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Work Play Love

Zu diesem Buch

Seit ihrem ersten Tag bei Sketch Republic ist Zeichner Nathan verliebt in Brooke – Er kann an nichts anderes mehr denken, aber eigentlich weiß Nathan doch, dass Brooke unerreichbar für ihn ist und in einer ganz anderen Liga spielt als er. Doch als Brooke mitbekommt, dass es jemanden im Büro geben muss, der Nathans Herz höherschlagen lässt, setzt sie alles daran, ihrem Kollegen in Liebesdingen auf die Sprünge zu helfen – ohne zu ahnen, dass sie die Frau seiner Träume ist.

Für meinen Dad, der mir beigebracht hat, meiner Vorstellungskraft freien Lauf zu lassen, und von dem ich gelernt habe, dass man als Künstler beherzt das eine oder andere Risiko eingehen muss.

Für meine Mom, die mir gezeigt hat, dass Charakterstärke und Freundlichkeit dich aus der Dunkelheit emporhieven.

Aber am allermeisten für meine Tochter Alex … meine Inspiration, mein liebstes Mädchen. Vom Tag deiner Geburt an weiß ich, dass auf uns eine wunderbare gemeinsame Reise wartet. Dein Licht weist uns den Weg.

Kapitel 1

Ich bin verliebt

ani-mie-ren/schwaches Verb

[1] transitiv: jemandem Mut oder Lust zu etwas machen, ermuntern; in Stimmung versetzen

[2] transitiv: durch aufeinanderfolgende Bilder einen Film erzeugen, in Bewegung versetzen.

Zum Teufel, schon wieder … ich und meine fixe Idee von großen Brüsten.

Ich rubble mit dem Radierer im Skizzenbuch herum und wische die Krümel weg, bevor ich mich daranmache, die Linien der geisterhaft verblassten Zeichnung wieder nachzuziehen. Mit jedem Bleistiftstrich wird das Mädchen meiner Träume ein Stück lebendiger, große blaue Augen und üppige, geschwungene Lippen in einem herzförmigen Gesicht.

Oh, ich möchte diese Lippen küssen.

Mein Stift gleitet tiefer und arbeitet die wohlgeformten Schenkel aus, die zu ihrer schmalen Taille hinaufführen, gekrönt von den perfekten Brüsten. Ich radiere die grobe Skizze unter den sauberen Linien weg. Ja … genau so, alles an ihr stimmt. Kann sein, dass ich mich nicht besonders wohl dabei fühle, mit Mädchen zu reden, aber ganz sicher weiß ich genau, wie man welche zeichnet. Ich halte mein Skizzenbuch hoch, um sie zu bewundern, dann lege ich es neben die Kasse.

Immerhin habe ich meine Riesenbrüste-Obsession überwunden. Heilige Scheiße – in den ersten Monaten, nachdem ich Pornos für mich entdeckt hatte, wurden sie immer größer und größer. Wären diese Mädchen echt gewesen, sie wären vornübergekippt. Picasso hatte seine blaue Periode; ich hatte meine Brustperiode.

Irgendwann hatte ich die immergleiche Mechanik der Online-Pornos satt. Inzwischen bin ich gereift und betrachte lieber klassische Pin-up-Girls oder lese gewisse Comics, die noch das eine oder andere der Fantasie überlassen. Seitdem hat sich meine Arbeit spürbar verfeinert, also na ja, nicht wirklich … aber zumindest in dieser einen Hinsicht. Zumindest sind meine Mädchen nicht mehr in Gefahr, vornüberzufallen.

Ich höre ein Räuspern, schiebe meine Brille die Nase hoch und sehe zu dem Jungen hinüber, der noch immer im Playstation-3-Gang festhängt, bei den Neuerscheinungen. Jedes in Cellophan eingeschweißte Spiel behandelt er mit solcher Sorgfalt, als hätte er es mit einem wertvollen Schatz zu tun, einer heiligen Gabe der Videospielgötter. Ich mag diesen Jungen. Er heißt Theo und kommt jeden Samstag her, wenn seine Mutter sich am anderen Ende der Einkaufsstraße die Nägel machen lässt. Er erinnert mich an mich selbst, als ich im gleichen Alter war, ein sozialer Außenseiter, der den Leuten nicht in die Augen schauen kann. Inzwischen plaudere ich beim Abkassieren mit den Kunden. Das ist ein ganz schöner Fortschritt für einen Typen wie mich, der überhaupt erst mit vier mit dem Sprechen angefangen hat.

Ich überlasse Theo ungestört seiner Leidenschaft für die Spiele, wobei mir völlig klar ist, dass er nicht mehr genug Taschengeld übrig hat, um etwas zu kaufen. Er hat alles schon letzten Samstag rausgehauen, für den neuesten Teil von Dragon Age. Als draußen vor dem Laden ein Wagen hupt, dreht er sich zu mir um und winkt mir zu. »Bis nächste Woche, Nathan«, ruft er, und dann rennt er hinaus und verschwindet im SUV seiner Mutter.

Ich in seinem Alter habe meine Samstage damit zugebracht, gemeinsam mit meinen Eltern den diversen Sportaktivitäten meines Bruders Curtis beizuwohnen, dankbar, während dieser endlosen Stunden Skizzenbuch und Stifte dabeizuhaben. Ich habe früh gelernt, mich im Zeichnen zu verlieren und mit meiner Vorstellungskraft ganze Welten zu erschaffen, in die ich mich flüchten konnte. Seitdem hat sich im Grunde nichts geändert, nur dass ich inzwischen beim Trickfilm arbeite und fürs Zeichnen bezahlt werde, und ganz scheißsicher gehe ich nicht mehr zu Sportveranstaltungen.

Gerade hole ich meine Buntstifte raus und will mich wieder meiner Zeichnung widmen, da kündigt die Türklingel einen neuen Kunden an. Ich sehe eben noch rechtzeitig hoch, um einen kurzen Blick auf ein weibliches Wesen zu erhaschen, ehe es in einem der Seitengänge verschwunden ist. Adrenalin rast durch mein Blut.

Nein … das kann nicht sein. Nicht sie. Sie ist nicht hier und will ausgerechnet bei Jimmys Geek-Welt einkaufen. Undenkbar. Nein.

Ich schließe die Augen und zähle von zehn rückwärts, um mich ein bisschen zu beruhigen. Ungefähr bei vier gebe ich es auf und beuge mich vor, um zu überprüfen, ob mir meine Fantasie einen Streich gespielt hat.

Wie in Zeitlupe sehe ich, wie sie in den Mittelgang tritt und auf mich zukommt, ihr Hüftschwung lenkt mich von den schwarzen Lederschnürstiefeln ab, die bis zu ihren Knien hinaufreichen. Sie trägt einen kurzen Plisseerock und ein T-Shirt im Vintage-Look, auf dem in verblassten Buchstaben The Sex Pistols steht. Ich schwanke und halte mich rasch an der Kante des Tresens fest.

»Hey«, ruft sie, und ihre geschwungenen Lippen öffnen sich leicht. »Kannst du mir helfen?« Ihr langes kastanienbraunes Haar glänzt wie gesponnene Seide und fällt ihr in Kaskaden über den Rücken, genau wie bei diesen immerfröhlichen Mädchen in der Shampoo-Werbung.

Ob ich dir helfen kann?, wiederhole ich stumm und verwirrt. Brooke Tobin, die Frau meiner Träume, aus weiter Ferne angeschwärmt, scheint meine Hilfe zu brauchen. Mir wird klar, dass genau so die meisten meiner Tagträume anfangen, die alle darauf hinauslaufen, dass ich mit ihr hinten im Lager bin und sie in den Armen halte. Heute jedoch ist es wahr, und jetzt muss ich unter Beweis stellen, dass ich der Lage gewachsen bin.

»Na klar, was kann ich für dich tun?« Ich krümme mich innerlich. Meine Antwort ist ein bisschen zu enthusiastisch ausgefallen, aber das scheint ihr nicht aufzufallen. Es ist klar, dass sie keinen Schimmer hat, wer ich bin.

»Ich bräuchte so ein Kabeldingsda für meinen Computer, und ich bin nicht ganz sicher, was für eins.«

Ein Dingsda? Lächelnd komme ich hinter dem Tresen hervor und schreite entschlossen auf das Regal mit den Dingsdas zu. »USB?«

»Was ist das?« Sie hebt eine Braue und verschränkt die Arme vor der Brust, als hätte ich sie nicht nach den Anschlüssen ihres Rechners gefragt, sondern nach einer Geschlechtskrankheit.

»Ein USB-Kabel? Eine USB-Verbindung vereinfacht das Anschließen von Peripheriegeräten an den Computer enorm und ermöglicht die schnelle Übertragung großer Datenmengen.« Ich schiebe meine Brille – ein schwarzes Gestell mit dicken Gläsern – ein Stück höher und hoffe, dass meine Antwort sie ordentlich beeindruckt hat.

Sie stemmt die Hände in die Hüften, kommt näher und beugt sich zu mir, ihr Gesicht ist dicht an meiner Brust. Mir stockt der Atem, dann wird mir klar, dass sie den Namen entziffern will, der auf dem Einstecketui meiner Brusttasche aufgedruckt ist.

»Na-than?« Halb Frage, halb Feststellung. »Ich glaub, jetzt wäre ein guter Zeitpunkt, um dir zu sagen, dass ich kein Tech-Geek spreche. Könntest du es ganz einfach ausdrücken, sodass ich verstehe, wovon du redest? Ich möchte nur irgendein Kabeldingsda haben, mit dem ich meinen alten und meinen neuen Computer miteinander verbinden kann.«

Angesichts meiner bisherigen Erfolgsbilanz, was tolle Frauen angeht, sollte es mich nicht überraschen, dass mein gewaltiges technisches Fachwissen sie nicht sonderlich beeindruckt. Ich sehe auf meine Füße hinunter und wünsche mir sehnlichst, das Telefon würde klingeln oder sonst irgendwas passieren, damit ich ein bisschen Abstand zwischen uns bringen und mich sammeln kann, aber im Laden ist es so still wie in einer Gruft.

Ich habe mir so oft vorgestellt, wie ich mit ihr rede, dass mein Versagen mich völlig aus der Bahn wirft. Ich will diese große Chance, bei ihr Eindruck zu schinden, auf keinen Fall versauen. Ich befürchte, sie hat schon längst beschlossen, dass ich ein Freak bin.

Als ich sie wieder ansehe, grinst sie breit. »Kabeldingsda, Nathan?«

Ich greife nach den USB-Kabeln. »Das hier müsste das Richtige sein. Oder soll es ein Male-to-Male-Connector sein?«

»Wie bitte?«

»Stecker gleich männlich, Buchse gleich weiblich«, erkläre ich – ein bisschen vereinfacht.

»Das mit zwei männlichen Kabelenden bezweifle ich bei meinem Computer doch sehr.« Sie kichert.

Oh Gott, sie glaubt, ich mache zweideutige Anspielungen. Ich will mich einfach in Luft auflösen. Wo ist mein Tarnmantel? Ich ringe um Fassung.

»Na ja, du kannst das hier ja mal ausprobieren, und wenn es nicht funktioniert, bringst du es zurück«, schlage ich vor.

Sie wickelt eine Haarsträhne um ihren perfekten Zeigefinger und denkt darüber nach. »Okay.«

»Brauchst du noch irgendwas?«

»Nö.«

Wir gehen zur Kasse. Ich spüre sie dicht hinter mir, rieche ihr Parfüm, subtil und unaufdringlich wie der Duft von Birnen an einem Sommermorgen. Sie zieht ein Portemonnaie mit einem baumelnden Hello-Kitty-Anhänger aus ihrer kleinen Handtasche mit dem sehr langen Riemen. »Was bekommst du?«

»Elf neunundneunzig«, antworte ich nach einem Blick auf die Kassenanzeige.

Als sie das Geld auf den Tresen legt, bemerke ich, dass mein Skizzenbuch noch immer aufgeschlagen daliegt. Ich schnappe es mir so hastig, dass Stift und Radierer davonfliegen. Dann schlage ich es rasch zu, ehe sie Zeit hat, sich die Zeichnung näher anzusehen.

Sie neigt den Kopf zur Seite. »Hast du das gezeichnet?«

»Ja«, murmle ich.

»Bist du Künstler?«

Ich kann nicht einfach lügen. Es könnte ja sein, dass sie mich auf der Arbeit erkennt. »Japp … nun ja, genau genommen bin ich Trickfilmzeichner.«

Ihr Gesicht leuchtet richtig auf, ihre Augen funkeln fröhlich. »Wirklich? Ich arbeite auch in der Branche.«

»Ich weiß. Ich bin auch bei Sketch Republic. Du bist Brooke aus der Abteilung Entwicklung, oder?«

Himmel, das klang cool … glaubwürdig – nicht so, als würde ich tagsüber von ihr träumen und meine Nächte damit verbringen, sie nackt zu zeichnen.

»Oh, du arbeitest also auch da. Tut mir leid, dass ich dich nicht erkannt habe. Ja, ich bin in der Entwicklung, aber eigentlich wäre ich viel lieber Zeichnerin. Nur hab ich dafür nicht das nötige Talent, also konzentriere ich mich auf das, was ich wirklich gut kann. Welche Serie machst du denn?«

»Bernie und die Biber-Patrouille, im Team von Joel. Mein Kumpel Nicholas ist der Chefautor.«

»Oh, ich liebe Nick«, schwärmt sie. »Er ist urkomisch.«

»Ja, alle lieben ihn – er ist der Hammer«, brumme ich eifersüchtig.

»Was tust du denn dann hier?«, fragt sie und deutet auf die Regale mit Spielen und Zubehör. »Zahlen wir dir nicht genug? Ich dachte, die Zeichner verdienen sehr gut.«

»Oh, das ist nicht der Punkt. Der Laden gehört einem Freund von meinem Vater, und ich helfe ein bisschen aus … der Geschäftsführer hatte eine Knie-OP und fällt für ein paar Monate aus. Ich bin immer nur samstags hier.«

Sie nickt. »Zeig mir mal deine Arbeiten.« Sie streckt die Hand nach dem Skizzenbuch aus. »Bist du gut?«

Rasch weiche ich zurück, sodass das Skizzenbuch außerhalb ihrer Reichweite ist. »Ich bin richtig gut«, behaupte ich überzeugt. Das wenigstens weiß ich mit Sicherheit. Ich habe Talent, das haben alle meine Lehrer an der CalArt mir versichert, und ich habe im Anschluss ans Studium sofort einen Job als Zeichner bekommen. »Ich würde dir supergern meine Arbeiten zeigen, aber das hier sind nur so Skizzen. Ich möchte dir lieber die wirklich guten Sachen zeigen.«

Sie hebt eine Hand. »Okay, wann immer du so weit bist. Ich würde mich sehr freuen, mal einen Blick draufzuwerfen. Du weißt ja, wo du mich findest.«

Ja, ich würde mich auch sehr darüber freuen. Wenn sie wüsste, wie lange ich sie schon anbete.

»Erinnerst du dich denn an mich, wenn ich dich irgendwann mal frage, ob du dir die Zeichnungen ansehen möchtest? Ich meine, du schaust dir bestimmt eine Menge Zeug an.«

Ihre Mundwinkel heben sich vergnügt. »Ja, ich bin ganz sicher, dass ich mich an dich erinnern werde, Nathan. Du bist ziemlich unverwechselbar.«

Ich wühle meine Brieftasche aus der Gesäßtasche, öffne sie und ziehe ein buntes, rechteckiges Kärtchen heraus. »Hier, ich geb dir mal meine Karte, nur für den Fall.« Plötzlich verspüre ich einen Anfall von Dankbarkeit für meinen Vater, der mir beigebracht hat, immer Visitenkarten dabeizuhaben … weil du nie weißt, wann sich mal unerwartete Gelegenheiten auftun.

Die Karte schmiegt sich sachte in ihre Handfläche, als sie sie dichter vor ihr Gesicht hält, um sie zu lesen. Dann dreht sie sie um und betrachtet die Zeichnungen auf der Rückseite. »Nette Karte«, befindet sie, dann steckt sie sie ins Portemonnaie.

»Danke«, sage ich und versuche, ihren Gesichtsausdruck zu deuten.

Sie sieht zu mir hoch und betrachtet mich eine Weile. »Warum die Fliege? Ist das ein Modestatement?«

Errötend taste ich nach der Fliege, die an meinem Poloshirt festgenäht ist. »Nein, das ist nur die Dienstkleidung. Ist das zu fassen? Falls die Angehörigen nicht von selbst geekig genug aussehen – die Dienstkleidung sorgt schon dafür. Wir dürfen nicht mal Jeans tragen, nur Köperhosen oder Cordhosen mit hoher Taille. Wenn der Freund meines Vaters im Geschäft ist, der Besitzer, dann müssen wir sogar die Shirts in den Hosenbund stecken.«

»Oh, das ist ja unbezahlbar«, sagt sie. »Erinnert mich an diese wilden Outfits der Mädels vom Hot Dog on a Stick.

»Du hast aber nicht etwa geglaubt, ich würde aus freien Stücken so ein Einstecketui in der Brusttasche tragen, oder?«

»Ich war mir nicht ganz sicher. Es ist auf eine eigenartige Art irgendwie sexy. Ich wette, in dem Aufzug reißt du die eine oder andere heiße Braut auf. Bestimmt wartet doch genau jetzt eine davon im Hinterzimmer auf dich.«

Meine Fantasie malt sich sofort Brooke dort im Hinterzimmer aus. »Ja, wir beeilen uns besser, sonst wird sie noch eifersüchtig«, antworte ich lächelnd und bin sehr erfreut über meinen lockeren, neckenden Tonfall. Das Buch, das ich gerade lese – darüber, wie man sich mit Frauen unterhält –, scheint sich auszuzahlen.

»Was hat sie denn an, deine heiße Braut im Hinterzimmer?« Brooke ist sehr provokativ unterwegs.

»Nicht viel.«

Sie lacht. Himmel, ich liebe ihr Lachen.

»Ist sie gefesselt?«

Das hilft mir nicht unbedingt dabei, meine Fantasien über sie zu bezähmen. Lieber Gott, reiß dich zusammen, Mann. »Vielleicht.« Ich räuspere mich nervös.

»Ihr Zeichner seid doch alle pervers.« Sie kichert. »Gefällt mir.« Plötzlich tritt ein Funkeln in ihre Augen, und sie beugt sich vor. »Weißt du eigentlich, dass du tolle Zähne hast? Ich stehe total auf Zähne … in der Highschool habe ich mindestens fünf Minuten lang darüber nachgedacht, in die Zahnmedizin zu gehen. Aber als mir dann klar wurde, dass ich nicht nur in sexy Münder wie deinen abtauchen müsste, habe ich es mir doch ganz schnell anders überlegt.«

»Danke.« Ich grinse so breit, dass meine Zähne ordentlich zur Geltung kommen. Ihre flapsige Bemerkung darüber, in meinen sexy Mund abzutauchen, löst bei mir wildes Kopfkino aus, aber ich versuche, mich wieder zu konzentrieren.

Sie scheint Geeks zu mögen oder zumindest nichts gegen sie zu haben, und auf jeden Fall mag sie meine Zähne. Jetzt weiß sie, wer ich bin, also ist es zwar noch immer unwahrscheinlich, dass ich ihr Herz gewinne, aber es ist nicht mehr völlig undenkbar und gegen jede Wahrscheinlichkeit. Jetzt wäre es nur noch so wie ein Sechser im Lotto, und es haben schließlich ständig Leute einen Sechser … oder?

Sie streckt die Hand aus und nimmt die Tüte und ihr Wechselgeld entgegen. »Dann sehen wir uns ja vielleicht auf der Arbeit.«

»Ja, sag mir mal Bescheid, ob das mit dem Kabel funktioniert … du weißt schon, der Stecker und die Buchse und so.«

Ihr Lächeln könnte Gletscher zum Schmelzen bringen, und mein Herz scheint anzuschwellen, bis es ihm fast zu eng wird in meiner Brust. So habe ich mich noch nie gefühlt. Ich schwöre es, das muss Liebe sein; was denn sonst? Ich will sie in den Arm nehmen und nie wieder loslassen.

»Mach ich«, sagt sie, dann dreht sie sich um und geht zur Tür.

Ich beobachte jeden Schritt, jede Bewegung, speichere alles in meiner Erinnerung … es juckt mich in den Fingern, mir einen Stift zu schnappen und sie auf Papier zu bannen, sodass sie für immer bei mir ist.

Mit ihrer blassen, schlanken Hand greift sie nach der Tür, öffnet sie, und dann dreht sie sich noch mal zu mir um, selbstsicher genug, um davon auszugehen, dass ich ihr hinterhersehe. »Weißt du, Nathan, fall nicht auf meine coolen Klamotten rein. Im tiefsten Innern bin ich auch ein Geek, ein Fan-Girl … war ich schon immer und werde ich auch immer bleiben. Und die Leute, die mir am liebsten sind, die ticken auch alle so. Wir Geeks sind von allen am coolsten, weil wir einfach sind, wie wir sind; wir versuchen nicht, irgendwer anders zu sein. Stimmt’s?«

Auch wenn ich dieser Theorie ein bisschen skeptisch gegenüberstehe, nicke ich und lächle sie an, ehe sie aus dem Schatten der Tür nach draußen ins Sonnenlicht tritt. Das Mädchen, das ich anbete, leuchtet im warmen Licht; viel heller als all die anderen, die draußen vorbeigehen. Als sie schimmernd und leuchtend davongeht, wird mir klar, dass die Sache glasklar ist, ohne jeden Zweifel und jeder vernünftigen Logik zum Trotz.

Ich bin verliebt.

Kapitel 2

Ritterlichkeit

»Pinky Suavo, geht dir dasselbe durch den Kopf wie mir?«

»Ja, aber warum überquert die ’ühnchen die Straße, wenn nischt aus Liebe?«

– Pinky und Brain

Ich fahre ins Parkhaus und lasse den Blick auf der Suche nach Brookes metallic-hellgrünem Prius über die reservierten Parkplätze schweifen. Meistens bin ich früher hier als sie, und heute ist keine Ausnahme. Aber an diesem Morgen fühlt es sich anders an, ihren leeren Parkplatz zu sehen. Jetzt, wo es eine Verbindung zwischen uns gibt, verspüre ich irgendwie einen Beschützerinstinkt ihr gegenüber, wüsste gern, wo sie jetzt ist und was sie macht.

Mir fällt ein, dass sie vielleicht bei diesem Idioten Arnauld sein könnte, man munkelt, die beiden hätten was miteinander. Arnauld ist ein Arschloch, und er verdient niemanden, der so perfekt ist wie Brooke. Mir fällt auf, dass auch sein Parkplatz leer ist, und mein Magen verkrampft sich, als mir aufgeht, dass es gut sein kann, dass sie genau in diesem Moment zusammen sind; vielleicht in den letzten Zügen von morgendlichem Sex, oder sie stehen gemeinsam eingeseift unter der Dusche, oder sie streiten darüber, wer die letzte Milch für die Schokopops aufgebraucht hat.

Verdammt soll er sein.

Tief seufzend reihe ich mich in den Strom der Angestellten ein, der aus dem Parkhaus auf das Hauptgebäude zumarschiert.

Als ich durch den Haupteingang gehe und auf die Neonleuchten des Sketch-Republik-Schildes zulaufe, fühle ich mich, als wäre ich heute jemand anders. Ich bin anders; ich wünsche mir auf einmal etwas, was ich eigentlich schon längst aufgegeben hatte. Die Vorstellung, wie ich die Arme um ein Mädchen lege und es küsse, erscheint mir auf einmal nicht mehr unerreichbar. Ich will, dass Brooke dieses Mädchen ist, und das fühlt sich an, als wäre ich von Kopf bis Fuß fest in elastisches Cellophan eingewickelt.

An meinem Schreibtisch angekommen, bin ich dankbar dafür, dass heute eine schwierige Szene auf mich wartet. So ausgelassen und fröhlich Trickfilme auch sind, sie zu zeichnen ist eine ziemlich anspruchsvolle Angelegenheit und erfordert volle Konzentration. Ich hoffe, dass es mich von dem Gedanken an Brooke ablenken wird, aber ich habe so meine Zweifel.

Joel überträgt mir gern die eher handfesten Szenen, er sagt, mein Animationsstil würde an den guten alten Tex Avery erinnern – ich hätte ein ebensolches Talent für das Quetschen-und-Strecken-Prinzip wie der alte Meister. Diese Woche steht ein Kampf zwischen Bucky und Bernie Biber auf dem Programm – Bernie hat nämlich Buckys Konsolenfernbedienung kaputtgemacht. Ehe ich anfange, male ich mir gedanklich aus, was ich mit den Figuren anstellen will.

Nach außen wirke ich vielleicht ziemlich still, aber meine Arbeit ist immer voller Elan und Ausdruckskraft. Da machen überraschte Figuren schon mal ein Stielauge, so lang wie ein Arm, oder jemandem fällt der Unterkiefer bis auf den Boden. Ich spitze meinen Stift an, spanne das Animationspapier im Lichttisch ein und versinke in meiner Arbeit. Alle Anspannung und Begeisterung fließt durch meinen Stift aufs Papier, und die daraus resultierenden Zeichnungen werden besonders schwungvoll.

»Hey, Alter, was geht?« Joel beugt sich in meine Arbeitsnische, die wie ein Würfel geformt und durch halbhohe Wände von den Würfeln der anderen abgetrennt ist, und ich werfe einen Blick auf die Uhr auf meinem Schreibtisch und stelle fest, dass schon fast Mittag ist.

Ich pule mir die Stöpsel aus den Ohren und ziehe eine Zeichnung aus dem Stapel, von der ich weiß, dass sie ihm gefallen wird. »Hast du dir die Szene ungefähr so vorgestellt?« Bucky hat Bernie die kaputte Fernbedienung über den Schädel gehauen, und nun ragt sie aus seiner Stirn wie ein Horn. Bernies Augen werden jeweils durch ein großes X dargestellt, und Buckys Grinsen ragt noch über sein spitzes Gesicht hinaus.

»Oh, yeah«, jubelt Joel auf. »Das ist perfekt! Du machst es immer noch besser, als ich’s mir vorgestellt habe, Tex.«

Wenn er mich nach dem Animationsstar Tex Avery nennt, ist es immer ein sicheres Zeichen dafür, dass er mich um irgendwas bitten will. Normalerweise neigt er nicht so sehr zu überschwänglichem Lob, und ich höre es auch in seiner Stimme. Ich ziehe die Brauen hoch und neige erwartungsvoll den Kopf.

»Hör mal, also, kein Druck oder so, aber das Management will, dass alle Zeichner diese Woche zwei Meter wegschaffen. Wir sind hinter dem Zeitplan zurück.«

Das sind schlechtere Neuigkeiten als befürchtet. »Verdammt, das sind über vierzig Zeichnungen pro Tag. Wir sind doch keine Fabrikarbeiter am Fließband.«

»Tut mir leid. Aber Arnauld hat mir die Hölle heißgemacht, als ich letzte Woche diese eine Szene noch mal neu zeichnen lassen wollte. Ich hole euch Jungs heute Mittagessen.«

Angespannt stopfe ich mir die Stöpsel wieder in die Ohren. Arnauld, dieser Saftsack. Er verlangt ständig, dass wir schneller arbeiten und damit auch billiger. »Alles klar, dann mach ich hier mal besser zackig.«

Am Nachmittag bin ich total verspannt, weil ich den ganzen Tag über den Lichttisch gebeugt dagehockt habe, und als ich auf die Uhr sehe, ist es schon fast vier. Das ist unsere magische Starbucks-Zeit, zu der immer ein ganzer Pulk von uns losmarschiert, um die Koffeinreserven aufzufüllen, damit wir für den Rest des Tages gewappnet sind. Wir treffen uns beim Fahrstuhl, und als sich die Türen öffnen, drängen wir uns hinein. Ich lande weit hinten, und der mopsige Andy in seinem Elmo-for-President-T-Shirt quetscht mich in die Ecke.

Nick stöhnt laut auf, als der Fahrstuhl gleich im nächsten Stockwerk schon wieder hält. Aber mein Herz macht einen Hüpfer, als sich die Türen öffnen und ich Brooke sehe, die dasteht, die Hände in die Hüften gestemmt, und offenbar überlegt, wie um alles in der Welt sie sich noch dazuquetschen soll.

»Na komm, Brooke, wir beißen schon nicht«, zieht Nick sie auf und rückt ein Stück beiseite, und sie schiebt sich zwischen ihn und Genna.

»Ja, klar«, antwortet sie ihm. »Beim letzten Mal hatte ich danach einen Aufkleber auf dem Hintern, auf dem Zerbrechlich stand.«

»Na, ich war das ganz bestimmt nicht, Schatz. Du bist ein knallhartes Mädel, ganz bestimmt kein bisschen zerbrechlich.«

Sie lächelt ihn an. »Wo wollt ihr überhaupt alle hin?«, fragt sie, verrenkt den Hals und nimmt die Gruppe in Augenschein.

»Unser nachmittäglicher Überfall auf Starbucks«, antwortet er. »Nur so besteht Hoffnung, die gähnende Langeweile in dieser Trickfilm-Sträflingskolonie irgendwie zu überleben.«

»Oh, ihr armen, armen Zeichner.« Sie verdreht die Augen. »Dann arbeitet doch bei Disney. Dort wird Kaffee von Starbucks im Pausenraum serviert. Natürlich müsstet ihr dann aber auch Mickey Mouse zeichnen und all dieses Prinzessinnenzeug.«

»Nein!«, kreischt der irre Andy, als hätte ihm jemand ein Messer in den Bauch gestoßen. »Alles, nur das nicht!«

»Und warum lädt mich eigentlich nie jemand zu diesen Kaffeeraubzügen ein, hm? Seid ihr euch für mich zu schade?«, fragt Brooke.

»Hört nur, Jungs, die Königin der Entwicklungsabteilung möchte sich den Dienstboten anschließen. Wohlan, begleitet uns, Ihro Majestät«, sagt Nick.

Ihre Stirn umwölkt sich. »Ich kann nicht. Ich muss zu einem Meeting. Einem wirklich, wirklich wichtigen Meeting.«

»Oha …«, neckt er sie.

»Vielleicht hängt dein Job davon ab, dass ich auf diesem Meeting erscheine. Aber mach dir bloß keine Sorgen, es ist viel wichtiger, dass wir alle genug Kaffee bekommen.«

Nick wendet sich an Andy. »Sie … sie ist so ein Witzbold. Und ich würde ja drauf wetten, dass sie am liebsten so einen komischen Kaffee trinkt, bestimmt Kaffee light, so einen Soja-Karamell-Macchiato mit zwei Spritzern zuckerfreier Vanille und ein klein wenig Süßstoff, bloß nicht zu viel und ganz vorsichtig hineingerührt.«

»Drei Spritzer«, antwortet sie noch, bevor sich im zweiten Stock die Türen öffnen und sie einen großen Abgang hinlegt. Mir fallen fast die Augen aus dem Kopf, als ich ihr hinterhersehe. Ihre Hose schmiegt sich perfekt um ihren gerundeten Hintern, und dann dreht sie eine Pirouette und schaut noch einmal zurück in den Fahrstuhl. Kurz treffen sich unsere Blicke, und sie lächelt, erkennt mich. »Bis später, Jungs«, sagt sie fröhlich, dann wendet sie sich ab. Mein Herz donnert wie eine Kriegstrommel.

In der Schlange haben alle so wild durcheinandergeredet, dass niemandem aufgefallen ist, dass ich zwei Becher mitgenommen habe, es wird erst bemerkt, als wir schon fast zurück im Studio sind.

»Machst du es dir heute beidhändig?«, fragt Nick und beäugt meine beiden Becher.

»Nein«, sage ich errötend. »Der hier ist für jemand anderes.«

»Wirklich?« fragt er mit übertrieben aufgeregter Stimme. »Und wer, bittebitte sag schon, könnte das wohl sein?«

»Oooooh«, spottet Kevin.

»Hat Nathan etwa ein heimliches Liebchen?«, stimmt auch Andy mit ein.

»Ich dachte, du willst nicht, dass die Leute von uns erfahren, Andy«, antworte ich. Weil er der Einzige ohne Kaffeebecher ist, gibt er das perfekte Opfer ab. Er hat nur einen großen Brownie mitgenommen, den er wie üblich mit dem Rest seiner Jumbo-Cola vom Mittagessen runterspülen wird.

»Ha! Erwischt!« Kevin lacht und grinst mich dann an. »Du bist also sein heimliches Liebchen, das die Nachfolge seiner lebensgroßen Vinylpuppe angetreten hat?«

Danielle macht große Augen, und wir steigen in den Fahrstuhl. »Er hat eine von diesen lebensgroßen Vinylpuppen? Ärgs!«

»So ist es«, bestätigt Nick. »Ich persönlich würde mein Goldstück ja nicht in eins von diesen Dingern reinstecken.«

»He, Alter, nichts gegen meine Puppe«, erwidert Andy. »Sie ist wirklich gut zu mir.«

»Wir sollten alle zusammenlegen und Nathan auch so eine besorgen«, sagt Kevin. »Ihr könntet ja so Paar-Dates zu viert machen!«

Zum Glück wechselt Nick das Thema und fängt an, über die neueste Folge unserer Serie zu reden, die total verkorkst war, weil der Synchronsprecher von Bernie total verkokst zur Arbeit gekommen ist. Während sie alle abgelenkt sind, stehle ich mich davon, dankbar, dieser Folter zu entkommen. Ich mache mich auf zu den Vorstandsbüros, und als ich Brookes Büro erreiche, sehe ich, dass ihre Assistentin nicht am Platz ist, und gehe kühn hinein. Ich bin so nervös, dass ich zittere, aber dann kommt plötzlich ein Anfall von Wagemut über mich, und ich nutze ihn aus.

Ihr Büro ist riesig, und es gibt eine Sitzecke mitsamt großem Sofa. Vielleicht sitzen wir da ja eines Tages mal zusammen drauf, stelle ich mir vergnügt vor. Vom Sofa aus sieht man aus dem großen Fenster direkt auf den Forest-Lawn-Friedhof hinaus und auf einen Teil des Hinterhofs von Warner Bros. Als ich näher zum Fenster gehe, um hinauszuschauen, fällt mir etwas auf. Anders als in den Büros der anderen leitenden Angestellten hat sie keine gerahmten Poster von Sketch-Republik-Produktionen an den Wänden, sondern eine wilde Sammlung unterschiedlichster Zeichnungen, die mir irgendwie bekannt vorkommen. Als ich sie mir näher ansehe, wird mir klar: Es sind Originale von Leuten, die hier arbeiten. Wie cool. Ich wünschte, sie hätte auch Arbeiten von mir an der Wand. Mitten unter den Bildern hängt ein Druck, den ich noch nie gesehen habe, er stammt aus einem meiner Lieblingstrickfilme aus einem anderen Studio. Mein Mädchen hat wohl eine kleine rebellische Ader, mutmaße ich grinsend. Keine idiotischen Bernie-der-Biber-Poster hier.

Es erinnert mich daran, wie meine Schwärmerei für Brooke überhaupt angefangen hat. Es war ungefähr vor zwei Jahren auf unserer monatlichen Betriebsversammlung im gebäudeeigenen großen Auditorium, und Brooke war nach vorne gegangen, um den über vierhundert versammelten Angestellten etwas über die aktuellen Projekte zu erzählen, mit denen sie sich in der Entwicklung zurzeit beschäftigten. Mir fiel sofort auf, wie klug sie ist, aber was mich noch viel nachhaltiger beeindruckte, war die Wärme, mit der sie über die Künstler und die neuen Figuren sprach. Ich hatte noch nie zuvor bei jemandem aus der Führungsetage den Eindruck gehabt, er hätte ernstlich etwas für unsere Arbeit übrig. Beim Trickfilm sind junge Manager gar nicht so selten, aber Brooke war trotzdem wie ein frischer Wind, der durch das Meeting ging. Von diesem Augenblick an hatte ich mit großer Aufmerksamkeit aufgesaugt, was immer ich über sie erfuhr.

Und es kam mir immer mehr vor, als wäre sie das coolste Mädchen aller Zeiten … nicht nur hier bei Sketch Republic oder in Los Angeles, sondern auf der ganzen Welt. Und meine anfängliche Schwärmerei, so zart wie ein flüchtiger Schatten an einem bewölkten Tag, wurde rasch so intensiv, dass es mich durchzuckte wie ein Stromstoß, wenn ich sie nur sah. Ich googelte sie und suchte bei Facebook nach ihr. Wenn sie auf der monatlichen Betriebsversammlung das Wort ergriff, saß ich völlig entrückt da und lauschte. Ich suchte sogar nach Satellitenfotos von dem Haus, in dem sie wohnte, in der Hoffnung, sie vielleicht einmal ausgestreckt auf der Chaiselongue im Hinterhof zu erblicken, während ich wie ein Voyeur über ihr schwebte.

Schlagartig wird mir klar, dass sie jede Sekunde hereinkommen und mich dabei erwischen kann, wie ich ihr quasi hinterherschnüffelte. Eifrig darauf bedacht, meine Mission auszuführen, ziehe ich einen schwarzen Sharpie aus der Tasche und schreibe ihren Namen auf den Becher. Es sieht so gewöhnlich aus, also zeichne ich noch eine kleine Karikatur ihres Gesichts daneben, das übrigens so ungefähr auch das Gesicht meiner Figur B-Girl ist. Gerade als ich den Becher auf ihren Schreibtisch stellen will, höre ich hinter mir Papier rascheln.

»Oh, hallo, Nathan«, sagt sie fröhlich. »Was kann ich für dich tun?«

»Ich habe dir deinen Kaffee gebracht«, antworte ich und gebe mir alle Mühe, nicht rot zu werden. »Ich meine, ich habe ja mitgekriegt, dass du gern mit uns gekommen wärst, aber du musstest ja zu diesem Meeting, da dachte ich mir, ich bring dir einen mit.«

»Wie unfassbar lieb ist das denn?«, sagt sie. »Vielen Dank! Also warst du das wirklich da ganz hinten im Fahrstuhl. Ohne deine Fliege und das Einstecketui hätte ich dich fast nicht erkannt.« Sie grinst, und ich lächle schüchtern zurück.

»Ja, das war ich.«

»Ich bin nur kurz vom Meeting weg, um meine Prognosen zu holen.« Sie beugt sich vor, um eine Mappe vom Tisch zu nehmen. Ich bin von jeder ihrer Bewegungen wie hypnotisiert, und das Klimpern ihrer silbernen Armreifen kommt mir vor wie Musik.

Heute ist sie ein bisschen größer als am Samstag – ihre Stiefel haben offenbar höhere Absätze, denn sie reicht mir fast bis zum Kinn. Mein Blick wandert zu ihrem zarten Hals, eine feine Kette schmiegt sich an die blasse Haut und verschwindet im weiten Ausschnitt des locker sitzenden Oberteils. Ich komme nicht umhin zu bemerken, dass ihr Shirt, als sie sich vorbeugt, ebenfalls nach vorn fällt, gerade weit genug, dass ich einen Blick auf ihren BH erhasche und auf den Ansatz ihrer wunderschönen Brüste. Ich blinzle nervös.

Die Mappe in der Hand, richtet sie sich wieder auf und greift nach dem Kaffee, um daran zu nippen. Beim Hochheben drückt sie den Becher etwas zusammen, und durch das kleine Loch im Deckel quillt etwas Milchschaum hervor. Wie in Zeitlupe sehe ich, wie sich ihre Rosenknospenlippen teilen und die Zunge herausgleitet, um genüsslich den Schaum vom Deckel zu lecken.

»Mmmm«, seufzt sie.

Oh, ihre perfekte, feuchte rosa Zunge! Erst der Ansatz ihrer Brüste, jetzt das … ich bin erledigt. Mein Blut sammelt sich dort, wo ich es gerade auf gar keinen Fall haben will, und natürlich erwacht das Ungeheuer zum Leben.

Ich versuche, beiläufig den Kaffeebecher so zu halten, dass er verbirgt, was in meiner Hose vor sich geht. Zum Glück habe ich einen von den ganz großen Bechern genommen.

Sie sieht zu mir hoch, lächelt und hebt ihren Becher. »Wenn Arnauld mitbekommen würde, dass du mir den hier mitgebracht hast, dann würde er steif und fest behaupten, dass du mit mir flirtest, aber ich glaube, du bist einfach nur ein total netter Kerl. Wer von uns hat recht?«

Ich laufe knallrot an, schwanke ein bisschen und lasse meinen Sharpie fallen. Suche hastig auf dem Boden danach. Als ich mich wieder aufrichte, scheint sie beschlossen zu haben, nicht auf eine Antwort zu bestehen.

»Na ja, was auch immer der Grund ist, jedenfalls vielen, vielen Dank.« Sie streckt die Hand aus und berührt mich kurz am Arm. »Ich finde, du bist ein cooler Typ. Ich muss zurück zum Meeting, aber wir sollten bald mal wieder ein bisschen plaudern, ja?«

»Na klar.« Ich grinse so breit, dass meine Zähne zu sehen sind, und ihre Augen blitzen wissend auf. Ich grinse auf dem ganzen Rückweg zu meinem Arbeitsplatz.

Dort allerdings erwartet mich, mit Klebeband an meinem Bildschirm befestigt, eine Überraschung. Es ist eine Karikatur von mir, ich sehe darauf ganz besonders geekig aus, und in meinem Hintern steckt ein Pfeil. Auf der schnell dahingeworfenen Skizze verdrehe ich die Augen, als ob ich den Verstand verloren hätte. Über mir fliegt ein Cherub mit Andys hässlichem Gesicht, in einer Hand hält er einen Bogen, die andere Hand hat er zur Faust geballt und reckt sie triumphierend gen Himmel. Um meinen Kopf tanzen Herzchen. Ganz oben auf den Zettel sind Worte gekritzelt: Nathan ist verliebt.

Ich sehe mich um, in der Hoffnung, den Witzbold zu entdecken. Hat jemand gesehen, wie ich Brooke den Kaffee vorbeigebracht habe? Ich glaube, die Skizze stammt von Kevin, aber sicher bin ich nicht. Ringsum herrscht völlige Stille. Verfluchte bescheuerte Trickzeichner, fluche ich stumm in mich hinein, obwohl ich genau weiß, dass ich mich eigentlich überhaupt nicht beschweren darf – ich bin ja schließlich selbst einer, und ich habe schon sehr ähnliche Karikaturen von den anderen gezeichnet.

Vorsichtig pule ich das Klebeband ab und lege die Skizze in meine unterste Schublade, wo ich das ganze gute Zeug aufbewahre. Und das hier, so wütend es mich macht, will ich behalten. Immerhin funktionieren Satire und Karikaturen nur deshalb so gut, weil darin immer ein Fünkchen Wahrheit steckt.

Am nächsten Tag verläuft unser Kaffeeraubzug völlig ereignislos, und diesmal stellt niemand irgendwelche Fragen wegen des zweiten Bechers. Als ich damit vor Brookes Büro auftauche, mustert ihre Assistentin mich argwöhnisch, aber ich sage zu ihr, dass ich nur rasch Kaffee vorbeibringen will. Ich gehe in Brookes Büro und stelle den Becher auf ihren Tisch, und sie sieht auf und lächelt mir zu.

»Schon wieder für mich?«

»Klar, ist keine große Sache … wirklich«, versichere ich ihr und versuche, möglichst lässig rüberzukommen. Plötzlich frage ich mich … was, wenn ich sie nerve?

»Du musst das wirklich nicht tun.«

»Möchtest du keinen Kaffee?«, frage ich und versuche, nicht allzu geknickt dreinzuschauen.

»Oh, das ist es nicht; ich will nur deine Freundlichkeit nicht ausnutzen«, sagt sie mit einem sexy Lächeln und zwinkert mir zu.

Flirtet sie etwa mit mir?

Mein Magen schlägt einen Salto, und ich überlege, was ich jetzt bloß antworten soll. Dann erinnere ich mich an einen Satz, den ich mal aufgeschnappt habe. »Okay, hier ist der Deal: Ich mache es nur, wenn mir danach ist.«

Hey, das klang doch ziemlich lässig. Ich lächle, verlagere nervös das Gewicht von einem Fuß auf den anderen und warte auf ihre Reaktion.

Lächelnd hebt sie den Becher hoch und betrachtet die heutige Zeichnung. Diesmal habe ich eine Skizze von ihr gemacht, auf der sie ein großes B auf der Brust hat, so wie das S bei Superman, und hinter ihr weht ein Umhang.

»Woher weißt du denn, dass ich eine Superheldin bin?«, fragt sie neckend. »Das ist doch streng geheim.«

»Na, ich bin auch einer, also habe ich es dank meiner eigenen Superheldenfähigkeiten einfach gespürt.«

»Ach so, na klar«, spielt sie mit. »Wie geht es denn mit der Sendung voran?«

»Oh, prima. Wir haben diese Woche einen Haufen Extraarbeit, aber es ist schaffbar. Wenigstens gefällt mir das Drehbuch … ziemlich gutes Timing und ein paar echt witzige Szenen.«

»Das klingt doch toll«, sagt sie vergnügt.

Wow, das ist ja eine richtige Unterhaltung.

Es entsteht eine unangenehme Pause, während mein Verstand rotiert und ich überlege, was ich als Nächstes sagen könnte. »Übrigens«, stammle ich und zeige auf den Druck hinter ihrem Schreibtisch, »mir gefällt dein Gigant-aus-dem-All-Druck total gut. Tolles Design mit dieser Anmutung von Kalter-Krieg-Propaganda. Ich bin ein Riesenfan von dem Film und Brad Bird, dem Regisseur.«

»Oh, ich auch«, stimmt sie zu. »Weißt du, damals, als ich frisch in die Branche eingestiegen bin, habe ich mal kurz mit ihm zusammengearbeitet, bei Die Unglaublichen

Und schon sind wir mitten in einem Gespräch über Brad und seine Genialität. Ich schlage mich großartig, bis ich bemerke, wie großartig ich mich schlage, denn da verschlägt es mir gleich wieder die Sprache. Sie spürt offenbar, dass ich auf einmal zu kämpfen habe, wirkt aber verwirrt, als würde sie sich fragen, weshalb ich so unheimlich verkrampft bin.

Ich sehe auf meine Schuhspitzen hinunter und überlege verzweifelt, was ich sagen könnte. Irgendwann gebe ich mich geschlagen. »Na ja, ich geh mal besser wieder an die Arbeit.«

»Okay. Danke noch mal, Nathan.«

Nach meinem Abendessen, das aus Nachos und Karottenschnitzen besteht, schreibe ich eine Liste von Dingen, über die ich mit Brooke reden könnte, damit ich beim nächsten Mal besser vorbereitet bin:

  1. Kommst du aus L. A.?
  2. Gefällt es dir in L. A.? Das kann zu der haarigen Frage führen:
  3. Hast du einen Mitbewohner? Falls sie darauf eher vage antwortet, könnte ich direkter nachhaken:
  4. Wohnst du mit Arnauld zusammen? Nein, streich das! Das kannst du sie ja wohl nicht fragen … Außerdem sind diese Fragen total belanglos. Du willst schließlich einen bleibenden Eindruck bei ihr hinterlassen.

Ich fange noch mal von vorn an.

  1. Hast du irgendwelche Tattoos?
  2. Magst du Halloween?
  3. Welcher Cartoonfigur bist du am ähnlichsten?
  4. Erinnert Arnauld dich an Homer Simpson? Nein, streichen … ich will nicht, dass sie mich für ein Arschloch hält.
  5. Fürchtest du dich vor Clowns?
  6. Was ist dein Lieblingsfahrgeschäft in Disneyland?
  7. Isst du gern Nachos?

Die Frage führt dazu, dass ich mir vorstelle, wie Brooke und ich zusammen Nachos essen, und das lenkt mich so sehr ab, dass ich die Liste nicht mehr weiterschreiben kann. Allein die Vorstellung von geschmolzenem Käse an ihren Fingern und Salsa-Spuren auf ihren Lippen macht mich so fertig, dass ich heute früher unter die Dusche muss als sonst.

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Am nächsten Nachmittag verziere ich Brookes Starbucks-Kaffeebecher mit einer etwas ausgefeilteren Zeichnung. Brooke ist wie immer ganz bezaubernd, und auf ihrer Schulter hockt ein niedlicher kleiner Gremlin, eine Figur aus der neuen Show, die sie entwickelt hat. Heute habe ich gründlicher auf mein Outfit geachtet als sonst, trage meine neue Jeans und das grüne Hemd mit der Knopfleiste, von dem Mom sagt, es passe gut zu meinen Augen. Ich habe sogar meine Chucks abgestaubt, bevor ich aus dem Haus gegangen bin, das alles in der Hoffnung, Eindruck auf Brooke zu machen.

Diesmal verdreht ihre Assistentin bei meinem Erscheinen die Augen, aber das hält mich nicht davon ab, direkt zu Brookes Büro weiterzumarschieren.

»Sonderlieferung«, sage ich aufmunternd, weil sie so angestrengt aussieht.

Brooke sieht auf. »Oh, hey, vielen, vielen Dank für den Kaffee. Heute kann ich ihn echt gut gebrauchen. Völlig irrwitziger Tag, ich bin total geschafft. Bitte lass mich dir wenigstens das Geld dafür zurückgeben.«

»Nein.« Ich tu so, als würde mich das Angebot fast schon beleidigen. »Ich mache seit einiger Zeit einen Kurs in Sachen Ritterlichkeit, es ist sozusagen eine Hausaufgabe. Du bist mir also sogar eine Hilfe.«

»Wirklich? Und wo kann man solche Kurse belegen?«

»An der Ritterlichkeitsuniversität. Ist hier im Haus, auf dem Dachboden. Sie machen das extra für uns Zeichner, weil die meisten von uns so wenig davon verstehen.« Ich bin selbst beeindruckt, wie viel Blödsinn ich aus dem Stegreif erfinden kann.

»Wirklich? Was für Seminare besuchst du denn da oben genau?«

»Konversation«, behaupte ich und hoffe, sie wird niemals herausfinden, wie dringend ich einen solchen Kurs tatsächlich gebrauchen könnte. »Kann ich vielleicht an dir ein bisschen üben? Ich versuche gerade zu lernen, auch mit Leuten zu reden, die keine Trickfilmzeichner sind.«

»Na klar, ein bisschen Zeit hab ich gerade. Ich gehöre ganz dir«, ermutigt sie mich.

Kurz denke ich daran, wie sie mit Nick spricht, und mir wird klar, dass sie sehr schonend mit mir umgeht … als bräuchte ich noch einen Grund, um sie zu lieben. In meinem Verstand wirbeln die Punkte der Liste von gestern Abend herum, aber ich bin aufgeregt, und deshalb sage ich einfach, was mir als Erstes durch den Kopf geht.

»Welches Fahrgeschäft in Disneyland magst du am liebsten?«

»Okay, das ist schwer zu sagen, aber lass mich mal überlegen … ich glaube, das wäre wohl das Haunted Mansion. Und deins?«

»Mr Toad’s Wild Ride«, antworte ich ohne Zögern. »Die Bilder und Farben sind echt bizarr … da flippe ich immer völlig aus. Also, ich meine … auf eine gute Art.«

»Na, das ist mal eine ungewöhnliche Wahl.«

»Japp, ich schätze mal, ich bin anders als die Typen, mit denen du sonst so zu tun hast.«

Sie lächelt und neigt den Kopf, wartet ab, ob ich sie noch etwas frage. Die Worte sind über meine Lippen, ehe ich mich selbst stoppen kann. »Also … ist Arnauld wirklich dein fester Freund?«

Sie wirkt ein bisschen belustigt. »Tja, hm, hast du das in der Gerüchteküche aufgeschnappt, oder war das eine von den Fragen, die du als Hausaufgabe aufhattest?«

»Vielleicht ein bisschen was von beidem, warum?«

»Reine Neugier. Ja, Arnauld und ich sind zusammen. Kleiner Tipp: Normalerweise wartet man, bis man ein bisschen enger befreundet ist, ehe man so persönliche Fragen stellt.«

»Okay, das ist gut zu wissen«, stottere ich und versuche, mich von meinem Fauxpas zu erholen. Verdammt, und es lief gerade so gut. Ich könnte mir selbst eine reinhauen.

Sie wartet, spürt offenbar meine Nervosität und versucht mir zu helfen, indem sie mich ein bisschen neckt, um das Gespräch wieder in Gang zu bringen. »Wo diese ganze Fragerei sowieso schon drunter und drüber geht, möchtest du vielleicht auch wissen, was ich heute gefrühstückt habe, oder vielleicht den Namen meines ersten eigenen Haustiers?«

»Ist meine Technik so übel?« Ich lächle verlegen. Jetzt kann ich nur darauf hoffen, dass sie meine Trotteligkeit irgendwie charmant findet.

»Na ja, lass es mich so sagen: Du könntest in dem Fach vielleicht ein bisschen Nachhilfe ganz gut gebrauchen.«

Ich zucke mit den Schultern und nicke. »Danke, dass ich an dir ein bisschen üben durfte.«

Sie beugt sich etwas vor und drückt freundlich meinen Arm. »Weißt du, du musst gar nicht so nervös sein, wenn du dich mit mir unterhältst. Ich werde dich bestimmt nicht beißen. Ich bin einfach nur ein Mädchen – ein ganz normales Mädchen, das zufälligerweise Trickfilme toll findet.«

Hat sie auch nur die geringste Ahnung, was diese Worte bei mir anrichten? An dir ist nichts, aber auch wirklich gar nichts gewöhnlich, Brooke.

Sie greift nach ihrem Notizblock und dem Kaffee. »Es war schön, sich mit dir zu unterhalten, aber ich muss jetzt los, jemand will mir eine Idee pitchen. Noch mal vielen Dank für den Kaffee.«

»Klar, wir sehen uns dann«, bringe ich heraus, ehe ich ihr Büro verlasse. Auf dem Weg zurück in die Produktion gerate ich fast in Panik und lege einen Zwischenstopp auf dem Klo ein, um mich wieder einzukriegen.

Verdammt, warum habe ich sie nach Arnauld gefragt? Was zum Teufel ist bloß mit mir los? Warum muss ich mich denn benehmen wie ein Totalversager?

Ich spritze mir kaltes Wasser ins Gesicht und atme ein paarmal tief durch, und dann überkommt mich plötzlich eine eigenartige Anwandlung. Ich bin noch über das Becken gebeugt, aber jetzt richte ich mich auf und betrachte mein Spiegelbild. Mein Gesicht ist triefend nass und blass, aber trotzdem liegt wilde Entschlossenheit in meiner Miene. In diesem Augenblick kommt mir alles wie eine ganz klare Sache vor. Scheiß auf Arnauld und auch auf alle Leute bei Sketch Republic, die an mir zweifeln.

Ich werde Brooke Tobins Herz gewinnen, und wenn es das Letzte ist, was ich tu.

Kapitel 3

Sich einschmeicheln

»Ah, meine kleine Liebling, es ist Liebe auf die erste Blick, ist es nicht, no?«

– Pepe, das Stinktier

Es ist schon nach 22:00 Uhr, als ich die Hilfslinien ausradiere und mir die fertige Zeichnung genauer ansehe. Das bisher beste Cover von allen, befinde ich stolz, und schreibe das Datum auf die Rückseite. Obwohl ich schon seit über einem Jahr meinen eigenen Comic veröffentliche, fühlt es sich bei jeder neuen Folge von B-Girls Abenteuer in Wildsville an wie das erste Mal.

Ein paarmal war ich schon kurz davor, das Projekt aufzugeben. Ich investiere so viel Zeit und Geld hinein, dass es schon absurd ist. Ich mache weiter, weil es meine Figuren sind und meine Schöpfung, und ich muss dabei überhaupt keine Kompromisse eingehen. Meine Kollegen und Freunde bei Sketch Republic wissen darüber Bescheid, und viele von ihnen kaufen und lesen die Comics. Auch wenn sie es nicht so direkt sagen, glaube ich, dass sie mich dafür bewundern, dass ich neben der harten Arbeit im Studio noch die Energie und den Willen dafür aufbringe.

Das Cover dieser Folge ist von dem Film Dr. Seltsam inspiriert: B-Girl sitzt rittlings auf einer riesigen Rakete, die gleich ins All geschossen werden soll. Jaja, es ist natürlich ziemlich Ride-’em-Cowgirl-mäßig, aber sie sieht echt heiß aus, und so sehe ich sie nun mal besonders gern … und ganz nebenbei schadet es auch den Verkaufszahlen kein bisschen. Meine Freundin Billie, die in meinem Lieblingscomicladen arbeitet, sagt, dass auch Mädchen sexy Heldinnen mögen. Sie behält die Verkäufe im Auge und sagt, es greifen fast ebenso viele Mädchen wie Typen zu meinen Heften. Das gefällt mir richtig gut.

Ehe ich in meinem Arbeitszimmer das Licht ausmache, öffne ich noch rasch meinen Online-Kalender, um die denkwürdigsten Ereignisse des Tages einzutragen. Ich schreibe: Habe B Kaffee gebracht und mit ihr über die hohe Schule der Ritterlichkeit geredet. Auch am Samstag gab es nur einen Eintrag: In Jimmy’s Geek World mit Brooke unterhalten. Montag, Dienstag, Mittwoch … Brooke war das Einzige, was zählte. Und das Allerbeste daran ist, dass sie in Wirklichkeit noch viel wunderbarer ist, als ich sie mir bei meiner Schwärmerei aus der Ferne vorgestellt habe. Sie ist freundlich und zugänglich, kreativ und witzig, eine Expertin für Cartoons … zum Teufel, sie ist das Mädchen meiner Träume … und zu allem Überfluss ist sie auch noch schön und sexy.

Schon an sie zu denken wühlt mich völlig auf. In weniger als einer Woche ist sie zum strahlendsten Stern in meinem gesamten Universum aufgestiegen. Es fühlt sich an, als würde ich sie in einer eigenen Umlaufbahn umkreisen.

Ich gehe Zähneputzen – diese leuchtend weißen Zähne, die Brooke so gefallen – und mache mich bettfertig, auf dem voll aufgeladenen iPod wartet der neueste Download von Dr. Wayne Dyer, Meister der Selbstfindung. Ich stecke mir die Stöpsel ins Ohr und schalte die Aufnahme meines Motivationsgurus ein. Waynes ermutigende Worte helfen mir immer dabei, mich aufs große Ganze zu konzentrieren. Wovon träume ich? Was will ich wirklich erreichen?

Ich habe eine extrem lebhafte Vorstellungskraft. Während ich im Bett liege, erlebe ich das, was ich mir vorstelle, richtig mit, und Brooke wird schnell zum Star der heutigen Abendvorstellung.

Gedanken, mein Freund, sind wie Materie. Unterschätze niemals die Macht deiner Gedanken. Auf dem Weg zu deinen Zielen ist stets der erste Schritt, zu imaginieren, dass bereits wahrgeworden ist, wovon du träumst.

Na gut, ich visualisiere das, was ich in meinen Träumen gern mit Brooke tun will, und eine ganze Menge davon ist wohl eher nicht jugendfrei. Was all diesen Szenarios gemein ist: Sie sieht mich voller Liebe an, als würde ich ihr dasselbe bedeuten wie sie mir.

Waynes Beschwörungen im Ohr, frage ich mich, ob ich vielleicht irgendwie komisch bin, weil ich mir nicht nur wünsche, ihr körperlich nah zu sein, sondern will, dass sie mich liebt? So unwahrscheinlich es auch ist, dass es je Wirklichkeit werden könnte, ich kann nicht aufhören, mir alles zu wünschen … alles, was zu Brooke gehört, allem voran ihr Herz.

Ich wälze mich herum und stelle den Wecker, und dann beschließe ich, dass ich die Aufnahme von Wayne über seine Technik des positiven Denkens noch weiterhören will, und dabei stelle ich mir vor, dass ich Brooke in meinen Armen halte. Als ich wegdämmere, ist mir, als würde ich mit ihr in Löffelchenstellung daliegen statt mit dem riesigen Kissen, um das ich die Arme geschlungen habe.

Ich bin ungefähr bei der zehnten Bucky-Zeichnung des Tages, als Dani in meine Büronische schlüpft und mir etwas hinhält. »Hast du das schon gesehen?«, fragt sie. »Sie haben mich gefragt, ob ich es koloriere. Kevin will eine Art Bilderbuch draus machen. Er hat schon zwölf Zeichnungen fertig.«

»Während der Arbeitszeit, würde ich wetten.« Ich seufze und greife nach der Zeichnung.

»Auf jeden Fall«, stimmt sie mir zu.

Auf dem Bild sieht man in frontaler Draufsicht das Sofa in Andys Wohnung. Ich erkenne das schief an der Wand hängende Darth-Vader-Poster. Auf dem Sofa sitzen Andy und ich zusammen mit unseren beiden lebensgroßen Vinylfreundinnen. Er kämmt seinem Schatz gerade liebevoll das Haar, und meine Hand liegt direkt auf der Brust meines heißen Fegers. Ihrem zu einem O geformten Mund nach zu schließen, gefällt ihr das sehr. Hinter der Brille mache ich Stielaugen, und meine Wangen sind gerötet.