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Wolkenziegel

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© 2017 Josef Zweimüller

Verlag und Druck: tredition GmbH, Grindelallee 188, 20144 Hamburg

ISBN

Paperback: 978-3-7439-2907-4
Hardcover: 978-3-7439-2908-1
e-Book: 978-3-7439-2909-8

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Heidi und die Titanplatte

Der letzte Film

Die Waschung

Der Aussteiger

Schwerelos

Das Institut

Das Affenhaus

Der Wolkenziegel

Ein Fleck in der Landschaft

Quastenflossen

Heidi und die Titanplatte

Michaels Fingerkuppen erkunden jede Rundung und jeden Wulst meiner Ohrmuschel, so vorsichtig und sanft, als streichle er ein kleines, verängstigtes Tier. Ich sitze neben ihm auf der Wohnzimmercouch, meine Augen sind geschlossen, eine Hand umfasst die Armlehne, die andere liegt auf seinem Oberschenkel. Das Kribbeln ist schier unerträglich. Es zieht sich entlang der Nervenbahnen bis in den Beckenboden. Wäre nicht sein Seufzen, das zuweilen in ein Summen und Brabbeln übergeht, undeutlich und wirr wie Schlafgeflüster, ich würde sofort aufspringen und an meinem Ohr reiben und kratzen, bis das Kribbeln ausradiert ist.

Anfangs habe ich ihn gefragt, wieder und wieder: „Michael, woran denkst du? Erinnerst du dich an früher?“ Natürlich habe ich keine Antworten erhalten, nicht einmal Hinweise. Meine Fragerei war dumm, unprofessionell und hat ihn nur verstört. Andererseits weiß ich mit seinem Ohrstreicheln nicht umzugehen. So ehrlich muss ich zu mir sein. Ich kann es nur zulassen. Doch selbst wenn diese selbstvergessene Zärtlichkeit nur das Aufbegehren einer Vergangenheit ist, nicht mehr als ein Träumen, was bedeutet es für mich?

Seine Mutter spricht selten über die Zeit vor dem Unfall, und dafür bin ich ihr dankbar. Ich habe mich schon als Kind vor Märchen gefürchtet, und nichts anderes wären diese Geschichten über jemanden, den es nicht mehr gibt. Mein Michael hat eine handtellergroße Platte aus Titan in seiner Schädeldecke, und was er zu sagen hat, sagt er in zwei Worten. Das erste Wort ist sein Vorname: Michael Hunger; Michael arbeiten; Michael Park; Michael müde. Für ihn bin ich Freundin, Pflegerin und Spielzeug zugleich. Vom Frühstück bis abends, wenn seine Mutter aus der Anwaltskanzlei zurückkommt, sind wir alleine.

Früher habe ich Klaus von meiner Arbeit erzählt, was mich herausfordert, womit ich Probleme habe. Aber er kommt mir dann mit Vorschlägen, die vielleicht in der Bank funktionieren, weil er es dort mit Menschen zu tun hat, die sich an Spielregeln halten. Ginge es nach ihm, hätte ich Michael mit Nachdruck klarmachen müssen, dass er sich von meinem Ohr fernzuhalten hat, weil es nun mal Grenzen gibt. Aber wo genau zieht man diese Grenzen, von denen er immer spricht? Keine Ahnung, was passieren würde, käme Klaus jetzt durch die angelehnte Wohnzimmertür. Vermutlich würde er mich von Michael wegzerren und zur Rede stellen. Doch was würde es bringen, ihm von der magischen Verwandlung zu erzählen, wenn das kindliche Wesen, das wie ein Dämon in Michaels Körper haust, aus ebendiesem verschwindet? Es würde nichts bringen, gar nichts. Das Bild von uns beiden auf der Couch, den intimen Einblick in unsere Vertrautheit, würde er nie wieder aus dem Kopf bekommen. Im Bett schon gar nicht.

Aus dem Fernseher tönt die Titelmelodie von Heidi. Michael ist ganz verrückt nach dieser Zeichentrickserie. Zu Beginn stieß mir die Musik auf, wie das Glutamat im chinesischen Essen. Jetzt summe ich mit und das ist unglaublich, Michaels Freude ist unglaublich. Er trägt sein breitestes Grinsen, seine Hände schlagen auf die Oberschenkel, und wie immer hinkt er dem Takt hinterher. Jeden Vormittag wartet er auf seine Heidi. Oft setzt er sich noch im Pyjama auf die Couch, und ich muss ihm einreden, dass sie erst kommt, wenn er sich angezogen hat. Nach der Titelmelodie wiederholt der Sprecher, was in den letzten Folgen geschehen ist. Ich ahme seine tiefe Stimme nach und sage: „Ja, ja, der Geißenpeter, das ist ein Schlingel.“ Michael lacht und gibt mir einen Klaps auf den Rücken, sodass ich um ein Haar vom Sofa kippe. Wenn er auf seine Kraft vergisst, muss ich aufpassen. Dafür hilft er mir im Haushalt, trägt den Einkauf nach Hause, öffnet Gurkengläser oder schleppt den Staubsauger in den ersten Stock. Heidi wird noch etwa eine Viertelstunde in Frankfurt von ihren Bergen träumen und Michael ist nun ganz in ihr Schicksal vertieft. Ich kann ihn alleine lassen und in der Küche den Frühstückstisch abräumen. Für ihn hoffe ich, dass Heidi bald nach Hause darf und Klara mitnimmt, die dann das Laufen lernt. Die Folge mit den Katzenbabys habe ich schon ein paarmal gesehen. Gerade schaut Mau-Mau unter der Decke hervor. Heidi lacht, Michael lacht und ich ebenso. Wir können so kindisch sein, wie wir wollen.

Michael streckt mir sein Kinn entgegen. Unsere Augen nehmen den Umweg über den Badezimmerspiegel. Er wartet, dass ich ihm die stoppeligen Stellen zeige, die er übersehen hat. Für ihn ist das Rasieren eine unnötige Prozedur, die er mir zuliebe macht.

„Michael rasieren, Michael gut?“, will er schließlich wissen. Sicher hundertmal jeden Tag will er gelobt werden.

Weil mir danach ist, lege ich auf das Lob noch eins drauf und sage, er sei jetzt ein Hübscher, mit dem ich gerne tanzen gehen würde. Was irgendwie ja auch stimmt. Das Grübchen am Kinn, die etwas zu langen Haare, die klaren, blaugrünen Augen. Michaels Freudentanz auf den Fliesen sieht aus, als hüpfe er auf heißem Wüstensand. Bald springt und dreht er sich durch das Bad, summt die Heidimelodie und klopft mit der elektrischen Zahnbürste gegen seine Titanplatte. Das helle, blecherne Geräusch jagt mir noch immer eine Gänsehaut über den Rücken. Als Michael endlich außer Puste gerät, stützt er sich erst auf das Waschbecken und blickt dann abwechselnd mich und die Tür an. Das bedeutet für mich, dass ich das Bad verlassen soll.

Ich schließe die Tür hinter mir und lehne mich gegen die Wand. Kurz darauf kann ich hören, dass er im Stehen pinkelt, und ärgere mich. Was das angeht, sind Klaus und er sich einig. Wenn ich zurück ins Bad darf, wird er klopfen oder die elektrische Zahnbürste einschalten. Es bleibt still. Dann dringt ein Seufzen durch die Tür, ähnlich wie wenn er mein Ohr streichelt, nur unruhiger und heftiger. Als ich diese Laute das erste Mal gehört habe, dachte ich, er habe sich verletzt, und bin ins Bad gestürmt. Aber das passiert mir nie wieder. Hinterher kam ich mir unglaublich dämlich vor. Ihm mag der Verstand eines Kleinkindes geblieben sein, aber dieser steckt im Körper eines Erwachsenen.

Noch immer an die Wand gelehnt, lasse ich mich nun zu Boden gleiten, öffne meinen Hosenknopf, ziehe am Reißverschluss und schließe die Augen. Das am Bund eingenähte Gummiband meines Schlüpfers kommt mir wie eine letzte Grenze vor, vor der ich kurz innehalte, um zu lauschen. Von Michaels Stöhnen und meinem pochenden Herzen abgesehen ist es still im Haus. Draußen fahren Kinder mit dem Rad vorbei, irgendwo hupt ein Auto. Als ich meine Fingerspitzen unter den Baumwollstoff schiebe, weiß ich, dass es falsch ist. Würde mich seine Mutter hier so vorfinden, würde sie mich auf der Stelle entlassen. Keine Ahnung, was ich dann Klaus sagen sollte. Lügen halten selten ein Leben lang. Bloß: Sie ist eben nicht da und auch nicht Klaus, ich würde den Haustürschlüssel hören und zwei Sekunden später hätte ich den Reißverschluss hochgezogen und wäre aufgesprungen. Dieser Moment geht niemanden etwas an. Er ist wie die Schokolade, die ich hinter den Fotoalben verstecke, weil Klaus sie sonst auf einen Sitz verschlingt. Warum also sollte ich meinen Fingern Einhalt gebieten und mich mit irgendwelcher Hausarbeit ablenken? Dafür ist es ohnehin zu spät. Das Kribbeln hat begonnen.

Weil ich möchte, dass Michael mehr Obst isst, halte ich ihm einen Apfel vor die Nase und sage, dass er den auf keinen Fall essen darf. Natürlich will er ihn jetzt unbedingt und wir balgen uns auf der Couch. Gestern habe ich denselben Trick bei Klaus versucht. Nur, dass es anstelle des Apfels um die Fernbedienung ging, die ich mir unter das Shirt geschoben hatte. Er hat natürlich sofort verstanden, was ich im Schilde führte. Vorgestellt habe ich mir, dass wir uns quer durch die Wohnung lieben, bis keiner mehr weiß, wo oben und unten ist oder welcher Arm und welches Bein wem gehören. Stattdessen zog mich Klaus ins Schlafzimmer, ging über mir in Liegestützstellung, und fünfzehn Minuten später saß er wieder vor der Sportschau.

Ich bin zäh und habe mich eingerollt wie ein Igel. So viel Spaß hatte ich schon lange nicht mehr. Am Rücken fühle ich den Schweiß und ich fühle Michaels Hitze, der sich abmüht, meine Festung zu knacken, so sehr ringen wir um diesen Apfel. Plötzlich spüre ich seine Hand auf meiner linken Brust, fest und entschlossen, als hätte er nun endlich die umkämpfte Frucht in die Finger bekommen.

„Spinnst du?“, schreie ich ihn an und entwinde mich seinem Griff.

Das Entsetzen ist ihm in die Augen geschrieben und zugleich die Angst, etwas angestellt zu haben. Er fängt zu zittern an. Das erste Mal überhaupt höre ich ihn keine zwei Worte sagen. Stattdessen wiederholt er nur seinen Namen: „Michael, Michael, Michael ...“ Seine Verzweiflung saugt mir die Luft aus dem Körper. Um mich und ihn zu beruhigen, nehme ich seine bebenden Hände und führe sie zu meinen Wangen. Er soll fühlen, dass mir nichts passiert ist.

Es klingelt. Ich sitze auf der Toilette und höre Michael zur Haustür laufen. Leider kann ich nicht verstehen, was die dünne Frauenstimme zu ihm sagt. Unmittelbar darauf läuft er in sein Zimmer, die Tür schlägt zu. Eilig ziehe ich die Hose hoch, schon gurgelt das Geräusch der Spülung durch die Wohnung. Sieglinde steht im Treppenhaus und lächelt mir unsicher entgegen. Sie ist irgendwie das Gegenteil von mir. Sie ist blond gelockt, immer modern gekleidet, etwas zu übertrieben geschminkt und früher war sie Michaels Frau. Nach dem Unfall, als klar war, dass sein Zustand sich nicht ändern würde, wartete sie die Reha ab, in der er vom Gehen bis zum Sprechen alles neu erlernen musste, und ließ sich dann scheiden. Seine Mutter verurteilt sie dafür. Die habe sich das leicht gemacht, sagt sie, sie selbst hätte das niemals getan. Ich selbst wäre mir da nicht so sicher. Für Michael da zu sein ist mein Job. Deswegen bin ich noch lange kein besserer Mensch. Klaus würde ich verlassen. Ja, ich glaube, das würde ich tun.

Ihrem neuen Mann Bernd verschweigt Sieglinde, dass sie Michael ab und zu besucht. Sie wolle die Beziehung nicht belasten, sagt sie, und das kann ich verstehen. Manchmal kommt sie mir wie ein Gespenst vor, das sein altes Leben erst loslassen kann, wenn es irgendeinen Fehler gutgemacht hat. Oder sie liebt ihn immer noch, den früheren Michael. Einmal habe ich durch den Türspalt beobachtet, wie sie ihre Hand nach seiner Titanplatte ausgestreckt hat. Sie war knapp davor, sie zu berühren, zog die Hand aber im letzten Moment zurück.

Trotz Rufen und Klopfen bleibt Michael in seinem Zimmer. Ich will Sieglinde nicht wegschicken und bitte sie auf einen Kaffee herein. Nachdem ich ihr von Heidi erzählt habe, lenkt sie das Gespräch auf ihren jetzigen Mann. Eigentlich interessiert mich dieser Bernd überhaupt nicht, aber ich lasse sie reden. Sie sei viel alleine, sagt sie. Heute sei er beispielsweise in Rom und nächste Woche in Bukarest. Während sie ihr Leben beklagt, stelle ich sie mir mit dem unversehrten Michael vor. Vermutlich hat sie ihm nie den mit Nutella verschmierten Mund abgewischt, rasieren konnte er sich alleine und wegen eines toten Käfers hat er sicher nicht geweint. Sie haben andere Sachen gemacht, Sachen, die Paare so tun: am Wochenende wegfahren, eine Flasche Wein aufmachen, sich in der Wanne den Rücken schrubben ... Ich merke, dass diese Gedanken nicht gut für mich sind, und schenke Kaffee nach.

Sieglinde winkt ab, sie müsse jetzt gehen. Dann zieht sie aus ihrer Handtasche eine Tafel Schokolade und sagt: „Die mit den ganzen Haselnüssen hat er immer so gerne gemocht.“

Kurz steht mir der Mund offen. Warum spricht diese Frau über Michael wie über einen Toten? Die Schokolade mit den ganzen Haselnüssen mag er noch immer. Und er liebt mein Curry mit Couscous, den Birnensaft vom Wochenmarkt, Erdnüsse, wenn ich sie ihm aufknacke, und auch Äpfel wird er bald mögen. Doch ich brauche zu lange, um das alles in meinem Kopf zu ordnen, und dann kommt hinter dem Türstock die elektrische Zahnbürste in Michaels Hand zum Vorschein, er drückt den Knopf und Sieglinde lacht.

Zu Mittag gibt es Hähnchenbrust mit Gemüse und Reis. Michael hilft und schneidet Karotten und Zucchini klein. Den Brokkoli lässt er wie immer links liegen. Er isst ihn zwar, aber Gemüse zerteilt er nur, wenn er daraus Würfel und Stifte fabrizieren kann. Nach dem Essen, beim Einräumen der Geschirrspülmaschine, gähnt er so genüsslich wie ein Kleinkind, dem die eigene Grimasse egal ist. Es wird Zeit für sein Nickerchen. Manchmal lege ich mich auf die Couch und ruhe mich ebenfalls aus.

Heute gibt es keine Pause. Ich will, dass seine Mutter ein sauberes Bad vorfindet. Nicht selten klebt das Sperma an den Wandfliesen, und wenn ich Pech habe, hat auch der Spiegel etwas abbekommen. Ich wüsste zu gerne, ob Michael es auch am Wochenende tut oder nur, wenn ich da bin. Montags ist das Badezimmer jedenfalls blitzsauber. Dennoch bin ich mir sicher, dass seine Mutter Bescheid weiß. Wir übergeben uns gegenseitig ein fleckenloses Bad, damit wir darüber nicht sprechen müssen. Ein Pfleger würde mit Michael und dieser Situation ganz anders umgehen, nüchterner, vielleicht besser. Dieser Gedanke infiziert mich mit der Frage, warum eine Mutter, die von den sexuellen Bedürfnissen ihres geistig behinderten Sohnes weiß, dann eine Pflegerin engagiert. Bin ich Bestandteil ihres Plans, ihm ein Leben zu bieten, wie er es mit Sieglinde gewohnt war? Faktisch leben wir ja zusammen. Gerade eben am Tisch habe ich noch gedacht, wie schade es ist, dass Klaus und ich nie gemeinsam kochen. Mein Herz beginnt zu rasen. In mir drinnen pumpt sich ein Wutballon auf. Als Michael mit verschlafenen Augen ins Zimmer schlurft, weil er nicht einschlafen kann, ist der Wutballon prall gefüllt. Ohne lange nachzudenken, nehme ich seine Hand und ziehe ihn hinter mir her ins Bad.

„Da“, sage ich und deute mit dem Zeigefinger auf den Spiegel und die darauf durchsichtig-gelblich schimmernden Flecken. „Da, sieh dir das an. Ich putze das nicht weg, das machst du, du ganz alleine.“

Ich merke, wie sehr Michael mein unkontrollierter Tonfall verstört, er blinzelt und seine Lippen bewegen sich, als wolle er etwas erwidern. Dennoch kann ich mich nicht stoppen. Ich reiße Toilettenpapier ab und drücke es ihm in die Hand.

„Damit putzt du das jetzt weg, jetzt sofort.“

Tatsächlich fängt Michael an, das Glas zu reinigen, und ich kann endlich ein wenig Luft aus meinem Wutballon entweichen lassen. Wenige Atemzüge später ist er völlig leer und hängt schlaff zwischen meinen Rippen. Aus dem Spiegel ist ein Milchglasfenster geworden. Sosehr sich Michael auch bemüht, er verschmiert seine Samenflüssigkeit nur noch mehr. Ich kann nicht anders und beginne zu weinen. Wegen allem: weil Michael so hilflos wirkt und er doch am wenigsten dafür kann, weil ich diesem Job nicht gewachsen bin, weil ich mich von seiner Mutter missbraucht fühle, und am meisten heule ich wegen meiner Feigheit. Klaus spricht von Grenzen, die ich ziehen soll. Und dieser Spiegel ist eine Grenze. Er steht wie eine Trennmauer zwischen ihm und mir. Klaus von diesem Spiegel zu erzählen wäre der größte Vertrauensbeweis. Aber das werde ich nicht, ich bin zu feig und vertraue ja nicht einmal mir selbst.

Der Spaziergang in den Park war eine gute Idee. Michael ist ausgelassen und grinst, wie nur Kinder es können, die ihre Freude nicht zurückhalten. Das Badezimmer scheint vergessen. Er zeigt auf jeden Vogel und will jeden Stein aufheben und mitnehmen. Seit er sich Heidi ansieht, kann er es kaum erwarten, bis wir zu dem Wäldchen kommen. Eigentlich sind es nur ein paar Tannen, Zedern, Fichten, Eiben, Kiefern und eine Goldlärche. Das weiß ich so genau, weil durch das Wäldchen ein Lehrpfad führt und vor jedem Baum ein Schild steht. Michael verlässt den Weg und läuft kreuz und quer wie ein Eichhörnchen, das den ersten Schnee wittert. Doch Michael sucht keine Nüsse. Er denkt, wo Bäume sind, kann die Hütte vom Almöhi nicht weit sein. Keine Ahnung, wie oft wir schon hier gewesen sind, aber Michael gibt nicht auf, als sei er ganz sicher, dass die Berge sich hier irgendwo verstecken. Ich setze mich auf eine Bank und lasse ihn herumtollen. Einmal mehr überlege ich, seine Mutter zu fragen, ob ich mit ihm verreisen darf. Und wenn sie mich dann entgeistert ansieht und wissen will, wohin, sage ich in die Alpen auf eine Almhütte und dass ich dort ein kleines Mädchen mit schwarzen Haaren und großen Augen dafür bezahlen werde, sich als Heidi auszugeben.

Meine Schultern hüpfen. Es kichert aus mir heraus und ich glaube, es ist nicht nur das Lachen, das mein Körper freilässt. Ich atme die harzige Luft, fühle mich seltsam stark und blicke hoch durch die Wipfel in den Himmel. Dieses Blau ist eine gute Grenze, denke ich. Man weiß nicht genau, wo sie anfängt, wo sie aufhört, aber sie ist da und sie beschützt uns.

Michael hat Durst bekommen. Bevor wir den Park wieder verlassen, gehen wir zu der Imbissbude in der Nähe des Spielplatzes. Antonio, dem der Stand gehört, begrüßt uns von Weitem. Eigentlich heißt er Franz, den Italiener spielt er nur, aber das ist schon in Ordnung, Antonio passt zu ihm und seinen schwarzen Locken.

Michael läuft voraus, weil ich ihm zu langsam bin. Nach wenigen Metern stolpert er über einen am Weg liegenden Tretroller und fällt hin. Normalerweise würde er jetzt zu heulen beginnen. Stattdessen rappelt er sich hoch, unterdrückt die Tränen und sieht zu einer Gruppe Jugendlicher. Die grinsen ihn dämlich an, rauchen aber weiter oder nuckeln an ihren Cola-Dosen. Ich streichle Michael am Nacken und besehe mir die Hand, die er abgewinkelt hält, als trage er ein Tablett. Am Ballen hat er sich etwas aufgeschürft, aber er blutet nicht. Meine Hand um seine Hüfte gelegt, gehen wir die letzten Meter gemeinsam.

Michael möchte auch eine Cola und ich lasse mich ausnahmsweise erweichen. Antonio hat ein Geschenk für ihn. Um es hervorzuholen, bückt er sich unter die Ausgabetheke. Nachdem er lautstark alle möglichen Schubladen und Kästchen durchsucht hat, hält er schließlich einen sichtlich ramponierten Mixer in den Händen. Vor ein paar Wochen war es ein Toaster und davor ein Fleischwolf. Antonio kennt Michael seit dessen Kindheit. Damals spazierte er mit seiner Mutter durch den Park, dann mit Sieglinde und nun mit mir. Vor seinem Unfall hat Michael ab und an Antonios Elektrogeräte repariert. Das war ein Leichtes für ihn. Michael sei in der Elektronikbranche ein gefragter Mann gewesen und habe hochkomplexe Messgeräte entwickelt, sagt seine Mutter und ich glaube ihr das. Die Fingerfertigkeit, mit kleinsten Schrauben und Drähten umzugehen, ist ihm geblieben. Deshalb ist dieser Mixer kein Schrott für ihn. Immer wieder begutachtet er das lädierte Ding von allen Seiten und hält es hoch wie eine Trophäe. Ich muss aufpassen, dass er die Cola nicht verschüttet.

Als wir schließlich gehen, grölt einer der Jugendlichen so laut, dass ich es hören muss: „Ich wette, die Alte fickt den Spasti.“ Erst will ich herumfahren, um mir den Idioten genauer anzusehen, aber dann entschließe ich mich, das einsetzende Gelächter zu ignorieren und weiterzugehen. „Wenn du darauf stehst, ich kann auch aus dem Mund sabbern“, legt er nach.

Jetzt drehe ich mich doch um und erkenne den Spruchführer sofort. Er trägt ein schwarzes T-Shirt mit einem weißen, tellergroßen Peace-Symbol auf der Brust und stützt sich lässig auf einen Mülleimer.

„Hört sich gut an“, sage ich. „Das würde ich gern mal sehen.“

Ich bemerke, wie sich die Körperspannung der Jugendlichen verändert. Ein paar grinsen, die anderen werfen mir einen Blick zu, als hätte ich ihnen vor die Füße gespuckt. Der Sprücheklopfer muss jetzt irgendetwas tun oder sagen, um sein Gesicht zu wahren. Weil ihm nichts Originelles einzufallen scheint, setzt er auf brachiale Wortgewalt. Die kommt immer gut an.

„Das hättest du wohl gerne, du Spastifotze.“

Zu Hause setzt sich Michael sofort an den Küchentisch.

„Michael arbeiten“, sagt er und ich nicke.

Das Werkzeug bekommt er nur, wenn ich dabei bin. Er würde sonst alles zerlegen, was ihm zwischen die Finger kommt. Ich bin froh, dass er die Jugendlichen so schnell vergessen hat. Leider muss ich noch immer an die debile Visage dieses Bürschchens denken und daran, was er gesagt hat. Um herunterzukommen, mache ich mir Kaffee und setze mich Michael gegenüber auf die Sitzbank. Stundenlang könnte ich ihm so zusehen. Sein Gesicht zeigt Züge, die nur zu sehen sind, wenn er in diese filigrane Arbeit vertieft ist. Alles Kindliche oder Einfältige ist dann wie weggezaubert und seine großen Hände agieren geschickt und feinfühlig. So stelle ich mir den früheren Michael vor, den ich nicht kenne.

Nach einer halben Stunde liegen alle Einzelteile bis zum kleinsten Schräubchen nach Größe sortiert auf der Tischplatte.

Ich klopfe ihm auf die Schulter. „Gute Arbeit“.

Sein Blick verrät, wie stolz er ist. Für eine Sekunde sieht er mir direkt in die Augen. Auch wenn ich weiß, dass ich mir das nur einbilde, höre ich ihn meinen Namen aussprechen.

In gut einer Stunde wird seine Mutter nach Hause kommen. Wir setzen uns erneut vor den Fernseher. Die Folge von vorgestern wird wiederholt. Heidi muss nach Frankfurt. Michael ist konzentriert und gespannt, als sehe er sie zum ersten Mal. Auf mich scheint er kaum zu achten, also ziehe ich meine Füße seitlich auf die Couch und lehne meinen Kopf an seine Schulter. Ich bin müde. Als der Geißenpeter zum Abschied seinen Arm um Heidi legt, legt sich auch um mich ein Arm. Der Gedanke, mich von Michael zu lösen, ist kurz da, aber er ist zu nebelig, um ihn festzuhalten. Die Augen fallen mir zu, die Stimmen verschwimmen. Dennoch spüre ich, dass Heidi in Gefahr ist, dass sie um keinen Preis der Welt in dieses schreckliche Frankfurt will, wo es keinen Almöhi und keinen Geißenpeter, ja nicht einmal Berge gibt. Ich spüre das so deutlich und eindringlich, als seien es meine Gefühle. Dann schlafe ich ein.

Mit der schrecklichen Gewissheit, Michaels Mutter stehe vor der Couch, schrecke ich auf. Ich habe die Zeit übersehen. Sie muss längst zu Hause sein. Hektisch entwinde ich mich Michaels Umarmung und setze mich möglichst gerade hin. Wie jemand, der friert, reibe ich mir über Oberarme und Schulter, doch Michaels Körperwärme lässt sich nicht so einfach abstreifen. Endlich klart mein Blick auf. Erleichtert, dass niemand außer uns beiden im Raum ist und ich auch keine Geräusche in der Wohnung vernehme, komme ich langsam zu Atem. Michael grinst, aber mir ist ganz und gar nicht nach Grinsen.

Seinen Versuch, nach meinem Ohr zu greifen, wehre ich mit einer fuchtelnden Bewegung ab. „Nein“, sage ich. „Das ist mein Ohr, hörst du, mein Ohr.“

Michael zieht seine Hand sofort zurück und vergräbt sie mit der anderen in seinem Schoß. Ich sinke nun ebenfalls in mich zusammen. Mein Blick fällt auf die schwarze Mattscheibe vor uns. Die bunten Heidi-Farben scheinen so weit weg wie etwas, das ich nie erreichen werde.

„Alles gut“, sage ich, als ich das Schweigen nicht mehr ertrage, und lege meine Hand auf Michaels Oberschenkel. Dann führe ich seine Finger an mein Ohr. Zögerlich, wie jemand der Angst hat, einen falschen Schritt zu tun, tastet er sich vor. Ich lasse ihm die Zeit, die er braucht, und harre aus. Ich bin Judith, ich bin für Michael da, und manchmal leihe ich ihm mein Ohr.

Der letzte Film

„Brrrrrrrrr, brrrrrrrrrr; iiiiiiihhhhhjjjjjjeeeeeöööööööö, brrrrrrrrrr ...“ Die silberne DC-3 in der erhobenen Hand brauste Fabian durch das Haus. Die Flugroute führte vom Flur in das Wohnzimmer, wo er über das Sofa hüpfte und zwischen den Turbinengeräuschen rief, dass er wegen der Turbulenzen rasch an Höhe gewinnen müsse oder andernfalls abstürze. Weshalb er nun am Bad vorbeiflitzte, ins Elternschlafzimmer rannte, auf das Bett sprang und das Flugzeug über der bauschigen Bettwäsche kreisen ließ. In seiner Vorstellung war diese eine Wolkendecke, unter der das Gewitter tobte, dem zu entkommen er gerade noch geschafft hatte.

„Tower, bitte kommen“, sagte er mit resoluter Stimme. „Habe sichere Flughöhe erreicht. Over.“

Mit verstellter, tiefer Stimme folgte sogleich die Antwort: „Hier Tower. Roger. Du bist der beste Pilot, den wir haben. Over.“

Es klingelte am Hauseingang, und unmittelbar darauf hörte Fabian die aus der Küche kommenden Schritte der Mutter. Dass jemand in seinen Luftraum eindringen wollte, kam ihm gerade recht. „Tower, bitte kommen. Ich werde angegriffen. Brrrrrrrrr ...“

Der Sprung von der Bettkante fiel etwas zu waghalsig aus. Auf dem glatten Dielenboden rutschte der gemusterte Vorlegeteppich unter Fabians Füßen weg. Im Sturz riss er das Flugzeug hoch und schlug mit dem Ellenbogen auf. Der Schmerz war heftig, stichelte ihn aber nur noch mehr an. Er würde den Fallen der Eindringlinge trotzen und seinen Luftraum niemals kampflos aufgeben. Um die Feinde zu beeindrucken, vollführte er im Flur, der direkt auf den Hauseingang zulief, akrobatische Flugkunststücke. Einmal ging die DC-3 derart kühn in den Sturzflug, dass sie auf den Fliesen zerschellt wäre, hätte Fabian sie nicht im allerletzten Moment hochgezogen.

Die Mutter stand mittig im Türrahmen. Das einfallende Sonnenlicht zeichnete einen hellen Rand um sie. Von draußen redete eine Männerstimme auf sie ein, aber wegen der lauten Turbinengeräusche verstand er nicht, was der Mann sagte. Die Motoren zu drosseln war für Fabian dennoch keine Option. Er sollte hören, dass Fabian im Anflug und fest entschlossen war. Dann sackte seine Mutter plötzlich zur Seite weg und stieß mit ihrer zierlichen Schulter gegen den Türrahmen. Nun sah er auch den Mann, der seine Hand nach ihr ausstreckte, sie dann aber doch nicht berührte. Er trug einen halblangen, beigefarbenen Mantel, darunter ein weißes Hemd. Was Fabian verwirrte, war sein Kopf, der wegen des buschigen Vollbarts und dem spitz zulaufenden Glatzkopf aussah, als trüge er ihn verkehrt herum. Was immer er getan oder gesagt hatte, er hatte Fabians Mutter verwundet, auch wenn er nun so tat, als wollte er ihr helfen.

Fabian umfasste die DC-3 fester, nahm den Mann mit zugekniffenen Augen ins Visier und näherte sich in ausladenden Kurven dem Rücken seiner Mutter. Er würde ihr Deckung geben und vorpreschen, wenn es sein musste. Als er bis etwa einen Meter an sie herangeflogen war, hörte er ihr leises Schluchzen und ihr Ringen nach Atemluft. Wie von selbst schraubte sich die Drehzahl nun doch nach unten und die mächtige DC-3 klang eher wie ein kleines Sportflugzeug. Das Gesicht vor dem Mann verbergend blickte die Mutter auf den borstigen Fußabstreifer. Von Vater wusste er, dass dieser aus einer Kokospalme hergestellt worden war. Ob aus dem Stamm oder den Nüssen, hatte er vergessen. Er werde später jemanden vorbeischicken, hörte Fabian den Mann sagen. Über den Kopf der Mutter hinweg warf ihm dieser einen sonderbaren Blick zu. Seine Augenränder waren gerötet. Er sah ihn eindringlich an, zog die wuchtigen Brauen hoch und holte tief Luft, presste aber sogleich die Lippen zusammen, sodass sie hinter dem Bart verschwanden. Dann senkte er ebenfalls den Kopf, als wäre die Fußmatte ein Fenster, durch das sie nun beide hindurchsahen.

„Brrrrrrrrrr, brrrrrrrr ...“

Fabian wollte von hier wegfliegen, aber aus irgendeinem Grund steckte er fest. Alles steckte fest. Die Turbinen surrten monoton vor sich hin, der Mann schwieg und Mutter weinte. Nach einer Weile drehte sie sich halb zu ihm um, gerade so, dass er ihr zitterndes Kinn erkennen konnte.

„Fabian, bitte.“

Er wusste, was sie damit meinte, ließ den Arm sinken und stoppte nun endlich die Motoren. Nachdem sie sich bei dem Mann nickend bedankt hatte und dieser in gebückter Haltung die Treppe hinunter zum Gartentor geschritten war, schloss sie die Haustür, hielt sich kurz an der Klinke und drehte sich schließlich zu ihm um. Fabian erschrak. Ihr bleiches Gesicht war das einer alten Frau, und ihre nach innen gestülpten Lippen bebten, dass er dachte, der Mann habe ihr die Zähne eingeschlagen. Als er ihre Augen suchte, senkte sie den wässrigen Blick und fiel, so kam es ihm vor, durch den Fliesenboden in den Keller oder noch tiefer. Intuitiv stellte er die DC-3 auf den Boden und griff nach ihrer rechten Hand. Ihre Haut fühlte sich kalt und feucht an, eine Fischhand, aber das war ihm egal. Er drückte sie so fest er konnte, denn noch nie hatte er seine Mutter oder irgendjemanden sonst derart weinen gesehen. Ein Tränenausbruch nach dem anderen beutelte ihren Körper. Fabian dachte an den Kriegsfilm, den er sich einmal ohne das Wissen seiner Eltern angesehen hatte. Darin hatte ein angeschossener Soldat Wundfieber bekommen. Und auch jetzt war Fabian sich sicher, dass irgendetwas Unheilvolles geschehen war oder noch bevorstand.

Nach einer Weile hatte sich die Mutter so weit gefangen, dass sie erste kurze Sätze hervorbrachte. Sie sprach von einem Herz, das nicht mehr schlage, das nicht stark genug gewesen sei für ein ganzes Leben, das uns alle im Stich gelassen habe. Wieder verfiel sie in tiefes Schluchzen und wieder dauerte es, bis sie die Atemluft lange genug halten konnte, um fortzufahren. Oft brachte sie nicht zu Ende, was sie zu erklären versuchte, oder verschluckte Buchstaben und Silben. Fabian gab sich alle Mühe, um das Wenige wie ein Puzzle zusammenzusetzen. Aber sosehr er sich auch konzentrierte, die Teile wollten sich nicht ineinanderfügen. Warum kam Vater nicht nach Hause, nicht heute und auch morgen nicht und an keinem anderen Tag? Hat er uns alle in Stich gelassen? Was ist mit seinem Herz?

Schließlich drückte ihn die Mutter fest an sich und streichelte ihm über den Kopf, wie sie es tat, wenn er sich das Knie aufgeschlagen hatte. Aber warum? Er war nicht verletzt und ihn plagte auch kein Wundfieber. Mehr um ihr diesen Gefallen zu tun, weil er spürte, dass sie seine Nähe brauchte, ließ er es über sich ergehen. Durch den dünnen Blusenstoff roch Fabian die Mandellotion, mit der sie sich jeden Tag eincremte. Manchmal schnupperte Vater an ihrem Nacken und machte „mhhh“, als hätte er etwas Leckeres zu essen vor sich. Das unrhythmische Zucken ihrer Bauchdecke übertrug sich auf Fabians Wange. Wenn es seine Mutter weinend durchrüttelte, kam es ihm vor, als stürzte sie jeden Moment ein, wie ein Haus, das von einem Erdbeben erfasst wurde.

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