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Woodwalkers (1). Carags Verwandlung

Katja Brandis, Jahrgang 1970, hat Amerikanistik, Anglistik
und Germanistik studiert und als Journalistin gearbeitet. Schon
in der Schule liehen sich viele Mitschüler ihre Manuskripte
aus, wenn sie neuen Lesestoff brauchten. Inzwischen hat sie
zahlreiche Romane für Jugendliche veröffentlicht, zum Beispiel
Gepardensommer, Floaters – Im Sog des Meeres oder Ruf der
Tiefe. Bei der Recherche für Woodwalkers im Yellowstone-
Nationalpark lernte sie eine Menge Bisons persönlich kennen,
stolperte beinahe über einen schlafenden Elch und durfte
einen jungen Schwarzbären mit der Flasche füttern. Sie
lebt mit Mann, Sohn und drei Katzen, von denen eine ein
bisschen wie ein Puma aussieht, in der Nähe von München.
www.katja-brandis.de

Inhaltsverzeichnis

Menschenwunder

Ärger

Ganz schön gefährlich

Ein seltsames Angebot

Noch ein Angebot

Zähne

Die Clearwater High

Bunt und wild

Zoff im Grand Canyon

Mit Bisonkraft

Wapitis Rache

Kämpfer

Menschenalarm

Mitternachtsduell

Held

Das Paket

Kronprinz

Das Herz auf dem Teller

Spione

Respekt

Ernst des Lebens

Kleinholz

Eulenaugen

Der letzte Trick

Zahn um Zahn

Entscheidung

Hetzjagd

Auf Leben und Tod

Ein Feind und eine Feier

Danksagung

 

 

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»Mystery Boy« haben sie mich getauft, Zeitungen und TV-Sender berichten über mich. Ich bin der geheimnisvolle Junge, der eines Tages aus dem Wald aufgetaucht ist: »Niemand weiß, wer er ist. Auch er selbst nicht, denn er hat sein Gedächtnis verloren.« In Wirklichkeit ist mein Gedächtnis prima in Ordnung und ich erinnere mich an alles. Natürlich auch an diesen ziemlich heftigen, aber auch ganz besonderen Tag, als ich zum ersten Mal zu den Menschen durfte …

Menschenwunder

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Auf weichen Pfoten liefen wir durch den Kiefernwald, meine Mutter, meine ältere Schwester Mia und ich. Ich war so aufgeregt, als hätte ich Ameisen unter dem Fell.

Und wir machen das wirklich?, fragte ich meine Mutter zum x-ten Mal lautlos, von Kopf zu Kopf. Wir gehen in die Stadt?

Meine Mutter schnaubte. Wenn du das noch mal fragst, drehen wir um!

Klar, dass sie genervt war. Wir hatten in den letzten Wochen ständig gebettelt, dass sie uns wenigstens ein Mal mitnahm. Nur Geschichten über die Menschen zu hören, reichte uns nicht mehr.

Kurz darauf hielt sie an und begann, mit ausgefahrenen Krallen im Boden herumzuscharren, als sei sie auf der Jagd nach Erdhörnchen. Hier muss unser Versteck mit den Menschensachen sein, teilte sie uns mit und schon glänzte es silbern unter ihren Pfoten.

Zufrieden nickte sie und begann, sich zu verwandeln. Ihr Körper richtete sich auf, ihre Hinterläufe wurden zu Füßen, ihre Vorderpranken streckten sich zu Fingern, das sandfarbene Fell verschwand von ihrem Körper. Jetzt hatte sie langes sonnenhelles Haar, das ihr bis weit über den Rücken reichte. Als sie uns anlächelte, sahen wir ihre lächerlich winzigen Menschenzähne.

»So, jetzt seid ihr dran«, sagte sie mit ihrer hohen Menschenstimme. »Ihr wisst noch, wie es geht, oder? Konzentriert euch. Denkt daran, wie eure andere Gestalt aussieht. Spürt sie in euch. Fühlt ihr schon das Kribbeln?«

Mia schüttelte verbissen den Kopf, was ziemlich blöd aussah in ihrer Pumagestalt.

Doch bei mir klappte es gut, Momente später stand ich dort auf dem Waldboden und fühlte, wie die Kiefernnadeln unter meinen nackten Füßen piksten. Ich sprang auf und ab und lachte dabei, einfach um mal wieder zu probieren, wie es klang. Es war toll, Hände zu haben, mit denen konnte man so unglaublich viel anfangen. Fast hatte ich vergessen, wie das war, wir verwandelten uns nicht sehr oft.

»Los, Mia! Du schaffst es!«, feuerte ich meine Schwester an. »Sonst kannst du nicht mit!«

»Hör auf, sie zu drängen«, sagte meine Mutter. »Du machst es ihr noch schwerer.«

Ungeduldig wartete ich und begann schon einmal, mit meinen unheimlich praktischen Menschenhänden weiter nach dem Versteck zu graben. Es bestand aus einer verbeulten Blechkiste, tief eingebuddelt im Waldboden.

Endlich hatte sich auch meine Schwester verwandelt. Ihr braunes Haar war so verwuschelt, dass sie aussah, als hätte sie ein Stachelschwein auf dem Kopf. Da half es auch nicht viel, dass sie es sich mit den Fingern durchkämmte.

Mia warf sich neben mir auf die Knie und gemeinsam zerrten wir den Deckel von der Kiste. Feierlich holte meine Mutter ein paar Sachen heraus und reichte sie uns – längliche Stoffstücke, eckige Stoffstücke, längliche hohle Dinger aus Leder. Ich hatte ganz vergessen, was man mit diesem Krempel machte.

Meine Mutter lächelte wieder. »Carag, das zieht man nicht auf den Kopf, das ist eine Hose, da müssen die Beine rein!«

»Sag’s doch gleich«, murmelte ich und startete einen neuen Versuch.

Als wir es alle geschafft hatten, uns anzuziehen, warf ich noch einen neugierigen Blick in die Kiste. Darin waren alle möglichen Dosen und Fläschchen – Menschenmedizin. Und ein paar zerknitterte grünliche Papierstücke.

»Was ist das noch mal?«, fragte ich.

»Geld«, erklärte meine Mutter. »Dollars. Damit können wir etwas kaufen in der Stadt.« Behutsam holte sie eins der Papierstücke, auf dem eine Fünf stand, aus der Blechkiste und verstaute es in ihrer Kleidung. Dann blickte sie uns ernst an. »So, gehen wir. Wir sind nur ein einziges Mal in der Stadt, also schaut euch gut um. Aber ihr dürft euch da nicht verwandeln, das ist wichtig! Sie dürfen nicht merken, wer wir sind. Ist das klar?«

Mein Mund war trocken geworden. »Was ist, wenn … sie es doch merken?«, fragte ich.

»Dann töten sie uns«, erwiderte meine Mutter knapp.

Oh. Mia und ich sahen uns an. Waren meine Augen auch so groß und verschreckt wie ihre?

Endlich machten wir uns auf den Weg. Wahrscheinlich haben wir furchtbar ausgesehen. Unsere Klamotten hatten mit Mode so viel zu tun wie ein Fisch mit einer Fichte. Meine lange Hose endete in der Mitte der Schienbeine und mein T-Shirt war ausgeblichen, von den Flecken darauf gar nicht zu reden. Garantiert hatten wir alle Kiefernnadeln in den Haaren und Erde an den Händen.

Egal. Wenn uns die Leute angestarrt haben, dann war ich sowieso viel zu aufgeregt, um es zu merken. So viele Menschen! Und all diese glänzenden bunten Autos, die aus der Nähe so unglaublich stanken! Aber noch interessanter waren die Geschäfte. Kaum waren wir auf der Hauptstraße, klebte ich an der nächstbesten Scheibe. Es gab Hüte zu kaufen, Steine – wer in aller Welt kaufte Steine?! –, Kleidung, Tassen mit Bildern darauf, noch mehr Kleidung und Essen, das unglaublich lecker roch.

»Softeis«, las ich das Schild neben dem Laden. »Vanille, Erdbeer und Schoko.«

Lesen hatte meine Mutter mir beigebracht, aber sie hatte mir nie erzählt, was Softeis war. Der süße, sahnige Geruch füllte meine Nase und irgendwo in der Gegend meines Bauchnabels begann es, leise zu knurren und zu rumpeln. He, Moment mal, was machte mein Bauch da? Aber das Geräusch war nicht mal das Schlimmste. Entsetzt spürte ich, wie unter meinem T-Shirt kitzelnd Fell zu wachsen begann. Oh nein, stopp, nicht jetzt!

Schnell schloss ich die Augen. Ich bin ein Mensch, ich bin ein Mensch, wiederholte ich immer wieder, bis das Fell zu kurzen Stoppeln geworden und dann ganz verschwunden war. Uff. Meine Knie fühlten sich weich und zittrig an vor Schreck.

»So, ich kaufe euch jetzt ein Eis«, sagte meine Mutter. Sie holte feierlich den zerknitterten Schein mit der Fünf darauf hervor und reichte ihn einer fremden Frau. »Einmal Schoko, einmal Vanille.«

Sie bekam von der Frau klimpernde Metallstücke und ich etwas, das aussah wie eine Portion Bärenkacke. Egal, du probierst das jetzt, dachte ich und berührte das kalte braune Zeug mit der Zunge. Ein wunderbarer süßer Geschmack breitete sich in meinem Mund aus. Wenn Bärenkacke so geschmeckt hätte, hätte ich jeden Bär belauert, bis er mal musste.

Mia hatte Vanille bekommen und seufzte vor Glück. Doch gleichzeitig wirkte sie unruhig und schaute sich immer wieder um. Kein Wunder, es waren so viele Menschen um uns herum und dazu kamen all die ungewohnten Gerüche und Geräusche.

Wir kamen an einem Laden vorbei, an dem Supermarkt stand und dessen Inhalt durch die Glastüren sehr interessant aussah. »Da will ich mal rein!«, drängelte Mia, aufgeregt bettelte ich mit und schließlich nickte meine Mutter widerstrebend. »Na gut, aber nur kurz.«

Die Glastüren wichen vor uns zurück und fassungslos blickten Mia und ich uns um. Essen, überall Essen! Berge von Essen!

»Da beiß mich doch ’n Wildschwein«, entfuhr es mir. »Und all das können sich die Menschen einfach so holen, auch im Winter?«

»Auch im Winter«, bestätigte meine Mutter und Mia und ich stöhnten vor Neid. Im Winter hungerten wir oft, denn es war dann viel schwerer als sonst, einen Wapiti oder ein Dickhornschaf zu reißen.

Erschrocken sah ich, dass meine Schwester sich vor lauter Aufregung teilverwandelt hatte. Ihre Lippen passten kaum noch über ihre Fangzähne und sie merkte es nicht mal. Sie war gerade dabei, eine Dose mit dem Bild einer Katze darauf aus dem Regal zu nehmen, vielleicht weil die Katze uns ein bisschen ähnlich sah. Mit einem Fangzahn biss Mia ein Loch in die Dose und schnupperte am Inhalt. »Hey, hier gibt es überfahrene Tiere in Dosen zu kaufen!«, verkündete sie, während wir weitergingen.

Ich zupfte meine Mutter am Ärmel, doch sie war gerade damit beschäftigt, ein paar Geld-Metallstücke aufzuheben, die ihr aus der Tasche gefallen waren.

Meine Schwester hielt noch immer die kaputte Dose in der Hand. »Krieg dich wieder ein und leg das Ding weg«, zischte ich Mia zu und sie fauchte mich leise an. Dann hob sie den Kopf, um zu wittern.

»Findest du nicht, dass hier irgendwas sehr gut riecht?«

Ein Supermarktmann half meiner Mutter, das Geld aufzuheben. Er trug ein Gestell mit zwei glänzenden Kreisen darin mitten auf der Nase und in seinen Ohren steckten Metallstücke. Einen Moment lang vergaß ich das Problem mit meiner Schwester und starrte den Mann fasziniert an. Er lächelte.

»Hi, Kid. Wie heißt du?«

»Carag«, sagte ich und blickte zu ihm hoch.

»Gefällt es dir in Jackson Hole?«

»Richtig verdammt gut«, sagte ich und der Mann lachte und schenkte mir einen runden Gegenstand, der in meiner Hand knisterte. Das Ding roch gut und ich steckte es in den Mund. Nun lachte der Mann noch mehr.

»Du musst den Bonbon erst auspacken«, erklärte er und half mir dabei. Dann winkte er mir zu und ging wieder an seine Arbeit.

Wie nett diese Menschen waren! Und wie mächtig sie sein mussten, um so etwas zu bauen, diese Stadt voller Wunder. Wie es wohl wäre, so zu sein wie sie? So zu leben?

Der Bonbon schmeckte leider nach vergammelten Früchten. Ich spuckte ihn auf den Boden, als keiner hinsah.

»Mia!«

Als ich den angsterfüllten Ruf meiner Mutter hörte, vergaß ich alle Gedanken an die Menschen und wirbelte herum.

Mias Gesicht war von einem feinen hellbraunen Haarflaum überzogen. Ein eisiges Gefühl durchrieselte mich. Sie verwandelte sich zurück! Konnte sie das noch stoppen, so wie ich vorhin?

Meine Mutter zerrte sie in einen Gang, in dem gerade niemand war, schnappte sich eine Packung Essen, auf der eine lächelnde Frau abgebildet war, und hielt sie meiner Schwester vor die Nase. »Mia, Süße, konzentrier dich. So siehst du aus. So bleibst du. Stell dir vor, so zu sein. Stell es dir ganz stark vor, ja?«

Gehorsam nickte Mia und erleichtert sah ich, wie ihre Eckzähne wieder schrumpften. Ein bisschen jedenfalls.

Aber dann witterte sie wieder und richtete den Blick auf irgendwas am Ende des Ganges.

»Oh nein, die Fleischtheke«, murmelte meine Mutter. Und schon hechtete Mia los, auf einmal wieder in ihrer Pumagestalt – ihr geschmeidiger hellbrauner Körper schien kaum den Boden zu berühren. In zwei Sätzen hatte sie die Fleischtheke erreicht und angelte mit der Pfote darüber hinweg, schon hatte sie an jeder Kralle ein Steak hängen.

Kunden rannten in alle Richtungen, schrien und richteten flache eckige Dinger, die sie in der Hand hielten, auf Mia. Sie versuchten, sie zu töten! Irgendwie schaffte ich es, in meiner Menschengestalt zu bleiben, und rempelte so vielen Leuten, wie ich konnte, diese Dinger aus der Hand. Es krachte und klirrte.

»Nein, Carag, nicht!«, rief meine Mutter und rannte hinter Mia her, die gerade versuchte, auf ein Regal mit der Aufschrift Frühstücksflocken zu klettern und oben in Ruhe ihre Beute zu verspeisen. Doch meine Schwester fand auf dem glatten Regal keinen Halt, und als es unter ihrem Gesicht zu schwanken begann, rutschte sie ab und stürzte in einem Schauer von Pappschachteln zu Boden. Einen Moment lang war sie unter dem Haufen kaum zu sehen, nur noch ihr hin und her peitschender Schwanz schaute heraus. Noch mehr Leute rannten schreiend Richtung Ausgang.

Irgendwie war es toll, wie viel Angst sie vor uns hatten. Wieso hatten wir eigentlich so viel Angst vor ihnen?

»Wir müssen ganz schnell hier verschwinden!«, zischte meine Mutter, während ich Mias Klamotten aufhob. »Noch ein paar Minuten, dann kommen sie mit Gewehren!«

»Gewehren?«, fragte ich besorgt. Genau wusste ich damals nicht, was das war, aber es klang irgendwie ungut.

Mia war gerade dabei, sich aus den Pappschachteln herauszukrallen. Sie kaute an einem Stück Rind und sah gut gelaunt aus, obwohl sie von oben bis unten mit bunten Frühstücksflocken bedeckt war. Meine Mutter packte sie am Nackenfell und schüttelte sie durch.

»Schnell jetzt, wir müssen hier raus«, kommandierte sie und zu dritt rannten wir los.

Doch es war zu spät. Der Ausgang wurde schon von kräftigen Männern in schwarzen Uniformhemden bewacht, die nicht so aussahen, als würden sie irgendwas Vierbeiniges durchlassen. Während meine Mutter uns Deckung gab, schlitterten Mia und ich hinter ein Regal.

»Du musst dich noch mal verwandeln«, flüsterte ich verzweifelt in ihr pelziges Ohr. »Los, versuch es! Bitte!«

Ein paar Atemzüge später saß ein Menschenmädchen neben mir und kämmte sich mit Fingern, die noch nadelspitze Krallen trugen, die Haare durch. »Tut mir echt leid«, sagte sie und sah ein bisschen geknickt aus.

»Du hättest mir wenigstens was übrig lassen können«, beschwerte ich mich, während ich Mia ihre Kleider zuschob, die bei der Verwandlung von ihr abgefallen waren.

»Schnell, wir müssen schreien und nach draußen laufen, so wie alle anderen«, sagte meine Mutter, sobald Mia wieder angezogen war.

Das klappte prima, die Leute in Uniform schenkten uns keinen zweiten Blick. Obwohl Mia vergessen hatte, ihre Krallenhände in die Hosentaschen zu stecken.

Völlig erschöpft und mit wunden Füßen von diesen schrecklichen Schuhen hinkten wir in den Wald zurück.

Mein Vater war nicht gerade begeistert, als wir erzählten, was wir erlebt hatten.

»Wenigstens haben die Menschen uns nichts getan«, versuchte ich, ihn zu beruhigen, als er mich in seiner Pumagestalt missmutig anblickte. »Im Gegenteil, sie waren nett zu uns! Na ja, jedenfalls bis Mia angefangen hat, in der Kühltruhe Beute zu machen.«

Er fauchte mich an. Nett? Sie sind hinterlistig und gefährlich!, schnitt seine Stimme durch meinen Kopf. Wir müssen uns von ihnen fernhalten! Missmutig wandte er sich an meine Mutter. War das wirklich nötig, diese ganze Sache mit der Stadt?

Wenn wir es ihnen verboten hätten, dorthin zu gehen, wären sie heimlich gegangen, gab meine Mutter ebenso gereizt zurück.

Leider merkte ich, dass ich mich schon jetzt zurücksehnte an diesen Ort der Wunder, an dem es so viel zu entdecken gab. Wieso können wir Wandler nicht als beides leben, als Mensch und als Puma?, wagte ich zu fragen. Mal das eine, mal das andere?

Du brauchst ganz viel Papier, wenn du als Mensch leben willst, versuchte meine Mutter, mir zu erklären. Papier, auf dem draufsteht, wer du bist. So was haben wir nicht.

Mein Vater blickte mich mit seinen goldenen Katzenaugen an, sein Blick ging mir durch und durch. Du musst dich für eins entscheiden, Carag, sagte er. Beides geht nicht.

Natürlich hatte meine Mutter nicht vor, uns noch mal mitzunehmen. Enttäuscht verbrachte ich halbe Nächte damit, von hoch oben in den Bergen die glitzernden Lichter der Stadt zu beobachten, die so viel heller waren als die Sterne. Ich konnte nicht anders, ein halbes Jahr später schlich ich mich zum ersten Mal alleine dorthin, als meine Eltern auf der Jagd waren. Ich wanderte durch die Straßen, witterte tausend neue, spannende Gerüche und wünschte mir, ich könnte mal in einem dieser Dinger mitfahren, die meine Mutter Auto genannt hatte. Kaum war ich zurück, wäre ich am liebsten wieder losgezogen.

Zwei Jahre später, mit elf, entschied ich mich. Aber nicht so, wie meine Familie das gerne gehabt hätte.

Ich will zu den Menschen und so leben wie sie, verkündete ich eines Morgens, nachdem wir uns den Tau aus dem Fell geschleckt hatten.

Carag hat es in den Kopf geregnet, zog Mia mich auf und verpasste mir einen Hieb mit eingezogenen Krallen.

Ich atmete tief, konzentrierte mich und verwandelte mich. Sofort vermisste ich mein Fell, der feuchtkalte Wind war nicht sehr angenehm auf der bloßen Haut. »Das war kein Witz.«

Mein Vater war zusammengezuckt, als ich mich plötzlich verwandelt hatte, irritiert starrte er mich in meiner Menschengestalt an. Auch meine Mutter wirkte beunruhigt. Aber … das geht nicht! Wie willst du denn …?

»Ich weiß schon genau, wie ich es mache«, sagte ich. Wochenlang hatte ich an meinem Plan getüftelt. »Ich nehme mir die Sachen aus dem Versteck und …«

Vergiss es, du gehörst hierher, knurrte die Stimme meines Vaters in meinem Kopf. Seine pelzigen Ohren zuckten nervös. Jetzt hör auf mit dem Blödsinn, wir gehen auf die Jagd, ich bringe dir bei, wie man einen Wapiti reißt.

Xamber, ich glaube, er meint es ernst. Meine Mutter betrachtete mich besorgt. Fand sie, dass ich zu jung war, um wegzugehen? Aber ich war schon elf und sie hatte mir selbst erzählt, dass Wandler schneller selbstständig waren als Menschen! Als echter Puma wäre ich schon vor Jahren eigene Wege gegangen.

Ich besuche euch ab und zu, sagte ich aufgeregt und niedergeschlagen zugleich. Sooft ich kann.

Geh und mach das, wenn du willst, fauchte mein Vater mich an. Aber ich sag dir gleich, mit Menschen wollen wir nichts zu tun haben!

Diesmal war ich es, der schockiert blickte. »Aber selbst wenn ich als Mensch lebe … ich bin doch keiner, ich werde nur so tun, als ob! Ich werde immer noch ich sein, auch wenn ich ein bisschen anders aussehe.«

Carag, du willst wirklich ganz alleine dorthin gehen? Meine Mutter klang hilflos. Wenn du dich für deine zweite Gestalt entscheidest, dann können wir nicht in deiner Nähe bleiben, vielleicht werden wir uns lange nicht sehen können. Du weißt, dass Menschen dort, wo sie wohnen, Raubtiere nicht dulden.

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»Ihr könnt euch doch auch verwandeln, nur ab und zu«, schlug ich verzweifelt vor … und war noch verzweifelter, als ich keine Antwort bekam. Sogar meine Mutter wandte den Kopf ab. Auch sie traute den Menschen nicht besonders und verwandelte sich ungern.

Wirklich, das ist eine ganz blöde Idee! Mia schmiegte sich an mich und rieb ihren weichen Kopf an meinen nackten Beinen. Sie wirkte verwirrt und unglücklich. Gefällt es dir denn gar nicht hier in den Bergen?

»Doch, schon, aber …« Meine Menschenaugen flossen über. Es reichte mir nicht, nur ein Puma zu sein. Aber das war so schwer zu erklären.

Wir werden nicht da sein können, wenn du uns brauchst, wiederholte meine Mutter traurig. Halb rechnete ich damit, dass sie sich verwandeln würde, um zu zeigen, dass auch sie zum Teil Mensch war und irgendwie verstand, was in mir vorging. Aber sie blieb in ihrer Pumagestalt.

»Ich muss jetzt gehen«, sagte ich, schlang erst Mia und dann meiner Mutter die Arme um den pelzigen Hals und drückte sie an mich, dann tat ich das Gleiche bei meiner Mutter. Sie schickte mir ein trauriges Pass auf dich auf in den Kopf. Mein Vater rührte sich nicht, als ich ihn umarmte, und blickte mich nicht an.

Würde er mich wirklich aufgeben? Nein, bestimmt nicht, er war eben wütend, er würde sich wieder beruhigen, ganz sicher!

Völlig fertig und zitternd vor Kummer, aber sehr entschlossen, holte ich mir Kleidung aus unserem Versteck. In Menschengestalt, aber barfuß, lief ich talwärts und durchquerte Wälder und Lichtungen, bis ich die ersten Gebäude sah. Ich klopfte einfach an der Polizeistation von Jackson Hole an und behauptete, nicht mehr zu wissen, wer ich sei und wo ich herkäme. Mein Plan ging auf. Sie hielten mich für einen Menschen und gaben mir all das Papier, das ich brauchte.

Inzwischen bin ich dreizehn Jahre alt, werde Jay genannt und gehe seit ein paar Wochen in die siebte Klasse der Junior High School von Jackson Hole. Seit so kurzer Zeit erst, weil ich erst jede Menge über die Menschenwelt lernen musste und deswegen daheim in meiner Pflegefamilie unterrichtet worden bin.

Mit meinen kurzen sandfarbenen Haaren und den grüngoldenen Augen falle ich in der Junior High nicht weiter auf. Ich trage Jeans, Sneakers und Rucksack wie ein ganz gewöhnlicher Schüler. Fast alle Leute hier haben sich mittlerweile an mich gewöhnt.

Fast alle.

Und leider sind nicht, wie ich mal dachte, alle Menschen nett. Einige Leute in der Schule flüstern blöde Bemerkungen über mich, wenn sie denken, dass ich sie nicht hören kann (kann ich leider doch, ihr Flüstern klingt für Wandler-Ohren ziemlich laut). Und die noch schlimmeren Leute sind ungefähr so sympathisch wie ein tollwütiger Pfeifhase. Zum Beispiel Sean, Kevin und seine Freundin Beverly, die an diesem Septembertag, an dem sich alles ändern sollte, vor dem Ausgang der Highschool auf mich warteten. Mit einem eigenartigen Grinsen im Gesicht.

Ärger

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Kevin war einer der stärksten Jungs an der Schule und er hatte jede Menge Spaß daran, andere zu quälen. Seine Freundin Beverly wäre furchtbar gerne Cheerleaderin für das Football-Team geworden, aber sie hatte ein Gesicht wie eine Kartoffel. Keine Chance. Vielleicht war es deshalb ihre Lieblingsbeschäftigung, andere niederzumachen. Und Sean machte mit, weil er nichts Besseres zu tun hatte.

Alle drei schauten mich an, als wäre ich Beute. Ich fühlte mich auch ein bisschen wie Beute und das gefiel mir nicht besonders. In meinen ersten zwei Wochen in der Junior High hatten mich die drei in Ruhe gelassen, weil mich zu viele Leute beobachteten. Aber inzwischen war die Schonzeit vorbei. Schon ein paarmal hatten sie mich geschubst, versucht, mir ein Bein zu stellen, oder meine Jacke mit Farbe beschmiert. Mir blöde Bemerkungen hinterherzurufen, fanden sie unglaublich lustig, obwohl ich jedes Mal so tat, als hätte ich Ohren aus Stein. Nie half mir jemand, wenn sie auf mich losgingen, und jedes Mal machte mich das ein bisschen trauriger.

Während ich mich nach einem Ausweg umschaute, machten die drei sich daran, mich in die Zange zu nehmen. Von den anderen Schülern achtete keiner auf uns, die gestylten Mädels und lässigen Typen waren schon alle auf dem Weg zu ihren Autos und Schulbussen.

»Na, Jay?«, fragte Kevin und näherte sich mir von vorne, während Sean von hinten herankam.

»Lasst mich einfach in Ruhe«, empfahl ich ihnen.

»Ach, komm schon, Mystery Boy«, meinte Kevin und hob die Faust, als Sean meine Arme packte. »Wir wollen doch nur spielen.«

»Ich kenn kein Spiel, bei dem man sich die Faust in den Magen rammt.« Und bis Kevins Faust ankam, war ich auch schon ganz woanders. Sean glotzte blöd, als der Schlag in seinem Bauch landete, und gab ein schwaches »Uff« von sich.

Kevin ließ sich davon nicht irritieren, mit zwei Schritten war er bei mir und versuchte, mich in den Schwitzkasten zu nehmen. Lustig war das nicht.

»Lass das, so bekomme ich keine Luft mehr«, beschwerte ich mich.

»Das ist der Sinn der Sache«, sagte Kevin und Sean kicherte wie irre.

Okay, das reichte jetzt. Blitzschnell glitt ich nach unten weg, packte Kevin von hinten und beförderte ihn mit Schwung zu Boden. Einen Atemzug später riss ich Sean von den Füßen. Damit er nicht allzu hart fiel, legte ich ihn quer über Kevin ab.

Dann konnte ich endlich weitergehen. Dachte ich zumindest. Doch dann machte es Platsch! Ein Eimer voll eiskaltem Wasser landete auf meinem Kopf, lief an mir herunter und überschwemmte meine Schuhe.

Ich hatte Beverly vergessen.

Ausgerechnet Wasser! Sie konnten es nicht wissen, aber ich hasste das Zeug. Gedemütigt, völlig durchnässt und eine nasse Spur hinter mir herziehend, ging ich davon, während das Gelächter der anderen mir hinterherschallte. In meinen Augen brannte es und mein Herz hatte sich zusammengekrampft. Am liebsten hätte ich mich irgendwo versteckt, um in Ruhe traurig sein zu können. Wieso konnten diese Leute mich nicht einfach akzeptieren, wie ich war? Warum machte es ihnen so viel Spaß, mich zu quälen?

Ein Rabe hüpfte auf einem Gitterzaun neben mir herum, krächzte und breitete die Flügel aus. Ich schaute nur kurz zu ihm hinüber und lief dann weiter. Dabei wäre ich fast über einen zweiten Raben gestolpert, der vor mir herumstolzierte, den Kopf schief legte und mich mit blanken schwarzen Augen ansah.

Ich machte einen Bogen um ihn und versank wieder in düsteren Gedanken. Auf einer Schule zu sein, hatte ich mir ganz anders vorgestellt. Irgendwie lustiger. Mit den Fächern kam ich ganz gut klar, den meisten Lehrern gefiel, dass ich so neugierig war und mich wirklich anstrengte, den Stoff aufzuholen. Aber manchmal fragte ich mich, wieso genau ich Algebra lernen sollte oder Musiktheorie. Und Freunde hatte ich bisher keine gefunden. Lag es daran, dass Pumas Einzelgänger waren? Oder hatte ich mich zu oft blöd angestellt? Während ich nachdachte, wurde ich immer trauriger. Und diese beiden Raben nervten. Was wollten die nur von mir? Einer von ihnen versuchte, sich auf meiner Schulter niederzulassen.

»Hau ab, ich bin kein Sitzplatz«, brummte ich und schlurfte zu dem alten Mountainbike, das meine Pflegefamilie mir geschenkt hatte. Na also, die Raben flogen endlich davon.

Vielleicht sollte ich versuchen, ins Football-Team reinzukommen. Alle Leute mochten gute Football-Spieler. Und Filmstars. Sie mochten auch Filmstars. Aber ich war nur zwei- oder dreimal im Fernsehen gewesen, das reichte nicht.

So richtig berühmt und beliebt waren andere Leute: Am Schulzaun hing ein Veranstaltungsplakat mit dem lächelnden Gesicht eines furchtbar wichtigen Mannes darauf. Andrew Milling, dem Namen begegnete man ständig, auch in den Nachrichten hatte ich ihn schon mal gehört. Wahrscheinlich wollten mit dem alle befreundet sein.

Tropfend kletterte ich auf mein Rad und fuhr »nach Hause« – zum Haus der Ralstons, meiner Pflegefamilie. Im Vorgarten tummelte sich gerade ihr schwarzer Labrador Bingo. Als ich das Rad abstellte, bellte er mich mit gesträubtem Fell an, so wie jedes Mal. Vermutlich mochte er keine Raubkatzen.

Wie üblich ignorierte ich ihn, durchquerte die Küche und wollte die Treppe hoch in mein Zimmer im zweiten Stock. Aber ich war leider nicht schnell genug.

Donald, mein Pflegevater, hatte seine psychologische Praxis im gleichen Haus, durch eine Zwischentür konnte er sich schnell mal einen Kaffee holen. Das machte er gerade, als ich hereinkam.

»Hi«, sagte ich niedergeschlagen.

»Na, wie läuft’s, mein Junge?«, fragte Donald mit einem väterlichen Lächeln und legte mir den Arm um die Schultern. Aber nur einen Moment lang, dann riss er ihn weg. »Verdammt, Jay! Wieso bist du so nass? Mein Pullover! Jetzt muss ich mich umziehen und meine nächste Patientin kommt in fünf Minuten … Los, du ziehst dich jetzt auch um, aber dalli! Und duschen!« Weg war er.

Meine kleine Pflegeschwester Melody spielte auf der mit beigefarbenem Teppich bezogenen Treppe mit ihren Spielzeugpferden. »Pass auf, dass du nicht auf die drauftrittst!«, sagte sie, als sie mich sah.

Aus dem Zimmer meines Pflegebruders dröhnte ausnahmsweise kein Heavy Metal. Glück gehabt! Ich ging an Marlons Zimmer vorbei … und genau in diesem Moment wurde die Tür aufgerissen. Eine brutale Schallwelle krachte mir entgegen. Ich sprang vor Schreck bis zur Decke und Marlon – mit einer Fernbedienung in der Hand – krümmte sich vor Lachen.

»Yeah, das war gut, mach das noch mal«, grunzte er.

Ich warf ihm einen Killerblick zu, ging in mein Zimmer, knallte die Tür zu, zog mir trockene Sachen an und warf mich aufs Bett. Wahrscheinlich war es keine gute Idee gewesen, ein Mensch sein zu wollen. Es war eine miese Scheißidee gewesen! In den Bergen gab es keine Lehrer, die versuchten, mir überflüssiges Menschenwissen in den Kopf zu stopfen. Und keine Idioten, die dich fertigmachen wollten. Als Puma war es mir gut gegangen, wieso hatte ich das alles aufgegeben?

Jedes Mal, wenn ich an meine Familie dachte, fühlte es sich an, als würde irgendein kleines Tier mein Herz annagen. Schon vor eineinhalb Jahren hatte ich versucht, sie alle wiederzusehen. Aber sie waren nicht mehr da. Hatten einfach ihr Revier verlassen. Wegen mir? Oder war irgendetwas passiert? Sie konnten sonst wo sein, irgendwo in den Bergen, Hunderte von Kilometern von hier! Ich hatte keine Ahnung, wie ich sie wiederfinden sollte und ob sie mir verzeihen würden.

Außerdem war jetzt schon Herbst, bald würde es Winter sein, er kam früh hier in den Rocky Mountains. Klar, ein ausgewachsener Puma kann auch alleine einen Winter in den Bergen überleben. Nur war ich eben noch nicht ausgewachsen. Und darüber hinaus gab es da ein klitzekleines Problem …

Bevor ich weiter überlegen konnte, hörte ich die leichten Schritte im Flur und das Klopfen an meiner Zimmertür.

Ich wusste längst, wer das war, und musste lächeln, ob ich wollte oder nicht.

Meine Pflegemutter Anna kam herein und setzte sich neben mich auf die Kante meines Betts. Sie lächelte mich an, auf diese Art, durch die mir immer ganz warm ums Herz wurde.

»Hey«, sagte sie und strich mir eine Haarsträhne aus der Stirn. »Blöden Tag gehabt, was?«

Ich nickte. Eigentlich wollte ich auch was sagen, aber es ging nicht.

»Probleme mit den Lehrern? Hast du was nicht verstanden?«

Ich schüttelte den Kopf und Anna sah aus, als wäre sie stolz auf mich. Sie arbeitete im Jugendamt und hatte ihrer Familie schon vorgeschlagen, mich aufzunehmen, als ich noch zerlumpt und eingeschüchtert auf der Polizeistation hockte. Mit unglaublich viel Geduld hatte sie mir alles beigebracht, was Menschen in meinem Alter wissen sollten – wessen Kopf das auf den Vierteldollarmünzen ist (George Washington), was das Internet ist (das, wo man sich ganz viele Katzenvideos anschauen kann), wie man einen Aufsatz schreibt (mit einem Stift und saumäßig vielen Worten) und wofür man Handys braucht (zum Zusammenhalten der Herde).

Zu Anfang war Melody neugierig auf mich gewesen, doch dann fand sie es blöd, dass ihre Mutter so viel Zeit mit mir verbrachte. Seither behandelte sie mich, als wäre ich eine Zecke in ihrem Fell. Dabei hatte sie nicht mal eins.

»Haben sie dich geärgert?« Anna ließ nicht locker. »Ärgere sie einfach zurück.«

»Mache ich ja«, sagte ich und starrte an ihr vorbei auf mein Poster der Grand Tetons – schroffe weiße Gipfel, schimmernde Bergseen, dunkelgrüne Wälder. »Aber ich bin einfach zu anders, kein Mensch will mit mir befreundet sein.«

»Das stimmt, du bist anders. Und?« Kämpferisch blickte Anna mich an.

Ich vergrub mein Gesicht im Kissen. Sie wusste ja nicht mal, wie anders ich war. Gab es noch andere Gestalt-Wandler außer mir und meiner Familie? Bisher hatte ich keinen getroffen. Vielleicht waren meine Eltern, meine Schwester und ich die einzigen in der ganzen Welt.

Anna streichelte noch eine Weile meine Schulter, dann seufzte sie und ließ mich allein.

Ich blieb liegen – so lange, bis ich ein Geräusch hörte und aufblickte.

Am Fenster klebte ein kleines Tier. Ein Hörnchen. Es hockte auf dem Fenstersims, hatte sich auf die Hinterbeine gestellt und die Vorderpfoten platt an die Scheibe gedrückt. Jetzt starrte es zu mir ins Zimmer. Ich starrte zurück, worauf das Hörnchen anfing, auf dem Fensterbrett herumzutanzen. Was war eigentlich mit den Tieren los in letzter Zeit?

Ich verdrehte die Augen, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und fing wieder an, über mein Leben nachzudenken. Und über das Problem, das mich daran hinderte, einfach in die Berge zurückzukehren: Meine Eltern hatten mir einiges beigebracht, was ein Raubtier wissen muss, bevor ich sie verlassen hatte. Nur eins leider nicht, das Wichtigste.

Ich wusste nicht, wie man tötet.

Ach, das kann man lernen, versuchte ich, mich aufzumuntern. Auf den Hirsch draufspringen, Biss in den Nacken und fertig. Reine Übungssache.

Schon beim Gedanken daran wurde mir schlecht. Inzwischen war ich gewohnt, Steaks aus der Plastikverpackung zu holen, in die Pfanne gleiten zu lassen und mit Messer und Gabel zu zerlegen. Natürlich mit Kräuterbutter.

Meine Schwester Mia hätte sich über mich totgelacht.

Egal. Töten war Übungssache – und gleich heute würde ich damit anfangen. Heute Nacht würde ich zeigen, was in mir steckte!

Ganz schön gefährlich

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Ungeduldig wartete ich darauf, dass es dunkel wurde. Als alle im Haus schliefen, auch der nervige Familienhund, verwandelte ich mich in meinem Zimmer. Es war ein herrliches Gefühl, wieder ein Puma zu sein. Ein Berglöwe, König des Waldes. Meine Muskeln fühlten sich an wie Sprungfedern aus Stahl, als ich auf den Fenstersims hüpfte und darauf balancierte, bis ich sicher war, dass niemand in der Nähe war. Dann sprang ich aus dem zweiten Stock auf den Rasen und huschte durch den Garten, hinter dem der Wald begann. Es war eine mondlose Nacht, doch meine Katzenaugen fingen das Sternenlicht auf. Die Nachtluft roch nach Freiheit und aus der Ferne vernahm ich ein schrilles, quietschendes Röhren. Dass es in der Gegend jede Menge Wapitihirsche gab, an denen ich üben konnte, war nicht zu überhören.

Schon nach kurzer Zeit hatte ich drei von ihnen gefunden – zwei Weibchen und einen Hirsch –, die sehr appetitlich aussahen und auf einer Lichtung grasten. Etwas näher am Campingplatz, als mir recht war, aber wenn die Camper nett fragten, konnte ich ihnen später ein Stück Fleisch abgeben.

Jetzt kam das Anpirschen, so wie mein Vater es mit mir geübt hatte. Sorgfältig setzte ich eine Pfote – nein, Pranke, ich war ein gefährliches Raubtier! – vor die andere, ohne den Blick von den Wapitis zu lassen. In perfekter Haltung, tief geduckt, Schultern locker, Ohren nach vorne.

Einer der Wapitis hob den Kopf. Hatte ich etwa einen Fehler gemacht? Hatte ich vergessen, auf die Windrichtung zu achten? Nein, auf keinen Fall.

Nur noch zwanzig Meter … jetzt losstürmen, jetzt, jetzt!

Ich stürmte. Ein bisschen. Dann schlug ich einen Salto, weil irgendwas Fieses, Dünnes meinen Vorderpfoten im Weg gewesen war. Ich prallte mit dem Rücken aufs Gras und kollerte noch ein Stück weiter. Missmutig rappelte ich mich auf und schaute nach, was das gewesen war. Beim hüpfenden Wildschwein, ich war über eine dämliche Zeltschnur gestolpert!

Die Wapitis blickten verdutzt zu mir hinüber. Dann schnaubten sie, galoppierten ganz langsam los, schlugen noch ein paarmal extra aus und zeigten mir das weiße Hinterteil. Die lachten mich aus! Wahrscheinlich fanden die das irre lustig, wie ich eben den Salto geschlagen hatte!

Beleidigt wollte ich ihnen nachjagen, um ihnen zu zeigen, was mit Tieren passiert, die einem Puma dumm kommen. Aber dann hörte ich ein Rascheln und mir fiel schlagartig ein, dass an einer Zeltschnur meist auch etwas dranhängt. Sonst würde sie ja irgendwie anders heißen. Einfach-so-Schnur, zum Beispiel.

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Jemand ganz in meiner Nähe kroch aus dem eckigen dunklen Etwas, zu dem die Schnur gehörte. Er roch so sehr nach Angst, dass man es wahrscheinlich noch einen Kilometer weiter wittern konnte, und kramte hektisch nach etwas. Wahrscheinlich seiner Taschenlampe, ohne die sahen diese armen Beherrscher der Welt in der Nacht ja nichts.

Aber das war nicht das Schlimmste. Das Schlimmste war, dass es jetzt auch hinter mir, in einem weiteren Zelt, raschelte.

»Hugo, was machst du da? Was ist das für ein Radau?«, fragte eine Stimme, die nach Mutter-schimpft-Sohn klang.

Schritte näherten sich aus der anderen Richtung. Vor Schreck stand ich wie ausgestopft da und wusste nicht, in welche Richtung ich fliehen sollte.

»Äh«, sagte eine Stimme, die sehr jung und sehr ängstlich klang. »Mama …«

»Bei dem Lärm kann ja kein Mensch schlafen!«

»Mama …«

»Ja, was ist?«

»Das war ich nicht. Das mit dem Lärm.«

»Hugo, du weißt genau, dass du mich nicht anschwindeln sollst!«

Weiteres Geraschel ertönte, jemand war aus dem Zelt gekommen. Dann dröhnte es über die Lichtung: »Aaaaaaah! Ein Bär!«

Ich war zwar kein Bär, aber eindeutig war ich gemeint. In Panik rannte ich los, leider in die falsche Richtung. Beinahe wäre ich voll mit der Hugomutter zusammengestoßen. Im letzten Moment schlug ich einen Haken, aber mein Schwanz prallte gegen ihre Beine. Das warf die Frau leider der Länge nach um und sofort kreischte sie los. Gleich würden meine Trommelfelle platzen! Die Lichtkegel von Taschenlampen strichen über das Unterholz und mein Fell. Falls die Leute in Biologie aufgepasst hatten, wussten sie jetzt, dass sie mit dem »Bär« danebengelegen hatten.

Nichts wie weg hier! Das mit den Hirschen würde heute nichts mehr werden, weil jetzt vom Streifenhörnchen bis zum Bison die ganze Gegend wusste, dass ich hier war.

Ich rannte in großen Sprüngen davon, während rings um mich her Menschen aufgeregt aus ihren Zelten hervorkrochen und panisch versuchten, auf Bäume zu klettern. Mit jämmerlich wenig Erfolg.

Ein Kerl begann, mit Steinen auf mich zu werfen, und traf mich voll auf die Schnauze. Und plötzlich erleuchteten zwei Sonnen die Dunkelheit und blendeten mich, der Motor eines großen Autos röhrte auf. Auch das noch! Was hatten die vor, wollten die mich überfahren? Hilfe! In welcher Richtung ging es hier raus? Ich wusste nicht mehr weiter, aber ich musste es schaffen, hier wegzukommen! Weg, weg, weg! Nichts wie weg!

Mit einem Satz hechtete ich hoch auf ein Waschhäuschen und auf der anderen Seite wieder herunter. Kaum zu glauben, dort war der Weg frei. Einen Moment später war ich allein im nachtdunklen Wald und rannte, bis der Autolärm und die Schreie hinter mir verklungen waren. Und bis mir die Zunge auf der Brust hing – so fühlte es sich jedenfalls an.

Ich war heilfroh, als ich zurück war beim Haus der Ralstons und mich durch einen Sprung in den zweiten Stock in mein Zimmer retten konnte.

Am nächsten Tag stand das, was ich erlebt hatte, bereits in der Zeitung. Ich sah die Schlagzeile sofort:

Puma greift auf Campingplatz Menschen an!

Hugo S. (11) und seine Mutter Michelle S. (41) aus Chicago entkommen nur knapp der gereizten Raubkatze. »Ich hatte Todesangst«, berichtet Michelle S.

Eulendreck, das hatte ich ja schön verkatzt. Der Campingplatz war noch in der gleichen Nacht evakuiert worden, denn die Ranger vermuteten, dass das gefährliche Tier sich noch in ...

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