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Wüstennächte

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1. KAPITEL

Selbst am äußersten Ende der Hotelterrasse war die Musik, die aus dem Ballsaal drang, noch deutlich zu hören. Doch die junge Frau, die in einem blauen Abendkleid an der Brüstung stand und zum Sternenhimmel emporblickte, war viel zu sehr in Gedanken versunken, um sie wahrzunehmen.

Die Palmen in dem Garten, der zu ihren Füßen lag, verbreiteten ihren süßlichen, an Lavendel erinnernden Duft, der sich mit jenem mischte, den der Wind über die hohen Mauern trug, hinter denen die Wüste begann.

Genauso widersprüchlich wie diese Düfte waren auch die Gefühle, mit denen die junge Frau dem kommenden Tag entgegensah. Schon als kleines Kind hatte sie in den langen und einsamen Nächten im Internat davon geträumt, eines Tages zur Oase von Fadna zu reisen, wo ihr Vater viele Jahre gelebt und mit den Gemälden, die an diesem Ort fernab der Zivilisation entstanden waren, seinen Ruhm als Künstler begründet hatte. Doch nun, da dieser Tag unmittelbar bevorstand, wurde die Vorfreude schmerzlich von der Trauer darüber getrübt, dass ihr Vater sie nicht mehr begleiten konnte.

Auf einer seiner zahlreichen Reisen hatte er sich eine mysteriöse Infektion zugezogen, die sämtliche Ärzte in Paris ratlos gemacht hatte. Und obwohl seine Tochter ihn ein ganzes Jahr liebevoll umsorgt und gepflegt hatte, war der einst stattliche und kräftige Mann zusehends verfallen und eines Tages einem Fieberanfall erlegen.

Wenn der Zwanzigjährigen überhaupt ein Trost blieb, dann der, dass sie keine finanziellen Sorgen hatte, weil Peter Morel ihr ein beachtliches Vermögen hinterlassen hatte. Doch auch das konnte ihr über den Verlust des geliebten Vaters nicht hinweghelfen, den sie umso schmerzlicher empfand, als ihre Mutter bereits vor vielen Jahren gestorben war.

„Da bist du ja, Lorna!“ Die vertraute Stimme des jungen Mannes riss sie aus ihren trüben Gedanken. „Ich habe dich überall gesucht. Du schuldest mir noch einen Tanz.“

„Habe ich dir nicht deutlich genug gesagt, dass ich nicht die geringste Lust habe zu tanzen?“

So barsch es klang, es war noch milde ausgedrückt. Schließlich hatte sie sich auf den Balkon begeben, weil ihr die aufgesetzte Fröhlichkeit und die belanglosen Gespräche im hell erleuchteten Ballsaal des Hotels unerträglich geworden waren.

Umso mehr fragte sie sich, warum Rodney Grant sich die Mühe gemacht hatte, sie, Lorna, zu suchen, wenn rund um die Tanzfläche genügend andere junge Frauen saßen, die einer Aufforderung zum Tanz liebend gern nachgekommen wären.

„Das schon“, erwiderte Rodney lächelnd, „aber du bist viel zu attraktiv, als dass ich mich so schnell geschlagen geben würde.“

Trotz der Dunkelheit meinte Lorna zu erkennen, dass er errötete. Insgeheim amüsierte es sie, wie sehr es einen erwachsenen Mann in Verlegenheit bringen konnte, einer jungen Frau Komplimente über ihr Aussehen zu machen.

Zumal er ihr nichts Neues sagte, denn Lorna war sich durchaus bewusst, wie sehr sie sich mit ihrem hellblonden Haar, den blauen Augen und dem schmalen, anmutigen Gesicht von ihren Altersgenossinnen abhob.

Doch auf dem Internat, in dem sie ihre Kindheit und Jugend verbracht hatte, hatte man ihr von früh auf beigebracht, die Menschen nicht nach solchen Äußerlichkeiten, sondern nach ihren inneren Werten zu beurteilen.

Entsprechend heftig reagierte sie, als Rodney unvermittelt näher trat und nach ihrer Hand fasste. Kaum spürte sie auch nur die leiseste Berührung, wandte sie sich ab und legte die Hände auf die Balustrade.

„Ich werde nie verstehen, warum man seine Zeit mit solchen oberflächlichen Belanglosigkeiten vertut, wenn wenige Meter entfernt die wirklichen Abenteuer lauern“, sagte sie bestimmt, während sie wehmütig den faszinierenden Sternenhimmel des Orients betrachtete.

„Das trifft sich gut“, stimmte Rodney ihr mit unüberhörbarem Schalk zu. „Ich bin der Letzte, der gegen ein kleines Abenteuer etwas einzuwenden hätte.“

„Leider muss ich dich erneut enttäuschen“, erwiderte Lorna, ohne ihn anzusehen. „Wenn ich von Abenteuern sprach, meinte ich damit alles Mögliche, aber nicht das, an was du offenbar denkst.“

„Ist es denn verwerflich, wenn ich in der Nähe einer begehrenswerten jungen Frau den dringenden Wunsch habe, sie zu umarmen und zu küssen?“, fragte er und stellte sich neben Lorna. „Ein Flirt kann etwas ungeheuer Romantisches sein, und wenn du mir nicht glaubst, will ich dich gern davon überzeugen.“

„Die Mühe kannst du dir sparen, Rodney Grant“, sagte sie eisig. „Anders als viele andere weibliche Gäste des Ras Jusuf bin ich nicht nach Yraa gekommen, um mir einen Mann zu angeln.“

„Willst du mir immer noch weismachen, dass du die weite Reise in den Orient auf dich genommen hast, nur um die Wüste kennenzulernen?“

„Selbst du wirst zugeben müssen, dass sie jede noch so große Mühe wert ist – was sich von den Männern, die mir bislang begegnet sind, nicht behaupten lässt. Und da ich mittlerweile ein Reitpferd gefunden habe, kann ich morgen früh endlich aufbrechen und mir meinen sehnlichsten Wunsch erfüllen.“

„Das kommt nicht infrage!“, platzte Rodney heraus. „Es wäre der reine Wahnsinn, allein in die Wüste zu gehen – erst recht für eine Frau. Dort draußen herrschen andere Gesetze als in Paris, Lorna“, fügte er nachdrücklich hinzu. „Du wärst nicht die erste Frau, die ihren Leichtsinn teuer bezahlt.“

„Deine Schauergeschichten kannst du jemand anderem erzählen“, erwiderte sie spöttisch. „Mein Vater hat viel zu lange in der Wüste gelebt, als dass ich das Märchen von den wilden Beduinen, die junge Mädchen in ihren Harem entführen, noch glauben könnte. Und selbst wenn ein Fünkchen Wahrheit daran sein sollte, droht mir nicht die geringste Gefahr“, ergänzte sie selbstsicher. „Ich wäre ihnen sicherlich viel zu schlank.“

„Und wenn sie es weniger auf dich als vielmehr auf dein Geld abgesehen haben?“, wandte Rodney erbost ein. „Du wärst nicht die erste Touristin, die entführt und erst gegen Zahlung eines horrenden Lösegelds freigelassen wird – wenn überhaupt.“

„Dann werden meine Entführer rasch einsehen müssen, dass sie einen denkbar schlechten Fang gemacht haben“, wies Lorna seinen Einwand amüsiert zurück. „Ich nage zwar nicht am Hungertuch, aber viel zu holen ist bei mir auch nicht.“

„Wie kann man nur so uneinsichtig sein?“ Rodneys ratloser Gesichtsausdruck verriet, wie sehr ihn Lornas Entschlossenheit verunsicherte.

Entsprechend leise war seine Stimme, als er schließlich weitersprach. „Ich kenne dich zwar erst wenige Wochen, aber lange genug, um sagen zu können, dass ich einer Frau wie dir noch nie begegnet bin. Du bist so anders als alle deine Altersgenossinnen – und damit meine ich beileibe nicht nur die Tatsache, dass du ungern tanzt. Es ist vielleicht nicht der richtige Zeitpunkt, es zu sagen, aber dir dürfte kaum entgangen sein, was ich für dich empfinde. Und weil du mir alles andere als gleichgültig bist, werde ich nicht zulassen, dass du in dein Verderben rennst.“

„Und was gedenkst du dagegen zu unternehmen?“, fragte Lorna kühl.

„Ich werde dich morgen zur Oase von Fadna begleiten.“

„Das wirst du schön bleiben lassen“, erwiderte sie barsch. „Bei dem, was ich vorhabe, wärst du mir nur im Weg.“

Lornas schroffe und unmissverständliche Erwiderung schien Rodney im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Gleichgewicht gebracht zu haben, denn er streckte die Arme aus und stützte sich auf der Brüstung der Terrasse ab.

„Ist das der Dank dafür, dass ein Mann dir offen gesteht, was er für dich empfindet?“, fragte er endlich.

„Es tut mir leid, wenn ich dir wehtun muss“, erwiderte Lorna ungerührt, „aber ich bin mir nicht bewusst, dir je irgendwelche Hoffnungen gemacht zu haben. Vielleicht tanze ich deshalb so ungern, weil ich es nicht mag, mir von einem Mann die Schritte vorschreiben zu lassen. Und in einer Beziehung, erst recht in einer Ehe ist es im Grunde genommen nicht anders. Letztlich ist sie doch nur ein Versprechen, auf dessen Einlösung man vergeblich wartet. Ich ziehe es vor, für mich selbst zu entscheiden und zu tun, was ich will. Ich will zum Beispiel im ersten Licht der Morgensonne im gestreckten Galopp durch eine einsame Landschaft reiten. Und genau das werde ich morgen früh machen.“

Rodney wirkte wie benommen, als er den Blick über die schlanke junge Frau im blauen Abendkleid gleiten ließ, die ihm plötzlich so fremd war wie eine Gestalt aus Tausendundeiner Nacht.

„Du musst selbst wissen, was du tust“, sagte er schließlich niedergeschlagen. „Von mir lässt du dich ja doch nicht umstimmen. Trotzdem solltest du eins bedenken, Lorna“, fügte er mit großem Ernst hinzu, „wer aus Eis ist, sollte sich davor hüten, in die Wüste zu gehen.“

2. KAPITEL

Als Lorna am nächsten Morgen das Hotel verließ, kündigte der im Osten rötlich gefärbte Himmel den nahen Sonnenaufgang an.

Kaum hatte sie den großzügigen Vorhof des Ras Jusuf erreicht, entdeckte sie den Stallburschen. „Salam aleikum“, begrüßte sie ihn in dessen Landessprache, doch ihr Blick galt einzig dem Fuchswallach, dessen Zügel er hielt.

„Salam aleikum“, erwiderte Mustafa und beobachtete mit einiger Skepsis, wie die junge Frau, die in ihrer Reitkleidung fast knabenhaft wirkte, eine Wasserflasche und etwas Proviant in der Satteltasche verstaute.

Doch seine Bedenken hinsichtlich Lornas abenteuerlichem Vorhaben schienen verflogen, als sie sich ebenso gekonnt wie elegant in den Sattel schwang.

„Chef lässt der Lella sagen, sie soll vorsichtig sein“, teilte er ihr in gebrochenem Französisch mit und überließ ihr die Zügel.

„Richte deinem Chef aus, dass ich vor Sonnenuntergang zurück bin“, erwiderte sie lächelnd, weil sie stillschweigend davon ausging, dass die Sorge des Stallbesitzers weniger ihr als vielmehr dem wertvollen Pferd galt.

Ohne eine Antwort abzuwarten, trieb sie den Fuchswallach an und ritt durch den großen Torbogen, der das Hotelgelände begrenzte. Im leichten Trab passierte sie die Palmen, die das ausgetrocknete Flussbett eines Wadis säumten, ehe sie das Pferd mit leichtem Schenkeldruck aufforderte zu galoppieren.

Als sie endlich die Wüste erreichte, machte sich ein grenzenloses Glücksgefühl in ihr breit. Die Sonne, die wie eine Scheibe allmählich am Horizont aufging, tauchte die unwirtliche Landschaft in betörende Farben, und das gleichmäßige Geräusch der Hufe auf dem steinigen Untergrund bestärkte Lorna in der Gewissheit, dass sie ihrem lang ersehnten Ziel näher kam.

Mit ihrem Vater hatte sie auch den letzten Halt verloren, der ihr geblieben war, und so erhoffte sie sich von ihrem Ausflug mehr als nur das Wissen darum, wie der Ort aussah, an dem er die vielleicht glücklichste Zeit seines Lebens verbracht hatte.

Vielmehr hatte sie die inständige und mitunter an Verzweiflung grenzende Hoffnung, an diesem fruchtbaren Fleckchen Erde inmitten der endlosen Einöde eine Antwort auf die Frage zu finden, wie sie ihr weiteres Leben gestalten sollte.

Denn nichts traf weniger auf sie zu als Rodneys Vorwurf, sie sei aus Eis. Das Gegenteil war richtig. Wie jede junge Frau kannte auch sie den Wunsch nach Zärtlichkeit und Geborgenheit, doch anders als die meisten ihrer Altersgenossinnen verabscheute sie jene beiläufigen und unverbindlichen Liebkosungen, die Rodney zu Recht als Flirt beschrieben hatte. Nicht minder verabscheute sie die Männer, die glaubten, mit einem flüchtigen Kuss, der zu nichts verpflichtete, ihr Herz erreichen zu können.

Noch hatte sie keinen Anlass, die Hoffnung aufzugeben, dass es auch andere Männer gab. Zu ihrem Leidwesen war sie jedoch bislang keinem begegnet, dessen Fantasie über plumpe Annäherungsversuche und leere Schmeicheleien hinausgegangen wäre. Doch ehe sie sich mit weniger zufriedengab, als ihr zustand, wollte sie lieber ihre Unabhängigkeit behalten, selbst wenn diese mitunter Züge von Einsamkeit trug.

Ähnlich ungeklärt wie ihre Zukunft in Hinsicht auf ihr Privatleben war auch die bezüglich ihres Berufslebens. Seit Längerem erwog sie, sich zur Krankenschwester ausbilden zu lassen. Nicht minder reizte sie der Gedanke, Medizin zu studieren oder Tierärztin zu werden.

Doch wie alle anderen Entscheidungen musste auch diese warten, bis ihr dringendstes Anliegen erfüllt war und sie mit eigenen Augen jenen Ort gesehen hatte, an dem schon das Leben ihres Vaters die entscheidende Wendung erfahren hatte.

Endlich tauchte vor ihr der lang gestreckte Rücken einer Hammada auf, jener dünenartigen Erhebungen, die der stetige Wind im Laufe der Jahrhunderte in der Wüste aufgeschüttet hatte. Dahinter, so wusste Lorna, lag ihr Ziel: die Oase von Fadna.

Mit klopfendem Herzen trieb sie das Pferd die Anhöhe hinauf, und je näher sie dem Scheitelpunkt kam, desto mehr konnte sie die sengende Hitze der Sonne spüren, die sich an dem wolkenlosen Himmel allmählich dem Zenit näherte.

Unwillkürlich richtete sie sich im Sattel auf, und noch ehe sie den Gipfel erreicht hatte, gerieten Palmenwipfel in ihren Blick. Als der Fuchs vorsichtig den Abstieg begann, musste sich Lorna den Hut tief ins Gesicht ziehen, so sehr blendete das gleißende Licht, das vom weißen Sand reflektiert wurde.

Erst als sie die Ebene erreicht hatte, konnte sie endlich das saftige Grün zu beiden Seiten des kleinen Wasserlaufs erkennen, der die Oase speiste. Erschöpft stieg sie vom Pferd und stellte sich in den Schatten einer Palme. Als sie den Hut absetzte, blieb ihr das Haar an der Stirn und den Schläfen kleben.

Doch der Anblick, der sich ihr bot, entschädigte sie augenblicklich für die Strapazen, die sie auf sich genommen hatte. Einen friedlicheren und schöneren Ort als diesen kleinen Garten Eden hatte sie nie zuvor gesehen. Trotzdem hatte sie das Gefühl, nach Hause zu kommen, so vertraut war ihr jedes Detail von den Bildern ihres Vaters, der die Oase in allen erdenklichen Perspektiven und im ständig wechselnden Licht der verschiedenen Tageszeiten gemalt hatte.

Deshalb fiel es Lorna auch nicht schwer, die Richtung einzuschlagen, in der das kleine Häuschen stehen musste, das er bewohnt hatte. Zielstrebig und voller ungeduldiger Vorfreude durchquerte sie den Palmenhain, als sie plötzlich wie erstarrt stehen blieb. Zwischen den Bäumen hindurch schimmerten die Überreste eines Hauses, das einzig noch den Tauben als Zuflucht dienen konnte, die den Eindringling mit lautem Gurren empfingen.

Lorna trat näher und betrachtete ungläubig die mit Kalk getünchten Steine, die einst die Wände gewesen und nun von wilden Pflanzen überwuchert waren. Noch schmerzlicher als der Anblick der Ruine traf sie jedoch die Gewissheit, dass damit auch eine heimliche Sehnsucht zerstört war. Denn insgeheim hatte sie mit dem Gedanken gespielt, nach ihrem ersten Besuch eines Tages zurückzukehren und längere Zeit hier zu leben, um ein wenig von jener inneren Kraft und Zuversicht zu erfahren, die ihr Vater hier gefunden hatte. Nun sah sie sich mit der bitteren Erkenntnis konfrontiert, dass ihr dieser Wunsch für immer versagt bleiben musste.

Um sich von der Trauer nicht überwältigen zu lassen, wollte sie sich von dem Bild der Zerstörung losreißen, als sie in einer Mauerspalte eine Lavendelblüte entdeckte. In einem Anflug von Verzweiflung bückte sie sich und pflückte sie, ehe sie sich umwandte, um zu ihrem Pferd zurückzugehen.

Es gab keinen Grund, länger zu bleiben, und Lorna wollte den unwirtlichen Ort so schnell wie möglich wieder verlassen. Die Blüte, die sie in der Brusttasche ihres Hemdes verwahrte, sollte das einzige Andenken bleiben, das sie in Paris oder einem anderen Ort der Welt, an den es sie verschlagen würde, an jenes Glück erinnern würde, das sie in der Wüste Arabiens zu finden gehofft hatte.

Doch als sie die Stelle erreichte, an der sie das Pferd zurückgelassen hatte, konnte sie es nirgends entdecken. Die vage Hoffnung, dass sie sich verlaufen hatte, verflog, sobald sie die Hufspuren im Sand sah. Augenblicklich war ihr klar, dass sie versäumt hatte, den Fuchswallach anzubinden.

Eine Weile gelang es ihr, die aufkommende Panik zu unterdrücken, indem sie aufgeregt hin und her lief und dem Pferd pfiff, bis ihr schließlich bewusst wurde, in welche Situation sie sich gebracht hatte. Der Fuchs war im gestreckten Galopp zu seinem Stall zurückgekehrt, und ihr würde nichts anderes übrig bleiben, als den weiten Rückweg durch die Wüste zu Fuß anzutreten.

Mit Schrecken dachte Lorna an die höhnischen Kommentare, mit denen man sie im Hotel empfangen würde. Nicht viel anders würde es ihr ergehen, falls man nach ihr suchen sollte, wenn das Pferd ohne seine Reiterin eintraf. So oder so waren die Aussichten niederschmetternd, und Lorna musste ihren eisernen Willen aufbieten, um nicht in Tränen auszubrechen.

Erschwerend kam hinzu, dass ihr Proviant noch in der Satteltasche steckte. Als einziger Trost blieb ihr, dass sie in den kommenden Stunden, die sie in der Oase ausharren musste, nicht verdursten würde. Denn sosehr sie sich auch wegsehnte, so klar war ihr, dass es unverantwortlich wäre, sich in der sengenden Mittagshitze auf den Weg nach Yraa zu machen.

„Wie kann man sich nur so dumm anstellen!“, schalt sie sich selbst und ließ sich deprimiert im Schatten einer Palme nieder, von wo aus sie die Umgebung überblicken konnte. Denn noch hielt sie es nicht für ausgeschlossen, dass ihr Pferd nur einen kleinen Ausflug gemacht hatte und unverhofft zurückkommen würde.

Diese Hoffnung wollte sie vor allem deshalb nicht aufgeben, weil ihr unvermittelt einfiel, wie nachdrücklich Rodney sie vor den Gefahren gewarnt hatte, die hier lauern konnten – zumal für eine junge Frau.

Erneut tröstete sie sich mit der Gewissheit, dass kein Beduine Gefallen an einer schlanken Europäerin finden würde, die zudem überaus widerspenstig sein konnte, wenn ein Mann sie bedrängte, an dem sie nicht das geringste Interesse hatte.

Dieser Gedanke beruhigte sie so sehr, dass sie für eine Weile einschlief und erst erwachte, als sie starken Durst verspürte. Schläfrig erhob sie sich und ging zu dem kleinen Wasserlauf, um sich zu erfrischen.

Kaum hatte sie sich niedergekniet, beschlich sie der eigentümliche Verdacht, dass jemand sie heimlich beobachtete. Sie schrieb es ihrer Erschöpfung zu und ließ sich das kühle Nass übers Gesicht laufen, um die Lebensgeister wieder zu wecken.

Doch selbst dann wollte sich die lähmende Angst nicht legen, die von ihr Besitz ergriffen hatte, und sie musste sich regelrecht zwingen, aufzustehen und sich davon zu überzeugen, dass ihr die Nerven einen Streich gespielt hatten.

Umso größer war ihr Entsetzen, als sie sich umdrehte und zwischen den Bäumen eine Gestalt entdeckte, die sie nicht aus den Augen ließ. Wie gelähmt musste Lorna mit ansehen, dass sich die Gestalt aus ihrer Erstarrung löste und auf sie zukam. Mit jedem Schritt, den er sich näherte, konnte sie deutlicher die Entschlossenheit des dunkelhäutigen Mannes erkennen, der in einen Burnus, den traditionellen Umhang der Beduinen, gekleidet war. Als er sie schon fast berühren konnte, nahm er unvermittelt sein Halstuch ab.

„Was haben Sie vor?“, schrie Lorna verzweifelt, auch wenn die Antwort dem finsteren Blick seiner dunklen Augen deutlich abzulesen war. Doch obwohl nicht der geringste Zweifel daran bestehen konnte, dass er sie entführen wollte, war sie außerstande, wenigstens den Versuch zu machen, davonzulaufen. Und den Schrei, den sie instinktiv ausstoßen wollte, erstickte er, indem er sie ergriff und mit dem Halstuch knebelte, ehe er ihr mit dessen Enden die Hände auf dem Rücken fesselte.

Erst als es zu spät war, legte sich Lornas Lähmung, doch ihr verzweifelter Fluchtversuch endete damit, dass sie stolperte und der Länge nach hinfiel. Nicht minder unsanft half ihr Entführer ihr wieder auf die Beine, um sie anschließend quer durch den Palmenhain zu treiben, bis sie schließlich den Rand der Wüste erreichten, wo ein prächtiger schwarzer Hengst an einem Baum angebunden war.

Als Lorna auf ihn zustolperte, scheute der Rappe, sodass sie deutlich die blutigen Striemen an seinen Flanken erkennen konnte, die von den Sporen stammten, die der Beduine trug. Genauso rücksichtslos, wie er sein Pferd behandelte, verfrachtete er Lorna auf den Rücken des Tieres, ehe er es losband und sich in den Sattel schwang.

Wie ein Berserker riss er an den Zügeln, und das geschundene Tier bockte vor Schmerzen, ehe es sich fügte und hinaus in die endlose Wüste galoppierte.

Obwohl ihre Lage nicht weniger hoffnungslos war als die des Pferdes, fragte Lorna sich unwillkürlich, wie ein Mensch eine Kreatur so behandeln konnte. Insgeheim war sie sich sicher, dass es wie sie selbst entführt worden war.

Der Gedanke daran, dass sie Rodneys Warnung verächtlich in den Wind geschlagen hatte, erfüllte sie noch nachträglich mit Scham, und in diesem Moment hätte sie alles darum gegeben, wenn sie in sein Angebot, sie zu begleiten, eingewilligt hätte. Doch diese Einsicht kam ebenso zu spät wie die Vorwürfe, die sie sich machte, weil sie ihr Pferd leichtsinnigerweise nicht angebunden hatte.

Dafür sah sie sich mit der bangen Frage konfrontiert, wo ihr Entführer sie hinbringen wollte. Trotz der sengenden Hitze trieb er den Rappen erbarmungslos vorwärts, und Lorna spürte deutlich, wie nah der rassige Hengst der Erschöpfung war.

Ihr selbst ging es nicht anders. Das Atmen fiel ihr zunehmend schwerer, und die endlose Weite, die sich schemenhaft vor ihr auftat, erfüllte sie mit dem trostlosen Gefühl der Verlorenheit.

Schon hatte sie begonnen, innerlich Abschied von den wenigen Menschen zu nehmen, denen sie sich verbunden fühlte, als sie am Horizont auf einer kleinen Anhöhe einen Trupp Reiter erblickte.

Augenblicklich stellte sich ihr Lebensmut wieder ein, weil die Hoffnung in ihr aufkeimte, dass Rodney eine Patrouille zusammengestellt hatte, die nach ihr suchte. Wie abweisend sie ihn auch immer behandelt hatte, war er ihr in den vergangenen Wochen gleichwohl ein treuer Freund geworden. Nun war er der einzige Mensch auf Erden, der sie aus diesem Albtraum befreien konnte.

Inzwischen hatte auch ihr Entführer die Reiter bemerkt, die auf der Anhöhe verharrten und im Gegenlicht wie ein Scherenschnitt wirkten. Mit einem brutalen Riss an den Zügeln zwang er das Pferd, die Richtung zu wechseln. Um den Männern zu entkommen, die augenblicklich die Verfolgung aufnahmen, machte er rücksichtslos von den Sporen Gebrauch.

Doch weil der Rappe zwei Reiter tragen musste, war die Flucht von vornherein zum Scheitern verurteilt, und schon bald konnte Lorna erkennen, dass einer der Verfolger zu ihnen aufschloss. Sein Pferd war ebenso rassig wie das ihres Entführers, doch trotz des gestreckten Galopps führte der Mann die Zügel mit einer Hand, während die andere einen Gegenstand hielt, in dem Lorna ein Gewehr zu erkennen glaubte.

Schon erwartete sie einen lauten Knall, als der Reiter unvermittelt ausholte. Ein leises Zischen drang an ihr Ohr, ehe ihr Entführer unvermittelt aufschrie und wie von Geisterhand aus dem Sattel gehoben wurde.

Im selben Moment schloss der Reiter zu ihr auf, griff mit einer geschmeidigen Bewegung nach den Zügeln ihres Pferdes und brachte es zum Stehen.

Kaum war er aus dem Sattel gesprungen, hob er Lorna hoch und stellte sie auf die Füße. Doch anstatt sich um sie zu kümmern, übergab er sie der Obhut seiner Begleiter, um sich selbst unverzüglich dem geschundenen Tier zu widmen.

Während er sich ihm vorsichtig näherte, sprach er mit tiefer Stimme beruhigend auf das verängstige Pferd ein, bis es sich schließlich den Kopf streicheln ließ und nicht einmal scheute, als er sich bückte und die wunden Flanken untersuchte.

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