. Du kannst nicht einfach den Gasmann rufen und dann nicht zu Hause sein, Beck. Das macht man nicht.

Er geht wieder, und als Erstes nehme ich deinen Computer und setze mich auf deine Couch und rieche an deinem grünen Kissen und trinke Wasser aus deinem braunen Becher. Ich habe ihn vorher abgewaschen, weil noch immer seine Asche darin klebte – du weißt nicht, wie man ordentlich Geschirr spült. Ich lese deine Geschichte mit dem Titel »Was Wylie sich dachte, als er seinen Kia kaufte«. Darin geht es um einen alten Mann in Kalifornien, der sich ein bekacktes importiertes Auto kauft, weil es für ihn quasi das letzte Überbleibsel seines Lebens als Cowboy repräsentiert. Dann stellt sich jedoch heraus, dass er nie ein echter Cowboy war. Er hat nur Cowboys in Westernfilmen gespielt. Doch heutzutage werden keine Western mehr gedreht, und Wylie hat sich daran nie gewöhnen können. Er hatte nie ein Auto, weil er die meiste Zeit in einem Café zugebracht hatte, in dem Typen seines Schlages herumsaßen und über die guten alten Zeiten schwafelten. Doch dann wurde in diesem Café das Rauchen geächtet – geächtet schreibst du kursiv, wie süß. Und damit haben er und seine Kumpel keinen Ort mehr, wo sie rauchen und sich ihre Geschichten erzählen können. Die Story endet damit, dass Wylie in seinem Kia sitzt und nicht mehr weiß, wie man ihn startet. Er hält den Autoschlüssel, der eigentlich nur ein Miniaturcomputer ist, in der Hand, und begreift, dass er nicht weiß, wo er hin soll, und so kauft er sich eine E-Zigarette und kehrt in das Café zurück und raucht dort allein seine E-Zigarette.

Ich bin zwar kein genialer Master-Anwärter, wie sie in deinen Seminaren sitzen – ernsthaft, Beck, diese Leute verstehen weder dich noch deine Geschichten –, aber ich erkenne, dass du dich nach dem sehnst, was einmal war. Du bist durch und durch die Tochter eines toten Mannes. Du verstehst Paula Fox und trachtest danach, den alten Westen zu begreifen, was die Tatsache, dass du dich, wenn auch nur vorübergehend, hier in New York niedergelassen hast, zu einem geradezu selbstzerstörerischen Akt macht. Du bist mitfühlend; du hast dich zu der Geschichte über den alten Schauspieler von Bildbänden inspirieren lassen, die in deinem Apartment stehen. So viele Bilder von Orten, an die du nicht mehr gehen kannst, weil sie nicht mehr existieren. Du bist romantisch, suchst ein Coney Island ohne Drogendealer und Kaugummipapierchen, ein Kalifornien, wo sich echte und falsche Cowboys mit Blechbechern voll Kaffee in der Hand Geschichten erzählen. Du sehnst dich nach Orten, die du nicht erreichen kannst.

In deinem Badezimmer, wenn die Tür geschlossen ist und du auf der Toilette sitzt, blickst du direkt auf ein Foto von Einstein. Du siehst ihm gern in die Augen, während du mit deinen Eingeweiden kämpfst (und glaub mir, Beck, wenn wir erst mal zusammen sind, dann gehören deine Verdauungsprobleme der Vergangenheit an, weil ich dir nicht gestatten werde, dich weiterhin von Tiefkühlmüll und Salzwasser in Dosen, das als »Suppe« deklariert ist, zu ernähren). Du magst Einstein, weil er gesehen hat, was niemand sonst gesehen hat. Außerdem ist er kein Schriftsteller. Keine Konkurrenz.

Ich schalte den Fernseher ein. Pitch Perfect hast du am häufigsten gesehen, was jetzt, da ich dein Collegeleben auf deiner Facebook-Seite begutachten kann, durchaus nachvollziehbar ist. Endlich bin ich drin und kann mir deine Geschichte in Bildern betrachten. Du hast nie a cappella gesungen und Leidenschaft und die wahre Liebe gefunden. Du hast dich oft mit deinen besten Freundinnen Chana und Lynn betrunken. Da ist noch eine dritte Freundin; sie ist sehr dünn und groß. Gegen sie wirkt ihr, du und deine kleinen Freundinnen, wie Zwerge. Die Bilder dieser Außenseiterfreundin sind nicht mit einem Namen verknüpft, und trotzdem muss sie für dich von Bedeutung sein, denn offenbar bist du sehr stolz auf eure Freundschaft, und diese Freundschaft besteht bereits seit Kindertagen. Das unbenannte Mädchen sieht auf allen Fotos verdrießlich aus. Ihr freudloses Lächeln könnte mich noch eine Weile verfolgen, aber jetzt wird es Zeit weiterzumachen.

Du warst mit zwei Jungs zusammen. Charlie sah immer so aus, als würde er sich gerade von einem Dave-Matthews-Konzert erholen. Als du mit ihm zusammen warst, saßt du auf Wiesen und hast hippe Club-Drogen genommen. Du bist diesem dauernd zugedröhnten Langweiler entkommen und direkt in die klapperdürren Arme eines verwöhnten Schnösels namens Hesher gefallen. Nebenbei bemerkt kenne ich Hesher, zwar nicht persönlich, aber er ist Zeichner, und wir verkaufen seine Graphic Novels im Laden. Zumindest noch, aber natürlich wird, sobald ich wieder arbeite, meine erste Arbeitshandlung darin bestehen, Heshers Bücher in den Keller zu verbannen.

Ihr wart in Paris, und ihr wart in Rom, und ich habe noch nie das Land verlassen, und du hast nie gefunden, was du bei Hesher gesucht hast oder in Paris oder in Rom oder im College. Für Hesher hast du Charlie verlassen. Und du warst sehr kalt. Charlie ist nie über dich hinweggekommen. Er sieht auf fast allen Fotos, die nach eurer Trennung entstanden sind, betrunken aus. Du hast Hesher vergöttert, doch er erwidert dieses Gefühl nicht. Zumindest nicht auf Facebook. Es gibt unzählige Posts, in denen du ihn mit Lob überschüttest, auf die er aber nicht reagiert hat. Dann, eines Tages, verändert sich dein Beziehungsstatus zu »Single« und deine Freunde »liken« diesen Status auf eine Art, die unmissverständlich verrät, dass du diejenige warst, die verlassen wurde.

Pitch Perfect ist zu Ende, und ich gehe in dein Schlafzimmer und sitze auf deinem ungemachten Bett, und ich höre das Geräusch eines Schlüssels, der ins Schlüsselloch gesteckt und gedreht wird. In meinem Kopf spielt sich ein Blitzkrieg ab, dein Vermieter, wie er sich vorhin beim Gasmann beschwerte – die kleinste Wohnung im Gebäude, mit dem kleinsten verdammten Schlüsselloch, klemmt jedes Mal – und ich höre, wie du den Schlüssel ins Schlüsselloch steckst, und die Tür öffnet sich, die Wohnung ist klein, und du kommst herein.

Du hast recht, Beck, deine Wohnung ist eine verdammte Schuhschachtel.

4

Ich gehe sonst nie nach Greenpoint, wo die Leute Whiskey mit Essiggurkenlake runterspülen und das Ganze als Pickleback bezeichnen, aber ich tue es für dich, Beck. Genauso, wie ich mir für dich den Rücken verletzt habe, als ich aus deinem Fenster fiel, damit du mich nicht dabei siehst, wie ich versuche, dich zu sehen, dich kennenzulernen. Und es macht mich kirre, dass du mich hier sehen und denken könntest, ich gehörte zu diesen Schwachsinnigen, die den kulturellen Wert von Vice maßlos überschätzen und jeden Mist trinken, den Vice ihnen nahelegt zu trinken. Ich habe nie das College besucht, Beck, darum verschwende ich auch nicht mein Erwachsenenleben darauf, mir meine Collegezeit zurückzuwünschen. Ich bin kein Schwächling, der zu feige ist, das Leben so, wie es ist, und im Hier und Jetzt zu leben. Ich lebe, um zu leben, und ich würde mir ja noch einen Wodka Soda bestellen, aber dazu müsste ich mit dem Barkeeper im Bukowski-T-Shirt sprechen, und dann würde er mich sicher wieder fragen, welche Sorte Club Soda ich möchte.

Ich habe schlechte Laune, und du sitzt dort oben und liest in gelben Strümpfen, und du hast Löcher in den Strümpfen, und du bist einfach zu bemüht. Du wirkst nicht mehr wie aus Wilbur und Charlotte entsprungen, aber auch um mich selbst steht es nicht gerade zum Besten. Ich musste aus deinem Fenster klettern und bin dabei zwar nicht sehr tief gefallen, aber eben trotzdem gefallen. Mein Rücken schmerzt jetzt, und wenn ich noch einmal das Wort Pickleback höre, flippe ich aus.

Deine besten Freundinnen sitzen an dem Tisch neben meinem. Sie sind laut und treulos und hippe Großstädterinnen in Stiefeln und mit Haaren, die vom Styling ausgelaugt sind. Ihr drei wart zusammen auf der Brown, und jetzt seid ihr gemeinsam in New York, hasst die TV-Serie Girls und meckert permanent darüber. Aber repräsentiert sie nicht alles, was ihr im Leben zu erreichen trachtet? Brooklyn, Jungs und Picklebacks?

Du sitzt bei den anderen – Anführungszeichen – Schriftstellern – Anführungszeichen –, was deinen Freundinnen Gelegenheit gibt, ungeniert über dich zu lästern. Und bedauerlicherweise haben sie recht: Du investierst viel mehr Zeit und Energie ins Schriftsteller-Sein – indem du dir Komplimente machen lässt und Whiskey trinkst – als ins Schreiben. Aber zum Glück irren sie sich auch: Alle Anwesenden in diesem Raum haben viel zu viele Picklebacks intus, um deine Cowboygeschichte verstehen zu können.

Deine Freundinnen sind eifersüchtig. Chana ist die große Kritikerin, eine weibliche Version von Adam Levine mit Knopfaugen und ungerechtfertigtem Selbstvertrauen. »Erklär mir doch noch mal, was man mit solch einem tollen Masterabschluss anfangen kann, wenn man nicht gerade Lena Dunham ist.«

»Man könnte vielleicht unterrichten?«, sagt Lynn, aber Lynn ist innerlich tot, wie eine Leiche. Sie nutzt Instagram mit derart klinischer Präzision, dass man meinen könnte, sie sammle Beweismaterial und hätte ihr Leben der Aufgabe gewidmet, Bildnachweise dafür anzuhäufen, dass sie ein Leben hat. Während sie noch lautstark über deine Lesung in Lulu’s Bar lästert, twittert sie schon darüber, wie begeistert sie von der #Lesung
InLulusBar
ist, und ich kann dir sagen, Beck, ich schwöre, ich flippe noch aus.

Noch mal Lynn: »Glaubst du, das hier ist so was wie eine Vernissage, wo man einmal hingeht und damit gut, oder müssen wir das hier jetzt … na ja, wöchentlich wiederholen?«

»Veranstalte ich etwa jedes Mal, wenn ich ein Design fertig habe, gleich eine Modenschau?«, lässt Chana Dampf ab. »Nein. Ich arbeite weiter und gestalte noch mehr, bis ich eine komplette Kollektion fertig habe. Und dann arbeite ich wieder weiter.«

»Kommt Peach auch?«

»Mal den Teufel nicht an die Wand.«

Vielleicht meinen sie damit das freudlose, große Mädchen, aber ich kann schwerlich nachfragen.

»Entschuldige«, seufzt Lynn. »Bei einer Vernissage gibt es zumindest kostenlosen Wein.«

»Bei einer Vernissage bekommt man zumindest Kunst zu sehen. Tut mir leid, aber ausgerechnet ein dämlicher Cowboy

Lynn zuckt mit den Schultern und macht weiter, wie ein Maschinengewehr, das nicht aufhören will oder nicht aufhören kann.

»Und was sagst du zu ihrer Verkleidung?«

»Zu bemüht. Ein bisschen traurig.«

»Was zum Teufel sind das für Strumpfhosen?«

Lynn seufzt und twittert und seufzt, und das Maschinengewehrfeuer setzt noch einmal ein, für eine letzte Runde.

»Kein Wunder, dass sie es nicht auf die Columbia geschafft hat«, stichelt Chana.

»Ich habe den Eindruck, dass sie es vor allem wegen Benji macht«, sagt Lynn. »Sie tut mir leid.«

Benji?

»So ergeht es einem eben, wenn man sich in einen soziopathischen Partylöwen verknallt.«

Ich höre nur verknallt und du liebst ihn und du belügst die beiden, deinen Computer, dich selbst, und du glaubst, die beiden ahnen nichts davon, doch sie wissen sehr wohl Bescheid und – oh nein. Benji. Oh nein.

Ich muss genau hinhören, gut aufpassen, und Lynn seufzt. »Du bist gemein.« Chana schnaubt spöttisch. »Benji ist ein snobistischer kleiner Arsch. Er tut nichts anderes, als sich mit überteuerten Drogen vollzudröhnen und windige Firmen zu gründen.«

»In was hat er denn seinen Abschluss gemacht?«, will Lynn wissen.

»Wen interessiert das?«, blafft Chana, und ich interessiere mich dafür und will mehr wissen, und ich möchte weinen und will auf keinen Fall, dass du dich in irgendeinen anderen Kerl verknallst, sondern nur in mich.

»Na ja, trotzdem wünschte ich, er wäre ein bisschen netter zu ihr«, sagt Lynn.

Chana verdreht die Augen, zerbeißt knirschend Eiswürfel und ist anderer Meinung. »Weißt du, wie es in Wirklichkeit ist? Beck ist total eingebildet. Und Benji auch. Ich habe mit keinem von ihnen Mitleid. Sie hat uns hierher geschleppt, weil sie unbedingt so tun muss, als wäre sie eine Schriftstellerin, während er der ganzen Welt vorgaukelt, er sei Jungunternehmer. Lächerlich. Die beiden sind keine übersensiblen, gequälten Seelen, die Gedichte über die Trostlosigkeit des Lebens verfassen oder dergleichen, sondern einfach nur selbstverliebt.«

Lynn langweilt sich und ich ebenso. Sie versucht, Chanas Hetzreden ein Ende zu bereiten. »Ich fühle mich gerade so fett.«

Chana stößt ein Grunzen aus. Mädchen sind so fies. »Hast du diesen ganzen Schwachsinn über seine Fabrik gelesen, in der er Bio-Club-Soda abfüllt?«, fragt sie. »Wenn ich mir Brooklyn so ansehe, würde ich am liebsten nach L. A. umsiedeln, mir ein paar Dosen Red Bull kaufen und in voller Lautstärke Mariah Carey hören.«

»Das solltest du twittern«, findet Lynn. »Nur nicht ganz so gehässig.«

Du umarmst die anderen Schriftsteller, und das bedeutet, dass du als Nächstes hierher kommen wirst, und Lynn ist schonungslos gütig. Mit einem einfältigen Lächeln verkündet sie: »Sie tut mir leid.«

Chana schnieft affektiert. »Mir tun lediglich die Cowboys leid. Die hätten was Besseres verdient.«

Du schlenderst zu uns herüber, was bedeutet, dass die beiden endlich aufhören müssen, über dich zu reden, und ich bin so froh, als du endlich den Tisch erreichst und deine doppelzüngigen Freundinnen umarmst. Sie klatschen gekünstelt und geben falsche Lobhudeleien von sich, und du schluckst deinen Whiskey, als könntest du dir einen Pulitzerpreis ertrinken.

»Ladys, bitte«, sagst du und bist beschwipster, als ich dachte. »Ein Mädchen kann nur eine gewisse Menge Komplimente oder Cocktails vertragen.«

Chana legt dir eine Hand auf den Arm. »Schätzchen, vielleicht hattest du genug Cocktails?«

Du ziehst den Arm weg. Du befindest dich in der Nachgeburtsphase. Du hast eine Geschichte geboren, und was jetzt? »Mir geht es bestens.«

Lynn winkt der Kellnerin. »Können wir drei Picklebacks haben? Dieses Mädel hier hat noch ein bisschen flüssige Courage nötig.«

»Ich brauche keine Courage, Lynn. Ich bin gerade dort hochgegangen und habe eine verdammte Geschichte vorgelesen.«

Chana küsst dir die Stirn. »Und du hast diese verdammte Geschichte super vorgelesen.«

Du glaubst ihr nicht und stößt sie weg. »Ihr könnt mich alle beide mal.«

Es ist gut, dass ich diese Seite von dir kennenlerne, die zickige Betrunkene. Es ist gut, alle Seiten des Menschen zu kennen, den man lieben wird, und ich verabscheue deine Freunde jetzt etwas weniger. Sie sehen sich vielsagend an, während du dich zur Bar umdrehst. »Ist Benji schon gegangen?«

»Ach Schätzchen, hätte er denn kommen sollen?«

Du seufzt, als erlebtest du das nicht zum ersten Mal, als fehle dir momentan die Geduld, dich damit auseinanderzusetzen, und du nimmst dein gesprungenes Telefon zur Hand. Lynn entreißt es dir.

»Nicht, Beck.«

»Gib mir mein Telefon.«

»Beck«, sagt Chana. »Du hast ihn eingeladen, doch er ist nicht gekommen. Lass es gut sein. Lass ihn in Ruhe.«

»Ihr könnt Benji nicht ausstehen«, sagst du. »Was, wenn ihm etwas passiert ist?«

Lynn wendet sich ab, und Chana schnaubt: »Was, wenn er ein Arschloch ist?«

Man hört deutlich, dass Lynn dieses Thema am liebsten für immer begraben würde. Von euch dreien wird sie diejenige sein, die New York zugunsten einer kleineren, übersichtlicheren Stadt verlässt, in der es keine Literaturlesungen gibt, wo die Frauen Wein trinken und an Samstagabenden in der Jukebox Maroon 5 dudelt. Sie wird ihre zukünftigen, unvermeidlichen Babys mit genau so viel Begeisterung fotografieren wie jetzt Schnapsgläser, leere Becher oder ihre Schuhe.

Doch in Chana steckt mehr Leben. Sie wird uns noch länger erhalten bleiben. »Hör mir zu, Beck. Benji ist ein Arschloch. Klar?«

Ich will JA schreien, aber ich bleibe sitzen. Still. Benji.

»Versteh doch, Beck«, macht Chana munter weiter. »Man muss sich eben damit abfinden, dass manche Kerle Arschlöcher sind. Du kannst ihm alle Bücher der Welt kaufen, doch er bleibt trotzdem Benji. Er wird niemals Benjamin sein oder, gottbewahre, Ben, weil er das gar nicht muss, weil er nämlich ein Kind in einem Männerkörper ist, okay? Er kann sich verpissen, mitsamt seiner Club Soda und seinem bescheuerten Namen. Ich meine, also bitte, Benji? Soll das ein Witz sein? Und wie er den Namen ausspricht, als wäre er asiatisch oder französisch. Ben-Dschiii. Oh Mann, der soll sich einfach schleichen.«

Lynn seufzt. »Darüber habe ich noch nie so genau nachgedacht. Benji. Ben-Dschiii. Ski-Ben.«

Jetzt lacht ihr ein wenig, und ich erfahre eine Menge über Benji. Was ich höre, gefällt mir zwar nicht, aber ich muss mich damit abfinden. Benji ist real, und ich bestelle mir noch einen Whiskey Soda. Benji.

Du verschränkst die Arme, und die Bedienung kommt mit euren Getränken, doch die Stimmung am Tisch ist umgeschlagen. »Euch hat meine Geschichte also wirklich gefallen?«

Lynn reagiert schnell: »Ich wusste gar nicht, dass du dich so gut mit Cowboys auskennst.«

»Das tu ich auch nicht«, erwiderst du. Du scheinst an einen finsteren Ort geflohen zu sein, und du nimmst deinen Schnaps und trinkst ihn in einem Zug aus, während die beiden anderen schon wieder vielsagende Blicke wechseln.

»Du darfst nie wieder auch nur ein Wort mit diesem Dreckskerl reden«, meint Chana.

»Okay«, willigst du ein.

Lynn hebt ihr Schnapsglas. Chana hebt ihr Schnapsglas. Du hebst dein leeres Schnapsglas.

Chana spricht einen Toast aus: »Darauf, dass wir nie mehr mit ihm reden, diesem Dreckskerl, der sich zu fein ist, um zu deiner Lesung zu kommen, diesem Schnösel mit seiner blöden Club Soda und seinem beknackten Haarschnitt.«

Ihr stoßt klirrend an, doch die beiden anderen haben etwas zu trinken, während dein Glas leer ist.

Ich gehe nach draußen, damit ich merke, wenn du gehst. Irgendein Widerling kommt heraus und übergibt sich.

Gurkenlake. Ich flippe noch aus.

5

Um 02:45 Uhr morgens warten wir zu dritt in der Station Greenpoint Avenue auf die U-Bahn, und ich möchte dir die Schnürsenkel zubinden. Sie haben sich gelöst. Du bist viel zu betrunken, um so dicht bei den Gleisen zu stehen. Du hast dich mit dem Rücken an den grünen Stahlträger gelehnt und streckst die Beine so weit vor, dass deine Füße in der gelben Gefahrenzone am Rande des Bahnsteigs stehen. Der Träger hat vier Seiten, aber du musst ausgerechnet auf der dem Gleis zugewandten stehen. Warum?

Du hast mich zu deinem Schutz, und die einzige andere Person in diesem Höllenloch ist ein Obdachloser, und der befindet sich auf einem anderen Planeten, sitzt auf einer Bank und singt immer wieder denselben Teil eines Songs von Fatman Scoop, der davon handelt, was passiert, wenn sein dämlicher Zug aus dem Gleis springt.

Er singt ihn in Endlosschleife, laut, und du starrst auf dein Telefon, und du kannst nicht gleichzeitig tippen und stehen und dieser musikalischen Körperverletzung lauschen. Du rutschst immer wieder ab – deine Schuhe sind alt, ohne Profil – und ich zucke immer wieder zusammen, und langsam geht mir das auf die Nerven. Wir gehören nicht auf diese Müllhalde, ein Minenfeld aus leeren Dosen, Einwickelpapieren, Dingen, die niemand mehr will, nicht einmal der obdachlose Sänger. Die Leute, die du kennst, sind verrückt auf die Linie G, als könnten sie mit der U-Bahn fahren und damit ihre Bodenständigkeit unter Beweis stellen, doch sie verstehen nicht, dass die Linie ohne sie und ihre Miller-High-Life-Bierdosen und ihre nach Gurkenlake stinkende Kotze besser dran wäre.

Dein Fuß rutscht. Schon wieder.

Du lässt das Telefon fallen, und es landet im gelben Bereich, und du kannst von Glück reden, dass es nicht ins Gleisbett gefallen ist. Ich bekomme eine Gänsehaut und wünschte, ich könnte dich am Arm packen und auf die andere Seite dieses Stahlträgers führen. Du stehst zu nah an den Gleisen, Beck, und du hast Glück, dass ich hier bin, denn wenn du stürzen oder von irgendeinem Verrückten oder einem schäbigen Vergewaltiger hier herunter verfolgt worden wärest, könntest du nichts tun. Du bist zu betrunken. Die Schuhbänder deiner kleinen Turnschuhe sind zu lang, zu locker, und der Angreifer würde dich zu Boden werfen oder gegen diesen Stahlträger drücken und dir die sowieso schon löchrigen Strumpfhosen herunterreißen und das Baumwollhöschen von Victorias Secret zerfetzen und seine schmierige Hand auf deinen rosigen Mund pressen, und du könntest nichts dagegen unternehmen, und dein Leben wäre nie mehr, wie es war. Du hättest zukünftig Angst vor der U-Bahn, würdest zurück nach Nantucket flüchten, die Bekanntschaften-Sparte von Craigslist meiden, dich für ein Jahr, vielleicht auch zwei, monatlich auf sexuell übertragbare Krankheiten testen lassen.

Der Obdachlose hört derweil nicht auf, denselben beschissenen Refrain desselben beschissenen Liedes wieder und wieder zu singen, und er hat schon zwei Mal Wasser gelassen und ist dafür nicht aufgestanden. Er sitzt in seiner Pisse, und wenn dir irgendein Irrer gefolgt wäre, um deinen gelben Strümpfen endgültig den Rest zu geben, würde dieser Kerl immer weiter singen und pinkeln und pinkeln und singen.

Du rutschst.

Schon wieder.

Und du siehst den Obdachlosen entnervt an und knurrst in dich hinein, doch er befindet sich auf einem anderen Planeten, Beck. Und er kann nichts dafür, dass du besoffen bist.

Hatte ich schon erwähnt, dass du dich glücklich schätzen kannst, mich zu haben? Das kannst du. Ich bin ein Mann aus Bedford-Stuyvesant, schon von Geburt an, nüchtern, gefasst, und mir meines ebenso wie deines derzeitigen Aufenthaltsortes äußerst bewusst. Ich bin ein Beschützer.

Und das Beknackte ist, dass, wenn uns drei jetzt jemand sehen könnte, er höchstwahrscheinlich mich für den Verrückten hielte, weil ich dir hier herunter gefolgt bin. Und genau das ist das Problem mit der heutigen Welt und den Frauen.

Du verfolgst, wie Elliot in Hannah eine List anwendet, um seiner Schwägerin näher zu kommen, und empfindest es als romantisch. Aber wenn du wüsstest, was ich alles durchgemacht habe, um in deine Wohnung zu gelangen, dass ich mir beim Versuch, dich ausführlich kennenzulernen, den Rücken verletzt habe, dann würdest du mich dafür verurteilen. Irgendwann hat die Welt die Freude an der Liebe verloren, und ich weiß genau, was du da mit deinem Telefon machst. Du versuchst, Benji zu erreichen, den Kerl mit der Club Soda, den vielen Haaren, den, der nicht aufgetaucht ist, und mit dem du dich triffst. Zumindest für dich sind die Treffen mit ihm nicht zwanglos. Du begehrst ihn. Aber das wird sich wieder legen.

Ein Teil des Problems ist dieses Telefon. Es hat diese vermaledeite Funktion, die dir zeigt, wenn eine Nachricht von dir geöffnet und ignoriert wird. Und Benji ignoriert dich nach Strich und Faden. Es ist ihm wichtiger, dich auf Distanz zu halten, als in dir zu sein, und ist es das, was du willst? Du hackst mit dem Finger auf dein Telefon ein. Dein Telefon. Schluss jetzt mit diesem Telefon, Beck. Es wird dich erledigen, deine Stimme zerstören und deine Finger verkrüppeln.

Scheiß auf dieses Telefon.

Ich möchte das Telefon packen und auf die Gleise werfen und dich festhalten, während wir darauf warten, dass die Bahn kommt und es zermalmt. Es gibt einen Grund, weshalb es einen Sprung hat, und einen Grund dafür, dass du es an jenem Tag in der Buchhandlung in deinem Korb liegen gelassen hast. Tief im Inneren weißt du, dass es dir ohne besser gehen würde. Dieses Telefon bringt nur Unglück. Erkennst du das nicht? Doch, du weißt es. Andernfalls würdest du dieses Telefon pfleglicher behandeln. Du hättest es, schon bevor die Ummantelung einen Sprung bekam, in eine Schutzhülle gesteckt. Du würdest nicht hier stehen, daran herumfummeln und zulassen, dass es dein Leben kontrolliert. Ich wünschte wirklich, du würdest es auf die Gleise werfen und offline gehen und den Kopf drehen und mich mustern und sagen: »Kenne ich dich nicht von irgendwoher?« Und ich würde mitspielen, und wir würden uns unterhalten, und unser Lied wäre dieser Song von Fatman Scoop, allerdings nur der Teil über die permanent aus den Gleisen springende Lok Nummer neun.

»Könnten Sie bitte aufhören zu singen«, knurrst du, doch der Kerl singt weiter und pisst und kann dich nicht hören, und du reißt den Kopf zu schnell herum und fängst dich ab und verdammt noch mal, du darfst dich nicht so anlehnen, aber du tust es trotzdem.

Alles passiert so schnell.

Du streckst die Arme aus, aber du schwankst. Du lässt das Telefon fallen und machst einen Ausfallschritt auf die gelbe Linie zu, um dein Telefon wiederzuholen, und dabei stolperst du – »Aaah!« –, und du rutschst aus und trittst auf diesen verfluchten Schnürsenkel und fällst hin, und irgendwie landest du ungünstig und rollst aus der gelben Gefahrenzone und fällst hinunter in die echte Gefahrenzone. Du schreist. Es ist der schnellste, langsamste Sturz, den ich jemals gesehen habe, und du bist jetzt nur noch eine Stimme unten auf den Gleisen, ein Kreischen, und das Lied des Obdachlosen erinnert uns nun auf brutale Weise daran, dass durchaus jeden Augenblick ein Zug rumpelnd über diese Gleise fahren könnte und über dich hinweg. Dieses Lied ist der denkbar schlechteste Soundtrack für das, was ich jetzt tun muss, Rückenschmerzen hin oder her. Ich renne über den Bahnsteig und blicke auf dich hinab.

»HILFE

»Schon okay. Ich hole dich. Gib mir deine Hand.«

Aber du schreist nur wieder und siehst aus wie das Mädchen im Brunnen in Schweigen der Lämmer, und du musst nicht so entsetzt aussehen, weil ich doch da bin, dir meine Hand reiche, bereit, dich hochzuziehen. Du zitterst und du starrst in den Tunnel hinein, und dein ganzer Kopf füllt sich mit Angst, obwohl du nichts weiter tun müsstest, als meine Hand zu nehmen.

»Omeingott, omeingott, ich könnte sterben.«

»Sieh nicht dort hin. Konzentriere dich nur auf mich.«

»Ich werde sterben.«

Du machst einen Schritt nach vorn, und du hast keine Ahnung von Zügen. »Halt still, da unten sind lauter Sachen, die dir einen tödlichen elektrischen Schlag versetzen können.«

»Was?« Deine Zähne klappern, und du schreist.

»Du stirbst nicht. Nimm meine Hand.«

»Er macht mich wahnsinnig«, sagst du und hältst dir die Ohren zu, weil du If my train runs off the tracks nicht mehr hören kannst. »Dieses Gesinge. Darum bin ich gestürzt.«

»Ich versuche, dir zu helfen«, sage ich, und du reißt die Augen weit auf. Und blickst in den Tunnel hinein und dann direkt in meine Augen.

»Ich höre eine Bahn.«

»Ach was, man würde sie zuerst spüren. Gib mir deine Hand.«

»Ich werde sterben.« Du verzweifelst.

»Nimm meine Hand!«

Der Obdachlose singt jetzt noch lauter, als wäre es ihm lästig, dass er mit seinem pick it up pick it up pick it up unsere Stimmen übertönen muss, und du legst die Hände über die Ohren und schreist.

Ich verliere langsam die Geduld, denn früher oder später wird auf diesem Gleis eine U-Bahn einfahren, und warum machst du es so kompliziert?

»Willst du getötet werden? Denn wenn du dort unten bleibst, wirst du unweigerlich überfahren. Nimm meine Hand!«

Du siehst zu mir auf, und jetzt erkenne ich einen Teil von dir, der mir neu ist, einen Teil deiner selbst, der getötet werden will, und ich bezweifle, dass du jemals anständig geliebt worden bist. Aber du sagst nichts, und ich sage nichts, und wir beide wissen, dass du mich auf die Probe stellst, die ganze Welt herausforderst. Du bist heute Abend nicht eher von der Bühne gegangen, bis auch der letzte Zuhörer aufgehört hatte zu klatschen, und du hast dir nicht richtig die Schuhe zugebunden, und du gibst der Welt die Schuld daran, dass du gestolpert bist. Pick it up pick it up pick it up! Engine engine number nine.

Ich nicke. »Okay.« Ich strecke die Arme zu dir nach unten, mit den Handflächen nach oben. »Na los, ich halte dich.«

Du willst dich auflehnen. Es ist nicht einfach, dich zu retten, doch ich warte geduldig, und als du schließlich bereit bist, legst du die Hände auf meine Schultern und gestattest mir, dich zu erlösen. Ich hieve dich mitsamt deiner offenen Turnschuhe in die gelbe Gefahrenzone, und du rollst auf den schmutzig grauen, ungefährlichen Asphalt und zitterst und presst die Knie an die Brust, während du rückwärts zu der Seite des grünen Stahlträgers zurückweichst, die nach innen zeigt. Wo es sicher ist, zu sitzen, zu warten.

Du bindest dir noch immer nicht die Schuhe zu, und deine Zähne klappern mehr denn je, und ich rutsche dichter an dich heran und deute auf deine nutzlosen, flachen Turnschuhe, die zum Sport ungeeignet sind. »Darf ich?«, frage ich, und du nickst.

Ich ziehe die Schnürsenkel fest und binde sie mit Doppelknoten zu, wie es mir mein Cousin vor Hunderten von Jahren beigebracht hat. Als schließlich die Geräusche der einfahrenden U-Bahn ertönen, hören deine Zähne auf zu klappern, und du wirkst auch nicht mehr verängstigt. Ich muss dir nicht erst sagen, dass ich dir das Leben gerettet habe. Ich kann an deinem Blick und deiner glänzenden, schmierigen Haut erkennen, dass du es weißt. Wenn sich die Türen gleich öffnen, werden wir nicht in den Zug einsteigen. So viel ist klar.

6

Anfangs reagierte der Taxifahrer zögernd. Ich denke, mir wäre es an seiner Stelle nicht anders ergangen. Unser Nahtodeserlebnis hat uns ziemlich mitgenommen. Du bist völlig verdreckt. Ich bin fast widerlich sauber. Nutten-dreckig und Zuhälter-sauber. Wir geben schon ein kurioses Paar ab.

»Aber die Sache ist die«, sagst du und rekapitulierst, mit angezogenen Beinen und wild gestikulierend, zum hundertsten Mal die Geschehnisse. »Die Sache ist die, dass ich, wenn der Kerl nicht mit seinem Gesinge aufgehört hätte, nicht mehr hätte weiterleben können. Ich meine, ich weiß, dass ich mich wahrscheinlich wie geisteskrank aufgeführt habe.«

»Wahnsinnig.«

»Aber ich habe einen miesen Abend hinter mir, und irgendwann muss man einfach Grenzen setzen. Man sollte klipp und klar sagen: Ich werde mir das nicht bieten lassen. Lieber sterbe ich, als in einer Welt zu leben, in der dieser Kerl nicht aufhört, zu singen und die Allgemeinheit zu belästigen.«

Du seufzt, und ich liebe dich dafür, dass du versuchst, dein Verhalten zu einer Art Schlag gegen ...

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