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Wolke 7 ist auch nur Nebel

Über die Autorin

Mara Andeck (geboren 1967) schreibt gern über die Liebe – und sie hat ihre ganz eigenen Theorien darüber. Wie es sich für eine gelernte Wissenschaftsjournalistin gehört, interessiert sie sich dabei besonders für die wissenschaftliche Seite des Phänomens. Dass sie darüber witzig, romantisch und so gar nicht knochentrocken schreibt, zeigt sie auch in ihrem neuesten Jugendbuch. Die Autorin, die 2013 mit Wen küss ich und wenn ja, wie viele? ihr Debüt hatte, lebt mit ihrer Familie und zwei Hunden in einem kleinen Dorf bei Stuttgart.

MARA ANDECK

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WOLKE 7
IST AUCH NUR
NEBEL

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MOYAS LIEBESEXPERIMENT

BASTEI ENTERTAINMENT

Für meine
zauberhaften, chaotischen, scharfsinnigen, kreativen
Töchter

Es gibt zwei Arten, sein Leben zu leben: entweder so,
als wäre nichts ein Wunder, oder so, als wäre alles eines.

Ich glaube an Letzteres.

ALBERT EINSTEIN

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LOVE TEST TEIL 1 – DIE STUDIE

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1 MOYA

Ich griff zum Handy und wählte Lenas Nummer. Es tutete mindestens zehn Mal, aber sie ging nicht dran. Unruhig trommelte ich mit den Fingern auf die Tastatur meines Computers. Wo steckte sie nur?

Endlich hörte ich ihre Stimme. »Hey, Moya, wie geht’s?« Sie klang, als wäre sie eben erst aufgewacht.

Komisch. Es war Samstagnachmittag, halb vier. Nächste Woche begannen die Abiprüfungen, und Lena sollte jetzt wirklich lernen. Wenn sie an der Journalistenschule studieren wollte, von der sie träumte, brauchte sie richtig gute Noten. Ich wollte schon den Mund aufmachen, um ihr das zu sagen, aber dann klappte ich ihn schnell wieder zu. Genau genommen sollte ich jetzt ja auch lernen und tat es nicht.

»Ich hab was gefunden!«, schmetterte ich stattdessen in den Hörer. »Wir werden Versuchskaninchen!«

»Versuchskaninchen?« Lena dehnte das Wort, als hätte ich etwas Unanständiges gesagt.

»Genau. Bist du online? Gib mal www.testpersonen-gesucht.de ein.«

»Hmmm.«

»Siehst du das? Die suchen Leute für Forschungsprojekte. Testesser, fünfundzwanzig Euro pro Mahlzeit. Testschläfer, hundert pro Nacht. Und hier, da werden sogar Leute gesucht, die unter wissenschaftlicher Aufsicht fernsehen. Dafür bekommt man fünfzehn Euro für eine halbe Stunde. Mensch, rechne das mal zusammen. Wenn wir das ein Wochenende lang durchziehen, dann haben wir sage und schreibe zweihundertvierzig Euro verdient, und dafür nur genau das getan, was wir sowieso tun, wenn die Prüfungen endlich rum sind: essen, schlafen, fernsehen.«

Lena schwieg.

»Hey!« Ihr Desinteresse ärgerte mich. »Zweihundertvierzig Tacken. Pro Nase. Das ist fast ein Zehntel von dem Betrag, der uns noch fehlt. Außerdem dienen wir damit der Wissenschaft. Und Spaß macht es bestimmt auch.« Sie musste doch kapieren, was diese Entdeckung für uns bedeutete. Für ein Jahr Work and Travel in Neuseeland brauchte man ungefähr fünftausend Euro. Lena und ich jobbten schon seit einem Jahr dafür und hatten beide gerade mal die Hälfte zusammen.

Trotzdem sagte Lena wieder nichts. Wahrscheinlich war sie immer noch im Halbschlaf. »Pass mal auf.« Ich sprach betont langsam und deutlich. »Klick mal auf ›Angebote‹ und dann auf ›Medizin/Psychologie‹. Da gibt’s am meisten Geld. Allein in Berlin laufen zurzeit zehn Studien, die infrage kommen. Ist das toll oder ist das toll?«

»Hmmm«, brummte Lena wieder. Irgendwie hörte ich etwas in ihrer Stimme, das da nicht hingehörte. Plötzlich wurde ich hellhörig.

»Lenalein?«

»Ja?« Ihre Stimme war auf einmal eine halbe Oktave zu hoch.

»Was ist los? Du klingst so komisch.«

»Alles okay«, piepste sie noch höher. Und dann schniefte sie ein bisschen.

»Lena?«, fragte ich ganz vorsichtig.

Auf einmal wurde das Schniefen lauter. Und noch lauter. Und dann explodierte das Telefon an meinem Ohr. Zumindest hörte es sich so an. »Hiiib, hiiib, hiiib«, machte Lena beim Einatmen. Und »pfrrr« beim Ausatmen.

»Lena!« Ich sprang auf und fiel dabei fast vom Stuhl. »Nicht weinen! Sag ganz schnell, was passiert ist!«

»Hiiib, hiiib, hiiib«, machte sie schon wieder, aber dann kam doch etwas Neues: »Pfrrrtrick.«

»Patrick?«, riet ich.

Sie jaulte auf, also hatte ich richtig geraten. Das war aber auch nicht schwer gewesen. Seit drei Monaten waren Lena und Patrick ein Paar, und seitdem ging es in jedem unserer Gespräche irgendwann um ihn. Entweder war alles gut, dann schwebte sie auf Wolke sieben, oder Patrick hatte irgendetwas falsch gemacht, dann schäumte sie über wie eine durchgeschüttelte Sprudelflasche. Aber so verzweifelt wie jetzt hatte sie noch nie geklungen.

»Her his heit hestern mit Halice husammen«, schluchzte Lena jetzt.

Nee, oder? Das konnte ich doch jetzt nur falsch verstanden haben. »Er ist mit Alice zusammen? Seit gestern???«

Treffer. Sie schluchzte wieder.

Okay, das war ernst. »Wo bist du?«, fragte ich im Befehlston.

»Zuhauhauhause.«

»Bleib, wo du bist! Ich bin gleich da.«

Fünfzehn Minuten später stand ich schwer atmend vor Lenas Haus. Normalerweise brauchte ich für die Strecke mit dem Fahrrad genau fünfundzwanzig Minuten. Diesmal aber war ich durch die Stadt gejagt, als wäre das hier die letzte Etappe der Tour de France. Ich warf mein Rad ins Gebüsch und bohrte meinen Finger förmlich in die Klingel.

Als der Summer ertönte und die Tür aufsprang, nahm ich auf dem Weg nach oben jeweils drei Stufen auf einmal.

Lena stand im Flur. Ihr zartes Gesicht war bleich und aufgequollen, die blonden Haare waren verwuschelt, ihre Augen verweint. Sie zog ihre Strickjacke fest um sich, dabei war es gar nicht kalt.

Ich stolperte in die Wohnung, ließ mich gegen die Wand fallen und sank langsam zu Boden. Okay, das war ziemlich theatralisch, aber genau das sollte es auch sein. Als Lena grinsen musste, wusste ich, dass ich fast gewonnen hatte. Das war es, was sie jetzt brauchte: einen Grund zu lächeln, ob sie wollte oder nicht. Selbst wenn sie nur die Mundwinkel hochzog und mir zuliebe so tat, würde ihr Gehirn Glückshormone ausschütten – sie konnte dann aus rein biochemischen Gründen gar nicht mehr so richtig traurig sein, egal, was passiert war.

Und tatsächlich. Obwohl an ihren Wimpern immer noch eine Träne hing, sah sie plötzlich wieder eher aus wie Lena. Das war gut. Nächster Schritt. Bei Körperkontakt schüttet das Gehirn ein Kuschelhormon namens Oxytocin aus, und das macht ebenfalls automatisch glücklich. Ich nahm Lena daher in den Arm und drückte sie so fest, dass sie quietschte. Wieder musste sie lachen, und ich wertete das als Erfolg.

Aber dann machte ich einen dummen Fehler. »Wirst schon sehen«, sagte ich siegesgewiss, legte meinen Arm um ihre Schulter und schob sie auf ihr Zimmer zu. »Das geht vorüber. Wir arbeiten gemeinsam dran, und in spätestens zwei Wochen ist Patrick Luft für dich. Schlechte Luft.«

Autsch. Das hätte ich nicht sagen sollen, denn sofort füllten sich Lenas Augen erneut mit Tränen. Sie rannte in ihr Zimmer und warf sich aufs Bett. »Hiiib, hiiib, hiiib«, drang es erstickt aus den Kissen. Alle Glückshormone waren futsch.

Okay, jetzt half leider doch nur noch das klassische Freundinnen-Liebeskummer-Ding, das ich aus Filmen kannte: zu zweit mit Esslöffeln Vanilleeis aus einer Großpackung essen, reden, reden, zuhören, nicken, Taschentücher reichen, alle Männer doof und das Leben beschissen finden. Und das Ganze, wenn’s sein musste, bis zum Morgengrauen. Ich seufzte. Das hatte ich uns beiden eigentlich ersparen wollen, aber jetzt mussten wir da durch. Und so schwer konnte es ja nicht sein, oder?

War es aber. Nach zwei Stunden war mir schlecht. Erstens von dem vielen Eis und zweitens von dem, was Lena sagte.

»Kennst du das?«, fragte sie. »Kennst du das, wenn du jemanden siehst, den du eigentlich schon ewig kennst, und nie war da was zwischen euch, aber auf einmal steht er da, auf einer Party, und du kannst deinen Blick nicht mehr von ihm lösen? Und seine Freunde reden gerade mit ihm, aber er sieht auf, eure Blicke treffen sich, und er verliert total den Faden. Und plötzlich sagt er gar nichts mehr, er reagiert nicht mal mehr auf seine Kumpels, obwohl ihn einer von ihnen sogar gegen die Schulter boxt. Er sieht nur noch dich, und ihr versinkt gegenseitig in euren Augen. Kennst du das? Deine Seele trifft eine verwandte Seele. Das ist ein magischer Moment.« Sie schniefte und nahm noch einen Löffel Eis. »So war das bei Patrick und mir. Auf dieser Party, als alles begann.« Ich reichte ihr ein neues Taschentuch, mit dem sie ihre Augen betupfte.

Nein. Das kannte ich nicht. Ich verliebe mich nämlich selten. Eigentlich nie, wenn ich’s genau betrachte. Also, nie so richtig. Ich hatte schon manchmal was laufen, klar, gehört ja irgendwie zum Leben dazu. Aber Magie? Echt nicht. Und den Beginn der gemeinsamen Geschichte von Lena und Patrick kannte ich so auch nicht, einfach, weil es so nicht gewesen war. Ich war nämlich an diesem Abend auch auf der Party gewesen. Patrick war schon bei unserer Ankunft so blau gewesen, dass er garantiert keinem mehr lange in die Augen sehen konnte. Den Faden hatte er aus demselben Grund verloren. Und versunken ist Lena an diesem Abend in etwas ganz anderem als seinen Augen. Irgendwann hat er nämlich nach dem Papierkorb der Gastgeber gegriffen und sich den ganzen Wodka, den er getrunken hatte, noch einmal durch den Kopf gehen lassen. Dabei hat er den Korb verfehlt und aus Versehen auf Lenas Schuhe gereihert. So war das gewesen, und ähnlich magisch und romantisch ging es weiter. Patrick, dieses testosterongesteuerte Schrumpfhirn, dieses Berufs-Söhnchen, dieser Möchtegern-Rich-Boy, hat selbst, als er schon längst mit Lena zusammen war, immer noch alles angebaggert, was nicht bei drei auf dem Baum war. Und dann hat er von Lena erwartet, dass sie ihn für seine angebliche Beliebtheit bei den Mädels auch noch bewundert. Und Alice. Also echt. Dass er auf ihre offensichtliche Anmache reingefallen war, bewies nur wieder meine Theorie vom Schrumpfhirn.

Mal ehrlich: Klang diese »Liebesgeschichte« nach Verzauberung? Nach Seelenverwandtschaft? Nach forever yours? Lena fand das. Ich nicht.

Aber das sagte ich jetzt natürlich nicht, obwohl es mir schwerfiel. Ich meine, da saß diese wunderhübsche, kluge, witzige Lena, die jetzt eigentlich für ihr Abi lernen und nebenher noch unsere große Reise planen sollte. Die Lena, die es wirklich verdient hatte, glücklich zu sein. Und diese meine Lieblings-Lena weinte bitterlich. Um einen Idioten, einen Wurm, einen charakterlichen Grobmotoriker, der sie betrogen hatte. Und jetzt – das war der Hammer –, jetzt fragte sie auch noch: »Hab ich was falsch gemacht?« Sie?! Ich hörte wohl nicht richtig!

Rasch stützte ich meinen Kopf in beide Hände und presste mir dabei unauffällig die Finger auf den Mund, damit ich bloß nicht sagte, was ich dachte. Aber zwei Hände reichten dafür nicht aus, so sauer, wie ich war.

»Lena«, sagte ich durch die Finger hindurch. »Du doch nicht! Er! Patrick ist ein personifizierter Fehler auf zwei Beinen.«

Lena schüttelte heftig den Kopf. »Patrick hat das doch auch nicht gewollt. Es ist ihm einfach so passiert. Vielleicht war seine Liebe einfach plötzlich weg.« Sie schniefte. »Oder seine Gefühle zu Alice waren eben stärker. Da kann er doch nichts für.«

Ich schnaubte. »Liebe? Gefühle? Hormone waren das.«

»Oh!« Sie riss die Augen auf und starrte mich an. »Glaubst du etwa, dass er mich nicht geliebt hat?« Wieder rann eine Träne über ihre Wange.

»Nein! Obwohl, das heißt, ich meine …« Ich überlegte, ob ich sagen sollte, was ich wirklich dachte. Doch vermutlich war das nicht der passende Moment.

Lena schnäuzte sich lautstark in ein Taschentuch und sagte dann undeutlich durch die drei Papierlagen: »Na los. Sag’s halt. Ich seh dir doch an, dass was in dir arbeitet.«

»Hmmm. Kann es nicht sein, dass du dich irrst?«, fragte ich zögernd. »Also, ich meine, kann es nicht sein, dass er dich nicht geliebt hat und dass auch du Patrick nicht geliebt hast? Dass da der Fehler lag? Also in der Benennung des Gefühls?«

»Wie meinst du das?«, fuhr Lena auf. »Glaubst du, ich spiel dir hier was vor?«

Beschwichtigend hob ich beide Hände. »Nein, natürlich nicht!« »Nur – was wäre, wenn es Liebe gar nicht gäbe? Wenn dieser ganze Romantikquatsch nur eine publikumswirksame Erfindung wäre, so wie der Yeti oder das Ungeheuer von Loch Ness? Dann wären wir alle ganz schön bescheuert, weil wir uns Probleme schaffen, wo in Wahrheit gar keine sind, oder?«

»Der Yeti?«, fragte Lena und machte die Augen ganz schmal. »Probleme, wo gar keine sind?«

Oje. Das lief nicht gut. Gar nicht gut. Trotzdem, jetzt gab es kein Zurück mehr. »Lena, lass uns das doch einfach mal ganz kühl und nüchtern betrachten. Ich denke darüber schon länger nach. Liebe könnte doch eine Art Massenwahn sein. Eine künstlich erzeugte Sucht nach einer Droge, die es gar nicht gibt. Erschaffen durch die größte PR-Kampagne in der Geschichte der Menschheit. Das heißt: Eigentlich geht’s hier um Sex, um Hormone und um die Angst vorm Alleinsein. Und die rosarote Soße dient nur dazu, uns auf einem Nebenschauplatz des Lebens zu beschäftigen und zu binden. Weil’s die Gesellschaft stabilisiert oder so.«

Lena schnappte nach Luft.

»Halt, widersprich noch nicht«, bremste ich sie. »Hör’s dir einfach mal an und trau dich, diesen Gedanken zuzulassen. Man muss doch eigentlich nur mal nachdenken, um das zu durchschauen: Was sind denn die ersten Geschichten, die uns als Kinder in ihren Bann ziehen? Märchen! Und wie enden die? Na? Ganz klar: Prinz und Prinzessin kriegen sich und dann – erst dann! – leben sie glücklich bis an ihr Lebensende. Später kommen dann Liebesromane, Liebesfilme, Theaterstücke, Liebesgedichte, angebliche Liebesgeschichten aus dem wahren Leben, meistens von Promis, die kein Mensch persönlich kennt, bla, bla, bla. Man kann dem ganzen Liebesgetue ja gar nicht entkommen. Wir werden also auf Liebesromantik geprägt wie ein Entenküken auf seine Mami. Und das macht die meisten von uns blind für ein eigentlich ganz offensichtliches Phänomen: Wo sind sie denn im wahren Leben, diese Paare, die sich in einem romantischen Moment in die Arme sinken und dann glücklich bis an ihr Lebensende zusammenleben? Schon mal eins davon persönlich gekannt? Ein wirklich glückliches? Also eins, das sich nicht spätestens bei der Frage nach der Gestaltung des Abendprogramms heillos verkracht? Mal ehrlich, ich kenne keins!«

»Und was war mit Patrick und mir?« Lenas Stimme klang auf einmal gefährlich ruhig.

»Na, wenn’s Seelenverwandtschaft gewesen wäre, dann wäre er doch jetzt nicht mit Alice zusammen. Oder hat er rein seelisch betrachtet eine so große Verwandtschaft?«

Lena sah auf die Uhr. »Moya, ich glaube, du musst jetzt nach Hause.«

Ich schüttelte den Kopf. »Muss ich nicht. Hast du schon mal vom Noceboeffekt gehört?«

»Nein. Und im Moment will ich auch gar nicht …«

»Also, das ist der Gegenteil vom Placeboeffekt. Nocebo heißt: Wenn du ganz fest daran glaubst, dass eine negative Körperreaktion eintritt, dann kann sie auch tatsächlich eintreten.«

»Eine negative Körperreaktion?«, fragte Lena.

Ich überhörte die Warnung in ihrer Stimme. »Ja. Wie zum Beispiel Liebeskummer.«

»Du spinnst ja.«

»Okay, wir nehmen erst mal ein anderes Beispiel. Den koreanischen Ventilatortod. In Korea glauben viele Leute, dass sie sterben, wenn sie nachts vergessen, ihren Ventilator auszuschalten. Sie sind der festen Überzeugung: Ventilator plus Schlaf ist gleich Tod. Aber in Korea ist es im Sommer heiß, und sie brauchen Ventilatoren, und manchmal schlafen sie dabei ein. Und weißt du was? Tatsächlich sterben in Korea in jedem Sommer Menschen unter mysteriösen Umständen, die in einem Raum mit laufendem Ventilator geschlafen haben. Überall sonst auf der Welt stirbt daran keiner. Und warum? Es liegt wohl einfach daran, dass die Koreaner so fest daran glauben.«

»Und was hat das mit mir zu tun?« Lenas Stimme klang jetzt ziemlich scharf.

»Na, ich denke, man kann das übertragen. Wenn man nur fest genug glaubt, dass es wahre Liebe gibt, dann wird man sich irgendwann wirklich in einen Typen so sehr verlieben, dass man vor Kummer fast den Verstand verliert, wenn er einen verlässt. Du müsstest dir also jetzt nur klarmachen, dass Patrick in Wahrheit …«

»Was?«

Ein Idiot ist, hatte ich sagen wollen, und dass es Liebe sowieso nicht gibt. Aber die Wörter blieben mir im Hals stecken. Inzwischen musterte Lena mich mit eiskalten Augen. »Vielleicht ist Freundschaft ja auch nur eine Art Massenwahn«, sagte sie langsam.

Autsch. Es war wohl besser, dieses Gespräch schnell zu beenden. »Ich glaub, ich muss los.« Ich erhob mich und Lena nickte nur.

Super, dachte ich, als ich draußen vorm Haus mein Fahrrad aus dem Gebüsch zog. Das hatte ich ja richtig gut gemacht. Jetzt hatte Lena nicht nur Liebeskummer, jetzt hatte sie auch noch ein Problem mit mir. Und ich hatte Angst, meine Freundin gekränkt zu haben. Zu Recht. Ich war richtig blöd gewesen. Sie wollte reden, und stattdessen hatte ich sie vollgequatscht. Warum hatte ich nicht einfach die Klappe gehalten?

Bestimmt hat Lena deswegen getan, was sie später an diesem Abend tat. Sie war einfach wütend.

2 LENA

Ich war an diesem Tag nicht wirklich sauer auf Moya. Ich war nur genervt. Das habe ich gemerkt, als sie weg war. Ich wusste ja, wie Moya tickt, und hatte sowieso irgendeine wissenschaftliche Theorie von ihr erwartet. In diesem Moment hatte ich aber echt andere Sorgen. Und ich musste dringend nachdenken, da bin ich unfreundlich geworden. Ich war eindeutig nicht in Bestform.

Ich kam mir vor wie eine Sanddüne, die von Gedankenwellen ausgehöhlt wird und gleich in sich zusammenstürzt. Und so war’s dann auch. Als Moya weg war, bin ich komplett zusammengeklappt und musste erst mal ungestört alles aus mir rausweinen. Ich hatte das mit Patrick und Alice ja erst ein paar Minuten vor ihrem Anruf erfahren. Er war vorbeigekommen und hatte es mir gesagt.

Als Moya dann kam, habe ich mich sehr gefreut. Ich war dankbar für die Ablenkung, und es war eigentlich fast egal, was sie gesagt hat. Richtig oder falsch, das gab es in diesem Moment gar nicht. Es ging einfach nur darum, dass sie da war.

Aber irgendwann musste ich mich dann meinen Gedanken stellen, und sie hatte sich gerade total in diesen Liebe-Gibt-Es-Gar-Nicht-Quatsch reingeredet. Deswegen war es besser, dass sie erst mal gegangen ist.

Ich weiß ja, warum sie das alles gesagt hat, aus Selbstschutz, schon klar. Wenn man wie sie dreimal täglich eine Liebeserklärung von wildfremden Jungs erhält, einfach nur, weil man so hübsch ist, bekommt man natürlich Zweifel an der Liebe. Sie muss eben die Spreu vom Weizen trennen, und Hormone spielen dabei bestimmt eine große Rolle. Und dann die Sache mit ihren Eltern. Sie führen eine so distanzierte Beziehung, da ist es nicht verwunderlich, dass Moya das mit der Liebe nüchtern sieht. Aber ich konnte da in dem Moment nicht drauf eingehen. Es ging einfach nicht.

Als ich mich wieder beruhigt hatte, habe ich dann aber noch lange über Moyas Worte nachgedacht.

Ist Liebe so was wie der Yeti? Ja, vielleicht hat sie recht, möglicherweise gibt’s da Parallelen, aber anders, als Moya denkt. Der Affenmensch mit Zottelfell, der angeblich im Himalaya lebt, den gibt es sicher nicht, der ist nur ein Mythos. Aber in einigen Himalaya-Sprachen ist »Yeti« das Wort für Braunbär. Und es gibt Hinweise darauf, dass im Himalaya vielleicht wirklich eine noch unbekannte Bärenart lebt.

Genau so könnte es auch mit der Liebe sein: Die Sorte, die uns in Märchen, Filmen und Romanen versprochen wird, gibt es nicht. Und Moya hat sicher recht, Liebespaare, die nie streiten, gehören auch ins Reich der Legenden. Aber trotzdem gibt es Liebe. Meine Großeltern zum Beispiel haben sich fünfzig Jahre lang innig geliebt.

Woher ich das weiß? Ich habe es gesehen. Als meine Oma dieses Zittern in den Fingern bekam, das sie daran hinderte, ihren Alltag selbst zu bewältigen, hat mein Opa immer mehr ihrer Aufgaben übernommen, obwohl er eigentlich ein typischer Macho war und Kochen und Haushalt so gar nicht sein Ding waren. Okay, das beweist noch nichts, irgendwer musste ja für sie einspringen. Aber jetzt kommt’s: Man muss wissen, dass meine Oma sich immer gern hübsch gemacht hat, das war ihr wichtig. Kostüm, passender Hut, schicke Frisur, Make-up. Doch schminken konnte sie sich irgendwann nicht mehr. Eines Morgens war ich bei ihnen und wollte sie zu einem Ausflug abholen. Sie waren noch nicht fertig, also wartete ich im Wohnzimmer. Die Tür zum Flur stand einen Spalt weit offen, und da habe ich gesehen, wie er vorm Garderobenspiegel ganz vorsichtig mit einem Lippenstift ihre Lippen betupft hat. Und dann hat er sie angesehen und gesagt: »Du siehst wundervoll aus.« An seinen Augen erkannte ich, dass das keine Floskel war. Er fand sie wirklich wunderschön. Ich musste vor Rührung weinen. Das war nämlich echte Liebe und hatte mit Hormonen überhaupt nichts zu tun.

War das mit Patrick so eine Liebe wie bei meinen Großeltern? Gute Frage! Nüchtern betrachtet muss ich zugeben: Natürlich nicht. Noch nicht. In den ersten Monaten einer Beziehung ist vermutlich alles erst mal »nur« Verliebtheit. Wobei »nur« nicht abwertend gemeint ist. Verliebtsein ist umwerfend und atemberaubend und der Anfang von etwas. Und ich war gespannt und voll Hoffnung, was aus mir und Patrick werden könnte. Tatsächlich war’s dann der Anfang vom Ende.

Ich habe also im eigentlichen Sinne des Wortes keine Liebe verloren. Das stimmt. Aber ich bin trotzdem unendlich traurig, immer noch, und das rede ich mir nicht nur ein.

Moya würde jetzt sagen: Das ist Liebeshormonentzug, und der fühlt sich genauso fies an wie ein Drogenentzug. Was sie aber vielleicht einfach nicht weiß: Das, was man Liebeskummer nennt, ist nicht nur etwas Körperliches, wie sie behauptet. Bei dieser Sorte Kummer schmerzt der ganze Mensch. Da ist zum einen dieses Verlust-Gefühl: Ich habe eine Seite von Patrick kennengelernt, die andere nie gesehen haben. Ich habe Momente mit ihm geteilt, in denen er ganz anders war als der Patrick, den man in der Schule oder auf Partys erlebt. Liebenswert, zärtlich, offen. Und wenn ich in seine Augen gesehen habe, dann war es, als würden wir zusammen einen geheimnisvollen, wunderschönen Raum betreten, eine Art Schatzkammer, die für alle anderen verschlossen war. Dort waren wir glücklich. Jetzt ist er mit Alice dort. Und das tut richtig weh.

Doch dann ist da auch noch dieses andere Kummergefühl. Es hat was mit Selbstzweifeln zu tun. Warum sie und nicht ich? Woran hat’s gelegen? Bin ich ein unangenehmer Mensch? Küsse ich schlecht? Benehme ich mich linkisch und doof? Oder bin ich nicht hübsch genug?

Aber egal, darum sollte es hier ja gar nicht gehen. Ich wollte nur kurz erklären, warum ich damals so reagiert habe und wie das mit dem Love Test angefangen hat.

Das ist schnell getan: Moya ist weggegangen. Ich hab Rotz und Wasser geheult. Danach schmerzte mein Kopf, und ich wollte durchatmen und mich eine Weile von meinem Kummer ablenken. Ich habe also die Homepage angesehen, die Moya mir empfohlen hatte, und da ein bisschen rumprobiert. Verschiedene Orte und Termine eingegeben, verschiedene Themenbereiche angeklickt. Dabei habe ich ihn entdeckt, den Love Test. Hier in Berlin. Und weil Moya gesagt hatte, dass es wahre Liebe gar nicht gibt, musste ich dabei natürlich sofort an sie denken. Also hab ich sie einfach angemeldet, und ihr mit einem kurzen Kommentar die Unterlagen geschickt. Ich fand das witzig. Wenn sie nicht will, dann muss sie ja nicht hingehen, hab ich gedacht. Ich hab diesen Test für harmlos gehalten. Wer nicht an die Liebe glaubt, dachte ich, dem kann dabei nichts passieren. Ich konnte ja nicht ahnen, dass gerade ihre Zweifel sie zum interessanten Testobjekt machen würden.

Und auch auf den Gedanken, dass sie mir zuliebe teilnehmen würde, bin ich nicht gekommen. Dabei ist das so typisch für Moya. Sie hatte ein schlechtes Gewissen und wollte bei mir was gutmachen.

Oh Mann, ich wünschte, ich hätte das nicht getan!

3

Von:

Lena Falk <lena.falk@gmx.net>

An:

Moya Berger <berger.moya@gmail.com>

Betreff:

Da musst du hin …

… denn ich hab dich angemeldet (siehe unten). Termine kommen per Post.

Alles Liebe

Lena

Love Test – Infos für Studienteilnehmer

Ziel:

Was ist Liebe?

Ist sie Schicksal? Magie? Seelenverwandtschaft? Oder nur ein Rausch der Hormone? Das sind die Fragen, die wir uns am Institut für interdisziplinäre Psychologie im Rahmen einer Studie stellen. Dazu suchen wir männliche und weibliche Teilnehmer im Alter von 18 bis 25 Jahren.

Zeitrahmen:

Drei aufeinanderfolgende Tage an einem Wochenende im Juni/Juli (Fr/Sa/So., 9–17 Uhr), Termin nach Vereinbarung

Was kommt auf die Teilnehmer zu?

An Tag 1 ermitteln wir mit Fragebögen die persönliche Einstellung der Teilnehmer zum Thema Liebe.

An Tag 2 finden verschiedene medizinische und biochemische Tests statt (Speichelproben, Blutabnahme …).

An Tag 3 unterziehen sich die Teilnehmer speziellen Verhaltenstests, die von Anthropologen ausgewertet werden.

Ausschlusskriterien für die Teilnahme:

Sofern moralische, ethische, religiöse oder andere Bedenken gegen Körperkontakt mit Testpersonen des anderen Geschlechts bestehen, ist die Teilnahme nicht möglich.

(Hinweis: Es kommt dabei NICHT zu sexuellen Kontakten!)

Aufwandsentschädigung

Für die Teilnahme an allen drei Untersuchungstagen erhalten die Testpersonen insgesamt 300 Euro. Eine Teilnahme an nur einem oder zwei Tagen ist nicht möglich. Bei vorzeitigem Abbruch der Studie kann keine Aufwandsentschädigung geleistet werden.

Datenschutz

Alle Angaben und Messwerte der Studienteilnehmer werden streng vertraulich behandelt und anonymisiert. Sie werden nur bis zum Abschluss der Studie gespeichert, also ca. sechs Monate lang. Einige Teilnehmer erhalten nach der dreitägigen Studienteilnahme die Gelegenheit zu weiteren Tests.

Sie interessieren sich für eine Studienteilnahme oder haben noch Fragen?

Gerne können Sie sich unverbindlich bei uns informieren.

Wir freuen uns auf Ihren Anruf oder Ihre Mail!

Ihre Ansprechpartnerin:

Dr. T. Gutmann

Institut für interdisziplinäre Psychologie an der Freien Universität Berlin

Tel.: 030/2045699

Mail: gutmann@ifip.de

4 MOYA

Da musst du hin, hatte Lena in ihrer Mail geschrieben. Musste ich natürlich nicht. Aber okay, ich würde teilnehmen, als Friedensangebot sozusagen. Der Test klang ja ganz interessant.

Bei der Sache mit dem Körperkontakt stutzte ich kurz, aber ich wusste, dass mich bei einer wissenschaftlichen Studie niemand zu irgendetwas zwingen durfte. Und gegen ein bisschen Händchenhalten zu Forschungszwecken hatte ich nichts einzuwenden.

Dann vergaß ich den Love Test, denn in der Prüfungszeit verschwamm die Welt um mich herum wie in einem nebligen Traum. Mein Vater fuhr mich an jedem Prüfungstag zur Schule, weil er mir beistehen wollte, obwohl das gar nicht nötig war. Dabei sah er jedes Mal so bekümmert aus, als müsse er selbst gleich über den Aufgaben brüten. Es war an diesen Tagen ungewöhnlich heiß, und wir kämpften in den stickigen Klassenräumen mit der Hitze. Papierrascheln, Stühlerücken, Lehrer, die mich mit strengen Wehe-du-schreibst-ab-Blicken durchbohrten. Lena war in dieser Zeit kreidebleich, sie wirkte unkonzentriert und teilnahmslos. Lag das an den Prüfungen oder an Patrick und Alice? Sie behauptete, sie sei nervös, das sei ganz normal. Aber ich bin sicher, dass ihr die Prüfungen komplett egal waren, so wie ihr auf einmal alles egal war. Sie versuchte, tapfer zu sein, doch ich kannte sie gut und wusste, dass sie das nur spielte.

»Weißt du, eigentlich geht es mir ohne Patrick doch viel besser«, sagte sie eines Morgens, als wir zum Kaffeeautomaten liefen. »Ich brauche ihn nicht. Er hat mich wirklich oft runtergezogen. Und ich komme jetzt auch gut damit klar, dass er mit Alice zusammen ist. Ich bin viel stärker, als er denkt.« Es war offensichtlich, dass sie sich damit vor allem selbst überzeugen wollte. Doch nicht einmal das gelang ihr sonderlich gut, wie ihre angespannten Gesichtszüge verrieten.

Trotzdem nickte ich natürlich und lächelte sie ermutigend an.

Gerade wollte ich den Mund aufmachen, um etwas Aufbauendes zu sagen, da ergoss sich warmer Kaffee über meinen linken Turnschuh. Lena war der Becher aus der Hand gefallen. Sie stand wie versteinert da und starrte auf eine Vitrine im Flur, in der deformierte Gipszwerge ausgestellt waren, Kunstwerke der Fünftklässler. Diese Wesen sahen wirklich krass aus, aber musste Lena mich deswegen gleich mit Kaffee begießen? Zum Glück war die Plörre aus dem Schulautomaten immer lauwarm, sonst hätte ich jetzt gekochte Zehen gehabt.

Und dann bemerkte ich den wahren Grund für Lenas Schockstarre: In der Ecke neben der Vitrine standen Patrick und Alice. Sie hatte sein Gesicht mit ihren Händen umfasst und küsste ihn zärtlich. An ihrem Handgelenk fiel mir das breite Lederband auf, das bisher sein Markenzeichen gewesen war.

Ich wollte etwas sagen, aber Lena war plötzlich weg, und ich sah nur noch, wie die Tür zu den Mädchentoiletten zuschlug. Ich versuchte, nicht in der Kaffeepfütze auszurutschen, und rannte ihr nach. Als ich an den beiden vorbeilief, knutschten sie immer noch.

Aus der Kabine am Fenster hörte ich gedämpftes Schluchzen.

»Lena?«

»Hiiib, hiiib, hiiib. Doch nicht tapfer«, piepste es hinter der Tür.

»Doch, bist du. Du machst das super. Und du hast recht, du brauchst den nicht.«

Ich musste zwanzig Minuten lang auf Lena einreden, bevor sie bereit war, die Kabine zu verlassen und zur Prüfung anzutreten. Wir erschienen gerade noch rechtzeitig, Lena mit rotgeweinten Augen. Sie tat mir unendlich leid. Selbst wenn es die Liebe nicht gab – Lena war mit Patrick glücklich gewesen, und dieses Glück war jetzt vorbei. Das konnte ich nicht wegdiskutieren.

Und das versuchte ich auch gar nicht mehr, denn ich hatte dazugelernt. Statt sie zu belehren, gab ich mir alle Mühe, Krisensituationen vorherzusehen und Lena daran vorbeizumanövrieren. Ich kam deswegen jeden Morgen ein paar Minuten früher und checkte den Weg zum jeweiligen Prüfungsraum. Und wenn Patrick und Alice da irgendwo rumstanden, suchte ich nach Umwegen. Trotzdem liefen die Prüfungen bei Lena nicht gut, war ja klar.

Doch alles Übel nimmt irgendwann ein Ende, und schließlich hatten wir die letzte Prüfung geschafft. Endlich feiern! Und das Beste war: Ich hatte gehört, dass Patrick und Alice mit ein paar Leuten eine Hütte an einem See gemietet hatten, sie waren also weg, die Luft war rein. Deswegen zog ich Lena einfach in den Trubel hinein, obwohl ihr erst überhaupt nicht nach Feiern zumute war. Aber manchmal muss man sich eben zwingen, und tatsächlich konnte Lena ihren Kummer ab und zu vergessen.

Als wir dann Samstagnacht nach einer Bad-Taste-Party auf einer Wiese im Park lagen und in den Sternenhimmel blickten, waren wir beide glücklich.

»Nach denen greifen wir jetzt«, sagte ich und zeigte nach oben. »Bis heute waren wir gefangen wie Zootiere. Aber jetzt sind wir frei. So frei wie noch nie.«

Lena war nicht so euphorisch wie ich. »Ähm, du weißt schon, dass wir noch mündliche Prüfungen haben, oder?«

»Ja klar. Aber da gehen wir rein und sagen tschüss, und das war’s dann«, behauptete ich. »Und dann fängt das Leben an.« Ich zitierte einen Spruch, den ich mir vor einem Jahr über den Schreibtisch gehängt hatte, an dem Tag, an dem Lena und ich unsere Neuseeland-Reise beschlossen hatten: »In zwanzig Jahren wirst du dich mehr über die Dinge ärgern, die du nicht getan hast, als über diejenigen, die du getan hast. Also wirf die Leinen los. Verlasse den sicheren Hafen. Lass den Passatwind in deine Segel wehen. Erforsche. Träume. Entdecke.«

Lena drehte sich zu mir um, stützte ihr Kinn in beide Hände und sah mich sorgenvoll an. »Moya! Ist das der Alkohol?«

Ich lächelte sie an. »Nein. Das ist Mark Twain.« Und dann betrachtete ich wieder die Sterne. »Selbstleuchtende Himmelskörper aus Gas und Plasma. Sie sind so weit von uns entfernt, dass ihr Licht Jahre braucht, um uns zu erreichen. Manche sind schon längst erloschen, aber wir können sie immer noch sehen. Ist das nicht romantisch?«, fragte ich.

»Nö«, sagte sie. Und dann nach einer Pause: »O wie ist alles fern …«

»Wie bitte?«

»… und lange vergangen.« Sie dachte kurz nach. »Ich glaube, der Stern …«

»Hallo?«, fragte ich vorsichtig.

» … von welchem ich Glanz empfange, ist seit Jahrtausenden tot.«

»Lena! Ist das der Alkohol?«

»Nein, das ist Rilke. Und romantisch.«

»Das ist doch dasselbe, was ich eben gesagt habe.«

»Eben nicht.«

Ein paar Tage später fand ich einen Brief im Briefkasten, darauf stand als Absender: Institut für interdisziplinäre Psychologie. Erst da fiel mir dieser Test wieder ein. In dem Schreiben wurde ich an den Termin erinnert, den Lena für mich festgelegt hatte. Zum Glück lag er nach der Ausgabe der Abi-Zeugnisse, aber vor dem Beginn des Putzjobs, den wir angenommen hatten, um Geld für die Reise zu verdienen. An einem Freitagmorgen um sieben wälzte ich mich daher aus dem Bett, um mich dem ersten Testtag zu stellen.

Als ich mit dem Fahrrad zu der angegebenen Adresse radelte, kamen mir Zweifel. Ich wusste ja gar nicht, was die von mir wollten. Was würde mich dort erwarten?

Endlich stand ich vor dem Gebäude, einer alten Stadtvilla. Das schwere Portal stand offen und gab den Blick auf eine riesige Eingangshalle mit Marmorfußboden frei. Im Hintergrund sah ich eine breite Steintreppe, die in einer sanften Kurve nach oben führte. In ihrer Biegung stand eine nackte Venusstatue, ebenfalls mit sanften Kurven.

Zögernd ging ich hinein und blieb stehen. Ich hatte ein Unigebäude aus Glas und Beton erwartet. Das hier sah eher nach dem Wohnsitz des Bundespräsidenten aus. Gerade als ich überlegte, ob ich mich nicht doch in der Adresse geirrt hatte, räusperte sich jemand, und das Geräusch hallte unheimlich in dem großen Raum wider. Erst jetzt bemerkte ich einen Schalter neben der Tür, hinter dem ein Mann saß. Er trug Anzug und Krawatte, seine Haare waren ordentlich gescheitelt und nach hinten gekämmt. Er sah wichtig aus. Überhaupt sah in diesem Gebäude alles ganz fürchterlich wichtig aus.

»Öhm … Ich möchte zu einem wissenschaftlichen Experiment«, sagte ich vorsichtig.

»Raum 212, zweites Obergeschoss, links.« Das kam wie aus der Pistole geschossen. Fast hätte ich erwartet, dass der Anzugmann salutierte.

Ich schritt die marmorne Treppe neben der Venus hinauf, denn auf einer solchen Treppe kann man nur schreiten, und versuchte, dabei nicht auf das nackte weiße Hinterteil der Statue zu starren, auf das man von hier aus einen interessanten Blickwinkel hatte.

Im zweiten Stock erwarteten mich ein Gewirr von Gängen und eine sehr kreative Art der Zimmernummerierung. Von logischen Zahlenreihen hielten die hier ganz offensichtlich nichts, und ich musste eine Weile suchen, bis ich Raum 212 fand.

Schüchtern klopfte ich an die weiße Holztür. Nichts geschah. Ich klopfte wieder, denn ich konnte da doch nicht einfach reingehen, oder? War das ein Büro? Ein Labor? Ein Sekretariat? Keine Ahnung, am Türschild stand nur die Zimmernummer. Ich nahm all meinen Mut zusammen, öffnete die Tür und war erleichtert. Dieser Raum sah nicht so fürchterlich wichtig aus wie der Rest des Gebäudes. Eher wie eine Art nobles Klassenzimmer. Vorn stand ein Pult, dahinter sah ich weiße Arbeitstische, hufeisenförmig angeordnet. Durch die hohen Fenster schien die Sonne. Etwa zwanzig Mädchen saßen schon hier, alle ungefähr in meinem Alter.

Ich atmete tief durch. Nur Mädchen, sehr gut! Erst mal war also offenbar kein Körperkontakt mit »Personen des anderen Geschlechts« geplant. Ich grüßte in die Runde, ohne irgendjemanden wirklich anzusehen, setzte mich auf den nächsten freien Platz, zog mein Handy aus der Tasche und checkte die Nachrichten. Da waren zwar keine, aber ich wollte beschäftigt wirken, um meine Nervosität zu verbergen.

Doch dann schoss mir der Gedanke durch den Kopf, ob die Wartezeit vielleicht schon Teil des Experiments war. Gab es hier versteckte Kameras? Oder waren ein paar der Mädchen gar keine Studienteilnehmerinnen, sondern getarnte Mitarbeiterinnen des Instituts, die uns beobachteten? Plötzlich wurde mir klar, wie sehr man sich bei einem solchen Experiment an fremde Menschen ausliefert, die man noch nie gesehen hat und wahrscheinlich auch nie wieder sehen wird. Kein angenehmes Gefühl. Die konnten uns hier ja alles erzählen. Vielleicht ging es bei diesem Versuch nicht mal um Liebe. Konnte auch gut sein, dass die Wissenschaftler uns mit dieser Studie nur ablenken wollten und dass sie in Wahrheit etwas ganz anderes erforschten, zum Beispiel die Farbe der Limonade in den Flaschen auf den Tischen. Vielleicht würden sie die jeden Tag ein bisschen verändern und messen, wie viel wir tranken, wenn sie heller oder dunkler war. Ich hatte mal etwas über eine ähnliche Studie gelesen. Aber dann schob ich diese Gedanken beiseite. Mir konnte es ja eigentlich egal sein, worum es hier wirklich ging. Ich brauchte das Geld, darum ging es mir. Aber wenn mir ein Test wirklich unangenehm war, konnte ich trotzdem verzichten und aussteigen. Kein Grund zur Panik.

Ich steckte mein Handy in die Hosentasche und sah mich um. Falls eine von den anderen ein Kuckucksei war, welche war es dann wohl? Das Mädchen am Fenster, das etwas älter aussah als wir anderen? Oder die Kleine, die vorne links saß und uns alle neugierig musterte?

Bevor ich mich entscheiden konnte, betrat ein Mann den Seminarraum. Er war um die sechzig, groß und hager. Seine weißen Haare standen hinter den Ohren ab, und mit seinem weißen Bart erinnerte er mich an den Druiden Miraculix. Allerdings reichte sein Bart nicht bis zum Boden, sondern nur bis zum Hemdkragen.

Miraculix stellte sich als Eckhard Melchior vor, Professor für Psychologie. »Bitte entschuldigen Sie, dass ich Ihnen keine Details über Ziel und Zweck unserer Experimente verraten kann«, sagte er nach der Begrüßung. »Würde ich Ihnen nämlich sagen, was wir beweisen wollen, könnte das die Untersuchungsergebnisse beeinflussen. Sie wären dann voreingenommen.«

Also war die Studie vielleicht doch ein Fake. Ich betrachtete die Farbe der Limo auf dem Tisch. Ich fand sie zu grell.

»Mein Name ist Cora Beck«, meldete sich die Kleine mit dem wachen Blick zu Wort, die ich im Verdacht gehabt hatte, nicht echt zu sein. »Erfahren wir die Ergebnisse nach dem Test?«

Melchior nickte. »Wir schicken Ihnen per Post eine ausführliche Zusammenfassung Ihrer Ergebnisse und nach Abschluss der Untersuchung natürlich auch ein Exemplar der gesamten Studie zu.«

Das Mädchen lehnte sich zurück, sie schien beruhigt.

Nun folgten organisatorische Details: Wir mussten uns in eine Anwesenheitsliste eintragen und eine Art Vertrag unterschreiben. Darin versicherten wir, dass wir engagiert und sorgfältig an der Studie mitwirken und alle Fragen wahrheitsgemäß beantworten würden. Außerdem erklärten wir uns damit einverstanden, bei den Tests gefilmt zu werden.

»Was heißt das genau?«, wollte das Mädchen von eben wissen.

Melchior-Miraculix schien auf diese Frage gewartet zu haben. »Gut, dass Sie das ansprechen. Für die Analyse unserer Forschungsergebnisse ist es erforderlich, dass wir einige Situationen filmisch auswerten. Deswegen sind in diesen Räumen Kameras installiert. Sie laufen nicht ständig, nur in bestimmten Situationen. Um Sie nicht nervös zu machen, erfahren Sie nicht, wann wir aufzeichnen.«

Oh, wie beruhigend! Ich zog die Augenbraue hoch, aber der Professor ließ sich davon nicht beeindrucken. »Gefilmt werden Sie außerdem bei den Interviews. Dann allerdings in Gegenwart einer sichtbaren Kamera samt Techniker, der die Kamera bedient. Ich versichere Ihnen, dass alle Aufnahmen nach der Auswertung baldmöglichst gelöscht werden.«

»Und wenn ich damit nicht einverstanden bin?«, fragte das Mädchen. »Im Infomaterial stand dazu nichts.«

»Dafür habe ich vollstes Verständnis. Aber dann können Sie an der Studie leider nicht teilnehmen.«

Das Mädchen erhob sich. »Dann gehe ich jetzt lieber.«

Der Professor nickte. Sein freundlicher Gesichtsausdruck veränderte sich nicht. Das Mädchen verließ wortlos den Raum, und Melchior strich ihren Namen von der Teilnehmerliste.

Mir war der Gedanke, heimlich gefilmt zu werden, auch unangenehm, aber für dreihundert Euro musste man wohl schon ein paar Zugeständnisse machen. Außerdem waren Filmaufnahmen, soweit ich wusste, bei wissenschaftlichen Tests nicht ungewöhnlich. Und genau genommen wurden wir inzwischen doch fast überall heimlich von Kameras überwacht, in Parkhäusern, beim Einkaufen, auf Straßen und Plätzen. Warum also nicht auch hier?

Dann fingen die Tests an, und sie waren unendlich langweilig. Wir saßen Stunde um Stunde schweigend hinter einem Stapel von Papieren und bearbeiteten ein Formular nach dem anderen.

Die ersten Fragen waren ähnlich aufgebaut wie die eines Intelligenztests. Wir mussten geometrische Figuren anstarren und entscheiden, ob es sich dabei um identische oder nur ähnliche Abbildungen handelte. Dann folgten Zahlenreihen, die wir ergänzen, und Rechenaufgaben, die wir lösen mussten.

Danach arbeiteten wir uns durch Fragebögen, auf denen Charaktereigenschaften aufgezählt wurden. Mutig. Zärtlich. Frech. Sanft. Intelligent. Fröhlich. Sensibel. Schwermütig. Seite um Seite ging das so. Wir mussten auf einer Skala von eins bis neun entscheiden, wie stark diese Eigenschaften bei uns ausgeprägt waren. Und dann ging’s ans Eingemachte. Nach ein paar einleitenden Fragen nach Berufswunsch, Hobbys und Musikvorlieben wurden die Themen privater.

Wie sind Ihre Schulnoten? (Abi 1,4) Wie ist Ihr Verhältnis zum Vater? (Sehr gut) Zur Mutter? (Ganz okay) Haben Sie Geschwister? (Nein) Einen Freund? (Nein) Wie viele Beziehungen hatten Sie schon? (Vier) Wie wichtig ist Ihnen dabei a) reden, b) kuscheln, c) küssen, d) Sex? (Alles wichtig, wozu brauche ich sonst einen Freund?)

Worauf legen Sie bei der Auswahl Ihres Partners besonders viel Wert? a) Sozialer Status (Nö) b) Aussehen (gefallen muss er mir schon) c) Intelligenz (unbedingt!) d) gemeinsame Interessen (muss nicht sein). So ging es seitenlang weiter. Öde und ermüdend.

Zum Glück konnte ich auch hier, genau wie in der Schule, beim konzentrierten Arbeiten alles andere ausblenden. Geräusche, Gefühle, Gedanken, alles war weg. Nichts außer den Formularen zählte. Das machte mich ziemlich schnell. Als ich den ganzen Stapel durchgearbeitet hatte, tauchte ich auf wie aus einem Traum, sah mich um und merkte, dass die anderen noch lange nicht fertig waren. Alle sahen angestrengt und genervt aus.

Das war ich zwar auch, aber ich tröstete mich mit dem Gedanken an das Geld. Ein normaler Schultag war auch nicht besser, und dafür wurde man nicht mal bezahlt. Um die Zeit totzuschlagen, berechnete ich im Kopf, was ich in den vergangenen zwölf Jahren verdient hätte, wenn ich an jedem Schultag meines Lebens hundert Euro bekommen hätte, so wie hier. Ich kam auf ungefähr zweihundertvierzigtausend Euro und musste abgrundtief seufzen.

»Ist Ihnen nicht gut?«, fragte Professor Melchior und sah mich besorgt an.

»Alles bestens«, beruhigte ich ihn.

Irgendwann gab’s dann in der Kantine ein kostenloses, fades Mittagessen, und danach wurden wir in vier Gruppen eingeteilt. Nun folgten die Interviews vor laufender Kamera. Wir losten in unserer Gruppe die Reihenfolge aus und ich war die Erste. Was für ein Glück! Wer sein Interview hinter sich hatte, durfte nämlich nach Hause gehen.

Eine Psychologin, die sich als Tamara Gutmann vorstellte, begleitete mich zu einem kleinen, fensterlosen Raum. Die Luft hier roch so schal, wie abgestandenes Mineralwasser schmeckt, und war so stickig, als wäre jedes Molekül in diesem Raum schon mindestens drei Mal ein- und wieder ausgeatmet worden. Vermutlich war das sogar so. Zwei Stühle standen sich gegenüber. Andere Möbel gab es nicht, sie hätten auch nicht reingepasst.

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