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Worte für ein inklusives Wir: Klartext zur „Muslimfrage“

Muhammad Sameer Murtaza

Worte für ein inklusives Wir:
Klartext zur „Muslimfrage“

Inhaltsverzeichnis

Statt eines Vorwortes:
Woher unser Grundgesetz kommt

Wir! Wer ist dieses „Wir“?
Und gehören Muslime dazu?

Ohne Orient kein Okzident.

Muslime in Deutschland – eine Prise Geschichte

Die strukturelle Integration

Auf dem Weg zu einem inklusiven Wir

Ein inklusives Wir im säkularen Staat

Der säkulare Staat und die muslimische

Gemeinschaft.

Grundgesetz oder Qurʾān?

Die Neujustierung unseres Verständnisses von Säkularität

Muslimfeindlichkeit als Herausforderung für den säkularen Staat

Alternative Laizismus?

Muslimische Gemeinschaft und politische Mach

Ein inklusives Wir

Identität

Deutsche Identität?

Können Muslime Deutsche sein?

Gläubige Kosmopoliten

Die Schwierigkeit mit dem deutschen Nationalstolz

Mit Sympathisanten von Rechtspopulisten reden?

Islam is beautiful

Integration: ein Begriff der Nebel und Wolken

Dazugehören nicht um jeden Preis

Eine unzeitgemäße Sicht auf die Aufklärung

Statt Assimilation: Tischgemeinschaft

To be a Muslim is beautiful

Darf die Minderheit Forderungen stellen?

Das vielfältige Wir der Vielen

Statt eines Schlusswortes:
ein Plädoyer für eine gelebte Verfassung

Nachwort: Über dieses Buch

Anhang

I Ein Gespräch mit Dr. Murad Wilfried Hofmann

II Konstruktives Sprechen über Islam, Reform und Politik

III Thesen zur Religionsfreiheit

Literatur

„Närrisch, dass jeder in seinem Falle
Seine besondere Meinung preist!
Wenn Islam Gott ergeben heißt,
In Islam leben und sterben wir alle.“1

(Johann Wolfgang Goethe)

 

1 Goethe, Johann Wolfgang (1993: 283).

Statt eines Vorwortes:
Woher unser Grundgesetz kommt

Deutschland heute ist ein säkularer Staat. Wir sind eine Nation von Christen, Atheisten, Juden und Muslimen. Muslimen? Deutschland mitunter eine Nation von Muslimen? Islam und Muslime sind augenblicklich Reizwörter, die Diskussionen entfachen. Das ist nicht neu. Frühere Generationen hatten ebenso ihre Debatten, ob es nun um den Einfluss der katholischen Kirche oder um den Bau von Synagogen ging.

Deutschland muslimisch? Über vier Millionen Mitbürger muslimischen Glaubens, die in allen Berufssparten unseres Landes zu finden sind, tragen nicht nur zum wirtschaftlichen Erfolg Deutschlands bei, sie machen das Land auch zu einer Nation für Muslime. Kein einziges Bundesland, das nicht über eine Moschee verfügt. Mitbürger muslimischen Glaubens dienen unserem Land und beschützen es, ob als Polizisten, Feuerwehrmänner oder Bundeswehrsoldaten. Weshalb also diese Irritation? Vielleicht hilft bei solch aufgeregten Diskussionen Besinnung. Besinnung darauf, woher wir kommen und wer wir sind.

Wer eine Ausgabe des Grundgesetzes in die Hand nimmt und seine Bezeichnung Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland liest, mag sich vielleicht wundern, warum es nicht Verfassung der Bundesrepublik Deutschland heißt. Beginnen wir doch mit der historischen Ausgangssituation, die nicht nur das Grundgesetz, sondern zugleich die Biografie der Bundesrepublik Deutschland prägte.

Ausgangspunkte des Grundgesetzes waren die totalitäre Hybris, die staatlich organisierte Mordmaschinerie und die gewaltsame Expansion der Nationalsozialisten. Der Zweite Weltkrieg endete am 7./8. Mai 1945 mit der totalen Niederlage Deutschlands. Die Nationalsozialisten hatten ein Deutschland in Ruinen hinterlassen. Es gab keine Regierung und keine Behörden mehr, die administrative Struktur des Landes war zerstört. Deutschland drohte der Rückfall in eine primitive Wirtschafts- und Lebensform. Durch den Holocaust waren 6.000.000 Menschen jüdischen Glaubens planmaßig ermordet worden. Im Rahmen der Aktion T4 brachten die Nationalsozialisten 219.600 Roma und unzählige Angehörige der Religionsgemeinschaft „Zeugen Jehovas“ sowie Homosexuelle, psychisch Kranke, körperlich missgebildete und schwerbehinderte Menschen um. 20.000 Sozialdemokraten und Kommunisten, die Widerstand leisteten, wurden von ihren deutschen Mitbürgern in den Konzentrationslagern grausam ums Leben gebracht.2

Zweimal war von deutschem Boden ein Krieg ausgegangen, der große Teile der Welt erschütterte. Die Besatzungsmächte – die USA, Sowjetunion, Großbritannien und Frankreich – hatten ein großes Interesse daran, einen weiteren Weltkrieg, der vom deutschen Volk ausgeht, zu verhindern. Deutschland, das nach Kriegsende zur Selbstverwaltung unfähig war, wurde in vier Besatzungszonen und Berlin in vier Sektoren aufgeteilt. Ein Viermächte-Kontrollrat übernahm die Verwaltung des Landes. Kurzzeitig überlegte man ernsthaft, das Land zu zerstückeln und es in einen vorindustriellen Zustand zu versetzen. Aber es kam anders. Wohl auch deshalb, da im Viermächte-Kontrollrat die Differenzen zwischen den USA und der Sowjetunion unüberbrückbar wurden. Am 20. März 1948 vertagte sich der Kontrollrat auf unbestimmte Zeit, was den weiteren Erhalt der Einheit Deutschlands fragwürdig erscheinen ließ. Seit 1946 vollzog sich in den verschiedenen Besatzungszonen, wenn auch in unterschiedlichem Maße, der Wiederaufbau der deutschen Verwaltung. Ziel war eine weitgehende Dezentralisierung und lokale Selbstverwaltung, um so eine neue deutsche Staatsgewalt von unten nach oben aufzubauen.3

So begann man, auf kommunaler Ebene Amtsträger einzusetzen, Bürgermeister, Oberbürgermeister, Landräte und Ministerpräsidenten, die zunächst Hilfsorgane der Militärregierungen waren. Zugleich war dieses schrittweise Vorgehen auch eine Einübung in die demokratische Praxis.

Doch die Haltung der Sowjetunion machte eine gemeinsame Deutschlandpolitik unmöglich. In den Westzonen wurde zunehmend über einen wirtschaftlichen Zusammenschluss der Zonen als nächsten Schritt nachgedacht. Schließlich kam es am 1. Januar 1947 zur Bildung der Bizone, der Vereinigung des britischen und amerikanischen Besatzungsgebietes. Frankreich sträubte sich noch gegen eine solche Maßnahme. Mit der Gründung der Bank deutscher Länder als Notenbank begann mit dem 20. Juni 1948 die Währungsreform (Umstellungsverhältnis von 10 Reichsmark auf eine 1 Deutsche Mark) als erste Voraussetzung einer wirtschaftlichen Erholung des Landes. Die Sowjets reagierten mit einer eigenen Währungsreform am 23. Juni und unterstrichen damit ihren Alleinvertretungsanspruch für Berlin sowie ihren Anspruch auf die Kontrolle ganz Deutschlands. Doch die Berliner Bevölkerung wies diese Ambitionen zurück. Am 24. Juni desselben Jahres verhängten die Sowjets daher eine nahezu einjährige Blockade (Juni 1948 bis Mai 1949) der westlichen Land- und Wasserwege nach Berlin. Damit wurde die Bevölkerung Berlins von der Zufuhr an Nahrungsmitteln und Rohstoffen abgeschnitten. Dank der Amerikaner und Briten, die eine Luftbrücke einrichteten, konnte die Lebensfreiheit Berlins verteidigt werden. Diese gemeinsame Frontstellung gegen die Sowjetunion erklärt auch die spätere Westintegration Deutschlands. Deutschland war durch die Sowjetunion direkt bedroht und vom militärischen Standpunkt aus ein höchst verletzliches Land. Die Westbindung stillte das Sicherheitsbedürfnis der jungen Bundesrepublik.4

Die westlichen Militärgouverneure beauftragten mit der Übergabe der sogenannten Frankfurter Dokumente die Landtage der ursprünglichen westlichen Bundesländer: Baden, Bayern, Bremen, Hamburg, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Schleswig-Holstein, Württemberg-Baden und Württemberg-Hohenzollern mit der Einberufung einer verfassungsgebenden Versammlung, die die Grundlage eines demokratischen und föderalen Staates schaffen sollte. So kamen 65 Mitglieder der westlichen Landtage sowie fünf Berliner Vertreter mit beratender Stimme unter dem Vorsitz von Konrad Adenauer in Bonn vom 1. September 1948 bis zum 8. Mai 1949 zusammen. Es heißt im Artikel 145 Absatz 1 des Grundgesetzes (GG):

Der Parlamentarische Rat stellt in öffentlicher Sitzung unter Mitwirkung der Abgeordneten Groß-Berlins die Annahme dieses Grundgesetzes fest, fertigt es aus und verkündet es.

Im Zentrum der Überlegungen des Parlamentarischen Rates stand die Einsicht, dass eine Wiederholung der Geschehnisse seit 1933 nie mehr geschehen dürfe. Das Ergebnis war das uns heute vorliegende Grundgesetz.

Am 8. Mai 1949 stimmte der Parlamentarische Rat über das Grundgesetz ab, das mit 53 zu 12 Stimmen angenommen wurde. Am 12. Mai 1949 erhielt es die Genehmigung der Besatzungsmächte und schließlich wurde es durch die Volksvertreter der Länder bejaht, mit alleiniger Ausnahme des Bayerischen Landtages, der das Grundgesetz ablehnte. Es heißt im Artikel 144 zur Annahme des Grundgesetzes:

Dieses Grundgesetz bedarf der Annahme durch die Volksvertretungen in zwei Dritteln der deutschen Länder, in denen es zunächst gelten soll.

Infolge der Abstimmung musste gemäß diesem Artikel auch Bayern das Grundgesetz akzeptieren.

Am 23. Mai 1949 trat das Grundgesetz in Kraft (Artikel 145 Absatz 2 u. 3 GG) und die Bundesrepublik Deutschland (BRD) war gegründet. Zeitgleich wurde in der sowjetischen Zone die Deutsche Demokratische Republik (DDR) ausgerufen. Deutschland war zweigeteilt. Das Grundgesetz konnte also gar nicht Verfassung heißen, da es nicht ganz Deutschland umfasste, und war daher zunächst als Übergangsordnung gedacht. Bereits auf der Koblenzer Konferenz (8.-10. Juli 1948) erklärten die Ministerpräsidenten, eine deutsche Verfassung vorerst zurückzustellen. So heißt es auch im Artikel 146 GG:

Dieses Grundgesetz, das nach Vollendung der Einheit und Freiheit Deutschlands für das gesamte deutsche Volk gilt, verliert seine Gültigkeit an dem Tage, an dem eine Verfassung in Kraft tritt, die von dem deutschen Volke in freier Entscheidung beschlossen worden ist.

Doch seit der Wiedervereinigung, genauer dem Beitritt der sich politisch und wirtschaftlich im Niedergang befindenden DDR zur BRD, am 3. Oktober 1990 hat es diesen provisorischen Charakter verloren. Gegenstand der im Artikel 146 GG erwähnten Volksabstimmung ist nicht das Grundgesetz, sondern eine vom Grundgesetz abweichende Verfassung. Zumal Artikel 146 GG erst dann anwendbar wäre, wenn Artikel 145 GG um ein Verfahren zur Ausarbeitung einer neuen Verfassung ergänzt würde. Allerdings beinhaltet Artikel 146 GG auch keinen Auftrag zur Ausarbeitung einer neuen Verfassung und selbst wenn es dazu käme, wäre jede nachfolgende Verfassung an Artikel 79 Absatz 3 GG gebunden:

Eine Änderung dieses Grundgesetzes, durch welche die Gliederung des Bundes in Länder, die grundsätzliche Mitwirkung der Länder bei der Gesetzgebung oder die in den Artikeln 1 und 20 niedergelegten Grundsätze berührt werden, ist unzulässig.

Wo nämlich die Weimarer Reichsverfassung die „freiheitlichste Verfassung der Welt“ war (keine Sperrklausel, kein Parteiverbot für verfassungswidrige Parteien, positivistisches Rechtsverständnis5), setzte der Parlamentarische Rat dem Wählerwillen Grenzen.

Unbestreitbar ist unsere Gesellschaft heute pluralistischer geworden. Eine Gesellschaft droht in Teilgesellschaften zu zerbrechen, wenn es nicht eine verbindende Klammer gibt, über die Konsens herrscht. Dies kann keine „jüdisch-christliche Leitkultur“ sein, wohl aber kann es die Leitkultur des Grundgesetzes sein. Der Ausgangspunkt unseres Grundgesetzes war die traumatische Erfahrung Deutschlands mit dem Nationalsozialismus. Der Parlamentarische Rat, dessen Aufgabe es war, das Grundgesetz zu formulieren, war bestrebt, eine Verfassung niederzuschreiben, die eine Wiederholung dieser Gräuel nie wieder ermöglicht. Unter ihnen waren Christen, Agnostiker und Atheisten, Christdemokraten, Sozialdemokraten, Liberale und Kommunisten. Das Grundgesetz setzt sich aus verschiedenen Weltanschauungen zusammen, die sich in dem angestrebten Ziel einig sind: Nie wieder 1933!

Das Grundgesetz als Folge einer imaginären „jüdisch-christlichen Leitkultur“ zu proklamieren, würde bedeuten, dass es seine Existenz quasi deterministisch einzig und allein dem Christentum verdankt und die historische Erfahrung mit dem Nationalsozialismus ausgeblendet wird. Doch worauf fußt diese „jüdisch-christliche Leitkultur“? Für unsere jüdischen Mitbürger bedeutete sie Vertreibung, Pogrome, brennende Synagogen, den Judenstern und letztendlich die Massenvernichtung durch ihre nichtjüdischen Mitbürger. Der Name Auschwitz begleitet uns für alle Zeiten und fordert von uns, wie Richard von Weizsäcker es einmal sagte, ein Mahnmal des Denkens und des Fühlens in unserem eigenen Inneren zu errichten.6

Die „jüdisch-christliche Leitkultur“ ist eine vor allem nach 1945 geprägte Wendung, als Ausdruck einer politischen Korrektheit. Auch 82 Jahre nach der Reichspogromnacht muss gesagt werden, dass die „jüdisch-christliche Leitkultur“ ein rhetorisches Konstrukt ist. Die Beziehung zwischen Christen und Juden in diesem Land war allzu oft eine Beziehung zwischen Tätern und Opfern. Durch die Überbetonung einer solchen Leitkultur als Identität des deutschen Staates droht das Grundgesetz zunehmend in den Hintergrund zu geraten. Jeder, der jenseits des Jüdisch-Christlichen steht, wäre demnach der andere. Nicht mehr das Grundgesetz, sondern die Religionszugehörigkeit würde dann entscheiden, wer zur Leitkulturgemeinschaft gehört. Denkt man diesen Gedanken konsequent zu Ende, so können die muslimischen Mitbürger nie so richtig dazugehören. Indem die „jüdischchristliche Leitkultur“ als Identitätsmerkmal beschworen und das Grundgesetz religiös aufgeladen wird, signalisiert man den muslimischen Mitbürgern, dass sie dem falschen Glauben angehören und eigentlich und genau genommen keinen gleichwertigen Platz in diesem Land haben, ganz gleich, ob sie nun die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen oder nicht. Diese Rhetorik macht aus Muslimen gefühlt Bürger zweiter Klasse, drängt sie an den gesellschaftlichen Rand, grenzt sie aus, aber wie sollen sie dann noch ein positives Zugehörigkeitsgefühl zum deutschen Staat herstellen können?

 

„Orient und Occident sind Kreidestriche, die uns jemand vor unsre Augen hinmalt, um unsre Furchtsamkeit zu narren. Ich will den Versuch machen, zur Freiheit zu kommen, sagt sich die junge Seele; und da sollte es sie hindern, dass zufällig zwei Nationen sich hassen und bekriegen, oder dass ein Meer zwischen zwei Erdtheilen liegt, oder dass rings um sie eine Religion gelehrt wird, welche doch vor ein paar tausend Jahren nicht bestand. Das bist du alles nicht selbst, sagt sie sich. Niemand kann dir die Brücke bauen, auf der gerade du über den Fluss des Lebens schreiten musst, niemand ausser dir allein. Zwar giebt es zahllose Pfade und Brücken und Halbgötter, die dich durch den Fluss tragen wollen; aber nur um den Preis deiner selbst; du würdest dich verpfänden und verlieren. Es giebt in der Welt einen einzigen Weg, auf welchem niemand gehen kann, ausser dir: wohin er führt? Frage nicht, gehe ihn. “7

(Friedrich Nietzsche)

 

2 Vgl. Rudzio, Wolfgang (1996: 15).

3 Vgl. ebda. (15-16 u. 38).

4 Vgl. ebda. (17-19).

5 D. h., dass Recht allein an der formellen Korrektheit des Rechtsetzungsverfahrens gemessen wird. Die BRD ist dagegen ein Grundrechtsstaat, der Recht durch die Grundrechte auch inhaltlich festschreibt und damit dem Zugriff von sich wandelnden Mehrheiten entzieht.

6 Vgl. Weizsäcker, Richard von (1985).

7 Nietzsche, Friedrich (2003: 339-340).

Wir!
Wer ist dieses „Wir“? –
Und gehören Muslime dazu?

Das Wurzelschlagen und Wachsen einer religiösen Minderheit quer über den vom Christentum mitgeprägten Kontinent Europa, wir sprechen von ca. 20 Millionen Menschen muslimischen Glaubens im Gebiet der EU, scheint zugleich mit einer Unsicherheit über die Identität Europas einherzugehen, wie mit religiöser Pluralität umgegangen werden soll.

Zunehmend stellt sich die Frage: „Wir? Wer ist dieses „Wir“? Woran macht sich europäische Identität fest?“

Es sind merkwürdige Fragen, ist doch der europäische Kontinent mit seinen zig Kleinstaaten, Sprachen, Sitten, Gebräuchen, christlichen Konfessionen, großen muslimischen Gemeinden (Albanien, Bosnien und Herzegowina) und Weltanschauungen selber seit jeher ein multikultureller und multireligiöser Kontinent, der zugleich unterstreicht, dass Menschen gleichzeitig mit und in verschiedenen Kulturen, Religionen, Loyalitäten, Identitäten und Sprachen leben können.

Wer oder was gehört also zu diesem Europa? Das aus dem Nahen Osten importierte Christentum gehört zu Europa. Das aus dem Nahen Osten stammende Judentum ebenfalls. Aber gehört der Islam zu Europa? Und wie bestimmt man dieses Dazugehören?

Könnten wir Europäer uns nicht genauso gut fragen: „Gehört der Kapitalismus zu Europa?“ Der Journalist Harald Martenstein setzt in seiner Kolumne im ZEIT-Magazin geschickt den Kapitalismus in Relation zur heutigen Islam-Debatte:

Ich finde, man muss differenzieren, die meisten Kapitalisten halten sich an unsere Gesetze, leben unauffällig und respektieren unsere Sitten. Es gibt eine winzige Minderheit, die Ärger macht, skrupellos ausbeutet, unsere Freiheit missbraucht, ich nenne die einfach mal Erzkapitalisten. Und wegen dieser Handvoll Erzkapitalisten, deren Verhalten mit der ursprünglichen Lehre des Kapitalismus wie Adam Smith sie formuliert hat, nicht das Geringste zu tun hat, wird der Kapitalismus pauschal heruntergemacht. Es ist überall das Gleiche. Es wird nicht differenziert.8

Aufgrund der Tatsache, dass in drei europäischen Staaten, Kosovo, Albanien, Bosnien und Herzegowina, sowie dem europäischen Teil der Türkei Menschen muslimischen Glaubens die Bevölkerungsmehrheit darstellen, versuchen europäische Politiker in der Identitätsdebatte sich in geistiger Akrobatik, wenn sie äußern, dass die Muslime selbstverständlich zu Europa gehören, nicht jedoch der Islam. Welcher Religion gehören die Muslime noch einmal an? Fairerweise muss zugestanden werden; das ist nicht die dümmste Idee, um den Islam zum anderen zu erklären, aber fast. Die einen sagen also, der Islam gehört zu Europa, die anderen sagen, der Islam gehört nicht zu Europa. Ich denke, ich darf hier für alle Europäer muslimischen Glaubens sprechen: Wir sind gespannt, mit welchem Titel die Trilogie abgeschlossen wird.

Seit 400 Jahren ist der Islam ein Teil der Geschichte Südosteuropas. Wie viele Jahrhunderte müssen vergehen, bis Westeuropäer dies zur Kenntnis nehmen?

Alle Menschen, die in Europa leben, gehören dazu. Gleichgültig, ob sie bezüglich eines Aspektes ihres Selbstverständnisses zu einer Mehrheit oder einer Minderheit gehören, denn letztendlich gehören sie, gerade wenn sie Bürger europäischer Staaten sind, zu einem großen europäischen Wir. Sie alle prägen in unterschiedlichem Maße durch ihre Glaubens- und Weltanschauungen die weitere Zukunft dieses Kontinentes mit. Dies gilt auch für den Islam, dessen Wurzeln in der europäischen Geschichte tiefer reichen, als weithin angenommen wird.

Ohne Orient kein Okzident

Die Frage, ob der Islam zu Europa gehört, ist auch Ausdruck für die derzeitige Schwierigkeit des Abendlandes mit seinem eigenen noch nicht überwundenen Essentialismus. Indem die „westliche Welt“ die Vernunft und die Freiheit für sich in Anspruch nimmt, kann in der allgemeinen Wahrnehmung der Islam hierzu keinen Beitrag geleistet haben, also auch nicht dazugehören. Das imaginäre Bild des Islam ist das einer antimodernen Gegenkultur zum Westen. Diese Sichtweise führte dazu, dass der Einfluss islamischer Philosophen und Wissenschaftler sowie ihr Wirken weitestgehend im europäischen Bildungskanon verdrängt wurden. Wo dies nicht möglich war, latinisierte man die muslimischen Namen. Wer heute eine Apotheke mit dem weitverbreiteten Namen Avicenna betritt, wird wohl kaum vermuten, dass sich dahinter der Name des muslimischen Philosophen und Arztes Ibn Sina (gest. 1037) verbirgt. Ihm verdanken wir die Erfindung der Arznei in Tablettenform und sein Kanon der Medizin war bis in das 17. Jahrhundert Pflichtlektüre in der Ärzteausbildung Europas.

Es gibt genügend Stützen für die Annahme, dass die Renaissance und die frühe Form der europäischen Aufklärung direkt durch die islamische Philosophie und indirekt durch die islamischen Bildungseinrichtungen in Europa mit angestoßen wurden. Seit dem muslimischen Philosophen Al-Farabi (latinisiert Alpharabius, gest. 950) vertraten muslimische Philosophen die „These, dass es nur eine einzige Wahrheit geben könne, die auf zwei verschiedenen Wegen erreichbar sei: entweder durch den Glauben oder durch die Philosophie. Wenn sich beide Wege widersprechen, seien die heiligen Texte allegorisch zu lesen.“9 Damit stellten die muslimischen Philosophen die Wissenschaft über die Theologie und ebneten einer frühen Aufklärung in der muslimischen Welt den Weg.10

Über den in Andalusien wirkenden Philosophen Ibn Ruschd (latenisiert Averröes, gest. 1198) gelangte dieser Gedanke nach Europa, erschütterte das Abendland, wurde an den europäischen Universitäten in Paris, Padua und Oxford gelehrt und dann zu einer der zentralen Thesen der europäischen Aufklärung.11 Man betrachte nur folgende Passage aus der Feder des muslimischen Universalgelehrten Al-Ghazali (latinisiert Algazel, gest. 1111) aus dem Werk Das Kriterium des Handelns:

Vermeide es also, auf die Lehrmeinungen zu achten, und suche das Wahre durch die Reflexion, damit du selbst Vertreter einer eigenen Lehrmeinung wirst. Sei nicht wie ein Blinder, der einen Führer nachahmt, der dir einen Weg weist (ohne Widerspruch), während tausende wie dein Führer dir entgegenschreien, dass er dich verdirbt und vom richtigen Weg abbringt. Am Ende wirst du das Unrecht deines Führers erfahren. Deswegen liegt das Heil nur in der Unabhängigkeit (von Lehrmeinungen): „Erfasse, was Du siehst, vertraue nicht dem Ohr. Wo sich das Sonnenlicht ergießt, da stirbt der Sterne Chor.“ Wenn diese Worte keine andere Auswirkung hätten, als dich dazu zu veranlassen an deinem überlieferten Glauben zu zweifeln, damit du selbst (über die Wahrheit) nachdenkst, so wäre dies für dich sehr nützlich; denn der Zweifel führt zur Wahrheit. Wer also nicht zweifelt, denkt nicht nach, und wer nicht nachdenkt, sieht nicht, und wer nicht sieht, bleibt in Blindheit und Irrtum.12

Wie kann man Immanuel Kants Definition von Aufklärung nicht als ein fernes Echo dieser früheren Aufklärung empfinden?

Dass der Islam zum verdrängten dritten Erbe der Europäer geworden ist, ist der militärischen Konfrontation zwischen Europa und der islamischen Welt im Mittelalter geschuldet. Europa wurde sowohl vom Osten als auch vom Westen durch die Muslime in seiner Existenz bedroht. Die islamische Zivilisation wurde damals als die fortschrittlichere und wohlhabendere angesehen, die die europäische Kultur durchdrang. Im Mittelalter, so die Islamwissenschaftlerin Annemarie Schimmel (gest. 2003), ging das so weit, dass man „vor allem an kirchlichen Gewändern, die oft aus schwerer orientalischer Seide hergestellt waren, koranische Inschriften finden [konnte], über deren Sinn sich die Träger durchaus nicht im klaren waren“13. Selbst die Basmala, die jede Sure des Qurʾān mit Ausnahme der neunten einleitet, findet sich kurioserweise auf der Doktorurkunde von Immanuel Kant (gest. 1804).

Diese kulturellen und zivilisatorischen Defizite mussten schnellstmöglich aufgeholt werden, indem man sich das Wissen und die Technik des Feindes aneignete, ohne dabei das eingelebte Feindbild vom anderen aufzugeben. Statt den Gegner weiter aufzuwerten, verwurzelte man das neue Wissen in der eigenen Geisteskultur, quasi als verschüttetes Wissen, das lediglich ausgegraben und gleich der reifen Frucht am Baume nur noch gepflückt werden musste. Gleich einer Massenpsychose einte das Feindbild Islam die neuen Intellektuellen des Abendlandes, ohne dass es hierfür eine Organisation gebraucht hätte. Deshalb empfand man es auch als kein Unrecht, muslimische Werke zu plagiieren und den Muslimen nur die Rolle der Übermittler griechischer Werke zuzugestehen. Zugleich denunzierte man die Muslime als Barbaren, die die Bibliothek von Alexandria und die darin enthaltenen Bücher zerstörten, da sie dem Qurʾān widersprochen hätten. Heute wissen wir, dass dies eine Legende aus dem 13. Jahrhundert ist, also jener Zeit, in der man in Europa sich den wissenschaftlichen Fortschritt der Muslime aneignete. Die berühmte Bibliothek wurde bereits ca. 390 n. Chr. vernichtet,14 180 Jahre vor der Geburt des Propheten Muhammad.

Schimmel erinnert an die tiefen Spuren islamischer Philosophie in der europäischen Geistesgeschichte, wenn sie schreibt:

Sie alle kennen den Averroisten-Streit, der die christliche Kirche bewegte. Aber wenige sind sich darüber im klaren, dass ein Teil der katholischen Gelehrten, beim Kampf gegen den Averroismus, jener Philosophie, die von Ibn Ruschd aus Marokko vertreten wurde, der als zweiter Kommentator des Aristoteles galt, die gleichen Argumente benutzten, die zwei Jahrhunderte vorher der große al-Ghazali gegen die Philosophen verwendet hatte. Christliche Apologeten benutzten also den Angriff eines islamischen Theologen gegen islamische Philosophie. Eine sehr merkwürdige Konstellation.15

Die Muslime waren keine bloßen Vermittler der griechischen Philosophie, sondern aufbauend auf den eigenen philosophischen Ansätzen nahmen sie eine Reihe von prinzipiellen Veränderungen und Ergänzungen der griechischen Philosophie vor. Gerade diese umwälzenden Modifikationen sind es, die dann zu einer interkulturellen Philosophie führten, also einer islamisierten griechisch neuplatonischen Philosophie, mit der dann die christlichen Europäer in Kontakt kamen. Der christliche Teil des Abendlandes verdankt den Muslimen nicht nur den Erhalt griechischer Werke, sondern noch bedeutsamer, den experimentellen Geist. Zwischen der experimentellen Naturforschung der Griechen und ihrer spekulativen Philosophie klaffte nämlich ein unverkennbarer Abgrund. Hieran lag es, dass Teile der naturwissenschaftlichen, erfahrungswissenschaftlichen und philosophischen Betätigungen der Griechen oftmals theoretisch blieben.

Die Muslime selber wiederum verdanken die experimentelle Methode direkt dem Qurʾān, der dutzendfach dazu auffordert, zur Mehrung des Wissens über die Welt zu reflektieren und die Natur zu beobachten, die als ein göttliches Zeichen gilt. Dieser Naturappell ermutigte muslimische Wissenschaftler bereits im frühen Mittelalter zu empirischen Forschungen und bahnbrechenden Erkenntnissen in Biologie, Zoologie, Geografie, Optik, Medizin, Astronomie und Mathematik.

Cumart und Wass erinnern daran, dass im 8. und 9. Jahrhundert die politischen Führer Europas in der Regel weder schreiben noch lesen konnten.16 Weiter erklären sie:

Von der Kosmologie, dem Wissen, dass die Erde eine Kugel ist und sich um die Sonne dreht, über die Medizinkunst mit Kenntnissen der Physiologie und der Heilkunde, der Philosophie des Aristoteles bis zur Bautechnik mit Beherrschen der Statik großer Bögen und der Kenntnis, wie man hochwertigen Mörtel herstellt, ging vieles in Europa verloren. In Ost-Rom, dem Byzantinischen Reich, war in Bibliotheken sicher noch mehr Wissen der Antike vorhanden, aber offensichtlich wurde dieses Wissen kaum transportiert und in Westeuropa nicht recht wirksam.17

Die Übernahme experimenteller wissenschaftlicher Erkenntnisse aus der muslimischen Welt durch Europa geschah zunächst durch Reisende, Händler, Pilger und Europäer, die sich entschlossen hatten, in der islamischen Welt zu studieren, zu der über 600 Jahre weite Teile Spaniens gehörten.18 Ein berühmtes Beispiel hierfür ist Gerbert von Aurillac (gest. 1003), später Papst Silvester II., der die muslimischen Universitäten in Sevilla und Cordoba besuchte und sich auch als Papst weiterhin wissenschaftlich engagiert zeigte. Um das Jahr 1000 beherbergte die Bibliothek des Kalifen von Cordoba schätzungsweise 400.000 Bücher, während in der berühmten Klosterbibliothek in St. Gallen nur 600

Schriften zu finden waren.19 Cumart und Waas entkräften auch die in Europa inzwischen oft verbreitete Meinung, dass das Wissen der griechischrömischen Antike in den westeuropäischen Klöstern konserviert worden sei und schließlich durch Aufarbeitung zur Renaissance geführt habe:

[Dies] ist angesichts solcher Zahlen völlig unglaubwürdig.

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