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Wolfsküsse – Mein Leben unter Wölfen

Inhaltsübersicht

VORWORT

AUFGELÖST

WACHGEKÜSST

EINGETAUCHT

LERNEN GELERNT

AUF DER SPUR DER WÖLFE

HEIMAT UND FAMILIE

WOLF CAMP

MIT WÖLFEN LEBEN

DIE VERLORENE UNSCHULD DER HIRSCHE

VON MACHT UND MACHTLOSIGKEIT

STARS UND GROUPIES

ANGEKOMMEN

DANKE!

SERVICE

BILDTEIL

BILDNACHWEIS

 

|5|Bevor wir uns der Umwelt annehmen, müssen wir uns unserer selbst annehmen.

(Thích Nhât Hạnh, Buddhistischer Mönch

und Schriftsteller, Zen-Lehrer und Friedensaktivist)

 

|9|VORWORT

Es ist tiefer Winter. Mein Allrad hat es gerade noch bis zur Einfahrt unten an der Straße geschafft. Für den Rest des Weges muss ich die Schneeschuhe anschnallen. »Der Schlüssel liegt unter der Fußmatte«, hatte mir der Vermieter der kleinen Blockhütte in den Bergen von Montana am Telefon gesagt. Alles war vorbereitet, sogar das Feuer im Ofen. Ich musste nur noch ein Streichholz daran halten, schon wurde es gemütlich warm. Ein Stapel Holzscheite sorgte dafür, dass mir nicht kalt werden würde.

Die Cabin ist einfach eingerichtet, aber urgemütlich. Eine bequeme Couch, ein Tisch, den ich ans Fenster rücke. In der kleinen Küche habe ich mir gerade einen Kaffee gemacht. Das große Bett steht an der Wand. Als ich heute Nacht unter den weichen Decken wach geworden war und mit der Hand über die Rundstämme strich, fühlten sie sich warm und lebendig an. Eine Tür führt ins Mini-Badezimmer. Es gibt Strom, fließendes Wasser und ausreichend Feuerholz draußen im Schuppen. Sogar einen alten Kassettenrekorder entdecke ich und ein Tape von John Denver, das ich jetzt einlege. Während ich mich mit dem Kaffee an den Holztisch setze, beobachte ich die muntere Vogelschar, die sich am kleinen Vogelhäuschen auf der Veranda tummelt. Der fürsorgliche Hausherr hat genügend Vogelfutter dagelassen. Draußen liegt tief verschneit der Wald, weiter unten ein See.

Vor mir auf dem Tisch warten zweihundertsiebzig Manuskriptseiten auf die Überarbeitung. Die kleine Cabin soll mir genug Ruhe und Inspiration dafür geben. Als ich darüber nachdenke, wie sich das Buch entwickelt hat, muss ich schmunzeln. Eigentlich wollte ich ein wissenschaftliches Fachbuch schreiben |10|über das Verhalten von Wölfen. Noch ein Fachbuch. Der Stoff, den uns das Verhalten dieser faszinierenden Tierart bietet, geht nie aus. Aber irgendwie entwickelte sich das Fachbuch immer mehr zu meiner persönlichen Geschichte.

Bei jedem Vortrag, jeder Lesung, die ich halte, gibt es Zuhörer, die fragen: »Warum Wölfe?« oder »Wie sind Sie auf Wölfe gekommen?«

Ich wundere mich über die Fragen, denn für mich ist das Leben mit den Wölfen und meine Leidenschaft für sie die natürlichste Sache der Welt. Aber dann wird mir bewusst, dass viele Menschen auch einen Traum haben, so wie ich einst. Mit dem Unterschied, dass es mir inzwischen vergönnt ist, diesen Traum zu leben.

Ich bin keine Biologin, sondern Autorin mit Schwerpunkt Wolf und Hund. Um meinen Traum vom Leben mit den Wölfen zu verwirklichen, gab ich mein früheres Leben auf. Dass diese Entscheidung richtig war, wusste ich in dem Augenblick, als ich zum ersten Mal einem wilden Wolf gegenüberstand und seine Augen in meine Seele zu blicken schienen.

Ich habe das große Glück, seit fast zwanzig Jahren wilde Wölfe in ihrem natürlichen Umfeld beobachten zu können. Sie lassen mich teilhaben an ihrem Leben – an der Jagd, der Paarung und der Aufzucht ihrer Jungen. Das empfinde ich als unbeschreibliches Geschenk, für das ich jeden Moment dankbar bin.

Während ich meinen Kaffee trinke und noch einmal das Manuskript lese, lenkt mich eine Bewegung unten am See ab. Vier Wölfe sind aufgetaucht. Einer von ihnen schaut hoch zur Cabin. Er sieht mich nicht am Fenster – oder doch?

Das warme Gefühl, das sich in mir ausbreitet, hat nicht allein mit dem Feuer im Ofen zu tun. Ich bin nur eine Beobachterin in der Welt der Wölfe; dringe nicht ein und dränge mich nicht auf. Ich sehe ihnen zu und erzähle dabei meine Geschichte und die Geschichte der Wölfe, die ich ein Stück ihres Lebens begleiten durfte.

Unten auf dem Eis tollen die Wölfe umher. Sie springen |11|übereinander, rutschen aus, lecken sich gegenseitig die Gesichter und sind viel zu schnell wieder im Wald verschwunden.

Ich denke zurück an die vielen Wolfsbegegnungen, die ich hatte. Das komplexe soziale Verhalten dieser Tiere über einen längeren Zeitraum zu beobachten veränderte meine Gedanken und Gefühle. Begriffe wie Moral, Verantwortung und Liebe erhielten einen neuen Sinn für mich. Die Wölfe wurden meine Vertrauten, meine Lehrer und Quelle meiner Inspiration. Dank ihnen vermag ich den Zauber wahrzunehmen, der die Elemente der Natur zusammenhält. Sie haben mich gelehrt, die Welt mit anderen – ihren – Augen zu sehen. Und sie haben mir geholfen, zu verstehen, wer ich bin und wo mein Platz in dieser Welt ist.

Februar 2011

|13|AUFGELÖST

Der schlanke Körper hing über dem Zaun. Das graue Fell wehte im Wind wie eine achtlos weggeworfene Wolldecke. Erloschene Augen. Der Wolf war über den Stacheldraht eines Weidezauns geworfen worden. Erschossen. Ein Mahnmal des Viehzüchters. Seht her, so geht es euch, wenn ihr euch auf mein Land wagt. Montanas Antwort auf die Rückkehr der Wölfe.

Ich streichelte zart die große Pfote. Meine erste Begegnung mit einem wilden Wolf hinterließ eine tiefe Traurigkeit und viele Fragen. Warum? Warum nur so viel Hass?

Noch in der Nacht hatte ich von einem Wolf geträumt. Ich lag im Schlafsack im Auto. Viele Stunden war ich durch die weiten Prärien von Wyoming und Montana gefahren. Als es dunkel wurde, parkte ich meinen Wagen am Rand einer einsamen Landstraße. Das Heulen der Kojoten begleitete mich in den Schlaf. Der Wolf in meinem Traum trabte auf leichten Pfoten durch das Land seiner Väter. Er sah mich lange an. Tief beglückt wachte ich am nächsten Morgen auf. Stille. Sonne. Gabelböcke zogen durch gelbes Weidegras. Dann fiel mein Blick auf den Zaun und den Wolf.

Meine schöne heile Welt war plötzlich gar nicht mehr so heil. Ich war aus meinem Alltag geflohen, um mich nur noch mit positiven Dingen zu umgeben. Wollte alles Negative hinter mir lassen. Und jetzt das. Warum war ich nur hierhergekommen?

 

Mein neues Leben hatte mit dem Tag meiner Scheidung begonnen. Ich tat das, was viele Frauen in einer solchen Situation tun: Ich beschloss, mein Leben radikal zu ändern, gab |14|meine Zulassung als Rechtsanwältin zurück, hängte die Robe an den Nagel, verließ meine Kanzlei und begann zu schreiben. Ich wollte endlich meinen Traum leben. Schon viel zu lange hatte ich mich mit einem Beruf herumgequält, der mich nicht glücklich machte.

Eigentlich hätte meine berufliche Karriere ganz anders aussehen sollen. Nachdem ich fünf Jahre lang als Stewardess den Duft der großen, weiten Welt geschnuppert hatte, wollte ich »etwas Sinnvolles« mit meinem Leben anfangen. Mit dem unerschütterlichen Optimismus, die Welt vor dem Bösen bewahren und der Gerechtigkeit zum Sieg verhelfen zu können, begann ich, Jura zu studieren. Begeistert stürzte ich mich in das Studium. Gegenüber meinen Kommilitonen, die direkt von der Schule kamen, konnte ich mit Lebenserfahrung punkten. Außerdem verfasste ich leidenschaftlich gern Schriftsätze und versuchte dabei, das Juristendeutsch in eine verständliche Sprache zu bringen. Das Erste Staatsexamen schaffte ich in Rekordzeit. Im Referendaralltag nutzte ich meine Vorkenntnisse aus dem Airlinegeschäft und begann, mich auf Luftverkehrsrecht zu spezialisieren. Praxis-Stationen beim Luftfahrtbundesamt und in der Rechtsabteilung des Frankfurter Flughafens rundeten meine Ausbildung ab. Ich hatte meine Aufgabe gefunden, wollte die erste Fachanwältin für Luftverkehrsrecht werden. Diese Positionen waren Anfang der achtziger Jahre noch rar. Weltweit konnte man die Zahl der Spezialisten an einer Hand abzählen. Vielleicht könnte ich sogar noch Weltraumrecht belegen und mich so meinem alten Kindheitstraum nähern, Astronautin zu werden. Im Kopf hatte ich eine klare Vorstellung von meinem künftigen Leben: Ich jettete als Spezialistin durch die Welt, wurde von der NASA angefordert und schrieb Gutachten darüber, wem der Mond gehört. Ein schöner Traum.

Die Realität war eine andere. Ich fand keine Anstellung in meinem Traumberuf. Um meinen Lebensunterhalt zu verdienen, machte ich mich als Anwältin selbständig und mietete mir eine kleine Praxis, in der ich auch wohnen konnte. Es war sehr schwer, Aufträge zu bekommen. Strafdelikte, Mietstreitigkeiten |15|und Scheidungen ernährten mich mehr schlecht als recht. Mein erster Mandant schuldet mir heute noch das Honorar. Er hatte seine Zivilklage verloren.

»Sie sind eine schlechte Anwältin«, begründete er die Nichtzahlung seiner Rechnung. »Sie sind schuld, dass ich den Prozess verloren habe. Von mir bekommen Sie keinen Pfennig.«

Die Rechtslage meines Mandanten war aussichtslos gewesen. Auch mit einem Spitzenanwalt hätte er den Prozess verloren. Aber er hatte dennoch recht. Ich war keine gute Anwältin. Jeder meiner noch so kleinen Fälle war für mich eine emotionale Herausforderung. Ich wollte, dass meine Mandanten ihr Recht erhielten. Empfand jeden Schriftsatz des gegnerischen Anwalts als persönlichen Angriff. Ich erstickte in Akten und quälte mich zu jedem Gerichtstermin. Mir fehlte die Distanz und Härte, um wirklich »gut« zu sein. Ich war zu sensibel.

Meine Kollegen hatten solche Probleme nicht.

»Du musst härter werden«, rieten sie mir.

Ja, um eine gute Anwältin zu werden, hätte ich härter werden müssen. Doch wie sollte ich das anstellen?

Vor jeder Gerichtsverhandlung bekam ich Magenschmerzen und musste mich übergeben. Ich wurde immer verzweifelter. Wo war mein ursprünglicher Traum, der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen, geblieben? Die Erfahrung lehrte mich nun, dass nicht die »Guten« gewannen, sondern jene, die die miesesten Tricks kannten. So konnte und wollte ich nicht für den Rest meines Lebens weitermachen.

Als dann eines Tages der Mann einer Mandantin aus Wut über den verlorenen Scheidungsprozess einen Fernseher durch das geschlossene Fenster in mein Büro warf, reichte es mir. Das war’s! Egal, was kommen würde, nichts könnte so schlimm sein wie das.

Genau an diesem Tag traf der Brief mit meinem Scheidungsurteil ein.

Schon seit einem Jahr lebte ich von meinem Mann getrennt. Unsere Ehe war nicht mehr zu retten gewesen. Ich war aus |16|der gemeinsamen Wohnung ausgezogen und hatte mir eine eigene Bleibe gesucht, die ich mit gebrauchten und geschenkten Möbeln einrichtete. Zwei Räume meiner kleinen Mietwohnung funktionierte ich zur Anwaltskanzlei um: ein Büro und ein kleines Wartezimmer. An der Haustür prangte ein Messingschild: Elli H. Radinger, Rechtsanwältin, Sprechzeiten nach Vereinbarung.

Der Kontakt zu meinem Mann beschränkte sich auf das Nötigste. Wir hatten uns auf eine einvernehmliche Scheidung geeinigt, einen gemeinsamen Anwalt genommen und im Vorfeld alles geregelt. So war die Scheidungsverhandlung nur eine Formsache.

Jetzt hielt ich den Beweis in den Händen und war frei. Mein Blick fiel auf einen Spruch, der über meinem Schreibtisch hing: Der Preis der Freiheit ist der Verzicht auf die Bequemlichkeit. War das das Omen, auf das ich gewartet hatte?

Innerhalb von vier Wochen gab ich alles auf, was mein bisheriges Leben ausgemacht hatte, zum völligen Unverständnis meiner Familie und Freunde.

»Bist du wahnsinnig? Wovon willst du denn leben? Du könntest doch als Anwältin Erfolg haben und viel Geld verdienen.«

Ich antwortete nicht. Was sollte ich auch sagen? Sie hatten ja recht. Aber es kümmerte mich nicht mehr. Ich hatte alle Brücken abgebrochen und wollte nicht mehr in mein altes Leben zurück. Stattdessen kehrte ich zurück in den Schoß meiner elterlichen Familie. In ihrem kleinen Einfamilienhaus stand eine Einliegerwohnung leer. Die zwei Zimmer richtete ich mir mit den wenigen Möbeln ein, die ich aus der Mietwohnung mitgenommen hatte. Ich strich sie bunt an, hängte ein paar Poster auf und freute mich an meiner kleinen »Künstlerwohnung«. Mein ehemaliger Arbeitgeber bei der Lufthansa nahm mich sofort auf und gab mir meinen alten Job als Stewardess wieder.

In der Sommersaison arbeitete ich durchgehend und nutzte die Freitickets, um in der restlichen Zeit des Jahres auf eigene Faust durch Nordamerika zu reisen. Ich mietete einen kleinen |17|Camper und erkundete Amerika und Kanada, blieb, wo es mir gefiel, und schrieb Artikel für deutsche Reisemagazine.

Besonders angetan hatten es mir die einsamen Gegenden Nordamerikas. Wochenlang hielt ich mich in den abgelegensten Gebieten von Arizona, Alaska und den Rocky Mountains auf. Das war meine Welt, in der ich mich zu Hause fühlte.

Bei einer dieser Reisen in den Südwesten der USA traf ich auch meine ersten »wilden Hunde« – Kojoten. Wenn ich mit dem Camper in den einsamen Wüstengebieten übernachtete, konnte ich sicher sein, sie als vierbeinige Begleiter in meiner Nähe zu haben. Nachts sangen sie mich mit ihrem melodischen Heulen in den Schlaf. Für mich war das die schönste Nachtmusik.

Kojoten haben schon immer eine führende Rolle in den Sagen und Märchen der Indianer gespielt. Die Wüstenstämme nennen sie »Gotteshunde«, »Trickster« oder »Präriewölfe« und schreiben ihnen übernatürliche Fähigkeiten zu. Ich bewunderte besonders ihre unglaubliche Kunst, sich jeder Situation anzupassen und das Beste daraus zu machen.

Ich beobachtete sie oft stundenlang. Manchmal tauchten sie wie Geister auf und liefen an mir vorbei, mit der Nase einer Spur folgend. Sie schienen mich absichtlich zu ignorieren. Aber ab und zu schaute mich einer der kleinen Gesellen direkt an. Ich spürte seinen Blick, noch bevor ich zu ihm hinsah. Sie störten sich nicht an mir, sondern schienen mir sogar zu vertrauen und zu erlauben, an ihrem Leben teilzunehmen. Das berührte mich sehr. Irgendwie fühlte ich mich ihnen nah, seelenverwandt.

Die Tage und Nächte in der Einsamkeit, die intensive Verbundenheit mit der Natur, die Begegnungen mit den Tieren – das ließ mich nicht mehr los. Ich wollte mehr erfahren über die Lebensweise der Kojoten und ihrer großen Verwandten, der Wölfe. Denn Wölfe hatten mich schon als Kind fasziniert. Ich war mit einem Schäferhund großgeworden, dem Tier, das äußerlich dem Wolf am nächsten ist. Statt mit anderen Kindern hatte ich nur mit ihm gespielt. Meine Eltern fanden mich |18|oft in seiner Hütte, wo ich, eng an ihn gekuschelt, schlief. Er gab mir Sicherheit. Wie alle Kinder las auch ich »Rotkäppchen«. Aber mein Mitgefühl galt stets dem armen Wolf mit den schweren Wackersteinen im Bauch.

Jetzt, in meiner neuen Unabhängigkeit, hatte ich endlich die Chance, mich intensiver mit diesen Tieren zu beschäftigen. Ich verschlang jedes Buch über sie, dessen ich habhaft werden konnte. Und ich suchte eine Gelegenheit, sie näher kennenzulernen.

Aus amerikanischen Wissenschaftszeitungen schrieb ich die Anschriften von Zoos und Wolfsgehegen heraus, in der Hoffnung, dort ein Praktikum in Verhaltensforschung machen zu dürfen.

Dann – eines Tages – bekam ich endlich Antwort. Der renommierte Wolfsforscher Dr. Erich Klinghammer antwortete mir aus seinem Forschungsinstitut »Wolf Park« in Indiana. Und es wurde noch besser: Klinghammer war auf dem Weg nach Kassel, wo seine deutsche Mutter lebte, und wollte mich kennenlernen. Wir vereinbarten ein Treffen im Restaurant des Hauptbahnhofs.

Meine erste Begegnung mit dem »Wolfsmann« beeindruckte mich tief.

»Sie werden mich schon erkennen«, hatte er am Telefon gesagt, als ich fragte, wie und wo wir uns treffen wollten. Und tatsächlich war er nicht zu übersehen. Da kam ein stattlicher Mann mit grauen Locken und grauem Bart auf mich zu. Auf seinem Sweatshirt heulte ein Wolf.

Stundenlang saßen wir im Bahnhofsrestaurant zwischen an- und abreisenden Zuggästen und unterhielten uns. Die Eile der Menschen um mich herum gar nicht wahrnehmend, tauchte ich ein in eine andere Welt. Fasziniert hörte ich diesem imposanten Wissenschaftler zu. Stellte Fragen und bekam Antworten. In Gedanken sah ich mich schon in seinem Wolf Park.

»Stopp!«, sagte er und holte mich wieder zurück an den abgenutzten Tisch, auf dem die Becher mit dem kalt gewordenen Kaffee standen.

|19|»Die Entscheidung, ob du einen Praktikumsplatz in Wolf Park bekommen wirst, treffe leider nicht ich«, lächelte er rätselhaft.

In meinem Kopf türmten sich unendliche bürokratische Hürden auf.

»Wie soll ich am besten vorgehen? An wen muss ich mich zuerst wenden?«, fragte ich verunsichert.

»Wende dich an die Wölfe. Sie müssen dich akzeptieren.«

Ich starrte den Forscher ungläubig an. Dann verstand ich: Auf zum »Wolf Casting« nach Indiana.

 

Wir standen uns gegenüber – der Wolf und ich. Lange hatte ich auf diesen Augenblick gewartet. Ich war gut vorbereitet, wusste genau, wie ich mich verhalten musste: Beide Füße fest auf dem Boden.

»Fester Stand ist wichtig. Nur ja nicht umwerfen lassen und niemals direkt in seine Augen starren«, hatte mir Klinghammer eingeschärft.

»Kein Make-up! Kein Schmuck! Die Wölfe spielen gern mit etwas, das herumbaumelt. Sie lieben es auch, sich in allem zu wälzen, was riecht, wie Make-up oder Parfüm.«

»Bist du gesund?«, lautete seine nächste Frage im Wie-begegne-ich-einem-Wolf-Quiz. »Wölfe sind absolute Meister darin, Schwächen zu entdecken. So können sie in der Wildnis kranke Tiere ausfindig machen und erlegen. Sie merken, wenn du krank wirst, lange bevor du es selbst spürst.«

 

Der Leitwolf sah mich mit gelbbraunen Augen an. Die Ohren aufmerksam nach vorn gerichtet, nahm er schnuppernd meine Witterung auf. Während ich starr stehen blieb, trabte das Raubtier mit leicht federndem Gang los. Sein Körper spannte sich zum Sprung. Er flog direkt auf mich zu. Die handtellergroßen Pfoten landeten auf meinen Schultern, seine weißen Reißzähne waren nur Zentimeter von meinem Gesicht entfernt. Ich hielt den Atem an – dann leckte er mir mit seiner rauen Zunge mehrmals über das ganze Gesicht. Ich wurde von einem Wolf geküsst!

|20|»Wölfe lieben es, an Stellen gekrault zu werden, an die sie selbst nicht herankommen«, erinnerte ich mich an Erichs Ratschlag und kraulte dem Wolf Brust, Bauch und Ohren. Sein Kopf mit den halb geschlossenen Augen drückte sich immer fester in meine Hand. Wäre er eine Katze, hätte er jetzt wahrscheinlich geschnurrt. Der Chef hatte mich akzeptiert. Nun war ich bereit, mich auf dieses Abenteuer einzulassen.

|21|WACHGEKÜSST

Schon am folgenden Tag wurde ich Mutter. Fünf Wolfsbabys, drei schwarze und zwei graue, purzelten und rutschten über mich hinweg und krabbelten auf mir herum.

Mit den Worten »Hier! Mir ist ein Helfer ausgefallen. Du musst dich heute Nacht um sie kümmern«, hatte mir Erich eine Kiste mit schlafenden Wolfswelpen in die Hand gedrückt. Verdutzt schaute ich auf die winzigen Fellknäuel. Vorsichtig nahm ich die Kleinen aus der Kiste und setzte mich zwischen die gähnenden und sich streckenden Wölfchen. Sie begannen, mich zu erkunden. Schnupperten und versuchten, an mir hochzukrabbeln. Wenn ich mich zu ihnen hinunterbeugte, flogen ihre Zungen blitzschnell über mein Gesicht, und die scharfen Zähnchen knabberten an meiner Nasenspitze.

 

Dass ich mit den Wolfswelpen im Schoß hier saß, verdankte ich der jahrelangen Forschungsarbeit von Erich Klinghammer. Der Schüler von Konrad Lorenz, dem Begründer der klassischen Tierverhaltensforschung (Ethologie), hatte schon früh erkannt, dass »zahme« Wölfe die Verhaltensbeobachtungen enorm erleichterten, da sich diese Tiere stressfrei in der Nähe von Menschen bewegen können. Dazu wurden die Welpen im Alter von nur vierzehn Tagen ihren Müttern weggenommen und von menschlichen Ersatzeltern großgezogen.

In Wolf Park lebten die zweibeinigen Wolfsväter und -mütter gemeinsam mit ihren Wolfskindern in einem ausgebauten Trailer. Sie schliefen mit ihnen zusammen auf einer Matratze und versorgten sie rund um die Uhr, wie es auch die tierischen Eltern tun. Dann, im Alter von vier Monaten, wurden die |22|Kleinen vorsichtig und schrittweise wieder mit ihrer wölfischen Familie zusammengeführt. Während ihre wilden Verwandten beim Anblick von Menschen in Panik geraten, waren die Zweibeiner für die von Hand aufgezogenen Wölfe so etwas wie »Familienmitglieder«. Sie hatten keine Scheu mehr vor ihnen und benahmen sich in ihrer Gegenwart ihr ganzes Leben lang völlig ungezwungen.

Ich gab meinen kleinen Ziehkindern alle zwei Stunden die Flasche. Auf eine Uhr konnte ich dabei verzichten. Sie zeigten ihren Unmut deutlich, wenn der Hunger kam. Das verzweifelte Geschrei wich sofort einem zufriedenen Schmatzen, wenn ich den Sauger des Fläschchens in die Wolfsschnute schob. Nach dem Essen massierte ich ihnen die Bäuche, bis die Verdauung einsetzte. Danach hätte ich sie eigentlich wie ihre Wolfsmutter sauberlecken müssen … Ich half mir mit einem feuchten Tuch. Wenn schließlich alle zufrieden und müde auf einem Haufen lagen und im Traum seufzten, grunzten und strampelten, lag ich erschöpft, aber restlos glücklich neben ihnen. Muttergefühle.

Doch ich musste auch an die echte Wolfsmutter denken, die draußen im Gehege nach ihren Kindern suchte. Ließ sich dieser Eingriff in das Leben der Wölfe wirklich dadurch rechtfertigen, dass die Tiere durch Handaufzucht für den Rest ihres Lebens deutlich weniger Stress im Umgang mit Menschen haben würden?

Doch ehe ich diesem Gedanken zu Ende folgen konnte, regte sich schon wieder das erste Fellknäuel und verlangte seine Mahlzeit. Kam die Flasche nicht rechtzeitig, protestierten die kleinen Wölfchen heftig und saugten sich an allem fest, was sie in die Schnauze bekamen. Einmal war es mein Finger, ein anderes Mal hatte ich einen kleinen Wolf zu nahe an meinem Gesicht geknuddelt und plötzlich ein saugendes Etwas an der Wange hängen, das ich nur mit einem leichten »Plop« wieder abziehen konnte.

Anders als bei Hundewelpen fühlte sich das Fell der kleinen Wölfe rauer an, struppiger. Das Hellblau ihrer Augen, mit denen |23|sie mich neugierig anschauten, würde bald einem Ockerton weichen. Spitze Zähnchen knabberten an allem, was ihnen vor die Schnauze kam. Meist war es die Hand, die sie fütterte. Die kleinen, scharfen Krallen traten instinktiv nach mir, wenn ich die Flasche hielt. Mit diesem »Milchtritt« regen sie bei ihrer Mutter den Milchfluss an. Zahlreiche schmerzhafte Kratz- und Bissspuren an meiner Hand und den Armen ließen mich nachempfinden, wie sich eine Wolfsmutter fühlt, wenn sie auf diese Art »malträtiert« wird.

Die Nacht mit den Wölfen verging viel zu schnell. Als ich am nächsten Morgen von einer Studentin, die ihre Examensarbeit über die Aufzucht von Gehegewölfen schrieb, abgelöst wurde, fiel mir der Abschied von den Kleinen schwer. Mit erhobenem Haupt trug ich den Wolfsknutschfleck wie eine Auszeichnung an meiner Wange. Ich bedauerte nur, dass mich niemand darauf ansprach. Wie gern hätte ich ein wenig damit angegeben. Selbst im Supermarkt schauten alle nur entweder betreten zur Seite oder schenkten mir ein breites Grinsen. Knutschfleck – ja, ja …

 

Wolf Park war ein Forschungsgehege, und entsprechend geschäftig ging es zu. Erich lehrte an der Universität von Lafayette Verhaltensforschung. Einige seiner Studenten beobachteten hier die Wölfe und schrieben an ihrer Examensarbeit. Wir Praktikanten hatten dagegen sehr viel mehr Freiheiten. Außer mir war nur eine weitere Praktikantin hier: Lissi, eine neunzehnjährige junge Frau aus Österreich. Sie wollte Verhaltensforschung studieren und sich auf Wölfe spezialisieren. Lissi war auf einem Bauernhof aufgewachsen, entsprach aber vom Äußeren her gar nicht dem Bild einer Bauerstochter. Groß, mit Modelmaßen und zarten Gesichtszügen, die mittellangen dunklen Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, konnte ich sie mir nur schwer beim Ausmisten oder Viehtreiben vorstellen. Aber Lissi sollte sich als unkompliziertes Naturkind herausstellen, das kräftig zupacken konnte.

 

|24|Wir waren im »Weißen Haus« untergebracht, einer windschiefen Hütte, deren abgeplatzte weiße Farbe dem großspurigen Namen keine Ehre machte. Ich teilte mir mit Lissi einen Schlafraum unter dem Dach. Das Erdgeschoss wurde von Monty Sloan, dem Tierfotografen des Parks, bewohnt. Monty lebte seit etwa fünf Jahren hier und hatte sich mit seinen Wolfsfotografien einen Namen gemacht. So beäugten wir den zierlichen jungen Mann mit den dunklen Locken zunächst schüchtern. Seine neunundzwanzig Jahre sah man Monty nicht an. Vielleicht hoffte er, mit seinem Schnurrbart älter zu wirken. Zögernd löste er sich von seinem Computer, als wir einzogen. Computer und Wölfe waren seine beiden großen Leidenschaften. Tagsüber im Wolfsgehege, um seine Lieblinge zu fotografieren, und nachts vor dem Computer, das war Montys Leben.

Der vordere Teil des Hauses war als Visitor Center eingerichtet. Hier konnten Besucher Wolfsartikel erwerben. T-Shirts, Wolfsbilder, Schlüsselanhänger, Bücher. Alles lag fein säuberlich in kleinen Vitrinen und Auslagen.

Gleich hinter der Tür zum Besucherraum begann das Chaos. Die kleine Küche lud nicht gerade zum Verweilen ein. Medizin für die Tiere, Fotoentwickler und Cornflakes stapelten sich auf dem Tisch.

»Wenn ihr den Kühlschrank aufmacht, esst oder trinkt nichts, wo kein Name drauf steht«, hatten uns die Studenten gewarnt. Erst später erfuhren wir, dass Monty gern Spermaproben der Wölfe im Kühlschrank aufhob.

Um zu unserem Zimmer zu gelangen, mussten Lissi und ich uns einen Weg durch Montys Schlafzimmer bahnen und über eine steile Holzstiege ins Dachgeschoss klettern. Die schrägen Wände waren mit einfachen Holzpanelen bedeckt, die sich teilweise lösten. Die Decke bestand aus Styroporplatten, zwischen die zur Abdichtung Zeitungspapier gestopft war. An der einen Wand war eine Holzplatte als Tisch zwischen zwei Doppelstockbetten gestellt. Kisten, Bücher, Decken und der Fernseher stapelten sich auf den Pritschen. Arbeiten war |25|hier kaum möglich. Quer im Raum stand eine weiße Holzkommode, deren unterste Schublade klemmte. Ein Spiegel lehnte an der Wand, und ein Ventilator auf der Kommode sollte im Sommer wohl für Kühlung sorgen. Eine Holzstange, die von der Decke hing, diente als Kleiderstange. An der anderen Wand befand sich unter der Schräge Lissis Bett. Mein Schlafplatz war im Neunzig-Grad-Winkel dazu ausgerichtet und aus groben Brettern gezimmert. Drei alte Wolldecken sollten wohl das Bettzeug sein. Ich versuchte nicht an die vielen Flöhe zu denken, die sich hier vermutlich tummelten. Couchtisch war eine alte Truhe, deren Furnier auseinanderklaffte. Zwei ausgefranste Sessel boten zusätzliche Sitzgelegenheiten. Der Bodenbelag schien neu und bestand aus bunt gestreiftem Kunststoff. Ein Metallständer mit aufgeschraubter Glühlampe diente als Lampe. Die Fenster waren matt, ob es am Alter oder am Dreck lag, vermochte ich nicht zu sagen. Alle Ritzen im zugigen Dachgeschoss waren entweder mit Papier oder mit toten Fliegen verstopft.

Das erste nichtwölfische Tier, das uns im neuen Heim begrüßte, war eine Ratte namens Humphrey.

»Humphrey hat hier Asyl. Wehe, ihr tut ihr was!«, hatte uns Monty gedroht, der auf unseren Schrei hin herbeieilte.

Für Lissi, das Bauernkind, gehörten Ratten und Mäuse zum Alltag. Ich hatte als Kind einen Hamster besessen und fand Humphrey nach dem ersten Schreck eigentlich recht faszinierend. Ich schloss einen geheimen Pakt mit ihm:

»Wenn du mich nachts in Ruhe lässt, lasse ich dich auch in Ruhe.« Tapfer ignorierte ich von nun an unseren Mitbewohner.

Unter eine der Holzstiegen hatten sich ein paar Wespen eine Zweitwohnung gebaut. Wir mussten sehr vorsichtig sein, wenn wir in unser Quartier wollten, um nicht auf eines der Insekten zu treten. Da der Herbst bevorstand, war auch diese Gefahr nur eine Frage der Zeit. Die Wespen würden bald sterben. Dennoch erwischte es mich einmal, als ich nicht aufpasste und beim Hochklettern in eine Wespe griff, die mich prompt stach.

|26|Da war ich nun – die Ex-Stewardess und Ex-Anwältin, behütet aufgewachsen, weltgewandt und mit besten beruflichen Aussichten. Jetzt küsste ich Wölfe und teilte mein Schmuddelquartier mit einer Ratte und ein paar Dutzend wintermüden Wespen. Die Freiheit versprach spannend zu werden.

 

Wolf Park bestand seit neunzehn Jahren. Zur Zeit meines Praktikums lebten hier insgesamt zwanzig Wölfe. Aber nur die Hauptgruppe mit zehn Wölfen (das »Main Pack«) gehörte zum Forschungsprojekt. Sie lebten in einem etwa dreitausend Quadratmeter großen Gehege.

Die Biologin Pat Goodman erklärte mir meine Aufgaben für die nächsten Wochen: »Du musst täglich ein Ethogramm erstellen. Das ist eine Art Katalog, in dem genau aufgelistet wird, was die Tiere tun. Aber pass auf. Du darfst ausschließlich das Verhalten aufschreiben, keine Emotionen.«

Ich schaute irritiert.

»Du musst lernen, das zu erkennen und zu trennen. Wenn Chinook – das ist der große, schwarze Wolf dort hinten – mit dem Schwanz wedelt, kann das verschiedene Bedeutungen haben: Er freut sich, er will jagen, oder er greift an. Sieh mal, dort!«

Es war Besuchstag in Wolf Park. Ein Kleinkind lief, wild mit den Armen rudernd, am Gehegezaun auf und ab. Auf der anderen Seite fixierte Chinook mit nach vorn gerichteten Ohren und erhobenem Schwanz die Kleine. Bei jeder Bewegung preschte er hinterher.

»Schau mal, der will mit dir spielen«, freute sich die Mutter. Mit Spielen hatte Chinook aber nichts am Hut. Für ihn verhielt sich das Kind wie Beute: Es rannte und schrie. Ohne trennenden Zaun wäre die Mutter wenig begeistert gewesen über den »spielenden« Wolf.

»Um das Gesamtbild eines Verhaltens zu deuten, um Emotionen zu erkennen oder Reaktionen vorauszusehen, musst du lernen, ein Verhalten einzuordnen«, erklärte Pat.

|27|Ich verstand. Verhalten verstehen und einordnen. Das könnte auch im »richtigen Leben« hilfreich sein.

 

Die Aufgabe von uns Praktikanten war es, täglich zwei Stunden lang morgens und abends die Wölfe zu beobachten und ihr Verhalten aufzuschreiben. Dazu saßen wir in einem kleinen Aussichtsturm mit Fenster zum Wolfsgehege. So störten wir die Wölfe nicht und waren außerdem vor schlechter Witterung geschützt.

Die quirlige Lissi erhoffte sich mit dem Praktikum bessere Chancen auf ein Ethologie-Studium. Verhaltensforscherin war schon immer ihr Traumberuf gewesen.

»Ich will einmal was mit Wölfen machen« war ihr Wunsch – so wie der vieler junger Menschen, die für ein paar Tage, Wochen oder Monate nach Wolf Park kamen, um als Freiwillige im Park zu helfen. Wir waren unterschiedlichen Alters und kamen aus verschiedenen sozialen Schichten und Ländern. Was uns einte, war der Wunsch, diesen mysteriösen Raubtieren nahe zu sein.

 

Am nächsten Morgen teilte mir Pat Mephisto zur Beobachtung zu.

»Das ist ein ruhiger Wolf. Da kannst du üben.«

Mephisto schlief fest, so wie der Rest der kleinen Wolfsfamilie. Kesho, Aurora, Akili, Faust, Altair, Ursa und Vega lagen ausgestreckt im Gehege. Gelegentlich zuckte ein Ohr. Nur Chinook und Leitwolf Imbo schauten mir zu, als ich auf den Beobachtungsturm kletterte.

»Chinook möchte gern Leitwolf werden«, klärte mich die Biologin auf.

»Er versucht immer wieder einmal, Imbo zu provozieren. Pinkelt über seine Markierung. Turtelt mit der Leitwölfin. Aber Imbo lässt das nicht zu.«

Tatsächlich. Chinook rempelte Imbo im Vorbeigehen an. Der alte Leitwolf knurrte und starrte den Rüpel kurz an. Das reichte. Chinook klemmte den Schwanz ein und zog sich zurück.

|28|Ich begann mit meinen Aufzeichnungen.

Mephisto als »ruhigen« Wolf zu beschreiben war untertrieben. Meine Tabelle zeigte folgende Eintragungen:

7:55 Uhr: Mephisto wacht auf.

7:56 Uhr: Mephisto macht einen Rundgang und markiert.

8:02 Uhr: Mephisto schläft.

8:06 Uhr: Mephisto steht auf, scharrt, geht zu den anderen Wölfen, legt sich hin.

8:13 Uhr: Mephisto schläft.

Nach den ersten Tagen war mir klar, dass der elfjährige Mephisto mit seinem charismatischen literarischen Namensvetter aus Goethes Faust wenig gemeinsam hatte. Von ihm konnte ich kaum aufregende Beobachtungen erwarten – es sei denn, man zählt »schlafender Wolf« dazu. Ich beschloss, es fortan mit dem Unruhestifter Chinook zu versuchen. Und tatsächlich. Meine Aufzeichnungen änderten sich:

7:15 Uhr: Chinook streckt sich.

7:16 Uhr: Chinook heult zwei Minuten fünfzehn Sekunden lang.

7:20 Uhr: Chinook läuft zum Rest der Gruppe.

7:21 Uhr: Chinook wirft sich vor Imbo auf den Rücken.

7:25 Uhr: Chinook spielt mit Vega.

7:29 Uhr: Chinook schnappt nach Aurora.

Man muss aufpassen, was man sich wünscht, dachte ich, es könnte in Erfüllung gehen. Mit der Beobachtung von Chinook hatte ich keine freie Minute mehr. Der Wolf war ständig in Aktion und hielt mich mit den Aufzeichnungen auf Trab.

Mit der Zeit lernte ich die Wölfe des »Main Pack« näher kennen. Als Leitpaar waren Imbo und Altair zwei sehr souveräne und gelassene Wölfe. Ein Blick der beiden reichte, um ein »unpassendes« Verhalten der anderen zu unterbinden.

Das funktionierte nur bei Chinook nicht, der mit seinen zwei Jahren noch zu jung war, um dem sieben Jahre älteren Leitwolf zu imponieren. Der kräftige, schwarze Chinook war ein rüpelhafter, selbstbewusster Teenager, der zu wissen schien, dass das Schicksal noch Großes mit ihm vorhatte. Ein Jahr |29|nach meinem Praktikum, als Imbo starb, übernahm Chinook automatisch die Führung der Gruppe. Der wilde Jungwolf musste quasi über Nacht erwachsen werden. Altair blieb auch nach Imbos Tod Leitwölfin. Ihre Schwester Vega, eine wunderschöne schwarze Wölfin mit leuchtend gelben Augen, gehörte trotz ihrer beeindruckenden Größe eher zu den Schüchternen und zog die Gesellschaft der Menschen der ihresgleichen vor.

Die zweijährige Ursa hatte als Welpe eine Beinverletzung erlitten und humpelte fortan. Menschen schien sie »zum Fressen gern« zu haben, denn wenn wir ins Gehege kamen, waren ihre Begrüßungen mehr als stürmisch.

Die sanfte Akili war genau das Gegenteil: still, unterwürfig und scheu, ebenso wie der elf Jahre alt Faust, ein grauer Wolf mit einem dunklen Streifen auf der Nase.

Die Geschwister Aurora und Kesho mochten Menschen, besonders Aurora. Mich überraschte zunächst ihr etwas »unwölfisches« Aussehen. Mit ihrer sehr hohen Stirn und der kurzen Nase hatte sie fast ein Babygesicht, das sich auch im Alter nicht auswuchs. Wir mussten Besuchern immer wieder erklären, dass dieser Wolf kein Welpe war. Einen wölfischen Schönheitswettbewerb würde sie nie gewinnen. Das machte sie jedoch mit ihrer Persönlichkeit wieder wett. Die sehr freundliche Wölfin verhalf manch ängstlichem Wolf-Park-Besucher zum Erlebnis seines Lebens, wenn sie sich an ihn schmiegte und sich streicheln ließ.

Wie die meisten Gehegewölfe lebten auch die Wolf-Park-Wölfe nicht in einem »natürlichen« Familienverband. In der Wildnis besteht eine Wolfsfamilie aus den Eltern, dem ein- bis zweijährigen Nachwuchs und einigen Onkeln und Tanten. Die Jungwölfe wandern meist ab, wenn sie erwachsen werden, um eigene Familien zu gründen. In einem Gehege dagegen kann der Nachwuchs nicht abwandern. Um Inzucht zu vermeiden, müssen so gelegentlich fremde Wölfe in die Gruppe eingebracht werden, was zu Stresssituationen führen kann. Die Wolf-Park-Wölfe leben wie alle Gehegewölfe in einer Klassengesellschaft. Jeder Einzelne kann die Hierarchie vom |30|Anführer zum Ausgestoßenen durchlaufen. Für den rangniedrigsten Wolf – »Omega-Wolf« genannt – konnte das Leben grausam sein. Er fungiert als eine Art Sündenbock. Ständig wird er von den anderen gemobbt. Geht das zu weit und besteht Gefahr, dass das Tier verletzt wird, nehmen es die Mitarbeiter aus der Gruppe heraus und bringen den Gemobbten in einem anderen Gehege unter.

Für uns war es wichtig, das individuelle Verhalten der einzelnen Wölfe zu erkennen und zu verstehen. Da die Wölfe von Hand aufgezogen worden waren, betrachteten sie uns als ihresgleichen und konnten entsprechend ruppig werden. Eine meiner wichtigsten Übungen war fortan: Wie bewege ich mich unter Wölfen, ohne dabei einen wichtigen Körperteil zu verlieren? Jetzt verstand ich auch, warum wir vor Beginn des Praktikums eine Haftungsbefreiung unterschreiben mussten.

Der Höhepunkt unseres Praktikantenlebens war das samstägliche Großreinemachen, wenn wir zum Häufchen-Sammeln in die Gehege durften. Alle rissen sich um diesen Job, denn als Belohnung winkte die Begegnung mit den Wölfen. Stets in Begleitung von zwei erfahrenen Helfern packten wir unsere Eimer und Zangen und wappneten uns für das stürmische Zusammentreffen. Aufregung auf beiden Seiten. Die Wölfe winselten am Zaun. Sprangen umeinander und übereinander, sobald wir das Gehege betraten. Jeder suchte die beste Position möglichst nah an unseren Händen. Zungen flogen über Nasen. Zähne knabberten an Kinn und Lippen. Mit dieser Form von Begrüßung fordern die Wolfswelpen von heimkehrenden Eltern ihr Futter ein, das diese hervorwürgen. Wir konnten ihnen Derartiges nicht bieten, dafür aber jede Menge Streicheleinheiten. Nie reichten die Hände aus, um alle Ohren und Bäuche zu versorgen, die es zu kraulen galt. Erst wenn diese ausgiebige Begrüßung vorbei war und sich die Aufregung gelegt hatte, konnten wir mit der eigentlichen Arbeit beginnen.

Schon nach kurzer Zeit hatte ich meine »Lieblingsküsser« gefunden, die fünf grauen Wölfe des »East Pack«. Sie gehörten |31|nicht zum Forschungsprojekt und lebten in einem separaten Gehege im östlichen Teil von Wolf Park. Sirgei und die fast weiße Betsi waren die Eltern von Chani, Sierra und NK. Während Chani und Sierra sehr sanfte und zurückhaltende Wölfinnen waren, musste man bei NK stets auf der Hut sein, um von dem stürmischen einjährigen Jungwolf nicht umgeworfen zu werden. Zum Küssen »geeignet« waren nur die Jungwölfe, die Eltern mussten in der Zeit, in der wir Praktikanten ins Gehege kamen, weggesperrt werden. Auch NK durfte später wegen seiner Rüpelhaftigkeit keine Besucher mehr empfangen.

Von einem Wolf geküsst zu werden ist schon eine besondere Sache. Um es gleich vorweg zu beantworten – nein, Wölfe haben keinen Mundgeruch. Erstaunlicherweise riechen sie völlig neutral aus dem Maul, selbst nach einer ausgiebigen Mahlzeit.

Doch nicht jeder der Praktikanten ließ sich so begeistert abschlecken wie ich. Manche wehrten die Wölfe ab und beschränkten sich auf das Streicheln. Aber ich wollte partout das volle Programm. Eng wurde es nur, wenn sich die stürmischen Jungwölfe zur Begrüßung drängelten. Jeder wollte der Erste sein. Dann konnte es geschehen, dass ich mich mitten in einer Gruppe von drei sich anknurrenden, zähnefletschenden Wölfen wiederfand. Kein guter Platz für eine noch unerfahrene Praktikantin wie mich, zumal ich von Natur aus jedem Streit aus dem Weg gehe. Aber ein energisches »Nein! Jetzt reicht’s!«, ein gewagter Sprung aus der Menge und gnadenloses Ignorieren für die nächsten fünf Minuten half, die Situation zu entschärfen. Wenn der Familienfrieden wieder hergestellt war, gab es weitere Streicheleinheiten zur Belohnung.

Bei solchen stürmischen Begegnungen war es mir manchmal, als würde ich mich selbst beobachten. Da saß ich mitten in einer Gruppe zähnefletschender Wölfe und hatte nicht die geringste Angst. Im Gegenteil. Ich fühlte mich sicher. War das noch dieselbe Person, die auf die andere Straßenseite ging, wenn ihr bei Dunkelheit »unheimliche« Personen entgegenkamen? |32|Oder in deren Wortschatz das Wort Nein nicht vorkam?

Ich dachte zurück an die letzten Jahre meiner Ehe. Endlose Abende allein zu Hause. Brütendes Schweigen. Angespannte Stimmung.

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