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Wovon ein Millionär träumt

Leanne Banks

Wovon ein Millionär träumt

PROLOG

Mr. Trinkgeldkönig. Bella St. Clair sah den unverschämt gut aussehenden, kultivierten dunkelhaarigen Kunden in der hintersten Ecke der überfüllten Bar sofort. Bisher hatte sie an zehn Abenden im Monahan’s, einem der beliebtesten Clubs in Atlanta, gearbeitet, und an vier von ihnen war er zu Gast gewesen – immer freundlich und zu einem kurzen Small Talk aufgelegt. Im Gegensatz zu den meisten anderen Kunden gab er ihr das Gefühl, ein Mensch zu sein und nicht nur eine Kellnerin. Obwohl oder gerade weil ihr Herz in Sachen Romantik wohl ein für alle Mal gebrochen war und sie außerdem ständig über die Probleme ihrer Tante grübelte, war sein Anblick für Bella jedes Mal wie ein schwaches Licht am Ende eines langen, dunklen Tunnels.

Als er ihr fast unmerklich zunickte, bahnte sie sich durch die Menschenmenge einen Weg zu seinem Tisch. „Guten Abend. Wie geht es Ihnen heute?“, fragte sie höflich, während sie eine Papierserviette vor ihn legte.

Er zögerte kurz und zuckte dann die Schultern. „Ich hatte schon bessere Tage.“

Für einen Moment empfand Bella tiefes Mitgefühl mit ihm. Was schlechte Tage betraf, war sie sozusagen Profi. Erst vor einem Monat hatte ihre Tante ihr Unternehmen an die Bank abtreten müssen, und Bella war daran nicht ganz unschuldig. „Das tut mir leid für Sie“, erwiderte sie. „Vielleicht wird der Jazzpianist, der nachher spielt, Sie ein wenig ablenken. Was darf ich Ihnen denn bringen?“

„Einen Maclellan Single Malt.“

In Anbetracht der teuren Bestellung zog sie unwillkürlich eine Augenbraue hoch und nickte anerkennend. „Ein passende Wahl für das Ende eines harten Tages. Möchten Sie außerdem noch etwas essen?“

„Nein, danke.“ Sein Blick fiel auf den großen Tisch in der Mitte der Bar, um den sich mehrere betrunkene junge Männer drängten. „Anstrengende Kundschaft heute. Muss am Schnee liegen.“

Betroffen warf sie einen Blick aus dem Fenster. „O nein! Ich hatte den ganzen Abend über so viel zu tun, dass ich gar nichts bemerkt habe! Hier schneit es doch so selten … Na ja, vielleicht habe ich ja Glück, und der Schnee schmilzt wieder, ehe meine Schicht zu Ende ist.“

Er schüttelte den Kopf. „Das bezweifle ich. Die Straßen sind jetzt schon zugeschneit.“

„Na toll“, murmelte Bella. „Mein kleines Auto wird sich freuen.“

„Was fahren Sie denn?“ Interessiert sah er sie an.

„Einen VW Käfer.“

Er lachte leise. „Na ja, immer noch besser als ein Motorrad.“

Seine humorvolle Bemerkung heiterte Bella ein bisschen auf. „Danke für die Ermutigung“, erwiderte sie lächelnd. „Ich komme gleich mit Ihrem Whiskey zurück.“

Sie eilte zur Bar und trug das Tablett mit dem Glas wenig später vorsichtig durch die Menge zu ihrem Kunden, sorgsam darauf bedacht, keinen einzigen Tropfen zu verschütten – immerhin kostete der Spaß Mr. Trinkgeldkönig fünfzig Dollar!

Warum sah er heute nur so traurig aus? Normalerweise strahlte er ungebrochenes Selbstvertrauen und eine fast schon elektrisierende Energie aus. Doch an diesem Abend schien ihn etwas zu bedrücken.

„Bitte schön“, sagte sie und stellte das Glas vor ihn. Als sie in seine dunklen Augen sah, begann es in ihrem Bauch zu ihrer Überraschung zu kribbeln. Bella blinzelte verwirrt. Was war denn nun schon wieder los? Eigentlich war sie davon ausgegangen, dass sie ihre Chancen im Bereich Bauchkribbeln endgültig verspielt hatte!

Gedankenverloren beobachtete sie, wie ihr Kunde das Glas hob und einen Schluck trank. Seine Lippen waren fest und sinnlich. Augenblicklich begannen ihre eigenen zu prickeln.

„Danke“, sagte er.

Bella nickte wie hypnotisiert.

„Hey, Schätzchen“, ertönte es von hinten. „Wir wollen noch ’ne Runde.“

Wie aus einem tiefen Schlaf gerissen, zuckte Bella zusammen. „Oh, ich muss weiter. Brauchen Sie sonst noch etwas?“

„Ein Wasser, wenn Sie dazu kommen“, erwiderte er. „Vielen Dank, Bella.“

Er hatte sich ihren Namen gemerkt! Das Kribbeln in ihrem Bauch verstärkte sich. Es fühlte sich an, als würde ein Schwarm Schmetterlinge in ihrem Bauch tanzen.

„Reiß dich zusammen“, flüsterte sie sich zu, während sie zu dem großen Tisch hinübereilte.

Schon wieder eine Sackgasse. Langsam hatte er das Gefühl, dass er seinen Bruder niemals finden würde. Wie an so vielen Abenden zuvor hatte Michael Medici die Stille seines luxuriösen Hauses nicht ertragen und war in eine der vielen Szenebars geflüchtet, die er in Atlanta eröffnet hatte.

Während der folgenden Stunde gönnte er sich das Vergnügen, Bella bei der Arbeit zu beobachten. Nach den enttäuschenden Neuigkeiten von seinem Privatdetektiv war ihr Anblick die perfekte Ablenkung. Ob er wohl jemals herausfinden würde, was damals wirklich mit seinem Bruder geschehen war?

Bella warf ihm einen kurzen Blick zu und biss sich dabei auf die rosafarbene Lippe. Es war kaum zu übersehen, dass sie sich zu ihm hingezogen fühlte.

Michael spielte schon seit einer Weile mit dem Gedanken, sie eines Tages mit nach Hause zu nehmen. Ihm war durchaus bewusst, dass seine Selbstsicherheit arrogant wirken mochte. Aber Tatsache war, dass er immer bekam, was er wollte – ganz gleich, ob es um Frauen oder ums Geschäft ging.

Als sie mit einem Glas Wasser auf ihn zukam, musterte er ihre sexy Kurven. Die weiße Bluse und der kurze schwarze Rock betonten ihre runden Brüste, die schmale Taille und die Hüfte, ganz zu schweigen von ihren langen, wohlgeformten Beinen.

Sie stellte das Glas vor ihm auf den Tisch.

„Arbeiten Sie gern hier?“, fragte er.

Zögernd sah sie ihn an. „Es ist ganz in Ordnung. Ich war ein Jahr lang im Ausland und versuche gerade noch, mich zu akklimatisieren.“

„Verraten Sie mir, was Sie in der weiten Welt getrieben haben?“

„Katastrophenhilfe.“

„Ah.“ Er nickte. Eine Weltverbesserin. Vielleicht war ihre etwas entrückte Ausstrahlung darauf zurückzuführen. „Und, wie läuft es? Haben Sie Schwierigkeiten, sich wieder einzuleben?“

„Sagen wir, es ist nicht alles glattgelaufen“, erwiderte sie und schenkte ihm ein angedeutetes Lächeln, bei dem sein Herz zu klopfen begann.

Eigentlich war es ganz und gar nicht seine Art, mit Kellnerinnen zu flirten, vor allem nicht, wenn sie für ihn arbeiteten. Aber mit Bella sah die Sache anders aus – sie faszinierte ihn. Ob sie wohl zu den Frauen gehörte, die sich von seinem Reichtum beeindrucken ließen? Zum Spaß beschloss Michael, seine Identität noch für ein Weilchen geheim zu halten. So oft, wie sein Bild schon in den Tageszeitungen von Atlanta zu sehen gewesen war, begegnete er nur noch selten Frauen, die nicht wussten, wer er war.

„Hätten Sie etwas dagegen, wenn ich Sie nachher nach Hause fahre?“, bot er an. „Mein Cayenne hat mit dem Schnee sicher weniger Probleme als ihr VW.“

Sie warf ihm einen überraschten Blick zu und zögerte unentschlossen. „Der Chef sieht es nicht gern, wenn wir privat mit der Kundschaft verkehren“, erwiderte sie dann.

„Sobald wir diese Bar verlassen haben, bin ich kein Kunde mehr“, erklärte er. Wohl keiner kannte die Richtlinien des Monahan’s besser als er.

Sein Angebot schien sie gleichzeitig zu verlocken und zu verunsichern. „Bisher kenne ich noch nicht einmal Ihren Namen“, antwortete sie vorsichtig.

„Michael. Ich werde noch eine Weile hier sitzen. Sie haben also Zeit, es sich zu überlegen.“ Ihn amüsierte, dass sie kurz davor war, ihn abblitzen zu lassen. Er konnte sich kaum mehr erinnern, wann er zuletzt einen Korb bekommen hatte.

Als sie zur Bar zurücklief, streckte ein Mann den Arm nach ihr aus. Bella wich ihm aus, woraufhin der Gast aufsprang. Michael beobachtete die Szene wachsam.

Erneut versuchte der Mann, sie zu packen, und zog sie schließlich an sich. „Komm schon, Schätzchen, hab dich doch nicht so!“ Er legte seine Hand auf ihren Po.

Michael sprang sofort auf, um Bella zu Hilfe zu eilen. Er stieß den Mann auf seinen Stuhl zurück. „Ich glaube, Sie hatten genug.“ Suchend sah er sich nach dem Geschäftsführer Jim um und nickte ihm kurz zu.

Sekunden später stand Jim neben ihm. „Ich kümmere mich um diese Angelegenheit, Mr. …“

Mit einem weiteren kurzen Nicken bedeutete Michael ihm, nicht weiterzusprechen, und sagte schnell: „Danke. Ich nehme an, dass Ihre Kellnerin Bella sich eine Pause verdient hat.“

Jim nickte. „Du kannst dir den Rest des Abends freinehmen, Bella.“

Sie zögerte. Sie war noch immer blass vor Schreck. „Ich … aber …“

„Kommen Sie, ich fahre Sie“, unterbrach Michael sie in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete.

Als sie ihm in die Augen sah, entdeckte er in ihrem Blick nicht nur Dankbarkeit, sondern auch einen Hauch von Vertrauen, so als würde nicht nur er diese merkwürdige Verbundenheit zwischen ihnen spüren. Sie atmete tief durch und nickte. „Okay.“

Eineinhalb Stunden später hatte Bella das Gefühl, ihr halbes Leben vor Michael ausgebreitet zu haben. Sie hatte ihm erzählt, dass sie von ihrer Tante Charlotte großgezogen worden war. Sie hatte sogar kurz erwähnt, dass ihr Liebesleben bislang eine einzige herbe Enttäuschung gewesen war.

Jedes Mal, wenn sie an Stephen dachte, überkam ein tiefes Verlustgefühl sie. Sie würde wohl nie über ihn hinwegkommen. Aber das war nicht halb so schlimm wie das ständig nagende schlechte Gewissen darüber, dass sie ihrer Tante während der Krebsbehandlung nicht zur Seite gestanden hatte.

„Gott, ich habe wirklich viel geredet. Und dabei kann ich noch nicht mal als Entschuldigung anbringen, dass ich betrunken bin!“ Bis auf einen Mangotini hatte sie den ganzen Abend über nur Wasser getrunken. „Also, jetzt sind Sie dran. Wieso war Ihr Tag so schlimm?“

„Um ehrlich zu sein, kann ich gar nicht genug über Sie erfahren!“ Ein zurückhaltendes Lächeln umspielte seine schönen Lippen. Bellas Blick schweifte zu Michaels breiten Schultern und dem gestählten Oberkörper. Dieser Mann gehörte von Kopf bis Fuß in Marmor gemeißelt und in einem Museum ausgestellt!

„Das ist wirklich sehr nett von Ihnen“, erwiderte sie errötend. „Aber Sie sind trotzdem dran.“

Er lachte in sich hinein. „Als nett werde ich wirklich nicht sehr oft bezeichnet. Nun ja, da Sie darauf bestehen …“

Er trank einen Schluck Wasser und fuhr fort: „Meine Eltern sind gestorben, als ich noch klein war. Ich bin also nicht bei ihnen aufgewachsen. Das ist schon mal eine Gemeinsamkeit zwischen uns.“

„Und wer hat Sie dann aufgenommen?“, hakte Bella nach.

„Leider hatte ich nicht das Glück, eine Tante Charlotte zu haben.“

„Oh“, erwiderte sie und musterte ihn neugierig. Weder in seiner Stimme noch in seiner Miene erkannte sie einen Hauch von Selbstmitleid. „Das muss schwer für Sie gewesen sein.“

„Das war es auch. Der Unfall hat meine ganze Familie auseinandergerissen.“

„Wie schrecklich!“ Tausend Fragen gingen Bella durch den Sinn. Es war fast schon beängstigend, wie nahe sie sich Michael fühlte, wie sehr sie ihn verstand.

„Sie fühlen sich schuldig, oder?“, fragte sie spontan und legte ihre Hand auf seine.

Er wich ihrem Blick aus. „Jeden Tag“, erwiderte er leise. „Wahrscheinlich wünsche ich mir einfach nur …“ Er sprach nicht weiter.

Bella spürte, wie sich ihr Herz bei seinen Worten schmerzhaft zusammenzog. „Ich verstehe das gut“, flüsterte sie.

Michael strich mit dem Daumen über ihre Hand. „Offenbar sind Sie nicht nur schön, sondern auch einfühlsam und klug.“

Ihr stiegen Tränen in die Augen. Niemand außer Stephen hatte sie jemals als schön bezeichnet. Und da er sich in eine andere verliebt hatte, war sie davon ausgegangen, diese Worte niemals wieder zu hören. Bella blinzelte die Tränen fort und betete, dass Michael nichts bemerkt hatte. „Und schon wieder sind Sie so nett zu mir“, sagte sie in scherzhaftem Ton.

„Bella, ich befürchte, Sie verwechseln da etwas. Sie sind hier der nette Mensch. Vermutlich kann ich mich glücklich schätzen, dass Sie überhaupt mit mir hier sitzen, bei all den Männern, die Ihnen in Scharen hinterherlaufen müssen.“

Jetzt musste sie lachen. „Hören Sie auf mit der Schmeichelei! Außer den betrunkenen Typen in der Bar kann ich nicht gerade mit Verehrern prahlen.“ Ihr war durchaus bewusst, dass sie ungewöhnlich aussah. Ihre dunklen Augen und die blasse Haut mit dem hellen Haar waren eine seltene Kombination. Aber bisher hatte sie nicht das Gefühl gehabt, jemanden damit beeindrucken zu können.

„Ich würde gern mehr Zeit mit Ihnen verbringen“, sagte Michael. In seinen Augen schimmerte plötzlich eine kaum verhohlene Leidenschaft.

Ihr Herz, das sie noch vor wenigen Stunden für tot gehalten hatte, schlug schneller. Bella fühlte sich sehr lebendig. „Michael, ich … ich bin im Augenblick einfach nicht bereit, irgendeine Form von Beziehung einzugehen.“

„Wer spricht denn hier von Beziehung? Wir hatten beide einen harten Tag, und etwas Vergnügen würde uns sicherlich guttun.“ Noch immer sah er ihr in die Augen.

Bella stockte der Atem. „Ein One-Night-Stand?“, brachte sie schließlich hervor, selbst darüber erstaunt, dass sie Michael nicht einfach abwies. Es war nicht das erste Angebot dieser Art, das sie bekam, und bisher hatte sie jedes Mal dankend abgelehnt. Doch all das war vor Stephen gewesen. Bevor sie ihr Herz an jemanden verloren hatte, der es nun nicht mehr wollte …

„Wie es nach dieser Nacht weitergeht, wird sich zeigen, Bella. Vorerst können wir einander helfen, für ein paar Stunden unsere Probleme zu vergessen.“

Es war einfach zu verlockend. Es lag nicht nur an seinem Körper, seinem attraktiven Gesicht oder der Tatsache, dass er sie beschützt hatte. Da war auch dieses merkwürdige Gefühl der Verbundenheit, das dafür sorgte, dass sie sich zum ersten Mal seit Langem wieder wie eine Frau fühlte.

Sie trank einen Schluck Wasser, um ihre plötzlich trockene Kehle zu befeuchten.

Würde sie es wirklich tun? Konnte sie überhaupt?! „Verraten Sie mir wenigstens Ihren Nachnamen?“, fragte sie.

„Michael Medici.“ Er lächelte. „Fragen Sie Ihren Boss nach mir. Er würde mit Sicherheit seine Hand für mich ins Feuer legen.“

1. KAPITEL

Bella erwachte zwischen der feinsten, weichsten Leinenwäsche, die sie jemals gespürt hatte. Und sie lag neben dem Mann, der sie fast die ganze Nacht über geliebt hatte und der sie nun fest umschlungen hielt.

Als ihr klar wurde, dass sie mit einem fast Wildfremden geschlafen hatte, gefror ihr das Blut in den Adern. Was war nur in sie gefahren? Hatte sie es getan, weil sie sich immer noch nicht davon erholt hatte, dass ihr Verlobter sie verlassen hatte? Oder hatte sie ihren Schuldgefühlen darüber entkommen wollen, dass sie in dieser schweren Zeit nicht für ihre Tante da gewesen war?

Sie blinzelte verwirrt und schloss die Augen dann wieder, so als könnte sie der Realität dadurch entfliehen. Doch nichts half gegen das übermächtige Bedürfnis, einfach davonzulaufen. Diese ganze Sache war ein einziger riesengroßer Fehler gewesen! Millimeter für Millimeter bewegte Bella sich auf die Bettkante zu und setzte sich vorsichtig auf.

„Wohin gehst du?“, fragte Michael, und sie war wie erstarrt.

Zögernd warf sie einen Blick über die Schulter. Bei dem bloßen Anblick seiner kräftigen Brust, die in den ersten Sonnenstrahlen schimmerte, stockte ihr der Atem. Michael stützte seinen Kopf auf die Hand und sah Bella erwartungsvoll an. Sie zwang sich, seinem Blick zu begegnen, doch seine dunklen Augen erinnerten sie nur daran, was sie so zu ihm hingezogen hatte: seine Stärke, sein Selbstvertrauen, die Einfühlsamkeit, die sich darunter verbarg. Sie sah auf seine Lippen, erinnerte sich daran, wie leidenschaftlich er sie geküsst hatte …

Verlegen räusperte sie sich und versuchte, ihre Gedanken zu ordnen. „Ich habe heute ein Vorstellungsgespräch und muss vorher noch nach Hause.“

„Glaubst du wirklich, dass das Gespräch bei so einem Schneesturm überhaupt stattfindet?“

„Man kann nie wissen.“ Gott, wie idiotisch sie klang! „Bleib ruhig liegen, ich rufe mir ein Taxi.“

Michael lachte auf und erhob sich. „Da hast du herzlich schlechte Aussichten. Bei dem Wetter … Warte kurz, dann fahre ich dich.“

„Das ist wirklich nicht …“

„Ich bestehe darauf“, unterbrach er sie entschieden.

„Aber mein Auto!“, protestierte sie schwach.

„Ich lasse es von meinem Fahrer zu deinem Apartment bringen.“

Eine Stunde später hielt Michael vor dem Haus, in dem sie wohnte. Bella konnte kaum fassen, wie erleichtert sie war, seiner Nähe zu entkommen. Während der wortkarg verlaufenen Fahrt hatte sie sich ununterbrochen Vorwürfe dafür gemacht, dass sie die Nacht mit ihm verbracht hatte. Das einzig Wichtige war, jetzt für ihre Tante da zu sein. Bella wollte nicht wie ihre Mutter sein, die sich vor jeder Verantwortung drückte.

„Hier wohnst du also?“, stellte Michael eher fest, als dass er fragte.

Bella nickte schweigend und streckte die Hand nach dem Türöffner aus. „Danke, dass du mich gefahren hast.“

„Ich möchte dich wiedersehen.“ Etwas in seinem Tonfall bewegte Bella dazu, sich wieder umzudrehen und Michael in die Augen zu sehen.

Wenn sie ein anderer Mensch gewesen wäre, wenn nicht so viel Verantwortung auf ihren Schultern gelastet hätte, wenn ihr Herz nicht noch immer gebrochen gewesen wäre, dann … Das waren eindeutig zu viele Wenns. Bella schüttelte den Kopf. „Das halte ich für keine gute Idee. Ich hätte …“ Sie räusperte sich. Gott, die ganze Situation war schrecklich!

Er beugte sich zu ihr herüber und fragte herausfordernd: „Hat es dir nicht gefallen mit mir?“

Hörbar atmete sie aus. „Das habe ich nicht gesagt. Es ist nur einfach so, dass ich im Augenblick viel um die Ohren habe. Zeit mit dir zu verbringen würde mich mehr verwirren, als ich mir im Augenblick leisten kann.“

„Wir hatten Spaß miteinander“, erklärte er etwas ungeduldig. „Was kann daran denn verwirrend sein?“

Was er sagte, stand in so abgrundtiefem Widerspruch zu dem, was sie fühlte, dass sie fast gelacht hätte. War ihm denn wirklich nicht bewusst, dass er zu dem Typ Mann gehörte, der automatisch für Verwirrung sorgte?

„So einiges“, erwiderte sie schlicht und schüttelte wieder den Kopf. „Danke, dass du mich gefahren hast.“

Bella flüchtete in ihre Wohnung und schloss erleichtert seufzend die Tür hinter sich. Es dauerte eine Weile, bis sie wieder ruhig atmen konnte. Dass sie die Nacht mit einem Unbekannten verbracht hatte, konnte sie immer noch nicht fassen.

Sie warf einen Blick auf die Uhr. Für ihren üblichen morgendlichen Anruf bei Tante Charlotte war es noch etwas zu früh. Bella beschloss zu duschen. Wenig später war sie froh, weil das warme Wasser wenigstens einen Teil ihrer Anspannung mit sich fortspülte.

Nachdem sie sich abgetrocknet und angezogen hatte, warf sie erneut einen Blick auf die Uhr. Dann wählte Bella Charlottes Nummer. Mit jedem Freizeichen, das ertönte, wuchs ihre Sorge.

Sie wusste, dass sie ihre Tante jederzeit verlieren konnte. Im Augenblick erholte sich Charlotte von der Brustkrebserkrankung und der furchtbaren einjährigen Behandlung, die damit einhergegangen war.

Sie hatte es ausgerechnet in dem Jahr erfahren, in dem Bella sich ihren Traum erfüllt hatte. Charlotte, der nichts mehr am Herzen lag als das Glück ihrer Nichte, hatte ihr gegenüber kein Wort über ihre Krankheit verlauten lassen. Erst als Bella zurückgekehrt war.

„Hallo?“, meldete ihre Tante sich mit schläfriger Stimme.

„O nein, ich habe dich geweckt!“

„Nein, nein“, erwiderte Charlotte beschwichtigend und seufzte. „Na ja, um ehrlich zu sein: doch, hast du. Der Laden ist heute geschlossen.“

„Dann hast du einen freien Tag?“, hakte Bella nach. Sie freute sich, dass ihrer Tante ein wenig Ruhe vergönnt war.

„Ja, allerdings werde ich auch nicht bezahlt.“

„Soll ich dir etwas vorbeibringen? Eine Suppe oder Sandwiches?“

„Wag es ja nicht! Wenn du bei diesem Wetter fährst, komme ich am Ende noch um vor Sorge! Mein Kühlschrank ist voll. Vielleicht gönne ich mir den Luxus und bleibe den ganzen Vormittag im Bett liegen.“

„Aber versprich mir, dass du etwas isst!“, beharrte Bella.

„Du klingst schon, als wärst du meine Mutter.“

„Ich muss ja auch ein ganzes verlorenes Jahr nachholen!“

„Ach, mein Schatz, hör doch endlich auf damit! Du hast alles richtig gemacht, und ich habe es auch ohne dich durchgestanden.“

„Aber du hast die Spas verloren.“ Ihr ganzes Leben lang hatte Charlotte davon geträumt, ein Spa in Atlanta zu eröffnen. Und kurz bevor sie gegen die Krankheit hatte kämpfen müssen, hatte sie ihr Ziel endlich erreicht. Innerhalb kürzester Zeit hatte sie sogar zwei weitere Filialen eröffnen können. Doch die Behandlung hatte Charlotte alle Energie geraubt. Schließlich hatte sie ihren Kredit nicht mehr abbezahlen können, sodass die drei Spas nun der Bank gehörten.

„Es könnte schlimmer sein, Bella“, erwiderte Charlotte und lachte gut gelaunt. „Mein Haar wächst wieder! Ich überlege, ob ich es rosa färben soll.“

Bella lächelte. „Lila fände ich auch nicht schlecht.“

„Ich werde drüber nachdenken. Übrigens arbeitet eine meine Kundinnen bei der Bank und hat mir erzählt, wer die Spas übernommen hat.“

„Wirklich? Schieß los!“

„Scheint ein ziemlich großer Fisch zu sein. Hat einen Haufen Geld damit verdient, bankrotte Unternehmen zu ersteigern und dann höchstbietend weiterzuverkaufen.“

Bella verzog das Gesicht. Der Käufer schien ein waschechter Aasgeier zu sein. „Klingt ja nicht gerade sympathisch.“

„Ich habe ihn zwar noch nicht kennengelernt, aber laut meiner Kundin ist er einer der begehrtesten Junggesellen Atlantas. Er heißt Michael Medici.“

In der vagen Hoffnung, dass Michael Medici einen Hauch von Mitgefühl zeigen würde, betrat Bella drei Wochen später das Gebäude von MM Enterprises. Ihr war bewusst, dass so gut wie alles gegen ihren Vorschlag sprach, aber sie musste es einfach versuchen.

Michaels Konzern hatte Charlottes Spas gekauft, bevor Bella ihn kennengelernt hatte. Bei ihren Recherchen hatte sie herausgefunden, dass sein Geschäftsgeheimnis darin bestand, bankrotte Firmen aufzukaufen und sie dann entweder zu sanieren oder mit dem größtmöglichen Profit abzustoßen.

Ihre Absätze klackerten auf dem Fliesenboden. Bella hatte sich von Kopf bis Fuß in Schwarz gehüllt. Auch wenn sie jetzt so aussah, als würde sie zu einer Beerdigung gehen, fühlte sie sich in diesem Outfit einfach sicherer. Nichts war wichtiger, als dass Michael sie ernst nahm. Nervös stieg sie in den Aufzug und ging in Gedanken zum hundertsten Mal durch, was sie ihm sagen wollte. Wenig später klingelte es leise, und die Lifttür öffnete sich. Angespannt ging Bella auf das Firmenschild von MM Enterprises zu und zog die Tür auf.

Am Empfang saß eine junge Frau mit Headset, die sie argwöhnisch musterte. „Wie kann ich Ihnen helfen?“

„Ich bin Bella St. Clair. Ich habe einen Termin mit Mr. Medici“, erwiderte sie so selbstbewusst, wie sie konnte.

Die Assistentin nickte. „Setzen Sie sich bitte für einen Moment. Mr. Medici wird gleich Zeit für Sie haben.“

Bella nahm auf dem Besuchersofa Platz und knöpfte sich den Mantel auf, während sie den Empfangsbereich begutachtete: teure Designermöbel, erlesene Kunstwerke an den Wänden, ein riesiges Aquarium. Ob die Fische darin wohl so wie ihr Besitzer zur Haifischfamilie gehörten?

Am liebsten wäre sie sofort wieder geflüchtet. Aber sie wusste, dass dies ihre einzige Chance war, wiedergutzumachen, dass sie Charlotte im Stich gelassen hatte.

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