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X.TRA

Über den Autor

 

Stephen Wallenfels lebt in Washington und arbeitet seit 1989 als selbstständiger Redakteur für diverse Magazine in den Bereichen Fitness und Gesundheit. Er veranstaltet regelmäßig Workshops in Schulen, wo er von seinen Erfahrungen als Journalist berichtet. »X-TRA« ist sein erstes Jugendbuch.

Stephen Wallenfels



X.TRA

28 TAGE, DIE ALLES VERÄNDERN

Aus dem amerikanischen Englisch
von Anja Malich

BASTEI ENTERTAINMAENT-Logo

BASTEI ENTERTAINMENT

Für Teresa und Michael

 

 

Wir sind derart besessen von momentanen Feindseligkeiten, dass wir häufig vergessen, wie viel die Menschheit verbindet. Vielleicht brauchen wir eine universelle Bedrohung von außen, damit wir uns dieser Gemeinsamkeiten wieder bewusst werden. Manchmal überlege ich, wie schnell alles, was uns trennt, null und nichtig wäre, wenn es eine Bedrohung unseres Planeten durch Außerirdische gäbe.

Ronald Reagan

(Ehemaliger Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika in einer Rede vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen am 21. September 1987)

1. TAG: PROSSER, WASHINGTON

RAUSCHEN

Ich erwache von einem schrillen Kreischen.

Es klingt wie gegeneinanderschlagendes, sich verkantendes Metall, aber tausendfach verstärkt. Ich fahre aus den Kissen hoch und presse mir die Hände auf die Ohren. Mir platzt fast der Kopf. Der Lärm wird immer schlimmer. Ich stolpere aus dem Bett, kann mich aber nicht auf den Beinen halten. Der Druck gegen die Stirn ist so unerträglich, dass ich mir am liebsten das Gehirn rausreißen würde. Mir bleibt nur eins. Schreien, in der Hoffnung, dass damit der Lärm, der mich im Dunkel des Zimmers fast umbringt, erstickt wird.

Plötzlich ist es still.

Angespannt warte ich darauf, das Kreischen wieder zu hören, doch nichts geschieht. Stattdessen nehme ich ein leises Summen in meinem pulsierenden Kopf wahr. Ich stehe auf und lehne mich an die Wand. Gerade denke ich, Was zum Teufel, als im Flur das Licht angeht. Kurze Zeit später wird meine Tür aufgestoßen und Dad steht auf der Schwelle. Er atmet flach und schnell. Seit letztem Herbst hat er einen Herzschrittmacher. Hoffentlich hat er keinen Infarkt erlitten.

»Alles in Ordnung, Josh?«, fragt er.

Seine Stimme zittert, aber er klingt nicht so, als müsste er künstlich beatmet werden.

»Mein Kopf tut weh«, antworte ich.

»Mir dröhnen auch immer noch die Ohren.«

Erst nach einer Weile fragt er: »Darf ich reinkommen?«

»Klar«, sage ich, während ich eine Jogginghose vom Boden fische und sie mir über die Boxershorts ziehe. »Aber stolpere nicht.« Über dem Schreibtischstuhl hängt ein Sweatshirt. Ich ziehe es mir ebenfalls über.

Dad schaltet das Licht ein und bahnt sich vorsichtig einen Weg durch das Minenfeld aus Kleidungsstücken, gebrannten CDs, Spielemagazinen und diversen Audiokabeln bis zum Fenster. Er trägt eine rote Schlafanzughose und ein weißes T-Shirt, auf dem ein nasser Fleck mit braunen Fäden prangt. Der Geruch, der mir entgegenschlägt, als er an mir vorbeigeht, lässt darauf schließen, dass es sich um das bereits verdaute Abendessen von gestern handelt. Er blickt in den beginnenden Tag hinaus und kratzt sich am Hintern. Ich weiß, dass er insgeheim gerade Luftdruck und Wolkendecke analysiert. Für mich gibt es da nichts zu berechnen – alles sieht nach einem weiteren windigen und regnerischen Frühlingsmorgen aus.

»Was war das gerade?«, frage ich.

»Keine Ahnung.«

»Ein Autounfall?«

»Nein, dafür hat es zu lange gedauert. Das muss etwas anderes gewesen sein«, erwidert er, während er noch immer aus dem Fenster blickt.

»Als wäre es in meinem Kopf gewesen.«

Er dreht sich zu mir um. »Bei mir war es genauso.«

»Aber was war das bloß? Ich hatte Angst, mein Kopf würde explodieren.«

»Vielleicht ein Problem mit der Heizungspumpe.«

Das glaube ich nicht. Ich gehe zum Schreibtisch und nehme den Telefonhörer ab. Kein Ton. Da Telefon und Internet bei uns über eine einzige Verbindung laufen, bedeutet das, auch kein Web. Super. Und wie soll ich jetzt den Rest meiner Hausaufgaben machen?

»Kann die Heizungspumpe gleichzeitig das Telefon lahmlegen?«, frage ich.

»Das ist nur eine Theorie«, erwidert er und setzt sich auf die Bettkante.

In meinen Beinen spüre ich wieder Kraft und das Summen in den Ohren ist fast vollständig verschwunden. Ich blicke auf die Digitalanzeige des Weckers auf meinem Nachttisch.

5:03 Uhr.

Eigentlich hätte ich noch eine Stunde schlafen können. Dann wollte ich noch kurz für den Geschichtstest in der ersten Stunde lernen, aber jetzt kann ich den Stoff nicht online abrufen. Dieser Tag fängt schon beschissen an. Flüchtig kommt mir ein Gedanke, den ich weiterverfolgen sollte, doch mein schmerzender Kopf ist dazu nicht in der Lage.

»Versuch mal, das Radio einzuschalten«, schlägt Dad vor.

Ich stelle es an. Nichts als Rauschen auf allen Kanälen, ein seltsam unstetes, fiependes Rauschen. Ich versuche Mittelwelle. Genau das Gleiche. Das Geräusch erinnert mich an den unerträglichen Lärm von eben. Ich schalte das Radio wieder aus. Gut, dass Mama auf einer Konferenz ist. Sie würde sonst bestimmt vollkommen ausrasten.

Doch auch ich fühle mich immer unwohler, als würde mir etwas bevorstehen, aber ich weiß nicht, was. Mein Blick fällt auf die Jeans, die ich gestern anhatte, und ich ziehe mein Handy aus der Tasche. »Um wie viel wollen wir wetten, dass dieses Telefon auch nicht funktioniert?« Ich klappe es auf und wähle unsere Festnetznummer. »Geht nicht«, sage ich.

»Das ist in der Tat sehr ungewöhnlich.«

»Findest du?«

Er sieht mich gequält an.

»Bei so einem Lärm«, fällt mir plötzlich auf, »müsste Dutch doch eigentlich wie wild bellen?«

»Vielleicht.«

»Ich sehe mal nach, ob mit ihm alles in Ordnung ist.«

Dad erhebt sich.

»Und ich prüfe die Heizung.«

Die untere Etage ist dunkel, doch das Morgengrauen reicht aus, um zu erkennen, wohin ich trete. Zunächst gehe ich ins Wohnzimmer und blicke aus dem großen Panoramafenster. Wir wohnen in einer ruhigen Sackgasse mit wuchernden Hecken und ausgeblichenen Lattenzäunen. Um diese Uhrzeit müssten die meisten Nachbarn eigentlich noch schlafen, doch überall brennt Licht. In dem Mehrfamilienhaus auf der gegenüberliegenden Straßenseite ist es so hell wie abends zur Essenszeit. Zwei Stunden vor dem Frühstück ist das ungewöhnlich. Offenbar sind wir nicht die Einzigen mit einer kreischenden Heizung.

Anschließend gehe ich in die Küche, wo noch der Geruch vom gestrigen Abendessen in der Luft hängt – Dads misslungene Zwiebelsuppe. Die Uhr in der Mikrowelle zeigt 5:05 an. Wieder kommt mir der Gedanke in den Sinn, den ich vorher schon einmal hatte, und dieses Mal lasse ich ihn nicht gleich wieder entschwinden. Seit dem Lärm sind wahrscheinlich ungefähr fünf Minuten vergangen. Ich frage mich, ob es genau um fünf Uhr geschehen ist. Ich bin mir sicher, dass es etwas zu bedeuten hat, doch weiter komme ich auch dieses Mal nicht.

Von drinnen sehe ich Dutch zusammengerollt auf seiner Decke neben der Verandatür liegen. Er ist ein nervöser Mischling mit treuen Augen, der normalerweise bei jeder Kleinigkeit anfängt zu bellen, und sei es, weil er ein Eichhörnchen im Baum entdeckt. Ich klopfe gegen die Scheibe. Dutch öffnet ein Auge, wedelt einige Male mit dem Schwanz und schläft dann weiter. Das ist nicht normal.

Dad kommt rein und stellt sich neben mich. »Dutch hat es anscheinend nicht gehört«, stellt er gähnend fest. Der Klang seiner Stimme passt nicht zu meinem unguten Gefühl.

»Die Nachbarhunde bellen auch nicht.«

Dad kratzt sich am Kopf.

»Was ist mit der Heizung?«

»Läuft wie geschmiert.«

Wir sehen uns schweigend an.

Vögel fliegen von Ast zu Ast. Ein Windstoß fegt Blätter über die Veranda. Gewitterwolken türmen sich auf und verdunkeln den ohnehin düsteren Himmel. Man hat das Gefühl, die Sonne würde unter- und nicht aufgehen. Plötzlich durchbrechen Sirenen die Stille. Ein Krankenwagen und die Feuerwehr sind irgendwo in der Nähe unterwegs. Davon wird Dutch wach. Als er uns sieht, springt er sofort auf und presst seine Schnauze gegen die Scheibe.

Ich greife nach der Türklinke.

»Warte mal, Josh!«, hält mich Dad zurück und klingt so entschlossen, dass ich auf der Stelle innehalte.

Er schaut nach oben. Ich folge seinem Blick.

Mir bleibt die Luft weg und ich bekomme den Mund nicht mehr zu.

Aus den Wolken gleitet, lautlos wie eine Spinne aus ihrem Netz, eine riesige, runde Kugel herab.

Sie ist mehr als einen Kilometer entfernt, doch selbst aus dieser Distanz ist sie so groß, dass die Häuser darunter wie Miniaturen erscheinen. Ich mache mich auf das Schlimmste gefasst und sehe bereits zerquetschte Gebäude mit Menschen darin vor mir. Doch die Kugel kommt deutlich oberhalb der Baumkronen zum Stillstand, ungefähr 150 Meter über dem Boden. Lautlos schwebt sie in der Luft.

»Heiliger Bimbam«, flüstert Dad, der weiter östlich bereits eine weitere schwarze Kugel dieser Art gesichtet hat. Wenig später taucht eine dritte auf. Innerhalb einer halben Minute ist der Himmel voll mit diesen schwarzen, runden Objekten. Dutch kratzt an der Scheibe, ohne zu merken, was über ihm geschieht.

Die Kugeln beginnen sich zu drehen.

Plötzlich, wie abgesprochen, senden sie blitzartige, weiß-blaue Lichtstrahlen aus, die sich in immer schmalere Strahlen aufspalten wie Zweige eines Baums. Einige gehen in die Luft, die meisten jedoch schlagen in den Boden ein. Zwei Autos jagen über den Horse Heaven Hill. Ein Blitz und beide sind verschwunden. Keine Explosion, kein Feuerball. Einfach weg.

»Dad!«, brülle ich.

Kopfschüttelnd starrt er aus dem Fenster und murmelt: »Nein, das kann nicht sein, nein.«

»Ich geh mal nachsehen, wie es vorne aussieht.«

Durch Küche und Flur hindurch renne ich ins Wohnzimmer und blicke dort aus dem Fenster. Über dem Mehrfamilienhaus dreht sich ebenfalls eine dieser schwarzen Kugeln. Sie blitzt am Straßenrand parkende Autos weg. Ein Hund trottet mit hängender Leine vorbei.

Mitten im Wendehammer liegt ein Fahrrad auf der Straße, daneben auf dem Asphalt sehe ich einen Helm und Zeitungsrollen.

Das Rad gehört Jamie, unserer Zeitungsfrau.

Ich öffne die Haustür und lasse den Blick über unseren Vorgarten und die Straße schweifen.

»Jamie!«

Nichts.

»Jamie!«

Rechts von mir höre ich ein leises Stöhnen. Vier Autos und ein verbeultes Wohnmobil parken in der Sackgasse. Am dichtesten steht ein weißer Honda. Dahinter kauert Jamie, um vor dem runden Objekt am Himmel in Deckung zu gehen. Bis zu den Stufen vor unserem Eingang sind es knapp vierzig Meter.

Ein Lichtblitz und zwei der Autos sind fort.

»Jamie, schnell!«

Sie sieht mich an. Auf ihrer Stirn prangt eine Platzwunde und die Wange ist blutverschmiert.

Noch ein Blitz. Auch das Wohnmobil ist verschwunden.

Sie zögert noch eine Sekunde, dann richtet sie sich auf und läuft. Doch offenbar kann sie ihr linkes Bein nicht richtig bewegen und stolpert fast. Sie findet ihr Gleichgewicht wieder, hastet weiter und stolpert abermals. Gerade will ich ihr zur Hilfe eilen, als mich zwei Arme von hinten in die Zange nehmen. Brüllend werde ich ins Haus zurückgezerrt.

Jamie hat unsere Auffahrt erreicht. Unsere Blicke treffen sich.

Dann verschwindet sie, während sie noch läuft, im weiß-blauen Licht eines Blitzes.

1. TAG: LOS ANGELES, KALIFORNIEN

BLITZLICHTER

Sie versucht mich zu wecken. »Megs? Komm schon, Schätzchen.«

Ich ignoriere sie.

»Megs. Wach auf.«

Mom nicht zu beachten ist genauso schwierig, wie einen fürchterlichen Juckreiz zu ignorieren. Sie rüttelt an meinem Schlafsack.

»Schätzchen, nun wach schon auf!«

Ich weiß, dass sie keine Ruhe geben wird. Und wenn ich mich weiter schlafend stelle, wird sie wütend und das möchte ich auf jeden Fall vermeiden. Also öffne ich die Augen. »Okay, okay! Ich steh’ ja schon auf.«

Vom Vordersitz aus sieht sie mich an. Sie ist perfekt geschminkt: zimtrote Lippen, brauner Eyeliner, die Haare zurückgekämmt und hochgesteckt. Sie sieht aus, als hätte sie sich stundenlang gestylt. Ihr blaues Satintop zeigt mehr Busen, als ich je bei ihr gesehen habe. Ich schnuppere. Ihr blumiges Parfum mischt sich mit dem Geruch der schmutzigen Wäschestapel im Fußraum hinten.

»Es tut mir leid, Megs, aber ich muss los.«

Sie muss los? Jetzt bin ich hellwach.

»Aber wohin?« Ich setze mich im Rücksitz auf, reibe mir den Schlaf aus den Augen und blicke auf die Digitaluhr, die am Armaturenbrett klebt. Im Dämmerlicht ist sie schwer zu lesen.

4:48 Uhr.

»Warum stehen wir jetzt schon auf?«

»Ich weiß, dass es noch früh ist, Schätzchen, und es tut mir leid, aber ich bin in Eile und ich muss mit dir vorher noch reden.«

Der Tag hat kaum begonnen und Mom hat sich schon zwei Mal entschuldigt? Das ist Rekord. Irgendetwas stimmt nicht. Ich muss wissen, was los ist. Wir sind an einem mir unbekannten Ort voller Schatten und viel Beton. Neben uns parkt ein blaues Auto und irgendwo dahinter ist eine grüne Tür zu sehen, auf der EINGANG HOTEL steht.

»Wo sind wir?«

»In einer Parkgarage.«

»Eines Hotels?«

»Ja. Aber ich …«

»Ich dachte, wir wollten am Strand schlafen.«

»Uns ist das Benzin ausgegangen, erinnerst du dich?«

Stück für Stück fällt es mir wieder ein. Wie wir nach Mitternacht in L. A. ankamen, der Tank war bereits auf Reserve. Wie wir uns verfahren haben. Dieses Hotel gesehen haben. Wie Mama in die Parkgarage gefahren ist, schnell ihre Frisur gerichtet, Lippenstift aufgelegt hat und dann in das Hotel gegangen ist, um nach dem Weg zum Strand zu fragen. Wie ich offenbar irgendwann eingeschlafen bin, aber mitbekommen habe, wie Mama mir einen Gutenachtkuss gegeben hat. Ihr Atem stank nach Bier und Zigaretten.

»Warum müssen wir los? Warum bist du so gestylt?«

»Das will ich dir ja gerade erklären. Ich muss jetzt sofort zu einem Bewerbungsgespräch.«

»Zu einem Bewerbungsgespräch?« Mir rutscht das Herz in die Hose. »In dem Aufzug?«

»Ja, mein Schatz, und jetzt musst du mir gut zuhören.«

Plötzlich ist auch das noch fehlende Puzzleteil wieder da. Der flüsternde Mann.

»Du triffst ihn, stimmt’s? Den Mann, mit dem ich dich vor dem Auto habe flüstern hören?«

»Er hat uns das Abendessen bezahlt«, sagt sie, ohne mich anzusehen.

»Die Chicken Wings?«

Ich erinnere mich, wie sie miteinander rumgemacht haben. Er hatte schütteres graues Haar und einen Bart.

Sie holt tief Luft und spielt mit ihrem Armband. Für eine Zigarette würde sie jetzt alles geben. Dann beugt sie sich vor und schaltet ohne Vorankündigung von soft auf hart um. Ihre grünen Augen wirken plötzlich kalt.

»Ich habe für so was keine Zeit. Verstanden, Megs? Jetzt sei still und hör mir endlich zu. Du musst genau das tun, was ich dir sage.«

Sie hält inne und lässt ihre Worte wirken. Schmollend verkrieche ich mich in meinem Schlafsack.

»Du wartest im Auto und gehst nirgends hin. Die Türen bleiben geschlossen und du öffnest sie für niemanden. Für niemanden. Hast du das verstanden?«

»Nicht einmal für die Polizei?«

Sie blinzelt. Ich habe einen Nerv getroffen. Mit der Polizei stehen wir zurzeit auf Kriegsfuß. »Ich bin nur eine Stunde weg«, sagt sie dann.

»Eine ganze Stunde! Wohin gehst du?«

»In ein anderes Hotel.«

»Warum führt ihr das Gespräch nicht in diesem Hotel?«

»Weil dieses Hotel kein … Café hat.«

Was sie sagt, macht absolut keinen Sinn. »Kein Café? Um was für einen Job handelt es sich denn?«

Hinter uns hält ein Auto – ein weißer Mercedes mit abgedunkelten Scheiben. Ich kann den Fahrer nicht sehen, aber ich weiß, dass er es ist, der flüsternde Mann. Sie greift nach ihrem Portemonnaie.

»Warum fahren wir jetzt nicht einfach nach San Diego?«, frage ich, obwohl ich weiß, dass sie sich nicht aufhalten lassen wird, aber ich muss es versuchen. »Wir können doch …«

»Schätzchen, hör auf«, unterbricht sie mich lächelnd. »Wir haben kein Benzin, erinnerst du dich?«

Jetzt sind wir wieder bei soft. »Und mach nicht das Radio an, okay? Sonst ist die Batterie leer und das können wir um Himmels Willen nicht auch noch gebrauchen. Und denk dran, bleib … im … Auto. Wenn ich zurückkomme, habe ich Geld und wir können tanken und uns ein riesiges Frühstück bei Denny’s gönnen, okay?« Der Mercedes heult hinter uns auf. Sie beugt sich über mich, küsst mir aufs Haar und flüstert: »Und dann gehen wir zum Strand, versprochen.« Ihr Parfum wabert wie eine Wolke aus Rosenblättern um mich herum. Sie prüft im Rückspiegel ihren Lippenstift, zupft sich noch einmal die Bluse zurecht, öffnet die Tür und steigt aus.

Auf ihren hochhackigen Schuhen geht sie zu dem Mercedes. Das Klappern der Absätze hallt von den Betonwänden wider. Plötzlich bleibt sie stehen und dreht sich um.

Sie hat ihre Meinung geändert!

Sie kommt zurück zum Auto und klopft gegen das Fenster. »Schließ ab«, kann ich von ihrem Mund ablesen. Sie zeigt auf den Knopf. Als ich ihn hinunterdrücke, lächelt sie. Mit ihren zimtrot angemalten Lippen haucht sie mir einen Kuss zu. Doch in ihren Augen ist ein feuchtes Schimmern zu sehen, das nicht zu ihrem Lächeln passt. Was auch immer sich hinter diesem »Bewerbungsgespräch« verbirgt, ich weiß, dass sie den Job eigentlich nicht haben will.

Ich bin zwar erst zwölf, aber dumm bin ich deshalb nicht.

Ich drehe mich um und sehe ihr durch die mit Klebeband geflickte Rückscheibe nach, wie sie abermals auf den Mercedes zugeht. Selbst in einer schmutzigen Parkgarage ist sie hübsch. Groß und dünn, mit engem, rotem Rock – wie eine Prinzessin. Sie öffnet die Beifahrertür und sagt etwas zu dem Fahrer. Er hat graue Haare und einen Bart. Ohne sich noch einmal umzudrehen, steigt sie ein. Der Mercedes entschwindet ins Morgengrauen.  

Was nun?

Ich bin hellwach. Ich muss pinkeln, habe aber die strikte Anweisung im … Auto … zu … bleiben. Großartig. Eine Stunde kann ich es nur aushalten, wenn ich mich irgendwie ablenke. Vielleicht mit einem Spiel. Ich habe ein gutes Zeitgefühl. Wenn ich einmal auf die Uhr schaue, bin ich mir sicher, wann fünfzehn Minuten vorbei sind, plus minus fünf Sekunden. Meine beste Freundin Jessica findet es fast unheimlich, dass ich immer weiß, wie spät es ist. Sie nennt das »Kopfuhr«. Wenn ich eine übernatürliche Fähigkeit habe, dann wohl diese. Ich beschließe, die Minuten hinunterzuzählen, bis Mom zurückkommt. Und los … Neunundfünfzig.

4:58 Uhr.

Ich mustere unser heruntergekommenes, altes Auto, einen 78er Chevrolet Nova mit daumengroßen Rissen im Armaturenbrett. Der Aschenbecher quillt fast über von zerdrückten Marlborokippen mit Lippenstift daran. Die leeren Chipstüten mit Jalapeño-Geschmack, die sich in den letzten drei Tagen angesammelt haben, liegen im Fußraum. Ich sitze in einem Schlafsack, der wer weiß wie lange nicht mehr gewaschen wurde. Mom schläft unter einer dünnen gelben Decke mit Brandlöchern. Obwohl ich mich frage, ob sie überhaupt schläft.

4:59.

Ich versuche, mich daran zu erinnern, wo wir vor zwei Tagen übernachtet haben.

Ach ja, an der ersten Raststätte hinter der kalifornischen Grenze. Die ganze Nacht hat es nach Diesel gestunken. Aber es war nicht so unheimlich wie hier. Es war heller. Hier gibt es durch die vielen Autos viele dunkle Stellen, die man nicht einsehen kann. Zwei Reihen weiter in der Ecke fällt mir ein dicker, schwarzer Geländewagen auf. Er ist so groß, dass das Auto daneben wie ein Spielzeug aussieht. Ich wünschte, so einen Wagen hätten wir. Darin wäre viel mehr Platz …

5:00

Tausende Dämonen kreischen plötzlich in meinem Kopf.

Endlich ist es vorbei. Ich zittere am ganzen Körper, meine Ohren schmerzen und ich habe das Gefühl, das Auto würde sich drehen. Da ich nicht weiß, was ich tun soll, vergrabe ich den Kopf im Schlafsack und hoffe, dass es nicht wieder losgeht. Wo ist Mom? Warum ich? Bin ich krank? Diese Fragen schwirren mir im Kopf herum – als ich ein neues Geräusch wahrnehme.

Sirenen.

Nicht ein oder zwei. Hunderte. Ich setze mich aufrecht hin und sehe mich um. Überall blitzt es wie bei einem Gewitter, nur ohne Donner. Obwohl Mom es mir verboten hat, schalte ich das Radio an. Außer einem Rauschen ist nichts zu hören, egal welchen Sender ich einstelle. Dann kommen plötzlich Menschen in die Parkgarage gerannt.

Zuerst nur vereinzelt, dann strömen sie mit vor Angst weit aufgerissenen Augen nur so herein. Männer in Schlafanzügen, Frauen in Nachthemden mit schluchzenden Kindern im Schlepptau. Ein nur mit T-Shirt und Boxershorts bekleideter Typ läuft zu dem blauen Auto neben unserem, holt eine Pistole heraus, rast über die Rampe zum Ausgang und beginnt draußen in die Luft zu schießen. Ein Lichtblitz und er ist verschwunden. Autos werden gestartet, Motoren heulen auf. Einige Leute versuchen hinauszufahren, andere versuchen sie daran zu hindern. Eine Mutter mit zwei kleinen Kindern, einem Jungen und einem Mädchen, hastet auf den Geländewagen zu. Auf dem Weg verliert das kleine Mädchen ihren Stoffhasen. Sie will zurückzulaufen, doch ihre Mutter hebt sie hoch und verfrachtet das schreiende Kind in den Wagen.

Hupen mischen sich unter die Sirenen.

Ein Mann stolpert und stürzt.

Autos fahren über ihn hinweg wie über eine Bremsschwelle. Ich rufe, dass sie anhalten müssen, doch niemand hört mich. Irgendwo zersplittert Glas, und Metall prallt aufeinander – noch mehr Schreie schallen über das Parkdeck. Mit quietschenden Reifen rasen die Autos aus den höheren Ebenen nach unten und rammen die auf unserer Ebene stehenden Fahrzeuge. Ein Lieferwagen nimmt mit hoher Geschwindigkeit den hinteren Kotflügel des Geländewagens mit, der gerade versucht rückwärts auszuparken, und demoliert damit die Seite eines anderen Autos. Der Geländewagen ist eingekeilt. Kurze Zeit später kriechen die Mutter und ihre Kinder aus der Beifahrertür. Das kleine Mädchen blutet an der Stirn. Die Mutter blickt in Richtung Ausgang, wo die Autos reihenweise in Lichtblitzen verschwinden. Ein roter BMW macht eine Vollbremsung. Doch er rutscht halb auf die Straße und ist im nächsten Moment ebenfalls ausgelöscht. Die Mutter nimmt ihre Tochter auf den Arm und rennt mit ihr zum Hoteleingang. Der Junge bleibt stehen und dreht sich um, als hätte er etwas vergessen, doch die Mutter greift ihn am Arm und zieht ihn hinter sich her. Sein Gesicht ist vom Schreien verzerrt.

Es riecht nach verbranntem Gummi, Abgasen, Benzin – und dann spüre ich plötzlich, wie es in meinem Schlafsack warm und nass wird.

Tränen laufen mir über die Wangen. Ich drücke das Gesicht gegen die Fensterscheibe. Der Lärm draußen saugt alles auf, sogar die Luft. Ich habe das Gefühl zu ersticken und kauere mich auf den Rücksitz. Dabei schließe ich die Augen so fest, dass sie schmerzen. Doch ich sehe die Bilder noch immer vor mir – den am Boden liegenden Mann, über den die Autos achtlos hinwegfahren. Und diese fürchterlichen blendenden Lichtblitze.

2. TAG: PROSSER, WASHINGTON

DER MANN MIT DEM MEGAFON

Ich nenne sie PODs, kurz für Pearls of Death, Perlen des Todes. Perlen deshalb, weil sie mich an ein Paar Ohrhänger erinnern, die ich Mama letztes Jahr zu Weihnachten geschenkt habe. In jedem Ohrring befand sich eine einzelne Perle – glatt, rund und pechschwarz. Sie waren nicht sehr groß, aber wenn man sie aus dem richtigen Winkel betrachtete, schimmerten sie mysteriös. Wenn man die PODs lange genug durch ein Fernglas beobachtet, stellt man fest, dass sich in ihnen etwas bewegt. Schattenhafte Umrisse sind zu sehen. Dad meint, er sehe nur Weltraummetall.

Was den Tod angeht, muss ich nur die Augen schließen. Dann sehe ich Jamies Gesicht mit den weit aufgerissenen Augen vor mir, den Mund zu einem stummen Schrei verzerrt. In einem Moment war sie noch da, im nächsten schon nicht mehr. Als wäre sie ausgelöscht worden.

Wir haben die PODs heute nach dem Frühstück gezählt. Ich kam auf einhundertachtundzwanzig. Dad auf einhundertzweiundzwanzig. Er trägt eine Brille und ich nicht, daher kommt womöglich der Unterschied. Außerdem kann man sich leicht verzählen, weil Wolken vorbeiziehen, und schwupps bemerkt man plötzlich eine weitere dieser Kugeln. Wenigstens scheinen sie ihre Position nicht zu verändern, das hilft. Wir einigen uns auf den Mittelwert. Dad schreibt in ein Notizbuch: 15. Mai, 8:55 Uhr morgens – 125 PODs.

Wir sitzen am Frühstückstisch und diese seltsamen Kugeln drehen friedlich vor dem Fenster Pirouetten. Dutch döst neben der Verandatür.

»Wie lange wollen wir sie eigentlich noch zählen?«, frage ich kopfschüttelnd.

»Jeden Tag.«

»Und warum?«

»Um zu sehen, was sich verändert.«

»Und warum?«

»Vielleicht finden wir was raus.«

»Was denn zum Beispiel?«

Er zeichnet eine x- und eine y-Achse und markiert sie mit Tage und PODs.

Dann schreibt er 125 unten an die vertikale Achse.

»Also was?«, frage ich noch einmal.

»Was sie als Nächstes vorhaben.«

»Was sie als Nächstes vorhaben? Jetzt hör aber auf, Dad!« Ich schlage mit der Hand auf den Tisch. Die Teller klirren und der Salzstreuer fällt um. Weiße Körnchen verteilen sich auf dem Tisch. »Ich kürze die Sache mal für dich ab. Als Nächstes zermalmen sie uns wie stinkende Käfer.« Fast wäre mir ein anderes Adjektiv rausgerutscht. Aber er flucht nie, deshalb verkneife ich es mir in seiner Gegenwart.

»Das wissen wir nicht«, sagt er.

»Stimmt. Sie sind zum Vergnügen hergekommen, wegen der schönen Aussicht. Und vielleicht, um bei der Gelegenheit ein paar Autos einzusammeln.«

Er blinzelt hinter seinen Brillengläsern, sagt aber nichts.

»Kannst du mit deiner Statistik auch herausfinden, wie wahrscheinlich es ist, dass Mom noch am Leben ist?«

Ich wünschte, ich könnte die Worte wieder in meinen Mund einsaugen und ungesagt machen. Doch jetzt sind sie draußen und haben sich in seinen Gedanken festgesetzt. Er legt den Bleistift hin, nimmt seine Brille ab und schließt das Notizbuch. Auf dem Tisch steht noch das schmutzige Frühstücksgeschirr. Erkaltetes Ei klebt auf den Tellern wie gelbes Gummi. Dad stellt den Salzstreuer wieder auf, die ausgekippten Körner lässt er jedoch unbeachtet. An einem normalen Tag wäre ihm das nicht durchgegangen. Sobald die Mahlzeit beendet ist oder jemand gekleckert hat, beginnt er sofort aufzuräumen und zu wischen. Mom sagt, Ingenieure brauchen Ordnung. Er kann nicht anders.

»Das Thema hatten wir bereits«, sagt er schließlich, »aber wir können uns gern noch einmal darüber unterhalten. Es hat keinen Zweck, uns über etwas Sorgen zu machen, das außerhalb unseres Einflussbereichs liegt. Wir sollten davon ausgehen, dass es ihr gut geht und sie versucht, nach Hause zu kommen.«

Mein Vater hat viele Sprüche auf Lager, die mich nerven, aber diese »Außerhalb-unseres-Einflussbereichs«-Leier ist eine der schlimmsten. Damit foltert sein logisch denkendes Erwachsenenhirn mein frei schwebendes, verantwortungsloses Teenagerhirn.

Wie gestern.

Sobald wir relativ sicher waren, dass es die PODs (noch) nicht auf die Häuser abgesehen hatten, habe ich den ganzen Tag versucht, Mama zu erreichen. Nach einigen Stunden sagte Dad, das sei Zeitverschwendung, da sie alle Frequenzen blockieren würden. Es ist zum Verzweifeln. Wir haben Strom und fließendes Wasser, aber alles, was mit Kommunikation zu tun hat, funktioniert entweder nicht oder man hört dieses unheimliche sphärische Rauschen. Aber ich habe trotzdem weiter durch alle Fernsehkanäle gezappt, bis Dad den Stecker gezogen hat. »CNN gibt es nicht mehr«, war sein einziger Kommentar dazu.

Später, nach dem Abendessen, habe ich ihn gefragt, warum er sich nicht stärker um Mom sorgen würde. Daraufhin hat er mir seine fünfzehnminütige »Außerhalb-unseres-Einflussbereichs«-Rede gehalten. In einem Satz zusammengefasst ist er der Ansicht, dass wir an Moms Situation im Moment ohnehin nichts ändern können, deshalb sollten wir uns auf uns selbst konzentrieren.

Jetzt zeichnet er seinen Graphen und ich kann dazu nur eins sagen: Bullshit, aber total.

»Dad, die PODs haben Autos, Trucks und jedes einzelne verdammte Flugzeug ausgelöscht. Wir sitzen alle in unseren Häusern fest, bis sie beschließen, die auch wegzubeamen. Sie haben unseren kleinen Planeten erobert, ohne auch nur einen Tropfen Schweiß zu vergießen. Meiner Meinung nach sind sie meilenweit außerhalb unseres Einflussbereichs.«

»Wir haben den Camry.«

Er treibt mich in den Wahnsinn. Ehrlich. In unserer Straße standen immer haufenweise rostige Wohnmobile, schrottreife Trucks und alte, dilettantisch überlackierte Chevrolets. Weg. Dads Golf – ausgelöscht. Nur der Ölfleck in der Einfahrt ist noch da. Moms Wagen hingegen steht abfahrbereit in der Garage. Aber wo sind die Cruise Missiles? Die F-16-Kampfjets? Die Atombomben? Das würde ich zu gerne wissen!

»Das soll also deine Geheimwaffe sein? Ein Toyota Camry Baujahr 1997 mit 50000 gelaufenen Kilometern und einem kaputten Radio?«

Er steht auf und stellt die Teller aufeinander. »Josh, wenn du die Kugeln nicht zählen willst, lässt du es. Ich werde dich nicht dazu zwingen.«

Ich sollte helfen, den Tisch abzuräumen, aber ich kann mich nicht dazu aufraffen. Ich sollte ihm auch sagen, dass ich weiterhin beim Zählen mitmache, aber auch dazu kann ich mich nicht durchringen. Deshalb bleibe ich sitzen und blicke stur aus dem Fenster, während er Teller und Gläser in die Spülmaschine stellt. Eine Katze streift auf der Suche nach Mäusen durch den Garten. Dutch beobachtet sie von der Veranda aus, ist aber zu faul, um sich zu bewegen. Ich weiß genau, wie er sich fühlt. In der Ferne fliegt ein Gänseschwarm zu einem Teich, den man von hier nicht sehen kann. Ein ganz normaler Frühlingsmorgen, wenn nicht die unheimlichen Raumschiffe der Aliens über der sumpfigen Landschaft schweben würden.

Und dann, als der Tag kaum noch besser werden kann, fängt der Mann mit dem Megafon an.

Wir haben ihn schon gestern Nachmittag gehört. Kurz nachdem die PODs aufgetaucht waren, fingen Hunderte Sirenen an zu heulen. Eine halbe Stunde später war es vorbei. Dann begannen die Leute Namen von Freunden oder Verwandten, die sie vermissten, aus dem Fenster zu rufen. Auch die ein oder andere Beschimpfung unserer ungeladenen Gäste war zu hören. Und natürlich fielen auch Schüsse – eine Weile hörte es sich an wie in einem Kriegsgebiet. Das machte Dutch nervöser als eine ganze Armee Eichhörnchen. Irgendwann wurde es ruhiger. Eine bedrückende Stille legte sich über die Gegend.

Doch dann trat er auf den Plan.

Ein Typ mit einem Megafon, der rief: »Der Hirte ist zu seiner Herde zurückgekehrt! Der Tag der Abrechnung steht unmittelbar bevor! Bereuet, ihr Sünder, und erhöret die Worte des Herrn!«

Stundenlang ging es so. Ab und zu zitierte er auch einen Bibelvers oder sang Teile eines religiösen Liedes. Die meiste Zeit jedoch wiederholte er wieder und wieder die Botschaft mit dem Hirten. Einige Leute brüllten nach draußen, er solle den Mund halten, andere riefen »Amen«. Ich habe mich mit einem Kissen über den Ohren schlafen gelegt.

Und jetzt ist er wieder da.

Dad wischt den Küchentresen ab. Er ist leer und glänzt so sauber, dass man sich darin spiegeln kann. Ich frage ihn: »Glaubst du an das, was er sagt?«

Dad antwortet: »Wenn Jesus kommt, dann nicht in einem Raumschiff.«

Er hört auf zu wischen, sieht mich an und sagt: »Wer auch immer sie sind, mit Gott oder Jesus haben sie sicher nichts zu tun.«

Vielleicht hat er recht, vielleicht auch nicht. Wie dem auch sei, ich stelle fest, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben etwas haben möchte, von dem ich nie wusste, dass ich es wollte.

Ein Megafon.

Dann könnte ich meine Meinung herausschreien und sehen, wie andere darüber denken.

2. TAG: LOS ANGELES, KALIFORNIEN

EIN LANGER, DUNKLER FLECK

Ich bin erschöpft vom Weinen. Und noch immer allein. Der Himmel ist voll von riesigen schwarzen Kugeln, die sich drehen und jeden töten, der blöd genug ist, nach draußen zu gehen. Zwei Mal habe ich das Auto bislang verlassen – einmal, um zu pinkeln, und dann noch einmal, um den Himmel anzusehen. Ein Blick hat mir genügt. Jetzt sitze ich wieder allein im Auto und starre aus dem Fenster wie eine Ratte im Käfig. Obwohl es nichts zu sehen gibt. Abgesehen von ineinander verkeilten Autos, Scherben und dem Geruch von auslaufendem Benzin ist die Parkgarage leer.

Und abgesehen vom Bremsschwellenmann.

Alles, was ich von hier sehen kann, sind seine Beine, die in einem unnatürlichen Winkel abgeknickt sind. Als ich das Auto kurz verlassen habe, war ich zu feige, um zu ihm zu gehen. Ich versuche, nicht hinzuschauen, hin und wieder geschieht es aber doch.

Mein Magen knurrt wie ein wütender Hund. Ich grabe die leeren Chipstüten aus dem Chaos im Fußraum aus. Ein paar Krümel und eine Handvoll salziges Japaleño-Puder kommen zusammen. Aber ich habe noch immer unbändigen Hunger und lecke die Innenseiten der Tüten ab. Keine gute Idee. Davon bekomme ich nur noch mehr Durst und die Wasserflaschen sind alle leer.

Was mich ganz verrückt macht, ist, dass sich im Kofferraum eine Kühltasche mit etwas zu essen und Getränken (hauptsächlich Bier, glaube ich) befindet, aber ich weiß nicht, wie ich da rankommen soll. Mom hat die Autoschlüssel mitgenommen und der Kofferraumöffner im Innenraum des Wagens funktioniert nicht mehr. Ich weiß zwar, wie man mit einem Montiereisen einen Kofferraum aufhebelt – ich habe Moms idiotischen Freund – Ex-Freund – Zack ein paarmal dabei beobachtet. Aber ich habe kein Montiereisen, und selbst wenn ich eins hätte, würde ich den Kofferraum damit beschädigen und Mom würde total ausflippen. Sie hat gesagt, sie würde zurückkommen, also warte ich. Aber wie lange? Wenn sie bis morgen früh nicht wieder da ist, dann breche ich in die anderen Autos ein und suche etwas zu essen. Ich könnte in das Hotel gehen, aber was dann? Ich habe kein Geld.

Am Nachmittag kommen zwei Männer, ein kleiner untersetzter Typ mit einem blauen Kapuzenpulli, auf dem vorne HOOTERS steht, und ein großer, hagerer Kerl mit langen, tätowierten Armen und einer Glatze. Sie diskutieren darüber, was mit dem Bremsschwellenmann geschehen soll. Der Große sagt, vergiss ihn. Der Kleine, dessen Gesicht ich wegen der Kapuze nicht richtig erkennen kann, meint, man solle die Leiche rausbringen. Sie machen Schere-Stein-Papier und der Kleine gewinnt. Also hieven sie den Toten zum Ausgang, heben ihn an Armen und Beinen hoch, zählen bis drei und wuchten ihn auf die Straße. Der Bremsschwellenmann berührt nicht einmal den Boden, da fährt ein Lichtblitz aus dem Himmel nieder und im nächsten Moment ist nur noch eine vertrocknete Blutlache von ihm übrig, ein langer dunkler Fleck. Danach bin ich nicht mehr hungrig.

Schließlich wird es Abend. Ich versuche zu schlafen. In dem engen Auto und wegen all dem, was passiert ist, fällt es mir nicht leicht, aber irgendwann gelingt es mir – für genau zwei Stunden, sieben Minuten und acht Sekunden. Zuerst sind Stimmen zu hören, dann zucken Lichtblitze auf, Scheiben werden eingeschlagen und die Alarmanlagen der umstehenden Fahrzeuge heulen los. Bald haben sich die Geräusche zu einem einzigen dicken Lärmknäuel vermengt. Ich traue mich nicht, aus dem Fenster zu schauen. Stattdessen vergrabe ich mich in meinem Schlafsack und warte, dass es vorübergeht. Jemand rüttelt an der Fahrertür, gleichzeitig schlägt jemand auf den Kofferraum. Fluchend entfernen sie sich wieder. Ich hätte mir in die Hosen gemacht, wenn ich vorher etwas zu trinken gehabt hätte. Wahrscheinlich haben sie nur Staub und das Klebeband gesehen und sich gedacht, dass es hier nichts zu holen gibt.

Als sie verschwunden sind, kann ich nicht mehr einschlafen. Die Alarmanlagen heulen immer weiter. Ich weiß zwar, dass sie irgendwann aufhören werden, aber der Lärm macht mich wahnsinnig – als würden die Autos um Hilfe rufen. Ich wickele mir ein altes Sweatshirt um den Kopf, um den Lärm auszuschalten, und versuche an etwas anderes zu denken. An Mom und ihr Versprechen zum Beispiel. An ein wunderbares, großes Frühstück bei Denny’s. Ich werde Erdbeerwaffeln mit extra viel Sahne nehmen und mit Butter, die an den Seiten heraustropft. Dann verteile ich darauf so viel Ahornsirup, dass die Waffel darin schwimmt. Mom wird sagen: »Willst du auch eine Waffel zu deinem Sirup?« Und falls wir genug Geld haben, bestelle ich mir auch noch einen Schokoladen-Milchshake. Und danach gehen wir zum Strand.

Ich war noch nie am Strand. Zumindest nicht an einem Strand am Meer. Der stinkende feuchte Sand am Thompson-Teich, den die Leute als Strand bezeichnen, zählt nicht. Mom meinte, das Meer sei kalt um diese Jahreszeit, aber wenn ich schwimmen wolle, könne ich es tun. Sie hat mich davor gewarnt, die Augen unter Wasser zu öffnen, weil es salzig ist. Vielleicht gibt es dort auch Quallen, hat sie gesagt. Damit habe ich kein Problem. Alles, was ich will, ist in die Wellen springen.

Mom und ich, Erdbeerwaffeln und der Strand. Das sind Aussichten, für die es sich zu warten lohnt.

3. TAG: PROSSER, WASHINGTON

SCHMUTZIGE WÄSCHE

Heute ist Freitag. Ich liege auf dem Bett und denke darüber nach, was jetzt eigentlich anstehen würde. Ich müsste einen Aufsatz in »Amerikanische Literatur« abgeben und einen Chemietest schreiben. Ich hätte Lynn, die seit immerhin zwei Monaten meine Freundin ist, zur Chorprobe gebracht. Sie hätte mich für den Sadie-Hawkins-Tag eingeladen, an dem Frauen Männer um ein Date bitten, und ich hätte so tun müssen, als würde ich es mir überlegen, bevor ich zusage. Und vor allem werde ich in vier Tagen sechzehn, was bedeutet, dass ich normalerweise in fünf Tagen die Führerscheinprüfung machen würde. Mom sollte am Abend vor meinem Geburtstag von der Konferenz zurückkommen und der Weg zum gemeinsamen Pizzaessen sollte meine letzte Fahrstunde in dem alten Camry sein. Stattdessen bekomme ich eine Alien-Invasion zum Geburtstag. Was bin ich für ein Glückspilz. Doch da es ohnehin nicht sicher ist, ob ich morgen noch lebe, brauche ich mir über das alles keine Gedanken zu machen. Mich erinnert die Situation, in der wir uns befinden, seit wir in unseren Häusern festsitzen, an die »Sitting Ducks«, das Bild, auf dem drei Enten ahnungslos in der Sonne am Pool hocken und eine plötzlich Einschusslöcher hinter sich entdeckt.

Ein Klopfen an der Tür holt mich aus meinen depressiven Gedanken zurück. Dad kommt rein. Er hat einen Berg Kleidung auf dem Arm. »Hast du helle Sachen zu waschen?«, fragt er. »Ich stelle eine Maschine an.«

»Die Welt geht unter und du wäschst Wäsche?«, frage ich ungläubig.

»Ich habe Mom versprochen, dass wir sie nicht einfach liegen lassen, während sie fort ist«, erwidert er.

Das ist der Wahnsinn in Reinkultur. Er steht vor mir und bittet mich um meine schmutzige Wäsche. Ich setze mich auf und deute aus dem Fenster. »Glaubst du, die scheren sich einen Scheißdreck darum, ob wir saubere Unterwäsche tragen?«

Ich habe es getan! Ich habe ein Schimpfwort benutzt. Ich merke, wie Dad innerlich kocht.

Er schluckt und sagt dann: »Mir wäre sehr daran gelegen, wenn du nicht fluchen würdest.«

»In der Schule fluche ich die ganze Zeit«, antworte ich, »nur in deiner Gegenwart nicht.«

»Such bitte nach anderen Wegen, um deine Bedenken zum Ausdruck zu bringen.«

Bedenken? Darüber bin ich längst hinaus. »Warum?«, will ich wissen. »Was macht es denn noch aus, bei all dem Mist, der hier gerade vor sich geht?«

»Ich finde es enttäuschend«, antwortet er. »Und deine Mutter würde darüber genauso denken.«

»Dann werde ich euch noch öfter auf ganzer Linie enttäuschen.«

Er geht durch mein Zimmer und hebt diverse Kleidungsstücke auf, die ich nie wieder tragen werde, weder sauber noch schmutzig. Beim Hinausgehen bleibt er noch einmal stehen und sagt: »Ich bin mir sicher, dass es zahlreiche Gelegenheiten geben wird, bei denen wir uns gegenseitig enttäuschen können. Aber lass uns versuchen, nicht allzu bald damit zu beginnen.« Dann verlässt er den Raum und schließt leise die Tür hinter sich zu.

Zum Abendessen gibt es trocken gewordenes Brot mit Schinken, matschiges Obst und gummiartiges Gemüse. Wir vermeiden ernsthafte Themen und reden stattdessen belangloses Zeug. Dad stellt zum Beispiel fest: »Der Wind frischt auf«, und ich sage: »Ich wusste gar nicht, dass du Karotten salzt.« Es herrscht eine Art Waffenstillstand. Die meiste Zeit hört man nur das Klappern des Bestecks, während die Kugeln draußen vor dem Esszimmerfenster ihre lautlosen Pirouetten aufführen. Ich füttere Dutch ein paar Stückchen von meinem Brot. Dad sieht es, sagt aber erstaunlicherweise nichts.

Nach dem Abendessen fängt der Mann mit dem Megafon wieder an, seine Weisheiten über den Tag der Abrechnung zu verkünden.

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