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Wolken über Gut Schönwiesen

Wolken über Gut Schönwiesen

1. Kapitel

Die Flucht nach Magdeburg

Es war kurz nach Mitternacht. Die Wolken hingen tief. Schnell zogen sie dahin und verdeckten den Sternenhimmel. Ab und zu sah man, wie durch einen Schleier, das matte Mondlicht durch die wenigen aufgerissenen Wolkenlücken leuchten. Die Umrisse der mit Schnee behangenen Büsche und Bäume erschienen geisterhaft und gespenstisch.

Das Jahr 1777 war noch keine vier Wochen alt. Zwei gebückte Gestalten, die durch den frisch gefallenen Schnee stapften, sahen sich immer wieder nach allen Richtungen um. Sie hatten ihre Mantelkragen fest hochgeschlagen und ihre Mützen tief ins Gesicht gezogen. Der nun schon seit Stunden anhaltende Schneesturm peitschte ihnen die Schneekristalle wie kleine Nadeln ständig ins Gesicht. Die beiden jungen Männer waren Felix Steinbach und sein bester Freund Konrad Landauer. Sie waren auf der Flucht vor den hessischen Rekrutierungskommandos. Vom Braunschweigischen Wolfenbüttel bis hierher an den Grenzort Schöningen hatten sie es schon geschafft. Die Flucht vom Braunschweigischen über die Grenze nach Preußen mussten sie unbedingt noch in dieser Nacht schaffen. Vor ihnen in etwa 200 Meter Entfernung sahen sie die Straße, die von Schöningen aus zur Grenzstation führte. Von weitem kam Pferdegetrappel immer näher.

Das Schnaufen der heran galoppierenden Pferde war nun deutlich zu hören. Schnell ließen sich Felix und Konrad hinter einem umgestürzten großen Baum auf den Schneeboden fallen. Das reichlich vorhandene Buschwerk machte ihre Deckung perfekt. Eine Gruppe Reiter jagte im Galopp auf der Straße an ihnen vorbei. Die Nüstern der gehetzten Pferde stießen dampfenden Atem aus. An den Uniformen erkannten die beiden, dass es Husaren eines Braunschweiger Reiterregiments waren. Felix und Konrad hüllten sich in ihre Decken. Vor einigen Stunden hatten sie noch Rast in einer Gastwirtschaft gemacht. Als sie schnell verschwinden mussten, steckte ihnen die Wirtin die Decken noch rasch zu. Da sich bei diesem Wetter kein Gespann zum Grenzübergang wagte, mussten sie unbedingt bis zum Anbruch des Morgens hier im Dickicht in Deckung bleiben. Der starke Ostwind begann nun endlich etwas nachzulassen. Vom Grenzübergang her hörte man erneut das Getrappel von Pferdehufen. Es war die Gruppe Reiter, die wieder nach Braunschweig zurück ritt. Auf drei Pferden war je ein Gefangener hinter den Husaren fest angebunden. Felix und Konrad konnten einige der Worte, die ein Husar dem anderen zuschrie, verstehen. „Nur wegen diesem Gesindel von Strauchdieben und Deserteuren müssen wir bei diesem verdammten Mistwetter uns die Nacht um die Ohren schlagen. Sollen sich doch die Hessen um ihre Bastarde kümmern.“

Nun entfernte sich der Trupp und das Pferdegetrappel wurde immer leiser bis es ganz verstummte. Die Reiter verschwanden in der dunklen stürmischen Nacht so schnell, wie sie gekommen waren. Fest in ihre Decken gehüllt versuchten die beiden Gefährten noch etwas Schlaf zu finden.

Der Tag löste gerade die Nacht ab, als sich die ersten Fuhrwerke von und zum Grenzübergang bewegten. Noch etwas benommen und leicht fröstelnd schauten Felix und Konrad in Richtung Straße. Vom Grenzübergang her kommend, fuhren zwei Pritschenwagen an ihnen vorbei. Endlich kam ein Pferdegespann aus Richtung Schöningen, das zum Grenzübergang wollte, in Sicht. Der vollbeladene Planwagen wurde von zwei kräftigen Pferden gezogen. Das Gespann kam immer näher. Der Gespannführer, ein großer kräftiger Mann, lief neben den Pferden her und trieb sie mit knallender Peitsche und lauten Kutscherrufen an.

Felix flüsterte Konrad zu: „Wir müssen es jetzt versuchen.“ Mit leiser Stimme sprach er weiter. „Wir müssen es wagen, sonst verpassen wir womöglich unsere einzige Gelegenheit über die Grenze nach Preußen zu gelangen.“ Eilig wickelten sie ihre Decken zusammen, klemmten sie sich unter den Arm und liefen zur Straße. Der Gespannführer hatte angehalten. Er band die Zügel der Pferde um die Armlehne des Kutscherbocks und lief um den Planwagen herum. Am rechten Hinterrad hatte sich ein Ast in den Radspeichen verfangen, sodass es nur noch auf der Straße schleifte. Als er gerade den Ast aus dem Rad herausgezogen hatte, standen Felix und Konrad neben ihm.

„Einen schönen guten Morgen wünsche ich ihnen“, rief Felix dem Fuhrmann zu. Der Angesprochene schaute die beiden etwas mürrisch an, er hatte sie schon auf sich zu kommen sehen. „Entschuldigen Sie bitte“, sprach Felix freundlich weiter. „Könnten sie uns über die Grenze ins Magdeburgische mitnehmen?“ „Aha, also nach Preußen wollt ihr. Ihr wollt euch doch nicht etwa vorm Militärdienst im Hessischen drücken?“

„Wieso vermuten Sie, dass wir so etwas vorhätten?“

„Eure Sprache verrät mir, dass ihr Hessen seid“ sprach der Fuhrmann weiter und schaute dabei Felix besonders argwöhnisch an.

„Na ja, zum Militär wollen wir schon, aber erst müssen wir zu meinem Onkel nach Magdeburg.“

„So so, zu eurem Onkel nach Magdeburg wollt ihr also. Dann könnt ihr mir bestimmt auch sagen, wie er heißt.“ Felix überlegte einen kurzen Augenblick.

„Max Vogelsang ist mein Onkel.“

„Aha, zu dem Max Vogelsang wollt ihr also. Den kenne ich sehr gut, mit dem Max habe ich schon so manches Geschäft getätigt. Dann kennst du ja bestimmt auch die Kinder von Max.“

„Ja, das sind Anton und Jutta, und die Frau von Max ist meine Tante Hedwig Vogelsang“, platzte es aus Felix heraus.

„Schon gut“, meinte der Fuhrmann und ein Lächeln huschte ihm über sein schon in die Jahre gekommenes Gesicht. Der breitschultrige Mann reichte dem schmächtigen Felix die Hand. „Ich bin der Karl Ostebrücken, für meine Freunde auch einfach Karlo. So, und ab jetzt hört ihr auf mein Kommando.“

„Du“, sagte er und zeigte auf Konrad, „bist ab heute mein Sohn und du Felix, der Sohn vom Max aus Magdeburg. Bis zur Grenze setzt du dich auf den Kutschbock und wir zwei laufen nebenher.“ Geschwind kletterte Felix auf den Kutschbock, wickelte die Zügel los und ließ sie auf dem Rücken der Pferde zweimal aufschlagen. Das sah so gekonnt aus, als hätte er schon so manches Fuhrwerk gelenkt. Mit Anschieben und Peitschenknall setzte sich die Fuhre wieder in Bewegung.

Schon von weitem konnte man den Grenzübergang vom Braunschweigischen ins Preußische sehen. Als sie ankamen, stand nur ein Planwagen, der an der Kreuzung aus Richtung Helmstedt gekommen war, vor dem noch geschlossenen Schlagbaum. Die Soldaten mit übergehängten Gewehren kontrollierten sehr gewissenhaft die unter der Plane verstauten Säcke und Kisten des vor ihnen stehenden Fuhrwerks. Der Offizier, der neben dem Grenzhaus stand, beäugte misstrauisch nach der Kontrolle der Begleitpapiere jede Bewegung des Fuhrmanns. Nach einer Weile rief ein Soldat: „Nichts gefunden, alles in Ordnung!“

Daraufhin gab der Offizier den Befehl, den rot- weiß gestrichenen Schlagbaum zu öffnen. Der Schlagbaum ging hoch und das Gespann wurde durchgelassen. Als sich der Schlagbaum wieder senkte, winkte der Offizier das nächste Fuhrwerk heran. Als der Offizier den Fuhrmann erkannte, meinte er: „Na Karlo, was schmuggelst du denn heute wieder über die Grenze?“

„Nur die besten Waren von deinem Dienstherren Herzog Carl I. an den König von Preußen“ erwiderte Karl schlagfertig.

Der Offizier ließ sich die Begleitpapiere zeigen und schaute diese prüfend durch. Als er von den Papieren aufsah, fragte er in forschem Ton: „Wer sind die beiden Burschen da?“ Dabei machte er eine kurze Kopfbewegung in Richtung der beiden jungen Männer, die sich vor innerer Aufregung und auch Angst kaum zu rühren wagten. Karlo drehte sich gemächlich um und zeigte zuerst auf den jungen Mann auf dem Kutschbock.

„Der da ist Felix, der Sohn von Max Vogelsang aus Magdeburg, und der da ist Konrad, mein Jüngster. Er soll bald mein Fuhrgeschäft übernehmen.“

„Komm da oben runter!“ rief der Offizier und blickte Felix scharf an. Dann befahl er zwei seiner Soldaten, den jungen Mann umgehend in das Wachzimmer der Grenzstation zu bringen. Oh je, das ist kein gutes Zeichen, ging es Karlo durch den Kopf, denn wen die Soldaten erst einmal in der Mangel hatten, den ließen sie auch nicht so schnell wieder laufen. Der Offizier war noch voll im Rausch vom Erfolg des gestrigen Tages, an dem die Grenzsoldaten drei Deserteure festnehmen konnten. Karlo musste sich sofort etwas einfallen lassen. Schnellen Schrittes wollte er am Offizier vorbei zum Kutschbock. Der aber stellte sich Karlo in den Weg und herrschte ihn an. Barsch wiederholte er:

„Der da oben soll sofort runter kommen!“ Felix fuhr der Schreck durch alle Glieder. Jetzt haben sie mich erwischt, dachte er. Seine Gesichtsfarbe wurde noch blasser als sie schon war. Mit zittrigen Fingern wickelte er die Zügel an die Lehne des Kutschbocks. Felix wollte gerade vom Kutschbock heruntersteigen, als ein schmetterndes, sich wiederholendes Trompetensignal hinter ihnen ertönte. Das Trompetensignal wurde immer lauter und furchteinflößender. Eine Kutsche näherte sich aus Richtung Schöningen in schnellem Tempo der Grenzstation. Mit hektischen Kommandos an seine Soldaten befahl der Offizier, sofort den Schlagbaum zu öffnen.

Karlo, der mit seinem Gespann vor dem Schlagbaum die Straße blockierte, wurde vom aufgeregt herumlaufenden Offizier aufgefordert, schleunigst durchzufahren und sofort danach mit seinem Gespann die Straße freizumachen. Karlo nutzte die günstige Situation und stieg schnell zu Felix auf den Kutschbock. Oben drückte er Felix kräftig auf die rechte Hälfte der Kutschbank. In Windeseile wickelte er die Zügel ab, nach derben Zügelschlägen und lautem Peitschenknallen zogen die Pferde mit einem kräftigen Ruck an. Konrad begriff sofort, was die Stunde geschlagen hatte. Er lehnte sich an die Seitenwand des Fuhrwerks und schob mit voller Kraft, ohne nach vorn oder hinten zu schauen. Es dauerte nur wenige Minuten und das Gespann war mit Konrad, Felix und Karlo durch den offenen Schlagbaum gefahren. Sie hatten ihr Gespann gerade noch rechtzeitig hinter der Grenze an der rechten Straßenseite zum Stehen gebracht. Eine Königlich Preußische Kutsche raste in schnellem Tempo an ihnen polternd vorbei. Wer in der prunkvollen Kutsche saß, konnte keiner der drei erkennen. Es war wie ein Wunder, dass ein fast nicht für möglich gehaltener Zufall ihnen so geholfen hatte. Karlo drückte Felix die Zügel wieder in die Hände und forderte ihn auf, sofort wieder loszufahren. Karlo sprang vom unteren Fußbrett in den Schnee und lief sogleich nach vorn zu den Pferden, wo er sie beim Zaumzeug packte. Felix ließ die Zügel auf die Rücken der beiden Pferde knallen und schon setzte sich das Gespann wieder in Bewegung. Nach wenigen Metern fuhren sie durch den vor ihnen noch geöffneten Schlagbaum der Preußisch Magdeburgischen Grafschaft. Die preußischen Grenzsoldaten ließen Karlo und seine beiden Begleiter ohne weitere Kontrollen einreisen. Karlo steckte dem preußischen Offizier noch eben eine Flasche französischen Weinbrand zu.

Als sie die Grenze etwa zwei Kilometer hinter sich gelassen hatten, sagte Karlo zu Konrad: „Jetzt können wir auf den Kutschbock klettern, es geht nur noch geradeaus.“ Die drei saßen nun nebeneinander auf dem Kutschbock und Karlo bemerkte erleichtert „Was für ein Glück, dass im richtigen Moment diese hoheitliche Kutsche durch die Grenzposten mit schneller Fahrt gejagt war. Es wäre wohl sonst das Ende eurer Flucht gewesen.“ Die Landstraße hinter der Grenze im Preußischen war weiter gut zu befahren. Die beiden Pferde zogen den Planwagen zügig und kraftvoll voran. Karlo wollte nun gern wissen, wer Felix und Konrad waren und woher sie kamen. Felix begann als erster zu erzählen:

„Ich bin der Sohn vom Goldschmiedemeister Albert Steinbach aus Kassel. Ich habe bei meinem Vater auch das Goldschmiedehandwerk erlernt.“

„Ich bin der Konrad aus Kassel, wohne aber jetzt schon viele Jahre in Goslar. Mein Vater Moritz Landauer ist Förster bei der Gräflichen Forstverwaltung in Goslar. Ich habe alles gelernt, was zur Holzgewinnung im Forst gebraucht wird. Wir beide sind die besten Freunde, die es auf der Welt gibt“, setzte Konrad seine Rede fort. „Wir kennen uns schon von Kindheit an. Unsere Familien sind befreundet, unsere Väter waren im Krieg in derselben Einheit. Felix verweilte oft als Kind und Jugendlicher bei uns Landauern im Forsthaus. Wir liebten es, zusammen in den Wäldern herumzustreichen und haben gemeinsam so manches Abenteuer erlebt.“

Es wurde für einen Moment still auf dem Kutschbock, nur das Knirschen des Schnees unter den Rädern und das Schnaufen der beiden Pferde durchdrang die Stille des frühen Tages. Jeder der drei sann so vor sich hin, bis der Fuhrmann aufblickte und mit tiefer Stimme zu erzählen begann. „Ich betreibe in Querum, nahe bei Braunschweig, ein Fuhrwerksunternehmen. Ich habe noch drei Gespanne, aber bis jetzt noch keinen, der das alles einmal übernimmt. Gustav, mein Ältester, ist bei den Soldaten und Georg hat in eine Bäckerei in Braunschweig eingeheiratet. Er ist dabei, die Bäckerei von seinem Schwiegervater zu übernehmen. Zwei meiner Töchter sind nach ihrer Heirat zu ihren Ehemännern und Schwiegereltern gezogen. Die eine nach Wolfenbüttel und die andere nach Salzgitter. Ja so ist das, wo die Liebe eben hinfällt. Die letzte Hoffnung, die ich noch habe, ist Luise, mein Sonnenschein. Einer von Euch wäre mir schon recht…“ fügte er verschmitzt lächelnd hinzu. „Also, solltet ihr mal in die Nähe von Querum kommen, dann fragt einfach nach Karlo. Dort kennt jeder jeden.“ Karlo fasste mit der Hand hinter sich und zog einen Beutel hervor. Er wickelte das Stofftuch auf, nahm das Messer, welches im Tuch mit eingebunden war, in die Hand und schnitt damit ein Brot in drei gleich große Teile. Karlo trennte auch von der Wurst drei große Stücke ab und gab Felix und Konrad je ein Teil. Die beiden hatten mächtigen Hunger, das Knurren ihrer Mägen war schon ab dem Grenzübergang zu hören. Alle drei ließen sich das Frühstück schmecken. Die Sonne schickte ihre ersten wärmenden Strahlen auf die Erde. Karlo griff erneut nach hinten und zog eine Flasche Wein aus einer Kiste. Karlo und Konrad nahmen ein, zwei kräftige Schlucke, nur Felix nippte ein wenig an der Flasche. Er wusste, dass er nicht viel Alkohol vertrug und dann noch mit fast leeren Magen, das würde ihm bestimmt nicht gut tun.

Nach einigen Stunden gemächlicher Fahrt, schwenkte Karlo mit seinem Fuhrwerk plötzlich von der Straße in einen breiten Feldweg nach rechts ab. „Wir fahren zu den Frenzels, die haben einen Bauernhof mit Wirtschaft. Ich mache bei den Frenzels immer Rast, bevor ich ins Brandenburgische weiter fahre.“

Felix und Konrad schauten Karlo fragend an. „Ins Bandenburgische, wir dachten Sie fahren nach Magdeburg?“

„Tut mir leid, dass ich euch das noch nicht gesagt habe. Aber es wird sich bei den Frenzels schon eine Lösung finden, da machen viele Fuhrleute Rast.“

Es dauerte nur eine knappe Stunde und ein großes Bauerngehöft war zu sehen. Sie fuhren durch einen riesigen zweiflügeligen runden Torbogen. Als das Gespann auf dem großen Hof anhielt, standen dort bereits zwei Pritschenwagen und ein Planwagen.

Die Pferde der Gespanne waren ausgespannt und im Pferdestall untergebracht. Die drei stiegen vom Kutschbock und Karlo übergab die Zügel einem Knecht vom Bauernhof. Gemeinsam liefen sie über den Hof, öffneten die breite Tür zur Wirtschaft, gingen hinein und blieben vor der Theke, wo die Wirtin gerade einen Krug Bier füllte, stehen. Die Wirtin schaute zu den Neuankömmlingen auf.

„He, Karlo, das ist ja eine Überraschung, schön, dass du wieder bei uns reinschaust.“ Sie strahlte dabei übers ganze Gesicht. Die Wirtin eilte mit dem vollen Krug zum Nachbartisch, stellte ihn ab und kam schnellen Schrittes zu den dreien zurückgelaufen. Sie umarmte Karlo freudig, sodass er fast etwas errötete.

„Nicht so stürmisch Paula, lass mich am Leben, was sollen denn meine zwei Begleiter von mir denken“, sagte Karlo lachend zur Wirtin.

„Nehmt Platz.“ Sie zeigte dabei auf einen Tisch am Fenster, von wo aus man auf den verschneiten, kaum geräumten Hof schauen konnte. Die Wirtin kam an den Tisch, an dem die drei Männer Platz genommen hatten. Karlo sprach zu ihr: „Wir brauchen für die Nacht eine Unterkunft und bis zum Abendbrot ein Würfelspiel.“ Die Wirtin kam mit einem Würfelspiel zurück und meinte, in zwei Stunden bringe sie das Abendbrot. Nach etwa zwei Stunden stellte Karlo den Becher, in dem die Würfel bis dahin unablässig geklappert hatten, zur Seite. Das deftige Abendessen, welches die freundlich lächelnde Wirtin auf den Tisch gestellt hatte, wurde nun genüsslich verspeist. Alle drei waren in Gedanken versunken und ließen sich das Essen schmecken.

Karlo konnte von seinem Platz aus fast den ganzen Hof überblicken. Plötzlich sah er zum Fenster hinaus. Eine Kutsche war auf dem Hof vorgefahren. Ein sehr beleibter, stattlicher Mann stieg aus der Kutsche und lief zur Eingangstür der Wirtschaft. Als der stattliche Herr hereingekommen war, stellte er sich mitten in den Raum der Wirtschaft und schaute sich erst einmal in aller Ruhe um. Als sein Blick auf Karlo fiel, kam er sofort an den Tisch der drei.

„Darf ich mich zu ihnen setzen?“ fragte er.

„Ja, bitte setzen sie sich zu uns“, antwortete Karlo freundlich. Bevor sich der vornehme Mann setzte, zog er seinen dicken Mantel mit Fellkragen aus und legte ihn über die Lehne des letzten freien Stuhles. Was für ein Bild, der schmächtige Felix und der beleibte große Mann, der sich neben ihn gesetzt hatte. „Ich bin der Schlachter Hermann Bergner aus Magdeburg.“ Die drei am Tisch stellten sich ebenfalls vor. Als Felix seinen Onkel Max erwähnte, zu dem er und Konrad wollten, horchte Herr Bergner auf.

„Zu Max Vogelsang wollt ihr, na den kenne ich gut. Wir sind so etwas wie Geschäftspartner. Ich habe drei Fleischereien in Magdeburg. Bei mir gibt es alles, was mit gutem Fleisch zu tun hat. Das sieht man ja auch an mir“, und sein schallendes Lachen durchdrang den Wirtsraum.

Karlo fragte den Schlachter Bergner, ob er Felix und Konrad mit nach Magdeburg nehmen könne.

„Na selbstverständlich nehme ich die Verwanden von Max Vogelsang mit. Ihr braucht auch kein Wegegeld zu bezahlen. Ich bin froh, wenn ich etwas Unterhaltung während der Fahrt habe.“

Nach einer Stunde verließen die vier den Wirtsraum und gingen in ihre Schlafkammern. Felix und Konrad schliefen sofort ein. Sie waren von den Strapazen der Flucht sehr erschöpft und mitgenommen. Zeitig früh am Morgen weckte eine Magd die beiden jungen Männer. Noch etwas verschlafen bemerkten sie, dass Karlo seine Schlafstelle gar nicht angerührt hatte. Na ja, sie konnten sich schon denken, wo der Fuhrmann die Nacht verbracht hatte. Die Kutsche für die Weiterfahrt nach Magdeburg war schon angespannt und stand fahrbereit auf dem Hof. Herr Bergner kam mit schnellen Schritten über den Hof und forderte die zwei zur Eile auf. „Wenn alles gut geht, sind wir am Abend vor Einbruch der Dunkelheit in Magdeburg.“

Konrad und Felix schauten sich nochmals um, aber Karlo, der Fuhrmann, war weit und breit nicht zu sehen. Etwas traurig stiegen sie in die Kutsche. Sie hätten sich gern nochmal bei Karlo bedankt und verabschiedet.

Das Wetter am Morgen war leicht bewölkt und noch etwas kühl. Die Decken, die die beiden zum Glück immer noch bei sich trugen, legten sie eilig über ihre Beine, denn sie hatten nicht so einen langen, wärmenden Mantel wie Herr Bergner. Der Fleischermeister stieg vorn auf die offene Kutsche, schlug den Mantel über seine Beine, nahm die Zügel in die Hände und gab den Pferden das Kommando zur Abfahrt.

Auf der Reise ohne Zwischenfälle wurde über Gott und die Welt geredet. Angehalten wurde nur zwei Mal zum Essen und Trinken. Der Tag war sonnig, am Himmel zeigten sich nur wenige Wolken. Was für ein Glück, kein Vergleich zu dem Mistwetter von vor drei Tagen. Schon von weitem konnte man den alles überragenden massiven Dom der Stadt sehen. Die Umrisse und die Ausdehnung von Magdeburg waren nun von ihrer Kutsche aus ebenfalls gut zu erkennen. Die Stadtwache ließ die Kutsche ohne zu kontrollieren durch die offenen Stadttore in die Stadt hinein fahren. Die Soldaten der Stadtwache kannten den Schlachter Hermann Bergner natürlich sehr gut, er war durch seine vielen Reisen bekannt. Zudem war er ein ständiges Mitglied im Bürgerrat.

An einer Straßeneinmündung hielt Herr Bergner an. „So, schaut, dort drüben das große schöne Stadthaus, da wohnt die Familie Vogelsang. Steigt hier aus. Ihr könnt auch zu jeder Zeit zu mir kommen, ich würde mich sehr freuen.“

Felix und Konrad verabschiedeten sich von Herrn Bergner und bedankten sich nochmals für alles. Sie stiegen aus, die Kutsche setzte sich in Bewegung und verschwand nach wenigen Metern hinter dem nächsten Eckhaus.

Während die beiden nun festen Schrittes auf das gezeigte Haus zuliefen, konnten sie ihre Blicke kaum von diesem bürgerlichen massiven Bauwerk lassen. Mit leichtem Herzklopfen läutete Felix an der großen Eingangstür. Es dauerte nicht lang und die Tür wurde geöffnet. Ein strammes Dienstmädchen stand an der Tür. „Sie wünschen, meine Herren?“ fragte sie bestimmt, aber freundlich.

„Wir möchten zu Herrn Vogelsang, zu meinem Onkel.“

„Treten sie ein, Herr Vogelsang speist gerade zu Abend.“

Das Dienstmädchen bat die zwei im Nebenraum Platz zu nehmen. Sie eilte in den kleinen Speisesaal und meldete ihrem Dienstherrn die Ankunft seines Neffen mitsamt seinem Freund. Max Vogelsang wischte sich mit der Serviette den Mund ab, sprang auf und lief in den Gästeraum, wo Felix und Konrad warteten. Max umarmte seinen Neffen stürmisch und konnte es vor Erstaunen gar nicht fassen, dass sein Neffe wahrhaftig vor ihm stand. Max begrüßte Konrad ebenfalls aufs Herzlichste. In der Zwischenzeit betraten auch Tante Hedwig und die beiden Geschwister Jutta und Anton den Raum. Die innigen Umarmungen setzten sich fort bis sich alle begrüßt hatten. Felix und Konrad wurden von Hedwig erst einmal in den Speiseraum gebeten.

„Ihr habt bestimmt noch nichts gegessen, ihr habt doch Hunger nach so einer langen Reise. Wenn ihr euch gestärkt habt, treffen wir uns alle im Lesezimmer der Bibliothek.“

Nachdem die beiden beim Abendessen tüchtig zugelangt hatten, begaben sie sich in das Lesezimmer. Max und Hedwig sowie Jutta und Anton hatten schon auf den bequemen Ledersesseln Platz genommen. Max zündete sich genüsslich eine Zigarre an und begann zu paffen. „Greift zu, seid nicht so schüchtern, fühlt euch hier wie zu Hause.“ Konrad ließ sich nicht lange bitten und steckte sich auch eine Zigarre an. „So, nun spannt uns nicht länger auf die Folter. Wir wollen alles ganz genau wissen. Ihr seid bestimmt nicht zufällig hier.“ Alle Vogelsangs in der Runde schauten mit neugierigen Blicken zu den beiden jungen Männern, die sie noch nicht so oft zu Besuch hatten. Felix begann zu berichten, wie es dazu gekommen war.

„Albert, mein Vater, gab mir vor einer Woche den Auftrag, den fertigen Goldschmuck nach Wolfenbüttel zu bringen. Herr Brettschneider hatte den Goldring, mit Diamanten besetzt, sowie eine goldene Halskette für seine Frau vor einiger Zeit bei uns bestellt. Seine Frau feiert in einer Woche ihren sechzigsten Geburtstag. Die Bezahlung wurde wie üblich schon bei der Bestellung erledigt. Der Einkauf der edlen Materialien konnte dadurch ohne Risiken für meinen Vater auch in diesen schwierigen Zeiten erfolgen. Solche Reisen hatte ich schon das eine und das andere Mal unternommen“, fuhr Felix fort. „Die Kundschaft ist sehr angetan von der Goldschmiedearbeit meines Vaters. Mit einem Geschäftsmann aus unserer Nachbarschaft fuhr ich in der Kutsche mit nach Wolfenbüttel. Während der holprigen Fahrt schaute ich immer wieder in die verschneite winterliche Landschaft hinaus, die an uns vorbeizog. Meine Gedanken schweiften ab und ich malte mir die buntesten Bilder aus, wie schön und aufregend mein Leben noch werden würde. Da wurde ich plötzlich durch die lauten Worte von Herrn Kunze, der neben mir mit dem Finger zum Fenster hinaus zeigte, aus meinen Träumen gerissen.“

„Schau Felix, da vorn ist Wolfenbüttel zu sehen.“ Nach kurzer Zeit hielt Herr Kunze die Kutsche an. Wir waren in einem Vorort von Wolfenbüttel an gekommen. Er musste jetzt nach links abbiegen, und erklärte mir noch den kürzesten Weg bis in die Stadt. Ich verabschiedete mich von ihm, stieg aus und lief schnurstracks auf das große Tor in der Stadtmauer zu. Den Beutel mit dem wertvollen Goldschmuck presste ich fest unter meinen Arm. Ohne weiteres ließen mich die Torwachen in die Stadt. Auf einem Platz, wo Waren aller Art angeboten wurden, herrschte ein buntes Treiben. Ich fragte eine Marktfrau, wo ich das Haus vom Herrn Brettschneider finden könnte. Die Frau, die dreimal so dick war wie ich, lachte kurz auf und zeigte dann auf das gegenüber stehende Stadthaus mit zwei kleinen Türmchen.“ „Das da mit den Türmchen?“ fragte ich.

„Ja genau, das ist das Haus von Herrn Brettschneider“ bestätigte sie meine Nachfrage. Eiligst lief ich los und schon klopfte ich an die mit Ornamenten verzierte Eingangstür. Ein Diener öffnete. Mit barscher Stimme fragte er mich, was ich wünsche.

„Ich möchte zu Herrn Brettschneider, geschäftlich.“

Nach einem kurzen Moment ließ er mich in den Vorraum eintreten. Herr Brettschneider kam die Treppe herunter und begrüßte mich freundlich. Im Herrenzimmer übergab ich ihm die Schmucksachen. Er begutachtete die wunderschön verarbeiteten Wertstücke eine Weile von allen Seiten und beurteilte sie als hervorragende Arbeiten. Er legte beide vorsichtig in ihre Etuis zurück und danach versteckte er sie in einer Schublade seines Sekretärs. Er fragte mich, wann ich wieder zurück müsste. Ich sagte ihm, dass ich noch einen Tag in Wolfenbüttel bleiben wolle. Mich interessiere die Stadt sehr, die Leute und besonders das Schloss. `Sehr gut´, sprach Herr Brettschneider und klopfte mir fast väterlich auf die Schulter. Er bot mir an, bis morgen bei ihnen zu bleiben und er würde sich darum kümmern, dass ich am nächsten Tag in der Früh nach Hause fahren könnte.

Ich schlenderte den ganzen Nachmittag, bis die Kirchturmuhren sechs Uhr läuteten, durch die belebten Gassen und Straßen von Wolfenbüttel. Beim Abendbrot bei der Familie Brettschneider erfuhr ich, dass ich mit seinem Zwillingsbruder Walter bis nach Vienenburg am nächsten Morgen mitfahren könne. Da ich sehr müde vom vielen Herumlaufen war und sehr zeitig am Morgen aufstehen musste, zog ich mich auf mein Zimmer zurück, wo ich auf dem Bett sofort tief und fest einschlief.

Nach einem herzhaften Frühstück verabschiedete ich mich von der Familie Brettschneider. Schnell stieg ich danach in die vorgefahrene Kutsche mit Kutscher ein. Der Zwillingsbruder, Walter Brettschneider, begrüßte mich freundlich und die Fahrt begann. An diesem kalten Februartag wurde es gar nicht so richtig hell. Die dicken Schneewolken am Himmel ließen keine Sonnenstrahlen hindurch. Der Wind stürmte immer schneller über die Felder und Auen. Als wir durch die Wälder fuhren, beugten sich die Bäume gefährlich zur Seite und teilweise auch über die engen Waldwege, auf denen wir unterwegs waren. Der Kutscher trieb die beiden Pferde immer wieder zu schnellerem Tempo an. Am späten Nachmittag setzte Schneetreiben ein. Es gab nur eine Hoffnung, wir mussten noch vor Einbruch der Dunkelheit die Pferdetauschstation im Hessischen erreichen. Mit Müh und Not erreichten wir die Station. Auf dem Gelände vor der Gastwirtschaft standen schon einige ausgespannte Planwagen und Kutschen. Die nicht sehr befahrenen Straßen, die von hier aus in alle vier Himmelrichtungen weiter führten, waren durch den herumwirbelnden Schnee schon fast nicht mehr zu erkennen. Der Kutscher, Herr Brettschneider und ich eilten mit hochgeschlagenen Mantelkragen zum Wirtshaus. Beim Öffnen der quietschenden, schweren Eichenholztür schlug uns der Mief aus der Kneipe entgegen. Es war ein Gemisch aus saurem Wein und Tabakrauch, das uns um die Nase wehte. Nach dem Eintreten in die große Wirtsstube waren einige Blicke auf uns Neuankömmlinge gerichtet. Beim Schein der flackernden Kerzen konnte man für den Moment gar nicht so recht erkennen, wer an den Tischen saß. Wegen des schummrigen Lichts in der Wirtschaft und den lauten Unterhaltungen der Gäste wurde mir etwas mulmig zumute. Zum Glück hatte ich ja noch die beiden kräftigen Männer, den Kutscher und Herr Brettschneider, um mich herum. Die Wirtin trat an uns heran, sie zeigte auf einen Tisch in einer Nische, an dem noch genügend Platz für uns drei war. Nachdem wir die Bestellungen abgegeben hatten, schauten wir uns erst einmal um. Der Raum war gefüllt mit Reisenden und Fuhrmannsleuten. Die Gäste mussten wohl schon einige Zeit hier drinnen sitzen. Die vernebelte, stark nach Tabak riechende Kneipenluft wollte einfach nicht durch die weit geöffnete Zwischentür, die zum zweiten Kneipenraum führte, abziehen. Nach einer Weile, die warme Suppe mit Brot war verzehrt und der Humpen Bier fast leer, wurde die Tür zur Wirtschaft aufgestoßen.

Der draußen tobende Schneesturm, wirbelte seine weißen Schneeflocken durch die geöffnete Eingangstür in die Gastwirtschaftsstube.

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