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Wüstenfeuer in seinem Blick

1. KAPITEL

Wer war nur diese Frau?

Die langen rotbraunen Haare, die ihr weich über den Rücken fielen, schimmerten bei jeder ihrer Bewegungen in warmen rötlichen Tönen. Ein enges silbergraues Kleid betonte ihre Figur.

Rakin Whitcomb Abdellah betrat den großen weißen Pavillon, wo die zahlreichen Gäste gespannt bereits darauf warteten, dass sich Braut und Bräutigam das Jawort gaben.

Erstaunlicherweise hatte der verantwortungsvolle und vorsichtige Eli nur ein paar Wochen gebraucht, um sich rettungslos zu verlieben. Noch verblüffender war, dass er eine Kincaid heiratete, obwohl erst vor einem Monat die Schwester seiner Braut Kara mit ihm Schluss gemacht hatte.

Wieder blieb Rakins Blick an der Brautjungfer mit den schönen Haaren hängen, die gerade der Braut den Strauß roter Rosen abnahm.

Rakin überlegte. Das konnte nur Laurel Kincaid sein! Ebendie Frau, die seinem besten Freund Eli den Laufpass gegeben hatte. Und die, wenn Eli recht behielt, die Lösung seiner eigenen drängenden Probleme bedeutete.

Ein Junge von vier oder fünf Jahren ging mit dem Ringkissen nach vorn. Laurel wollte ihn an der Hand auf seinen Platz zwischen den beiden Blumenmädchen führen. Weil er sich aber dort offenbar nicht wohlfühlte, riss er sich von ihr los und drängte sich zum Amüsement der Gäste zwischen Braut und Bräutigam.

Laurel überblickte die Gästeschar. Ihre grünen Augen standen in reizvollem Kontrast zu den roten Rosen des Brautstraußes.

Faszinierendere Augen hatte Rakin nie gesehen. Überraschenderweise blickte sie ihn direkt an! Und plötzlich schien die Zeit stillzustehen. Das leise Gemurmel der Gäste, Karas Eheversprechen, das sie in diesem Moment abgab, der betörende Duft der Blüten des Südens … alles schien in weite Ferne gerückt.

Es gab nur noch sie!

Erst als sie wegschaute, ließ die Spannung wieder nach.

Zwar hatte Eli ihn darauf vorbereitet, dass seine Exverlobte eine Southern Beauty war, eine echte Schönheit der amerikanischen Südstaaten. Aber dennoch hatte er nicht damit gerechnet, dass er so heftig auf sie reagierte. Das war Begierde pur!

Aber natürlich kam eine romantische Verbindung nicht infrage. Sie war eine Kincaid aus Charleston, der früheren Metropole des Südens. Nicht einfach irgendeine junge Frau! Und der Vorschlag, den er ihr auf Elis Rat hin machen wollte, hatte nichts mit Vergnügen zu tun, sondern war rein geschäftlicher Natur.

Trotz der herrlich grünen Augen und den umwerfenden rötlich schimmernden Haaren – Laurel Kincaid war für ihn absolut tabu.

Er konnte es kaum erwarten, dem Brautpaar zu gratulieren, damit Eli ihn bei dieser Gelegenheit mit Laurel bekannt machen konnte.

Dann würde er entscheiden, ob sie in seine Pläne passte oder nicht.

Laurel atmete den schweren Duft von Jasmin und Gardenien ein, der den Beginn des Sommers in den Südstaaten verkündete.

Die Hochzeit ihrer Schwester Kara fand auf dem Familienanwesen der Kincaids statt. Das große alte Herrenhaus war top gepflegt und technisch auf dem neuesten Stand, ohne seinen Charme verloren zu haben. Und durch die überdachten Balkone wirkte die Fassade besonders eindrucksvoll.

Hier in diesem Haus war sie mit ihren Geschwistern aufgewachsen.

Aber im Augenblick interessierte sie weder das Haus noch die Trauung so sehr wie der geheimnisvolle Fremde. Da das hier fast ihre eigene Hochzeit gewordenwäre, kannte sie alle Gäste. Aber der dunkelhaarige gut aussehende Mann stand jedenfalls nicht auf der Liste, die sie und ihre Schwester zusammengestellt hatten.

Woher also kannte Kara ihn? Und warum hatte sie ihn nie erwähnt?

Wenn sie ihn weiter so anstarrte, würden es ihre Schwestern bemerken und sofort versuchen, sie mit ihm zu verkuppeln. Dabei interessierte sie sich doch gar nicht wirklich für ihn! Sie wollte doch nur wissen, wer er war.

Sie richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf das Brautpaar. Eli nahm Karas Hände in seine; die gerade übergestreiften Trauringe glitzerten golden in der Nachmittagssonne.

Oh nein! Sie würde doch nicht etwa weinen müssen? Das passte nicht zu ihr!

Immer lächelte sie und schaffte es, die richtigen Dinge zur rechten Zeit zu sagen. Eine Hochzeit war ein erfreulicher Anlass und kein Grund für Tränen.

Und außerdem … was würden die Leute denken! Sie betrachtete die vielen gut gelaunten Gäste.

Auch wenn sie erleichtert und glücklich darüber war, dass Kara und Eli heirateten, wenn sie jetzt weinte, würden alle das Gegenteil glauben.

Sie blickte zu ihrer Mutter, deren Schönheit im ganzen Süden gerühmt wurde. Viele fanden, dass ihr in ihrer Jugend der Titel Miss South Carolina zugestanden hätte – wären solche Wettbewerbe nicht weit unter ihrem Niveau gewesen.

In für ihre Familie schwierigen Zeiten hatte sie Reginald Kincaid geheiratet. Bald war sie in Charleston als vollendete Gastgeberin bekannt geworden und hatte damit der erst kurz davor zu Geld gekommenen Familie der Kincaids entscheidend zu gesellschaftlicher Anerkennung verholfen.

Zu dieser Hochzeit hätte sie beinahe nicht kommen können. Weil man sie des Mordes an ihrem Mann verdächtigt hatte, war sie mehrere Monate in Untersuchungshaft gewesen. In dieser Zeit hatte Laurel befürchtet, ihre Mom würde tatsächlich verurteilt werden!

Aber schließlich war sie wieder auf freien Fuß gesetzt worden.

Jetzt lag der Tatverdacht auf dem düsteren Halbbruder, den Laurel und ihre Geschwister bei der Beerdigung ihres Vaters kennengelernt hatten. Nie würde sie diesen Tag vergessen, an dem das jahrzehntelange Doppelleben ihres Vaters ans Licht gekommen war.

Jack Sinclair, der Halbbruder, hatte sich neben seine Mutter Angela gesetzt – die Frau, die Reginald Kincaid ein Leben lang heimlich geliebt hatte. Angelas anderer Sohn saß auf ihrer anderen Seite. Die Sinclairs waren eingeladen worden, weil Elizabeth stets Wert darauf legte, das Richtige zu tun – selbst wenn es ihr unangenehm war.

Angela Sinclairs Söhne waren Halbbrüder und sehr verschieden. Jack hatte etwas Düsteres, Unberechenbares an sich, der blonde Alan hingegen wirkte offen und freundlich.

Laurel entschied, dass jetzt die Fantasie mit ihr durchging, und konzentrierte sich wieder auf die Trauung.

„Sie dürfen die Braut jetzt küssen“, verkündete der Heiratsbeamte.

Eli beugte sich zu Kara, die fast einen Kopf kleiner war als er.

Laurel sah diskret zur Seite – und direkt in ein Paar lebhafte dunkle Augen.

Die früheren Kinderzimmer von Laurel, Kara und Lily im ersten Stock des Herrenhauses dienten während der Hochzeit als Garderobe der Braut. Laurel stand in der Tür zu Karas Zimmer und betrachtete die verstreut herumliegenden Accessoires.

Aus offenen Schuhkartons auf dem Boden quoll feines Seidenpapier. Ein kleines Blumensträußchen war offenbar von den Blumenmädchen auf dem Bett vergessen worden. Der zarte Spitzenschleier, den Kara während der Trauung getragen hatte, lag bereits wieder ordentlich über einem Stuhl.

Auf der Kommode standen eine Flasche in einem Eiskühler und vier Gläser. Der richtige Zeitpunkt für eine Champagnerpause, entschied Laurel. Und gut für die Nerven …

Kara stand vor dem Drehspiegel und beäugte ängstlich ihr Kleid von hinten. „Ich habe mir doch kein Loch hineingerissen, Laurel? Ich glaube, ich bin mit dem Absatz darin hängen geblieben.“

Laurel trat näher und untersuchte den fein genähten Saum. „Nein, alles in Ordnung. Kein Grund zur Sorge.“

„Gott sei Dank.“ Erleichtert atmete Kara auf.

Laurel betrachtete das Gesicht ihrer Schwester: Die Haut schien vor Glück zu glühen, auch ohne Rouge. Dezent aufgetragener Lidschatten betonte die grünen Augen, die ihren eigenen so sehr glichen. Nur die Lippen wirkten etwas farblos.

„Du bist eine wunderschöne Braut, Mrs Houghton, auch wenn dir der Bräutigam den Gloss von den Lippen geküsst hat“, sagte sie lächelnd und schlang vorsichtig, damit dem Kleid nichts passierte, die Arme um Kara.

Aber Kara teilte ihre Vorsicht nicht und drückte sie fest an sich. „Ich bin dir ja so dankbar, dass du deine Verlobung mit Eli gelöst hast.“

Laurel sah in die grünen Augen, die sie von ihrer Mom geerbt hatten. „Wir wären nicht glücklich miteinander geworden.“ Die Verlobung hatte sich wie von selbst ergeben, aber schon bald hatte sie gemerkt, dass etwas sehr Wichtiges fehlte.

Statt sich auf die Hochzeit zu freuen, hatte sie immer mehr bedauert, wie vorhersehbar und langweilig ihr Leben geworden war. Auch die Hochzeitsvorbereitungen hatten ihr keinen Spaß gemacht.

Irgendwie passte das alles nicht zu ihr. Sobald sie das erkannt hatte, hatte sie eine Liste erstellt. Mit der Überschrift Mein eigenes Leben.

Punkt eins: Mit Eli Schluss machen.

Das hatte so hart und grausam geklungen, dass sie daran gezweifelt hatte, ob sie das jemals fertigbekommen würde. Was sollte aus seinen Gefühlen werden, aus den Hoffnungen seiner Familie?

Doch zugleich hatten diese wenigen Worte zu einer Klarheit geführt, die ihr lange gefehlt hatte. Eli und sie waren eben nicht füreinander bestimmt.

Aus Rücksicht auf ihn hatte sie den Tod ihres Vaters, die Entdeckung seines Doppellebens und den Schrecken über die Inhaftierung ihrer Mutter als Gründe genannt, warum sie nicht heiraten wollte.

Die Erleichterung in seinen Augen hatte sie in ihrer Entscheidung bestätigt …

Das alles lag nur einen Monat zurück. Und jetzt hatte ihr Exverlobter sein Glück gefunden und heiratete ihre Schwester. Er jedenfalls hatte sein eigenes Leben.

Punkt zwei: Roten Lippenstift benutzen.

Das hatte sie an diesem Morgen in Angriff genommen, und weiter war sie mit der Liste bisher noch nicht. Es erwies sich als gar nicht so einfach, eingefahrene Gewohnheiten zu verändern. Auch wenn sie den Willen dazu nach wie vor hatte.

Sie musste beherzter zu Werk gehen, um wirklich wieder etwas zu fühlen – so wie vorhin, als sie in die Augen des Fremden geblickt und längst nicht mehr gekannte Energie ihren Körper erfasst hatte. Das war Leben!

Sie löste sich aus Karas Umarmung und goss zwei Gläser Champagner ein. Dann stieß sie mit ihr an. „Auf dich. Du sollst glücklich werden.“

„Das bin ich!“, bestätigte Kara und strahlte wie eine Märchenprinzessin. „Ich glaube, heute ist der glücklichste Tag meines Lebens.“

Ein bisschen neidisch war Laurel schon. Sie nahm einen großen Schluck Champagner, bevor sie das Glas wieder wegstellte. „Eli und ich waren immer schon gute Freunde, das weißt du ja“, erklärte sie. „Irgendwie haben wir wohl gehofft, das würde reichen. Aber so war es nicht. Das Besondere, das euch verbindet, hat uns gefehlt.“ Und in körperlicher Hinsicht … Der Fremde, den sie an diesem Tag zum ersten Mal gesehen hatte, hatte deutlich mehr Bauchkribbeln in ihr ausgelöst als Eli in all den Jahren ihrer Freundschaft.

„Es ist Liebe“, sprudelte Kara heraus. „Wahre Liebe. Eli ist der Mann meines Lebens. Ich bin ja so unendlich froh … Auch wenn die ganze Kindheit und Jugend über hauptsächlich ihr beide zusammen wart.“

„Weil wir im selben Alter sind. Ist ja klar.“

„Aber seinen Freund kennst du noch nicht, oder?“

„Wen? Rakin Abdellah?“ Von ihm hatte sie schon viel gehört. Er war der Enkel eines Prinzen aus dem Emirat Katar. Eli und er hatten sich während der Studienzeit in Harvard angefreundet. „Schade, dass er nicht kommen konnte.“

„Aber er ist doch hier!“, widersprach Kara. Sie stellte ebenfalls ihr Glas ab, nahm einen Kamm aus der Kommode und setzte sich auf einen Stuhl. „Er hat uns schon gratuliert. Dabei hat Eli ihn mir vorgestellt.“

Zögernd nahm Laurel den Kamm. „Hab ich gar nicht mitbekommen …“

„Ich glaube, du hast gerade Flynn davon abgehalten, einem Blumenmädchen das Ringkissen auf den Kopf zu hauen“, sagte Kara lächelnd.

Laurel warf den Kamm in die Luft und fing ihn wieder auf. „Das ist wieder mal typisch. Anscheinend kriege ich den Mann nie zu Gesicht. Immer wenn Rakin geschäftlich hier war und Eli sich mit ihm getroffen hat, hatte ich was anderes vor.“ Der atemberaubend gut aussehende Fremde, konnte das Elis Freund sein?

„Was hatte er an?“, fragte sie drängend ihre Schwester.

„Keine Ahnung!“, antwortete Kara und lachte. „Ich habe heute nur Augen für einen.“

Laurel kämmte vorsichtig das Haar ihrer Schwester, wo es vom Brautschleier zerdrückt worden war. „Da wir gerade von Eli reden – du musst neuen Lipgloss auftragen.“

„Wozu? Der wäre ja doch nicht lange drauf …“ Sie sah Laurel im Spiegel an. „He, du trägst ja roten Lippenstift!“

Sie sah ihre Schwester nachsichtig an. „Wenn dir das jetzt erst auffällt, kann es keine so große Sache sein.“

„Ha, ich weiß! Weil du dir vorgenommen hast, nicht länger nur auf Nummer sicher zu gehen.“ Kara schwieg einen Moment. „Du hast mir ja erzählt, dass du etwas … ungehemmter leben willst, und ich habe dich gebeten, nicht zu übertreiben, aber seitdem war nicht mehr die Rede davon.“

Laurel lachte. „Kannst du dir wirklich vorstellen, dass ich übertreibe? Ich – Miss Pflichtgefühl?“

Auch Kara lachte. „Nein, nicht wirklich. Außerdem – schließlich sollst auch du deinen Spaß haben. Wie wäre es, wenn Eli dir Rakin vorstellt?“

„Vergiss es!“ Um ihre Schwester abzulenken, wechselte sie das Thema. „Hast du gesehen, wie fürsorglich sich Cutter um Mom kümmert?“

„Ja, er weicht ihr nicht von der Seite.“

„Ich glaube, er liebt sie sehr.“ Laurel trat einen Schritt zurück, um Karas Frisur mit etwas Haarspray zu fixieren. „Er hat einen Skandal riskiert, als er der Polizei gesagt hat, dass Mom in der Mordnacht bei ihm war. Damit hat er sie gerettet.“

„Ich habe ihr eine kleine und feine Hochzeit mit ihm vorgeschlagen. Aber sie findet, sie kann so kurz nach Dads Tod noch nicht heiraten. Das Trauerjahr ist noch nicht um.“

Da war sie wieder – die verhasste Rücksichtnahme auf Konventionen. „Ach was“, widersprach Laurel brüsk. „Ich finde, Mom hat ein Recht, das zu tun, was sie will.“

„Ja, finde ich auch“, stimmte Kara zu. „Vor allem nach der Geschichte mit Dads Doppelleben. Und wenn Cutter sie glücklich macht, bin ich sein größter Fan.“ Sie drehte sich auf dem Stuhl um und schaute Laurel prüfend an. „Deinen Lippenstift habe ich nur nicht bemerkt, weil ich so aufgeregt bin. Aber jetzt fällt er mir schon auf. Ich bin neugierig. Was hast du als Nächstes vor?“

Das wusste sie ja selbst noch nicht. Und Laurel spürte, wie sie rot wurde.

„Nichts Weltbewegendes“, wiegelte sie ab und dachte dabei an den Punkt, Eiscreme im Bett zu essen. Aber da war noch mehr …

Punkt fünf: Die ganze Nacht lang im Casino spielen.

Punkt sechs: In ferne Länder reisen.

Das war schon nicht mehr ganz so unbedeutend …

„Du hast immer gesagt, roter Lippenstift ist zu auffällig. Also, das finde ich schon eine deutliche Veränderung“, meinte Kara anerkennend.

Das Rot biss sich mit ihren Haaren. Das war kitschig und damit verboten. Laurel vermied den Blick ihrer Schwester, indem sie in den Spiegel sah. Verschmiert war der Lippenstift nicht. Kein Wunder, sie küsste ja niemand …

Und das brachte sie zu Punkt drei der Liste Mein eigenes Leben.

Er lautete: Mit einem Fremden flirten.

Im Gegensatz zu den meisten Südstaatenfrauen beherrschte sie die Kunst des Flirtens nicht. Seit ihrer Teenagerzeit zog sie Männer geradezu magisch an. Manchmal hasste sie geradezu ihre Schönheit, durch die ihr so viel Aufmerksamkeit zuteilwurde. Daher hatte sie sich beizeiten einen höflichen und unverbindlichen Umgangston angewöhnt, der ihr außerdem bei ihrer Arbeit als Werbeleiterin der Kincaid Group sehr zupassekam.

Sie wusste selbst nicht, warum sie diesen Punkt auf die Liste gesetzt hatte. Vielleicht hätte sie lieber schreiben sollen: Einen Fremden küssen. Der Gedanke verwirrte sie. Sie spürte, wie ihr heiß wurde.

„Du bekommst ja richtig Farbe im Gesicht! Es ist doch nicht etwa ein Mann im Spiel?“

„Nein, kein Mann. Der Lippenstift ist nur für mich allein.“ Noch einmal spielte sie mit dem Gedanken, sich ihrer Schwester anzuvertrauen, dann ließ sie es. An diesem Tag ging es schließlich um Kara, nicht um sie.

Sie trank ihr Glas aus und betrachtete im Spiegel ihre Lippen. Wie es sich wohl anfühlen würde, den schönen Fremden zu küssen? Eine prickelnde Vorstellung …

Doch sofort riss sie sich zusammen. Was, wenn er tatsächlich Elis Freund war? Wie kitschig wäre das denn! Sie als die große Schwester war immer Vorbild für die jüngeren Geschwister gewesen und hatte stets getan, was man von ihr erwartet hatte. Sie hatte viel gelernt, um gute Noten zu bekommen. War abends immer rechtzeitig nach Hause gekommen. Hatte keine Miniröcke getragen, keine Ohrstecker und keine zerrissenen Jeans. War irgendwelchen Beziehungen zu Jungen aus dem Weg gegangen. Und hatte sich nie auffallend geschminkt …

Sie riss sich von ihrem Spiegelbild los und drehte sich um, um festzustellen, dass Kara sie noch immer nachdenklich betrachtete.

„Weißt du, was ich finde?“, fragte sie. „Auch wenn du so gern Beige trägst … Der rote Lippenstift steht dir. Damit siehst du wie ein Filmstar aus. Glamourös und sexy. Vergiss, dass ich gesagt habe, du sollst es nicht übertreiben. Brich ruhig öfter mal aus.“

Während sie zur Tür gingen, fühlte sich Laurel mit einem Mal seltsam unbeschwert.

„Am besten fängst du auf der Stelle damit an. Das Heute zählt!“ Damit rauschte Kara zurück zu den Gästen.

Und Laurel blieb ratlos zurück. Die Dinge etwas weniger eng zu sehen war eine Sache. Dieser veränderten Sicht auch Taten folgen zu lassen eine andere. Vor ihr lag absolutes Neuland.

Sollte sie den ersten Schritt ins Unbekannte, ins Abenteuer wagen? Oder lieber in ihrer sicheren Welt bleiben, ohne darin jemals zufrieden zu sein?

Die Antwort war so eindeutig, dass es sie selbst überraschte. Sie war das Gefühl leid, ständig etwas zu verpassen. Sie wollte mehr von der Energie von vorhin spüren.

Dieser Anflug von Rebellion, der ihr ganz neu war, hatte den Reiz des Verbotenen. Plötzlich lag ihr Weg klar vor ihr. Kara hatte recht: Das Heute zählte. Und heute würde sie mit einem Fremden flirten.

Sie ging zurück zur Hochzeitsgesellschaft.

2. KAPITEL

Im eleganten Salon spielte eine Band Jazz und Blues. Es war ein rauchiger, distinguierter Sound, genau richtig für eine Hochzeitsfeier, die zu den bedeutendsten gesellschaftlichen Ereignissen des Jahres zählte.

Summend tanzte Laurel mit Kara und stieß dabei fast mit Alan Sinclair zusammen, der plötzlich mit zwei vollen Sektgläsern vor ihnen auftauchte. Wie durch ein Wunder gelang es ihm, nichts von der perlenden Flüssigkeit zu verschütten.

Laurel entschuldigte sich lebhaft.

„Größere Katastrophe verhindert“, scherzte er.

Alle drei lachten.

„Der Sekt ist sowieso für euch, schöne Ladys.“ Mit seinen braunen Augen sah er sie gut gelaunt an, während er jeder von ihnen ein Glas gab. „Ich konnte dir nicht eher gratulieren und hole das hiermit nach“, sagte er zu Kara. „Eli ist ein Glückspilz.“

„Danke, Alan.“ Kara strahlte. „Ich hoffe, du findest auch bald die Frau deiner Träume. Vielleicht sogar schon heute Abend.“

Alan lachte. „Eine schöne Hoffnung. Aber ich finde, du solltest erst mal deinen Honeymoon genießen, bevor du die nächste Hochzeit ausrichtest.“

„Da freue ich mich jetzt schon drauf. Nicht weil es mein Job ist. Ich bin nur so glücklich, dass ich alle Welt verheiraten möchte.“

„Ein netter und aufmerksamer Mann“, stellte Laurel fest, als Alan sie wieder allein gelassen hatte.

„Ja“, bestätigte Kara. „Er wird mal eine Frau sehr glücklich machen.“

Sie hatten den mit rosafarbenen und roten Blütenblättern dekorierten Tisch des Brautpaares erreicht, wo Eli stand und auf seine Frau wartete. Hingebungsvoll sah er sie an, während er ihr half, Platz zu nehmen.

Laurel fühlte sich ein wenig wie das fünfte Rad am Wagen und setzte sich neben ihre Mutter. „Wo ist denn Cutter?“, fragte sie, denn sie saß auf seinem Stuhl.

Seltsam, in letzter Zeit schien die ganze Welt aus Paaren zu bestehen … Sie verdrängte das drohende Gefühl der Einsamkeit. Ein Grund mehr, getreu ihrer Liste vorzugehen und mit einem Fremden zu flirten. Und wo ginge das leichter als auf einer Hochzeit?

„Drüben bei Harold Parsons und Mr Larrimore.“

Richtig, dort an der Bar unterhielten sich der weißhaarige Anwalt und der Chef von Larrimore Industries.

Seit Kurzem existierten Geschäftsbeziehungen zwischen Larrimore und der Kincaid Group. Dadurch wurden zumindest teilweise die Verluste ausgeglichen, die durch den Wechsel vieler Kunden zu Carolina Shipping entstanden waren.

Matthew, Laurels Bruder und Leiter der Abteilung New Business der Kincaid Group, waren in dieser Woche Gerüchte zu Ohren gekommen, wonach Jack Sinclair durch die Hintertür versuchte, einen wichtigen Transportvertrag zu torpedieren.

Wenn man vom Teufel sprach …

Jack Sinclair hatte einen Stuhl vom Tisch weggezogen und sich damit genau an die Ecke der Tanzfläche gesetzt. Wie arrogant und unsympathisch dieser Mann doch wirkte! Weil er fünfundvierzig Prozent der Kincaid Group geerbt hatte, führte er sich auf, als gehörte das Haus ihm.

Laurel konnte sich einfach nicht an ihn gewöhnen. Mit seiner düsteren und grüblerischen Art hatte er der Firma in den letzten Monaten so viel Probleme bereitet, dass es für ein ganzes Leben reichte …

Gerade sagte seine Mutter etwas zu ihm. Er runzelte so finster die Stirn, dass Laurel vom bloßen Anblick eine Gänsehaut bekam.

Warum war er, der älteste Sohn ihres Vaters, überhaupt zu dieser Hochzeit gekommen? Wenn er doch nur vor sich hin starrte? War er hier, um der Presse vorzumachen, dass er ein akzeptiertes Mitglied der Kincaid-Familie war? Oder, wie ihre Geschwister annahmen, um den Verdacht nicht erst recht auf sich zu lenken?

Daran mochte Laurel nicht einmal denken. Sie schauderte bei der Verstellung, dass ihr Vater von ihm, dem eigenen Sohn, erschossen worden war. Wie grauenvoll!

Dennoch konnte Jacks Anwesenheit der feierlichen Stimmung nichts anhaben. Nach all den schwierigen und freudlosen Wochen bedeutete diese Hochzeit das erste erfreuliche Familienereignis, das alle genießen sollten. Vor allem ihre Mutter.

Sie drückte ihr die Hand. „Ich bin so froh, dass du hier bist. Und dass die lächerliche Anklage gegen dich endlich fallen gelassen wurde. Für Kara und Eli ist dies das schönste Hochzeitsgeschenk überhaupt.“

„Leicht ist der heutige Tag nicht für mich“, gestand Elizabeth. „All das Gerede. Bestimmt sind unter den Gästen ein paar, die mich für schuldig halten. Und außerdem sind alle so neugierig auf Cutter. Das ist auch für ihn eine schwierige Situation.“

Laurel betrachtete ihre Mutter, die sich – typisch für eine wahre Südstaatenlady – unter keinen Umständen etwas anmerken ließ. Sie sah heiter-gelassen aus, die kurz geschnittenen rotbraunen Haare mit den eleganten silbernen Strähnen saßen makellos. Außer einem schmerzvollen Ausdruck in den grünen Augen deutete nichts auf die Belastungen der letzten vier Monate hin.

„Auf eine glückliche Zukunft“, sagte Laurel, und sie tranken einander zu.

„Ich wäre sehr froh, wenn die Polizei den Täter bald findet“, erklärte Elizabeth. „Es ist schrecklich, nicht zu wissen, wer es war …“

RJ und Matt, Laurels Brüder, hatten einen Verdacht, von dem sie überzeugt waren …

„Morgen rufe ich Inspektor McDonough an und frage, ob es etwas Neues gibt“, versprach Laurel mit einem Seitenblick auf Jack Sinclair. Vielleicht lagen schon genug Beweise gegen ihn vor.

Wenn sie ihren Brüdern glauben durfte, hatte er sich bereits in Widersprüche verstrickt. Zwar hatte er für die Tatzeit ein Alibi, das auch von einigen seiner Angestellten bestätigt wurde – angeblich hatte er bis spät abends gearbeitet –, aber Jack ...

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