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Wolfsliebe

Über die Autorin

Jasmine Braun, geb. 1988 in Esch / Alzette in Luxemburg, las bereits als Kind alles, was sie in die Finger bekam und fing schon früh mit dem Schreiben an. Mit ihrem Debütroman ist ihr in ihrer Heimat Luxemburg ein unerwartet großer Erfolg gelungen. Binnen vierzehn Tagen nach Erscheinen Anfang Dezember 2006 war die erste Auflage vergriffen, die im Verlag Op der Lay mit dem Titel »Wolfsspur« veröffentlicht wurde. Ein Wolfsbild im Zimmer ihres Vaters hatte die junge Autorin zu dem Abenteuerroman inspiriert, der 2011 in leicht überarbeiteter Fassung im Baumhaus Verlag erscheint.

BASTEI ENTERTAINMENT

In Gedenken an meinen Bopi,
den besten Großvater der Welt.
Danke für jeden einzelnen Moment,
jedes noch so kleine Abenteuer,
und dafür, dass ich dich zum Helden haben durfte.

Deine Muli

KAPITEL 1

Die Schatten der Vergangenheit

Ein eiskalter Wind wehte über Sibirien und wirbelte den Schnee auf, der sich in den letzten Wochen über den Berghängen ausgebreitet hatte. Die Welt war in ein blendendes Weiß getaucht und erinnerte an eine Märchenlandschaft, die vom Winterzauber erfasst worden war.

Tikia kämpfte sich mühsam durch die eisige Kälte. Ihre Familie hatte stets in den Bergen gelebt, zurückgezogen von der Außenwelt, in einer kleinen altertümlichen Berghütte. Das Mädchen kannte nichts anderes als dieses einfache Leben, das es nun schon seit über sechzehn Jahren führte.

Jeder Tag war wie der vorherige, und Tikia war sich sicher, dass sich niemals etwas an ihrem Tagesablauf ändern würde, egal wie sehr sie sich dies manchmal wünschte.

Ihr Großvater hatte ihr schon oft von der großen weiten Welt erzählt, die gar nicht einmal so weit entfernt war und doch unerreichbar für sie schien. Doch schon bald würde Tikias Leben eine tragische Wende nehmen.

Als sie eines Tages nach der Jagd mit einem erlegten Hasen in der Hand ihr Zuhause betrat, offenbarte sich ihr ein furchtbarer Anblick.

Ihr Haus war verwüstet, überall an den Wänden und auf dem Boden klebte Blut, ein erschlagener Wolf lag zusammengekrümmt in der Ecke. Ungläubig starrte sie auf das tote Tier. Ein eiskalter Schauer lief ihr über den Rücken.

»Großvater! Großmutter!!!«, schrie sie verzweifelt in die unheimliche Stille hinein; gebannt wartete sie auf ein Lebenszeichen ihrer Großeltern, doch niemand antwortete ihr.

Allmählich stieg Panik in Tikia auf. Kalte Angst schnürte ihr die Kehle zu, sie spürte, wie ihr übel wurde; sie hörte sich selbst nach ihren Großeltern rufen und erschrak, als sie den Klang der eigenen Stimme vernahm.

Sie wusste, dass sie hysterisch wurde und dass genau dies nicht passieren durfte. Sie musste sehr vorsichtig sein und einen kühlen Kopf bewahren.

Tapfer schluckte sie den bitteren Geschmack, der sich in ihrer Kehle gesammelt hatte, hinunter und rief sich selbst zur Vernunft.

Die grausame Tatsache, dass sibirische Wölfe zu den gefährlichsten und blutrünstigsten ihrer Rasse gehören, hatte sie bereits sehr früh auf die wohl schmerzhafteste Weise erfahren müssen.

Sie hatte gerade das Alter von sieben Jahren erreicht, als ihr Großvater sie aus ihrem Holzbettchen gerissen und aus ihrem alten Zuhause, einer etwas tiefer gelegenen Hütte, getragen hatte. Damals hatte sie aus Leibeskräften geschrien, denn ohne ihre Eltern hatte sie nicht gehen wollen. Ihr Großvater hatte ihr damals seine Hand so fest auf ihren Mund gedrückt, dass sie vor Schmerzen nur noch geweint hatte. Heute war ihr klar, dass er ihr damit das Leben gerettet hatte.

Ihre Eltern waren von Wölfen gerissen worden. Zwar hatte der Großvater Tikia noch rechtzeitig in Sicherheit bringen können, für ihre Eltern jedoch war jede Hilfe zu spät gekommen.

Sie wusste, dass die Wölfe jederzeit zurückkommen und sie töten konnten, so wie sie es damals beinahe getan hatten, doch diesmal schien kein Großvater da zu sein, der sie hätte schützen können.

Alleine stand sie in ihrem verwüsteten Haus und versuchte fieberhaft die Kontrolle über ihren Körper wiederzuerlangen.

Einzig der Gedanke, ihre Großeltern lebend vorzufinden, hielt sie bei Bewusstsein und trieb sie weiter durch die offen stehende Hintertür hinaus in die eisige Kälte.

Einige Meter vor ihr befand sich eine weitere kleine Hütte, in der die Leichname ihrer Eltern zur letzten Ruhe gebettet worden waren. Die Tür der Hütte stand einen Spaltbreit auf, und ein kleines Licht flackerte in ihrem Innern.

»Ein Feuer! Großvater muss ein Feuer gelegt und sie so vertrieben haben!«, dachte sie erleichtert und rannte entgegen jeder Vorsicht zur Hütte hinüber.

KAPITEL 2

Der Abschied

Vor der Hütte hielt sie noch einmal inne. Nie zuvor hatte sie den Mut gehabt, die kleine Hütte zu betreten. Zitternd streckte sie ihre Hand nach der Klinke und stieß die Tür ganz auf. Zwei Steingräber, mühsam von ihrem Großvater errichtet, befanden sich nun vor ihr, und auf dem Boden zusammengekauert, Arm in Arm liegend, entdeckte sie ihre Großeltern.

Wie betäubt ließ sie ihren Blick wieder zu den Grabstätten ihrer Eltern wandern.

Ein beklemmendes Gefühl hatte sich auf ihre Brust gelegt, ihr Körper schien erstarrt. Wie gebannt schaute sie die Gräber an, und vor ihrem inneren Auge sah sie ihre Eltern, deutlich wie nie zuvor.

Sie erinnerte sich an die glücklichen Stunden, die sie zusammen verbracht hatten, an die Wölfe, deren Jaulen sie nie vergessen würde, und an den Großvater, der sie in seine kräftigen Arme geschlossen und in Sicherheit gebracht hatte.

»Großvater …!« Sie kam wieder zu sich und drehte sich langsam, wie in Trance, zu ihren Großeltern um. Ihr Großvater sah sie traurig an.

»Großvater!«, rief sie erleichtert. »Ich hatte solche Angst, dass ihr … Großvater!«

Weinend brach sie vor ihrem Großvater zusammen und fiel ihm um den Hals.

»Großvater«, wimmerte sie immer wieder. »Großvater!«

»Tikia … meine kleine Tikia«, flüsterte er und nahm sie in seine Arme.

Tikia erschrak. Diese Stimme. Das war nicht die sanfte, starke Stimme ihres Großvaters; diese Stimme war schwach, fast flüsternd. Verzweifelt blickte Tikia ihren Großvater an und bemerkte mit Entsetzen, wie alt und zerbrechlich er im Flackern des Feuers aussah.

»Großvater …?«

Tikia fühlte eine warme Flüssigkeit über ihre Hand rinnen. Zitternd hob sie die Hand und sah, dass sie vor Blut troff.

»Du … Du bist verletzt …! Schnell! Weck Großmutter! Sie muss deine Wunden versorgen! Großmutter!«, schrie sie in Panik.

»Großmutter!« Sie sprang auf, fiel vor ihrer Großmutter auf die Knie und rüttelte an ihren Schultern, doch sie öffnete die Augen nicht, sie lächelte Tikia nicht an, und auf einmal wurde Tikia klar, dass Großmutter sie nie mehr anlächeln würde.

»Nein«, hauchte Tikia, »nein!«

Schreiend schreckte sie hoch und schaute verzweifelt ihren Großvater an.

»Großvater …? Großmutter …«

»Tikia! Beruhige dich! Deine Großmutter ist … Ich konnte sie nicht schützen …«, flüsterte er schwach. »Du musst in die Stadt, Tikia! Hörst du? Du musst hier weg! Du musst den Berg nach Norden abwärtsgehen und …«

»… Großvater, nein …«

»… dann die Straße entlang des Sees und den Pfad nach links nehmen, dann bist du in ungefähr drei Wochen in der Stadt …«

»Nein … Nein … Du …«

»Frag nach Tukann Zenô … Er ist ein alter Freund von mir, er wird sich um dich kümmern …«, fuhr er fort, ohne auf Tikias immer verzweifelter werdende Einwände zu achten.

»Nein!!! Großvater … Du blutest … Du musst versorgt werden! Ich lass dich nicht allein!«, schrie sie hysterisch auf.

»Nein! Tikia, du musst gehen! Ich werde sterben, Tikia! Ich … werde sterben … Du musst gehen … Versprich es mir, Tikia! Versprich es mir!«, redete der Großvater auf Tikia ein und sah sie eindringlich an.

»Du wirst wieder gesund, Großvater …«

»Nein, Kleines … Für mich kommt jede Hilfe zu spät … Ich werde Großmutter folgen und sie im Himmel um Vergebung bitten …«, sagte er leise lächelnd.

Tikia wollte ihrem Großvater widersprechen, ihn anflehen, sich helfen zu lassen. Sie wollte ihn anschreien, dass er sie nicht alleine lassen sollte. Doch sie brachte nur ein hilfloses Wimmern hervor; die Gewissheit, dass sie nun bald ganz auf sich allein gestellt sein würde, dass sie alle geliebten Menschen hatte gehen lassen müssen, schnürte ihr die Kehle zu. Verzweifelt sah sie ihren Großvater an, dicke, warme Tränen rannen ihr übers Gesicht. Sie spürte nur noch die beklemmende, kalte Angst, die sich um ihr Herz gelegt hatte und kein anderes Gefühl mehr zuließ.

»Komm zu mir, Kleines! Komm zu mir … Hör auf zu weinen! Großmutter und ich, wir werden immer bei dir sein! Du musst in die Stadt … Versprich es mir, Kleines, bitte!«

Tikia lag noch lange in den Armen ihres Großvaters und hörte auf seinen Herzschlag, der immer schwächer wurde.

»Du musst jetzt stark sein, Kleines …Versprich es mir …«, flüsterte ihr Großvater ein letztes Mal und schlief sanft ein.

»Ich verspreche es dir«, flüsterte Tikia tapfer in sein Ohr, und als sein Herz verstummte, machte sie sich auf.

Ihr Jagdgewehr hatte sie noch immer geschultert, ebenso wie den kleinen handgestrickten Beutel, den sie stets bei der Jagd mit sich trug, denn in ihm befanden sich alle wichtigen Utensilien, die man im Notfall benötigte.

Schmerzerfüllt rannte sie hinaus, blickte nicht mehr zurück, sondern lief einem ihr unbekannten Schicksal entgegen, immer weiter, immer schneller, um ihr ehemaliges Zuhause hinter sich zu lassen.

Tikia wusste, dass sie nun alleine war und dass ihr sehr harte Wochen bevorstanden. Doch noch war der Schock über den Verlust zweier weiterer Menschen in ihrem jungen Leben zu groß, als dass ihre Angst und ihre Trauer aus ihr hätten herausbrechen können.

Unbarmherzig zog ein Schneesturm auf, und Tikias Bemühungen, sich in der Dunkelheit durch den Schnee zu kämpfen, wurden immer beschwerlicher.

Mehrere Male brach sie vor Erschöpfung fast zusammen, rappelte sich jedoch immer wieder auf und kämpfte sich weiter in Richtung Stadt.

KAPITEL 3

Ein unerwünschter Gast

Die Nacht brach an, und mit ihr kam die große Kälte Sibiriens, die sich wie ein eisiger Mantel um Tikia legte und sie zwang, Rast zu machen und nach einer Unterkunft zu suchen. In der Ferne erblickte sie schemenhaft einen kleinen Felsvorsprung und beschloss erschöpft, sich in seinem Schutz ein Nachtlager zu errichten.

Hastig suchte sie Blätter, Zweige, Moos und Flechten zusammen, die ihr als weiche Unterlage, Decke und Feuermaterial dienen sollten. Vor langer Zeit hatte sie sich einmal mit ihrem Großvater verlaufen, und sie waren gezwungen gewesen, die Nacht im Freien zu verbringen. Ihr Großvater hatte diese Gelegenheit damals genutzt, um Tikia zu lehren, wie man eine Nacht in den Bergen Sibiriens überleben konnte.

In ihren Gedanken sah sie ihn nun vor sich, quicklebendig und trotz seines hohen Alters kraftstrotzend, wie er ihr noch einmal alles aufs Genaueste erklärte, und sie hielt sich, auf größte Sorgfalt bedacht, an seine Anweisungen, bevor sie entkräftet auf ihr Lager sank und in einen tiefen, schmerzlindernden Schlaf fiel.

Am nächsten Morgen erwachte Tikia mit einem leichten Unbehagen. Blinzelnd blickte sie gen Himmel, geradewegs in die pralle Sonne, die sich an diesem Tag, was nur sehr selten zu dieser Jahreszeit vorkam, von ihrer strahlendsten Seite zeigte.

Tikia hatte eine ruhige, traumlose Nacht verbracht, trotzdem schien sie etwas zu stören, über dessen Ursache sie sich noch nicht im Klaren war. Auf ihrem Bauch lastete ein ungewöhnlicher Druck.

Sie hatte zwar nun schon seit dem frühen Vortag nichts mehr gegessen, doch sie war sich sicher, dass dieses Gefühl nicht von ihrem Hunger herrührte.

Ihre Müdigkeit, Erschöpfung und vor allem die Trauer über den Verlust waren jedoch größer als ihr Verlangen, der Ursache ihres Unwohlseins nachzugehen und weckten in ihr den Wunsch, sich noch einmal umzudrehen und mit dem Rücken zur Sonne friedlich in den Schlaf zurückzusinken.

Nach mehreren gescheiterten Versuchen sich umzudrehen, wandte sich ihre Aufmerksamkeit nun schlussendlich doch dem belastenden Gefühl zu. Schlaftrunken versuchte sie sich aufzusetzen, blinzelnd schaute sie halb aufgerichtet auf ihren Bauch und erschrak, als sie geradewegs in die schläfrigen grünen Knopfaugen eines jungen Wolfes blickte. Zu Tode erschrocken richtete sie sich ruckartig ganz auf, und der kleine Wolf purzelte unsanft von ihrem Bauch.

Mit aufgerissenen Augen starrte Tikia auf das kleine Fellbündel hinab, das sich ungerührt wieder aufrappelte und nun herzhaft gähnte.

Anscheinend hatte es nicht die Spur von Scheu und schien sich in Tikias Gegenwart wohlzufühlen, denn im Nu hatte es sich wieder in ihren Schoß gekuschelt.

»Ein Wolf …«, dachte sie mit einem beklemmenden Gefühl. Wie versteinert starrte sie den Kleinen an. »Wölfe sind gefährlich und blutrünstig! Wölfe haben deine Eltern umgebracht Für sie kam jede Hilfe zu spät Großmutter ist … Ich konnte sie nicht schützen … Ich werde sterben … Für mich kommt jede Hilfe zu spät!«, hörte sie den Großvater in ihren Erinnerungen sprechen.

»Wölfe!«, dachte sie hasserfüllt. »Die Wölfe haben mir alles genommen! Sie sind schuld, dass ich nun einsam bin und meine Heimat verlassen muss! Sie sind schuld!«

Sie sprang so abrupt auf, dass das kleine Tier von ihrem Schoß fiel und einige Sekunden wie betäubt auf dem kalten Boden liegen blieb, bevor es sich wieder aufrappelte und Tikia fragend, fast vorwurfsvoll anblickte.

»Geh! Verschwinde! Hau ab! Oder ich töte dich! Geh!«, schrie sie zornig und verpasste dem kleinen Wolf einen kräftigen Tritt, der ihn schmerzerfüllt aufjaulen ließ, sammelte dann in Windeseile ihre Habseligkeiten zusammen und machte sich auf die Weiterreise.

Der kleine Wolf jedoch hatte sich schnell von dem Tritt erholt und blieb, von Tikia unbemerkt, dicht auf ihren Fersen.

KAPITEL 4

Die Wolfslegende

Nach vielen Stunden mühsamen Wanderns sank Tikia schließlich erschöpft und hungrig auf die Knie. Ein heiseres Husten kam aus ihrer Kehle und löste wiederum starke Halsschmerzen aus.

Als sich der Krampf endlich gelöst hatte, nahm sie etwas Schnee in den Mund, in der Hoffnung, ihrem Hals auf diese Weise eine kleine Linderung zu verschaffen. Sie stand auf und schleppte sich weiter bis zu einer kleinen Höhle, in der sie die Nacht verbringen wollte.

Nachdem sie sich ein kleines Lager errichtet und das Feuer entfacht hatte, legte sie sich erschöpft nieder und dachte an ihre Eltern und Großeltern.

»Großvater … Ich schaff das nicht alleine … Ich habe Hunger … und Angst … Es ist noch ein so weiter Weg … und ich bin so einsam … Großvater … Großvater!«

Bitterlich weinend rollte sie sich auf ihrem Lager zusammen, als sie plötzlich ein immer drängenderes Wimmern zu ihren Füßen wahrnahm.

Schluchzend blickte sie hinab und entdeckte den kleinen Wolf, den sie verscheucht hatte.

Ihre Trauer, ihr Hunger und ihre Erschöpfung waren mit einem Mal vergessen, und sie sprang wütend auf; sie verspürte nur noch einen brennenden Hass gegen dieses Tier und seine Artgenossen. Zornentbrannt holte sie zum Schlag aus, um den jungen Wolf ein für alle Mal zu vertreiben.

Ängstlich duckte der Wolf sich, und an seiner Schläfe entdeckte Tikia einen tiefen Kratzer.

Sie hielt inne und verspürte so etwas wie Mitleid, als sie den kleinen Wolf geduckt auf dem Boden kauern sah.

Vorsichtig betrachtete sie ihn etwas genauer. Er war grau-weiß und schien fast noch ein Welpe zu sein. Unwillkürlich musste Tikia lächeln, als der junge Wolf vorsichtig zu ihr hochlugte.

»Du bist auch allein, nicht wahr?« Sacht ging sie in die Knie und streckte ihre Hand zitternd nach dem Tier aus.

Die Wunde war nicht besonders tief, und als Tikia sie sich genauer ansah, ertappte sie sich bei dem Gedanken, den Wolf gesund pflegen zu wollen. Sanft strich sie über sein flauschiges Fell. »Warum bist du mir nachgelaufen? Warum bist du nicht bei deiner Familie?«, fragte sie ihn, als er sich an sie schmiegte.

Wie zur Antwort hob er seinen Kopf, und Tikia erkannte zu ihrer Überraschung, dass er einen kleinen Hasen in seinem Maul trug. Die Wunde an der Schläfe rührte wohl vom Hasen her, der sich im Todeskampf mit all seiner Kraft gegen den Wolf gewehrt haben musste. Verwundert sah Tikia vom Hasen zum Wolf, der seine Beute nun fallen ließ und sie auffordernd in Tikias Richtung stupste.

»Du bist wirklich ein seltsamer Wolf! Erst verbringst du die Nacht seelenruhig auf meinem Bauch, dann schleichst du mir stundenlang hinterher, und jetzt teilst du auch noch deine Beute mit mir?« Ungläubig starrte sie den jungen Streuner an.

Vorsichtig legte er sich auf den Boden und verbarg seine Schnauze unter seinen zottigen Pfoten. Tikia musste lachen. Aus einem unerfindlichen Grund hegte sie plötzlich tiefe Sympathie für diesen kleinen seltsamen Kerl.

Lachend packte sie den Hasen an den Ohren, und unter den aufmerksamen Augen ihres neuen Freundes trug sie ihn zum Feuer. Mit ihrem kleinen Jagdmesser schnitt sie den Hasen bäuchlings auf und häutete ihn.

Die Innereien warf sie dem Wolf zu, der sie gierig verschlang. Tikia hatte den gehäuteten Hasen auf ein langes Stück Holz gespießt und hielt ihn über die Glut.

Der junge Wolf, der anscheinend nicht recht verstand, was Tikia machte, umkreiste heulend das Feuer, wobei er Tikia immer wieder fragende Blicke zuwarf.

»Keine Sorge, kleiner Wolf, ich röste den Hasen nur, ich bin nicht wie du, ich esse keine rohen Tiere!«, erklärte Tikia.

Winselnd legte das Tier sich neben sie und beobachtete neugierig jeden ihrer Handgriffe.

Nachdem sie aufgegessen und sich hingelegt hatten, betrachtete Tikia ihn noch lange, wie er zufrieden neben ihr döste.

»Du bist wirklich seltsam, kleiner Wolf …«, flüsterte Tikia leise und kraulte den Wolf sanft am Kopf. »Großvater hat immer gesagt, dass alle Wölfe blutrünstig und gefährlich sind, aber du bist richtig nett …«

Wie zur Bestätigung jaulte der junge Wolf einmal kurz auf und leckte Tikia übers Gesicht. Die Erinnerungen an das, was Wölfe ihr angetan hatten, kamen immer wieder hoch, doch in Tikia hatte sich ein anderes Gefühl festgesetzt, das beruhigende Gefühl, nicht mehr alleine zu sein …

»Warum bist du allein, kleiner Wolf? Wo ist deine Familie?«, fragte sie ihn schläfrig. »Meine ist tot … Sie wurde von Wölfen ermordet … Mein Vater, meine Mutter, meine Großmutter … und Großvater …«

Vor ihrem inneren Auge zogen die letzten Bilder von ihrem Großvater vorbei, und mit ihnen kam das beklemmende Gefühl der Einsamkeit zurück. Schluchzend verbarg sie den Kopf in ihren Händen und gab sich ihren Tränen hin.

Der junge Wolf fing leise an zu wimmern, kuschelte sich näher an Tikia und stupste sie mit seiner feuchten Schnauze an. Tikia lugte vorsichtig hinter ihren Händen hervor, doch kaum hatte der Wolf ihr Gesicht entdeckt, schleckte er es schon mit seiner langen, klebrigen Zunge ab.

»Willst du mich trösten, kleiner Wolf?«, lächelte Tikia traurig und versuchte den Wolf abzuwehren, der jedoch schleckte sie munter weiter ab.

»Hey! Das kitzelt … Hör auf!«, lachte Tikia.

Heftig zog sie den Wolf zu sich und schloss ihn in ihre Arme. In seiner Gegenwart fühlte sie sich wohl, ihr war, als würden all ihre schlimmen Erinnerungen und ihr ganzer Schmerz von der wohligen Wärme des Tieres aufgesogen. Getröstet lächelte sie ihren neuen Freund an.

»Weißt du was? Abgesehen von der Tatsche, dass du ein Wolf bist, könnte man fast meinen, dass mein Großvater dich geschickt hat, damit ich nicht mehr so einsam bin.«

Der junge Wolf beobachtete sie beim Sprechen aufmerksam, und Tikia wurde das Gefühl nicht los, dass er jedes einzelne Wort verstand. Nachdenklich sah sie ihn an.

»Ich werde dich Koon nennen. So wurde mein Großvater immer genannt: Großvater Koon. Dann gehörst du von nun an zu meiner Familie«, teilte sie ihm mit. »Na, gefällt dir dieser Name?«

Der junge Wolf legte den Kopf schief zur Seite. Tikia musste lachen, denn es sah ganz so aus, als würde er ernsthaft über diesen Namen nachdenken. Plötzlich sprang er auf, jaulte und leckte Tikia dann wie zum Einverständnis übers Gesicht.

»Gut!«, lachte Tikia und versuchte der herzhaften Danksagung des Wolfes zu entkommen. »Von nun an heißt du Koon!«

Ein fröhliches Jaulen antwortete ihr.

»Ich glaube, ich weiß, warum du so gutmütig bist, Koon!«, sagte sie schmunzelnd. Fragend lugte Koon zu Tikia. »Damals, als ich noch sehr jung war, fragte ich meinen Großvater oft, warum Wölfe so schreckliche Dinge tun, wie Menschen reißen, und dies aus purer Mordlust und nicht nur um ihren Hunger zu stillen.«

Winselnd schlich Koon zu Tikia und schmiegte sich an sie.

»Ich weiß, dass du nicht an den Taten deiner Artgenossen schuld bist«, beruhigte sie ihn. »Weißt du, was mein Großvater immer zu mir sagte? ›Das Blut dieser Wölfe ist daran schuld!‹, sagte er. ›Vor langer Zeit gab es zwei große Wölfe, die den Göttern dabei helfen sollten, die Menschen vor Unheil zu bewahren. Doch Tisaak, den älteren Wolf, langweilte diese Aufgabe recht bald, und er schickte, gegen Gottes Willen, ihm ebenbürtige Geschöpfe zur Erde, die ein wenig für Unruhe sorgen sollten, um so etwas Abwechslung in das fade Menschenleben zu bringen.‹«

Lächelnd schaute Tikia zu Koon. »Willst du wissen, wie die Geschichte weitergeht?«

Auffordernd stupste Koon sie an.

»Ist ja gut! Ich erzähl ja schon weiter!«, lachte Tikia und wiederholte Wort für Wort die Geschichte, die ihr Großvater ihr damals erzählt hatte. ›Als Gott jedoch von Tisaaks Tat erfuhr, wurde er so zornig, dass er Tisaak verbannte und zur Strafe zur Erde schickte, sodass er dasselbe Leben führen musste wie die Geschöpfe, die er geschaffen hatte. Tisaak fühlte sich von Gott verraten, und sein Herz füllte sich mit Hass und Boshaftigkeit.

Schon bald hatte er diesen Hass auch in die Herzen seiner Geschöpfe gesät und befahl ihnen, die Menschen anzugreifen und zu töten. Darauf verstarb Tisaak, der einem Leben unter den härtesten Umständen nicht gewachsen war, doch der Hass, den Tisaak in die Herzen seiner Geschöpfe gesät hatte, lebte weiter und wurde von Generation zu Generation weitergegeben.

Karou, Tisaaks Bruder, entsandte aus diesem Grund, allerdings mit Gottes Einverständnis, ebenfalls ihm ebenbürtige Geschöpfe aus, die das Böse aus den Herzen von Tisaaks Geschöpfen verbannen sollten‹«, endete Tikia lächelnd.

»Ich glaube, du bist eins von Karous Geschöpfen, ich bin sicher, in deinen Venen fließt das reine Blut des allmächtigen Karou.« Lächelnd strich Tikia Koon über das Fell. »Ich bin mir ganz sicher …«, flüsterte sie zärtlich.

Müde ließ Koon sich wieder neben Tikia fallen und gähnte noch einmal herzhaft, bevor er seinen Kopf zwischen die Pfoten legte.

»Du hast recht, Koon, es ist schon sehr spät, wir sollten schlafen und uns ausruhen. Morgen wartet noch ein langer Fußmarsch auf uns!«

Zufrieden betrachtete Tikia ihren neuen Freund und war sich nun absolut sicher, dass er sie genau verstanden hatte.

»Ich schau nur kurz nach dem Feuer …«, flüsterte sie leise und kraulte den bereits schlafenden Wolf hinter den Ohren.

KAPITEL 5

Gemischtes Blut

Die nächsten Tage brachen schon sehr früh für Tikia an. Da sie die Nächte nun im Freien verbringen musste, hatte sie morgens keinen Schutz vor der grellen Morgensonne, die sie jedes Mal erbarmungslos aus ihren Träumen riss.

Tikia setzte sich herzhaft gähnend auf und streckte sich erst einmal ausgiebig. Dann sah sie sich dösig nach ihrem neuen Freund um und fand ihn selig schlafend im Schatten eines Felsens vor. Schmunzelnd ging sie zu ihm und tippte ihn sanft mit der Fußspitze ihres Schuhs an.

»He, Faulpelz! Aufstehen!«, rief sie und stupste ihn etwas heftiger an. Knurrend drehte sich Koon auf die andere Seite.

Nach einigen Minuten gab Koon die Hoffnung auf weiteren Schlaf auf und rappelte sich widerwillig hoch. Schläfrig streckte er seine müden Glieder, und als die Sonne ihm prall in die Augen schien, wimmerte er, sank auf den Boden und versteckte seine Schnauze erneut unter seinen Pfoten.

Tikia, die ihn aufmerksam beobachtet hatte, lachte ihn aus. Koon rappelte sich erneut auf und drehte ihr beleidigt den Rücken zu. Dass er von einem jungen Mädchen ausgelacht wurde, schien ihm genauso sehr zu missfallen, wie morgens in aller Früh aus seinen Träumen gerissen zu werden.

Als Tikia sich etwas beruhigt hatte, machte sie sich gut gelaunt daran, ihre Habseligkeiten zusammenzupacken und sich für die Weiterreise vorzubereiten.

Großvaters altes Jagdgewehr hatte sie mitgenommen; wie man damit umging, wusste sie seit Jahren, und auch der Umgang mit dem Jagdmesser war ihr geläufig. Ihr Großvater hatte sie schon in frühen Jahren mit zur Jagd genommen, und schnell hatte sie sich an das Töten und Zerlegen der Beute gewöhnt. Bereits im Alter von neun Jahren jagte sie alleine.

Stumm liefen die beiden nebeneinanderher. Tikia musste sich mehrere Male ein Lachen verkneifen, denn Koon, der ganz offensichtlich ein Morgenmuffel war, drehte jedes Mal, wenn sich ihre Blicke trafen, beleidigt den Kopf zur Seite und gab ein leises Knurren von sich.

»Du bist wirklich ein seltsamer Wolf, Koon!«, dachte sie schmunzelnd.

Als die Sonne allmählich hoch am Himmel stand, überkam Tikia ein Hungergefühl.

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