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JOHN AJVIDE
LINDQVIST

WOLFS
KINDER

Roman

 

Übersetzung aus dem

Schwedischen von Thorsten Alms

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BASTEI ENTERTAINMENT

Meinen Bonussöhnen
Kristoffer, Jonatan,
Nisse und ihren Lieben

Alle Menschen tragen eigentlich einen anderen Namen

PROLOG

Freilichtbühne Solliden, Skansen. Der sechsundzwanzigste Juni 2007. Zehn Minuten vor acht. Der Moderator stimmt das Publikum ein, indem er »Ist es denn schlimm, wenn man sich manchmal fortsehnt?« mit ihm einstudiert. Als das Lied zu Ende ist, fordert ein Techniker alle Eltern auf, ihre Kinder von den Schultern zu nehmen, damit sie mit den Köpfen nicht an die Kamerakräne stoßen.

Die Sonne hängt tief über der Bühne und blendet das Publikum. Der Himmel ist tiefblau. Die Jugendlichen hinter den Bühnengittern werden gebeten, ein wenig zurückzutreten, damit niemand dagegen gedrückt wird. Die größte Musikshow Schwedens geht in fünf Minuten auf Sendung, und niemand soll zu Schaden kommen.

Es muss Oasen der Gemütlichkeit geben, in denen man die alltäglichen Sorgen für eine Weile vergessen kann. Nichts Böses darf dort geschehen, und alle denkbaren Sicherheitsmaßnahmen müssen ergriffen werden, um dieses Wohlbefinden nicht zu stören.

Schmerzensrufe oder Angstschreie sind ausgeschlossen, und wenn die Sendung vorüber ist, darf kein Tropfen Blut auf den Boden oder die Bänke geflossen sein. Es darf kein toter Mensch auf der Bühne liegen oder weitere auf dem Platz davor. Chaos darf hier niemals zugelassen werden. Dafür sind zu viele Leute hier. Es muss ruhig und gemütlich zugehen.

Das Orchester beginnt zu spielen, »Stockholm in meinem Herzen«, und alle singen mit. Arme wiegen sich in der Luft und Fotohandys werden hochgestreckt. Ein herrliches Gemeinschaftsgefühl. Es wird noch fünfzehn Minuten dauern, bis dies alles nach einem präzisen Plan zerstört werden wird.

Lasst uns so lange noch mitsingen. Wir haben noch einen langen Weg vor uns, bis wir hierher zurückkehren werden. Erst wenn der Weg uns müde gemacht hat und wir bereit sind, das Undenkbare zu denken, dürfen wir zurückkehren.

Auf geht’s! Alle gemeinsam!

»Die Liebe des Mälaren zum Meer,

Eine Mischung von salzig und süß …«

DAS MAEDCHEN MIT DEN
GOLDENEN HAAREN

Mother says I was a dancer before I could walk

She says I began to sing long before I could talk

ABBA, Thank you for the music

1

Im Herbst 1992 gab es Gerüchte über eine explosionsartige Pilzschwemme in den Wäldern; dank des feuchten und warmen Spätsommers seien die Pfifferlinge und Semmelpilze aus den unterirdischen Myzelien hervorgeschossen. Als Lennart Cederström mit seinem Volvo 240 in den Waldweg einbog, hatte er einen großen Korb dabei sowie ein paar Plastiktüten auf dem Rücksitz. Für alle Fälle.

Eine Kassettenaufnahme der Kuschelsongs 16 von den Vikingern lief im Autoradio und Christer Sjögrens Stimme donnerte aus der Lautsprecheranlage: »Zehntausend rote Rosen schenk ich dir …«

Lennart grinste hämisch und sang den Refrain mit, imitierte Sjögrens affektiertes Bass-Vibrato. Es klang ausgezeichnet. Es klang fast genauso. Lennart war wahrscheinlich ein besserer Sänger als Sjögren, aber was hatte er davon? Er war zu oft zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen, hatte erlebt, wie ihm die Chance seines Lebens vor der Nase weggeschnappt worden oder wie sie hinter seinem Rücken vorbeigezischt war. Als er sich umgedreht hatte, war sie schon verschwunden gewesen.

Wie auch immer. Seine Pilze würde er bekommen. Pfifferlinge, das Gold des Waldes, in riesigen Mengen. Dann nach Hause, abbrühen, die Kühltruhe vollpacken. Dann hatte er genug für ein Pilzbrot mit Bier an jedem verdammten Abend, bis der Weihnachtsbaum rausfliegen würde. Nach ein paar Regentagen hatte einige Tage lang die Sonne gestrahlt. Die Voraussetzungen waren ideal.

Lennart kannte jede Krümmung des Waldwegs, er kniff die Augen zusammen und klammerte sich an das Lenkrad, während er schmetterte: »Zehntausend rote Rosen in einem Strauuuuuß …«

Als er die Augen wieder öffnete, sah er etwas Schwarzes vor sich auf der Straße. Ein Sonnenstrahl wurde von einem Stück blanken Metalls reflektiert, und Lennart konnte gerade noch ausweichen, bevor es auch schon vorbei war. Ein Auto. Lennart warf einen Blick in den Rückspiegel, um sich das Kennzeichen zu merken, aber der Wagen fuhr mindestens achtzig auf dem Schotterweg und wirbelte eine Staubwolke hinter sich auf. Lennart war sich trotzdem ziemlich sicher, dass es ein BMW war. Ein schwarzer BMW mit getönten Scheiben.

Lennart fuhr noch dreihundert Meter weiter, bis er zu der Stelle kam, wo er immer parkte, zog den Zündschlüssel und atmete durch.

Was zum Teufel war das denn gewesen?

In dieser Ecke war ein BMW keine Alltäglichkeit. Ein BMW, der mit achtzig über den Schotterweg aus dem Wald bretterte, war ein einzigartiges Ereignis. Lennart fühlte sich aufgeputscht. Er hatte etwas erlebt. In dem Augenblick, als die schwarze Karosse auf ihn zugerauscht war, hatte sein Herz einen Sprung gemacht und sich wie vor einem drohenden tödlichen Schlag zusammengekauert, um sich danach wieder auseinanderzuwickeln und zur Ruhe zu kommen. Was für ein Erlebnis.

Nur eines ärgerte ihn. Er konnte keine Anzeige erstatten. Wahrscheinlich hätte er sogar auf das Pilzesammeln verzichtet für das Vergnügen, nach Hause fahren und die Polizei anrufen zu können, um ihr in allen Details von seiner Begegnung auf der mit Tempo 30 beschilderten Straße zu berichten. Aber ohne ein Autokennzeichen war eine Anzeige verlorene Liebesmüh.

Als Lennart aus dem Auto stieg und seinen Korb und die Tüten nahm, war die vorübergehende Erregung wieder abgeklungen, und stattdessen machte sich das Gefühl in ihm breit, dass er gezwungen worden war, sich zu ducken. Wieder einmal. Der schwarze BMW hatte auf eine ominöse Art gewonnen. Vielleicht wäre es etwas anderes gewesen, wenn es sich um einen ramponierten Saab gehandelt hätte, aber es war nun mal ein richtiges Neureichenauto gewesen, das Staub über seine Windschutzscheibe geblasen und ihn über den Straßenrand gedrängt hatte. Wie üblich.

Lennart schlug die Tür hinter sich zu und ging mit gesenktem Kopf auf den Wald zu. Durch die feuchte Erde im Schatten der Bäume zog sich eine frische Reifenspur. Eine Vertiefung und aufgeworfener Lehm zeigten, dass hier ein Auto mit durchdrehenden Reifen gestartet war. Die Schlussfolgerung, dass es sich dabei um diesen BMW gehandelt hatte, lag nahe. Lennart betrachtete die breite Reifenspur, als ob sie ihm einen Beweis oder einen neuen Anklagepunkt liefern könnte. Ihm fiel nichts dazu ein. Stattdessen spuckte er in die Spur.

Lass es sein.

Er ging ein paar Schritte in den Wald hinein und hielt inne, sog den Geruch sonnenwarmer Nadeln ein, den Duft von dumpfigem Moos und – irgendwo dahinter verborgen – den von Pilzen. Er konnte ihn nicht genau orten oder die Art der Pilze daraus ablesen, aber eine schwache Veränderung im gewohnten Geruch des Waldes sagte ihm, dass an den Gerüchten etwas dran war: Hier gab es Pilze zu holen. Er ließ seinen Blick über den Boden in seiner Umgebung schweifen und suchte nach abweichenden Farben oder Formen. Er war ein guter Pilzesammler, konnte schon von Weitem einen Pfifferling erkennen, der sich unter Gräsern und Zweigen verbarg. Ein winziger Schimmer im richtigen Gelbton, und schon schoss er darauf zu wie ein Falke.

Heute aber entdeckte er einen Champignon. Zehn Meter von ihm entfernt schaute ein weißer Knubbel aus der Erde. Lennart runzelte die Stirn. In dieser Ecke war er noch nie auf Champignons gestoßen, weil der Boden nicht der richtige war.

Als er näher kam, erkannte er, dass es sich so verhielt, wie er vermutet hatte. Es war kein Pilz, es war ein Stück von einer Plastiktüte. Lennart seufzte. Es kam vor, dass Leute zu bequem waren, zur Deponie zu fahren, und ihre Abfälle stattdessen im Wald abluden. Er selbst hatte schon einmal beobachtet, wie ein Mann einen Mikrowellenherd aus dem Autofenster geworfen hatte. Damals konnte er sich das Kennzeichen notieren und hatte sogar schriftlich Anzeige erstattet.

Lennart wollte sich auf der gewohnten Route zu seinen Pilzstellen begeben, als er sah, wie sich das Stück Plastik bewegte. Er blieb stehen. Die Tüte bewegte sich erneut. Das konnte eigentlich nur der Wind gewesen sein. Das wäre jedenfalls besser gewesen. Aber zwischen den Baumstämmen war es vollkommen windstill.

Nicht gut.

Ein leises Knistern ertönte, als der Plastikfetzen ein weiteres Mal zuckte, und Lennarts Beine fühlten sich plötzlich sehr schwer an. Der Wald umgab ihn still und gleichgültig, und er war ganz allein auf der Welt mit dem, was sich in dieser Plastiktüte befand. Lennart musste trocken schlucken und machte ein paar Schritte nach vorn. Die Tüte rührte sich jetzt nicht.

Geh nach Hause. Kümmer dich nicht drum.

Er wollte keinen alten Hund sehen, dessen Hinrichtung beinahe, aber auch nur beinahe, geglückt war, oder einen Wurf voller Katzenjungen mit beinahe, aber auch nur beinahe, zertrümmerten Schädeln. Er wollte es nicht anfassen.

Es war also nicht Verantwortungsgefühl oder Mitleid, das ihn in Richtung dieses Plastikzipfels trieb. Es war die allgemein menschliche oder unmenschliche Neugierde. Er musste es einfach wissen, sonst würde ihn der Gedanke an diesen flatternden weißen Wimpel so lange plagen, bis er wieder zurückkehren und herausfinden würde, was er verpasst hatte.

Er griff nach dem Zipfel und sprang sofort einen Schritt zurück, schlug die Hände vor den Mund. Irgendetwas war in der Tüte. Etwas hatte seinen Griff erwidert, und es hatte sich angefühlt wie Muskeln, Fleisch. Die Erde um die Tüte herum war vor Kurzem umgegraben worden.

Ein Grab. Ein kleines Grab.

Der Gedanke zog eine Reihe von Assoziationen nach sich, und plötzlich wusste Lennart genau, was den Griff seiner Hand erwidert hatte. Eine andere Hand. Eine sehr kleine andere Hand. Lennart krabbelte zu der Tüte und begann die Erde wegzugraben. Es ging schnell. Die Erde war nachlässig hineingeworfen worden, wahrscheinlich von jemandem, der kein Werkzeug dabeihatte, und Lennart hatte die Tüte innerhalb von zehn Sekunden freigelegt und aus der Grube gezogen.

Die Griffe der Tüte waren zusammengeknotet, und Lennart zerrte an dem Plastik herum, um Luft hineinzulassen, Leben hineinzulassen. Es gelang ihm, ein Loch aufzureißen, hinter dem bläuliche Haut zum Vorschein kam. Ein schmales Bein, ein eingesunkener Brustkorb. Ein Mädchen. Ein nur wenige Tage oder Wochen alter Säugling. Er bewegte sich nicht. Die dünnen Lippen waren wie aus Trotz gegen eine bösartige Welt fest zusammengekniffen. Lennart war Zeuge ihrer letzten Zuckungen geworden.

Lennart legte sein Ohr gegen den Brustkorb des Kindes und meinte das ganz schwache Echo eines Herzschlags hören zu können. Er drückte die Nase des Kindes mit Daumen und Zeigefinger zusammen und holte tief Luft. Er musste die Lippen ganz spitz machen, um Luft in den winzigen Mund des Säuglings blasen zu können, und brauchte zwischendurch nicht einmal einzuatmen, um die kleinen Lungen ein weiteres Mal zu füllen. Die Luft strömte mit einem Blubbern wieder aus und der Brustkorb rührte sich nicht mehr.

Lennart atmete ein weiteres Mal ein, und als er die zweite Ladung Luft hineinpustete, passierte es. Der kleine Körper erbebte und hustete weißen Schaum aus, bevor ein Schrei die Stille des Waldes zerriss und die Zeit wieder zum Laufen brachte.

Das Kind schrie und schrie, und der Schrei glich keinem anderen Schrei, den Lennart jemals gehört hatte. Er klang weder gebrochen noch jammernd. Es war ein einziger klarer und reiner Ton, der dem misshandelten Körper entstieg. Lennart besaß ein absolutes Gehör, und er brauchte keine Stimmgabel, um zu hören, dass es sich um ein E handelte. Ein glockenreines E, das das Laub zum Zittern brachte und die Vögel in den Bäumen aufscheuchte.

2

Das Mädchen lag eingewickelt in Lennarts leuchtend roter Helly-Hansen-Jacke auf dem Beifahrersitz. Lennart hielt sich mit beiden Händen am Lenkrad fest und starrte sie an. Er war vollkommen ruhig, und sein Körper fühlte sich an wie durchgepustet. Aufgeklart.

Irgendwann gegen Ende der Siebzigerjahre hatte er Kokain ausprobiert. Eine angesagte Rockband hatte etwas angeboten, und er hatte es genommen. Nur eine Linie, und danach nie wieder, weil es so wunderbar gewesen war. Viel zu wunderbar.

Irgendetwas tut einem immer weh. Irgendwo drückt immer etwas, und wenn es nichts Körperliches ist, dann drückt es in der Seele. Es juckt. Immer. Durch das Kokain war das wie weggefegt. Der Körper wurde zu einer samtenen Schale, und in dieser Schale ruhten ausschließlich kristallklare Gedanken. Alle Nebel waren verflogen, und das Leben war wunderbar. Anschließend wusste Lennart sofort, dass das Streben nach diesem Gefühl sein ganzes Leben in Anspruch nehmen würde. Also verzichtete er darauf.

Jetzt hielt er das Lenkrad in den Händen und hatte ein vergleichbares Gefühl, nur ganz ohne chemische Unterstützung. In seinem Inneren war alles still, der Wald glühte in den Farben des Herbstes, und ein großes Wesen hielt den Atem an und wartete auf seine Entscheidung. Lennart streckte die Hand nach dem Zündschlüssel aus – seine Hand! Dass er eine Hand mit fünf Fingern besaß, die er bewegen konnte, wie er wollte! Welch ein Wunder! –, ließ den Motor an und rollte denselben Weg zurück, den er gekommen war.

Auf der Landstraße wurde er immer wieder überholt, während er am Wegesrand entlangschlich. Das Kind hatte keinen Sitz oder Korb, und Lennart fuhr, als würde er eine Schale transportieren, die bis zum Rand mit einer wertvollen Flüssigkeit gefüllt war. Das Kind kam ihm so zerbrechlich und vergänglich vor, als könnte es von der leisesten Erschütterung aus seiner Existenz gerissen werden.

Sein Rücken war schweißgebadet, als er zehn Minuten später auf den Hof fuhr, den Motor abstellte und sich in alle Richtungen umschaute. Kein Mensch war zu sehen, sodass Lennart das Kind auf den Arm nahm und auf das Haus zueilte. Er erreichte die Haustreppe und stellte fest, dass die Tür wie gewöhnlich abgeschlossen war. Er klopfte zwei Mal, Pause, und dann wieder zwei Mal.

Eine kalte Brise strich über seinen nassen Rücken, und er drückte das Kind fester an sich. Nach zehn Sekunden hörte er Lailas vorsichtige Schritte durch den Flur näher kommen, sah, wie es hinter dem Türspion dunkel wurde, als sie kontrollierte, wer gekommen war. Dann wurde die Tür geöffnet. Laila stand wie ein massiver Bremsklotz in der Türöffnung.

»Bist du schon zurück, was hast du denn da …«

Lennart drängte sich an ihr vorbei in den Flur und ging weiter in die Küche. Die Tür knallte hinter ihm ins Schloss und Laila rief: »Geh nicht mit den Schuhen rein, bist du verrückt, du kannst doch nicht mit den dreckigen Schuhen reingehen, Lennart!«

Lennart stand ratlos mitten in der Küche. Er hatte einfach nur die Sicherheit des Hauses gesucht. Jetzt wusste er nicht mehr weiter. Er wollte das Kind erst auf den Küchentisch legen, überlegte es sich jedoch anders und drückte es wieder fest an sich, während er sich auf der Suche nach einer Richtung einmal um sich selbst drehte.

Laila kam in die Küche. Ihr Gesicht war rot angelaufen.

»Du darfst dir ruhig die Schuhe ausziehen, wenn du reinkommst, ich habe gerade gewischt und du …«

»Halt die Klappe!«

Lailas Mund klappte zu, und sie wich einen halben Schritt zurück. Lennart lockerte den Griff um das Kind, wickelte die Jacke auseinander, sodass der Scheitel des Kindes und eine Strähne seines blonden Haares zum Vorschein kamen. Lailas Mund öffnete sich wieder. Sie gaffte.

Lennart hielt das Bündel kurz hoch.

»Ich habe ein Kind gefunden. Ein Baby. Im Wald.«

Es klickte leise, als sich Lailas Zunge an den Gaumen presste und sich saugend wieder davon löste, während sie nach Worten suchte. Schließlich flüsterte sie: »Was hast du getan?«

»Ich habe gar nichts getan. Ich habe sie im Wald gefunden. In einer Grube.«

»In einer Grube?«

Lennart erklärte in kurzen Worten, was passiert war. Laila hörte mucksmäuschenstill mit vor dem Bauch verschränkten Händen zu. Nur ihr Kopf bewegte sich hin und her. Als Lennart zu dem Punkt kam, an dem er dem Kind Luft in die Lungen geblasen hatte, unterbrach er sich: »Kannst du vielleicht aufhören, mit dem Kopf zu wackeln, während ich erzähle? Das ist verdammt nervtötend.«

Lailas Kopf hielt mitten in der Bewegung inne. Zögerlich machte sie einen Schritt nach vorn und betrachtete das Kind mit unterdrücktem Entsetzen. Mund und Augen des Kindes waren fest zusammengekniffen. Laila begann sich die Wangen zu massieren.

»Was wirst du tun?«

3

Das Angebot an Babysachen war gewachsen, seit Jerry klein gewesen war. Es gab Nuckelflaschen mit einem Loch, mit zwei Löchern, mit kleineren Löchern und mit größeren Löchern. Die Flaschen besaßen unterschiedliche Größen. Auf gut Glück warf Lennart drei verschiedene Modelle in den Einkaufswagen.

Mit den Windeln verhielt es sich genauso. Jerry hatte Stoffwindeln getragen, die ständig gewaschen werden mussten, aber so etwas wurde im ICA-Supermarkt nicht mehr verkauft. Lennart stand vor einer Wand aus farbenfrohen Plastikverpackungen wie ein Buddhist vor der Klagemauer. Das war nicht seine Welt. Er hatte nicht die geringste Ahnung.

Er wollte es schon genauso machen wie mit den Nuckelflaschen, als er entdeckte, dass es die Windeln in unterschiedlichen Größen für unterschiedliche Altersstufen gab. Für Neugeborene konnte er nur zwischen zwei Sorten wählen, und Lennart entschied sich für eine Packung der teureren Marke. An Milchnahrung gab es zum Glück nur eine Sorte, und der Inhalt des Einkaufswagens wurde um zwei rote Pappkartons bereichert.

Mehr fiel ihm nicht ein.

Schnuller? Jerry hatte einen Schnuller gehabt, und wozu hatte das geführt? Fürs Erste keinen Schnuller. Lennarts Blick blieb an einer Giraffe hängen oder vielmehr an einem Giraffenhals mit Kopf, der auf eine Kugel montiert war und sich immer wieder aufrichtete. Er legte ihn in den Einkaufswagen.

Jede dieser greifenden und loslassenden Bewegungen kam ihm absurd vor. Es waren Babysachen. Dinge, die für ein Baby bestimmt waren. Ein zappelndes und schreiendes kleines Wesen, das an einem Ende Nahrung aufnahm und sie am anderen Ende verdaut wieder ausschied. Ein Wesen, das er im Wald gefunden hatte …

Und wieder senkte sich diese überirdische Ruhe über ihn. Die Arme wurden schlaff und hingen an seinen Seiten hinunter, während sich sein Blick auf eine der Spiegelkugeln unter der Decke richtete. Er sah kleine Menschen, die sich zwischen den Regalen bewegten, sah sie aus der Perspektive Gottes und wollte seine Hand ausstrecken und ihnen allen sagen, dass ihnen vergeben sei. Alles, was sie ihm angetan hatten, würde keine Rolle mehr spielen.

Ich vergebe euch. Ich mag euch. Eigentlich mag ich euch.

»Verzeihung.«

Einen Moment lang glaubte er, dass tatsächlich jemand auf sein Angebot zur Amnestie eingegangen war. Doch dann kehrte er in die Wirklichkeit zurück und sah eine kleine, dicke und glubschäugige alte Dame, die sich an ihm vorbei zur Gläschennahrung drängte.

Er griff nach dem Einkaufswagen und schaute sich um. Zwei ältere Herren standen da und beobachteten ihn. Er wusste nicht, wie lange er sich in seiner versöhnlichen Katatonie befunden hatte, aber wohl kaum länger als ein paar Sekunden. Mehr war nicht nötig, und die Leute fingen an zu glotzen.

Lennart verzog das Gesicht und ging zu den Kassen. Die Innenflächen seiner Hände waren verschwitzt, und plötzlich war er davon überzeugt, dass er auf eine ganz unnatürliche Weise ging. Er spürte seinen Pulsschlag in den Schläfen, und die Blicke wirklicher und eingebildeter Beobachter brannten in seinem Rücken. Die Leute kommentierten flüsternd den Inhalt seines Einkaufswagens und verdächtigten ihn aller möglichen Dinge.

Du musst dich beruhigen. Lass es ruhig angehen.

Er hatte ein Patentrezept für den Fall, dass ihn solche Gefühle beschlichen, wie es hin und wieder vorkam: Er tat einfach so, als wäre er Christer Sjögren von den Vikingern. Die Goldenen Schallplatten, die Fernsehshows, die Deutschlandtourneen und der ganze Zirkus. Dass die Leute ihn anstarrten, lag daran, dass er so schrecklich berühmt war.

Lennart drückte den Rücken durch und schob den Einkaufswagen mit größerer Zuversicht vor sich her. Nur noch ein paar Schritte bis zu den Kassen, und die Fantasiewelt war komplett: Hier kommt Christer. Natürlich musste er an der Kasse nicht anstehen, und als er seine Waren auf das Band legte, lächelte er die Kassiererin an und ließ die charmante Lücke zwischen seinen Schneidezähnen aufblitzen.

Er bezahlte mit einem Fünfhundert-Kronen-Schein, bekam sein Wechselgeld zurück und stopfte die Sachen in zwei Plastiktüten, bevor er seine Schritte selbstbewusst durch das Gewimmel lenkte. Erst nachdem er die Tüten auf die Rückbank geworfen, sich hinter das Steuer gesetzt und die Tür hinter sich zugezogen hatte, konnte er die Maske fallen lassen, zu sich selbst zurückkehren und Christer erneut mit Verachtung begegnen.

Mein eigenes, verdammtes blaues Hawaii.

Als er zurückkam, saß Laila am Küchentisch. Das Mädchen lag in ihren Armen, eingewickelt in eine von Jerrys alten Babydecken. Lennart stellte die Tüten auf dem Küchenboden ab, und Laila schaute mit diesem Ausdruck zu ihm hinauf, bei dem sich sein Magen jedes Mal zusammenkrampfte: der Mund weit aufgerissen, die Augenbrauen hochgezogen. Hilflos und verwundert. Das hatte seinerzeit vielleicht noch funktioniert, heute tat es das nicht mehr.

Lennart kramte den Karton mit der Milchnahrung aus der Tüte und fragte, ohne Laila dabei anzuschauen: »Was ist los mit dir?«

»Sie hat keinen einzigen Ton von sich gegeben«, sagte Laila. »Die ganze Zeit nicht einen Ton.«

Lennart goss zweihundert Milliliter Wasser in einen Topf und stellte ihn auf den Herd.

»Wie meinst du das?«

»Genau so, wie ich es sage. Sie müsste doch hungrig sein oder … ich weiß nicht. Irgendetwas eben. Sie müsste doch etwas sagen. Laute von sich geben.«

Lennart legte den Messlöffel zur Seite und beugte sich über das Kind. Es zeigte denselben konzentrierten Gesichtsausdruck wie zuvor, als ob es dalag und intensiv nach etwas lauschte. Er stupste mit dem Finger auf die platte Nase, und die Lippen verzogen sich zu einer unzufriedenen Grimasse.

»Was machst du da?«, fragte Laila. Lennart kehrte zur Arbeitsplatte zurück, schüttete das Pulver in das Wasser und begann zu rühren. Lailas Tonlage stieg um eine Terz.

»Hast du gedacht, sie ist tot?«

»Ich habe gar nichts gedacht.«

»Hast du gedacht, ich würde hier neben einem toten Kind sitzen und es noch nicht einmal merken, hast du das etwa gedacht?«

Lennart rührte mit ein paar harten Schlägen und prüfte die Temperatur der Milch mit dem Finger. Er zog den Topf von der Platte und nahm sich auf gut Glück eines der Babyfläschchen, während Laila im Hintergrund weiternölte.

»Du bist wirklich unglaublich, weißt du das? Du glaubst, du wärst der Einzige hier, der den Durchblick hat. Aber ich kann dir sagen, während all der Jahre, als Jerry noch klein war und du nur …«

Nachdem Lennart die Milch eingefüllt und den Sauger auf die Flasche geschraubt hatte, trat er einen Schritt vor und verpasste Laila eine Ohrfeige mit der flachen Hand.

»Halt’s Maul. Sprich nicht über Jerry.«

Er hob das Kind aus ihren Armen und setzte sich auf einen Stuhl auf der anderen Seite des Tisches. Unter der Babydecke drückte er sich heimlich die Daumen und hoffte, dass er den richtigen Sauger erwischt hatte. In diesem Augenblick wollte er sich auf gar keinen Fall einen Fehler erlauben.

Die Lippen des Mädchens schlossen sich um den Nuckel, und es begann gierig den Inhalt der Flasche einzusaugen. Lennart schielte zu Laila hinüber, die seinen Erfolg nicht bemerkt hatte. Sie massierte sich die Wange, und stille Tränen kullerten in die Falten, die um ihren Hals liefen. Schließlich stand sie auf, taperte ins Schlafzimmer und schloss die Tür hinter sich ab.

Das Kind saugte beinahe ebenso lautlos, wie es alles andere auch zu tun schien. Nur ein schwaches Schnaufen war zu hören, wenn es durch die Nase einatmete, während der Mund weiter den Sauger bearbeitete und der Inhalt der Flasche sich rasch verminderte. Als die Flasche beinahe geleert war, konnte Lennart ein leises Knistern von Stanniolpapier aus dem Schlafzimmer hören. Er ließ sie machen. Er hatte genug anderes, an das er denken musste.

Mit einem zischenden Geräusch ließ das Kind die Flasche los und schlug die Augen auf. Irgendetwas krabbelte Lennarts Rückgrat hinauf und ließ ihn schaudern. Die Augen des Kindes waren strahlend blau und wirkten riesig in dem kleinen Gesicht. Für einen Augenblick weiteten sich die Pupillen, und Lennart bekam das Gefühl, in einen Abgrund zu starren. Dann zogen sie sich im Licht wieder zusammen, und die Augenlider fielen zu.

Lennart saß für lange Zeit mucksmäuschenstill da. Das Kind hatte ihn angeschaut. Es hatte ihn zu Gesicht bekommen.

4

Als Laila aus dem Schlafzimmer kam, hatte Lennart das Baby auf ein Frotteehandtuch auf den Küchentisch gelegt. Er drehte eine Windel in seinen Händen hin und her und versuchte herauszufinden, wie man sie befestigte, bis Laila sie ihm wegnahm, ihn zur Seite schob und sagte: »Ich mach das.«

Ihr Atem roch nach Kakao und Minze, aber Lennart sagte nichts. Er legte die Hände auf den Rücken, trat einen Schritt zurück und beobachtete, was Laila mit den Laschen und Klebestreifen anstellte. Ihre linke Wange war rot angelaufen, und über das Rote hinweg liefen Streifen getrockneter, salziger Tränen.

Sie war ein steiler Zahn gewesen, eine fesche Braut und eine Anwärterin auf den schillernden Thron, auf dem Lill-Babs saß und jodelte. Ein Kritiker hatte sie im Scherz als »Little Lill-Babs« bezeichnet. Dann hatten Lennart und sie sich zusammengetan, und ihre Karriere nahm eine etwas andere Richtung. Mittlerweile wog sie siebenundneunzig Kilo und hatte Probleme mit den Beinen. Der steile Zahn lebte in ihrem Gesicht weiter, aber man musste schon ein Passepartout zu Hilfe nehmen, um ihn ausmachen zu können.

Laila befestigte die Windel und wickelte das Kind in die Decke mit den blauen Teddybären. Sie holte ein Frotteehandtuch und bereitete ihm ein Bett in dem großen Picknickkorb, legte das nach wie vor schlafende Kind vorsichtig hinein. Lennart stand mit hinter dem Rücken verschränkten Händen dabei und verfolgte das Ganze. Er war zufrieden. Das lief gut hier.

Laila hob den Korb hoch und ließ ihn vorsichtig wie eine Wiege hin und her pendeln. Zum ersten Mal, seit sie aus dem Schlafzimmer gekommen war, schaute sie Lennart an.

»Und jetzt?«

»Was meinst du?«

»Was sollen wir jetzt tun? Wo geben wir es ab?«

Lennart nahm Laila den Korb weg, ging ins Wohnzimmer und stellte ihn in den Sessel. Er beugte sich über das Kind und streichelte mit dem Zeigefinger über seine Wange. Hinter sich hörte er Lailas Stimme: »Das meinst du nicht ernst.«

»Warum nicht?«

»Das ist nicht erlaubt. So viel ist dir doch klar.«

Lennart drehte sich um und streckte den Arm aus. Laila wich ein kleines Stück zurück, doch Lennart drehte die Handfläche nach oben, um sie einzuladen, seine Hand zu ergreifen. Sie näherte sich zögerlich, als ob sie befürchtete, dass der ausgestreckte Arm sich jederzeit in eine Schlange verwandeln könnte. Schließlich legte sie ihre Hand in seine. Lennart führte sie in die Küche hinaus, wo er sie am Küchentisch platzierte, eine Tasse Kaffee einschenkte und vor ihr auf den Tisch stellte.

Laila verfolgte seine Bewegungen mit wachsamen Blicken, während Lennart eine Tasse für sich selbst einschenkte und sich ihr gegenüber an den Tisch setzte.

»Ich bin nicht böse«, sagte er. »Ganz im Gegenteil.«

Laila nickte und führte die Tasse zum Mund. Ihre Zähne waren verfärbt vom Schokoladensabber. Lennart machte sie nicht darauf aufmerksam. Ihre Wangen bebten auf eine unangenehme Art, als sie das warme Getränk hinunterschluckte. Auch darüber verlor Lennart kein Wort. Was er sagte, war: »Liebling.«

Lailas Augen wurden schmal.

»Ja?«

»Ich habe noch nicht alles erzählt. Von dem, was im Wald passiert ist. Als ich das Mädchen gefunden habe.«

Laila legte ihre Hände auf der Tischplatte übereinander.

»Dann erzähl es, Liebling

Lennart ignorierte den ironischen Unterton und fuhr fort: »Sie hat gesungen. Nachdem ich sie aus der Grube ausgebuddelt hatte, hat sie gesungen.«

»Sie hat doch noch keinen Ton von sich gegeben.«

»Hör mir zu. Ich erwarte nicht, dass du es verstehst, wo du doch ohnehin kein Gehör hast …«

Lennart hob die Hand, um dem Protest zuvorzukommen, von dem er wusste, dass er kommen würde. Denn wenn Laila noch auf irgendetwas stolz war, dann war es ihre Singstimme und ihre Fähigkeit, jeden Ton perfekt zu treffen. Aber darum ging es hier nicht.

»Du hast nicht so ein Gehör, wie ich es habe«, sagte Lennart. »Deine Stimme ist besser und du triffst die Töne genauer, blablabla … Bist du jetzt zufrieden? Aber darüber reden wir hier nicht. Wir reden über das Gehör.«

Laila hörte wieder zu. Trotz der Art und Weise, mit der er sein Lob serviert hatte, erfüllte es seinen Zweck. Ihre Fähigkeiten waren anerkannt worden und Lennart konnte fortfahren: »Du weißt, dass ich ein absolutes Gehör habe. Nachdem ich die Plastiktüte geöffnet und sie herausgeholt hatte … begann sie zu singen. Zuerst ein E. Dann ein C. Und schließlich ein A. Und ich meine damit kein Geschrei, das wie ein Ton klang, sondern … Sinustöne. Perfekte Sinustöne. Wenn du ein Messgerät an ihr A gehalten hättest, wären vierhundertvierzig Hertz angezeigt worden.«

»Was meinst du damit?«

»Ich meine gar nichts. Es war einfach so. Sie sang eben. Und ich habe noch nie etwas Vergleichbares gehört. Kein Schwanken, kein Kratzen. Als würde ein … Engel singen. Ich habe es immer noch im Ohr.«

»Was willst du damit sagen, Lennart?«

»Dass ich sie nicht weggeben kann. Vollkommen unmöglich.«

5

Der Kaffee war ausgetrunken. Das Kind schlief. Laila stapfte mit einem Holzlöffel in der Hand durch die Küche und schwang ihn durch die Luft, als wollte sie neue Argumente damit einsammeln. Lennart saß mit aufgestütztem Kopf am Tisch und hörte nicht zu.

»Wir haben gar nicht die Möglichkeit, uns um ein Kind zu kümmern«, sagte Laila. »Wie soll das denn funktionieren bei dem Leben, das wir führen? Ich habe jedenfalls keine Lust, alles noch einmal von Anfang an durchzumachen mit den schlaflosen Nächten und dass man ständig an das Kind gefesselt ist. Gerade jetzt, wo wir endlich …«

Der Löffel hielt inne und machte eine zögerliche Seitwärtsbewegung. Laila wollte es nicht sagen, aber weil sie glaubte, dass dieses Argument Eindruck auf Lennart machen würde, sagte sie es trotzdem:

»… wo wir endlich Jerry aus dem Haus haben. Sollen wir das alles jetzt noch mal durchmachen? Und überhaupt, Lennart, entschuldige, dass ich das sagen muss, aber ich glaube nicht, dass wir die geringste Chance haben, dass jemand uns als Adoptiveltern akzeptieren würde. Zum einen sind wir zu alt …«

»Laila.«

»Und du kannst dich darauf verlassen, dass sie Akten über Jerry haben, sie werden uns fragen …«

Lennart schlug mit der flachen Hand auf den Tisch, hart. Der Löffel hielt inne, und der Redeschwall kam zum Erliegen.

»Die Frage einer Adoption wird sich gar nicht erst stellen«, sagte Lennart. »Ich habe nicht vor, sie wegzugeben. Niemand darf erfahren, dass sie bei uns ist. Aus genau den Gründen, die du so überzeugend dargelegt hast.«

Laila ließ den Löffel fallen. Er sprang kurz in die Höhe und blieb dann stumm zwischen ihnen liegen. Laila schaute Lennart an, schaute den Löffel an. Als er keine Anstalten machte, ihn aufzuheben, ging sie ungelenk in die Hocke und nahm ihn in den Arm, als ob er das Kind wäre, über das sie gerade sprachen.

»Jetzt bist du verrückt geworden, Lennart«, flüsterte sie. »Jetzt bist du vollkommen verrückt geworden.«

Lennart zuckte mit den Schultern.

»Aber so wird es sein. Du musst dich eben damit abfinden.«

Lailas Mund öffnete sich und klappte wieder zu. Der Löffel wurde herumgewirbelt, als sollte er eine Schar unsichtbarer Dämonen vertreiben. Als Laila schließlich kurz davor war, einen der Sätze auszusprechen, die sich in ihrer Kehle stauten, klopfte es an der Tür.

Lennart sprang vom Tisch auf, schubste Laila zur Seite und eilte ins Wohnzimmer, wo er den Korb mit dem immer noch schlafenden Kind hochhob. Das Klopfen, das sie gehört hatten, war ein so alltägliches Ereignis, dass er es sofort wiedererkannt hatte. Jerry war zufällig gerade in der Gegend.

Mit dem Korb in der Hand trat er vor Laila und hielt einen gestreckten Zeigefinger vor ihre Nase: »Kein Wort, hörst du? Kein einziges Wort!«

Lailas aufgerissene Augen schielten leicht, während sie den Kopf schüttelte. Lennart raffte die Babysachen zusammen und warf sie in die Besenkammer, bevor er zur Kellertreppe eilte. Als er die Tür hinter sich zuzog, hörte er Lailas humpelnde Schritte im Flur. Er schlich die Treppe hinunter, wobei er den Korb am Schaukeln zu hindern versuchte, damit das Baby nicht aufwachte. Er ging am Heizungsraum vorbei und öffnete die Tür zum Gästezimmer, Jerrys altem Kinderzimmer.

Ein Welle feuchter Kühle schlug ihm entgegen. Das Gästezimmer hatte noch keinen einzigen Gast gesehen, seit Jerry ausgezogen war, und der einzige Besuch, den das Zimmer bekam, war er selbst, wenn er zweimal im Jahr hinunterging, um zu lüften. Ein schwacher Geruch nach Schimmel hing in den Decken und Kissen.

Er stellte den Korb auf dem Bett ab und drehte den Heizkörper auf. Es plätscherte in den Rohren, als das warme Wasser einströmte. Er saß eine Minute dort, mit der Hand am Heizkörper, bis er fühlte, dass er warm wurde und er ihn nicht entlüften musste. Dann deckte er das Kind mit einer weiteren Decke zu.

Das kleine Gesicht war immer noch in einen – wie er hoffte – festen Schlaf versunken, und er verzichtete darauf, die Wange zu streicheln.

Schlaf, kleines Wunder, schlaf.

Er wagte nicht, Laila mit Jerry allein zu lassen, besaß nicht das geringste Vertrauen in ihre Fähigkeit, Jerry gegenüber dichtzuhalten, falls dieser mit einer unangenehmen Frage kam, und so schloss er mit angsterfüllter Brust die Tür zum Gästezimmer und hoffte, hoffte, dass das Kind nicht aufwachen und anfangen würde zu schreien oder … zu singen. Die Töne, die er gehört hatte, würden alles durchdringen.

Jerry saß am Küchentisch und schaufelte Butterbrote in sich hinein. Laila saß ihm direkt gegenüber und rang die Hände. Als Jerry Lennart erblickte, salutierte er und sagte: »Ahoj, Kapitän.«

Lennart ging zum Kühlschrank und schloss die Tür, die noch einen Spaltbreit offen stand. Ein ansehnlicher Teil des Kühlschrankinhalts war auf dem Küchentisch aufgebaut worden, sodass Jerry eine akzeptable Auswahl hatte, während er seine Brote schmierte. Jerry biss von einem Sandwich mit Leberwurst, Käse und Gewürzgurke ab, nickte zu Laila hinüber und sagte: »Was zum Teufel ist denn mit Mama los? Die ist ja vollkommen neben der Kappe.«

Lennart ersparte sich eine Antwort. Jerry leckte sich den Gurkensaft von den Fingern, die dick und unbeweglich waren. Früher waren sie einmal schmal und geschmeidig gewesen und konnten wie Vogelschwingen über den Gitarrenhals fliegen.

Ohne Jerry anzuschauen sagte Lennart: »Wir sind ein bisschen beschäftigt.«

Jerry grinste und begann sich ein neues Brot zu schmieren. »Warum seid ihr denn auf einmal beschäftigt. Ihr seid doch sonst nie mit irgendetwas beschäftigt.«

Eine Tube mit Kaviarpaste lag vor Lennart auf dem Tisch. Jerry hatte sie in der Mitte zusammengedrückt, und Lennart begann den Kaviar demonstrativ an die Spitze der Tube zu drücken und das Tubenende aufzurollen. In seinen Schläfen begann sich ein leichter Kopfschmerz bemerkbar zu machen.

Jerry vertilgte sein Butterbrot mit vier Bissen, lehnte sich in seinem Stuhl zurück, verschränkte die Hände hinter dem Nacken und schaute sich in der Küche um.

»Aha, soso. Ihr seid also ein bisschen beschäftigt.«

Lennart zog seine Brieftasche heraus.

»Brauchst du Geld?«

Jerry verzog das Gesicht, als wäre das ein völlig neuer Gedanke für ihn, und schaute zu Laila hinüber. Er entdeckte etwas und legte den Kopf schief.

»Was ist denn mit deiner Wange passiert, Mama? Hat er dich geschlagen?«

Laila schüttelte den Kopf, wirkte dabei aber so wenig überzeugend, dass sie genauso gut Ja hätte sagen können. Jerry nickte und kratzte sich über die Bartstoppeln. Lennart hielt die geöffnete Brieftasche in der ausgestreckten Hand. Die Schweißelektroden an den beiden Seiten seines Kopfes kamen in Kontakt und schickten einen glühenden Draht aus Schmerz durch seinen Schädel.

Mit einem plötzlichen Ruck erhob sich Jerry aus seinem Stuhl in Richtung Lennart, der sich instinktiv zurückzog. Jerry vollendete die Bewegung in etwas ruhigerem Tempo, und bevor Lennart reagieren konnte, war die Brieftasche von seiner Hand in Jerrys gewandert.

Jerry summte vor sich hin, während er das Fach mit den Geldscheinen öffnete und mit den Überresten seiner kindlichen Fingerfertigkeit drei Hunderter zwischen Daumen und Zeigefinger klemmte, die Brieftasche zu Lennart zurückwarf und sagte: »Das kostet, weißt du.« Er ging zu Laila hinüber und strich ihr über das Haar. »Sie ist schließlich meine kleine Mama. Du kannst mit ihr nicht machen, was du willst.«

Seine Hand kam auf Lailas Schulter zur Ruhe. Als ob es sich um eine echte Zärtlichkeit gehandelt hätte, ergriff Laila seine Hand und drückte sie. Sie nahm, was sie kriegen konnte. Lennart schaute zu und ekelte sich. Wie war aus diesen beiden Monstern seine Familie geworden? Zwei selbstmitleidige Fettaugen, die an ihm festklebten und ihn mit nach unten zogen, wie hatte es dazu kommen können?

Jerry zog seine Hand zurück und machte einen Schritt auf Lennart zu, dessen Körper automatisch zurückzuckte. Selbst wenn der größere Teil von Jerrys gut hundert Kilo Körpermasse eher von Dönertellern als von Muskelarbeit herrührte, war er dennoch bedeutend stärker als Lennart und imstande. Imstande.

»Jerry.«

Lailas Stimme hatte einen flehentlichen, kraftlosen Klang. Sie klang wie eine Mutter, die neben ihrem ungehörigen Sohn steht und sagt: »Aber mein Schatz, so etwas darfst du nicht mit den Fröschen machen«, ohne auch nur einen Finger zu rühren. Trotzdem hielt Jerry inne und sagte: »Ja, Mama?«

»Es ist nicht so, wie du glaubst.«

»Wie ist es dann?«

Jerry wandte sich Laila zu, und ihre Augen suchten Lennarts. Er schüttelte knapp und verärgert den Kopf, sodass Laila wie Buridans Esel zwischen zwei Heuhaufen stand. In ihrer Verwirrung griff sie nach ihrem Rettungsanker. Ihr Körper verlor jede Spannung, und sie starrte auf die Tischplatte, während sie murmelte: »Mir tut alles so weh.«

Obwohl es kaum Lailas Absicht gewesen sein dürfte, war das Ergebnis ganz in Lennarts Sinn. Jerry seufzte und schüttelte den Kopf. Er konnte das Gejammer seiner Mutter nicht mehr hören, die steifen Gliedmaßen und die Schmerzen im Nacken und die ganze Liste aus dem Medizinlexikon über die Nebenwirkungen von Medikamenten, die sie nicht einmal einnahm. Er trottete aus der Küche, und Lennarts Herz setzte einen Schlag aus, als Jerrys Hemd über den Giraffenkopf auf der Arbeitsplatte streifte, den er vergessen hatte zu verstecken.

Die Giraffe schaukelte hin und her, während Jerry in den Flur hinausging und sich seine Motorradstiefel anzog. Lennart trat ein paar Schritte vor, bis sein Körper den Blick auf die Giraffe verdeckte. Jerry schaute zu ihm auf und lächelte ironisch.

»Kommst du mir nach, um auf Wiedersehen zu sagen? Das gab’s ja lang nicht mehr.«

»Tschüs, Jerry.«

»Ja, ja. Bis zum nächsten Mal.«

Jerry knallte die Tür hinter sich zu. Lennart wartete zehn Sekunden, dann eilte er zur Tür und schloss sie ab. Er hörte, wie Jerry das Motorrad anließ, und schließlich das sich entfernende Motorengeräusch. Er massierte sich die Schläfen, rieb sich die Augen und atmete tief durch. Dann ging er in die Küche zurück.

Laila saß noch da, wie er sie verlassen hatte – zusammengesunken am Küchentisch, wobei sie an ihrer Bluse herumzupfte wie ein kleines Mädchen. Ein einsamer Sonnenstrahl verirrte sich durch das Fenster und fiel auf ihr Haar, das für einen Augenblick golden schimmerte. Vollkommen unerwartet wurde Lennart von einer plötzlichen Zärtlichkeit übermannt. Er sah ihre Einsamkeit. Ihre gemeinsame Einsamkeit.

Leise ging er hinüber, setzte sich zu ihr und ergriff ihre Hand über den Tisch hinweg. Einige Sekunden verflossen. Im Haus war es still geworden, nachdem die Naturgewalt namens Jerry hindurchgefegt war.

Es hatte auch andere Zeiten gegeben. Ein anderes Leben. Lennart erlaubte es sich, für einen Moment in diesen Erinnerungen zu verweilen. Wie alles auch ganz anders hätte kommen können.

Laila richtete sich ein wenig auf.

»Woran denkst du?«

»Nichts. Nur dass wir … dass es vielleicht noch eine Chance gibt.«

»Worauf?«

»Ich weiß nicht. Auf … irgendetwas.«

Laila zog ihre Hand zurück und begann an einem der Knöpfe ihrer Bluse zu nesteln.

»Lennart. Ganz gleich, was du sagst, wir können dieses Kind nicht behalten. Ich werde beim Jugendamt anrufen, und dann werden wir sehen, was sie dazu sagen, was wir machen sollen.«

Lennart drehte den Kopf in seiner Hand, und ohne lauter zu werden, sagte er: »Laila. Wenn du das Telefon auch nur anrührst. Ich bringe dich um.«

Lailas Lippen zuckten.

»Das hast du schon gesagt.«

»Da habe ich es auch schon ernst gemeint. Und ich meine es immer noch ernst. Wenn du weitergemacht hättest mit dem … was du getan hast, ich hätte dasselbe gemacht, was ich auch tun werde, wenn du irgendwo anrufst oder mit jemandem sprichst. Ich werde in den Keller gehen und die Axt holen. Dann werde ich wieder nach oben kommen und sie dir in den Kopf hauen, bis du tot bist. Danach mag passieren, was will. Das ist mir gleichgültig.«

Die Worte flossen wie Perlen aus seinem Mund. Er war klar bei Verstand und vollkommen ruhig, und er meinte jedes Wort, das er sagte. Es war ein angenehmes Gefühl, und seine Kopfschmerzen verschwanden, als ob jemand auf einen Knopf gedrückt hätte. Er hatte den Handschuh geworfen. Alles, was gesagt werden musste, war gesagt, und es war dem nichts mehr hinzuzufügen.

Das Leben konnte von vorn beginnen. Vielleicht.

6

Lennart und Laila.

Es war nie so richtig in Gang gekommen.

Vielleicht erinnert sich jemand an »Sommerregen« von 1969. Das Lied schaffte es bis auf Platz 5 der schwedischen Hitparade und ist wohl immer noch auf manchen dieser CD-Sampler zu finden, die man in den Supermärkten hinterhergeworfen bekommt.

Seit sie 1965 ein Paar geworden waren und auch musikalisch begonnen hatten zusammenzuarbeiten, nannten sie sich einfach Lennart&Laila, bis sie 1972 ihren Namen änderten. Sie hatten noch ein paar weitere Songs, die ganz unten in die Hitparaden hineinschnuppern konnten – genug, um zahlreiche Auftritte zu bekommen, aber einen echten Durchbruch hatte es nie gegeben.

Dann suchten sie sich einen neuen Manager. Er war zwanzig Jahre jünger als sein Vorgänger, und als Allererstes riet er ihnen, den Namen zu ändern. Der alte klinge wie eine Provinzversion von Ike and Tina Turner, und diese Masche, einfach alle Namen aufzuzählen, habe schon mit Dave Dee, Dozy, Beaky, Mick and Tich ihr Ende gefunden. Nein, heutzutage seien kurze, knackige Sachen angesagt.

Von 1972 an firmierten Lennart und Laila also unter dem Namen The Others. Lennart mochte das Gefühl, von außen, von unten zu kommen, wie dieser Name es andeutete. Laila hasste den Namen und fand ihn albern, weil er vorgab, dass sie eine andere Musik spielten als die, die sie schon immer gespielt hatten. Sie blieben trotz allem eher die Lindberg-Schwestern als The Who und hatten nie vor, ihre akustischen Gitarren auf der Bühne zu zertrümmern.

Aber jetzt waren sie nun einmal The Others, was Lennart gut in den Kram passte, weil er einen Neustart wollte. Er hatte ein paar Songs geschrieben, die nicht in die alte Schublade passten, mit Harmonien, die irgendwo zwischen der schwedischen Hitparade und Top of the Pops angesiedelt waren. Das war etwas Neues, und was konnte diese neue Ausrichtung besser deutlich machen als ein neuer Name? Er zog also Lennart&Laila aus wie einen aus der Mode gekommenen Popelinemantel und machte sich daran, ein Debutalbum zu komponieren.

Im Frühjahr 1973 war die Scheibe eingespielt und ging ins Presswerk. Als Lennart das erste Exemplar in die Hand bekam, war er so stolz wie nie zuvor. Es war die erste Platte, die er gemacht hatte, bei der er für jede Spur geradestehen konnte.

Als erste Single wurde »Sag mir« ausgekoppelt, ein subtiler Hybrid aus klassischer Tanzbandmusik mit Saxofon, drei Akkorden, beatelesken Moll-Partien und einer Bridge, die geradezu Volksliedcharakter hatte. Es war ein lupenreiner Hitparadenstürmer und gleichzeitig noch viel mehr. Es war einfach für jeden etwas dabei.

Anfang Mai wurde er zum ersten Mal im Radio gespielt, zusammen mit drei anderen Songs, die die Chance hatten, in der kommenden Woche in die schwedische Hitparade vorzustoßen. Es spielten Thorleifs, die Streaplers, die Tropicos. Und The Others. Lennart verdrückte eine Träne. Erst als er den Song im Radio hörte, wurde ihm richtig klar, wie gut er eigentlich war.

Ein paar Tage später hatten Laila und er einen Auftritt. Der Veranstalter hatte verlangt, dass sie ihren alten Namen benutzen sollten, weil er den Leuten ein Begriff war. Lennart hatte nichts dagegen einzuwenden, sondern betrachtete es als einen Abschied von vergangenen Zeiten. Ab Sonntag würden andere Töne geblasen.

Also ließen sie Jerry, der damals sieben Jahre alt war, bei Lailas Eltern und fuhren mit dem Tourbus runter nach Eskilstuna. Es war keine große Veranstaltung dort im Folkets Park, nur sie selbst, die Tropicos sowie ein paar lokale Kräfte namens Bert-Görans.

Sie waren bereits früher ein paar Mal zusammen mit den Tropicos aufgetreten und kannten sowohl Roland, den Sänger, als auch die anderen Bandmitglieder. Es gab jede Menge Schulterklopfen und »Gut gemacht« für Lennart, weil alle die Hitparade gehört hatten. Lennart konnte sich überwinden, etwas Positives über den neuesten Song der Tropicos, »Ein Sommer ohne dich«, zu äußern, obwohl er genauso klang wie alle anderen. Sie schrieben ihre Lieder nicht einmal selbst.

Der Abend verlief ohne Pannen. Lennart&Laila durften sogar am Schluss spielen und die Tropicos damit sozusagen toppen, was sie mit Bravour erledigten. Laila sang besser als je zuvor, vielleicht weil sie wusste, dass es sich um eine Art Schwanengesang handelte. Diese Lieder würden sie nie wieder spielen, hatte Lennart erklärt, und als Laila am Ende ihres Auftritts die letzten Töne von »Sommerregen« anstimmte, bekam ein Teil des Publikums feuchte Augen, und der Applaus toste.

Lennart hatte überlegt, am Schluss noch darauf hinzuweisen, dass sie jetzt The Others hießen, und »vergesst nicht, am Sonntag die Hitparade zu hören«, aber angesichts des Beifalls, mit dem sie bedacht wurden, wäre ihm das ein bisschen armselig vorgekommen. Er ließ Laila ihren Schwanengesang in Ruhe genießen.

Danach tranken sie alle zusammen noch ein Bier. Lennart kam mit Göran ins Gespräch, dem Gitarristen von Bert-Görans, der ebenfalls größere musikalische Ambitionen hegte, als die Zwangsjacke der schwedischen Hitparade normalerweise zuließ. Er bewunderte Lennart dafür, wie geschickt er den hörerfreundlichen Tanzbandsound mit, wie er es ausdrückte, »eher kontinentalen Klängen« verflochten habe. Er war überzeugt davon, dass darin die Zukunft lag, und sie stießen darauf an.

Als Lennart eine Runde ausgeben wollte, vermisste er plötzlich seine Brieftasche. Er bat Göran zu warten und eilte in die Garderobe zurück, während er innerlich schnurrte wie eine Katze. Es war eben etwas anderes, von Leuten gelobt zu werden, die tatsächlich eine Ahnung davon hatten, worum es ging. Dieser Göran hatte sich im Übrigen als fähiger Gitarrist herausgestellt, und es war wohl nicht ausgeschlossen, dass …

Lennart öffnete die Tür zur Garderobe, und seine Existenz wurde mit einem Schlag in eine andere Richtung geschleudert. Er schaute Laila direkt ins Gesicht, die vornübergebeugt und mit gespreizten Fingern auf einem Tisch lag. Hinter ihr stand Roland mit heruntergelassenen Hosen und wie im Krampf zur Decke gewandtem Gesicht.

Lennart hatte sie offensichtlich genau im kritischen Moment unterbrochen, denn als Laila ihn erblickte und reflexartig über den Tisch hechtete, als ob sie die Tür wieder zuschlagen wollte, glitt Roland mit einem Stöhnen aus ihr heraus. Er griff nach seinem Schwanz, konnte die Ejakulation aber nicht mehr aufhalten. Die Ladung flog in einem Bogen davon und landete auf einem Schminkspiegel. Lennart sah, wie die zähe Flüssigkeit zu einer Dose mit Bräunungscreme hinunterlief, die vermutlich Roland gehörte.

Er schaute Laila an. Ihre Finger mit den leuchtend roten Nägeln spreizten sich immer noch über die Tischplatte, und ein paar Strähnen ihres Haares klebten an ihren Wangen. Er schaute zu Roland und Roland sah … müde aus. Als ob er sich am liebsten hinlegen und schlafen würde. Er hielt nach wie vor seinen steifen Schwanz in der Hand. Er war größer als Lennart. Viel größer.

Als Lennart die Tür hinter sich zuknallte, hatte sich nur Rolands Schwanz auf seiner Netzhaut eingebrannt. Er verfolgte ihn durch den Korridor, hinaus auf den Parkplatz und bis ins Auto. Er schaltete die Scheibenwischer ein, als ob er sich von ihnen physische Unterstützung erhoffte, dieses Bild endlich wegzuwischen, aber der Schwanz bedrängte ihn, tat ihm Gewalt an. Er war so groß.

Er hatte niemals zuvor einen anderen erigierten Penis gesehen. Er hatte geglaubt, dass er ganz ordentlich ausgestattet war. Jetzt wusste er, dass es sich anders verhielt. Er versuchte sich vorzustellen, wie es sich anfühlen könnte, einen solchen … Pfahl in sich hineingepresst zu bekommen. Es war kaum nachvollziehbar, dass man es als schön empfinden könnte, aber Lailas Gesicht hatte in der einen Sekunde, die es benötigt hatte, um von Genuss auf Entsetzen umzuschalten, eine andere Sprache gesprochen. Er hatte diesen Ausdruck noch nie bei ihr gesehen. Er besaß nicht die Ausrüstung, um ihn bei ihr hervorzulocken.

Die Wischblätter quietschten über die trockene Windschutzscheibe, und Lennart schaltete sie ab. Der Schwanz war verschwunden, stattdessen sah er Lailas Gesicht. Es war so hübsch. So verdammt hübsch und begehrenswert. Und so hässlich in der verzerrten Ekstase. Lennart hatte das Gefühl, entzweigerissen zu werden. Er wollte den Motor anlassen und irgendwohin fahren, sich mit einer Flasche Whisky in einen Straßengraben legen und sterben. Stattdessen schlang er die Arme um den Bauch, schaukelte hin und her und heulte wie ein Welpe.

Nach zehn Minuten wurde die Beifahrertür geöffnet. Laila stieg ein. Sie hatte ihr Haar wieder in Ordnung gebracht. Eine Weile saßen sie schweigend nebeneinander. Lennart schaukelte weiter, hatte aber aufgehört zu heulen. Schließlich sagte Laila: »Kannst du mich nicht schlagen oder so etwas?«

Lennart schüttelte den Kopf, er seufzte. Laila legte die Hand auf sein Knie.

»Bitte, kannst du nicht einfach ein paar Mal zuhauen? Du darfst.«

Es war ein ganz gewöhnlicher Mittwochabend, und die Leute gingen aus dem Park nach Hause. Fröhliche Nachtschwärmer schlenderten über den Parkplatz. Jemand erkannte Laila im Auto und winkte. Laila winkte zurück. Lennart starrte ihre Hand an, die auf seinem Knie lag, und fegte sie hinunter.

»Ist das auch früher schon passiert?«

»Was meinst du? Mit Roland?«

Irgendwo zwischen Lennarts Brust und seiner Kehle löste sich ein Stalaktit, fiel durch den leeren Raum in seinem Körper und zersplitterte in seinem Bauch. Es war ihr Tonfall.

»Mit anderen?«

Laila faltete die Hände über dem Schoß und betrachtete schweigend eine einsame Frau, die auf zu hohen Absätzen vorüberwackelte. Dann seufzte sie und sagte: »Willst du mich nicht einfach schlagen?«

Lennart ließ den Wagen an.

Die folgenden drei Tage waren kaum auszuhalten. Sie konnten nicht reden, also beschäftigten sie sich. Lennart suchte sich kleine Aufgaben im Garten, und Laila lief. Jerry lief zwischen ihnen herum und versuchte die Stimmung aufzuheitern, indem er Witze erzählte, die lediglich mit einem traurigen Lächeln quittiert wurden.

Laufen war Lailas Methode, sich in Form zu halten, sich schlank und geschmeidig zu halten, »für dich und für das Publikum«, wie sie einmal gesagt hatte. Am Tag nach dem Konzert stand Lennart draußen und ölte die Gartenmöbel, als Laila in ihrem blauen Anorak an ihm vorbeikam. Er setzte den Pinsel ab und schaute ihr nach. Der Anorak und die Hosen saßen unnötig eng an ihrem Körper, ihr langes Haar war in einem Pferdeschwanz zusammengebunden, der über ihren Rücken wippte, wenn sie in flottem Tempo die Dorfstraße entlanglief.

Jetzt begriff er, worum es dabei eigentlich ging. Sie war auf dem Weg zu einem Stelldichein, wie es so schön hieß. Irgendwo stand ein Mann in einem Busch und wartete auf sie. Gleich würde sie ihn dort treffen, und dann würden sie ficken wie die Kaninchen. Oder sie genoss es einfach, in ihren engen Klamotten herumzulaufen und die Blicke der Männer auf sich zu ziehen. Oder sie machte beides. Sie zog ihre Blicke auf sich und lief dann in ihre Häuser hinein und ließ sich am laufenden Band vögeln.

Das Öl spritzte in alle Richtungen, als Lennart den Pinsel über die Platte des Gartentischs peitschte. Vor und zurück, vor und zurück. Rein und raus, rein und raus. Die Bilder flimmerten und flackerten, klammerten sich um seine Lungen, bis er kaum noch atmen konnte. Er wurde langsam verrückt. Man sagt das manchmal einfach, aber er fühlte sich wirklich so. Sein Bewusstsein stand auf der Schwelle zu einem dunklen Raum. Darin gab es Vergessen und Stille und ganz hinten in der Ecke … eine kleine Spieluhr, die »Auld lang syne« spielte. Er würde im Dunkeln sitzen und an der Kurbel drehen, bis er für immer einschlief.

Aber er pinselte weiter den Tisch, und als er den Tisch gepinselt hatte, nahm er sich der Stühle an, und als er mit ihnen fertig war, kam Laila nach Hause, rot und verschwitzt nach all den großen Schwänzen, die sie geritten hatte. Als sie ihre Dehnübungen machte, ließ er seinen Blick über ihre Laufkleidung wandern und suchte nach feuchten oder angetrockneten Flecken. Er würde sie finden, wenn er sie sehen wollte, aber er wollte sie nicht sehen, sodass er stattdessen auf die halb vergammelte Eingangstreppe schaute und beschloss, eine neue zu bauen.

Dann kam der Sonntag. Die Hitparade.

Lennart erwachte mit Schmetterlingen im Bauch, was eine willkommene Abwechslung zu den Dämonen bot, die in den vergangenen Tagen an seinen Eingeweiden gezerrt hatten. Als er aus dem Bett stieg, spürte er nichts als eine normale, unverfälschte Nervosität oder ehrliches Lampenfieber. Dies war der Tag, an dem The Others in die Öffentlichkeit treten würden. Dies war der Tag, an dem er und Laila eigentlich Hand in Hand nebeneinandersitzen sollten, um gespannt darauf zu warten, dass die Uhr elf schlug und die Schlagerparade begann.

Diese Möglichkeit gab es nun allerdings nicht mehr, sodass er stattdessen begann, die alte Eingangstreppe abzureißen. Er zog und zerrte mit dem Brecheisen daran herum, bis es fünf vor elf war und Laila mit dem batteriebetriebenen Radio nach draußen kam und sich direkt neben ihn an den Gartentisch setzte.

Abgesehen von der wortlosen Heimfahrt von Eskilstuna war dies das erste Mal, dass sie wieder so nahe beieinandersaßen. Jerry war auf der Geburtstagsfeier eines Freundes, sodass sie auf ihn als Störfaktor nicht hoffen konnten. Lennart arbeitete weiter, während Laila die Hände auf die Knie gelegt hatte und ihm zuschaute. Die wohlbekannte Erkennungsmelodie ertönte, und ein Tropfen Schweiß lief aus Lennarts Achselhöhle an seinem Brustkorb hinunter.

»Jetzt müssen wir die Daumen drücken«, sagt Laila.

»Mhm«, sagte Lennart und ging auf ein paar Nägel los, die so rostig waren, dass die Köpfe abrissen, als er sie mit dem Brecheisen herauszuziehen versuchte.

»Es ist ein wunderschönes Lied«, sagte Laila. »Vielleicht habe ich es dir noch nicht so ausdrücklich gesagt, aber es ist ein fantastisches Lied.«

»Aha«, sagte Lennart.

Er konnte es nicht verleugnen, Lailas Lob bedeutete ihm etwas. Er hatte keine Ahnung, wie es mit ihnen weitergehen sollte, aber im Moment saßen sie trotzdem hier und warteten auf ihren Song. Irgendeine Bedeutung musste das haben.

Zuerst kamen ein paar Neuvorstellungen, dann wurden die Charts gespielt. Platz zehn, neun, acht, sieben, sechs. Lasse Berghagen, die Hootenanny Singers und so weiter. Olle Kamellen. Lennart hatte sie alle schon tausendmal gehört. Dann kam es. Sein Herz begann wie wild zu hämmern, als er Kent Finell sagen hörte: »Und auf der Fünf der höchste Neueinsteiger der Woche …«

Lennart hielt die Luft an. Die Vögel in den Bäumen verstummten. Die Hummeln saßen still auf ihren Blütenkelchen und warteten.

»Ein Sommer ohne dich mit den Tropicos

Es ertönten die üblichen vier Takte, die wie jedes x-beliebige andere Lied klangen. Laila sagte: »Schade!«, aber Lennart hörte sie nicht. Er starrte auf ein morsches Brett und spürte, wie etwas in seinem Inneren eben diese Beschaffenheit annahm, wie es zusammenschrumpfte und starb. Irgendwo da draußen, ganz weit weg, sang jemand:

Was haben Wärme und Sonne für einen Sinn,

Wenn ich weiß, dass ich in diesem Sommer ohne dich bin.

Roland. Dort sang Roland. Die Tropicos. Fünfter Platz. Der höchste Neueinsteiger. Über Lennart kam eine Ruhe, die fast an körperliche Erstarrung grenzte. Er schielte zu Laila hinüber. Sie hielt ihre Augen geschlossen, während sie Rolands Stimme lauschte. Die Andeutung eines Lächelns huschte über ihre Lippen.

Sie hört seine Stimme und denkt an seinen Schwanz.

Laila schlug die Augen auf und blinzelte. Aber es war zu spät. Er hatte es gesehen. Plötzlich spürte er, wie sein Arm zuckte. Das Brecheisen beschrieb einen weiten Bogen und landete oberhalb von Lailas Knie. Sie keuchte und öffnete den Mund zu einem Schrei.

Es war von ganz allein passiert, er hatte keine Kontrolle mehr über die Bewegung, aber tausend Gründe, sich sein Verhalten zu verzeihen. Aber danach war es anders. Als Laila vor Schmerz und Erstaunen gellend aufschrie, stand Lennart auf und holte erneut mit dem Brecheisen aus. Dieses Mal war er sich dessen bewusst, was er tat. Dieses Mal zielte er.

Mit voller Kraft hämmerte er das flache Ende des Brecheisen noch einmal auf dasselbe Knie. Ein schmatzendes Knirschen ertönte, und als Lennart das Brecheisen sinken ließ, begann Blut an Lailas Schienbein hinunterzurinnen, während alle Farbe aus ihrem Gesicht wich. Sie versuchte vom Gartentisch aufzustehen, aber das Bein knickte unter ihr ein, und sie fiel vor seinen Füßen zu Boden, streckte die Hände aus, um sich vor ihm zu schützen, und flüsterte: »Bitte, bitte, nein, nein …«

Lennart betrachtete das blutende Knie. Jede Menge Blut hatte sich unter der Haut angestaut, aber nur ein schmales Rinnsal lief aus einer kleinen Stelle, an der die Haut aufgeplatzt war. Er ließ das Brecheisen eine halbe Umdrehung in seiner Hand kreisen und schlug noch einmal zu, mit dem spitzen Ende nach unten.

Jetzt war es, wie es sein sollte. Das Knie zerplatzte wie ein wassergefüllter Ballon, und die Kniescheibe flog zur Seite, um einer Kaskade von Blut zu weichen, die über Lennarts Beine, über den Gartentisch und über die demolierte Eingangstreppe spritzte.

Vielleicht war es Lailas Glück, dass sie in dieser Situation aufhörte zu schreien und das Bewusstsein verlor, sonst hätte Lennart womöglich mit dem anderen Knie weitergemacht. Er hatte nämlich den Sinn dessen erfasst, was er gerade tat. Jetzt war Schluss mit der Lauferei. Nichts mehr mit schlank »für dich und das Publikum« und all den Typen, die in den Büschen auf sie warteten.

Um ganz auf Nummer sicher zu gehen, hätte er das andere Knie auch noch zerschmettern müssen. Aber als Lennart auf die leblose Gestalt seiner Frau hinunterschaute, auf die Kniescheibe, die nur noch ein Brei aus Knorpeln, Knochensplittern und Blut war, kam er zu dem Schluss, dass es so auch reichen würde.

Damit sollte er recht behalten.

7

Der Keller hatte inzwischen eine angenehme Temperatur, doch die Luft war immer noch feucht, und das Fenster auf Bodenhöhe war beschlagen. Das Mädchen lag in seinem Korb und schaute mit großen Augen an die Decke. Lennart schlug die Decken zur Seite und nahm sie in den Arm. Sie gab keinen Laut von sich und reagierte nicht auf die veränderte Situation.

Lennart hielt ihr die Giraffe vor die Augen, bewegte sie vor und zurück. Sie folgte ihr eine Sekunde mit den Blicken und starrte dann wieder geradeaus. Blind war sie augenscheinlich nicht. Lennart schnippste laut mit den Fingern neben ihrem Ohr, worauf sie leicht die Stirn runzelte. Taub war sie auch nicht. Aber sie war so eigenartig … verschlossen.

Was mochte sie erlebt haben?

Er ahnte, dass das Mädchen etwas älter war, als er zunächst gedacht hatte, vielleicht zwei Monate. In zwei Monaten kann man genug erleben, um sich instinktiv eine Überlebensstrategie zu erarbeiten. Vielleicht hatte die Strategie des Mädchens darin bestanden, dass sie sich unauffällig verhielt. Kein Laut, keine Bewegung, keine Ansprüche.

Die Strategie hatte offensichtlich nicht funktioniert. Sie war im Wald ausgesetzt worden und hätte immer noch dort gelegen, wenn Lennart nicht zufällig vorbeigekommen wäre. Er hielt sie behutsam in den Armen, schaute in ihre grundlosen Augen und sprach zu ihr.

»Kleine, jetzt bist du in Sicherheit. Du musst keine Angst haben. Ich werde mich um dich kümmern, Kleine. Als ich dich singen hörte, da dachte ich, dass … dass es eine Chance gibt. Auch für mich.

Ich habe schlimme Dinge getan, verstehst du, Kleine. Dinge, die ich bereue und die ich gerne ungeschehen machen würde. Trotzdem tue ich sie immer wieder. Aus Gewohnheit. Es ist einfach so gekommen.

Kannst du mir nicht etwas vorsingen. Kleine? Kannst du es nicht noch einmal tun?«

Lennart räusperte sich und sang ein A. Der Ton prallte vom kahlen Putz der Kellerwände ab und er konnte selbst hören, dass er nicht absolut rein war, aber genau wie die Finger nicht in der Lage sind, mit einem Stift ein Bild genau so aufs Papier zu bringen, wie man es sich vorgestellt hat, wenn man nicht gerade zeichnerisch sehr begabt ist, so konnte auch seine Stimme nicht den perfekten Ton erzeugen, den er im Kopf hatte. Aber er war nahe daran.

Der Mund des Mädchen öffnete sich, und Lennart hielt den Ton, brachte seinen Mund auf eine Linie mit ihrem und sandte seinen mangelhaften Ton in sie hinein, während er ihr in die Augen schaute. Sie begann in seinen Armen zu zittern. Nein, nicht zu zittern. Zu vibrieren. Irgendetwas passierte mit der Akustik, und sein Ton klang plötzlich anders. Seine Atemluft ging zu Ende, und erst als sein eigener Ton dünner wurde und verschwand, begriff er, was geschehen war. Das Mädchen hatte mit einem A eine Oktave tiefer geantwortet. Für ein kleines Kind war es eigentlich unmöglich, einen solchen Ton zustande zu bringen, und so klang er ein wenig unheimlich. Das Mädchen benutzte seinen Körper als Resonanzkasten, und wie eine schnurrende Katze brachte es einen reinen Ton in einem eigentlich unzugänglichen Register hervor.

Als Lennart verstummte, verstummte auch das Mädchen, und sein Körper hörte auf zu vibrieren. Er drückte sie an sich und küsste ihre Wange, während ihm die Tränen in die Augen stiegen. Er flüsterte in ihr Ohr: »Ich hatte schon geglaubt, dass ich mir alles nur eingebildet hätte, Kleine. Jetzt weiß ich, dass es tatsächlich so war. Bist du hungrig?«

Er hielt sie vor sich in die Luft. Nichts in ihrem Gesicht verlieh irgendeinem Wunsch oder Bedürfnis Ausdruck. Er drückte vorsichtig ihren Brustkorb zusammen. Es war unbegreiflich, wie sie einen so tiefen Ton zustande gebracht hatte. Am ehesten war es noch wie bei einer schnurrenden Katze, die ihren Körper als Resonanzkasten verwendet. Aber Katzen schnurren nicht in Sinustönen.

Du bist ein Geschenk. Du bist mir geschenkt worden.

Lennart kontrollierte die Windel, und nachdem er sie hingelegt und wieder zugedeckt hatte, ging er in den Aufbewahrungskeller, um Jerrys Gitterbett herauszusuchen.

8

Während der ersten Tage, nachdem Lennart den Säugling mit nach Hause gebracht hatte, hatte Laila ständig damit gerechnet, dass es an der Tür klopfen, dass das Telefon klingeln und uniformierte Männer ins Haus eindringen würden, um Fragen zu stellen, bevor sie sie in eine Zelle bringen würden, vielleicht sogar in eine Gummizelle.

Nach einer Woche begann die Spannung langsam nachzulassen. Wenn das Telefon einmal läutete, was es nicht häufig tat, hob sie den Hörer immer noch vorsichtig ab, als hätte sie Angst vor dem, was sich am anderen Ende der Leitung befinden könnte. Und allmählich wurde ihr klar, dass niemand kommen würde, um das Kind zu holen.

Lennart verbrachte viel Zeit im Keller, und obwohl Laila es als angenehm empfand, dass er weniger Energie dafür übrig hatte, sich über alles Mögliche aufzuregen, knabberte es doch an ihr. Sie war sich der Gegenwart des Kindes jederzeit bewusst und fragte sich, was Lennart dort unten eigentlich trieb. Denn er war nie besonders kinderlieb gewesen.

Trotz der Schmerzen im Knie, das mittlerweile eher aus Metall als aus organischem Gewebe bestand, ging sie hin und wieder die Kellertreppe hinunter, um zu kontrollieren, wie es um das Kind stand. Lennart empfing sie höflich, aber seine Körpersprache machte unmissverständlich klar, dass sie nur störte.

Sie durfte nicht sprechen. Wenn sie sich im Zimmer auf einen Stuhl gesetzt hatte, hielt Lennart den Zeigefinger vor die Lippen und ermahnte sie zum Schweigen, sobald sie etwas sagen wollte. Als Erklärung führte Lennart an, dass dieses Kind nicht »kaputtgeredet« werden solle, wie es schon einmal geschehen sei.

Manchmal, wenn sie die Tür zum Keller öffnete, hörte sie die Töne. Die Tonleitern. Jedes Mal hielt sie schweigend inne. Lennarts Tenor vermischte sich mit einer helleren Stimme, klar wie Wasser und mit einem Klang wie Glas, der Stimme des Kindes. Sie hatte so etwas noch nie erlebt und noch nie von etwas Ähnlichem gehört.

Und trotzdem. Trotzdem.

Sie war doch ein Kind. Und ein Kind sollte nicht in einem Keller liegen und als einzige Anregung Tonleiterübungen zu hören bekommen.

Lennart bekam immer noch etliche Aufträge als Komponist, und manchmal musste er im Studio anwesend sein, wenn die Stücke eingespielt wurden. Zehn Tage nachdem sie das Kind unter ihre Fittiche genommen hatten, gab es einen solchen Termin.

Normalerweise waren solche Fahrten nach Stockholm eine willkommene Abwechslung für Lennart, zumal er dort für eine Weile wieder in die Welt hineinschnuppern durfte, für die er eigentlich bestimmt war. Dieses Mal fuhr er allerdings nur widerwillig.

»Fahr nur«, sagte Laila. »Ich kümmere mich um das Mädchen.«

»Das bezweifle ich nicht. Die Frage ist nur, wie du dich um sie kümmerst.«

Lennart marschierte durch die Küche und trug die Lederjacke über dem Arm, die für derartige Ausflüge vorgesehen war und wahrscheinlich eine Art von Rüstung darstellte. Oder er wollte souverän wirken, und die Jacke unterstützte ihn dabei.

»Was willst du damit sagen, Lennart?«

»Du wirst reden. Reden und reden. Ich kenne dich.«

»Ich werde nicht reden.«

»Was wirst du denn dann tun?«

Laila nahm Lennart die Jacke ab und hielt sie hoch, damit er sie anziehen konnte. »Ich werde ihr Milch geben und ihre Windeln wechseln und dafür sorgen, dass es ihr gut geht.«

Nachdem Lennart aufgebrochen war, ging Laila eine Runde durchs Haus und kramte ein bisschen herum, weil sie sichergehen wollte, dass er nicht wieder zurückkam, weil er irgendetwas vergessen hatte. Als zwanzig Minuten vergangen waren, öffnete sie die Kellertür und ging hinunter.

Das Mädchen lag in Jerrys Gitterbett und betrachtete ein Mobile aus farbenfrohen Plastiktierchen. Laila fand, dass sie nicht gesund aussah. Sie war zu blass und zu mager. Zu leblos. Keine roten Wangen, keine suchenden, forschenden Bewegungen der Hände.

»Arme Kleine«, sagte Laila. »Du hast nicht viel Freude, was?«

Sie nahm das Mädchen auf den Arm und humpelte zum Aufbewahrungskeller. Auf dem untersten Regalbrett fand sie die Kiste mit den Wintersachen. Sie zog Jerrys ersten Overall heraus und spürte einen Klumpen im Hals, als sie ihn dem Mädchen anzog. Eine Mütze mit Ohrenklappen krönte das Werk.

»So, meine arme Kleine. Jetzt bist du hübsch.«

Sie schniefte, während sie zur Kellertür ging und aufschloss. Das kleine Paket in ihren Armen weckte Erinnerungen. Lennart konnte sagen, was er wollte, aber sie hatte Jerry geliebt. Sie hatte es geliebt, jemanden zu haben, um den sie sich kümmern konnte, der ihren Schutz brauchte und nicht allein zurechtkam. Das war vielleicht nicht das beste oder vernünftigste Motiv, aber sie hatte ihr Bestes gegeben.

Sie öffnete die Tür und stand am Fuß der Betontreppe, atmete die kühle Herbstluft ein. Das Gesicht des Mädchens zog sich zusammen, und sie öffnete den Mund, als wollte sie von der neuen Luft kosten. Sie schien etwas tiefer zu atmen. Laila schlich ein paar Stufen hinauf und spähte über die Rasenfläche.

Laila, reiß dich zusammen. Du bist verrückt.

Ihr Grundstück lag geschützt, und falls doch jemand das Kind sah oder einen Schrei hörte, was würde das schon für eine Rolle spielen? Das Kind war schließlich nicht entführt worden und wurde auch nicht gesucht. Sie hatte die Zeitungen durchgesehen und nichts über ein verschwundenes Baby gefunden. Wenn Laila Cederström mit einem Baby im Arm über ihr Grundstück ging, würden die Leute nicht direkt zum Telefonhörer greifen, sondern zunächst versuchen, sich eine vernünftige Erklärung dafür zusammenzureimen. Wie man es eben so macht.

Laila stieg vorsichtig die Stufen hinauf und ging zur Fliederlaube in der hintersten Ecke des Grundstücks; dort setzte sie sich mit dem Kind auf dem Schoß auf die Bank. Der Herbst war feucht und mild gewesen, und die Blätter der Fliederbüsche hatten noch nicht begonnen, sich zusammenzurollen, geschweige denn herunterzufallen. Sie saßen geschützt in einer grünen Dreiviertelkugel, und Laila konnte aufatmen.

Anschließend machte sie einen kleinen Spaziergang mit dem Mädchen durch die abgeschirmteren Teile des Gartens, zeigte ihr das Kräuterbeet, die Stachelbeersträucher und die Apfelbäume, an denen die reifen, gelben Astrakan hingen und darauf warteten, gepflückt zu werden. Die Blicke des Mädchens wurden immer lebendiger, je länger sie unterwegs waren, und ihre Wangen begannen ein gesundes Rosa anzunehmen.

Als es zu nieseln begann, kehrten sie ins Haus zurück. Laila rührte eine Milch an und setzte sich mit dem Kind auf dem Schoß aufs Sofa. Das Kind saugte die Milch innerhalb weniger Minuten in sich hinein und schlief in Lailas Armen ein.

Laila ging noch eine Weile mit ihr im Haus herum, genoss es einfach nur, den kleinen, warmen Körper auf den Armen zu tragen. Das Telefon klingelte. Instinktiv drückte sie das Mädchen fester an sich. Sie schaute das Telefon an. Es schaute nicht zurück. Es konnte sie nicht sehen. Sie löste ihren Griff, und das Telefon klingelte erneut.

Aufgeschreckt durch das Geräusch, eilte sie zur Kellertür und zum Zimmer des Mädchens hinunter, während das Telefon in der Küche weiterläutete. Erst nachdem sie das Mädchen ins Bettchen gelegt hatte und die Giraffe neben sie, verstummte das Telefon. Laila blieb eine Weile neben dem Mädchen sitzen und betrachtete sie durch das Bettgitter. Nicht einmal im Schlaf verlor sie ihren konzentrierten oder wachsamen Gesichtsausdruck. Laila wünschte sich, dass sie ihn zum Verschwinden bringen könnte.

Schlaf gut, kleiner Stern.

Das Telefon begann erneut zu läuten, und es klingelte sieben Mal, bevor Laila die Küche erreichte und antworten konnte. Es war Lennart, und er klang gar nicht glücklich.

»Wo zum Teufel bist du gewesen?«

»Im Keller.«

»Da kannst du das Telefon doch wohl hören.«

»Ich habe sie gerade gefüttert.«

Lennart schwieg. Anscheinend war es die richtige Antwort gewesen. Seine Stimme klang milder, als er fragte: »Und, hat sie gut gegessen?«

»Doch, doch. Eine ganze Flasche.«

»Und ist sie dann eingeschlafen?«

»Ja, direkt danach.«

Laila setzte sich auf einen Stuhl und schloss die Augen. Dies ist ein ganz normales Gespräch. Ein Mann und eine Frau unterhalten sich über ein Kind. So etwas passiert ständig. Ihr Körper fühlte sich sonderbar leicht an, als ob sie bei dem kleinen Spaziergang über das Grundstück zwanzig Kilo verloren hätte.

»Es läuft also alles gut?«, fragte Lennart.

»Ja, alles läuft gut.«

Laila konnte hören, wie bei Lennart eine Tür geöffnet wurde. Der Klang seiner Stimme änderte sich, als er sagte: »Okay, dann weiß ich Bescheid. Ich werde ein paar Stunden länger hierbleiben müssen. Es hat Schwierigkeiten gegeben.«

»Kein Problem«, sagte Laila. Ein Lächeln spielte auf ihren Lippen. »Überhaupt kein Problem.«

9

Lennart hatte in diesem Herbst viel zu tun. Mindestens einmal in der Woche musste er nach Stockholm hineinfahren, und zu Hause verbrachte er viel Zeit an seinem Keyboard. Lizzie Kanger, eine Sängerin, die nach der Vorauswahl zum Eurovision Song Contest etwas bekannter geworden war, sollte nach ihrem total gefloppten Debutalbum eine neue CD veröffentlichen. Die Plattenfirma hatte Lennart engagiert, damit er die bereits geschriebenen Songs »aufhübschte«.

Lennart schrieb komplett neue Stücke bis auf ein paar harmonische Phrasen von dem alten Murks, gerade genug, damit der ursprüngliche Komponist den Abriss seiner Bauruinen akzeptieren konnte.

Er hatte gewusst, worauf er sich einließ. Schon beim ersten Treffen mit der Plattenfirma hatten sie ihm ein Lied vorgespielt, das während des Sommers im Radio rauf- und runtergespielt worden war.

Sommer in der Stadt, neunzehnhundertneunzig, denkst du noch an mich?

Irgendein kleiner Manager hatte das Tonbandgerät ausgeschaltet und gesagt: »Wir hatten uns etwas in diesem Stil vorgestellt.«

Lennart lächelte und nickte, während er vor seinem inneren Augen eine Wüste voller Skelette sah, die ihm ihre Arme entgegenstreckten und um Hilfe schrien.

Es wäre ein schrecklicher Herbst geworden, wenn er nicht die Stunden mit dem Mädchen gehabt hätte, auf die er sich freuen konnte. Wenn er mit ihr auf dem Schoß im Keller saß und sie seine Tonleitern mit ihrer kristallklaren Stimme beantwortete, hatte er das Gefühl, Teil von etwas Größerem zu sein, das nicht nur größer war als seine erbärmlichen Keyboardläufe, sondern auch größer als das Leben selbst.

Musik. Sie war Musik. Die wahre Musik.

Lennart war schon immer der Meinung gewesen, dass alle Menschen von Geburt an musikalisch begabt waren. So war es einfach. Aber dann wurden sie mit musikalischem Dreck zwangsernährt. Sie wurden konditioniert. Am Ende glaubten sie, dass es nichts anderes geben könnte als diesen Dreck, dass Musik so klingen musste. Wenn sie etwas hörten, das kein Dreck war, fanden sie es seltsam und wechselten den Sender.

Das Mädchen war der lebende Beweis dafür, dass er recht hatte. Normalerweise konnten Säuglinge dieser unzerstörten Musik, die in ihnen war, natürlich keinen Ausdruck verleihen, aber sie konnte es. Er wollte nicht glauben, dass es nur ein Zufall war, dass gerade er sie gefunden hatte. Es steckte ein tieferer Sinn dahinter.

Eine weitere Erleichterung bestand darin, dass Laila glücklicher zu sein schien, als sie es lange Zeit gewesen war. Manchmal konnte er sogar hören, wie sie durchs Haus ging und vor sich hin summte. Meistens natürlich nur alte Schlager, aber ihm gefiel es, ihre Stimme zu hören, während er vor dem Keyboard saß und sich im Schweiße seines Angesichts abmühte, ein weiteres Drei-Akkorde-Stück mit einem überraschenden Moll-Akkord aufzupeppen, obwohl er dabei das Gefühl hatte, Perlen vor die Säue zu werfen.

Alles Gute hatte auch seine Schattenseiten.

Eines Abends, als Lennart im Heizungsraum gewesen war, die letzten Holzscheite des Tages eingeworfen hatte und auf dem Weg zum Kinderzimmer war, um das Mädchen für die Nacht fertig zu machen, hörte er ein Geräusch. Er blieb vor der angelehnten Tür stehen und horchte. Leise, leise hörte er die Stimme des Mädchens, das in seinem Bett lag und … summte. Nachdem Lennart eine Weile zugehört hatte, begann er eine Melodie auszumachen, die er zwar irgendwoher kannte, aber nicht einordnen konnte. Einige Worte flogen vorbei, die zu der Melodie passten.

eyes … exciting … lonely …

Lennart weigerte sich zu glauben, was er gerade hörte. Aber er wusste, dass er sich nicht irrte. Das Mädchen lag da und summte »Strangers in the night«. Lennart öffnete die Tür und ging hinein. Das Summen verstummte unmittelbar.

Er nahm das Mädchen auf seinen Arm und schaute in ihre unergründlichen Augen, die niemals seinen Blick erwiderten, sondern sich auf einen Punkt weit hinter ihm zu fokussieren schienen. Dann verstand er plötzlich. In Wirklichkeit hatte er nicht »Strangers in the night« gehört, sondern »Tausend und eine Nacht«, Lasse Lönndahls schmalztriefende schwedische Version desselben Liedes. Einer von Lailas Favoriten.

So geht es also zu.

Dass es vollkommen unwahrscheinlich war, dass ein Säugling sich eine Melodie merken und wiedergeben konnte, war ein Gedanke, der Lennart gar nicht erst kam. Das Mädchen hatte bereits so viele musikalische Grenzen überwunden, dass es bereits ganz normal für ihn war, aber …

So geht es also zu.

Dreck besitzt die erstaunliche Eigenschaft, sich überallhin zu verbreiten. Es spielt keine Rolle, wie sorgfältig man alles schützt und verpackt. Der Dreck sickert durch alle Spalten, durch die Risse, die man vergessen hat abzudichten. Und dann übernimmt er das Kommando.

Lennart legte das Mädchen auf den Webteppich, wo sie ungeschickt nach den farbigen Bauklötzen schlug, die Laila dort ausgebreitet hatte. Lennart räusperte sich und stimmte leise an: »Ach, du schönes Värmeland …« Das Mädchen nahm keine Notiz von ihm und fuhr fort, die Klötze umherzuschubsen, bis alle außerhalb ihrer Reichweite waren.

10

Es war ein milder Winter, und Laila konnte bis weit in den Dezember hinein mit dem Mädchen an die frische Luft gehen. Anfang Januar kam eine Kältewelle mit Schneefall, und es war eher der Schnee als die Kälte, die Laila an ihren Spaziergängen hinderte, wenn Lennart nicht da war. Sie wollte keine Spuren hinterlassen.

Lennart hatte ihr streng verboten, über das Allernotwendigste hinaus Kontakt mit dem Kind zu suchen. Sie durfte nicht reden, nicht singen und keinen Lärm machen. Das Kind sollte in vollkommener Stille aufwachsen, abgesehen von den Gesangsübungen, die Lennart mit ihm durchführte. Laila hatte begriffen, worauf sein Projekt hinauslaufen sollte, und hielt es für vollkommen verrückt, aber solange sie selbst dem Kind kleine Oasen der Normalität anbieten konnte, ließ sie ihn machen.

Eines Nachmittags saß sie neben dem Kind und sah ihm beim Spielen zu oder wie man das nennen sollte, was es tat. Das Mädchen hatte das Greifen gelernt und konnte sich lange mit ein und demselben Bauklotz beschäftigen, ihn hochheben und wieder fallen lassen, hochheben und fallen lassen.

Laila versuchte ihr ein paar Stofftiere zu geben, die sie im Keller herausgekramt hatte. Sie schlich sich mit einem kleinen Fuchs heran und sagte: »Hier kommt der Michel und schnuppert … aber … was ist das denn für ein Geruch, den er da schnuppert?«

Das Mädchen war vollkommen desinteressiert, schenkte Michel nicht einmal Beachtung, als er mit der Schnauze gegen ihren Schenkel stupste. Stattdessen griff sie erneut nach dem Klotz, hob ihn bis auf Augenhöhe, betrachtete ihn, ließ ihn los und studierte, wie er sich beim Fallen bewegte und davonrollte. Wenn er außerhalb ihrer Reichweite landete, blieb sie sitzen, bis Laila ihr den Klotz wieder reichte. Dann hob sie ihn wieder hoch und ließ ihn fallen.

Am nächsten Tag, als Lennart sich in seinem Studio eingeschlossen hatte, rief Laila in der Kinderklinik in Norrtälje an.

»Ja, ich habe eine Frage wegen meinem … Kind. Sie ist fast ein halbes Jahr alt und ich mache mir ein bisschen Sorgen wegen ihres Verhaltens.«

»Wie alt ist sie genau?«

Laila räusperte sich und sagte: »Fünf Monate. Und drei Wochen. Und ich frage mich … Sie reagiert irgendwie nicht auf … also wenn man versucht, mit ihr zu spielen oder so. Sie möchte nicht gucken … Sie hat nur diesen … diesen Klotz, den sie hochhebt und wieder fallenlässt. Und sie macht fast nichts anderes. Ist das normal?«

»Sie sagen, dass sie nicht reagiert? Wenn Sie sie berühren und versuchen, ihre Aufmerksamkeit zu erregen, wie reagiert sie darauf?«

»Gar nicht. Sie ist nur … wie soll ich sagen … an toten Dingen interessiert. Gegenständen. Das ist das Einzige, womit sie sich beschäftigen möchte.«

»Ja, das ist jetzt schwer zu sagen, aber ich würde Ihnen empfehlen, dass Sie mit ihr zu uns kommen, sodass wir sie uns genauer anschauen können. Waren Sie schon einmal hier?«

»Nein.«

»Nein. Wo sind Sie denn vorher mit ihr gewesen?«

In Lailas Kopf war alles wie weggewischt, und sie sagte das Erste, was ihr einfiel.

»Skövde.«

»Mhm. Könnte ich bitte ihre Versicherungsnummer haben, dann sehen wir mal, ob wir …«

Laila knallte den Hörer auf die Gabel, als hätte sie sich die Hand daran verbrannt, und starrte ihn noch eine halbe Minute an, bevor sie ihn wieder aufnahm. Freizeichen. Keine Stimme verfolgte sie, und sie ging das Gespräch im Kopf noch einmal durch. Der kritische Punkt war das »aber«.

Das ist jetzt schwer zu sagen, aber ich würde Ihnen empfehlen …

Ihre Befürchtungen waren nicht unbegründet gewesen. Dieses »aber« deutete darauf hin, das irgendetwas nicht so war, wie es sein sollte. Außerdem waren sie in der Kinderklinik bestimmt sehr vorsichtig mit ihren Aussagen, um verunsicherte Eltern nicht zu erschrecken.

Als Lennart aus seinem Studio kam, versuchte Laila das Problem zur Sprache zu bringen. Sie wagte natürlich nicht zu sagen, dass sie in der Kinderklinik angerufen hatte, sodass sie nur ihre eigenen vagen Beobachtungen vorbringen konnte. Sie erreichte nichts damit. Lennart stimmte durchaus mit ihr darin überein, dass das Mädchen ungewöhnlich passiv war, aber sollte man sich wirklich darüber beklagen?

»Willst du lieber, dass es so ist wie bei Jerry? Fünf oder sechs Mal pro Nacht aufstehen und zu ihm laufen, weil er wachliegt und schreit?«

Lennart war nicht derjenige gewesen, der aufgestanden und hinübergelaufen war, aber den Hinweis ersparte sich Laila. Stattdessen sagte sie: »Ich würde mir nur wünschen, dass wir sie irgendwie einmal untersuchen lassen könnten.«

Sie sah, wie sich Lennarts Kaumuskeln anspannten. Er kam an seine Grenzen. Lennart schlang seine Hände fest ineinander, als wollte er sich selbst daran hindern, etwas mit ihnen zu tun, und sagte:

»Laila. Zum letzten Mal. Wenn nur ein einziger Mensch erfährt, dass wir sie haben, dann werden sie kommen und sie uns wegnehmen. Hör auf, daran zu denken, es gibt keine Möglichkeit. Und außerdem … wenn es wirklich so ist, wie du glaubst, also dass irgendetwas mit ihr nicht stimmt. Was, glaubst du, werden sie dann tun? Ihr Pillen geben? Sie in ein Pflegeheim stecken? Was willst du eigentlich?«

Die letzte Frage war rhetorisch und eigentlich eine Feststellung: Wie kann man nur so verdammt bescheuert sein. Lennarts Hände öffneten und schlossen sich und Laila sagte nichts mehr.

Außerdem hatte Lennart tatsächlich einen wunden Punkt getroffen. Was wollte sie eigentlich? Wollte sie, dass das Mädchen in Behandlung kam? Dass sie Medizin bekam? Nein. Wenn sie darüber nachdachte, wollte sie eigentlich nur, dass jemand, der Ahnung davon hatte, sich das Mädchen anschaute und sagte, dass alles okay sei. Oder dass es nicht okay sei, sondern dieses bestimmte Problem gebe, an dem man nichts ändern könne. Einfach nur, damit sie es wusste.

Zwei Wochen später fuhr Lennart in die Stadt, um bei der letzten Abmischung des Albums dabei zu sein. Der Schnee war geschmolzen, aber die Temperatur war wieder unter null gesunken, sodass der Garten teilweise von Eis bedeckt war und Laila dort keine Spuren hinterlassen würde.

Und das Mädchen musste endlich wieder an die frische Luft.

Es waren festliche Momente, wenn Laila das Mädchen für einen Ausflug anzog. Während sie mit Pullover, Hose, Overall und Mütze hantierte, spürte sie eine Nähe zu dem Kind, die sie sonst nicht empfand. Wenn sie die winzigen Strümpfe zwischen ihren Fingern aufrollte und über die ebenso winzigen Füße des Kindes streifte, konnte sie sich sogar bei dem Gedanken ertappen: Ich liebe dich, Kleine.

Das Mädchen war ihr auch früher nicht egal gewesen, aber sie hatte Lailas Gefühle einfach nie erwidert. Bestenfalls untersuchte das Kind Lailas Gesicht mit den Fingern, was sie in der Art tat, wie sie alles andere auch tat: methodisch und beinahe wissenschaftlich. Als ob sie zu begreifen versuchte, wie dieses Ding funktionierte.

Vielleicht lag es auch daran, dass das Ankleiden ein Gefühl der Gegenseitigkeit erzeugte. Wenn Laila die schmalen Arme und Beine des Kindes in den Overall bugsierte und ihr die Handschuhe überstreifte, behandelte sie das Mädchen wie einen Gegenstand. Der sorgsame Umgang mit etwas, das geschützt werden musste.

Sie trug das Mädchen zur Tür und stellte es auf den Treppenabsatz. Das Eis knirschte unter ihren Füßen, als Laila das Mädchen an den Händen festhielt und es die Treppenstufen halb hinaufgehen, halb hinaufschweben ließ.

Der Garten war von Eis und gefrorenen Schneeklumpen bedeckt. Laila steuerte das Mädchen zur kahlen Fliederlaube hinüber.

»Hast du gesehen, Kleine? Das ist Eis.«

Sie waren nicht dazu gekommen, dem Mädchen einen Namen zu geben. Sie hatten darüber diskutiert, aber da sie ja nicht getauft werden sollte und niemand ihnen einen Namen abverlangte, waren sie zu keinem Entschluss gelangt. Laila hatte gehört, dass auch Lennart das Wort »Kleine« verwendete, wenn er mit dem Mädchen sprach, und dabei war es geblieben.

Sie saßen eine Weile auf der Bank unter der Laube. Laila gab dem Mädchen Zweige und trockenes Laub, damit es sie untersuchen konnte. Dann gingen sie eine Runde. Die wackeligen Beine des Mädchens taten sich schwer mit dem Untergrund, und die Kälte ließ Lailas Knie steif werden, sodass sie zentimeterweise voranwackelten.

Sie waren vielleicht noch zwanzig Meter vom Haus entfernt, als Laila das Motorengeräusch hörte. Sie hatte es oft genug gehört, um es sofort wiederzuerkennen. Jerrys Motorrad.

Laila hievte das Mädchen auf ihre Arme und wackelte auf die Kellertreppe zu. Nach zehn Metern fuhr der Schmerz ihr ins Knie. Sie rutschte auf einem Eisfleck aus und fiel mit dem Kopf voran nach vorn. Während des Falls gelang es ihr, sich zu drehen, sodass sie auf der Schulter landete und nicht auf dem Kind. Ihr Kopf knickte zur Seite, prallte auf das Eis, und ihr wurde schwarz vor Augen, während das Kind ihr aus den Armen glitt.

Wie hinter einem roten Schleier hörte sie das Motorrad näher kommen, bis der Motor schließlich abgeschaltet wurde. Der Ständer wurde heruntergeklappt, und Schritte näherten sich. Ein heller Fleck wuchs in der Mitte des roten Schleiers, bis sie den Schnee und das Eis und die blaue Mütze des Kindes wieder erkennen konnte. Jerrys Motorradstiefel traten in ihr Gesichtsfeld und blieben stehen.

»Was zum Teufel treibst du denn da, Mama? Was ist das für ein Kind?«

11

Lennart saß im Auto und war auf dem Weg nach Hause. Ausnahmsweise war er nicht unzufrieden. Normalerweise war er eigentlich immer wütend, wenn er von einer Studiosession oder einem Meeting in Stockholm kam. Aber dieses Mal war alles nach seinen Vorstellungen gelaufen.

Ein neuer Produzent war während der Endphase der Produktion dazugekommen. Als Lennart den jungen Mann erblickt hatte, der mit einer gelben Sonnenbrille auf der Nase durch das Studio schlurfte, war alle Hoffnung von ihm gewichen. Aber man höre und staune, der neue Mann hatte Lennarts Sachen gemocht, hatte sie als »modernisierten Motown-Sound« bezeichnet und ihnen einen »geilen Vintage-Faktor« zugeschrieben. Er hatte zwei eingespielte Tracks, die bereits aussortiert waren, wieder zurückgeholt, und Lennart wurde als Komponist von drei Stücken des Albums aufgeführt. Einer von Lennarts Songs war als erste Single-Auskopplung vorgesehen.

Lennart zog also keine missmutige Grimasse, ließ kein genervtes Seufzen hören, als er Jerrys Motorrad auf ihrem Hof sah. Er war vorübergehend in einen Mantel der Unverwundbarkeit gehüllt. Er war Komponist und schwebte über den Misslichkeiten des Alltags.

Laila und er waren seit über fünfundzwanzig Jahren verheiratet und wohnten fast ebenso lange in diesem Haus. Schon als Lennart die Tür hinter sich zuzog und sich die Schuhe aufzuschnüren begann, überkam ihn das Gefühl, dass heute etwas anders war. Die Atmosphäre im Haus war nicht mehr dieselbe, aber er wusste nicht, was dahintersteckte.

Als er die Küche betrat, bekam er die Antwort. Dort saßen Laila und Jerry. Auf Jerrys Schoß saß das Mädchen. Lennart blieb im Türrahmen stehen, und der Mantel fiel von seinen Schultern. Laila warf ihm einen flehenden Blick zu, während Jerry tat, als hätte er seine Anwesenheit gar nicht bemerkt, das Mädchen unter die Arme fasste, in die Luft hob und »tuttuttut« sagte.

»Sei vorsichtig«, sagte Lennart. »Sie ist kein Spielzeug.«

Wie viel hatte Laila ihm erzählt? Lennart zwinkerte ihr zu und sagte: »Laila, kommst du?«, machte auf dem Absatz kehrt und ging ins Studio, wo sie sich ungestört unterhalten konnten. Aber Laila kam nicht.

Als er in die Küche zurückkam, sagte Jerry: »Mach keinen Zirkus, Papa. Setz dich.«

Lennart ging zu Jerry und streckte die Hände nach dem Kind aus. Jerry gab es nicht her. »Setz dich, habe ich gesagt.«

»Gib sie mir.«

»Nein. Setz dich hin.«

Lennart konnte nicht glauben, was sich hier abspielte. »Ist das hier so eine Art … Geiselnahme, oder was?«

Jerry drückte seine Wange an die des Mädchens. »Sie ist doch meine kleine Schwester, beinahe jedenfalls. Dann darf ich sie auch mal auf dem Schoß haben, oder?«

Lennart setzte sich auf die Stuhlkante, damit er sofort aufspringen konnte, falls Jerry irgendetwas anstellte. Schon vor Jahren hatte Lennart aufgegeben, sich vorzustellen, was im Kopf seines Sohnes vorgehen mochte, und er fürchtete sich vor ihm, wie man sich vor allem fürchtet, was unbekannt und damit unberechenbar ist.

In Jerrys kräftigen Armen sah das Mädchen klein und verletzlich aus. Jerry brauchte nur einmal zuzudrücken, und sie würde wie ein Ei zerbrechen. Die Situation war schwer zu ertragen, und Lennart bediente sich der einzigen Sprache, von der er sicher war, dass Jerry sie verstand.

»Jerry«, sagte er. »Du bekommst fünfhundert Kronen, wenn du sie mir gibst.«

Jerry schaute zu Boden und schien das Angebot zu überdenken. Dann sagte er: »Wieso, glaubst du, ich würde ihr wehtun oder so etwas? Wofür hältst du mich eigentlich?«

Ihm Geld anzubieten, war ein Fehler gewesen. Wenn Jerry eine Vorstellung davon bekam, wie viel ihm das Mädchen bedeutete, würde sich die Situation weiter verschlimmern. Also nahm er sich die Zeitung vom Tisch und tat so, als würde er sich für die letzten Bombenabwürfe der USA im Irak interessieren, während er das Mädchen keines Blickes würdigte.

Nach einer Weile sagte Jerry: »Sie ist so verdammt still. Sie gibt ja keinen einzigen Ton von sich.«

Lennart faltete umständlich die Zeitung zusammen und legte seine Hände darauf. »Jerry. Was willst du?«

Jerry stand mit dem Mädchen in den Armen auf. »Nichts Besonderes. Wie lange wollt ihr denn noch so weitermachen?« Er hielt Lennart das Mädchen hin, aber als dieser die Hände nach ihr ausstreckte, zog er sie weg und gab sie stattdessen Laila.

Es juckte in Lennarts Fingern, aber er riss sich zusammen. »Wie meinst du das?«

»Sie so versteckt zu halten. Irgendwer wird es herausfinden. Irgendjemand wird irgendetwas sagen.«

Lennart gelang es, seine Stimme gleichgültig klingen zu lassen, als er fragte: »Ich möchte nur eines wissen. Wie hast du herausgefunden, dass wir sie haben?« Er schielte zu Laila hinüber, die ihre Lippen zusammenpresste.

Jerry zuckte mit den Schultern. »Ich kam zufällig am Kellerfenster vorbei und habe hineingeschaut. Und da lag sie. Übrigens – mir ist da was eingefallen.«

Lennart hörte nicht weiter zu. Irgendetwas stimmte hier nicht. Warum sollte Jerry »zufällig am Kellerfenster vorbeikommen« und hineingucken? Und konnte man das Bett durch das Fenster überhaupt richtig sehen?

Jerrys Hand wedelte vor seinen Augen herum. »Hörst du mir überhaupt zu?«

»Nein.«

»Ein Computer. Ich möchte einen Computer.«

»Warum?«

»Du beschwerst dich doch dauernd darüber, dass ich mich für nichts interessiere«, sagte Jerry. »Jetzt interessiere ich mich für etwas. Computer. Ich möchte einen Computer. Einen Macintosh.«

Es war und blieb eine Geiselnahme, obwohl Jerry das Kind mittlerweile wieder hergegeben hatte.

»Wie viel«, fragte Lennart. »Wie viel kostet so ein Ding?«

»Es handelt sich um einen Classic«, sagte Jerry. »Ein Macintosh Classic. Zehn Riesen ungefähr.«

»Und was bekomme ich dafür?«

Jerry prustete und klopfte Lennart auf die Schulter. »Weißt du, was ich manchmal ganz schön an dir finde, Papa? Du kommst direkt zur Sache. Kein großes Palaver.« Jerry massierte sich den Nacken und dachte nach. Schließlich sagte er: »Ein Jahr. Oder ein halbes Jahr. Ungefähr. Irgendwo dazwischen.«

»Und dann?«

»Dann werden wir sehen.«

Lennart verbarg sein Gesicht in den Händen und stützte die Ellenbogen auf die Tischplatte. Zu der Zeit, als Jerry am schlimmsten war, hatte er sich manchmal gewünscht, dass sein Sohn tot wäre. Jetzt wünschte er es sich wieder. Aber was halfen seine Wünsche? Neben sich hörte er Lailas Stimme.

»Es ist doch gut, wenn Jerry ein Hobby hat. Trotz allem.«

Lennart presste die Fingernägel in seine Kopfhaut und sagte: »Sag nichts. Sag nichts.« Dann hob er den Kopf und wandte sich Jerry zu. »Möchtest du ihn auch gleich nach Hause geliefert bekommen?«

»Ja, das wäre nett. Super. Danke.«

Lennarts Kehle war vor Wut so zusammengeschnürt, dass er nur noch flüstern konnte: »Keine Ursache.«

Als Jerry Anstalten machte zu gehen, stand Laila auf und reichte Lennart das Kind, ohne ihn dabei anzusehen. Sie ging zu Jerry, senkte den Kopf und sagte leise: »Jerry, kann ich nicht mit dir kommen?«

Jerry zog die Augenbrauen zusammen und schaute von Laila zu Lennart hinüber. Dann begann er die Lage einzuschätzen und sagte: »Es ist mir scheißegal, was ihr hier eigentlich treibt. Aber wir sagen mal so«, er wandte sich an Lennart, »wenn du Mama auch nur anfasst … dann kannst du die Kleine hier vergessen. Verstanden?«

Lennarts Hals schnürte sich zusammen, aber auch alle Muskeln waren gespannt wie Drahtseile und vibrierten. Jerry machte einen Schritt auf ihn zu. »Ich habe gefragt, ob du das verstanden hast. Du lässt Mama in Ruhe. Nur ein blauer Fleck, und das Kind ist weg. Okay?«

Lennart gelang es, seinen Kopf zu einem steifen Nicken zu bewegen. Das Kind bewegte sich unruhig in seinen Armen. Jerry streichelte die Wange des Mädchens und sagte: »Tuttuttut.«

Dann ging er. Laila blieb da.

12

Jerry war nach Jerry Lee Lewis getauft worden.

Ein paar Jahre lang sah es tatsächlich so aus, als würde auch er Musik machen wollen, ohne die tragischen Konsequenzen wie bei Jerry Lee Lewis, wie alle hofften. Als er fünf war, begann er unter Lennarts Aufsicht auf einer kleinen Gitarre zu üben. Als er sieben war, konnte er schon flüssig zwischen den Grundakkorden wechseln und einfachere Rhythmen spielen.

Lennart hielt sich nicht für einen Leopold, dem ein Wolfgang anvertraut worden war, aber mit ausreichendem Training konnte aus Jerry durchaus ein fähiger Musiker werden, und das war gut genug.

Dann kam der Zwischenfall mit der Hitparade und »Sag mir«.

Laila hatte nie zugegeben, dass Lennart für ihr demoliertes Knie verantwortlich war, sondern behauptet, dass sie auf einen spitzen Stein gestürzt sei. Selbst nachdem sie unter Druck gesetzt worden war, hatte sie an dieser Version festgehalten. Sie hatte zehn Tage im Krankenhaus verbringen und eine Reihe von Operationen über sich ergehen lassen müssen.

Als sie wiederkam, hatte sich die Atmosphäre im Haus für immer verändert.

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