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Wolken über der Wüste

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Diana Palmer

Wolken über der Wüste

Roman

Aus dem Amerikanischen von
Roswitha Enright

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Wolken über der Wüste

Im Louvre begegnet Brianne dem faszinierenden Pierce Hutton wieder, den sie auf einer Party kennen gelernt hat. Obwohl er von ihrem mädchenhaften Charme gefesselt ist, zwingt er sich, sein Begehren zu ignorieren – bis Brianne sich verzweifelt an ihn wendet: Ihr Stiefvater Kurt Brauer will sie mit seinem zwielichtigen Geschäftspartner Philippe Sabon verheiraten! Nur eine Heirat mit Pierce kann Brianne retten, und so fliehen sie ins Hochzeitsparadies Las Vegas. Aber kaum zurück, werden sie von Sabons Handlangern ins Emirat Qawi entführt. Und hier erfährt Brianne das ganze Ausmaß des grausamen Plans, den Brauer mit Sabon geschmiedet hat und der ihr neues Glück mit Pierce für immer zerstören könnte.

1. KAPITEL

Eine sehr blonde, sehr elegante Frau ganz in Rot betrachtete eingehend die berühmte Mona Lisa. Neben ihr stand ein großer dunkelhaariger Mann. Die Frau machte offenbar eine spitze Bemerkung, denn der Mann lachte. Es sah aus, als ob die beiden am liebsten mehr Zeit vor dem Gemälde von Leonardo da Vinci verbracht hätten, aber hinter ihnen hatte sich eine lange Schlange von Touristen gebildet, die allmählich ungeduldig wurden. Einer der Besucher richtete eine Kamera auf das zeitlose Meisterwerk, das durch dickes kugelsicheres Glas geschützt war, aber ein Wächter hatte ihn entdeckt, bevor er auf den Auslöser drücken konnte.

Brianne saß auf einer nahen Bank und betrachtete interessiert die Besucher. Sie trug Shorts und ein knappes Top, hatte das blonde Haar zu einem Zopf zusammengefasst und den Rucksack lässig über die schmale Schulter gehängt. Mit den grünen Augen, die amüsiert funkelten, sah sie aus wie eine Schülerin, was sie auch war. Mit beinahe neunzehn ging sie auf die „Internationale Schule“, ein exklusives Mädcheninternat am linken Seineufer in Paris. Sie fühlte sich unter den anderen Schülerinnen nicht besonders wohl, wahrscheinlich, weil sie ursprünglich nicht aus reichem Haus stammte wie die anderen.

Ihre Eltern hatten eher zur Mittelklasse gehört, und erst als ihre Mutter in zweiter Ehe den international bekannten Ölmagnaten Kurt Brauer heiratete, wurde Brianne auf das Internat geschickt. Wenn sie die Wahl gehabt hätte, wäre sie lieber in eine normale Schule in der Nähe ihres neuen Zuhauses gegangen, aber Kurt Brauer mochte seine Stieftochter nicht besonders. Außerdem war seine neue Frau schwanger, und da war Brianne nur im Weg. Ein Internat in Paris schien die ideale Lösung zu sein.

Es schmerzte immer noch, dass ihre Mutter nicht protestiert hatte.

„Du wirst sehen, es wird dir gefallen, mein Liebes“, hatte Eve nur gesagt und aufmunternd gelächelt. „Du wirst viel Taschengeld bekommen im Gegensatz zu früher, ist das nicht herrlich? Dein Vater hat immer nur das Allernötigste verdient und sich nie um Geld gekümmert.“

Solche Bemerkungen hatten das Verhältnis zwischen Brianne und ihrer zierlichen blonden Mutter nicht gerade gebessert. Eve war eine liebenswürdige, wenn auch egoistische Frau, die immer genau wusste, was für sie von Vorteil war. Sie hatte sich fest vorgenommen, Brauer zu heiraten, und war dabei systematisch vorgegangen. Schon fünf Monate nach dem Tod von Briannes geliebtem Vater war ihre Mutter nicht nur wieder verheiratet, sondern auch schwanger. Und das bescheidene, doch dabei gemütliche Apartment in Atlanta war gegen eine Villa in Nassau auf den Bahamas eingetauscht worden.

Kurt Brauer war wohlhabend, obgleich Brianne keine Ahnung hatte, woher sein Reichtum stammte. Er hatte angeblich etwas mit der Entdeckung von neuen Ölquellen zu tun, allerdings gingen merkwürdige, gefährlich aussehende Männer in seinem Büro ein und aus. Er besaß ein Haus in Nassau, außerdem Ferienhäuser in Barcelona und an der Riviera und eine Yacht, die ihn zu seinen verschiedenen Domizilen brachte. Seine Limousinen wurden von Chauffeuren gelenkt, und er speiste gern vornehm und vor allen Dingen sehr teuer. Eve war so richtig in ihrem Element. Zum ersten Mal in ihrem Leben war sie reich. Brianne hingegen fühlte sich nicht wohl. Und Kurt hatte sehr schnell gemerkt, was sie von ihm hielt, und sie weit weg geschickt.

Sie sah sich interessiert in der Ausstellungshalle um. Der Louvre hatte sie von Anfang an fasziniert, und sie verbrachte viel Zeit in den alten Räumen dieses ehemaligen Palastes. Vor kurzem war hier wieder renoviert worden. Einige der Veränderungen waren nicht unbedingt nach Briannes Geschmack, vor allen Dingen nicht die riesigen modernistischen Pyramiden, aber sie liebte die Ausstellungen. Und sie war so jung, dass man ihr ihre Begeisterung über neue Erfahrungen am Gesicht ablesen konnte. Ihr fehlte vielleicht noch eine ausgereifte Bildung, doch das machte sie durch ihren jugendlichen Schwung wett.

Ein Mann, der vor einem der italienischen Gemälde stand, erregte ihre Aufmerksamkeit. Er schien das Bild nicht zu betrachten, sondern starrte mit seinen dunklen Augen in dem angespannten Gesicht vor sich hin, mit einem Ausdruck, als quäle ihn etwas.

Irgendwie schien ihr der Mann vertraut zu sein. Er hatte dichtes dunkles Haar, das anfing sich silbergrau zu färben. Er war groß, hatte breite Schultern und schmale Hüften. Ihr fiel auf, dass er eine Zigarre in der Hand hielt, die allerdings nicht angezündet war. Wahrscheinlich wusste er, dass man in diesen Räumen nicht rauchen durfte, wollte aber etwas zwischen den Fingern halten. Brianne lächelte verständnisvoll. Sie selbst hatte Probleme, ihre Fingernägel in Ruhe zu lassen und nicht an ihnen zu knabbern, wenn sie nervös war. Vielleicht hielt er die Zigarre in der Hand, damit er nicht an den Nägeln kaute.

Der Mann sah irgendwie sehr wohlhabend aus. Er trug einen hellen Blazer über einem farblich passenden Hemd, das am Hals offen stand, und dazu eine weiße Hose. Am rechten Handgelenk glänzte eine goldene Uhr, und am linken Ringfinger steckte ein schmaler Ehering. Er hielt auch die Zigarre in der linken Hand, wahrscheinlich war er Linkshänder.

Er wandte sich jetzt zur Seite, und Brianne musterte sein sonnengebräuntes Gesicht. Der Mund war großzügig und fest, die Nase leicht gebogen. In seinem Kinn entdeckte sie die Andeutung eines Grübchens. Über großen schwarzen Augen wölbten sich dichte dunkle Brauen. Er sah faszinierend aus, und sie war sicher, dass sie ihm schon einmal begegnet war. Dann fiel es ihr ein. Ihr Stiefvater hatte nach seiner Hochzeit mit ihrer Mutter eine große Party für Geschäftsfreunde gegeben, und dieser Mann war dabei gewesen. Er hatte irgendwie mit dem Baugewerbe zu tun. Hutton. Ja, so hieß er. L. Pierce Hutton. Er war der Chef der Hutton Construction Corporation, die sich auf die Errichtung von Bohrinseln, aber auch von Bürohochhäusern spezialisiert hatte. Als Architekt war er relativ bekannt, vor allen Dingen in ökologisch interessierten Kreisen, und die konservativen Politiker mochten ihn nicht, weil er schlampige, halbherzige Umweltschutzmethoden ablehnte und aufdeckte. Ja, sie erinnerte sich an ihn. Seine Frau war vor drei Monaten gestorben, und er sah so aus, als sei er über ihren Tod noch nicht hinweggekommen.

Wie magisch angezogen, ging Brianne auf ihn zu. Er starrte immer noch auf das Bild, mit einem Gesichtsausdruck, als wollte er es anzünden.

Sie trat neben ihn. „Ein sehr berühmtes Gemälde. Gefällt es Ihnen nicht?“ Sie reichte ihm nur bis zur Schulter, obgleich sie relativ groß war.

Er hatte die Augen leicht zusammengekniffen und sah Brianne kalt an. „Je ne parle pas anglais.“

„Doch, Sie sprechen Englisch“, gab sie ruhig zurück. „Ich weiß, dass Sie sich nicht an mich erinnern, aber Sie waren bei dem Empfang nach der Eheschließung meiner Mutter mit Kurt Brauer in Nassau.“

„Ihre Mutter hat mein herzliches Beileid“, sagte er jetzt auf Englisch. „Was wollen Sie von mir?“

Sie sah ihn mit ihren hellgrünen Augen fragend an. „Ich wollte Ihnen nur sagen, dass es mir wegen Ihrer Frau sehr Leid tut. Sie wurde bei dem Empfang noch nicht einmal erwähnt. Vermutlich wussten die Leute nicht, was sie sagen sollten. In einem solchen Fall tun sie immer so, als ob nichts gewesen sei, oder sie werden rot und stottern sich irgendetwas zusammen. Das war auch so, als mein Vater starb.“ Sie schwieg und sah kurz zu Boden. „Und dabei wollte ich nur, dass mich jemand in den Arm nimmt und mich weinen lässt.“ Sie lächelte traurig. „Aber auf die Idee kommt wohl niemand.“

Pierce Hutton sah sie ungerührt an. „Was machen Sie denn in Frankreich? Arbeitet Brauer jetzt von Paris aus?“

Brianne schüttelte den Kopf. „Meine Mutter ist schwanger. Ich war im Weg, und da haben sie mich hierher in ein Internat geschickt.“

Er runzelte leicht die Stirn. „Und warum sind Sie dann nicht in der Schule?“

Sie verzog das Gesicht. „Ich schwänze Hauswirtschaftslehre. Ich will nicht lernen, wie man näht und Kissen bestickt. Mich interessiert Betriebswirtschaft und Bilanzieren.“

Er räusperte sich. „In Ihrem Alter?“

„Ich bin beinahe neunzehn. Mathematik ist mein Lieblingsfach.“ Sie lächelte ihn mutwillig an. „Eines Tages werde ich vor Ihrer Tür stehen und Sie um einen Job bitten, nachdem ich mein College-Diplom gemacht habe. Ich schwöre, ich werde diesem Mädchenpensionat entkommen und studieren.“

Er lächelte halbherzig. „Dann wünsche ich Ihnen viel Erfolg.“

Brianne blickte zur Mona Lisa hinüber, vor der immer noch eine lange Schlange stand und ungeduldige Stimmen zu hören waren. „Alle wollen unbedingt die Mona Lisa sehen, und dann sind sie enttäuscht, dass das Bild so klein ist und hinter so viel Glas versteckt. Ich habe nämlich gehört, was die Leute sagen. Alle erwarten eigentlich ein riesiges Gemälde.“

„Ja, das Leben ist voller Enttäuschungen.“

Sie drehte sich wieder zu ihm um und sah ihn fragend an. „Es tut mir wirklich so Leid, dass Sie Ihre Frau verloren haben, Mr. Hutton. Ich habe gehört, dass Sie zehn Jahre verheiratet waren und sich sehr liebten. Es muss die reinste Hölle für Sie sein.“

Er machte eine abweisende Geste, sein Gesicht war ausdruckslos. „Ich spreche nicht über mein Privatleben.“

„Ist vollkommen in Ordnung. So was braucht Zeit. Aber Sie sollten nicht allein leben. Ihre Frau würde das auch nicht wollen.“

Er presste die Lippen zusammen, als versuche er, seine Gefühle unter Kontrolle zu halten. „Miss …?“

„Martin. Brianne Martin.“

„Wenn Sie erst älter sind, werden Sie feststellen, dass es besser ist, nicht so offen mit Fremden zu sein.“ Seine Stimme klang streng.

„Ja, ich weiß. Ich mische mich immer in Dinge ein, die mich nichts angehen.“ Sie lächelte sanft und sah ihn an. „Sie sind stark. Sie müssen es sein, wenn Sie schon so viel in Ihrem Leben erreicht haben. Und dabei sind Sie noch nicht einmal vierzig. Jeder macht schlechte Erfahrungen und kennt Einsamkeit und Dunkelheit. Aber es gibt überall und immer ein wenig Licht, selbst mitten in der Nacht.“

Sie hob die Hand, als er sie unterbrechen wollte. „Ich werde nichts weiter sagen.“ Plötzlich lachte sie leise. „Glauben Sie, dass bei ihm da die Proportionen stimmen?“ Sie wies mit dem Kopf auf das Bild des nackten Paares, vor dem sie standen. „Er scheint mir ein wenig unterentwickelt zu sein, finden Sie nicht? Und ihre Attribute sind übertrieben, aber jeder weiß, dass der Maler füllige Frauen besonders schätzte.“ Sie seufzte. „Was würde ich nicht für ihre Figur geben. Ich werde wohl immer ziemlich flach bleiben.“ Sie sah plötzlich auf ihre Armbanduhr, ohne sein seltsames Lächeln zu bemerken. „Ach du liebe Zeit, ich werde noch zur Mathestunde zu spät kommen, wenn ich mich nicht beeile. Auf Wiedersehen, Mr. Hutton.“

Sie lief schnell auf den Ausgang zu und blickte nicht mehr zurück. Ihr langer Zopf flog, und sie wirkte schlaksig und nicht besonders elegant. Aber Hutton fand sie erfrischend natürlich.

Er musste kurz lachen, als sein Blick auf die kalte Zigarre fiel. Er war nicht hierher gekommen, um sich an den Gemälden zu erfreuen, sondern um die Zeit herumzubringen. Denn er hatte ernsthaft daran gedacht, sich heute Abend das Leben zu nehmen. Margo war tot, und trotz aller Bemühungen konnte er den Gedanken an eine Zukunft ohne sie einfach nicht ertragen. Nie mehr würde er ihre blauen Augen amüsiert aufleuchten sehen, nie mehr ihre sanfte Stimme mit dem französischen Akzent hören, mit der sie sich liebevoll über seine Arbeit lustig machte. Er würde nie mehr ihren weichen Körper fühlen, wenn sie sich in der Dunkelheit des Schlafzimmers voller Leidenschaft unter ihm bewegte, würde ihre lustvollen Schreie nicht mehr hören oder ihre Nägel spüren, wenn sie sich fest an ihn klammerte, während er sie wieder und wieder zum Höhepunkt brachte.

Er fühlte, wie ihm die Tränen in die Augen traten, und wischte sie fort. Sein Herz war leer, wie tot. Niemand hatte sich nach der Beerdigung an ihn herangewagt. Er hatte verboten, dass man Margos Namen in seiner jetzt so stillen Villa in Nassau erwähnte. Was die Arbeit betraf, so war er unermüdlich und rücksichtslos, nicht nur gegen sich selbst. Aber man verstand das. Er war so einsam. Er hatte keine Familie und keine Kinder, die ihn über den Verlust hinwegtrösten könnten. Margo hatte nach einer tragischen Fehlgeburt nicht mehr empfangen können. Es hatte ihm nichts ausgemacht, hatte ihn nie gestört, denn Margo bedeutete ihm alles, genauso wie er ihr. Kinder wären schön gewesen, doch sie brauchten sie nicht zu ihrem Glück. Er und Margo hatten ein ausgefülltes Leben miteinander gelebt, waren immer zusammen gewesen und hatten einander unendlich geliebt. Margo hatte stets nur an sein Wohl gedacht, auch als sie schon lange bettlägerig war und nur noch ein bleicher Schatten ihrer selbst. Ob er auch genug äße? Bekam er genug Schlaf? Sie dachte sogar an die Zeit, wenn sie nicht mehr da sein würde, um sich um ihn zu kümmern.

„Du vergisst immer deinen Mantel, wenn es stürmt“, hatte sie leise geklagt, „und nimmst auch nie einen Schirm mit, wenn es regnet, oder ziehst dir hinterher trockene Socken an. Ich mache mir dann immer solche Sorgen um dich, mon cher. Du musst doch auf dich aufpassen, tu comprends?“

Und er hatte ihr alles versprochen, hatte geweint, und sie drückte ihn an ihre magere Brust und hielt ihn fest in den Armen, während er haltlos schluchzte.

„Mein Gott!“ rief er laut aus, als ihn die Erinnerungen überwältigten.

Einige Touristen sahen beunruhigt zu ihm hinüber. Pierce wurde sich wieder bewusst, wo er war, schüttelte den Kopf, wie um die Gedanken zu vertreiben, wandte sich um und ging durch die Hallen in den heißen Pariser Sonnenschein hinaus.

Die vertrauten Geräusche einer lebhaften Millionenmetropole brachten ihn in die Gegenwart zurück. Krach und Luftverschmutzung in der Innenstadt hatten die Nerven der reizbaren Bevölkerung noch mehr angespannt, aber Pierce störten die Geräusche nicht. Er steckte die Hand in die Tasche und suchte nach seinem Feuerzeug. Dann blieb er auf den Stufen vor dem Louvre stehen und blickte auf das goldene, mit seinen Initialen versehene Feuerzeug. Margo hatte es ihm an ihrem zehnten Hochzeitstag geschenkt, und er trug es immer bei sich. Als er mit dem Daumen über die glatte Oberfläche strich, fühlte er wieder einen Stich in seinem Herzen.

Er zündete die Zigarre an, sog daran, und der Rauch biss ihn kurz in die Nase. Leise hüstelte er und spürte dann die beruhigende Wirkung des Nikotins. Er atmete tief durch und blickte auf die vielen Touristen, die alle die Schätze des Louvre sehen wollten. Ja, sie genießen ihre Ferien, dachte er grimmig. Ihm war ganz elend vor Kummer, während sie lachten und sich amüsierten.

Dann fiel ihm das junge Mädchen ein und das, was Brianne zu ihm gesagt hatte. Wie merkwürdig, dass diese Fremde einfach auf ihn zugegangen war und ihm einen Vortrag darüber gehalten hatte, wie man ein gebrochenes Herz heilte. Trotz seiner Befremdung musste er lächeln. Sie war ein nettes Ding. Er hätte nicht so kurz angebunden sein sollen. Jetzt erinnerte er sich wieder daran, dass ihre Mutter Brauer geheiratet hatte und ein Kind erwartete. Brianne hatte davon gesprochen, wie schmerzhaft der Verlust ihres Vaters für sie gewesen war und wie schwer sie daran trug, dass ihre Mutter so schnell wieder geheiratet hatte und schwanger geworden war. Sie wusste wirklich, was Schmerz war. Sie sei ihnen im Weg gewesen, hatte sie gesagt, und deshalb hätten sie sie hierher geschickt. Er schüttelte unwillkürlich den Kopf. Offenbar hatte jeder Mensch irgendwelche Probleme. Aber so war eben das Leben. Er blickte auf seine Rolex. In dreißig Minuten hatte er einen Termin mit irgendwelchen Kabinettsmitgliedern, und bei diesem Verkehr würde er im besten Fall eine halbe Stunde zu spät kommen. Er trat an die Kante des Bürgersteigs und winkte ein Taxi herbei.

Brianne schlich sich in das Gebäude und den Flur hinunter bis in das Mathematik-Klassenzimmer. Sie verzog das Gesicht, als die hochnäsige Emily Jarvis sie erblickte und anfing, mit ihren Freundinnen zu flüstern. Emily war schon von Anfang an gegen sie gewesen. Glücklicherweise konnte Brianne in einem Monat die Schule beenden und anschließend hoffentlich aufs College gehen.

Dann würde sie nicht mehr die Arroganz von ihren Mitschülerinnen in diesem exklusiven Internat für höhere Töchter ertragen müssen.

Sie schlug das Mathebuch auf und hörte der Lehrerin aufmerksam zu, die sie über die Wunder der höheren Algebra aufklärte. Dieses Fach gefiel Brianne, und sie interessierte sich sehr viel mehr für komplizierte Gleichungen als für die Kunst des Nähens.

Nach der Stunde stand Emily mit ihren beiden Busenfreundinnen im Flur. Sie stammte aus einem alten englischen Adelsgeschlecht, war blond und schön und trug nur teure Kleidung. Sie strahlte jedoch eine unheimliche Kälte aus.

„Du hast die Schule geschwänzt“, sagte sie mit einem giftigen Lächeln, als Brianne näher gekommen war. „Und ich habe es Madame Dubonne gesagt.“

„Ach, das macht nichts, Emily“, gab Brianne mit einem ebenso falschen Lächeln zurück. „Ich habe ihr erzählt, was du mit Dr. Mordeau nach dem Kunstunterricht am Dienstag hinter der spanischen Wand gemacht hast.“

Emily öffnete schockiert den Mund, aber bevor sie etwas sagen konnte, nickte Brianne ihr noch einmal zu und ging dann schnell den Flur hinunter. Die anderen Schülerinnen sahen ihr sprachlos hinterher. Brianne wirkte immer so zart, beinahe zerbrechlich, und man konnte sich kaum vorstellen, dass sie so stark und mutig war und sich absolut nichts gefallen ließ. Etliche hatten versucht, sie zu ärgern, doch Brianne hatte sich immer erfolgreich zu wehren gewusst. Außerdem stimmte es, dass sie Madame Dubonne von dem Techtelmechtel Emilys mit dem Kunstlehrer Dr. Mordeau erzählt hatte. Andere Schülerinnen hatten auch gehört, was da hinter dem Wandschirm vor sich ging, und die Silhouetten hinter dem dünnen Stoff ließen keinen Zweifel zu.

Am Nachmittag noch ließ sich Dr. Mordeau für längere Zeit krankschreiben, und am nächsten Morgen fehlte Emily in der Klasse. Eines der Mädchen hatte gesehen, wie sie nach dem Frühstück samt Koffern von einem Chauffeur mit einer Limousine abgeholt worden war.

Danach war die Schule nicht mehr so unangenehm für Brianne, denn Emilys frühere Verbündete stellten sehr schnell fest, dass sie nicht mehr viel zu sagen hatten, und verhielten sich dementsprechend. Brianne freundete sich mit der rothaarigen Cara Harvey an, die gerade erst achtzehn geworden war. Gemeinsam gingen sie in ihrer Freizeit in Kunstgalerien und Museen, von denen es in Paris mehr als genug gab. Brianne hoffte, Pierce Hutton auf diese Weise wieder zu treffen. Der Mann faszinierte sie. Er schien so einsam zu sein. Sie hatte noch nie so viel Mitleid für einen anderen Menschen empfunden. Sie wunderte sich selbst darüber, aber sie versuchte nicht herauszufinden, warum sie so fühlte. Wenigstens jetzt noch nicht.

Am Tag ihres neunzehnten Geburtstags ging sie allein in den Louvre, um sich noch einmal das Bild anzusehen, vor dem Pierce Hutton damals gestanden hatte. Cara hatte ihr zum Geburtstag gratuliert, sonst hatte keiner etwas zu ihr gesagt. Ihre Mutter hatte sich nicht gemeldet, was Brianne nicht weiter erstaunte. Ihr Vater hätte ihr Rosen oder ein Geschenk geschickt, aber ihr Vater war tot. Noch nie hatte sie sich an ihrem Geburtstag so einsam gefühlt.

Als sie das Museum wieder verließ, stellte sie fest, dass dieses Mal selbst ein Besuch des Louvre ihre Stimmung nicht heben konnte. Brianne drehte sich um die eigene Achse, und der lange Rock schwang ihr um die Fußgelenke; er war hellgrün und ließ die Farbe ihrer grünen Augen noch intensiver erscheinen. Dazu trug sie ein einfaches weißes Baumwollhemd und flache Schule. Statt eine Handtasche mitzunehmen, hatte sie sich eine Gürteltasche umgebunden, was viel bequemer war. Das lange blonde und dichte Haar trug sie offen. Sie warf ungeduldig den Kopf zurück. Wie gerne hätte sie Locken gehabt wie einige Mädchen in ihrer Klasse. Aber ihr Haar fiel glatt ohne Wellen bis zur Taille. Sie sollte es sich wirklich bald schneiden lassen.

Es wurde langsam dunkel, und bald müsste sie im Internat zurück sein. Sie beschloss, ausnahmsweise ein Taxi zu nehmen. Suchend blickte sie die Straße auf und ab. Nicht weit entfernt war ein Bistro. Sie war durstig und wollte etwas trinken. Bestimmt gab es dort ein Glas Wein. Dann würde sie sich wenigstens so erwachsen vorkommen, wie es ihrem Alter entsprach.

Als sie eintrat, merkte sie gleich, dass es sich hier weniger um ein Bistro als um eine exklusive, gut besuchte Bar handelte. Das Geld, das sie bei sich trug, würde nicht reichen. Sie verzog enttäuscht den Mund und wandte sich zum Gehen, als eine kräftige Hand plötzlich ihr Handgelenk umfasste.

Sie sah erschreckt hoch und blickte in die schwarzen Augen von Pierce Hutton. „Na, haben Sie Angst vor der eigenen Courage?“ fragte er. „Dürfen Sie denn noch keinen Alkohol trinken?“

Er sprach langsam und ein bisschen unsicher. Eine dicke Strähne seines schwarzen Haares war ihm in die Stirn gefallen, und er atmete unregelmäßig.

„Ich bin heute neunzehn geworden“, sagte Brianne zögernd.

„Wunderbar. Dann können Sie mich nach Hause fahren. Kommen Sie herein.“

„Aber ich habe doch kein Auto“, protestierte sie.

„Ehrlich gesagt habe ich auch keins hier. Gut, dann brauchen wir wenigstens nicht zu überlegen, wer fährt.“

Er führte sie an einen Ecktisch, auf dem eine Whiskyflasche und zwei Gläser standen, ein breites halbhohes Whiskyglas und ein Wasserglas mit Mineralwasser. Die Mineralwasserflasche stand daneben, und in einem Aschenbecher lag eine dicke qualmende Zigarre.

„Ich vermute, Sie mögen Zigarrenrauch nicht.“ Er zwängte sich leicht schwankend neben sie auf die gepolsterte Bank hinter den kleinen Tisch. Offenbar hatte er hier schon eine Zeit lang gesessen.

„Draußen macht es mir nichts aus“, sagte Brianne, „aber drinnen tut es meinen Lungen weh. Ich hatte erst im Winter eine Lungenentzündung und habe mich noch nicht ganz davon erholt.“

„Ich habe mich auch noch nicht erholt.“ Hutton seufzte schwer und drückte die Zigarre aus. „Ich habe mich noch überhaupt kein bisschen erholt. Sie haben mir doch gesagt, dass es besser wird. Mädchen, Sie sind eine Lügnerin. Es wird nicht besser. Es wächst wie ein Krebsgeschwür in meinem Herzen. Sie fehlt mir so.“ Er verzog das Gesicht, und Tränen standen ihm in den Augen. „Mein Gott, sie fehlt mir so unglaublich.“

Brianne rutschte näher an ihn heran. Die anderen Gäste konnten sie hier in der Ecke nicht sehen. Sie legte ihm tröstend den Arm um die Schultern, und mit einem Aufseufzen zog er sie an sich und drückte das heiße, nasse Gesicht an ihre Schulter. Sie fühlte, wie er bebte, und wiegte ihn sanft hin und her, so gut sie das bei seiner großen Gestalt konnte. Dabei flüsterte sie ihm tröstliche Worte ins Ohr. Alles würde gut werden und nichts könne ihm geschehen.

Als sie fühlte, wie sein Weinkrampf nachließ und sich sein Körper entspannte, hatte sie plötzlich Bedenken, es könne ihm peinlich sein, seine Schwäche gezeigt zu haben.

Aber anscheinend empfand er nicht so. Er hob den Kopf, legte ihr die Hände auf die Schultern und sah sie an.

„Sind Sie schockiert? Sie sind doch Amerikanerin, und Männer weinen nicht in Amerika. Sie verstecken ihre Gefühle hinter einer Macho-Fassade und lassen ihren Emotionen niemals freien Lauf.“ Er lachte kurz auf, als er sich über das Gesicht wischte. „Aber ich bin Grieche. Wenigstens war mein Vater Grieche. Meine Mutter war Französin, und ich habe eine argentinische Großmutter. Ich habe die Veranlagung eines Latino, und Gefühle sind mir nicht peinlich. Ich lache, wenn ich fröhlich bin, und weine, wenn ich traurig bin.“

Sie steckte die Hand in die Tasche, zog ein Taschentuch heraus und lächelte, als er sich jetzt die Augen trockenwischte. „Ich auch“, sagte sie. „Mir gefallen Ihre Augen. Sie sind sehr dunkel.“

„Mein Vater hatte beinahe schwarze Augen und mein Großvater auch. Ihm gehörten einige Öltanker.“ Er beugte sich zu ihr. „Ich habe sie alle verkauft und dafür Bulldozer und Kräne gekauft.“

Sie lachte. „Mögen Sie keine Öltanker?“

Er zuckte mit den Schultern. „Ich mag es nicht, wenn Öl ausläuft. Also errichte ich Bohrinseln und achte darauf, dass sie ordentlich gebaut sind, damit kein Öl austreten kann.“ Er hob das Glas und nahm einen großen Schluck. Dann reichte er ihr das Glas. „Probieren Sie mal. Das ist guter Scotch aus Edinburgh. Er ist sehr milde und mit Mineralwasser verdünnt.“

Sie zögerte. „Ich habe noch nie harte Sachen getrunken.“

„Alles macht man irgendwann zum ersten Mal.“

„Okay, warum nicht.“ Sie nahm einen großen Schluck und hätte sich beinahe verschluckt, als die Flüssigkeit ihr in der Kehle brannte. „Meine Güte, das ist ja ein Teufelszeug“, krächzte sie.

„Von wegen, Kind. Das ist teuerster Whisky.“

„Ich bin kein Kind, ich bin neunzehn.“ Sie trank noch einmal. „Das ist wirklich nicht schlecht.“

Er nahm ihr das Glas aus der Hand. „Das genügt. Man soll mir nicht nachsagen, ich hätte eine Minderjährige verführt.“

Sie hob die Augenbrauen. „Ach, bitte, tun Sie es doch“, sagte sie munter. „Ich habe noch keine Erfahrungen, und ich habe mich immer gewundert, warum Frauen sich wohl für Männer ausziehen. Die Statuen im Louvre helfen in dem Punkt auch nicht weiter, und unter uns gesagt, Madame Dubonne scheint immer noch zu glauben, Babys würden vom Storch gebracht.“

Jetzt sah er sie erstaunt an. „Sie sind ja wirklich nicht schüchtern.“

„Das hoffe ich. Ich habe wirklich jahrelang an mir gearbeitet.“ Sie lachte und legte ihm die Hand auf den Arm. „Fühlen Sie sich besser?“

Wieder zuckte er mit den Schultern. „Ein wenig. Ich bin nicht wirklich betrunken genug, um zu vergessen, aber der Schmerz hat nachgelassen.“

Seine Hand war warm und kräftig, die Fingernägel breit und flach und gepflegt. Brianne berührte sie fasziniert.

Er blickte nach unten und bewunderte ihre langen schmalen Finger mit den kurzen Nägeln. „Kein Nagellack“, stellte er fest. „Wie ist es denn mit Ihren Zehennägeln?“

Sie schüttelte den Kopf. „Meine Zehen sind zu kurz, da sieht Nagellack nicht besonders elegant aus. Meine Hände und Füße sind absolut brauchbar und leisten mir gute Dienste, aber sie sind nicht besonders schön.“

Er umfasste schnell ihre Hand. „Danke.“ Es klang beinahe, als mache es ihm Mühe, das Wort auszusprechen.

Aber sie verstand und lächelte. „Jeder von uns braucht hin und wieder einmal ein wenig Trost. Das ist kein Zeichen von Schwäche. Sie sind zäh, Sie werden es überwinden.“

Er seufzte. „Vielleicht.“

„Ganz sicher“, sagte sie fest. „Sollten Sie jetzt nicht lieber nach Hause gehen?“ Sie blickte sich in der Bar um. „Da hinten sitzt eine aufgedonnerte Blondine, die Sie mit den Augen verschlingt. Sie sieht so aus, als ob sie Sie gern nach Hause bringen, mit Ihnen ins Bett gehen und Sie dann um Ihre Brieftasche erleichtern würde.“

Er lehnte sich schwer gegen Brianne. „Ich würde im Bett nichts leisten“, sagte er mühsam. „Ich bin zu betrunken.“

„Ich glaube, das würde ihr nichts ausmachen.“

Er lächelte versonnen. „Würde es Ihnen etwas ausmachen? Wie wäre es, wenn Sie mich nach Hause bringen, und wir versuchen es einmal?“

„Oh, nein, auf keinen Fall. Nicht, wenn Sie betrunken sind.“ Sie schüttelte energisch den Kopf. „Mein erstes Mal soll etwas ganz Besonderes sein, die Erde wird beben, es wird ein Feuerwerk geben, als wenn der vierte Juli und Silvester auf einen Tag fallen. Das könnte ich doch nie von einem betrunkenen Mann erwarten.“

Pierce warf den Kopf zurück und lachte laut los. Er hatte ein attraktives Lachen, tief und langsam und robust.

Ob er wohl alles so rückhaltlos empfand und ausdrückte wie seinen Kummer? Brianne betrachtete ihn neugierig.

„Dann bringen Sie mich wenigstens nach Hause“, schlug er schließlich vor. „Ich fühle mich sicher mit Ihnen.“ Er legte ein paar Scheine auf den Tisch und zögerte. „Sie dürfen mich aber nicht verführen.“

Sie legte die Hand aufs Herz. „Großes Ehrenwort.“

„Okay.“ Er stand leicht schwankend auf und hielt sich am Tisch fest. „Ich kann mich nicht einmal erinnern, wie ich hergekommen bin. Große Güte, ich glaube, ich bin einfach mitten aus einer Verhandlung rausgegangen, bei der es um ein neues Hotel ging.“

„Die Verhandlungen sind sicher noch nicht abgeschlossen.“ Brianne lachte und hakte ihn unter. „Dann wollen wir mal, Mr. Hutton. Erst müssen wir ein Taxi finden.“

2. KAPITEL

Pierce Hutton wohnte in einem der neuen exklusiven Hotels in Paris. Er fischte den Zimmerschlüssel aus der Tasche, als sie an dem Portier vorbeigingen, der ihn stirnrunzelnd ansah. Der Mann am Empfang sah hoch und folgte ihnen zum Aufzug.

„Ist irgendetwas nicht in Ordnung, Monsieur Hutton?“ Er sah Brianne misstrauisch an.

„Ich bin nur sehr betrunken, Henri“, antwortete Pierce mit schwerer Zunge. Er legte den Arm fest um die Schultern seiner Begleiterin. „Kennen Sie die Tochter meines Geschäftsfreundes? Sie heißt Brianne, geht in Paris zur Schule und hat mich bei ‚Chez Georges‘ aufgesammelt und hergebracht.“ Er grinste breit. „Sie hat mich vor einer Dame der Nacht gerettet, die es auf meine Brieftasche abgesehen hatte.“

„Aha.“ Henri nickte verständnisvoll. „Brauchen Sie Hilfe, Mademoiselle?“

„Danke, ich glaube, ich schaffe es schon. Aber würden Sie bitte später noch einmal nach ihm sehen?“ fügte sie hinzu, und ihre Stimme klang besorgt.

Henris letzte Zweifel verflüchtigten sich. „Mit Vergnügen.“

Brianne lächelte schüchtern. „Merci beaucoup. Aber bitte antworten Sie darauf höchstens mit il n’ya pas de quoi“, sagte sie schnell, „denn viel mehr Französisch habe ich noch nicht gelernt, obgleich sich Madame Dubonne viel Mühe gibt.“

„Oh, dann gehen Sie auf die Internationale Schule?“ rief Henri aus. „Meine Cousine ist auch dort.“ Er nannte den Namen eines Mädchens, das Brianne oberflächlich kannte.

Sie nickte. „Sie hat schwarzes Haar, und sie trägt immer lange Pullover, egal wie heiß es ist.“ Sie lachte.

„Oui.“ Henri schüttelte den Kopf. „Dem Mädchen ist immer kalt. Kommen Sie, lassen Sie mich helfen, Mademoiselle.“ Er fasste Pierce auf der anderen Seite unter und half ihnen in den Aufzug.

Der Aufzug war glücklicherweise bis auf den Fahrstuhlführer leer. Henri trug dem Mann in schnellem Französisch auf, Monsieur Hutton in sein Apartment zu bringen.

„Er wird Ihnen helfen“, versicherte er, an Brianne gewandt. „Und wir werden sehr gut für Monsieur sorgen“, fügte er leise hinzu.

Sie lächelte ihn an. „Dann brauche ich mir ja keine Sorgen zu machen.“

Henri nickte. Das war wirklich eine reizende junge Dame. Und dieses wunderschöne blonde Haar!

Der Fahrstuhlführer half Brianne, Pierce nach oben und in sein Apartment zu bringen, nachdem sie es aufgeschlossen hatte. Sie führten ihn in das Schlafzimmer, einen riesigen Raum, ganz in Schwarz und Weiß gehalten, was irgendwie zu Pierce passte. Das große französische Bett hatte vier elegante Pfosten. Sie schoben Pierce auf das Bett, und er öffnete die Augen, als er sich auf der schwarzen Tagesdecke ausstreckte. „Ich fühle mich merkwürdig“, sagte er mit schwerer Zunge.

„Das wundert mich nicht.“ Briane nickte ihm zu, dankte dann dem Fahrstuhlführer, der lächelte und die Tür hinter sich schloss.

Pierce blickte Brianne nachdenklich an. Sie wurde rot unter seinem Blick. „Können Sie mir beim Ausziehen helfen?“

Das Rot in ihrem Gesicht vertiefte sich. „Also …“

„Alles macht man irgendwann zum ersten Mal“, erinnerte er sie.

Sie zögerte. Er war offensichtlich nicht in der Lage, sich selbst auszuziehen. Er war sehr betrunken. Wahrscheinlich würde er sich am nächsten Morgen nicht einmal mehr daran erinnern können, wie sie aussah.

Sie knüpfte seine Schuhbänder auf und zog ihm Schuhe und Strümpfe aus. Er hatte schöne Füße, lang und schmal. Brianne lächelte, als sie jetzt um das Bett herumging und ihm zu einer sitzenden Stellung verhalf. Sie zog ihm das Jackett aus und knöpfte sein Hemd auf. Er roch nach teurer Seife und Eau de Cologne, und unter seinem Hemd wurde seine breite Brust sichtbar, gebräunt und mit schwarzem Haar bewachsen. Brianne berührte unabsichtlich das Haar, und ihre Hand prickelte.

„Margo war noch Jungfrau“, sagte er beinahe verträumt, „und ich musste sie dazu überreden, sich auszuziehen. Obgleich sie mich von ganzem Herzen liebte, hat sie sich beim ersten Mal gewehrt, weil ich ihr wehtun musste.“ Er berührte leicht Briannes brennendes Gesicht. „Ich vermute, es gibt heutzutage keine Jungfrauen mehr. Margo und ich waren immer anders als alle anderen. Sehr konservativ. Ich habe erst mit ihr geschlafen, als wir verheiratet waren.“

„Können Sie vielleicht den Arm heben? Ja, so ist es gut.“ Sie wollte eigentlich gar nicht hören, was er sagte, aber sie hatte keine Wahl. Sie zog ihm das Hemd von den Schultern und unterdrückte ein bewunderndes Seufzen, als sie seine gebräunten Arme und die breite Brust sah. Er wirkte nicht wie ein Mann, der viel Zeit hinter dem Schreibtisch verbrachte.

„Sie sind erst neunzehn.“ Seine Stimme war dunkel und heiser. „Wenn Sie älter wären, würde ich sicher mit Ihnen schlafen wollen. Sie sind sehr hübsch, mein Kleines. Ihr Haar ist wirklich aufregend. Es ist so lang und so dicht.“ Er griff mit beiden Händen in die seidige Fülle. „Sexy.“

„Sie haben auch schönes Haar“, sagte sie, um irgendetwas zu sagen. „Und jetzt machen Sie wohl lieber selber weiter.“ Sie blickte auf seine Gürtelschnalle.

„Sie schaffen es schon.“ Pierce nahm ihre Hände und legte sie auf die Schnalle. Er half ihr, als sie zitternd den Gürtel löste und den Reißverschluss aufzog, und ließ dabei den Blick nicht von ihrem Gesicht. Absichtlich schob er ihre Finger unter den Bund von Hose und Slip gleichzeitig. „Jetzt ziehen Sie einfach“, wies er sie leise an und hob die Hüften, um die Sache zu vereinfachen.

Schock, Scham und Bewunderung empfand sie, als sie ihm langsam die Hosen abstreifte. Er hatte einen schlanken und dabei kräftigen Körper, ganz anders als der Mann auf dem Gemälde im Louvre. An Pierce’ Körper gab es kein Gramm Fett zu viel. Feines schwarzes Haar umgab sein intimstes Körperteil, und Brianne hielt inne, seine Hose in Kniehöhe. Ihr Herz schlug beinahe schmerzhaft, als sie dahin starrte.

Ein Segen, dachte er, dass ich betrunken bin, denn zu jeder anderen Zeit hätte ihr gebannter Gesichtsausdruck mich in den Zustand höchster Erregung versetzt. Aber betrunken wie er war, konnte er keine Begierde empfinden, was im Hinblick auf ihre Unerfahrenheit nur gut war. Offenbar fand sie ihn auch schon in diesem Zustand beeindruckend. Er verzog die Mundwinkel unwillkürlich zu einem Lächeln, als er daran dachte, was für ein Gesicht sie wohl machen würde, wenn sie ihn voll erregt sehen könnte.

Aber das würde nie geschehen. Margo war tot. Und er war innerlich auch tot. Das kurze amüsierte Funkeln in seinen Augen erlosch. Er lehnte sich zurück in die Kissen und seufzte tief.

„Warum müssen Menschen sterben?“ fragte er müde. „Warum können sie nicht ewig leben?“

Brianne erwachte aus ihrer Verzauberung und riss sich zusammen. Sie zog ihn ganz aus und bedeckte ihn dann bis über die Hüften mit der Tagesdecke, um sich selbst noch mehr Verlegenheit zu ersparen.

„Ich wünschte, ich hätte darauf eine Antwort.“ Sie setzte sich neben ihn auf das Bett und berührte seine Hand. „Sie sollten jetzt versuchen zu schlafen.“

Er öffnete die Augen und blickte sie verzweifelt an. „Sie war erst 35, als sie starb“, sagte er. „Das ist doch überhaupt kein Alter.“

„Natürlich nicht.“

Er griff nach ihrem Handgelenk und drückte die Hand auf sein weiches Brusthaar. „Rettende Ritter gibt es wohl beiderlei Geschlechts“, meinte er schläfrig, „doch wo ist deine Rüstung und wo deine Lanze, edle Johanna?“

„In meiner Tasche. Möchten Sie sie sehen?“

Er lächelte. „Sie tun mir gut. Sie vertreiben die schwarzen Wolken.“ Er blickte sie prüfend an. „Aber ich bin nicht gut für Sie. Ein schlechter Einfluss.“

„Es war doch nur ein winziger Schluck Whisky“, erinnerte sie ihn.

„Und ein Striptease“, fügte er grinsend hinzu. „Es tut mir Leid. Wenn ich nüchterner gewesen wäre, hätte ich Sie nicht in diese peinliche Situation gebracht.“

„Ach, das war nicht so schlimm. Ich habe schließlich schon nackte Männer auf den Gemälden im Louvre gesehen.“ Sie räusperte sich. „Aber der Mann auf dem einen da war doch wirklich ein bisschen unterentwickelt, oder?“

Er lachte.

„Das hätte ich nicht sagen sollen.“ Sie entzog ihm die Hand und stand auf.

„Kann ich Ihnen noch irgendetwas bringen, bevor ich gehe?“

Er schüttelte den Kopf, der schon zu schmerzen anfing. „Nein, danke. Sie sollten lieber zurück ins Internat gehen. Haben Sie übrigens Schwierigkeiten gehabt, weil Sie die Schule geschwänzt haben?“

Sie lachte leise. „Überhaupt nicht. Und nächsten Monat bin ich fertig.“

„Und was machen Sie anschließend?“

Einen Augenblick lang sah sie verloren aus. Dann nahm sie sich zusammen. „Ich werde wohl nach Nassau zurückkehren, wenigstens für den Sommer. Aber im nächsten Herbst gehe ich zur Universität, und wenn ich selbst dafür bezahlen muss. Ich habe sowieso schon ein Jahr verloren. Länger will ich auf keinen Fall warten.“

„Ich kann Ihnen das Geld geben, wenn Ihre Eltern es nicht tun“, sagte er. „Sie können es mir zurückzahlen, wenn Sie Ihren Abschluss gemacht haben und ein Gehalt bekommen.“

„Sie würden das für eine vollkommen Fremde tun?“

Er zog die Augenbrauen leicht zusammen. „Vollkommen Fremde? Wo Sie mich schon vollkommen nackt gesehen haben?“

Sie brachte kein Wort heraus.

„Und das will etwas heißen“, fuhr er fort. „Bis jetzt war Margo die einzige Frau, die mich so gesehen hat.“ Er schloss die Augen und seufzte leise.

Brianne strich ihm sanft über die Wange. „Sie war wirklich eine beneidenswerte Frau“, sagte sie aufrichtig, „es muss wunderbar für sie gewesen sein, so von Ihnen geliebt zu werden.“

„Es war beiderseitig“, presste er zwischen den Zähnen hervor.

„Ja, ich weiß.“ Sie richtete sich wieder auf. „Es tut mir so Leid, dass ich nichts gegen den Schmerz tun kann, den Sie empfinden.“

„Sie können sich überhaupt nicht vorstellen, wie sehr Sie mir schon geholfen haben“, antwortete er ernst. „Damals im Louvre überlegte ich gerade, wie ich meinem Leben ein Ende machen könnte. Wussten Sie das?“

Brianne schüttelte langsam den Kopf. „Mir fiel nur auf, dass Sie einsam und deprimiert waren.“

„Das stimmt. Und heute war ich wieder in einer solchen Stimmung, und da tauchten Sie auf.“ Er blickte ihr direkt in die hellen Augen. „Ich werde nicht vergessen, dass Sie mich schon zweimal gerettet haben. Ich bin immer für Sie da. Ich habe auch ein Haus in Nassau, nicht allzu weit von Brauers Villa entfernt. Wenn Ihnen danach ist, können Sie mich jederzeit besuchen.“

„Ja, es wäre schön, einen Freund in Nassau zu haben“, gab sie zu.

Er schloss halb die Augen. „Ich habe keine Freunde. Wenigstens bisher nicht.“ Er lachte verlegen. „Sie sind wirklich eine außergewöhnliche Freundin für einen Mann in meinem Alter.“

Sie lächelte. „Ich wollte gerade das Gleiche von Ihnen sagen.“

„Die Leute werden sich das Maul zerreißen, aber das soll uns egal sein.“ Er nahm ihre Hand und küsste die Handfläche. Seine Lippen fühlten sich fest und kühl an. „Wir werden uns wieder sehen, Brianne.“

„Ich weiß.“ Sie stand auf, konnte jedoch den Blick nicht von seinem dunklen Gesicht lösen. „Sie müssen versuchen, nach vorne zu schauen“, sagte sie sanft. „Eines Tages wird es nicht mehr so wehtun. Es muss doch Dinge geben, die Sie schon immer tun wollten, Neues, was Sie ausprobieren, und Projekte, die Sie zu Ende führen wollten.“

Er streckte sich vorsichtig. „In den letzten zwei Jahren habe ich für Margo gesorgt, die vom Krebs zerfressen wurde. Es ist nicht leicht, plötzlich nur für mich selbst zu leben. Es gibt niemanden mehr, für den ich sorgen kann.“

Brianne öffnete die Augen weit. „Sehen Sie mich nicht so an. Ich bin sehr selbstständig.“

Seine Augen verdunkelten sich. „Sie sind ein Wunder“, sagte er plötzlich. „Vielleicht gibt es wirklich Schutzengel, und Sie sind meiner. Aber das sollte umgekehrt auch gelten. Ich will Ihr Schutzengel sein. Suchen Sie sich eine Uni aus. Ich sorge dafür, dass Sie überall akzeptiert werden. Selbst in Oxford. Ich habe überall Verbindungen.“

Ihre Augen funkelten. „Sie sehen aber gar nicht wie eine gute Fee aus.“

„Das Äußere kann täuschen. Und ich habe auch noch nie einen Beichtvater mit langem blonden Haar gesehen.“

Sie lachte. „Ich gehe jetzt.“

„Gut. Danke.“

„Keine Ursache. Sie sind es wert, vor sich selbst gerettet zu werden.“ Sie blieb an der Schlafzimmertür stehen und blickte zurück. Sie war ernst geworden. „Sie werden es doch nicht mehr versuchen?“

Er stützte sich auf einem Ellbogen auf. „Nein, das verspreche ich.“

Sie machte wieder einen Schritt und zögerte.

„Ich weiß, dass Sie nicht gehen wollen“, sagte Pierce. Seine Stimme war tief und ein wenig streng. „Aber Sie müssen.“

Sie sah ihn über die Schulter hinweg aus großen fragenden Augen an. „Ich verstehe nicht …“

„Wir haben in sehr kurzer Zeit sehr viel über einander erfahren“, erklärte er.

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