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Worte in der Dämmerung

Edition Habermann

„Geboren aus den Geheimnissen der Frühe…“

Friedrich Nietzsche

„Der Wanderer“

Menschliches, Allzumenschliches I, 638

„Man mache nur hundert und mehr Entwürfe […] von solcher Deutlichkeit, dass jedes Wort darin nothwendig ist; man schreibe täglich […] man sei unermüdlich im Sammeln […] man erzähle […] und höre erzählen […] man reise […] man excerpire […] und sei ein Sammler […] bei Tag und bei Nacht. In dieser mannigfachen Übung lasse man einige zehn Jahre vorübergehen: Was dann aber in der Werkstätte geschaffen wird, darf auch hinaus in das Licht der Strasse.“

Friedrich Nietzsche

„Der Ernst des Handwerks“

Menschliches, Allzumenschliches I, 163

Benedikt Maria Trappen

Worte
in der Dämmerung

Gedichte und Prosa 1978 – 1982

Nachwort

von

Martin Spura

Edition Habermann

München 2022

Vorwort des Herausgebers

Nachdem mit Briefe aus der Unbewusstheit, Reisetagebuch und Einblicke in die Werkstatt 2016 bereits ein wesentlicher Teil des zufälligen Fundes veröffentlicht wurde, folgen in diesem Band ausgewählte Gedichte und Prosa aus dem Nachlass des weitgehend unbekannt verstorbenen Dichters. Der Abdruck erfolgt chronologisch. Ersten Gedichten schließen sich zwei frühe Erzählungen an. Mit Worte in der Dämmerung. Gedichte und kleine Prosa folgen Texte, die der Dichter selbst für die Veröffentlichung unter diesem Titel zusammengestellt hat. Nachgelassene Blätter versammelt abschließend Texte aus den Jahren 1978 bis 1982, die lose in Mappen aufgefunden wurden. Die zahlreichen farbigen Markierungen, Unterstreichungen und handschriftlichen Anmerkungen wurden nicht in den Druck übernommen.

Bereits das erste Gedicht des Sechzehnjährigen lässt den unmerklichen Übergang vom Sinnlichen, meditativ Wahrgenommenem zum darüber hinaus Gehenden - dem Über-Sinnlichen, Meta-Physischen, Symbolischen - deutlich erkennen. Es folgen Texte, die sich dem Dichter fern von der Alltagswelt und sinnlicher Wahrnehmung aus ursprünglicher, unbewusster Quelle zugesprochen haben und die, von späteren Überarbeitungen unberührt, unverändert erhalten sind. Die erste Erzählung Der Weg (1978) und das rätselhafte Fragment Maria (1979) dagegen weisen bereits deutliche Spuren späterer Überarbeitungen auf. Motive tauchen auf, die das weitere Werk durchziehen und durchstimmen. Es geht um Traum und Wirklichkeit, Sehnsucht nach Erlösung, Befreiung, Ganzheit, Menschwerdung, Liebe als Weg und Liebe als Ziel, um Erfüllung.

Offensichtlich hat sich der Dichter von vielen dieser frühen archaischen, archetypischen, religiös und mystisch anmutenden Texte distanziert und sie nicht in die für die Veröffentlichung bestimmte Auswahl übernommen. Zwar wurde die dichterische Produktion der daran anschließenden, vermeintlich bewussteren und rationaleren Phase auch weiterhin aus ursprünglichen, unbewussten Quellen gespeist; der Verstand aber, das bewusste Denken gewann zunehmend an Einfluss.

Das Bild des Dichters von sich selbst in dieser Zeit war, auch durch den Beginn des Studiums, zunehmend philosophisch, literarisch und politisch geprägt. Unbewusster Sinn und Bedeutung traten hinter verständlich Gedachtem und Gemeintem zurück. Immer wieder sind es Alltagsbeobachtungen und Erlebnisse, an denen sich der kreative Prozess entzündete, der mit erheblicher ekstatischer Erregung einherging; aber auch Leseerfahrungen regten die Text-Produktion an, wobei Gedichten des Dichters Reiner Kunze besondere Bedeutung zukommt. Zahlreiche Zitate und Widmungsgedichte zeugen von diesem literarischen Dialog.

Dass es sich bei diesem kreativen Prozess vor allem um die spontane Verwirklichung der „transzendenten Funktion“ – oder, mit anderen Worten, um einen Kundalini-Prozess - handelte, ein spontanes Geschehen, das der Bewusstmachung, Integration des Unbewussten, dem Prozess der Individuation, der Verwirklichung der Ganzheit dient und nicht um eine bewusste Leistung des Ich, begann, wie wir bereits wissen, der Dichter erst allmählich zu verstehen nachdem die Quelle der Kreativität plötzlich versiegt schien.

Wissen, Werte, Kindheitsglaube, Selbst- und Weltverständnis wurden in dieser Zeit radikal in Frage gestellt. Die letzten drei Gedichte sprechen deutlich von dieser tiefen existenziellen Krise. In dieser verzweifelten Situation wurde dem jungen Dichter das Werk C.G. Jungs bedeutsam. „Die Psychologie ist das Eingangstor zur Philosophie,“ fasste er diesen schmerzlichen langen dunklen Durchgang an anderer Stelle zusammen. Aus dem Dichter ging der Tiefenpsychologe hervor, aus dem Tiefenpsychologen der Philosoph. Descartes Meditationen, Hegels Phänomenologie des Geistes, Heideggers Sein und Zeit, Sánchez‘ Der Geist der Deutschen Romantik, Eliades Forschungen zur Geschichte der religiösen Ideen, Buddhistisches, Indisches und Tibetisches, oft zufällige Funde und Begegnungen, wurden ihm mit Träumen und Zeichen zu Landkarten, Kompass, Wegmarken.

Ob die ausgewählten Texte, die der Dichter mit Beginn des Prozesses der Selbsterkenntnis und Selbstverwirklichung als Prima Materia, den Urstoff der Wandlung der Alchemisten verstand, literarischen Wert haben, müssen die Leser entscheiden. Der Herausgeber sieht in ihnen unabhängig davon auch heute noch wertvolle Zeugnisse des Prozesses der Menschwerdung, wie ihn Hegel und Feuerbach, Nietzsche und Lama A. Govinda vorhergesehen und vorhergesagt haben.

Erste Gedichte

BILDER

Autos zischen über nasse Straßen.

Geschrei von spielenden Kindern

und das Klingeln einer Haustür.

Regengeplätscher durchdringt den

grauen Schleier. Rauch aus dem Kamin

zieht gemächlich in die Höhe. Aus

den Umrissen der kahlen Bäume

hebt sich leuchtend eine Tanne ab

und beansprucht das alleinige Recht

betrachtet zu werden.

Keine Hand verändert das monotone Bild.

Gelegentlich ziehen schweigend Vögel vorbei,

bedacht, den Fesseln der Natur zu entrinnen.

Gefangen und nicht im Gefängnis.

Verurteilt, doch nicht schuldig.

Hilflos und ohne Hilfe.

Das Bild des Lebens.

Und keiner wagt sich zu wehren,

auszubrechen aus den Wegen, die

sind und doch nicht sind.

Und keiner kennt den Weg der ihm ist.

Und doch geht er ihn, Stunde um Stunde,

Tag für Tag. Und malt ihn aus, gering.

Denn sein Weg gehört zum Weg aller,

zum Bild der Natur, das keiner von

ihnen gemalt hat.

LIEBE

In der Liebe fest verankert

liegt des Lebens letzter Sinn.

Liebe ist der seidene Faden

an dem du am Leben hängst.

Liebe umhüllt das große Schweigen

was die Quell‘ des Lebens ist.

In geheimnisvoller Weise

durchzieht sie deinen Lebensweg.

Es ist die Liebe ohne Wissen,

ein unbewusstes Bindewerk,

das dich auf kunstvoll schöne Weise

Schlichtes sehr zu schätzen lehrt.

Es ist die Liebe zweier Menschen,

die beide gar zu einem vereint,

die Liebe, die so für den einen

unschätzbaren Wert dem andern gibt.

Es ist die Liebe aller Menschen

zu irgendetwas in der Welt,

die Liebe aller unter einander,

die das Miteinander des Lebens prägt.

Es ist die Liebe, die das Leben

jeder Baum und Strauch dir gibt,

die Liebe, die von dem gegeben,

der Liebe in der Liebe ist.

DEIN KAMPF

In Krieg und Leid, Gewalt und Frieden

gab es Männer, Frau und Kind.

Es waren die, die Geschichte schrieben,

es waren die, die nicht mehr sind.

Sie sind nicht mehr, doch sind geblieben,

Krieg und Leid, Gewalt und Frieden.

Mit diesen Dingen, die da bleiben,

ist’s an dir, Geschichte zu schreiben.

So beginne deinen Kampf,

gegen Krieg, Gewalt und Hass.

Kämpfe für das Glück und Frieden.

Du musst kämpfen. Du wirst siegen.

Lebe auch für deinen Kampf

und mach daraus ein Lebenswerk.

Zeig im Kleinen wie im Großen,

dass Leben auch ganz anders geht.

Auf Dank darfst du doch niemals hoffen,

denn Dank ist doch den meisten fremd.

Als Dank muss dir allein genügen,

dass manch einer den Weg erkennt.

Denn viele haben nur geglaubt,

für Ideale muss man sterben.

Du musst den anderen vererben,

dass Leben sich doch viel mehr lohnt.

WALDWECHSEL

Die Blätter fallen müd vom Baum,

zu müd, um länger Blatt zu sein.

Noch gelb und grün, bald rot und braun,

sie werden wie die Erde sein.

Es neigt der Wald sein Angesicht,

im Wandel stiller Zeiten,

und harrt in dunkler Zuversicht,

den herbstlichen Gezeiten.

Noch hüllt der Nebel Wald und Stamm

in leises Grau, so leise,

dass man von ferne hören kann,

des Donners dumpfe Weise.

Doch auch der Nebel wird vergehen,

im Wandel unserer Zeiten,

dann werden wir das Dunkel sehen

und müssen an ihm leiden.

LIEBESGEDANKEN

Die große Sehnsucht deiner Liebe

schenkte mir den zarten Traum,

in dem ich lange bei dir bliebe

durchschwebte mit dir Raum um Raum.

Gemeinsam fühlten unsere Herzen,

was uns zu einem gar verband,

fühlten auch die sanften Schmerzen,

gingen wir nicht Hand in Hand.

Und wenn du dann so vor mir standest,

wie siebzehn und so jung, so schön,

und nicht die rechten Worte fandest,

die doch in deinem Herzen stehen

Dann schenkten sich doch unsere Augen

Liebe, die wir uns ersehnt

und ließen uns den schönen Glauben,

den uns die Jugend ausgelehnt.

DIE SIEBEN

Die Sieben schon am Anfang aller Dinge:

In sieben Tagen erschuf Gott die Welt.

Gebangt hast du, dass sie nun bald erklinge,

die dich so oft vom Truge fern gestellt.

Erkannt hast du der Menschen wahre Seiten,

gesehen, was dein Innerstes ersehnt,

gefühlt hast du mit Sternen in den Weiten,

die die die Sieben ausgelehnt.

Die Sieben auch am Ende aller Schrecken:

In sieben Ewigkeiten endet diese Welt.

Du hoffst, sie wird auch dich erwecken,

wenn der Schleier des Truges fällt.

HEILIGE NACHT

Glasblaues Eis,

brennender Stern, der mit glühendem Schweif

zur Erde schreit. Kind der verlorenen Rufe,

verlassene Nacht, die dich berührt, die du

fühlst. Kurze Ewigkeit, alles begreifend,

alles wissend verlischt für Ewigkeit.

ANSICHTEN EINES CLOWNS

Gedanken einer großen Zeit,

in unser Leben übernommen,

so als hätt‘ der Mensch der Zeit

kein Recht, allein zu sich zu kommen.

Zu suchen, finden und erkennen

was der Weltengeist verbirgt,

sich und sein Leben anerkennen,

bevor der Traum der Jugend stirbt.

Gedanken einer großen Zeit

zum Bereuen und Vergessen,

Mord und Hass und Menschenleid

und was der Geist der Zeit besessen.

Und aus dem Mensch der Schreckenszeit

wird der Mensch der Vergangenheit.

Als wäre Leben nur ein Spiel,

von Maskenmenschen ausgedacht.

Der Masken gibt es ach so viel,

die Maske, die den Menschen macht.

Doch dem sie Lieb und Treu genommen,

des Lachen sie zunicht‘ gemacht,

er soll in ihre Mitte kommen,

soll nehmen, was ihm zugedacht.

Als hätten sie ihm zu vergeben,

als wär es Schuld, zurück zu schauen.

Und so steht einzeln gegen jeden,

ein einsamer verlorener Clown.

SINNSAM

Denkend die dunklen Wege wandelnd, die stillen

Straßen. Denkend ohne Gedanken. Die stumme

Mauer suchend, die Frage, die einzige nur

auf die Antwort: Leben.

VERSUCH

Keiner muss.

Nur wenn er will.

Auch kämpfen?

Auch kämpfen.

Sich wehren?

Ja wehren.

Und töten?

Auch töten.

Ich will nicht

und sterben.

Also doch

Erzählungen

DER WEG

Ich war ein Junge wie all die anderen, vielleicht nur darin etwas anders, dass ich nicht mit dem Traum vom Eisenbahner oder Flugzeugführer lebte, sondern die Welt mit den aufgeschlossenen, wissenshungrigen, doch allzu oft trostlos unverständigen Augen eines Knirpses sah, für den die Welt selbst einen Traum darzustellen schien, der es wert war, in allen möglichen und unmöglichen Situationen konsequent bis zum Ende erlebt zu werden. Wie alle Kinder lebte ich mit dem Christkind, dem Osterhasen und Nikolaus, dem schwarzen Mann, mit Hexen und Zauberern und sonstigen, als pädagogische Mittel recht wirkungsvollen Gestalten. Für all das hatte ich Platz in meinem Traum, all das regte meine Phantasie lebhaft an. Nur wollte oder konnte mir damals keiner erklären, wie diese Wesen beschaffen seien, wo sie lebten, was sie taten, ob man mit ihnen reden konnte. Mir genügte nicht, dass sie überall waren, die einen gut, die anderen böse, dass sie alles sehen, gute Kinder belohnen und böse bestrafen konnten. So begann ich, sie zu suchen. Bald fand ich, dass mein Vater, der urteilen, strafen, verbieten konnte, in Wirklichkeit der schwarze Mann und meine Mutter, ihrer Sorge und Nachgiebigkeit wegen, das Christkind sei. Doch man versicherte mir, dass dem nicht so sei, und so musste ich, damals wohl etwas enttäuscht, meine Fragen anders zu beantworten suchen. Ich betrachtete alles ganz genau und entdeckte bald, dass im Himmel nur das Christkind und der schwarze Mann nur im Dunkel, im Verborgenen, in einer finsteren Höhle oder den wirren Ästen eines kranken Baumes leben konnte. Ich betrachtete den Himmel, das Vorüberziehen der blassen Wolken, in denen ich Pferde und Schafe, Burgen und Schlösser, ganze Landschaften gar mit Bergen entdecken konnte. Nur das Christkind konnte ich nirgendwo finden.

Die Schule brachte schließlich ganz andere, neue, doch nicht weniger interessante Dinge in mein Leben, so dass ich meine Aufmerksamkeit ganz den noch unbekannten Gebieten zuwenden musste. Auch erzählte man mir, dass die Geschichten vom Christkind und dem schwarzen Mann gar nicht so seien, wie sie mir erzählt worden waren und ich wollte es glauben. Doch wie alles, was einer Lösung bedarf, die man nicht finden kann, reizten mich auch all diese Geschichten, deren Wahrheit ich vorläufig ersatzlos beraubt war, und ich konnte sie nicht ganz vergessen.

Die Jahre vergingen, ich wuchs heran. Von meiner Kindheit geblieben war mir einzig die Leidenschaft, alles genau zu nehmen, alles erfahren zu wollen, meine Art, träumerischen Gestalten nachzuhängen und damit verbunden noch immer der Gedanke, ob alles Leben nicht nur ein Traum sei und die Wirklichkeit erst mit dem Erwachen beginne, von der ich mir keine mich befriedigende Vorstellung machen konnte. Waren die Schularbeiten getan, streifte ich lange durch Wiesen und Wälder, flüchtete mich tief in die Einsamkeit der Natur, deren Wesen mich nicht minder lockte als die Suche nach dem schwarzen Mann. Sicher war an seine Stelle längst der Teufel mit all seinen dunklen Gesellen getreten, doch sah ich darin keine Neuerung, sondern fand, dass hinter all diesen unheimlichen Namen im Grunde doch nur eines steckte. Was es genau war, davon wusste ich freilich nichts, und die Erklärungen meiner Eltern waren kaum dazu angetan, meine Neugier zu verringern.

Oft saß ich in Gedanken versunken mitten im Wald, an einem Bach und lauschte den verschiedenartigen Geräuschen des Tier- und Pflanzenreiches. Das Betrachten einer Blume, eines Steines, eines Käfers fesselte mich so stark, dass ich lange meinen Blick auf diesen Dingen ruhen ließ. Ähnlich den Wolken konnten auch diese Dinge andere Formen annehmen, ihr Aussehen von Augenblick zu Augenblick ändern, sich öffnen und Königreiche zeigen, Freude und Sehnsucht, aber auch Angst und Entsetzen in mir erwecken. So in Gedanken verloren hoffte ich, das Wesen der Dinge zu erkennen, hinter meinen Traum blicken und jeder Figur meines Lebens ihren wahren Gehalt zuordnen zu können. Bald hatte ich mir eine eigene Welt geschaffen, die meiner Meinung nach der Enthüllung aller unfassbaren Phänomene des Lebens weit näherstand, als alle philosophisch-naturwissenschaftlichen Erklärungen der Menschheit.

Unter all den Plätzen, die ich auf meinen Wegen aufsuchte, hatte ich bald schon einen Lieblingsplatz gefunden. Eine kleine Wiese, die den ganzen Nachmittag in der Sonne lag und von wilden Hecken umgegeben war. Auf einem dornenüberwucherten Hügel stand inmitten der Wiese eine alte Eiche. Ihre morschen, verkrüppelten Äste hingen wirr umher, es fehlten Zweige, die Rinde an vielen Stellen. Ganze Teile waren abgefault und nackte Stümpfe zierten den riesigen Stamm. Würme und Käfer suchten Nahrung und Schutz in den tiefen Wunden des sterbenden Baumes. Ein enger Durchbruch, groß genug, dass ich mich hindurchzwängen konnte, machte es mir möglich, an diesen Ort zu gelangen. Ich hielt es für unmöglich, dass irgendwer diesen Zugang finden und wenn auch, hindurch kommen könnte. Diese Gewissheit gab mir das Gefühl wohltuender Einsamkeit, Friede, Geborgenheit. Und ich fühlte einen überlegenen Stolz all denen gegenüber in mir anwachsen, die keine Wiese hatten, keinen Baum und kein Geheimnis. Ich bemitleidete sie gar im Stillen.

Ich behielt mein Geheimnis ganz für mich und hütete mich streng, auch nur die entfernteste Andeutung dessen zu machen, was langsam zum festen Bestandteil meines jungen Lebens wurde. Hier verbrachte ich den Großteil meiner Freizeit, war vertraut mit jedem Halm, jeder Blume, jedem Stein, hier konnte ich ungestört träumen und vor allem meiner Neigung zum Sinnlichen, meiner Suche nach Antworten auf die mich immer mehr beschäftigenden Fragen nach Sinn und Ziel alles Seienden freien Raum bieten. Mehr als alles andere aber wirkte dieser verkrüppelte Baum auf mich. Ich schenkte ihm mein ganzes Mitleid, war aufrichtig ergriffen vom Lauf seines Schicksals und musste doch hilflos mit ansehen, wie es seinen Lauf nahm. So oft ich ihn ansah, litt ich mit ihm und bewunderte seinen Willen, allen auf ihn einwirkenden Kräften zum Trotz den Kampf um seine bloße Existenz in dieser Einsamkeit auf sich zu nehmen. Sein Anblick war mächtig, unweigerlich zog er meinen Blick auf sich und bannte ihn Stunde um Stunde. Sein Bild änderte sich mit dem Lauf der Sonne, und immer zeigten sich andere Formen und Gestalten. Mit Beginn der Dämmerung aber folgte ich seiner unmerklichen Weisung und ging nach Hause. Heute würde ich sagen, dass es wohl eher die Angst vor meinem Vater war, die mich vor Anbruch der Dunkelheit zu Hause erschienen ließ. Damals aber wollte ich daran glauben, dass mein Baum dann alleine sein musste, dass ich ihn nun nicht mehr stören durfte, dass sonst seine Freundschaft mit mir abbrechen könnte.

Seit Wochen erwachte die Stadt in hellem Licht, leuchteten Straßen und Gassen bis spät in die Nacht, bis Stille war und die Stadt schlief im Licht der Laternen. Hoch folgen die Schwalben, es wehte ein Wind und auf den Feldern stand das Korn. Der Sommer war groß und wollte noch lange nicht zu Ende gehen. An jenem Tag nun führte mich mein Weg zu meinem geheimen und inzwischen fast einzigen Ort, den ich in meiner Freizeit aufzusuchen pflegte. Stärker, als ich es je empfunden hatte, wirkte an diesem Tag mein Baum auf mich. Von Anfang an war ich in seinem Bann, mein Blick gefesselt von seiner Gestalt. Nicht das Zwitschern der Vögel, noch das Rauschen des Windes drang bewusst an mein Ohr. Es gab nur den Baum. Im Wechsel von Licht und Schatten zeigte er nie zuvor geschaute Formen, bewegte er seine Arme im Takt einer nie gehörten, aus einer anderen Welt kommenden Musik. Dann waren es die zerzausten Haare eines Dirigenten, der, berauscht vom Klang seiner Musik, ein mächtiges, auch die feinsten Einheiten, die leisesten Töne vollendet spielendes Orchester dirigiert. Wollte man dem, der das höchste Maß an Vollkommenheit und Schönheit aufweist, den Namen „Gott“ zusprechen, so war mein Baum mein Gott. Dabei störte mich in keiner Weise der Gegensatz zwischen der Schönheit und Vollkommenheit meiner erdachten Wirklichkeit und dem grausamen, krankhaften Bild der Tatsächlichkeit meines Baumes. Er war mein Gott, in meiner Welt, er wusste nichts von dem Gott der anderen, der wirklichen Welt. In dieser Welt gab es Gott schlechthin. Sollte ich ihn leugnen? Von Anfang an hatte er dazu gehört, er war Gott. Was sollte ich mit meinem Gott in dieser Welt, die nur zerstört. Mein Gott sollte leben. Für ihn wollte ich beten Tag für Tag, und Gebete waren all meine Gedanken an ihn.

So meinem Baum verfallen verlor ich jede Empfindung für Zeit und Raum, war unfähig, meinen Blick von ihm abzuwenden. Ich bemerkte nicht, dass ich längst schon zu Hause sein sollte, dass der Glanz der Sonne dem Dunkel der Dämmerung wich. Nichts von alldem berührte mich. Nicht einmal ein Zeichen meines Baumes, das ich sonst doch als unwiderruflich betrachtet hatte, konnte ich mehr erkennen. Gab er mir heute denn gar kein Zeichen? Wollte ich überhaupt weg? Mir war, als wartete ich sehnsüchtig auf eine Mitteilung, eine Botschaft meines Gottes. War er es, der mich nicht lassen wollte? Doch was geschah meinem Baum? Was war aus ihm geworden? Er streckte seine dürren faulen Hände nach mir aus, wehte den Gestank verfaulter Leiber mir entgegen. Er erhob sich, wuchs höher und höher aus seinem morschen Stamm empor, wurde mächtig und unüberschaubar. Ich starrte ihn an, kroch auf ihn zu, berührte seine noch tiefer klaffenden Wunden. Ich blickte nach oben. Seine breiten bleichen Äste griffen nach der noch als glühender Ball am Himmel schwebenden Sonne, als ob sie sie verschlingen wollten, als ob sie alles verschlingen wollten. Ich fühlte das Kribbeln der Würmer und Käfer, fühlte sie höher und höher krabbeln, wie sie Besitz von mit ergreifen wollten. Sie gehörten doch zu meinem Baum, und entsetzt wurde mir bewusst, dass er auch mich verschlingen wollte, mich greifen und mit in seine Welt ziehen wollte. Angst und Ekel überkamen mich. Ich sprang auf, trat gegen den Baum, schlug auf ihn ein, spuckte ihn an, schrie und rannte weg, ohne mich auf nur einmal umzudrehen. Doch sein Schatten war überall, wohin ich auch rannte. Und Finsternis lag über dem Land.

Ich hatte gesehen, was keiner noch vor mir gesehen hatte, die Wahrheit der Dinge, wenn auch nur für kurze Zeit geschaut. Doch sie war furchtbar, voller Ekel. Sie war Wahnsinn. Es konnte nicht die ganze Wahrheit sein, es durfte nicht sein. Doch wie beschaffen war die andere Seite? War sie es, die mir zuvor Stunden der Freude und der Hoffnung gegeben hatte? Es war doch immer dasselbe, mein Baum und mein Gott. Doch wie konnte er jetzt noch mein Gott sein, da er mir jeden Glauben an die Vollkommenheit meines Gottes genommen hatte? War nicht auch all das Geschaute ein Bild der Vollkommenheit, wenn auch des Schrecklichen und Abscheulichen? Hatte ich geschlagen und gehasst, was Gott für mich war? Oder mich einer gefährlichen und vernichtenden Macht im letzten Augenblick noch entrissen?

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