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Wolfsberg Leidenschaft und Wahn

„Die Welt hat genug für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht für jedermanns Gier.“

Mahatma Gandhi

Das Buch

Geboren mit Stolz, untergegangen mit Schmerz. Im Aufbruch der deutschen Wiedervereinigung entdeckt der promovierte Rechtsanwalt Wolfhard Wolfsberg eine Ölraffinerie in Mitteldeutschland als Raum für Leidenschaft, Gier und Wandel mit Schmerz. In einer geheimen Bruderschaft beginnt die gnadenlose Irrfahrt von Erfolg, Streben um Machtfülle und zerbrochener Herzen. Nach Jahrzehnten des Triumphs schlägt die Vergangenheit zurück. Ein mutmaßlicher Erpresser droht das Lebenswerk der Gefährten in Schutt und Asche zu legen. Wolfsberg, in der Gegenwart Professor für Umweltrecht, widersetzt sich dem Gedanken an Verlust. Aufschlussreiche Erkenntnisse aus internen Ermittlungen des Bundeskriminalamtes geben dem Verrat und der Intrigen ein neues Gesicht. Siegesbewusst spinnt er die Fäden im Wettlauf mit der Zeit. Doch seine Unfehlbarkeit hat ihren Preis.

Erstes Buch

Teuflische Bündnisse

Leipzig, Oktober 1991.

Die Messemetropole liegt eingebettet in einer Tieflandbucht imnordwestlichen Gebiet des Freistaates Sachsen. Mitten im Herzen des geeinten Deutschlands bewahrt sie für Wolfhard Wolfsberg die Rolle einer jungfräulichen Märchenstadt. Doch die fremde Stadt bot ihm um Längen mehr. Jugendhaft, hochgebildet, promoviert, sagte er mit der Reise dahin unerfüllten Visionen den Kampf an. Die Anwaltskanzlei des verstorbenen Vaters in Hannover brauchte frischen Wind. Den eingefressenen Mief mit Machtfülle zu tauschen, erfüllte ihn vollauf. Ostgeschäfte, das entsprach zu ebendieser Zeit der alles beherrschenden Frage. Die hieß für ihn, blitzschnell umschalten, die Chance des Lebens nutzen.

„Hier plane ich die Bewältigung meines Lebenstraums“, rutschte ihm euphorisch über die Lippen. Der Fahrer des Taxis vom Flugplatz in die Innenstadt Leipzigs schmunzelte. Karrieremenschen kannte er zur Genüge. Der hier schien andersartig. Anfänglich döste er auf der hinteren Sitzbank in einer Art Dämmerzustand vor sich hin, um dann aufgeschreckt die Augen zu öffnen. Der Scharfsicht des Taxifahrers entging das nicht. Sofort platzte es aus seinem Mund heraus. Die eher wehmutsvoll anmutende Tonlage passte zu dem, was er sagte: „Ich besinne mich gern zurück. Heute buhlt eine der traditionellsten Messen in Mitteleuropa nicht umsonst um zahlende Besucher. Mein Herr, ich weiß nicht, wie intensiv Sie mit dem Geschehen rund um Leipzig vertraut sind. Eines spricht für uns. Gäste sind willkommen.“ Der Versuch des Taxifahrers, ihn weiterhin am Gespräch zu interessieren, endete holprig. Dieweil trieb ihn die pure Höflichkeit voran. Just Sachsenmentalität, eine Geste, um dem Fahrgast das Gefühl des Ankommens zu vermitteln. Ein Räuspern des Insassen beendete das Abtasten. „Ich stimme dem zu, die Wandlungsfähigkeit hinterlässt ein unvergleichliches Hochgefühl.“

„Das ist bestens nachvollziehbar. Herbstzeit in Leipzig, brachte uns das Erwachen.“ Wolfsberg schaute den Taxifahrer erstaunt an. „Wissen Sie, für mich zählt heute nur das Ankommen, Einchecken und mit Ausdruckskraft Geschäfte in Worte fassen.“ Kein Sterbenswort von einem mit Blut geschmiedeten Bündnis trat über seine Lippen. Ein Pakt würde sie heute Abend zusammenschweißen. Die Idee dahinter, eine Ölraffinerie im Geiseltal zum Objekt der Begierde zu stilisieren.

„Mit allen Mitteln, Wolfhard. Instruiere die Gefährten, das hat oberste Priorität. Sonst kriege ich in Bonn eins an den Arsch“, schrie Oberministerialrat Werner von Apitz vor Tagen förmlich in den Hörer.“ Und eben in diesem Moment hielt der Mercedes E 230 hielt vor dem Eingangsportal des First-Class-Hotels Fürstenhof in der Messemetropole. Die polierte, elfenbeinfarbene Metallkarosse gab dem Taxi Eleganz. Sie schien mit der noblen Pracht des Hoteleingangs zu verschmelzen. Mehr denn je, sie forderte Aufmerksamkeit ein. Wolfsberg bezahlte die Gebühr mit einem Lächeln im Gesicht. Das stand ihm ausgezeichnet. Für den Taxifahrer Indiz genug, über ein solides Fahrgeschäft zu verfügen. Zufriedene Fahrgäste brachten darüber hinaus beachtliche Einsparungen für teure Werbekampagnen. „Trinkgeld für Sie.“ Zehn Mark wechselten den Besitzer. „Danke! Meine Stadt empfängt Sie mit Wärme. Das schafft positive Energien. Versuchen Sie, es in sich aufzunehmen.“ Die Worte klebten in der Art flüssigen Honigs an ihm. Eine gefühlsbetonte Befangenheit ergriff ihn. Die gleiche Euphorie, in jener Zeit der Stürme in der Messemetropole. Die Tonlage des Taxifahrers ließ ihn lächeln. „Vergessen Sie zu keiner Sekunde, was ich über die Menschen in Leipzig zu berichten vermochte.“ Ein Blitz aus heiterem Himmel träfe nicht heftiger das Ziel. Er versandte damit Schwingungen, die auf Wolfsberg gezielt einwirkten. Zumindest ähnelten sie nicht den Worthülsen des eigenen Berufsstandes, die er mit Inbrunst verabscheute. „Schauen Sie, die Sehnsucht nach einem positiveren Lebensgefühl lässt sich nicht toppen. Vor nicht allzu langer Zeit führte sie zu den Montagsdemonstrationen. Zugegeben, im Westen floss unser Leben hier an Ihnen vorbei. Ich bin in bitterkaltes Wasser gesprungen, Sie mutmaßlich nicht. Gott wies uns den besseren Weg. Ich meine, die Menschen im Osten zu begreifen, verlangte, auf sie zuzugehen. Schade, die Kraft der Massen haben Sie nicht persönlich erlebt.“

„Bitte, ich unterbreche ungern. Stimmt es, ich las, dass eine ungeheure Menschenflut die Straßen überfüllte. Und das dieses Ereignis mit zu den bedeutendsten Kapiteln der deutschen Wiedervereinigung zählt?“ Die Augen des Taxiunternehmers schimmerten jetzt feucht. Freudentränen rollten über die Wangenknochen. „Entschuldigung, aber meiner Person gebührt keinerlei beachtenswerter Zuspruch. Ich fordere nichts anderes wie die Freiheit ein, Emotionen zeigen zu dürfen.“

„Hmm, klar, wenn Sie das sagen! Ein erhabenes Gefühl, davon bin ich überzeugt. Keine Fantasterei. Ein geschichtlich verbrieftes Ereignis. Die Auffrischung zu dem historischen Vorgang der deutschen Annäherung verdanke ich Ihnen.“

„Oh, Sie verursachen Sprachlosigkeit in mir. Treffer! Das war schon aufsehenerregend, die menschliche Lawine auf den Straßen meiner Heimatstadt. Bis zu vierhunderttausend Teilnehmer strömten von der Nikolaikirche Richtung Oper. Über den Ring am Hauptbahnhof, unmittelbar am Hotel vorbei. Der Atem stockt mir angesichts der gewaltlosen Einigkeit.“ Deutlich ergriffen meinte er: „Verstehe. Die Weltpresse schrieb nicht umsonst, dass dieses Ereignis mit zu den tragenden Säulen der friedlichen Revolution in der DDR zählte.“

„Die Wertschätzung gehört Ihnen, Herr …“, suchte er um einen Namen ringend nach Aufmerksamkeit. „Doktor Wolfsberg! Ich bin Rechtsanwalt in Hannover“, kam der ihm helfend entgegen.

„Vielen Dank!“, meinte der Taxiunternehmer nickend. „Es gäbe endlos mehr zu sagen. Erst die staatliche Ignoranz des Mehrheitswillens erwirkte Gesprächsbereitschaft mit den Regierenden. Im Übrigen, den Beifall sparen sie besser für geeignetere Augenblicke auf. Vergessen Sie nicht, die Menschen brauchen frischen Mut, aufeinander zuzugehen. Sprechen Sie mich an. Erreichbar bin ich über die öffentliche Rufnummer der Taxizentrale.“

„Moment, Verehrtester. Darin sehe ich keine Schwierigkeit. Ich schulde Ihnen eine Menge. Vor allem Respekt, denn sich zu öffnen, gelingt nicht jederzeit mühelos. Wir sind bestens miteinander klargekommen, das wünschte ich mir zeitlebens.“

„Was? Einvernehmliches Reden?“

„Ja! Gedanken austauschen. Die reinen Zufälligkeiten umzumünzen, füreinander einzutreten.“

„Wow! Ich empfehle Sie gleich der Innung des Taxigewerbes. Das haut einen ja um. Ein Advokat, bei dem das originelle Flair der Stadt Begeisterung entfacht.“

„Oh? Das ist eine zu große Ehre. Von jedem ein bisschen scheint angebrachter. Leipzig erschließt sich mir jeher in der Inkarnation selbstlosen Handelns. Es gibt eine Menge Gesprächspartner, wo ich beabsichtige, die Euphorie des Aufwindes in der Region nahezulegen. Das lasse ich mir nicht entgehen.“

„Verzeihen Sie, meine Absicht bestand nicht darin, Ihnen die Show zu stehlen. Wenn Sie wünschen, organisiere ich eine Gesprächsrunde mit Aktivisten der ersten Stunde. Greifen Sie zu, authentischer erleben Sie die Magie des Wandels im Osten nicht.“

„Eine schlüssige Idee. Ihre Überlegung reizt mich.“

„Na was denn sonst. Dieser Pfad verändert Vieles. Er mausert sich nahezu für vielversprechende Orientierungen.“

„Eine treffliche Einschätzung. Beachtenswert, Ihre Position. Ich bringe es auf den Punkt. Der Ansporn erwächst aus den Bürgerinitiativen. Dem neuen Unternehmergeist. Der wird die Schrittmacherfunktion für die Wirtschaft sein. Weil einzig das uns nach vorn bringt.“

„Da schwirren ja meine Worte umher. Ich korrespondiere mit Ihnen auf einer Linie. Es liegt auf der Hand, Herr Doktor. Ansonsten gilt, erst das Mitgestalten verspricht Erfolgsaussichten.“

„Eine ausgefallene Meinung. Entschuldigung, es ist verrückt. Da kehrt ein fremder Mensch die eigenen, geheimsten Gedanken an die Oberfläche. Die Uhr tickt unbarmherzig. Ich sehe darin eine Aufforderung, aus den Wahrnehmungen der Vergangenheit zu lernen. Unser Gespräch kommt zum allerbesten Zeitpunkt. Keiner verschenkt gern etwas.“

„Ein lohnender Vorsatz. Ich bemerke eine heftige Sehnsucht. Ihr Weg verheißt, eine Menge Seelen zu befriedigen.“ Das zustimmende Nicken des Fahrgastes verleitete zu einer letzten Aussage. „Klar, ich bürge nicht dafür. Aber in Ihnen vermute ich den kenntnisreichen Rechtsanwalt, der den Ton vorgibt.“ Mit Sicht auf die Armbanduhr entstand bei Wolfsberg Nervosität. Doch es war idiotisch, den Kopf in den Sand zu stecken. Hier gab es nur dieses eine zufällige Gespräch vorm Hoteleingang. Nuschelnd entfuhr ihm: „Danke nochmals für die Zeit. Die Sichtweise im Zusammenrücken der deutschen Mitbürger hinterlässt tiefe Bewunderung. Das klingt weitsichtig. Tut mir leid, aber ich verabschiede mich vorerst. Greifen wir die Herausforderungen auf.“

„Danke, ich wünsche einen erfolgreichen Tag.“ Jetzt erst bemerkte Wolfsberg Kopfbrummen. Die vermeintlichen Konzentrationsprobleme wischte er mit einer Geste weg. Hausbacken gesagt, es bestand keine Chance, die in Millisekunden auftretende Masse an Gedanken abzuschütteln. Einchecken, duschen, Platz einnehmen in der Lobby, Rotkäppchen Sekt trinken. In Geduld ausharren bis zum Eintreffen der Gefährten. Eine Stunde verblieb bis dahin. Im Moment wehte ein zutiefst besorgniserregender Wind. Sie mussten sich schnell formieren, um die eigene Ernte einzufahren. Ihr Handlungsbedarf hieß, den Anspruch auf Millionen Provisionen absichern. Das bedurfte einer Strategie, die einen Deal von ungeheurem Ausmaß zum Inhalt hatte. Packende Ungeduld schien ihn zu erdrücken. In der Schläfe pochte das Blut, die eine Ader sichtbar anschwellen ließ. Eine vertraute Stimme hämmerte im Kopf: „Denk nach“, lautete die Aufforderung. „Ach ja, der Ehrenkodex, Richtschnur des Handelns für eine funktionierende Geschäftsbeziehung mit geheimen Inhalten.“ Das zu begreifen, gelang ihm problemlos. Und er hatte gelernt, sich zu beherrschen. Makel mangels triftiger Gründe preiszugeben, geziemte sich nicht. Mit einer Ausnahme. Die gebührte Liesa, der Vertrauten im Hause und Gegenpol im erzkonservativen Haus des Vaters. Sie verkörperte mit ihrer jugendlichen Frische, dem Duft der Haut, dem ungezwungenen Lächeln im Gesicht, all das Positive, an dem er sich nach wie vor orientierte. Ohne ihre Hilfe gäbe es keine Vorlage zur Gründung einer Bruderschaft. Doch eines schien ihm verlässlich, das Konzept. Es schuf die Voraussetzungen, um den Status gleichberechtigter Partner zu garantieren. Insiderwissen ohne Einbeziehung der Gefährten käme Niemandem in den Sinn. „Erfolg kontra Untergang“, beides passte nicht sonderlich günstig zusammen. Die Feigheit an den Pranger zu stellen nährte sich zum Teil davon. Die peinigte ihn schon geraume Zeit, weil er die Frau in der Not dem Schicksal überließ. Schmerzlicher zeigte sich die unkalkulierbare Lust, die ihn immer mit dem Gedanken an sie in die Ecke der Perversität trieb. Tatenlos sah er zu, wie der eigene Vater das Mädchen sexuell missbrauchte. Der Geruch von Schweiß, erfolgter Penetration, die vernehmbare Wollust des Alten, schürten unvergleichlichen Hass. Die teuflische Untat des altersgebrechlichen Hausherrn brachte zunehmend erschreckende Einsichten. Wegzuschauen, gegenzuhalten korrespondierte nicht mit dem warum. Eigene Wege in Betracht zu ziehen, gestaltete das Leben auskömmlicher. In ebendiesem Moment erschuf das Unterbewusstsein eine passende, knallharte Provokation. Süßlich, zimtartiger Geruch stieg in der Nase auf. Ein verrücktes Gedankenspiel mit der wollüstigen Verzückung auf nackte Haut, mitten am lichterfüllten Tag. „Egal, wenn sie nur die Wartezeit verkürzt“, schoss es durch das Hirn. Die eine Stunde im Appartement zu überbrücken, kam wie gerufen. Die Trägheit bot den Augen das Phantombild von jener Frau, Liesa Giordano. Superklar, in aufsehenerregender Art und Weise trat sie hervor! Der Tagtraum gab im Sekundentakt ein weibliches Wesen frei. Dessen ungeachtet, keine Liesa. Die Gestalt legte den Blazer ab, den knielangen Rock, die trendigen Dessous. Eine machtvolle Intuition saß wie ein hämischer, Teufel im Ohr. Die Inspiration steigerte sich zur heftigen Gefühlswallung. Sie stachelte an, umgarnte ihn, schuf eine mühelose Projektion. „Gebiete über mich. Komm, betrachte meinen Körper, berühre die Haut.“

„Ja, ich fasse Dich an, sei mir gefügig.“ Die Hand suchte den rettenden Anker, fand hingegen keinen Ansatz, um sich festzuhalten. Der beachtenswerte Gedanke verwehte. Er hinterließ ihn schweißnass, erschöpft, mit erigiertem Glied. Urplötzlich verschwand der Spuk. Mit ihr die Leidenschaft. „Mist“, schnorrte es aus dem Mund. Mit hochrotem Kopf stand er auf, um das Bad zu betreten. Voller Entsetzen erblickte er ein fremdes Gesicht im Spiegel. Wut und Enttäuschung gewann die Oberhand. „Nein, das ist de facto unmöglich, das bin nicht ich.“ Wolfsberg haderte damit, das Wort Affäre in Verbindung mit Liesa auszusprechen. Das überließ er dem Lauf des Geschehens. So erschien ihm das nüchtern genug. Keine Leidenschaft oder intime Vertraulichkeiten mit Liebesschwüren. In Wirklichkeit berührte ihn das nicht. „Schade, Sex mit einer Gespielin, blieb heute eine Fehlanzeige!“

Nach einer halben Stunde verließ er das Luxus Appartement. Dieses um 1770 urkundlich erwähnte Haus vermochte ihm in aller erdenklichen Form Gefälligkeiten zu erweisen. Ein kurzer Augenaufschlag auf die Armbanduhr sagte ihm, dass die Geschäftspartner aus Bonn und Magdeburg jeden Augenblick eintrafen. Eine Art Aufbruchsstimmung, die meinte: „Bleib cool!“, ließ rasendes Feuer durch den Körper gleiten. Rasch las er auf der Ingersoll Herrenautomatikuhr die Zeit ab. Das meisterhafte Zusammenspiel von Funktionalität im dienlichen Design erzeugte eine eigentümliche Zeitlosigkeit. Genau das, was er sich im echten Leben wünschte. Nochmals dreißig Minuten später traten zwei Herren durch die Glastür der Eingangshalle.

Schnell zeigte sich, die Kluft zwischen Ost und West bestand nicht nur in den Dialekten der deutschen Sprache. Die Terminologie der Beschreibung von Erfolg fiel ausgesprochen unterschiedlich aus. Das traf vor allem auf Hubert Tauber, Umweltminister in Sachsen-Anhalt zu. „Klar, dem Minister wird es unter keinen Umständen rasch genug gelingen, das Image dieser Wurzeln abzulegen. Zu lange währte der Einfluss einer untergegangenen Lebensart“, versuchte der zweite Mann, Werner von Apitz, eine interne Einschätzung mit dem inneren Klabautermann. „Was ist das für ein Mensch? Ein geborener Ossi? Studiert?“ Nur dem unerkannten, privaten Teufel im Leib bot sich der verborgene Gefühlsausbruch verständlich. „Ich wette, der lag nach der Wiedervereinigung schon auf vielen Prostituierten.“ Auf jeden Fall spult sich in dem Mann etwas ab. Es schien so, dass er die Überlegung genoss, die Begegnung des vierschrötigen Ministers mit solch einem Weibsstück nachzuvollziehen. Wie üblich in derartigen Lebenslagen leckte er aufgeregt die Lippen. Das erzeugte infolge des abgesonderten Speichels darauf einen charakteristischen Glanz. Eine für ihn typische Verhaltensweise, die jeweils in dem Moment auftrat, wenn lüsterne Gedanken von ihm Besitz ergriffen. „Mit Verlaub, ich sehe einen wuchtigen Körperbau, nebst massiger Behaarung eines Affen. Mein Spaß, okay! Tauber wiederkehrend zum Leben zu erwecken, das gefiele mir ausgezeichnet“, brachte er den lautlosen Zwiespalt mit dem Widerpart im Kopf zum Abschluss. Das Gedankenkarussell brach ab.

„Wenn Sie erlauben, meine Herren.“ Von Apitz schnäuzte dabei in ein Tuch. Nach Luft schnappend erklärte er: „Sie gestatten? Ich habe Sie eingeladen und eröffne die Besprechung.“ Leuchtende Augen begleiteten das einstimmige Kopfnicken der Männerrunde. „Legen wir los! Unsere letzte Begegnung in Bonn verging wie im Fluge. Ein Schlenker sei von da erlaubt. Verzeihen Sie die Theatralik.“ Blicke trafen aufeinander, verzahnten sich erwartungsvoll. „Heute schreiben wir Geschichte. Meine Herren, Leipzig, das spricht für einen unvergesslichen Tag. Lassen Sie uns anstoßen. Auf das Wiedersehen, auf die gemeinsamen Interesse am industriellen Aufbruch! Auf reiche Belohnung für diese Mühen!“, betonte der Redner mit Inbrunst jede einzelne Silbe. Rotkäppchen Sekt benetzte die Lippen, berührte die Zunge, den Gaumen, hinterließ fühlbares Prickeln. Die hastigen Züge, Gier in den Augen hinterlegend, versprühten Euphorie. Die Gläser klangen eine Weile nach. Schweigen herrschte. Rechtsanwalt Wolfhard Wolfsberg ergriff das Wort. „Ich bin davon überzeugt, die letzten Gedanken des Bonner Gespräches haften nachhaltig in der Erinnerung. Wie vereinbart, unterbreite ich heute ein juristisch stichhaltiges Strategiepapier über unsere Zusammenarbeit.“ Er schaute den Bonner Beamten an, empfing dessen zustimmendes Kopfnicken und fuhr fort. „Es beinhaltet die Gründung einer Bruderschaft mit einem klaren Ziel. Mit der Unterschriftsleistung sind wir verschworene Gefährten an einer Sache und dieser treu bis in den Tod.“

„Ich fühle mich über alle Maßen gespannt“, rief von Apitz jetzt allerdings überspitzt aus. „Verpassen Sie uns da eine Lehrstunde? Bis in den Tod ist ein hehres Ziel. Aber von mir aus, so soll es sein!“ Die erwartete Euphorie blieb aus. Stattdessen registrierte er, wie der Rechtsanwalt einen Stapel Papier aus der ledernen Aktentasche entnahm. „Okay, meine Herren. Dann beginne ich mit der ersten Amtshandlung in diesem Team“, sagte er mit einem breiten Lächeln. „Bitte lesen! Meine Büroleiterin Liesa Giordano hat ein Original mit drei farbigen Kopien vorbereitet. Eine fehlerfreie Ausfertigung, denke ich. Jeder Teilnehmer erhält davon ein Exemplar.“ Betretenes Schweigen trat ein. Das Rascheln des Papiers verstummte augenblicklich. Werner von Apitz holte tiefschürfend Luft, um sie daraufhin pfeifend durch eine vordere Zahnlücke auszustoßen. Die Aufmerksamkeit galt ihm. Zwei Zuschauer hingen gebannt an den Lippen. Verwunderte Augenpaare beäugten einander. Das Material nötigte ihm eine Aussage ab, zwang buchstäblich zur Positionierung. Konzentriert sagte er: „Verzeihung. Sie seien besser vorgewarnt. In das Statement greife ich ein, weil mein einziger Vorbehalt darin besteht, mit vorbestimmten Zweifeln fortzuleben.“

„Okay, die fallen wie aus, Werner? Denn eines sei gesagt. Klappt das Engagement nicht, tragen wir eine unbestreitbare Mitschuld an den negativen Folgen. Ist das nun alles?“, griff Wolfhard Wolfsberg ein. Der verbürgte Überschwang ließ sich nicht verkneifen. Er mündete darin, klarzustellen, dass Konstellationen mit unbeständigem Ausgang zum Alltag gehören. „Gefährten, das scheint bombensicher, wie das Amen in der Kirche. Meiner Annahme nach passiert nicht mehr. Ja, das lässt mich entspannt schlafen. Wir reden schließlich über einen konkreten Vorgang.“ „Ja klar, über eine Mineralölraffinerie“, hob Hubert Tauber an. „Ich bin überzeugt, das funktioniert nur zu unserer Zufriedenheit, wenn wir an einem Strang ziehen.“, fügte er mit breitem Lächeln hinzu. „Die Zeit ist reif. Gehört mir für einen Moment das Wort?“ Eine Antwort wartete er nicht ab, sondern redete direkt drauflos. „Und es weckt meine Neugier als Landesminister wie auch die des Privatmannes.“ Üppiges Grinsen begleitete die Aussage. „Geben Sie her, Wolfhard“, sagte er und griff nach einem Durchschlag. Begierig jede Zeile aufsaugend hielt er mittendrin hielt inne. „Verdammt Kameraden, Angst bedrückt mich. Wir erklären den Menschen einer Industrieregion den Krieg! Anderweitig lässt sich das nicht formulieren.“ Die massige Figur von 2,03 Meter Körpergröße stieg aus dem Stuhlsessel empor. Die verzerrten Lippen gaben den fratzenhaft erscheinenden Gesichtszügen ein unverzeihliches Aussehen. Tauber erahnte das. Diese Art Mimik begleitete seit jeher kritische Momente im Leben. Das abzustellen, fiel ihm fürchterlich schwer. Urplötzlich wandelte sich die Mimik. Beinahe donnernd grollte der tiefe Bariton. „Ich stimme Ihnen zu. Unterm Strich drängen wir unliebsame Investoren in die Startlöcher zurück. Das ist der einzige Weg, um Freiräume für uns zu schaffen. Eine Bedingung stelle ich dennoch.“

„Legen Sie los“, von Apitz ermunterte ihn, den Gesprächsfaden aufzugreifen. Der ließ die Bemerkung allerdings irgendwie abprallen, sagte stattdessen: „Hören Sie. Erzielt meine Landesregierung in letzter Sekunde Einigung mit einem der Investoren, läuft das hier für mich aus.“ Mit hölzerner Höflichkeit wandte er das Gesicht den anderen zu. „Ansonsten sehe ich in dem Papier eine gemeinsame Verpflichtung mit Weitblick. Tadellos geschrieben, Herr Rechtsanwalt.“

„Wünschen Sie, dass ich den vollen Text vortrage?“

„Nein!“, kam es einstimmig zurück.

„Alles in allem bitte ich um ihre Unterschriften.“

„Gern, Kamerad Wolfhard. Es freut mich, dass wir nicht abwarten, bis irgendwelche Wogen sich ebnen. Den Bonner Amtskollegen versprach ich, rasch ein handlungsfähiges Team aufzustellen. Das Gefühl sagt mir heute, dass damit eine Karriereleiter zum Durchstarten einlädt.“ Lachend sah Tauber ihn an. Nicht doch. Sie sind ja kein Unheilsprophet. Leipzig empfängt Sie mit Charme. „Das ist nicht meine Sorge. Ich sehe hier ein Strategietreffen ablaufen. Das Ziel, die Konsolidierung unserer Bruderschaft. Das Konzept bedarf keinerlei Kurskorrektur. In der Waagschale liegen Ausgewogenheit plus Harmonie.“ Wolfsberg zückte dieweil einen Luxus Füllfederhalter von Cartier. „Das ist mein Lieblingsschreibwerkzeug. Der beste Wegbegleiter, verehrter Gefährte“, meinte er lakonisch in Richtung Tauber. „Teure Marke, die Sie da verwenden“ lautete die Rückantwort. „Lohnt das denn?“ Erstaunt ihn so angepisst zu erleben, stieg er auf den Ton ein. „Sie erwarten darauf garantiert keine ernsthaft befriedigende Antwort. Sagen Sie es, wenn ich mich täusche.“

„Nein! Eine kindische Frage, Entschuldigung! Reden wir über unsere Beziehung. Meine Überzeugung sagt mir, der mit Text vorliegende Ehrenkodex ist bestens geeignet, um ein Team zusammenzuschweißen.“

„Klar, ohne riesen öffentlichen Geschreis. Nicht umsonst haben wir Leipzig, die Stadt der Verhandlungsprofis, auserkoren. Wir erheben den Anspruch in der Bruderschaft, ehrenvollen Umgang miteinander zu pflegen. Heute fordern wir das Versprechen mit einer Unterschrift zum Zeichen der Verbrüderung ein. Verstöße ahnden wir mit dem Verlust der Zugehörigkeit. Verrat wird nicht toleriert.“

„Bitte, wie sieht das aus?“ Tauber zögerte. Die Hand erstarrte. Sie weigerte sich, die Unterschriftsleistung vorzunehmen. „Schauen Sie. Die allerkleinste Abweichung bricht uns das Genick. Niemand ist in der Lage, über kurz oder lang alles passend zu bewerkstelligen. Wer das behauptet, den nenne ich einen Idioten.“

„Das verlangt kein Mensch“, meldete sich Wolfsberg Zustimmung einheimsend. Indes, Tauber setzte den Redefluss fort. „Eine Frage, meine Herren. Wie stellen wir uns auf negative Begleitumstände ein? Im Endeffekt verbrennen wir das Potential einer Region.“

„Stopp Hubert. Sie vergessen, durch uns besteht die Chance, eine Dreckschleuder im Ökosystem zu beseitigen.“

„Was denn sonst. Wir sprechen vom sanften Auslöschen. Haargenau abgestimmt auf die Vision des Bundeskanzlers, der heute von blühenden Landschaften spricht.“

„Von mir aus. Das ist ein passabler Verkaufsansatz. Werner, haben Sie darauf eine Erwiderung parat?“

„Logisch“, kam es wie aus der Pistole geschossen zurück.

„Leider gibt es keine befriedigende Antwort, nicht sofort. Herr Minister, nein besser, geschätzter Kamerad Hubert. Sie haben die Frage gekonnter beantwortet. Ansonsten, was erwarten Sie von mir?“

„Erfüllen wir die Wünsche unseres Auftraggebers. Mehr gibt es nicht zu unternehmen. Wenn wir das hinkriegen, feiert die Geschichte ihre Helden. Den Herrn Bundesumweltminister beglückt es ohnehin, das Geiseltal von Umweltsünden zu befreien.“ Wolfsberg zog mit erhobener Hand die Bremse. „Bitte, lassen Sie mich die Ausführungen zu Ende bringen.“

„Klar“, schmollte Tauber. Doch er ließ ihm den Vortritt. Rigoros ergriff der Rechtsanwalt die Gesprächsinitiative. Tempo hineinbringen, auf Biegen und Brechen die Strategie der Bruderschaft in den Vordergrund schieben, entsprach voll der momentanen Situation. Der Fausthieb auf die Tischplatte kam für die beiden Teilnehmer unverhofft. Erschrockene Gesichter sahen ihn an.

„Sie Wahnsinnskerl“, hob der Bonner Beamte aufgescheucht wie ein Huhn an. „Von mir aus. Austoben ist erlaubt. Ängste drosseln nur eine ersprießliche Existenz. Die Bruderschaft verteilt keine Almosen. Gewinnmaximierung gehört zum obersten Gebot. Jeder verfügt über ausreichend Einfluss. Diesem Vorteil verdanken wir im Augenblick eine bedeutsame Erkenntnis.“

„Die führen Sie auf was zurück? Helfen Sie mir in den Sattel.“

„Ach, Sie erwarten von mir, den Weg zu bahnen? Sie schlaumachen? Wenn Sie mir Gehör schenkten, Kamerad Tauber, profitierten Sie längst davon.“

„Okay, pack ich`s denn in dem Sinne an. Etwaig bringt uns das dahin, ofenwarme Informationen zu erhalten. Trifft das ihr Einverständnis?“

„Ja, korrekt! Zuvor erlaube ich mir eine Frage. Beabsichtigen Sie, das Gespräch ernsthaft auf diesem Niveau weiterführen?“

„Sie lassen mir keine Wahl. Passen Sie auf. Ich sehe den Zwang nicht darin, hier jemandem irgendetwas zu beweisen. Die Chance, im Geiseltal was zu bewirken, zog ich zu relevanten Teilen aus einer Schreibtischlade. Ich bitte daher um eine Gutschrift. Betrachten Sie das von mir aus wie eine Geste unter Freunden, die ein Kriegsbeil begraben.“ Von Apitz lachte zufrieden auf, was nicht gekünstelt klang. „Okay. Sie sind ein Schlawiner. Aber damit lässt sich umgehen. Fahren wir fort. Aufgepasst! Unser Vorteil basiert auf der Hypothese, dass kein Investor die Absicht hegt, den Betrieb im Geiseltal zu kaufen.“

„Blödsinn, dutzende Unternehmen stehen Schlange. Sie konstruieren ein unglaubwürdiges Bild.“

„Nein, Hubert. Sie sind der Umweltminister des Landes, der diese Raffinerie verkaufsfähig gestaltet. Reden Sie das gefälligst nicht herunter. Aufmerksamkeitserregender ist da der Umgang mit der Angst zu den Folgen einer Verbindung zur deutschen Treuhandanstalt.“

„Wie begründen Sie das, Herr von Apitz?“ Tauber hatte ihn mit den Augen fixiert, um sofort nachzuhaken. „Werner, Sie verheimlichen brisante Sachverhalte, stimmt´s?“

„Nein. Wir tauschen im Moment Gedanken aus. Die Zusammenarbeit mit der Treuhand in Berlin begleitet unseren Disput. Da gab es eine Reihe unschöner Gewalttaten.“

„Sie sprechen von dem Mord am ersten Chef der Bundesbehörde“, ergänzte Wolfhard Wolfsberg ungefragt. „Ja, Kameraden. Das erfüllt mich mit Angst. Es ist zugleich Mahnung, mit diplomatischem Geschick Geschäfte zu tätigen. Dieser Ansporn führt uns zusammen, meine Herren. Ich gebe einen drauf. Nur couragierte Unternehmensberater sind hierzu in der Lage. Schauen sie in die Runde. Wir zum Beispiel. Was den Tod betrifft, der zählt seit Jahrtausenden zu den freudlosen Momenten im Leben.“

„Alles spricht dafür, Kamerad Werner“, hob Tauber mit grummeligem Bass an. „Die Faktenlage veranschaulicht, der Mythos eines geheimnisumwitterten Attentates prägt die Meinungsmache permanent. Uns führt ein hehres Ziel zusammen. Was mich dabei stört, spreche ich ohne Vorbehalte an.“

„Okay?“, fuhr Wolfsberg dazwischen.

„Keine coolen Wortgebilde mehr, reden Sie drauflos, bitte.“

„Danke, Hubert. Hören Sie aufmerksam zu. Denn heute, brauchen wir nur zuzugreifen, weil die Generallinie in Bonn festgeschrieben ist. Was stellen wir dem dagegen? Ein schreckliches Belauern, Abtasten. Ich empfehle, das hört sofort auf!“ Er schob die Hand nach vorn. Die Nase rümpfend, schnuppernd wie ein Kampfhund, wehrte er den Hauch an Gegenwind ab. „Erklären Sie, riechen wir hier Verrat?“

„Stopp, Hubert, lassen Sie mich ausreden. Politische Morde haben im Vergleich zu anderen Verbrechen Seltenheitswert.“

„Stimmt“, meinte Tauber erneut dazwischen redend. „Sie passieren eben. Wenn ich zurückblicke, verbreiteten Experten unterschiedliche Versionen davon.“

„Das klingt unwirklich, Kamerad.“

„Wieso. Ich hörte, dass im speziellen Fall namhafte Personen versuchten, den Tathergang mit einer Hinrichtung gleichzusetzen.“

„Dem gibt es nichts zuzusetzen, Wolfhard. Unstrittig scheint, dass die Straftäter aus den Reihen der Roten Armee Fraktion hervorgingen. In den Köpfen der Menschen lebte die unter dem Kürzel RAF. Der Name steht für eine linksextremistische, terroristische Vereinigung in der Bundesrepublik.“

„Ängste schüren gilt nicht, Herr Rechtsanwalt.“ Werner von Apitz wischte mit einer Hand Bedenken weg. „Kameraden, orakeln wir nicht. Ich fordere Konzentration ein. Die bitteschön, verlangt eine Orientierung an den demokratischen Standards der Verlässlichkeit der Bundesregierung. Richten Sie ihre Aufmerksamkeit auf die seit kurzem im Amt tätige Führungskraft an der Treuhandspitze.“

„Gern, erklären Sie, was ändert das?“

„Hubert, diese Frage ist unklug. Kommt es Ihnen nicht in den Sinn, aus der Ansage heraus zu puschen, statt zu kleckern?“

„Klar! Der Schwur, dem gebührt die Bühne, um unseren eigenen Anspruch auszudrücken.“

„Das gefällt mir. Wir bekommen das auf die Reihe.

Ihre Bedeutung, das heißt, wofür sie steht, trifft den Kern.“

„Was sonst Machtansprüche, Kameraden. Das ziemt sich ohne Frage.“ Zufrieden über den Beitrag nickte von Apitz. Die aufkeimende Rötung im Gesicht verschwand. Mit dem Glas Sekt in der Hand prostete er den beiden Geschäftspartnern zu. „Verehrte Gefährten, wir sind auf dem besten Weg, die Welt zu beherrschen.“ Die Baritonstimme des Magdeburgers tönte beruhigend dazwischen. „Hey, hey, langsam mit den Pferden. Belassen wir es mit den Aktivitäten zu Anfang auf eingeschränktem Fokus. Die Konzentration gebührt dem Landstrich Geiseltal in Mitteldeutschland. Haben Sie andere Ansprüche, Kameraden? Ich war bisher der Überzeugung, die Machtstellung, wie sie es darstellen, gehört in die Schublade des reinen Selbstzweckes. Bedeutungsvoller scheint mir, eine Erkenntnis festzuschreiben.“

„Bin gespannt, Herr Minister?“, ließ von Apitz verlauten. Der verzog den Mund, was ein gekünsteltes Lachen hervorbrachte. „Was schwirrt verdammt nochmal in ihren Köpfen herum.“ Nach Luft schnappend schob er hintendran: „Zu siegen, was sonst! Eine Amtsperson, eine Frau in Berlin, lebt uns das vor. Erstmals in der bundesdeutschen Hierarchie nimmt sie in federführender Regierungsverantwortung das Heft in der Hand. Jonglieren mit Milliarden Investitionen entpuppt sich wie ein kraftvolles Verkaufslabel.“

„Das stimmt durchaus. Bloß, wie passen wir uns dem an? Ich bin nicht der Meinung, dass die Präsidentin der Treuhand Geld verschenkt? Nein, eher nicht. Hingegen setzt die auf die Kreativität unserer Bruderschaft. Zumindest betrifft das den Verkaufsprozess der Mineralölraffinerie in Mitteldeutschland.“

„Sie sprechen von dem abgebaggerten Ort Lützkendorf im Geiseltal, korrekt?“

„Was sonst! Meiner Landesregierung obliegt die schwere Aufgabe, eine Entscheidung zu treffen.“

„Hubert, die ist doch längst getroffen. Wägen Sie ab. Viertausend Menschen in der Raffinerie gegen mehrere Zehntausend in Leuna.“

„Was erwarten Sie für eine Antwort, Werner?“

„Da bin ich mir hundertprozentig im Klaren.“

„So, ich höre“, sagte Tauber mit in Richtung zum Bonner Beamten hin pendelnden Kopf. „Ich erahne, dass sie nach dem Wort gieren.“

„Korrekt, danke, Hubert.“ Von Apitz sah zufrieden in die Runde. Aus vollem Hals hervorgeholt, erklärte er: „Mit Ehrgefühl verweise ich auf den Gefährten aus Hannover. Die Begründung erscheint dabei eingängig. Sie lautet aus meiner Sichtweise. Ein erfahrener Rechtsanwalt für Verwaltungs-und Umweltrecht vertritt die Gemeinschaft bei der Treuhand. Zur Erinnerung! Im Klartext reden wir über mehrere hundert Millionen Deutsche Mark, die auf Verwendung ausverharren. Der Staat steckt die unwiderruflich in das Aufpolieren des maroden Standortes im Geiseltal. Ob der damit verkaufsfähig ausreichend aufzupolieren ist, bleibt ein Geheimnis. Faktisch liegen keinerlei Ausschlussgründe vor, um die Geldmengen umzuleiten. Was zählt, ist Vertrauen in unsere Intelligenz.“

„Bewundernswert gesprochen, Werner. Da sind wir beim Kernthema. Diese Gemeinschaft hier verkörpert Jemanden, der für die Lauterkeit eines Geschäftes steht. Lassen sie sich von meiner Überzeugung leiten. Wenn Leuna mit den Franzosen erst auflebt, folgt der nächste Schritt. Milliarden kommen in Fluss.“ Aufgesetztes Lachen begleitete den letzten Satz des Ministers. „Ich sehe, Sie bleiben cool angesichts des gewaltigen Ausmaßes der Subventionen. Fügen wir uns ein, ziehen das durch“, nahm Tauber genussvoll eine umständliche Erklärung auf. „Kameraden, den Insidern gebührt die Rolle des Gestaltens. Das durchzuziehen, dafür sitzen die Vordenker hier am Tisch. Um das zu erreichen, schneiden wir faules Fleisch behutsam, unwiderruflich weg. Just in diesem Moment besteht der beste strategische Zeitpunkt, zukunftsweisend die Richtung zu bestimmen.“

„Eine ausgezeichnete Argumentation, Hubert.“

„Danke. Sie sind dran, Werner.“

„Mein Wort. Ich verspreche, mit Ihnen gemeinsam zum Wohlbehagen des Landes den Job zu verrichten.“ Von Apitz schniefte urplötzlich vor Anspannung. Die Finger beider Hände bildeten Fäuste. Scheinbar unterstützte das den Mythos des Feldherrn, des Siegers. Dem des Aasgeiers wäre angemessener. „Das echte Leben verleiht uns zukünftig den Status des Sanierers. Eine Rolle, die einen geschichtsträchtigen Verlauf verkörpert. Den Staffelstab dafür formen wir hier in Leipzig. Schieben wir ihn in die Region hinaus.“ Die Rückkoppelung aus der Runde ließ ihn augenblicklich verstummen. „Das haut mich um, da steckt gewaltig Pathos drin. Entschuldigung“, meinte der Magdeburger kurzangebunden. „Ich erkenne nicht klar genug, wie das heranwächst.“

„Verehrter Kamerad Hubert, wir liefern Lösungsansätze. Die Gemeinschaft schafft Platz für Bahnbrechendes. Warum agieren Sie so schwer? Wir verdienen daran, darum dreht sich letztendlich das ganze Spiel. Finden wir raus, wer das geeignetere Heft in der Hand behält. Wer bleibt, wer verliert, darüber entscheidet kein Zufall.“

„Klar, wie beim Schach, Wolfhard“, fuhr es Tauber aus dem Mund. „Die durchdachtere Strategie bringt den Sieg. Das bedarf des Führungsanspruchs, den die Gemeinschaft im Verkaufsprozess erhebt.“

„Sag ich ja. Genauso“, Hubert. „Ich bin die Vertrauensperson der Präsidentin der Treuhand. So prognostiziert es die Bruderschaft. Ihr liefere ich Lösungsansätze, die sie benötigt, um die Ausgaben der Behörde zu belegen. Wir bedienen uns der gigantischen Aufbaugelder für die Ölfabrik. Verlassen sie sich drauf, für diesen Job sprudeln mir Unmengen Ideen durch den Kopf“, meinte Wolfsberg ergänzend. Jetzt lag für den Moment Grabesstille in der Luft. Werner von Apitz hob erneut eine Hand, um Aufmerksamkeit einzufordern. „Gestatten sie mir, fortzufahren?“

„Foltern Sie uns nicht. Bitte kein Endlosreferat“, rief Tauber in bewährter Manier dazwischen. „Eine verdammt lobenswerte Einstellung nenn ich das, wie auf einem goldenen Tablett serviert. Ebendarum quillt mir die Zusicherung eines Versprechens entspannt über die Lippen.“

„Oh wie fingerfertig sie das lancieren, Werner. Da traf ich annähernd den passenden Ton.“

„Wenn Sie darauf bestehen, Hubert. Von mir aus! Ich leiste mir heute Gefühlsausbrüche im angemessenen Rahmen. Na von mir aus. Kommen sie, beurteilen sie das unverhohlene Grienen nach dem Grad der sichtbaren Begeisterung.“

„Dem stimme ich zu“, ergänzte Wolfsberg.

„Meine Wertschätzung ist ihnen garantiert, verehrter Kamerad. Indes bedenken sie, zu große Aufmerksamkeit schadet uns Dreien. Eines ist dagegen wie das Amen in der Kirche verbürgt. Für sie, genauso wie Hubert Tauber, bringe ich mit Lust Opfer.“

„Quatschen Sie nicht rum“, brummte der Magdeburger. Die Bariton Stimme erzeugte beim Gegenüber Erregung. Nachhaltig, wohlwollendes Prickeln mit Gänsehautgefühl legte sich auf die Haut. Von Apitz bemerkte das mit Zufriedenheit. Grinsend warf er gedanklich einen Stein obendrauf, der voll ins Schwarze traf. Was er zu sagen hatte, beanspruchte per se längere Redezeit. Umständlich holte er aus: „Unser Job ähnelt einem politischen Balanceakt. Zumindest gilt hier eine Ausnahme. Doch die erfordert, das Geschehen in der Hand zu behalten. Schauen sie, das Volk klatscht Beifall. Einige Bürgermeister im Geiseltal outen sich in der Person des entschlossenen Partners. Standorterhalt genießt Priorität. Geben wir ihnen das Gefühl engagierter Mitgestalter. Sie, Kamerad Wolfhard, verfügen über die allerbesten Voraussetzungen für eine angemessene Handlungsweise in der Zukunft. Die Bruderschaft sorgt dafür. Ich verbürge mich, dass die erforderlichen Leitfäden der Regierung in Warteposition stehen. Zweifel daran lassen wir nicht zu, niemals. Im gesamtdeutschen Maßstab steht die Mineralölraffinerie im Rang eines von vielen Projekten, die zum Verkauf anstehen. Erfolgsgarantien für Beschäftigung verlaufen da komplett im Sand.“ Die lange Rede verbrauchte nahezu alle Energiereserven. Er schniefte hörbar. „Mensch Werner, Gestalten bedeutet Gelassenheit. Kein Aufreiben, erst gar nicht die Selbstzerfleischung. Packen Sie´s mit Bedacht an. Wir stehen an ihrer Seite.“ Augenzwinkernd versuchte er, das zu bekräftigen. Für den Moment lag Grabesstille im Raum. „Irre gemeint, verehrter Kamerad. Verkleistern wir uns in dieser Hinsicht nicht die Augen? Der Job ist winzig, besser gesagt, banal.“

„Eh, kommen Sie runter vom Ross, Hubert.“

„Wolfhard, das bin ich schon längst. Ergo, was treibt uns an, wohin steuern wir das Schiff? Zusammengefasst lassen sie mich das wie folgt festhalten. Es gilt, die Verkaufsfähigkeit der Raffinerie zu managen. Darin liegt das grundlegende Geheimnis verborgen. Kameraden, mehr gibt es nicht zu sagen.“

„Ich stimme dem zu, Hubert. Die Debatte endet damit. Ein Entscheidungsprozess unter uns. Der wartet einzig auf eine Antwort. Entspricht das der Intuition der Gemeinschaft?“

„Ohne Frage. Alles andere kommt hintendran. Ich meine, bei mir in Magdeburg besteht der größte Erfolgszwang, den es je gab. Die Privatisierung erfordert den Beweis, dass die Menschen nicht umsonst auf die Straße gegangen sind. Über Geld brauchen wir an der Stelle nicht reden. Das sieht die Führungsriege in Bonn ebenso.“ Feixen umspülte den Mund. Siegestaumel verbreitete sich, ja, der kokettierte mit ihm. „Na okay. In Regie der Bruderschaft gilt es im Augenblick, ein Vermächtnis zu erfüllen.“

„Wolfhard, Sie sprechen vom Wunsch der Regierung, korrekt?“ „Was sonst?“, nickte Werner von Apitz im Hintergrund zur Bestätigung. „Wir lassen die Zeit für uns arbeiten. Ein Käufer herbeizuzaubern ist das Geringste“, meinte er verschmitzt lächelnd. „Wo mithin liegt da das Problem? Ich vertraue einem Umweltminister, der diese Blickrichtung befürwortet. Die Faktenlage spricht dafür. Ein geheimes Bündnis schweißt uns zusammen. Lachen Sie mich nicht aus. Die innere Stimme sagt mir, ein Glück, dass ich ihnen begegnet bin.“

„Meine verehrten Kameraden, bitte stellen wir alle Überlegungen um Fehlschläge, einschließlich des Gedankens von Verrat in den Hintergrund. Erst Einigkeit gibt uns Stärke. Das Ziel heißt, nach vorn schauen mit positiven Denkweisen. Richten wir diesen einen Weg daraus aus.“

„Ausgezeichnet gesprochen Herr Minister Hubert.“

Wolfsberg ergänzte das mit glühender Gesichtshaut. Unmittelbar sah er zu ihm auf. Er registrierte, wie der die Ohren spitzte, weil er sagte: „Kommt es irgendeinmal dick, führt Verrat zur Einbuße der Persönlichkeitsrechte. Egal, wen es von uns Dreien betrifft. Es bedeutet mitnichten, die Totenglocken einzuläuten.“

„Hey Wolfhard, Sie haben es drauf, Spannung zu erzeugen.“

Der Magdeburger schob dabei das Gesäß aufgewühlt über die Sitzfläche des Stuhls. Seine Aufregung versteckte er nicht. Die kam überzeugend rüber. „Sie haben mich breitgeschlagen, verehrte Kameraden. Mein Vorschlag, stellen wir solche Themen in eine Zukunftsecke. Die Konzentration gehört vornehmlich den Bündnispflichten.“

Unvorhergesehen hob er den Kopf zu einem Rundblick. Dabei registrierte er den Glanz durchdringender, grasgrüner Pupillen des Rechtsanwaltes. Im gleichen Moment hinterließ die punktförmige Spitze des aus massivem Gold gearbeiteten Füllfederhalters geräuschlos den Namen Hubert Tauber. „Geschafft, brachte er lakonisch hervor. Was kommt nachfolgend?“ Erstaunen traf ihn. Unvorbereitet rutschte ihm über die Lippen. „Eines liegt mir am Herzen.“ Wortloses Kopfnicken erteilte ihm die Erlaubnis, Stellung zu beziehen. „Beeilung, verehrter Kamerad. Sagen Sie, ist eine Frage erlaubt?“

„Ja bitte, wenn Sie Hilfe aus Bonn brauchen, gern.“

„Klar, sonst käme ich niemals auf die Idee nachzuhaken.“

„Ergo existiert ein Problem. Das verlangt Antwort darüber, ob respektable, alternative Lösungen parat liegen? Das ist wahr. Das Karussell erfasst tausende Beschäftigte in der Raffinerie im Geiseltal.“ Räuspernd fand die belegte Stimme ihre Form. „Ja, das stimmt! Achtung, Barmherzigkeit steht uns nicht! Langfristig zum Niedergang Verurteiltes am Leben zu erhalten, entspricht nicht im Mindesten den Zielen der Bruderschaft. Das gehört zu den Aufgaben der Landespolitik. Was feststeht, sage ich unmissverständlich. Bruder Wolfhard übernimmt den Posten des Beraters der Treuhand in Berlin. In dieser Position nimmt er die Chance wahr, eine herausragende Rolle spielen.“

„Oha, das erschlägt mich ja gleich. Zuviel vorauseilendes Lob.“

Der Kopf schwankte müde von der endlosen Diskussion. „Ihnen ist klar, dass ich eine Weile brauche, um bestmögliche Wege zu beschreiten. Mein Verständnis für Technik zählt nicht zu den Lebensweisheiten. Ich versichere bei allem, was ich vergöttere. Umweltschutz und Wirtschaftlichkeit sind Sachverhalte, auf die sich die Kanzlei versteht. Das sind die eigentlichen Geldbringer. Entschlossenes Personal hilft mir im Hintergrund bei der Ausführung.“ Hubert Tauber rutschte derweil genervt auf dem Stuhl herum. „Bombastisch, Wolfhard, das überzeugt. Sie brauchen das nicht auswalzen. Jeder von uns trägt zum Gelingen der Privatisierung bei.“

„Und bitte, auf die Gefahr hin, Sätze zu wiederholen, eine Vorwarnung“, entgegnete jetzt Werner von Apitz. „Das ganze Spiel dreht sich um ihre Person, Wolfhard. Aus meiner Sicht besitzen wir mit ihnen einen glänzenden Fachmann. Der Teufelskreis ist zerbrochen. Ehrbegierige Fachleute planen einen Deal. Verdammt, dieses Hochgefühl sucht seinesgleichen. Ich rieche die Seelenverwandtschaft, den Duft der Millionen, die sie für uns festzurren. Alles verläuft stimmig. Ein treffender Ansatz, um in der Raffinerie vorzusprechen. Das zwingt mich, einen Trinkspruch anzubringen. Bitte erteilen Sie mir dafür das Vorrecht.“

Tauber registrierte die Bemerkung kopfnickend. Dass er die Diskussion belustigend fand, bedurfte keiner Erklärung. „Auf unsere Gemeinschaft, den Brüdern, den Gestaltern, den Traumdeutern mit Gespür für ausgezeichnete Renditen.“ Von Apitz hob das Glas. „Prost, verehrte Kameraden.“ Er kippte den Single Malt Whisky in einem Zug die Kehle hinunter. Urplötzlich zog ein Ruck durch den Körper. Die eingesogene Luft ließ den Brustkorb anschwellen. „Ich beneide Sie für diese Position an vorderster Front. Die treffenden Vorbereitungen erlauben keine Fehler. Freund Wolfhard, Sie haben eine scharfe Zunge, gebrauchen Sie das hochwertige Stück.“

„Wie meinen Sie das“, fiel Tauber ihm ins Wort. „Wieso, bedarf das einer Erklärung? Ich bin der Ansicht, Sie werfen gleich schlüssige Argumente ins Spiel, Werner.“

„Ja! Spricht was dagegen? Was mich mit Ehrgefühl erfüllt, das teile ich gern mit ihnen! Ergo, unser Zusammentreffen gilt einem Versprechen, das in Bonner Ministerien einen Anfang fand. Greifen wir die gewaltige Arbeit auf. Das heißt, wir genießen das Angenehme, übertragen Regierungsverantwortung auf den Level, den man auf dieser Ebene erwartet.“

„Trinken wir auf unseren Freund. Wir haben Sie ausgewählt Wolfhard, weil Sie für das Team hier Auge, Ohr und Stimme sind. Bitte seien Sie gnädig. Wir bejubeln Sie heute im Status des Wohltäters für den Mut, den der Investor Wolfsberg aufbringt.“ Er hielt kurz inne, schaute sich um.

„Moment, verehrte Gefährten. Wie zu erwarten, stoßen wir übermorgen gegebenenfalls auf einen Totengräber an. Wolfhard, ich beneide Sie in der Doppelfunktion. Prost!“ Sie tranken den doppelten Single Malt wieder mit einem langen Zug aus. Der Schnaps rann die Kehle hinunter. Er verursachte ein sanftes Brennen, das in wohliger Wärme endete. Ansporn für von Apitz, einen Aufruf zu kreieren. Kameraden, voller Ungeduld stelle ich mir vor, wie dieses Team Talente freisetzt. Der Kurs heißt Offensive! Die Unterschriften haben wir geleistet. Jeder Bruder erhält eine Kopie davon.“

„Ja, das haben wir erledigt.“ Wolfsberg agierte hellwach. Erklärend fuhr er von daher fort. „Das Original mit dem Siegel der Bruderschaft hinterlege ich bei einem befreundeten Notar in Hannover. Der Lage angepasst verweise ich auf die Gestaltung des Siegeleintrags. Schauen sie bitte! Das Stück Metall erfüllt nur einen Zweck. Es hinterlässt eine Signatur in einer Siegelmasse, ein Stopp für unberechtigten Zugang. Ich entschied mich der historischen Bedeutung wegen, für massives Gold, 24 Karat.“ Wolfsberg förderte den kleinformatigen Stempel inklusive Probesiegel aus der Innentasche des Jacketts zu Tage. Ein Raunen zog durch die Luft. „Verdammt, ein Wolfskopf“, bemerkte Tauber zuerst. Das platzte ohne Vorwarnung aus ihm heraus. Der Rechtsanwalt ließ ihn schmunzelnd gewähren. „Ja, einen Wolf. Unser Symbol für Ausdauer, Schutzbedürfnis und zerstörerischer Kraft.“ Das kam gemach über die Lippen. „Haben Sie eine bessere Idee?“

„Nein! Mir gefällt das, Herr Doktor Wolfsberg. Passabel umgesetzt, meine ich“, fuhr Werner von Apitz dazwischen. „Prächtig abgewickelt, lupenrein gearbeitet, das Stück Gold. Ein passender Einstieg in Ihren Job.“

„Danke! Das gab es nicht zum Sparkurs.“ Die Gefährten sprudelten lauthals los. „Ha, ha, ha, sie, ein Pfennigfuchser? Das ich nicht lache“, brummte der Magdeburger mit volltönendem Bass los. „Vertrauen wir besser der Kraft der Symbolik, die von dem Wolf ausgeht.“

„Dem stimme ich zu, verehrter Freund“, ergänzte von Apitz den Gedanken. „Doch eines befremdet mich.“

„So, was denn. Raus mit der Sprache.“

„Sie kurbeln da an der Ungeduld des Landesministers.“

„Quatschen Sie nicht blöd, Hubert. Warum sitzen wir hier an einem Tisch? Uns fehlt neben dem goldenen Stempel eine Person, der den auf die entscheidenden Papiere drückt. Ein talentierter und absolut verschwiegener Organisator.“

„Korrekt, Werner.“ Zugleich mit dieser Aussage lehnte von Apitz den Körper ausladend nach vorn. Damit forderte er demonstrativ Zuhörerschaft ein. Der Rechtsanwalt kam ihm zuvor. „Ich fasse da eine langjährige Vertraute ins Auge. Sie heißt Liesa Giordano, Deutsche mit italienischen Wurzeln.“

„Ein Weibsbild aus Ihrem Büro? Das ist der dämlichste Vorschlag, den ich heute höre. Einspruch, dem Gedanken gebe ich kein grünes Licht“, fiel ihm Tauber ins Wort. „Überdenken Sie die Anmerkung. Die Kameradschaft steht in der Pflicht, ihr Geschäftsleben eigenständig zu organisieren.“ „Hubert, darum dreht sich alles. Sie sind ein Kopfarbeiter, ein Verstandesmensch. Was treibt sie zu solcherart Überlegungen? Bitte erklären sie sich. Die Dame kenne ich seit Jahrzehnten. Sie genießt mein uneingeschränktes Vertrauen. Expertenwissen im Büromanagement brauchen wir zwangsläufig. Für ihre Verschwiegenheit bürge ich. Eine Idealbesetzung zum Besten des Teams, kann ich nur feststellen.“ Abrupt brach er ab. Tauber ließ sich die Gelegenheit nicht entgehen. Grinsend nahm er das Wort. „Okay, Wolfhard. Ich besitze nicht die Absicht, mich ausschweifend zu äußern. Nicht in diesem Augenblick.“ Von Apitz lachte dröhnend auf. „Entschuldigung, für den Einwurf. Hubert, wer pinkelt Sie da gradewegs an? Woher kommt die Abneigung? Meinen sie, Frau Giordano lenkt uns vom Job ab? Nein, das entspricht nicht ihrem Stil. Gönnen wir dem Rechtsanwalt einen Spaß. Außerdem zählt hier maßgeblich das beruhigende Gefühl, eine verlässliche Person an der Seite zu haben. Das ermöglicht, Termine in vertrauten Händen zu wissen. Voll im Interesse der Anwesenden.“ Bei der Ansprache senkte er den Kopf. Sichtbar in Erklärungsnot schenkte der Magdeburger den restlichen Wein in die Gläser. Mit hochroter Gesichtshaut sagte er monoton: „Prost! Ich bin leider auf einem irrigen Weg vorgeprescht. Scheint so, mich entschuldigen zu müssen.“

„Korrekt Hubert. Aber, hmm, Strich drunter.

Wir erzielten soeben Einigkeit, hakte der Rechtsanwalt nach. Ich fahre fort, ist das okay?“

„Ja, Wolfhard, erledigen Sie das wie vorgeschlagen. Eins begreife ich. Lege dich niemals mit einem Anwalt an.“ Joviales Gefeixte erfüllte die Luft. Ohne nachzufragen, winkte Tauber den Kellner herbei. „Single Malt! Pur!“ Diese Tonlage wirkte herabwürdigend. Sie verstieß gegen den gutherzigen Stil, dessen sie sich bisher rühmten. Die Bedienung reagierte darauf entspannt. Drei Minuten später stand der Whisky auf dem Tisch. Sie tranken wortlos.

„Ergo“, hob Wolfsberg an. „Der winzige Disput soeben schafft Erklärungszwang.“

„Nein, Wolfhard, dafür gibt es keinerlei Beweggründe. Vergessen sie meine Aussagen. Ich schäme mich wegen der mangelnden Professionalität. Ein Minister kommt nicht umhin, Äußerungen im Griff zu haben.“

„Akzeptiert, Hubert. Geben sie mir eine Minute zur Erklärung, sie haben ein Anrecht darauf.“

„Wenn Sie drauf bestehen, Wolfhard, bitte.“

„Für Sie zur Information! Diese Dame kenne ich bald ein Leben lang. Sie verkörpert die Seele der Kanzlei in Hannover. Ihr bin ich etwas schuldig. Sie müssen wissen, nur ihrem unermüdlichen Plädoyer verdanke ich den Schritt in den Osten. Fortschritt durch Wachstum, damit hat sie mich begeistert. Gott sei Dank. Sie genoss das ausgesprochene Wohlwollen meines verstorbenen Herrn Vaters. Gewisserweise steuert sie unser Schiff mit. Durch Inspiration, wohlweislich, die sich positiv auf mich Person auswirkt. Ich sehe in ihr sprichwörtlich den rettenden Anker, der mir in dem riesenhaften Anwesen in Wahlberg Halt bietet und Grenzen aufzeigt.“

„Klar, in diesem Augenblick sprechen Sie eine durchschaubare Sprache. Damit lässt sich was anfangen“, plärrte Tauber mit dröhnend verdrießlichem Ton los. „Mensch Wolfhard, da schwingen ja kraftvolle Emotionen mit. Sie, ein Gefühlsmensch? Unvorstellbar! Na von mir aus. Sie wissen, was zu erledigen ist.“ Von Apitz hustete. Eine Hand klopfte wie zur Beruhigung auf die Schulter. Im gleichen Augenblick fiel er mit Tauber zusammen in dröhnendes Gelächter ein. „Entschuldigung, Kamerad, durchgegangene Pferde besänftigt man am besten mit einem Leckerli. Schaden verursachen diese Emotionen bei keinem Schwanz.“

„Moment, Werner, fleischlicher Hintergrund existiert nicht.“

„Nein. Das passt. Ich beziehe mich auf eine Absprache.

Hier basiert alles auf rein sachlicher Schwingungsebene. Den Gefährten Wolfsberg verstehe ich“, meinte Tauber, in den Disput eingreifend. „Sie sind ein bequemer Mensch, Wolfhard, soweit die Vorbehalte. Zum wiederholten Mal sage ich okay, denn solange sie genügsam bleiben, ist das stimmig. Was sie mit ihr auf dem Level anstellen, ist nicht mein Bier.

Ob Affäre oder nicht, ich rede selbständig mit ihr.“

„Kein Problem, Verehrtester. Um eines bitte ich Sie. Liesa ist ein bemerkenswertes Weibsbild mit Stil. Anmache verüble ich Ihnen. Klar?“

„Verflixt, Sie rühren mich zu Tränen. Von mir aus schnüren Sie ihr Wunschpaket, Wolfhard.“

„Sofort, wenn Sie das so vehement befürworten.“

„Warum nicht. Sonst stünde ihr Meister wie ein Lügner da.“

„Oh, drohen Sie mir, Hubert?“

„Tja, eine Winzigkeit. Vergessen sie niemals. Niemand kommt gefährlicher daher, wie Evastöchter mit Zugang zu Interna.“

„Hegen Sie Zweifel? Bitte sprechen Sie es aus. Entscheidend für mich ist der hohe Grad an Vertrautheit, den ich gegenüber meiner Assistentin empfinde. Mit Verlaub, ich bin gesonnen, die Berufung zur Geheimschutzbeauftragten vorzunehmen. Mit allem Drumherum. Prüfen wir ihre Belastbarkeit. Zuerst übertrage ich ihr den Auftrag, das gesamte Material über sensible Forschungsergebnisse, Rezepturen, Zertifikaten und, und, und, zu erfassen. Geheimschutz erhält eine weitaus höhere Bedeutung wie zu Ostzeiten. Liesa ist der Typus Mensch, der das akribisch umsetzt. Sorgen sind unangebracht, Kamerad Tauber.“ Reden wir nicht an den Tatsachen vorbei. „Aber das klingt vielsagend, Wolfhard! Ich überlege im Moment, ob sie dem Minister ebenfalls Aufgaben zuteilen.“

„Ja, sonst bräuchten wir ihn nicht. Meine Gedanken kursieren darum, ihn wie einen Freund zu betrachten, dem ich das Leben verdanke. Fragen sie, was er mir bedeutet. Ich sage, wer er ist.“

„Oh, hallo! Jemand, der mir reinen Wein einschenkt, ist willkommen, brummte Tauber dazwischen.“

„Von mir aus lasse ich das gelten. Das hat die richtige Power für eine taugliche Erklärung.“

„Verzeihung! Das befriedigt Sie? Sie geben auf?“

„Nein, Wolfhard. Setzen wir die Entscheidung bitte aus.“

„Nicht, bevor heute Abend Einigkeit vorliegt. Dieser Chance gehört oberste Priorität.

Ach kommen Sie, Tauber, Werner, eine Wahl haben Sie lange vorher getroffen.“

„Zugegeben, Verehrtester, sonst verleugnen wir uns“, erklärte er beschwichtigend, was die angespannte Stimmung entlud. „Eines beschäftigt mich brennend.“

„Ja bitte! Ich helfe löschen“, fiel Wolfsberg ihm ins Wort.

„Keinen Argwohn, Herr Rechtsanwalt, das spricht für Sie. Geben wir ihrer hinreißenden Vertrauten das Okay der Bruderschaft.“ Die unvorteilhaft, von jetzt sichtbaren Fältchen geprägte Gesichtshaut spannte sich. Das Gesicht verharrte in einem süffisanten Lächeln. „Oha, horchet auf! Erwägen sie das nicht“, bleckte Wolfsberg knurrend die Zähne. „Sehen sie den Wolf, Werner, Hubert? Der zerreißt sie in Stücke, wenn mir tätliche Angriffe auf Frau Giordano zu Ohren kommen.“

„Oh Teufel nochmal, das ist ja hochspannend. Genial, wie sie das weibliche Geschlecht verteidigen.“

„Ich betrachte das wie ein Kompliment“, hob Wolfsberg an. „Obwohl, es gibt keine Bettgeschichten zu begaffen, mehr platonische Zuneigung. Gewöhnungsbedürftig, was?“

„Sie meinen die Doppelfunktion?“

„Ja, nein, beides, wenn’s beliebt.“

„Wann, Verehrtester, lernen wir ihren Schatz kennen?“

„Rechtzeitig, Hubert. Ich leite davon ab, mit ihr die allerbeste Entscheidung getroffen zu haben. Korrekt?“

„Schluss, Wolfhard, hören Sie auf. Keine Rechtfertigung mehr. Akzeptiert! Ihr Wort ist uns Verpflichtung. Vorschlag! Fahren wir im Text fort. Ergo, meine Herren. Wir haben es wahrlich geschafft, uns zu formieren.“ Er setzte ein besinnliches Lächeln auf. „Ja, das ergibt einen Sinn. Imposant! Ich finde Gefallen daran.“ Wolfsberg sah den Oberministerialrat direkt an. „Keine Frage, wir haben gemeinsam Ängste ausgestanden.“ Eine kurze Sprechpause entstand. Stumm wie ein Fisch saßen sie am Tisch. Im Kopf des Rechtsanwalts gab es für den Moment Zweifel. „Bestünde die Gefahr, dass Hubert Tauber die Grenzen für ihre Sache überschreitet? Sitzt hier ein etwaiger Wackelkandidat, ein Gefährder für das erklärte Ziel?“ Wolfsberg griff nach der Ehrenerklärung. Das brachte ihm Missfallen ein, was er geschickt wegsteckte.

„Verehrte Kameraden, es gibt genügend Gründe, um heute einen Sieg zu feiern. Einer gebührt dem Umstand, dass einmütige Interessen diesen Zusammenschluss ermöglichten. Davon träumte ich in der Vergangenheit oft.“ Von Apitz durchlebte urplötzlich ein krankhaftes Omen. Angst schien die Luft zu verpesten. Sekundenlang sah es aus, dass Wolfsberg ihr nichtiges Geheimnis preisgab. Der Quell dafür lag einzig bei ihm. Die Sondierungsgespräche zur Abfassung der Ehrenerklärung fanden im Vorfeld ohne Einbeziehung von Tauber statt. Ein Fehler, der dahin führt, Vertrauen zu zerstören. „Marschierte hier jemand gegen den Strich?“ Die Sorge verflog im Handumdrehen. Erleichterung überkam ihn. Ihr Zusammentreffen zeigte Wirkung. „Bemerkenswert, herausragend!“ Was er nicht auszusprechen vermochte, drehte sich um Details der geheimen Order des Chefs, dem Bundesumweltminister. Die Unterredung vor Wochen klang lange nach. „Verfügen Sie über belastbare Beziehungen im Osten, Herr Oberministerialrat?“ Eine bescheuerte, amateurhafte Frage, weil die das Blut unnötig in Wallung brachte. Egal, das Gespräch verlief insgesamt aufschlussreich. Erwartungsgemäß endete die Fragestunde in einem Befehl. „Hören Sie mir zu!“ Mehr brauchte es nicht, um die Aufmerksamkeit des Beamten von Apitz zu schüren. Der hatte ab sofort freie Hand, um dem Vorgesetzten Lösungen auf den Tisch zu legen. Das absolute Tabu hieß, eine Bauchlandung hinzulegen. Das zu verhindern gehörte zur Kunstfertigkeit, die der Oberministerialrat bestens beherrschte. Die Realität zeigte sich nüchtern, stocktrocken, brutal. Der Beamte erinnerte sich an das Gespräch beim Chef. „Herr von Apitz, ich beabsichtige, einen politisch brisanten Auftrag zu platzieren. Sie sind der Mann, der einen ehrbaren Job ausführt. Danken sie der Frau Präsidenten in Berlin. Sie sagte mir, ihre Familie zu kennen. Sind sie mit ihr nicht sogar freundschaftlich verbunden?“ Die Antwort blieb ihm im Hals stecken, weil der Minister schon Schritte vorauseilte. „Achten sie darauf, keinerlei Fantastereien zuzulassen. Beschönigen sie auf keinen Fall den Fortschritt zum Stand der Privatisierung der Schmierölfabrik. Es liegt in ihrem Ermessen, den Standort umzubauen. Wickeln sie den Verkaufsprozess ordentlich ab. Eines zur Komplettierung ihrer Gedanken. Sie packen das nicht ohne Schmerzen. Irreparable Verletzungen der Menschen lassen sich nicht heilen. Hören sie. Ich brauche nur Leuna! Die Franzosen, sie kennen ja das Nötigste an der Geschichte. Von Apitz fabrizieren sie kein Geiseltal mit einer unbedeutenden, kostenintensiven Raffinerie. Gehirnschmalz dafür zu verwenden lohnt nicht. Drängen sie die Russen aus dem Feld! Reden sie mit den Entscheidern der Anstalt zur treuhänderischen Verwaltung des DDR-Vermögens. Verstanden?“

„Ja, danke, Herr Minister“, schien eher eine heuchlerische, doppelzüngige Antwort. Die Order steckte ihm in den Knochen. Die Vorstellung von Verbrüderung mit dem Chef endete klaglos. Der Triumph verflog rasant, trotz alledem, dass die Faktenlage im Deal um ein gemeinsames politisches Anliegen sie vereinte. Werkzeuge sind immer ersetzbar. Von Apitz begriff im Nu die enorme Verantwortung, die den Drall hatte, Last auf der eigenen Schulter auszuüben. Das im Alleingang zu bewältigen, verflüchtigte sich. Unter dieser Konstellation entstand der Kontakt mit dem Anwalt Doktor Wolfhard Wolfsberg. Ein Glücksfall. Im Moment beschnüffelten sich die Herren. Der Versuch, gemeinsame Ansätze für Geschäfte im Osten der Republik zu finden war vielversprechend. Kurze Zeit später tauschten sie das Restaurant mit der Bar. Auf dem Weg dahin sprach er den Rechtsanwalt an.

„Ich erlaube mir anzumerken, Wolfhard, dass erfreuliche Neuigkeiten anstehen. Interessiert?“

„Verehrtester, bitte, wovon sprechen Sie?“

„Na, was übertrifft den Abend? Ein Essen in Ihrer Gesellschaft, das vermag keiner zu toppen!“

„Wenn Sie das für angebracht erachten, Herr von Apitz? Okay, damit lässt sich leben.“

„Da stimmen wir überein. Eine Überraschung wartet auf Sie. Wir besprechen das bei späterer Gelegenheit. Vorab, die Universitäten in Halle sowohl Leipzig brauchen dringend einen erfahrenen Dozenten für Umweltrecht. Meine Empfehlung baut auf Ihrer Leidenschaft. Ich hoffe, der Euphorie keinen negativen Auftrieb beschieden zu haben?“

„Oh, Sie sehen Ihren Kameraden verblüfft dastehen, Werner?“

„Ja, das rauscht mit durch den Kopf. Mir ist bewusst, die Lehrkörper genießen einen tadellosen Ruf.“

„Sagt man, Verehrtester. Das zu kommentieren lohnt sich nicht. Jeder halbwegs verständige Politiker weiß, dass in der heutigen Zeit die Existenz der Lehranstalten von fähigen Lehrkräften abhängt. Mit dem Schwerpunkt, in gesamtdeutscher Dimension zu lehren.“

„Oh hört nur, der Patriot in ihnen meldet sich zu Wort.“ Im gleichen Moment erschauerte Wolfsberg von einer Hitzewallung, die den Körper komplex erfasste. „Glückstreffer, Glückstreffer, Glückstreffer! Manche Sachen braucht man nicht bis zum Ende verfolgen, um mitzubekommen, wie sie ausgehen.“ Gedämpft meinte er wie in Trance: „Hören Sie Werner, in uns Dreien vereint sich die beste Garantie, Machtansprüche zu wahren.“

„Na auf jeden Fall. Diese Aussage trage ich mit. Erklären Sie damit, worin das Geheimnis besteht, Verehrtester?“ Wolfsberg sprach wie durch eine Nebelwand. „Sparen sie die Lobhuldigungen auf. Fahren Sie vor Ort, um die Luft der Raffinerie zu schnuppern.“

„Eine ausgezeichnete Idee. Bei dieser Gelegenheit, mein Ministerium stärkt ihnen den Rücken. Das heißt, auf den Honorarprofessor stoßen wir im kommenden Jahr an! Zufrieden?“ Darauf zu antworten, erschien unmöglich, denn von Apitz beanspruchte Redezeit für sich. „Sie finden sich in zwei Tagen bei der Chefin der Treuhandanstalt in Berlin ein. Kamerad Hubert erhält das morgen ebenfalls schriftlich per Kurier.“ Der hörte mit verringertem Interesse hin. Weil hier der eigene Name fiel, sah er die beiden erstaunt an. „Benötigen sie Hilfe?“

„Oh nein, da besteht keine Notwendigkeit. Ich bin der Meinung, dass ihr Sekretariat sie über den Termin alsbald in Kenntnis setzt.“

„Bitte, wovon sprechen Sie?“

„Oh, ich bin der Annahme, das ist längst erledigt. Bleiben sie cool. Sie verpassen nicht das Mindeste. Die Einladung zur Treuhand, darum dreht sich das Gespräch. Unser geschätzter Doktor reist in zwei Tagen nach Berlin.“

„Ach! Wieso haben Sie das vorhin nicht angesprochen?“

„Tja, gedankenlos von mir! Das rutschte mir durch. Problem damit?“

„Nein, Sie verfügen über den Kontakt. Das passt.“

„Hubert, ich hatte nicht die Absicht, Sie zu beleidigen.“

„Klar, dafür gibt es keinen Grund. Ihr Talente bezüglich interner Regelungen kenne ich.“

„Riecht das nach Streit?“

„Keineswegs, Werner. Ich lege indes Wert darauf, wenn Sie mich in Interna rechtzeitig einbeziehen.“

„Merk ich mir, gebongt. Jetzt lassen Sie uns einen trinken.“ In der Bar glänzte der Regierungsbeamte nochmals mit organisatorischem Geschick. Der Teufel in ihm erzeugte eine wahnwitzige Selbstdarstellung. Zielgerichtet steuerte er auf den reservierten Tisch zu. In Oberkellner Manier sagte er: „Ihre reservierten Sitzplätze. Darf ich behilflich sein?“ Nichts passierte. Außer dem redlichen Bemühen des Pianisten. Wolfsberg erkannte undeutlich das Signum des deutschen Markenherstellers C. Bechstein. Dem Augenschein nach fehlte dem Musiker die Übung. Tauber brach zuerst das Schweigen. „Keine Ahnung, Kameraden wie sie das empfinden, mir blockiert das Geklimper die Nervenbahnen.“ Die Geringschätzung in den Worten blieb ohne Reaktion. Die beiden anderen Herren sahen darin nicht im Entferntesten einen solchen Anstoß. „Bevor der Kellner kommt ein Vorschlag“, hob Tauber an. „Ich schlage ich vor, den Abend dem Whisky zu frönen. Passt Ihnen das?“ Für Wolfsberg fiel die Entgegnung tolerierbar aus. „Abgemacht. Bestellen wir, meine Kehle verlangt nach Hochprozentigem.“ Die Polsterung der Sitzfläche unter ihm gab auf einmal knarrende Geräusche von sich, weil er den Körper auf die vordere Sitzkante schob. Kurzes Schweigen trat ein. Kopfnicken verhieß Einvernehmen. Minuten später stießen sie mit bis zum Eichstrich gefüllten Gläsern an. „Kameraden, mir scheint, ich bin der Dienstälteste hier am Tisch.“ Da kein Kommentar sich einstellte, galt das für von Apitz gleich einer Beipflichtung. Ohne den Kopf aufzurichten meinte er: „Es liegt auf der Hand, unsere Bruderschaft vereint unschätzbares Faktenwissen. Ich hoffe, sie schenken mir volles Gehör für einen Vorschlag.“ Tauber griente erneut verhalten. Er richtete den massigen Körper auf. Der klobige Kopf schaute aus erhöhter Position in die Runde.

„Legen sie los, Verehrtester.“

„Was haben Sie vor, Werner, eine Kraftprobe auf den Whisky?“ Der konterte geschickt.

„Nein, nein! Das initiieren wir erst eine Woche später. Vorstellbar bei einem Abstecher nach Hannover.“

„Oh, Sie offerieren Gestaltungsspielräume?“

„Ja was denn sonst. Zur Erinnerung. Wir beabsichtigen, unser Bündnis zu vertiefen, es konsequent auf ein konkretes Ziel ausrichten. Verehrte Gefährten, genauso sehe ich das.“ Das Minenspiel des Magdeburgers passte mit dem verzogenen Mund nicht in die Ansprache hinein. „Ich bin der Auffassung, das haben wir ausreichend besprochen. Darin eingeschlossen sämtliche Handlungsspielräume, die uns Orientierung sind. Dieweil sitzen wir an der Bar, nicht am Beratungstisch?“ Schmunzelnd versuchte von Apitz die Lage zu entspannen. Er reagierte damit spontan, sagte mehr beiläufig. „Bitte, reden wir stattdessen über gefällige Frauen, eine Safari, was immer ihnen vorschwebt. Bleiben sie locker.“ Die Männer erfassten den bewusst gestreuten Sarkasmus lächelnd.

„Ernsthaft, Hubert, das liegt ausschließlich an den Leuten hier am Tisch. Überlassen sie mir den ersten Schritt.“

„Wenn das ihrem Wunsch nachkommt. Von mir aus gern.“ Den wuchtigen Kopf drehte er fragend den Gefährten zu. Indes schälte Oberministerialrat von Apitz den Körper schwerfällig aus dem Stuhlsessel. Der abgedunkelte Raum nahm das Strahlen der Augen auf. Es glich dem Leuchten eines strahlenden Sterns, der Aufmerksamkeit einforderte.

„Hören Sie!“ Daraufhin folgte ein nicht zu stoppender Redeschwall. „Ich heiße Werner, geborener Wessi aus Bonn. Ich wünsche echte Partner an meiner Seite. Wenn man wie wir politische Verantwortung übernimmt, braucht es eine engmaschige Verbundenheit. Duzfreunde verbindet der unzertrennliche Weg. Wie sehen Sie das?“ Die Dramatik hielt für kurze Zeit an. Sie zwang die Zuhörer instinktiv zu einer Äußerung. Das aha blieb unvermeidlich. Es kam gleichzeitig aus dem Mund der anderen Gefährten. Der Rechtsanwalt reagierte ruck zuck. Ihm folgte der Minister aus Magdeburg. Wolfsberg erkannte, dass hier mit Vertrauen gepokert wird. Da galt der Grundsatz, sich zuerst zu äußern. „Ich plädiere für den Vorschlag. Ein vorzüglicher Gedanke. Meine Freunde nennen mich Wolfhard. Hier sitzt ein waschechter Hannoveraner. Schmieden wir das Bündnis durch einen solchen Schritt, dem Einvernehmen nach hart wie Kruppstahl. Einverstanden, handeln wir in dem Sinne, wie Blutsbrüder in einer Bruderschaft gleichrangiger Kameraden!“ Er hob das gefüllte Glas mit dem fünfundzwanzig Jahre alten schottischen Single Malt. Im Kontext mit den maritimen Aromen in der Nase zurrten sich die grasgrünen, chaotisch rotierenden Augen an Tauber fest. Der erklärte sich der wortlosen Aufforderung zustimmend an. „Verleiben wir uns den kräftigen, pfeffrigen Geschmack ein“, um mit abgewogenen Worten zu erklären: „Freunde sagen Hubert zu mir. Ich gehöre zur Gattung der Ossi und ich stehe absolut treu zu einem Versprechen. Den Kameraden der Bruderschaft gilt meine Verbundenheit. Dafür verbürge ich mich. Ansonsten, es ist eindrucksvoll, dass wir beim genussvollen Essen zusammensitzen. Obwohl der Hunger nicht wie gewohnt eintritt, genießen wir unsere Zusammenkunft. Verehrte Gefährten, weil wir ab sofort Duzfreunde sind, erlaube ich mir eine derbe Sprache. Ist das erlaubt?“ Tauber wartete einen Moment. Einwände gab es nicht. „Hört zu! Die Situation bei mir in Magdeburg ist knifflig und kritisch. Politische Ämter mutieren am laufenden Band zu Schleudersitzen. Die kommenden Landtagswahlen finden erst in einigen Jahren statt. Was im Anschluss passiert, lässt die bewegte Zeit heute nahezu nie nachvollziehen. Du verehrter Kamerad, sitzt am sprudelnden Kochtopf, egal wer regiert. Dein Job ist unkündbar, todsicher?“

„Wow.“ Der Beamte reagierte prompt. Er schnappte nach Luft.

Das Bemühen, die Peinlichkeit der Jobbeschreibung weg zu drücken, überspielte ein diszipliniertes Lächeln auf den Lippen. Spontan kam die Reaktion. Sie blieb ungeachtet alldem höflich auf Distanz. „Mein Lob behalte ich nicht zurück, Hubert? Das passt genau in unsere Schiene.“ Werner von Apitz reagierte darauf gelassen. „Die heißt, Werner?“, verpuffte, weil seine Antwort schon über die Lippen lief. „In erster Linie Weggefährten mit Begeisterungsfähigkeit zu versammeln. Von diesen Leuten erwarte ich, dass sie helfen, Regierungsverantwortung verwaltungstechnisch auf Höchststand zu bringen.“ Aufregung sprach aus ihm. Feinste Speicheltröpfchen flogen unbeabsichtigt durch die Luft. Die Männer bemerkten das ohne Kommentar. Schmunzelnd hörten sie zu. Den Stress sah man ihnen an.

„Ich bin überzeugt, davon haben wir einen riesen Packen zu schultern. Ansonsten ist annähernd klar, wir alle stellen Figuren in einem Schachspiel dar, ersetzbar, austauschbar.“

„Das gefällt mir“, erklärte Wolfsberg im gleichen Moment. Es aus voller Kehle zu äußern, entsprach dem Bedürfnis des Gefühlsüberschwangs. „Wie ich sehe, ist unser Wolfhard in der Lage, emotional reagieren. Aus Dir spricht ab sofort ein Sympathieträger, dem ich Gewogenheit entgegenbringe.“ Das Bekenntnis überraschte den Mann. Einen solchen Umstand gab es bisher nicht. Er griff den Gedanken auf. „Ja, was meint Ihr denn. Mein Job lässt wohlweislich zu, Gefühle zu empfinden. Ist Dir doch nicht fremd, verehrter Freund aus Hannover. Gibt es gegensätzliche Meinungen?“

„Wenn Du das sagst, ich widersetze mich der Aussage grundlegend nicht. Im Gegenteil.“

„Bitte erläutere das kurz.“

Werner von Apitz widerrief sofort. „Nein, Moment! Mein Instinkt sagt mir, dass ich die passende Antwort darauf gefunden habe.“ Er schmunzelte verlegen, schnalzte leicht mit der Zunge. Mit dem dadurch erzeugten, ausklingenden Ton, meinte er: „Okay! Definieren wir Gemeinsamkeiten. Überlegen wir, was jedem in der Wiege lag. Ehrgefühl, Lauterkeit, Tugendhaftigkeit, klingt’s da in den Köpfen? Besser gesagt. Ich hege ehrliche Gefühle der Kameradschaft für euch beide, Herr Minister Tauber, Rechtsanwalt Doktor Wolfsberg.“ Erwartungsvolle Gespanntheit traf ihn. Er schob nach. „Klar heraus, vertiefen wir unsere Verbindung, indem wir Netzwerke zusammenführen.“ Die eindrucksvolle Wirkung der Worte blieb nicht verborgen. In diesem Moment legte er spontan eine zur Faust geballte Hand unters Kinn. Die künstliche Stütze für den Kopf erzielte beabsichtigte Aufmerksamkeit. Das sah komisch aus, roch nach Biertischatmosphäre. „Was wird das? Nackte routinierte Bedachtsamkeit, Werner?“, schob Wolfsberg hinterher. „Handhabe das, wie Du denkst. Abtasten ist erlaubt, weil es unliebsame Reaktionen eingrenzt.“ Der popelige Disput lief an Tauber vorbei. Er hatte aus der damit gekoppelten Anspannung für sich Zurückhaltung abgeleitet. Unterdrücktes Grinsen unterstützte das deutlich. Die buschigen, pechschwarzen Augenbrauen richteten sich dabei auf. Doch Eifersucht lag unterschwellig in der Stimme mit dem grummeligen Bass. „Das ist nicht wahr“, sprach er aus, verwarf den Gedanken indes zügig. Der schale Geschmack, eingeschränkter Ebenbürtigkeit blieb aus. „Meine Herren, erstaunlich, was gemeinsame Interessenlagen so alles leisten.“ Klar lag das in der Vergangenheit. Es forderte ihn heraus. Er wand den Kopf direkt in das Blickfeld des Bonner Beamten. „Laufen wir auf einer Welle, Kamerad von Apitz?“ Verschmitzt blinzelte der vielsagend. „Siehst Du, die korrekte Wahl der Mittel zwingt einen Minister sich zu Outen.“

„Entschuldige, es gibt Stichhaltigeres zu sagen.“ Tauber fand jetzt instinktiv den geeigneten Ton. „Bitte, wir fassen uns in Geduld.“

„Die Einladung, Werner, spricht für eine gehörige Portion Inspiration. Du weißt, ich helfe gern. Zeigt mir auf, was euch bewegt. Dir Wolfhard, vernebelt Berlin den Kopf. Ich bin genauso Teil des ersten Zuges für ein gigantisches Spiel. Die Ausführenden sitzen hier. Verfügt über die Kraft der Ministerriege in meinem Bundesland.“ Er pausierte kurz, leckt sich mehrmals die Lippen, um sofort daran mit den Zähnen zu kauen. Das war klar ein Thema, das den Minister stresste. Werner von Apitz beobachtete unbemerkt den Anstieg der Stresssignale. Tauber wirkte zunehmend nervöser. Die Unsicherheit überspielte er unbeholfen. Die zwei Finger der linken Hand berührten in vermehrter Abfolge das Gesicht, wo sie klitzekleine Druckpunkte hinterließen. Im nächsten Moment griff er das geleerte Glas, um damit zu spielen. Das beruhigte ihn sichtbar. Von Apitz nahm das augenzwinkernd zur Kenntnis. Er hatte am eigenen Leib erfahren, dass die Ausschüttung von Oxytocin beruhigend auf das limbische System, einem Teil des Gehirns, wirkt. Gleichermaßen beeinflusst dieses körpereigene Kuschelhormon jedes Leben, indem es die unterschiedlichsten Emotionen steuert. Bei Tauber soeben die Angst, Unsicherheit Scham, weil er fand, nicht ebenbürtig zu erscheinen. „Ehrlich“, fuhr er eben dazwischen. „Dass mir Kamerad Hubert die Initiative aus den Händen nimmt, begeistert mich nicht sonderlich. Doch eines gestehe ich ihm zu. Dein Agieren, Verehrtester, ehrt dich. Ein Wessi vollbringt das nicht besser.“ Wolfsberg registrierte, wie dem Oberministerialrat die Puste wegblieb. „Werner, was treibst Du da? Dieses Frotzeln über Ost - West reißt blanke Abgründe auf“, sprach er nicht mehr aus. Dessen Atem kam jetzt stoßweise hervor. Die Anspannung erklärte sich am Ende leicht. Missmut trat ein. Das Durcheinander zerfiel schlagartig, weil Tauber sagte: „Versuchen wir, den Worten das Bestmögliche abzuringen.“ Das Schmunzeln auf den Lippen wirkte beruhigend. Es gab ihm den Mut, fortzufahren. Er spannte die Augenlider an, führte Daumen nebst Zeigefinger beider Hände zu einem Ring zusammen. Zugleich legte er die auf die Augen. Das hieß, schaut her, schenkt mir eure Aufmerksamkeit. Die Männer nahmen die Veränderung in der Körpersprache mit dem aufkeimenden Kampfgeist zur Kenntnis. Mimisch hatte er nur ein einziges Mal Anzeichen von Geringschätzung aufkommen lassen. Doch der Disput zwischen Ossi und Wessi wuchs ja unter dem Strich nicht auf eigenem Misthaufen. Damit lief der Start für den echten Test an. „Ich frage behutsam. Versteht ihr derben Spaß?“ Die Stille am Tisch sprach für sich. „Wenn das zutrifft, hört mir zu. Witzen steht mit Gewissheit jeder hier im Raum positiv gegenüber. Aus der Ironie des Gedankenspiels lässt sich das Beste herausholen.“ Das gurgelnde Lachen des vierschrötigen Zweimetermannes verlor sich sofort in zwei hintereinander anknüpfenden Satzgebilden. „Meine Herren, warum nennen die Wessis die Ossis Ossi?“ Sekundenlange Pause trat ein. Die Antwort darauf folgte, Speichel in fein zerstäubten Tröpfchen versprühend. „Na, weil sie das Wort Spezialisten nicht aussprechen können!“ Kichernd schaute Hubert Tauber mit zusammengekniffenen Augen in die Männerrunde. Die Reaktion blieb aus. Schock saß in den Gesichtern, zeichnete sie aschgrau. „Ich sehe, Ihr verkraftet hiervon keinen mehr, täusche ich mich?“, polterte er los. „Was ist?“, verpuffte ungehört. Das beeindruckte ihn nicht. Die beiden Männer ignorierten den Spaß. Das erforderte zwingend Nachhilfe. Derweil der Geistesblitz vorbeiflog, fiel ihm auf, dass der Rechtsanwalt jämmerlich dreinschaute. Stumm saß der da. „Roch das nach einer Beschwerde?“ Eine müßige Frage. Der Kladderadatsch löste Widerstand in ihm aus. Die Sichtweise hierzu barst auseinander. „Nachhaken, dran bleiben, einen Punkt setzen. Die Kameraden aufrütteln!“ Da schaltete er ohnehin auf Angriff. Der Bariton schwoll an, zwängte sich in das Gehirn der Gefährten. „Euch gebührt keine andere Wahl. Meine Dankbarkeit verleitet mich, den Gemütlichkeitstest fortzuführen. Hört aufmerksam zu, weil ich die letzte Frage stelle.“ Grummelndes Aufbegehren unterlief er geschickt. Mit Affengeschwindigkeit schoss ein irrsinniger Satz aus dem Mund. Jedes Wort betonend, traf das die beiden wie ein Geschoß. „Aus was wird ein Ossi gemacht? Damit Ihr mir nicht aalglatt durch die Finger rinnt, hier gleich die Antwort.“ Das schob er eindringlich, prustend, hinterher. Gequältes Beäugen blieb zurück. Der Bariton zog mit einem gewaltigen Grollen über die Haut. Körperbehaarung reagierte darauf. Aufgerichtet wartete sie auf den Knall kehliger Worte, dass dem Echo lauthalsen Lachens folgte. „Meine Herren, auf alle Fälle aus Lehm, Wasser und ein wenig Scheiße. Man muss aufpassen, dass man nicht zu viel Scheiße nimmt, sonst wird er ein Wessi!“

Kein Mucks ließ sich hören. Atemlose Totenstille für endlos lange Sekunden. Urplötzlich husteten drei Kehlen los. Das glich einem gewitterähnlichen Lachen. Mit vorherbestimmter, polternder, dröhnender Geschwindigkeit. Von Apitz traf es am heftigsten. Den aufkommenden Hustenreiz dämmte er nur mit immenser Anstrengung ein. Im Bewusstsein blieb die Erkenntnis hängen, damit einen schweren Fehler zu begehen. An den Tischen drehten Hälse in ihre Richtung.

„Scheiße“, redete ihm der Verstand ein, ohne ein Wort über die Lippen zu bringen. Ein Kellner rannte umgehend los. Besorgnis lag in den Augen. „Benötigen Sie Hilfe?“

„Nein Danke“, schmetterte von Apitz das Hilfsangebot ab.

„Ein kurzer Verschlucker. Nichts passiert.“ Die beiden Männer aus dem Westen verloren in dem Moment die Steifheit.

„Mensch Tauber, Sie haben ja Eier in der Hose.“

„Ja, unvorstellbare Riesen. Diese Dinger gehören unwiderlegbar mir.“ Das begleitende Lachen klang gequält. Es traf mit einer simplen Erklärung haargenau die wunde Stelle. „Wenn ihr anstrebt, dass wir Drei uns zusammentun, braucht der Spaß eine Chance. Das wird zu oft vernachlässigt.“

„Treffend formuliert, sehe ich genauso“, hakte von Apitz nach. „Verdammt hilfreiche Aussage, die du da vornimmst, Hubert.“ Der Bonner Beamte nickte beflissentlich mit dem Kopf.

„Die Überzeugung gibt mir etwas mit auf den Weg. Soeben haben wir die eigene Wende vollzogen. Was das bedeutet? Die Antwort darauf heißt, brauchbare Lösungsansätze im Miteinander. Ihr erfahrt gleich, was mich bewegt. Entscheidet, ob wir die Diskussion fortsetzen. Im Grunde führt nichts daran vorbei! Sehe ich das zu doppelzüngig? Ist das Bestreben, einen Regierungsauftrag anzunehmen, etwa nur dem Geld geschuldet?“

„Nein, nein, nein! Das versetzt uns in die Lage, Vorteil daraus zu ziehen, den eigenen Erwägungen, Visionen, der Urteilskraft einer Kameradschaft zu vertrauen.“

„Oh grundgütiger Gott, da sprudelt ja pure Energie. Ernsthaft! Ihnen gebührt große Wertschätzung dafür, Herr Minister. Pardon, Hubert!“

„Die Reaktion ist treffend, verehrter Kamerad Werner. Wir passen ja alle in einen Topf. Klar soweit. Bleiben wir bei dir, Wolfhard. Nebenbei bemerkt, meine Hochachtung vor der Erfolgsgeschichte der Wolfsberg. Was mich berührt, deine Familie hatte in den Scharfsinn der Nachfolgegeneration investiert. Eine beispiellose, zukunftsweisende Sache. Daher gebührt der Ansage mit den Eiern, äh Hoden, Aufmerksamkeit.“ Werner von Apitz lächelte jovial. „Hört mir zu. Nehmt mir den Drang zu politisieren nicht übel. Was ich damit ausdrücke, gestalten wir das Gottesgeschenk nach eigenen Anschauungen. Ich sehe hier drei Personen am Tisch sitzen. Ein überschaubarer Kreis von Mitgestaltern an einem brisanten Auftrag. Ist das angekommen?“

„Ja“, warf Wolfsberg in die Runde. „Gestattet“, rief Tauber. Doch die Unterbrechung lag schon parat.

„Nein, Moment! Geduld, bitte! Hört mir zu!“ Die Stimme schwoll zu einer Art Befehlston auf maximale Tischlautstärke an. Die Situation wirkte grotesk, denn die Männer hielten ihre Hände ineinander verschlungen, um ja nicht den Kontakt abbrechen zu lassen. Jeder roch die Anspannung. Zugleich gab es wahrnehmbare Anzeichen von Erleichterung. Ausschlaggebend dafür die Haltung des Bonner Beamten. Dessen Gemütslage erschien per se angespannt. „Wir sitzen hier in erster Linie zusammen, weil die Instinkte, die Gefühle das verlangen. Demzufolge existiert die Frage nicht, ob wir uns tiefergehend verständigen. Die Antwort hierauf lautet. Klar, das ist Pflicht!“ Von Apitz sah die Kameraden mit starren, ausdruckslosen Augen an. Er presste den Atem hörbar über die Lippen. Was nachfolgte, erinnerte an eine Art Befreiungsschlag. Er durchbrach das Schweigen. „In Bonn liegt ein Konzept zur Privatisierung von Staatsbetrieben auf dem Schreibtisch der Entscheider. Das beinhaltet enorm viele strittige Themen.“ Von Apitz stieg darauf ein. „Ich ergänze, Kameraden.“

„Im Normalfall nicht, Du fällst mir ins Wort.“

„Oh, entschuldige, auf meiner Zunge brennt was Schreckliches“, reagierte Tauber widerwillig. „Schieß los“, brummte der Bariton. „Schiebe Deinen Arsch ins Blickfeld. Ich füge mich in Geduld.“

„Danke! Ergo, was ich zu sagen gedenke, sieht so aus“, erklärte er schniefend mit den Händen ringend. „Wir besaßen dummerweise nicht ausreichend Gelegenheit, um die fraglichen Punkte zu diskutieren. Einer davon sagt aus, dass nicht alles Einhundert Prozent erhaltungswürdig ist. Hier wird gehörig Akzeptanz notwendig.“ Tauber schaute finster drein. „Glaubst du, Werner, dass ohne den Willen der Regierung Änderungen greifen?“

„Nein, garantiert nicht. Meinem Wissen nach, bekommt der Umweltminister in Bonn soeben die ersten Watschen ab.“

„Das sehe ich als Bestätigung für ausgezeichnete Informationsquellen im Hintergrund. In Magdeburg heißt das, auf einem Schleuderstuhl zu sitzen. Kein befriedigender Zustand. Das ist doch vorhersehbar. Okay, kommen wir zum Punkt.“ Er spitzte den Mund, zog Luft durch die obere Zahnreihe. Das zischende Geräusch vernahm jeder deutlich. Es glich einem Achtungszeichen, einem Hinweis darauf, hier die allgemeine Verunsicherung im Griff zu haben. Nichts blieb in der Versenkung versteckt.

„Meine Verantwortung im Amt des Umweltministers ist mehrgeteilt. Da nimmt der ostdeutsche Traditionsstandort im mitteldeutschen Geiseltal einen von vielen Plätzen ein.“ Werner von Apitz scharrte mit den Füßen unterm Tisch. „Stopp, Hubert. Das sehe ich nicht, verstehst Du.“

„Ach, wie sonst? Es kommt immer auf die Verlässlichkeit der Mannschaft auf der Regierungsbank an.“

„Das erkläre mir bitte.“

„Gern, bloß gibst Du mir schwer Gelegenheit dazu, Stellung zu beziehen, Werner.“

„Was heißt das?“, hakte Wolfsberg nach. „Mit Verlaub, wie lange zieht sich das Dummschwätzen hin?“

„Okay, Kameraden.“ Tauber schmunzelte versöhnlich.

„Ich bin der Auffassung, die Milliarden für den Aufbau Ost ziehen täglich Scharen von protzigen Gaunern an. Die Geschichtsschreibung wird uns eines Tages eine Rolle zuschreiben. Diesem Punkt gilt es Aufmerksamkeit zu widmen.“

„Pardon, Minister, ich verstehe das nicht“, fuhr Wolfsberg dazwischen.

„Quatsche ich da Bockmist? Egal wie jeder das betrachtet. Es liegt im Blut verborgen. Hoffnungslosigkeit, neben Ehrgeiz zu proklamieren, darin besteht ein riesenhafter Unterschied.“

„Disziplin, Hubert. Reden wir auf einer Wellenlänge? Dein Urteilsvermögen scheint beträchtlich angekratzt.“ Tauber zeigte Entsetzen. Er brachte den Mut auf, Position zu beziehen. „Nichts für ungut. Versuchst du, mich aus der Fassung zu bringen? Beeile dich damit. Denke daran. Den Heilungsprozess in mir zu zerstören, ist mehr wie schädlich. Ich gestehe ein, das klingt konfus. Doch passt auf. Ihr werdet das gleich besser verstehen.“

„Das hoffe ich, Verehrtester.“ Werner von Apitz posaunt das in bissiger Tonlage heraus. „Ohne Zweifel, ich begreife deine Argumente, obwohl mir nicht alles gefällt. Darum schlage ich vor, gib mir das Ruder in die Hand, zumindest im Augenblick. Ziehe die Bremse, soweit erforderlich. Abgemacht?“ Tonlos, zähneknirschend gab Tauber nach. „Leg los, ich füge mich“, verschwand soeben im Hintergrund, da hämmerte von Apitz schon drauflos. „Die Lageeinschätzung sieht folgenderweise aus. Ich erkläre das fluffig, burschikos. Alles was wir anpacken, dreht sich um diese eine Raffinerie. Die liegt, Gott sei Dank, im Magdeburger Hoheitsgebiet.“ Der Minister runzelte mit den buschigen Augenbrauen, bevor er eine Antwort herauspresste. „Stimmt. Da herrscht Einigkeit. Das nimmt mittlerweile jeder Mitarbeiter zur Kenntnis. Es ist eine Schicksalsfügung.“

„Entschuldigung, Du hörst mir nicht zu. Das betrifft euch beide“, fuhr er den Rechtsanwalt an. Der verstand den Hilferuf nicht sofort. „Okay!“, kam eine Weile später zurück. „Was erwartest Du?“

„Ich fahre fort, wenn Ihr mir die gebührende Aufmerksamkeit schenkt.“ Schnäuzend sagte er forsch: „Trefflichen Dank!“

„Hubert, Du strapazierst meine Geduld“, fuhr Wolfsberg dazwischen.

„Über diese Angelegenheit reden wir eine Ewigkeit.“

„Das sag ich ja, Kamerad. Mit Wiederholungen. Die Politik zwingt uns eine Transaktion auf. Unterstützen wir das? Belassen wir es besser? Darauf steht eine Antwort aus. Sitzen wir nicht alle auf einem explosiven Haufen? Drängeln wir uns denn nicht darum? Wer die Fuhre zündet, fährt Beifall ein, wird einflussreich, unter Umständen sogar steinreich. Die Ölfabrik liegt, davon ab, dicht dabei. Die Politik traf hier längst eine Entscheidung.“

„Du verstehst es, Emotionen zu schüren, Hubert.“

Werner von Apitz drängte es, das Wort zu ergreifen. „In Bonn wird Leuna unterschwellig erwähnt. Da läuft eine vertrauliche Regierungssache. Sitzen wir`s aus. Russisches Erdöl fließt immer noch von hier zu den Lagertanks der Ölfabrik.“

„Was mir mitnichten Kopfzerbrechen bereitet“, warf Tauber in die Runde. „Mein Verstand verweigert mir, das zu akzeptieren. Da ist zum Beispiel die prekäre Lage der Raffinerie am Rand eines stillgelegten Braunkohlentagebaus. Das wird uns auf die Füße fallen. Die Töne zur Erneuerung der Erbschäden aus dem Kohleabbau heizen die Stimmung auf. Diskussionen über den Sinn, ebenso wie Zweck, nehmen Überhand. Eine Menge Geld steht im Fokus. Arbeitsplätze, wie vom Bundeskanzler versprochen, sind schmückendes Beiwerk. Die bizarre Landschaft mit ihren Grautönen, Staub, Ruß und den Abfallhalden verschwindet in der Folge automatisch. Begreift Ihr, was man den Menschen in der Region bisher zumutete?“

„Hubert, das Statement klingt vernünftig. Was stört, ist die Naivität, die Du besser in den Griff bekommst. Umweltbewusstsein, das erfordert einen langen Erkenntnisprozess. Jahrzehnte vergehen, ehe dieses Wort zum normalen Sprachgebrauch der Menschheit gehört. Wow, Kamerad, … äh … hmm, ich sehe, das erzeugt exorbitante Hitze in Dir.“

„Oh ja. Weil durch solche Emotionen der notwendige Spielraum für Veränderungen geschaffen wird.“

„Prima gesprochen. Hiermit punktest du in Bonn. Ich für meinen Teil rieche greifbar den Kohlenstaub, die Rußpartikel, Chemierückstände aus ungefilterter Ableitung in die Luft. Der Geschmack des Todes, verbreitet durch unternehmerische Fehlleitung in blumigen Wolken der Befriedung.“

„Bitte Werner, hör auf damit! Wir besprechen hier ein brisantes Thema. Ich bin Umweltminister, gehöre zwangsläufig einer Regierungsmannschaft an.“ Auf die Brust klopfend, sagte er mit verbissener Miene: „Das verlangt Unterordnung. Kein Gespräch funktioniert im Alleingang. Das verstehst Du. Ich sitze nicht auf dem Schoß des Chefs, wie der Herr Oberministerialrat das jeden Tag auslebt.“

„Hey, cool bleiben, Mann! Hubert, ich greife dich nicht im Entferntesten an. Sieh, im Gegenteil. Wir sprechen unterm Strich über einen enormen kostenpflichtigen Alptraum. Die Mineralölraffinerie im Geiseltal trifft mein Ego nachhaltig unter der Haut. Sie wird leider Teil der Misere. Es gibt mehr Beachtenswerteres. Leuna, Buna, Bitterfeld, hier liegt das ursprüngliche Dilemma versteckt. Mit geringem Abstand zueinander fristet hier eine Zehntausende Beschäftigte umfassende Chemie ihr Dasein. Das zu beschönigen, wage ich nicht.“ Die lange Rede erzeugte betroffene Gesichter. Mittlerweile schmerzten die Hinterteile von der monotonen Sitzhaltung. „Werner, ich komme mir vor, wie bei einem Marathon. Die Muskeln sind total verspannt. Ich beantrage eine Pause.“ Wolfsberg zappelte ungehalten, die Wangen knallrot vor Aufregung. „Freunde, stoßen wir an. Auf den inspirierenden Tag in einem unverbrauchten Team.“ Daraufhin grinsten alle zufrieden. „Meine Zusage, ich lehne mich für die Sache meilenweit aus dem Fenster, versprochen.“

„Ja, Wolfhard, du steckst am Anfang der Meile, ist Dir das bewusst?“

„Okay. Gebt mit ein paar Minuten.“

„Kein Problem, darauf kommt es nicht an“, meinte der Magdeburger. Sofort verstummte er. Werner von Apitz streckte formvollendet beide Hände nach vorn in Richtung des Rechtsanwalts aus. „Da sitzt unsere wertvollste Quelle. Du, verehrter Doktor, wirst zukünftig mehr schwierige Gegebenheiten meistern wie jeder hier am Tisch.“

„Oh Gott, Du übertreibst.“

„Todsicher nicht. Ich meine, dir die Rolle eines Wegbereiters, des Vordenkers zu übertragen, käme dem entgegen. Was sagt ihr Beide?“

„Hmm, da kommen aus der Sicht des Umweltministers keinerlei Bedenken auf. Erlaubt ihr, dem heute die angemessene Bedeutung zu verleihen?“

„Von mir aus tu das, Hubert. Obwohl ich darin keinen Sinn sehe.“

„Was sonst? Weshalb diskutieren wir da ewig drüber? Die Rollen haben wir verteilt. Ich für meinen Teil tausche den Platz von Hannover mit dem Osten.“

„Wolfhard, dem gebührt ein unschätzbarer Wert. Dass, was wir heute verwirklichen, ist ein Hoffnungsträger der Zukunft. Da ergibt sich die Frage zwangsläufig, sind wir der gewachsen? Bitte, ich nehme die Antwort für mich direkt vorweg. Sie ist kurz, lautet: Ja!“

„Das klingt polemisch. Kameraden, der Herr da oben überträgt der Bruderschaft eine schwere Bürde. Warum, weil wir aus dem Schatten heraustreten. Das zählt zu der Berufung, Geschehen nachzukommen, die uns ansonsten überfordern. Zum Beispiel ein Berg von Lösungsansätzen auf den Tisch zu legen. Versteht ihr, das favorisiert den echten Anreiz für Geschäfte.“

„Ohne Zweifel. Nochmals, ich vertraue vor allem mir in eigener Person sowohl meinen Gefährten. Die Geborgenheit an der Seite der Kameraden verschafft mir das Gefühl, eine unschätzbare Entscheidung getroffen zu haben. Eines zeichnet sich ab. Wir schwimmen garantiert eine verhältnismäßig lange Zeit im Fahrwasser von Werksschließungen, Massenentlassungen oder Ähnlichen. Von einem Tabuthema spricht niemand. Im Gegenteil. Dieses Szenario entwickelt eine Schutzfunktion in Verbindung mit Handlungsfreiheit. Wogegen mich eine Sorge quält. Die gilt Bruder Hubert. Wir haben die zwingende Aufgabe nachzuweisen, dass der Ministerjob bei der Treuhand nicht zur Bürde auswächst.“

„Hmm, ja.“ Von Apitz meinte zu wissen, dass darin ja keinerlei Gefahr ersichtlich wird. „Was spricht für dieses Negativszenario? Das Gesetz steht auf unserer Seite.“

Die Aussage verlor an Kraft, sodass Zuhören in Anstrengung ausartete. „Ein Stück Wahrheit steckt da drin. Die Behörde ist unbeliebt. Persönliche Angriffe sind nicht ausgeschlossen. Ich versichere vorausschauend, das wird nicht passieren. Es besteht kein Beweggrund für Pessimismus.“

„Sag, wie beurteilst Du die Lage rund um den ersten April, Wolfhard?“

„Oh, bedauerlich. Eine Wertung ist nur im Komplex betrachtet sinnvoll. Die Ermordung des Treuhandchefs Herrn Rohwedder, rangiert für mich im Raster des moralisch Unvertretbaren. Nein, beim besten Willen, das heiße ich niemals für einen gangbaren Weg. Die Quelle solcher Sachlagen zu kennen, das gehört in den Topf geheimdienstlicher Kompetenz. Lassen wir sie ihren Job bewerkstelligen, damit sie die RAF-Terroristen ausmerzen. Wir tätigen dezent eigene Geschäfte mit dem Lob des Auftraggebers. Vertrauen wir der Kraft der Gesetzgebung. Das bedeutet, sich Sorgen auszusetzen, fällt aus, weil sie der Observation unterliegen. Angst steht Niemandem vorteilhaft zu Gesicht.“

„Ausgezeichnet gesprochen, Wolfhard. Meiner Auffassung nach erfüllst du nicht die klassischen Kriterien für eine solche Zielperson. Für dein Leben besteht keinerlei Gefahr. Viele Manager haben Kontakt zu der Regierungsorganisation. Schieben wir das Thema in den Hintergrund.“

„Okay, passiert sofort“, meinte Tauber.

„Genauso ist das zu verstehen. Der Rechtsstaat bietet uns Schutz. Vergessen wir nicht, wir sind Instrumente dieses Staates. Berater der Treuhand heißt ebendarum, an vorderster Front sind wir vielschichtigen Launen ausgesetzt.“

„Klar, ohne eigenes Leben in Gefahr zu bringen.

Ich versichere Euch, Angst zu haben bedeutet nicht, in blinde Panik zu verfallen. Meine Familie in Hannover lehrte mich das nicht im erforderlichen Maße. Dieses Wortgebilde zählten zu den Tabuthemen.“ Werner von Apitz sah hierin ein Zeichen. Er stand auf. Umständlich versuchte er, Blickkontakt zu den Partnern herzustellen. In der Position verharrte er einen Moment. „Freunde, Sorgen bereiten mir anderweitige Geschehen. Gebt mir zwei Minuten, um mich zu äußern.“

„Bitte, Dir gehört das Wort, fass Dich kurz!“

„Ja, versprochen.“ Schlagartig herrschte Ruhe. „Meine Besorgnis gilt der politischen Agenda in Europa. Die spricht für das Aufbäumen Hunderttausender Menschen gegen den zweiten Golfkrieg. Da hinein spielen die Ereignisse im Land von Gorbatschow eine immense Rolle. Eigenartig, nichtwahr? Wir betrachten unser Deutschland im Moment leider zu engstirnig. Ich gebe zu, mir fehlt das Verständnis eines Außenpolitikers. Mein Gespür sagt mir, dass jede Menge Gegenwind durch das Geschehen von Weltrang aufkommt.“ Tauber unterbrach in abrupt. „Ich wollte …, ich meinte, … äh, sich politisch vorurteilsfrei darzubieten, erwächst zur besten Option für unseren Erfolg.“

„Mensch Hubert, die Raffinerie im Geiseltal zu vermarkten, ist ein Teil deutscher Wirtschaftspolitik. Klar bedarf es hierzu geeigneter Erklärungen. Wenn wir die Augen verschließen, läuft das hier gegen den Baum. Darum gehören Erkenntnisse zu den Einflüssen auf den Absatz von Mineralölprodukten zum Alltag.“

„Werner, das nehme ich zur Kenntnis.“

„Fahre fort, bitte beeile Dich.“

„Verdammt, Hubert, Du verleidest mir den Spaß.“

„Komm, quatsch nicht rum. Beide geben wir uns nicht wie Mimosen, leg los.“

„Das stimmt. Wir haben die besseren Karten in der Hand. Die gewähren uns den Vorteil, vorausschauend zu planen. Unterm Strich steht es uns frei, Geld mit dem Verkauf einer Mineralölraffinerie einzutreiben. Das gibt es nicht geschenkt.“

„Aufhören, Werner! Klar spielt die Lage auf dem internationalen Parkett eine gewichtige Rolle. Die Frage, wer heute in Größenordnungen Mineralölprodukte abnimmt, gewinnt an Bedeutung. In Magdeburg liegen jede Menge Spekulationen vor. Mittlerweile sind enorme Geldmittel zum Erhalt des Standortes im Umlauf.“

„Prima!“ Von Apitz schlug klatschend eine Hand auf den Schenkel.

„Da sind wir uns einig. Das bedeutet, die eigene Urteilsfähigkeit nüchtern ausrichten. Äh, auf Basis einer knallharten Analyse Entscheidungen treffen und handeln.“

„Schwulstiger kriegst Du das nicht über die Lippen?“

„Mensch Tauber, na klar schließt das den gewaltigen gesellschaftlichen Umbruch in Europa ein. Schaut in Richtung Amerika. Die Yankees führen im Augenblick die internationale Militärkoalition gegen den Irak an. Der Decknamen lautet Operation Wüstensturm. Diese Aktion gewinnt infolge ihrer strategischen Bedeutung für unser Vorhaben enormen an Auftrieb. Na los, fragt mich, wieso?“ Die Euphorie verfiel. Keiner empfand Lust für eine riesige Konversation. Von Apitz spann den Gedanken jedoch fort. „Meine Antwort heißt, weil dadurch ein gewaltiger Wettbewerbsdruck auf die Mineralölproduktion zu kommen wird. Fällt der russische Markt auseinander, sehe ich schwarz. Abgesehen von den Folgen durch den Zusammenbruch der Wirtschaft in den Balkanstaaten ebenso im Baltikum.“ Wolfsberg meinte daraufhin angepisst: „Das passiert ohnehin. „Wir haben Deine Worte vernommen. Meine Bemerkungen solltet Ihr ebenfalls anhören.“ Hubert Tauber hob den Kopf. „Komm, überbewerte das nicht. Wir leiern ein Geschäft an und machen keine Avancen für politische Vorträge.“ Seine Verärgerung war deutlich sichtbar. Die Lippen hatte er zusammengepresst. Der Glanz aus den braunen Pupillen war verschwunden. Aus purer Disziplin sagte er: „Trotz allem pflichtete er dem ohne Frage bei. Also los, von mir aus.“

„Wenn Ihr meint, ich mach`s kurz. Statistiken in meinem Ministerium belegen, dass im Geiseltal eine beunruhigende Entwicklung besteht. Die ist durchaus in der Lage eiskalt zu eskalieren. Bitte legt Euch hierzu eigene Bilder zurecht. Die Leistungsstärke der Mineralölraffinerie gehört zum vakanten Themenkreis einer nachhaltigen Wirtschaftlichkeit. Das Interessante daran. Nach Öffnung des Marktes erlitt der Absatz an Mineralölerzeugnissen einen Niedergang.“

„Ja okay. Expertenwissen braucht das nicht.“

„Darin irrst Du, Werner. Verlässliche Zahlen verweisen auf ein Produktionstief durch aktuellen Wettbewerbsdruck“, sagte er und ließ Zahlenreihen über die Lippen sprudeln. Der widerspiegelt ebenso die Ausweglosigkeit in der Unternehmensführung. Ich sehe darin die Rechtfertigung für den geheimen Job unserer Bruderschaft.“

„Wolfhard, wie betrachtest Du das?“

„Fatal! Um diese Zeit, meine ich, ein gewagtes Thema.“

„Trefflich gesagt! Ich biete an, das zumindest ansatzweise zu bereden.“

„Werner, das gehört heute Abend nicht mehr hier her.“

„Leider ja, verehrter Freund. Aber um das zu begreifen braucht´s einen klaren Kopf und Kenntnisse über Absatzstrategien.“ Er lachte jovial, weil die vom Alkohol geschwängerte Zunge den Redefluss beeinträchtigte. Ohne Vorwarnung öffnete er den Mund, um ein kurzes, dickes Stück Fleisch aus den Zähnen zu polken. „Fragen, meine Herren? Ist ein Drink angebracht?“ Ein deftiges Lachen gab hinreichend Antwort. Alle drei Männer zogen gleich. „Ja, trinken wir!“ Dahinein platzierte der Magdeburger Minister die letzten Gedanken. „Nehmt in Bescheidenheit zur Kenntnis, die altbackene Vertriebsstruktur für Mineralölprodukte steckt in der Krise. Die Erklärung dafür liegt im Markennamen Minol begraben. Das seit 1949. Der fällt momentan ins Bodenlose. Was mit den Tankstellen im Osten wird, darüber ließe sich endlos spekulieren. Darauf bauen, auf keinen Fall. Reicht das zum Thema Zungenfertigkeit? Ansonsten sagt mir die angeborene Skepsis, ob mir der köstliche Whisky die notwendigen Visionen vermitteln wird.“ Drei paar Augen trafen aufeinander. „Das wird ja urig“, brüllte der Rechtsanwalt in unverhältnismäßig lauthalsen Ton. Jetzt gewann die Euphorie an Dynamik. Im gleichen Augenblick prusten alle wüst durcheinander los. Die versprühten Speicheltröpfchen forderten Verbrüderung. „Unser Sabber paart sich. Seht Ihr, der erkennt auf den Glockenschlag, was wir von ihm erwarten. Zusammenschluss, verehrte Gefährten!“

„Stimmt, Wolfhard, die Gemeinschaft formen, zugleich zu festigen, darum sitzen wir hier. Wohlan, Spaß bei der Arbeit ist eine angeborene Verpflichtung. An dem Punkt sind wir endlich angekommen. Verzeihung, wenn ich ablenke.“ Der vierschrötige Zweimetermann schob die pechschwarzen, buschigen Augenbrauen nach oben. „Was denn, reden wir keinen Klartext?“

„Wir sind doch mittendrin im offenherzigen, nicht geschönten Gelübde, Hubert.“

„Ja was sonst, das sind die Spielregeln. Der Umweltminister in mir ist gefragt. Er schmiedet die Allianzen mit der Wirtschaft, den Technikern, Kaufleuten. Reine Luft gibt es nicht gratis. Darum, Wolfhard, stelle ich das Thema zur Disposition. Verharmlosen hilft nicht. Daraus folgt die Verfügung, dem Rohstoffkonzept der Mineralölfabrik eine Tiefenprüfung zu verordnen.“ Ungeduld lag im Klangbild der Stimme. „Okay, was kommt dann?“ Sie forderte Tauber heraus.

„Oh nein! Nachsicht bitte, wartet!“

„Beeilung, verehrter Minister, Hubert, Du strapazierst unser Durchhaltevermögen.“

„Na ja, ich vermag nicht zu sagen, ob das bedeutsam genug ist. Zum Konzept wird es tiefschürfende Recherchen geben. Die Frage, ob das zur Begründung für den Austausch russischen Erdöls dient, erhebt allergrößtes Augenmerk. Ein Expertenteam entwickelte hierzu erste Idee. Da wird festgehalten, dass sogenannte atmosphärische Rückstände neben Hydrospaltparaffin aus den Anlagen in Leuna hinreichend Ersatz bieten.“ Wolfhard Wolfsberg hörte mit unerschütterlichem Gleichmut zu. Das eine Auge schielte unaufhaltsam in Richtung der Bar. „Entschuldigt bitte mein Ausweichen. Ich vermag mit diesen speziellen Bezeichnungen nicht genug anzufangen.“ Die spärliche Beleuchtung setzte das Gesicht dürftig in Szene. Das reichte aus. Der geöffnete Mund brachte eine erstaunlich kräftige Stimme hervor. „Vergesst nicht Kameraden. Der Rechtsanwalt in mir wird den Erdölspezialisten niemals ersetzen. Klar sagt mir mein Grundverständnis, wofür die verschiedenen Rohstoffe Verwendung finden. Hydrospaltparaffin zum Beispiel. Ein simples, erdölähnliches Produkt. Das zu inhalieren entsprach dem Anreiz, zu verstehen, wie eine Raffinerie funktioniert. Mehr bedarf es im Moment nicht. Was ich damit sage. Ich lege mir den Zwang auf, nach Berlin den Betrieb im Geiseltal schnellstens anzusehen. Wie sieht´s bei euch aus, übersteigt die gegenwärtige Kenntnislage der Herstellung von Mineralölen meine eigene?“ Betretenes Schweigen trat ein. Gegen Mitternacht saßen sie schwer angeschlagen auf den Barhockern. Ein trostloses Bild. Gekennzeichnet von der verwaisten Bar, dem schweigsamen Piano, dem mittlerweile lallend hinplätschernden Plausch. Mit Mühe, inklusive der Hilfe des Barmannes erreichten sie in den frühen Morgenstunden ihre Hotelzimmer. Das Besäufnis blieb unentdeckt. Zweihundert Mark Trinkgeld hafteten lange in dessen Kopf. Dass Wolfsberg den Platz des Inhabers einer Anwaltskanzlei im Westen gegen den Standort in Mitteldeutschland eintauschte, verschwand in der Versenkung. Wenige Stunden später trafen sie gewaltig verkatert im Frühstücksraum ein. Der herbeieilende Kellner guckte in eingefallene, aschfahle Gesichter mit dicken Augenrändern. „Verzeihung, Kaffee, Tee, die Herren? Die Eier gekocht, gebraten mit Speck? Bevorzugen sie das Büfett?“ Sein Leipziger Dialekt stellte heute für die Gäste eine kräftezehrende Aufgabe dar. Die für Nichtleipziger schwer verständliche Mundart klang wie eine Fremdsprache. Dass da fünf andere im Sachsenland dazugehörten, spielte eine unwesentliche Rolle. Rechtzeitig schaltete der Kellner um. Im akkuraten Hochdeutsch sprach er gezielt Wolfsberg an. „Die Post für den Herrn, aufs Zimmer, oder?“

„Her damit.“ Mit ausgestreckter Hand forderte Wolfsberg den versiegelten Briefumschlag ein. „Beeilung!“ Die Bedienung schluckte sichtbar und zog sich zurück. „Lausige Nachrichten?“, entfuhr es Werner von Apitz fragend. „Komm, verderbe uns nicht das Frühstück“, meinte Hubert Tauber ebenfalls. Wolfsberg drehte den Umschlag mit unverbindlichem Schulterzucken in der Hand herum. Scherzend sagte er kurzerhand: „Terminankündigungen, Gefährten.“ Er schnaufte, lächelte dankbar kopfwackelnd über die eigene positive Voraussicht. Erst daraufhin las er den Text. „Mein Büro bestätigt den Termin in der Mineralölfabrik für heute Nachmittag.“

„Autsch, Wolfhard, das wird verdammt knapp.“ Von Apitz schob beschwichtigend hinterher: „Keine Sorge, das schaffst du bequem.“ Er guckte suchend in die Gesichter der beiden Partner. Die Besorgnis schien wie weggeblasen. „Wir haben auf Dich gesetzt! Tu das unausweichlich Notwendige für unseren Erfolg.“ Die Mienen der Männer hellten auf. Startschuss, hieß das. Mehr zu sagen gab es im Moment nicht. Gegen Mittag dankte die Männerrunde ab. Wolfsberg buchte persönlich für ein Jahr voraus. Der exklusive Stammgast stellte einen beachtlichen Zugewinn für das Hotel dar. Zufrieden glänzten daher die Augen des Rezeptionisten beim Begleichen des aktuell aufgelaufenen Rechnungsbetrages. Das opulente Trinkgeld stand für ein positives Omen in der Zukunft. Von der Suite aus orderte er telefonisch eine Flasche Saale-Unstrut Sekt, halbtrocken. Den brauchte er, um das angeschlagene Seelenheil zu beruhigen. Gleich darauf klopfte es an der Tür. Der Etagendiener trat ein. Höflich fragte er den Gast: „Wünschen sie, dass ich einschenke, Herr Doktor? Zeit für ein belebendes Getränk ist immer. Der absolute Renner ist Rotkäppchen Sekt aus dem nahegelegenen Freyburg an der Unstrut. Ein Besuch lohnt sich.“

„Oh ja“, meinte Wolfsberg abwesend. In Sekundenschnelle veränderte die Gesichtshaut die ursprüngliche Farbe. Ertappt! Hierauf zu antworten war nicht erforderlich. „Nein, kein Zwiegespräch“, verlor sich im Kopf. Verblüffend hörte er wie aus der Entfernung die eigene Stimme sagen: „Ich nehme mir die Zeit, die ich brauche, um den Kater bekämpfen. Schenken sie ein. Es ist nicht meine Absicht, sie hinzuhalten.“ Daraufhin zog er mit zitternder Handbewegung ein Bündel knittriger Geldnoten aus der Hosentasche. Dem entnahm er einen Schein, um in an den Bediensteten zu reichen. Total überrascht von der unverhofften Großzügigkeit, steckte der den Hundertmarkschein ein. „Bitte, verfügen sie über mich, jederzeit.“ Aus Angst vor einem Fehlgriff des Gastes verließ er mit Dankesworten zügig den Raum. Er nahm nicht mehr wahr, wie Wolfsberg mit aufsehenerregender Kraft die Finger um das Sektglas presste. Die unkontrollierte Krafteinwirkung ließ es mit einem hellen Knistern zerspringen. Die Glassplitter verteilten sich sofort mit der klebrigen Flüssigkeit auf den Anzug. Rasiermesserscharfes Glas erzeugte auf der Schläfe einen winzigen Einschnitt. Doch das reichte, um dem Blut einen Weg zu bahnen. Es lief über den Nasenrücken, sammelte sich im Mundwinkel. Im Folgenden tropfte es vom Kinn aus auf das schneeweiße Hemd. „Verdammter Mist, Idiot!“ Mit Speichel auf dem Mittelfinger bestrich er die Wunde, um zum Schluss eine Stoffserviette aufzudrücken.

„Alles wird zu Deiner Zufriedenheit verlaufen“, rief die innere Stimme. Im Sessel eingeschlafen, hörte er die Beschwichtigung nicht mehr. Bis zu dem Zeitpunkt, wo ihn nachhaltiges Klingeln nervte. „Oh Gott, das Telefon!“ Schlaftrunken öffnete er die Augen, Entsetzen verbreitend. „Was, wie spät, Neunzehn Uhr?“

„Ja, das sagte ich“, wiederholte der Rezeptionist. Die Schrecksekunde reichte aus, um Perlen an Schweiß auf die Stirn zu treiben. Außer Atem wischte er ihn mit dem Handrücken ab. Die Höflichkeit des Mannes am anderen Ende der Leitung irritierte ihn. Der Bumerang folgte mit Härte. „Herr Doktor, Ihr Besuch ist eingetroffen. Eine Dame aus Hannover, Ihre Sekretärin, sagt sie.“ Schweigen herrschte für eine Weile. Die eigene Stimme murmelte verwirrt: „Geben sie zu verstehen, ich erwarte Sie in dreißig Minuten auf der Suite.“

„Ich richte das aus.“ Wolfsberg betrachtete im Bad den müden Körper. „Verflucht! Um Himmels willen, wie sehe ich aus?“ Sofort durchzog ihn ein schmerzhafterer Schreck: „Der Termin im Mineralölwerk, verdammte Scheiße.“ Unflätig ließ er Dampf ab, was keinerlei Hilfe bot. Eine der geringsten Sorgen, wie sich zeigte. „Liesa Giordano, das allerbeste Pferd im Büro, wird gleich vor der Tür stehen. Wie blöd von mir, dass zu vergessen. Der Alkohol bringt mich eines Tages um. Was sage ich ihr? Sie wird jegliches Theater durchschauen. Klar, ich biete meine beste Seite dar, was bleibt sonst?“ Der Fluch trieb ihn in die Dusche. Der Schnellgang erlaubte keine korrekte Rasur. An einigen Stellen im Gesicht blieben Bartstoppeln zurück. „Scheiße!“ Immerhin, der abwechselnd kalte und nachfolgend warme Wasserstrahl wirkte belebend. Nur die hinter der Schädeldecke verlautbare Stimme signalisierte pochende Kopfschmerzen. Sie schrie auf: „Bockmist Verdammter. Du verhältst Dich wie ein Idiot, Wolfhard. Versaust den Abend. Und die Tabletten, ach, Scheiße, vergiss das. Wenn nur Liesa nicht käme.“ Wütend über das eigene Manko rief er unbeherrscht in den Raum hinein. „Ich erachte es für Leid, ständig Respekt zu bekunden.“

„Das obliegt nicht Deinem Willen, ich erwarte angemessenes Verhalten, die Schmerzen verfliegen wieder.“ Sofort verstummte die anonyme Stimme frappierend, widerstandslos. „Oh Mann, lass mich das unbeschadet überstehen. Herrgott, hilf mir bitte.“ Die Erwiderung entfiel. Brechreiz würgte ihn. Im gleichen Augenblick hörte er sanftes Klopfen an der Tür. Herzrasen setze ein. Schweiß stand auf der Stirn. Er schaute gebannt dort hin. Sofort wird klar, dass der Moment ihrer Begegnung unausweichlich in der miesesten Verfassung, seit langer Zeit sich ankündigt. „Ja, komm herein“, rief er mit energischer Stimme, wohlwissend, dass seine prekäre Lage sich nicht vertuschen ließ. Die Frau verfügte über ein hohes Maß an Schlauheit, verbunden mit Intelligenz im Überfluss. „Ich nehme den ersten Angriff wahr, trete auf sie zu, sage, was mir passierte. Der einzige Weg“, überlegte Wolfsberg, um sich automatisch dafür zu entscheiden. Winzig die Entfernung zur Tür. Er öffnete diese eine Handbreit. Gedankenversunken starrte ihn die Besucherin für Millisekunden an. Fataler Moment der Peinlichkeit, zumindest empfand er das. Liesa hielt dem Druck mit einem erstaunlichen Lächeln im Gesicht stand. Sie sagte kein Wort, strahlte dafür eine Portion Gelassenheit aus. Das entsprach jener Faszination um den Mythos von Fraulichkeit, wonach ihm die heimliche Sehnsucht verlangte. Reizvolle Weiblichkeit mit einem gertenschlanken, auf ein Meter siebzig gewachsenen Körper. Einem prallen, runden Busen, langen, schwarzen, zu einem Haarknoten gebundenen Haare. Die italienische Mutter vererbte ihr den dezent gebräunten Teint, der die weiße Bluse überstrahlte. Für weitergehende Betrachtungen blieb ihm keine Zeit. Langsam verschwand der Kloß im Hals. Mit gestreckter Hand meinte er höflicher wie vorgesehen: „Herzlich willkommen. Ist irgendetwas passiert? Ich hatte Dich erst später erwartet.“

„Wolfhard, die Anweisung ließ keinerlei Spielraum zu. Komm hier her nach Leipzig, schnellstens. Da bin ich!“, sagte sie hochgestimmt. Wolfsberg reagierte baff, unfähig, Freude zum Ausdruck zu bringen. „Ich hoffe, der Flug verlief angenehm?“, lag verhalten auf den Lippen. Liesa stutzte. Der Empfang erzeugte Hellhörigkeit. Ihr Chef roch nach Alkohol. Was sonst. „Ich vergebe ihm“, schwor sie insgeheim. Lächelnd sagte sie: „Verfüge über mich! Ist es gestattet, einzutreten?“ Das brachte Bewegung in die Lethargie des unkonventionellen Erwachens. Die Frau übte lange Einfluss auf ihn aus. Wie gebannt schaute er in ihre dunkelbraunen, Milde ausstrahlenden Augen. „Liesa, verzeih mir. Im Augenblick stehe ich neben mir. Ach was rede ich da! Du wirst mich verstehen, wenn ich es Dir erklärt habe.“ Wortgebilde strichen über zusammengepresste Lippen. Das alles wirkte unnatürlich, gespenstisch, brachte mehr geschwollene Satzkonstruktionen hervor. „Stand hier ein Verrückter. Nein, nicht mein Wolfhard. Ein Säufer?“, fuhr es der eintretenden Frau sofort durch den Kopf. Im nächsten Augenblick prasselten Gedankenfetzen auf sie ein. Die erschienen ihr nachgeahmt, unpersönlich, wie nie vorher wahrgenommen. Körperlose, salbungsvolle Sätze sprudelten aus den zu Schlitzen mutierten Lippen. Das klang wie das Inferno von Mündungsfeuer aus einem Maschinengewehr an der Front. Das alles wirkte wie auswendig gelernt, unnatürlich. Zu spät. Scham kam auf. Wolfsberg erklärte voluminös das Glücksgefühl ihres Erscheinens. Liesa stand indes in der offenen Tür. „Stellst Du mich hier ab?“, rüttelte ihn auf. „Entschuldige“, murmelte er verwirrt. „Bitte tritt ein. Du erweist mir einen beachtlichen Dienst.“

„Wieso, weil ich Dich in diesem Zustand nicht kritisiere?“

„Nein, wegen des Strategiepapiers. Das brachte mir die allerhöchste Lobhuldigung der Gefährten ein.“ Das traf sie wie ein Hammerschlag am Körper. Perplex darüber, fragte sie sich in Sekundenbruchteilen: „Was erzählt der Chef da? Steht hier ein Geisteskranker? Totaler Schwachsinn“, schoss es ihr durch den Kopf. „Wolfhard, lass das. Wir klären das bitte später. Du hörst Dich abgespannt an, wie ich meine.“

„Ja, das ist nicht so weitläufig hergeholt, stimmt! Die Herren haben die Geheimschutzerklärung zur Gründung der Bruderschaft anerkannt. Ab sofort übernimmst du den Posten der Geheimschutzbeauftragten. Glückwunsch!“

„Danke! Was erwartest Du?“, brachte Liesa steif zum Ausdruck. Wolfsberg fiel diese Nuancierung im Augenblick nicht auf. „Deine Zufriedenheit. Die Ehrenerklärung liegt unterschrieben vor. Das ist ein historischer Moment für den Start einer strategischen Offensive. Erfreut es Dich nicht, das zu hören?“, meinte er um Verständnis bemüht.

„Wolfhard, was bedeutet dieser schwülstige Pathos?“, hielt sie dem Redeschwall entgegen. „Was ist, bleibe ich hier stehen? Du wirst mir Einiges anzuvertrauen haben.“

„Klar, das ist ohne Mühe zu erraten. Komm rein. Setzen wir uns. Das ist wesentlich bequemer.“

„Von mir aus gern.“ Wolfsberg seufzte.

„Sie durchschaut mich“, behielt er den angesammelten Speichel im Mund schluckend, für sich. „Okay, ich bin nicht voll drauf, wie du siehst. Zuviel Alkohol, dagegen der Erfolg, der für sich spricht. Fange Du an, Liesa, übernimm das Wort.“

„Danke“, kam es klangvoll zurück. Derweil strebte sie auf einen Sessel zu, setzte sich, die langen Beine eines über das andere geschlagen. Er trat neben sie. Verspannt nach vorn gebeugt, drückte er mit zugespitzten Lippen einen flüchtigen Kuss auf die Oberfläche der Haut. „Hängen wir heute in Leipzig ab“, brachte die belegte Stimme mit holprigem Worte hervor. Das nahm sie nicht auf. Stattdessen führten die Nachwirkungen des Handkusses zu einem verlorenen Kampf. Das Kribbeln in den Spitzen der Brust ja sogar im Unterleib erzeugten für Sekunden Emotionen. Zu kurz, den das Erstarren des genussvollen Augenblicks vollzog sich rasch. Das Gefühl, solche Momente auszuleben stand in der Ferne. Nicht mit dem Mann Wolfsberg. Fragen blieben unbeantwortet. „Erwartest du, dass ich mich dafür verstecke? Steht mir der Anspruch eines liebevolleren Empfangs zu? Gehört sich das mit knapp Vierzig nicht, wenn ich menschliche Bedürfnisse empfinde? Ergibt sich daraus eine Fehlleitung meiner Gefühle?“ Diesen Gefühlsschwankungen gab sie nicht nach. Kontrolle beherrscht alles. Die Überzeugung, damit parat zu kommen hielt bis heute. Doch reichte es jetzt. Ein Stückchen harter Arbeit folgte, um ihr Herz durch ausgeprägten körperlichen Kontakt nicht zu überfordern. Im Kopf jubelte ungeachtet dessen die Geisterstimme.

„Klar bin ich darauf eingestellt, mit ihm den Osten zu erobern. Nicht, um Arbeitstier zu spielen, wie eine Sklavin. Ich sehne mich nach packenden, unterhaltsamen, inspirierenden Stunden mit dem Mann der Träume, mehr nicht. Keinen Chef, der hilflos wirkt, unbeholfen, schwächelnd, dabei spärlich anziehend. Von Gewicht ist, dass er mir zuhört. Auf diesem Verständnis basiert meine Veranlagung, den Moment zu leben. Klar, dass erzeugt den Augenblick, wo ich schutzlos ausgeliefert bin. Doch im Endeffekt quäle ich mich dafür gern!“ Für Wolfhard Wolfsberg erschien Liesa unumstößlich in Gestalt der fehlerlosen Frau. Eine irre Annahme, denn sie zu beherrschen, funktionierte zu keiner Zeit. Das schloss die Vorstellung ein, Verantwortung für die Bruderschaft in ihre Richtung zu delegieren. Eingeschlossen der Umstände, die niemals für ihn darstellbar sind. Das passierte zu Lebzeiten des Vaters beträchtlich oft. Eines blieb, für den Sohn schlüpfte Liesa sodann in die Rolle des Sündenbocks. Eigenes Fehlverhalten reinzuwaschen, dafür benutzte er sie gern. „Schade“, geisterten unausgesprochene Sichtweisen im Kopf der Frau herum. „Offiziell existiert unsere Beziehung heute nicht.“

„Du änderst das umgehend ab“, forderte der unsichtbare Geist. „Gib dem Herrn Anwalt zu verstehen, dass in dem brisanten Dokument deine Ideen stecken. Biete unbedingt die Kraft auf, damit er dessen Bedeutung erkennt. Du hast das Zusammenspiel der Bruderschaft auf dem Papier fixiert. Ein Meisterwerk, verkaufe das. Unterstreiche die zukünftige moralische Wirkung des Siegels. Der Wolf, Leittier des Rudels, hüte dich davor, den zu unterschätzen. Klar?“ Ihre Konzentration auf ein solches Glaubensbekenntnis beanspruchte Minuten. Zeit, die einem Balanceakt, einem Tauziehen, gleichkam. Das auszukosten, löste eine enorme Reizüberflutung der Sinne aus. Fakt blieb, an der Ehrenerklärung gab es keinerlei Änderungen. Die Botschaft prophezeite eine glasklare Zukunft. Liesa schwächelte schlagartig, der Atem klang schwerfällig. Die letzten Kräfte reichten für den Gang zur Toilette. Ihr Magen reagierte auf unbewältigten Stress. „O Gott, ich übergebe mich“, widerstandslos, unfreiwillig, nahm der Körper das Signal an. Es dauerte ein Weilchen, bis das unheimliche Gefühl verschwand. „Lass dir nichts anmerken. Du wirst ansonsten einen aussichtslosen Kampf gegen den Mann führen. Er gibt sich unfähig, echte Gottesfurcht zu empfangen. Das Streben nach Geltung sowohl Einfluss stellt die einzige, unersättliche Triebkraft der gequälten Seele dar. Sammle deinen Geist, bezwinge damit die Ängste!“ Hinter ihrer Stirn trommelte es unaufhörlich, schmerzlich. „Schaffst Du das nicht, passieren unweigerlich viele merkwürdige Ereignisse, die Dich auf der Verliererseite positionieren.“

Eiskaltes Wasser sprudelte im Bad aus dem Hahn, es trieb die vorübergehende Blässe aus dem Gesicht. Minuten später, stand sie erneut dem Juniorchef gegenüber. „Alles okay?“, fragte der in ihre Richtung aufblickend. „Ja, was sonst.“ Dem Mann bleibt die kurze Unpässlichkeit verborgen. Die Beschäftigung mit der eigenen Person überwog. Es bedurfte keinerlei Anstrengung, ihn glimpflich davon kommen zu lassen. „Ich gönne Dir eine Ruhepause. Deine unerträgliche Großspurigkeit wird Dir vorerst vergehen! Mir ist klar, hier steht ein Rechtsanwalt vor mir, eine integre Amtsperson, dem man im Ernstfall nie irgendetwas anhaben wird.“ Unausgesprochene, aussichtslose Worte, die im nirgendwo verschwinden. Wie immer bei derartigen Konstellationen trat der Moment von Schande in den Vordergrund. Vergebung anderen zuteilwerden zu lassen, bedeutete ihr eine gewaltige Menge. Wenngleich es Wirrnisse im Leben gab, die sich nicht mühelos so vom Tisch wischen ließen. Ihr sexueller Missbrauch zählte zu solch einem schwerwiegenden Ereignis. Staatssekretär Wolfsberg, der verstorbene Vater des Juniorchefs nahm schwer angetrunken Schuld auf sich. Beißender Gallensaft stieg jetzt wiederum in ihr auf, weil dieser grausige Moment in den Vordergrund rückte. Ungewollt, doch unaufhaltsam, trotz Übereinkunft zum Stillschweigen. Das Dilemma bestand im unvergessenen Ekel der Penetration in ihren Körper. Scheußlicher zeigte sich die Erkenntnis, dass Wolfhard, ihr gutherziger Freund, das nicht verhinderte. Seitdem gelobte sie Gott, dem Vergewaltiger zu vergeben, um dem Trauma ein Ende zu setzen. „Ich benutze deinen Sohn“, schwor sie in vehementer Verzweiflung. „Verlass dich drauf, ich ringe ihm das ab, was er am allermeisten hasst. Eines Tages wird die Blutlinie der Wolfsberg auslaufen. Zu diesem Zweck unternehme ich alles, lege ihm obendrein Huren ins Bett. Nur heute Abend schrillen die Signale in meinem Körper.“ Die Bad Tür schlug mit einem wahrnehmbaren Pop zu, da hörte sie ihn in gewohnter Manier. Die Zeit zum Nachdenken wurde knapp. „Liesa, Du kommst nicht umhin, deinen Chef morgen früh bei den Leuten der Raffinerie im Geiseltal reinzuwaschen. Lass Dir was einfallen, ja?“

„Wie Du es verlangst. Unter einer Voraussetzung. Bitte mich darum“, führte sie den Satz zu Ende aus. Erstaunlicherweise gab es kein Veto, Grund genug, um fortzufahren. „Was gibt es denn zu erledigen, Wolfhard?“

„Wirst Du gleich erfahren. Sonst sehe ich eine Gefährdung für deinen Anstellungsvertrag, reicht das?“ Die Bemerkung saß. Betroffenheit, zugleich mit dem aufkommenden Gefühl der Demütigung blieb zurück. Egal. Insgeheim stand ihm Zufriedenheit im Gesicht. Vor allem deswegen, weil Liesa nicht direkt die Gründe dafür erfragte. Aufpassen schien angesagt. Die Erfahrung lehrte ihn, dass sie blitzschnell in der Lage lebte, umzuschwenken. Endlich bemerkte er die Gelassenheit in ihrem Minenspiel. Der Versuch, den Wortklaubereien auszuweichen, endete mit einem vergnüglich aussehenden Grinsen.

„Und, verträgst Du einen Whisky?“

„Klar, meine brave Freundin.“

„Okay, sodann lass uns zu Abend essen.“ Sie lächelte dabei verheißungsvoll. Die Sekretärin, Hausangestellte, Gesprächspartnerin, wie Mädchen für alle Nöte, gab es schlagartig nicht mehr. „Ich gebe ihm Zeit bis zum zweiten Whisky, später lege ich den Finger in eine seit Jahren schwelende Wunde. Das krempelt ihn um, so garantiert, wie das Amen zur Kirche gehört. Ich lehre ihn, die latente Leidenschaft in den Tiefen des Gehirns zu entfachen. Das schwöre ich!“ Ihr Glaube daran ist unverstellt. Die alten Vorurteile, der Automatismus in der Beziehung vergeben. „Damit das Feuer brennt, versorge ich es mit Futter, unaufhörlich. Heute passiert es. Er wird mir nicht entgleiten“, darum drehten sich die Gedanken vordergründig. „Wie komme ich dem nach“, wurde da schon im Keime erstickt. Es überlagerte die Vorstellung, ihm ein Zugeständnis abzuringen. „Das wird ihm die Erkenntnis verschaffen, unser Miteinander wie einen lautlosen Widerstand gegen die Vergangenheit anzuerkennen.“ Es kam besser, weil die Mitteilsamkeit von Wolfsberg dem zuträglich war. „Liesa, hör zu“, sagte er, den Kopf dabei zur Seite drehend. Wenngleich er an ihr vorbei sah, quoll es aus ihm heraus: „Du genießt das Ansehen der Bruderschaft. Sei nicht verärgert, denn ich genoss es, mit Dir ein bisschen zu protzen. Männer inhalieren das gern.“

„Wolfhard, Du erklärst mir, dass mein Körper mehr im Fokus stand, wie fachliche Aspekte?“

„Ach Liesa, Schluss jetzt! Du besitzt eine ausgefallen inspirierende Figur. Die neidvollen Blicke von Hubert Tauber, dann die von Werner von Apitz, oh, das lief mir wie Öl runter. Der Speichel tropfte denen bei der Beschreibung deiner körperlichen Vorzüge das Kinn herunter.“

„Oh, hmm, das heißt?“

„Na alles ist in Sack und Tüten. Das gezielte Herumprotzen unterstützt partiell ebenso Erfolge. Das Loblied auf die weiblichen Wesenszüge zeigte sich dafür bestens geeignet. Du zählst jetzt zum Team im Status einer vertrauenswürdigen Kameradin.“

„Nein, niemals, Wolfhard. Das ist zu schwulstig, fremd. Das bin ich nicht.“

„Komm schon mein Mädchen. Klar, streckenweise galoppierten die Pferde mit mir durch. Solche Momente lassen sich zeitweise nicht anders gestalten. Denke an den Zweck, wofür ich dem nachkam, behalte ihn im Auge. So, in dieser Sekunde ist alles gesagt. Das gefährliche Spiel, wie Du es empfindest, liegt ungeschminkt vor Dir.“

„Das reicht mit nicht. Bei der Schande Deines Vaters, Du stürmst einfältig drauflos, setzt unsre Beziehung dem Schmutz aus. Was ist mit dem Schwur, der Dich zur Enthaltsamkeit verpflichtet. Was ist im Gedächtnis davon hängen geblieben? Ohne Anzüglichkeiten von mir zu sprechen, galt abgemacht. Du weißt genau, dass wir nur vertraut miteinander umzugehen vermögen, wenn die Wahrheit auf den Tisch kommt. Dabei balzt du fremd mit mir, um haltlose Männergelüste zu befriedigen. Mehr fällt dir nicht ein?“

„Okay, bevor Du mich erschlägst. Auf deine Verantwortung hin. Unter Umständen hilft das, um den Kopfdruck zu entlasten.“

„Wolfhard, Du erwartest, dass ich morgen von der Wahrheit abkomme. Lügen ist nicht meine Sache.“

„Jetzt verhältst Du Dich zügellos, Liesa. Wer fordert denn, dass Du das für mich ausführst? Ich tu Dir das nicht an. Es gab ein logistisches Problem. Das passiert doch jeden Tag auf irgendeiner Machart. Bleibe sachlich!“

„Wolfhard Dir zuliebe, okay. Wenngleich, dem Alkohol schuldest Du, verpennt zu haben. Das leugnest Du hoffentlich nicht.“

„Hmmm, bei meiner Ehre, stimmt! Lass uns zu bedeutenderen Themen übergehen. Konzentriere dich, alles dreht sich um deine Person. Was tat ich doch gleich den Gefährten gegenüber kund? Ach ja! Sie lebt in ihrem erotisierenden Körper jeden Tag wie der leibhaftige Engel für die Dynastie der Wolfsberg. Ihr überdurchschnittlicher Intellekt rettete mir oftmals sprichwörtlich das Leben gerettet. Das seit ihrem fünfzehnten Lebensjahr. Verehrter Kamerad Werner, ein Moment der Schwäche genügte, um sie eigenständig zu verführen. Meine Ehrlichkeit bezahlte ich gehörig.“

„Wieso, Wolfhard? Warum die bescheuerte Ansage?“ „Weil von Apitz auf einer Erklärung bestand. Ergo versicherte ich ihm, dass die mir innewohnende Mutlosigkeit ein grandioses Jammertal ist. Dagegen bin ich machtlos. Es ist mir nicht vergönnt, dir gegenüber glasklare Gefühle aussprechen.“

„Das ist doch Einbildung. Du stehst mitten im Leben. Die Schande ist mit dem Ableben deines Vaters verweht. Zumindest reden wir rückhaltlos darüber. Verstecken, das erzeugt keinen Sinn. Die Angst ist besiegt. Wolfhard, Du beschämst mich.“

„Mensch, das klingt ja nach der Stimme einer Freundin.“

„Wart´s ab, da kommt etliches hinzu. Diese Art der Enthüllung hatte zumindest den Vorteil, dass sie mir eine von Schuldgefühlen aufgesessene Dankbarkeit nahm. Klar, ihr Körper ist faszinierend, verkündete ich lauthals. Doch im Nachhinein verteilte ich Ohrfeigen für die Offenlegung zutiefst ehrlichen Gedanken. Ja, ich gab mit dir an, frei jeglicher Negativmomente. Ist nun mal so! Das unternahm ich in der Gewissheit, dass der Geist im Hinterkopf zugleich einen Schalter bediente, um das Geheimnis zu bewahren. Ohnmächtige Angst um mein Seelenheil befiel mich. Zeigt das den Verlust um die Bruderschaft, den Job an?“ Mit schier weinerlicher Stimme richtete er die grasgrünen Augen aus. Deren geheimnisvolle hypnotische Wirkung eilte ihm voraus. Insbesondere, wenn sie auf die seltene, tief dunkelbraune Färbung der Iris von Liesa trafen. Im gleichen Moment läutete die Alarmglocke, denn das erschien nicht fair. „Ich bin ein Schwein, buhle um ihr Wohlwollen, indem ich mich ihrer Verlustängste bediene.“

„War´s das Wolfhard“, hörte sich daher auf irgendeine Art fehlgeleitet an. „Ist es das, was ich spüre, Unmengen Adrenalin in deiner Blutbahn?“

„Stimmt, Liesa, die Begierde törnt den Körper an“, meinte er mit hochrotem Kopf. „Du quälst meinen Geist mit Peinlichkeiten. Ich bin zwar der Chef, doch auf irgendeine Art wohnt da Jemand in mir.“ Die Gedanken kreisten urplötzlich auf niedrigem Niveau rund um das Fleisch der Frau. „Verdammt. Gefangen in der Welt jener Betrachtungsweise ist sie ein Objekt, auf das ich mich stürze“, lenkte die Stimme im Hinterkopf ein. Dagegen ließ sich nichts ausrichten. Das Pochen in der Schläfe verstärkte den Aufschrei. Es gab keinen Ausweg? Im Gegenteil, unbändiger Zwang mit ihr zu reden, brachte ungeahnte Vorstellungskräfte zu Tage. „Verehrte Freundin, ich sehe in dir eine tapfere Frau. Ich bin ein Idiot, weil das spät aus mir herausquillt. Die letzten Stunden trafen mich hart, entschuldige. Komm, lass uns unten im Restaurant was essen.“ Sie nahm es gelassen zur Kenntnis. Ein unbefriedigender Ausgang, zumindest mit einem Teilergebnis, das mehr Nähe zu ihm erlaubte. Ihrem Plan brachte das keinerlei Abstriche. „Okay. Von mir aus gern.“ Ein diensteifriger Kellner platzierte sie sofort an einem reservierten Ecktisch. Der Vorteil von freier Sicht auf die anderen Gäste gehörte zu dem Argumente, auf das er Wert legte. Er suchte umständlich nach Worten. „Womit verwöhnen wir die Geschmacksnerven? Ein Sherry, ist das okay? Ich suche das Menü aus.“

„Gern, ich passe mich Deinen Wünschen an.“

„Na prima. Ich wähle für uns Rinderfiletsteak, Medium, frischen Salat. Einen heimischem Weißwein.“

„Eine ausgezeichnete Entscheidung“, strahlte Liesa ihn an. Sie erwartete die Reaktion gelassen, nahm zur Kenntnis, dass der Mann erstaunlicherweise ihrer Auswahl zustimmte. „Seltsam“, überlegte sie, um damit die Konzentration auf eine erhöhte Aufmerksamkeit zu richten. „Pass auf“, verinnerlichten sich die Gedanken. Kurze Zeit darauf aß sie mit erstaunlichem Appetit, wobei ihr Blick in der Runde anderer Gäste haften blieb. Die Gefahr des Ausspähens bestand hier nicht. Indes, ihr Gegenüber stocherte appetitlos in dem Steak herum. Kein einziges Wort kam über die Lippen. Liesa gab der Bedienung ein Signal. Fünf Minuten später stand in Begleitung eines doppelten Obstlers der Marke Williams Christ, dampfender, tiefschwarzer Espresso vor ihnen. Die Welt schien damit in Ordnung. Einstweilen richtete Wolfsberg den Blick verstohlen auf sie aus. Sie bemerkte, wie die Augen den kleinformatigen Ausschnitt des Dekolletees fixierten. Ebenfalls entging ihr nicht das Leuchten der Pupillen. Das durchscheinende Grün mit glitzernden Einlagerungen erzwang den Vergleich mit einem Edelstein, dem Aventurin. Erst jetzt formte dieser Gedanke eine Art roten Faden im Kopf, begleitet von ihrem Okay. „Oh je, die Reaktion auf die mentale Beanspruchung zeigt sich heftig“, durchfuhr es Liesa. „Klar, die erhöhte Aufmerksamkeit entwickelt logischerweise mehr Gedächtnisleistung.“ Doch die Frage, ob sich dahinter emotionales Anspruchsdenken des Mannes verbarg, blieb unbeantwortet. In Wirklichkeit hatte Wolfsberg mit einer Reizüberflutung zu kämpfen, die infolge überspitzter Vorstellungskräfte entstand. Ungewohnt erschien das nicht im Geringsten, denn das Starren auf ihre Brüste schien ihm angeboren. Sie steckte das mittlerweile mit einem Grinsen weg. „Du gestattest? Ich bestehe darauf, ein kurzes Statement zu geben. Da packe ich insgesamt acht Punkte rein. Erlaubst du? Aber bitte unterbrich mich nicht!“ Durch den Körper von Wolfhard Wolfsberg verlief ein Ruck. Sekundenlang setzte ihm ein heißes Glühen zu, das in Kälte auslief. Dann verbreitete sich unerklärliche Angst, die anhaftend verblieb. „Was bezweckt die Frau? Ach Blödsinn, bilde ich mir da was ein.“ Von daher überließ er ihr mit einem zustimmenden Nicken lächelnd die Initiative. „Ich höre dir aufmerksam zu.“ Konzentriert eröffnete Liesa aus dem Gedächtnis ihr Memorandum: „Erstens: Ich lasse Dir eine Belohnung zukommen. Zweitens: Ich erlaube Dir, jederzeit, in jeder Beziehung, über mich zu verfügen! Drittens: Ich stehe hundertprozentig zu Dir! Viertens: Wir setzen ab heute eine gleichberechtigte Partnerschaft in Gang!“ Sie bemerkte, wie mit dem letzten Wort das Lächeln des Mannes erstarb. „Lass mich erklären“, hob die Stimme an, zu mehr kam er nicht. Ein deutliches „Nein, Wolfhard“, ermahnte zur Disziplin. Sie wartete keine Antwort ab, rief die nächste Position aus dem Gedächtnis auf. „Fünftens: Basis ist die Ehrenerklärung mit Deinen Kameraden. Sechstens: Unsere Beziehung ist den Umständen geschuldet, eine Affäre, die du mir gegenüber nicht leugnen wirst. Siebentens: Du räumst mir lebenslanges Wohnrecht im Herrenhaus in Wahlberg ein. Egal was passiert. Achtens: In Hannover ernennst Du mich endlich offiziell zur Büroleiterin. Die Sonderregelungen der Geheimschutzbeauftragten gelten für die Kanzlei ebenso wie der Bruderschaft. Jährlich erhalte ich ein Grundgehalt von 100.000 Mark, zahlbar in zwölf gleichen monatlichen Raten. Die Boni für zusätzliche Dienste im mitteldeutschen Geiseltal verhandeln wir separat. Die Laufzeit des Vertrages beträgt jeweils fünf Jahre. Sie verlängert sich ohne Kündigung zum Jahresende.“ Schweigen herrschte unvermittelt am Tisch. „Halt ein, Liesa. Bei jedem Geschäft wird die Ware geprüft. Das musst Du mir schon zugestehen. Also lass mich nachdenken. Es erstaunt mich schon. Du hast Dich gründlich auf unser Gespräch vorbereitet. Hab ich total unterschätzt. Verzeih mir. Aber wenn du nur darauf aus bist ein grundsätzliches Zugeständnis zu erhalten, dann erteile ich es hiermit“, sagte er gelassen. „Dennoch, ich fühle mich irgendwie überrumpelt. Sag, muss ich mir nun Sorgen machen?“

„Nein, das ist nicht erforderlich. Und ja, ich nehme das zur Kenntnis. Es überrascht mich. Du gibst nach. Spiegelt sich darin deine Stärke und das Vertrauen in mich aus, von dem du so gern sprichst? Meinst du nicht, dass darin ein hoher Grad an Gefährdungspotential liegt?“

„Ach, wieso das? Wir reden einzig über schnödes Geld. Ich entwickle keinerlei Ansprüche auf Anteile an irgendwelchen Geschäften. Um Dich buhle ich. Deine Gunst ist mit lebenswichtig.“ Einer plausibleren Aussage wich er aus. Dagegenhaltend meinte er: „Nimm Hannover für den Beginn einer spannungsreichen, explosiven Zeit an meiner Seite. Bereden wir doch später den Rest.“

„Nein, nein, nein“ sprang sie mit zitternder Tonlage darauf ein. „Heute verlange ich eine Antwort. Wir klären den Grundstock der Arbeitsbeziehung unausweichlich hier am Tisch.“ Sie sah ihn an. „Du weißt am allerbesten, dass das nur in dieser Form funktioniert. Hannover liegt endlose Kilometer im Westen. Ich bin dir mit Haut und Haaren ohne Vertrag ausgeliefert. Lass uns das korrigieren. An Geld fehlt es garantiert nicht. Einzig, Du fühlst Dich angepisst, überrollt, in der Ehre verletzt. Denke über Dein Verhalten von vorhin nach. Einen miserableren Empfang gab es schon ewig nicht mehr.“ Zwangsläufig sah sie zu ihm auf, denn er erklärte: „Bitte gib mir ein paar Minuten Zeit. In der Zwischenzeit besitzt du die Freundlichkeit, uns Whisky zu bestellen.“ Sie nickte beflissentlich, ohne ihre Konzentration auf die Bewegungen des Chefs auszusetzen. Mit zusammengekniffenen Augen erhaschte sie den Zeitpunkt, wo er in die Innentasche des Jacketts griff. Das Herumkramen dauerte unendlich lange, bis abschließend eine zusammengefaltete Seite des grünen Schreibmaschinenpapiers hervorkam.

„Das ist es, jenes ominöse Strategiepapier“, fiel ihr in dem Moment ein, wo der Kellner die Bestellung für den Whisky entgegennahm. „Damit verfügt das Männerbündnisses ab sofort über einen Heiligenschein, an dem sich die Gefährten aufrichten. Von mir aus“, beendete ihre Überlegung. Schottischer Single Malt wurde serviert. Sie schauten sich beide an. „Was passiert nun, Wolfhard? Du schuldest mir eine Antwort! Doch was beabsichtigst Du, mir mit dem Papier zu sagen? Ich habe es für Dich schließlich aufgeschrieben.“

„Trinken wir zuerst auf den Erfolg.“

„Du überraschst mich, erzeugst in mir eine ungeahnte Gefühlswallung. Im allerersten Moment spekulierte ich, dein Statement ist ein Scherz. Aber sofort begriff ich, du erwartest fürwahr eine ernsthafte Zusage. Oh verdammt, wie beispiellos und töricht von mir, das zu unterschätzen. Schon wieder zeigt sich, der erste Angriff ist das substanzielle Instrument, um Erfolge zu generieren. Das gab dir der Herr Vater mit in die Sekretärs Wiege. Eine Taktik, die im Hause Wolfsberg die Erfolgsquoten ankurbelte. Meine Hochachtung. Acht Punkte, oh Mann, ein Knaller vom Allerbesten.“

„Damit weißt Du ja, dass eine Entscheidung ansteht, oder überfordert Dich das?“

„Nein, ich stehe ohne Ausnahme hierfür ein. Du gebietest über die Gefährten, ein wahrer Engel im Männerhaufen. Doch der Reihe nach. Ich lege daher gleich die Karten auf den Tisch. Dir ist klar, ich bin der Bruderschaft verpflichtet. Die Kameraden benötigten einen Organisator, ehrenamtlich. Diese Aussage steht im Raum. Das ist alles?“ Spontan lachte er mit einem aus dem Bauch aufkommenden glucksenden Geräuschs auf. „Liesa, meine Kehle ist zu trocken für eine harte Diskussion.“ Der ursprüngliche Überschwang verzog sich rasch. Mit ihm die heimlichen Gedanken, sie ständig in Habacht zu parken. Einzig, das monotone „mutig Liesa“, blieb in der Luft am Tisch hängen. Einer der Gründe, die zum Grübeln beitrugen. Das bemerkte sie unverkrampft, ohne ihn daraufhin anzusprechen. „Abwarten, ich füge mich in Geduld. Er wird sich äußern.“ In Wolfsbergs gasierte indes die Unschlüssigkeit. Sie signalisierte das nächste Leck, das es zu stopfen galt. Es fokussierte den zunehmenden Einfluss des Koordinators im Männergespann. Da drehte es sich mehr darum, wie die Bereitschaft, ihr das Gesagte zuzugestehen. „Gab es denn Alternativen? Sie wird es nicht wagen, einen von uns anzugreifen. Liege ich daneben? Verdammt, klares Nachdenken ist mir abhandengekommen“, schlüpfte aus den zusammengepressten Lippen hervor, sodass es Liesa hörte. Verlegen schaute er sie an. „Es ist dringend, bitte entschuldige mich einen Moment“, meinte er mit einer fahrigen Handbewegung in Richtung des hinteren Raumes. „Kein Problem!“, kam es zurück. Sie erahnte, dass er die Toilette aufsuchen wird, um Zeit für Antworten zu gewinnen. „Gestattest du?“ Sie griff nach dem grünen Blatt Papier. Verunsichert, mit einem Versprecher auf der Zunge, stotterte er, „äh, wieso, was soll das?“ Ein abschließendes „Einverstanden!“, blieb hängen. Die DIN A4-Seite lag in ihrer Hand. Wolfsberg erhob sich augenblicklich. Wie vorausgesehen, strebte er dem Männersymbol an einer Tür im Hintergrund des Restaurants entgegen. Dem Grundsatz nach bestand für ihn kein dringender Anlass zum Urinieren. Stattdessen stand vor dem brusthohen Spiegel ein Mann, der das reflektierende Bildnis beschimpfte. „Na, dreht sich alles um dich, Herr Rechtsanwalt?“ Das schuf Unsicherheit, transportierte obendrein Anzeichen von Wut. Doch die setzte erstaunlicherweise Zielenergie frei, die ihm half, Fragen lösungsorientierter aufzustellen. „Wie erkläre ich das den Kameraden? Ist die Frau ein Sicherheitsrisiko? Wie trete ich dem gegenüber? Was ist mit unserer Festlegung, sie wie einen vertrauten Organisator zu betrachten?“ Mit aufgerissenen Augen starrte er auf das Spiegelbild. Das davor stehende Bildnis sagte: „Du fühlst dich unbesiegbar! Stimmt`s? Egal was du unternimmst, nichts ist unberechenbar! Tu es, schenke ihr vorbehaltlos dein Vertrauen! Nimm sie beim Arsche des Propheten für das, was sie ist, wahr, eine liebliche Frau!“ Die letzten Worte hallten dröhnend vom Spiegel zurück. Irritiert, steckte ein besorgter Kellner den Kopf durch einen Spalt der Tür. „Alles in Ordnung, mein Herr?“

„Ja, ja, ein Glücksgefühl hatte mich übermannt“, stotterte der. „Danke für die Umsicht!“ Auf dem Fuß folgend, meldete sich unumgänglicher Harndrang. Mit dem dampfenden Strahl spielend, urinierte er wortlos. Minuten später saß ein gestärkt ins Auge fallender Mann neben Liesa. Diesmal sagte er lachend der Frau zugewandt: „Ich bin einem widerwärtigen Kerl begegnet. Der belästigt mich nicht mehr. Komm, stoßen wir an!“

„Worauf trinkst Du mit mir?“

„Auf unsere Partnerschaft. Mit der Affäre, das bleibt so im Raum stehen. Bloß nicht wegwischen, bitte! Ich bin der Auffassung, Du meinst das symbolisch. Schenk mir jetzt deine Aufmerksamkeit. Unterbrich in aller Ruhe, wenn Du Gefallen daran findest.“

„Okay Wolfhard, wird geschehen.“ Der Mann wartete nicht ab. Worte sprudelten aus dem Mund. „Wir beide sind ein Team mit Zukunftschancen in einer vertrauensvollen Zusammenarbeit. Bis heute fühle ich mich unerklärlich von dir angezogen. Liesa verzeihe mir auf die Art, wie ich sie von einer ausgewogenen Wettbewerbskultur erwarte. Mit dem Osten im Rücken wird unsere Kanzlei rasant wachsen. Du wirst sehen, ein gewaltiges Dauerhoch wird das begleiten.“ Sie sah in glänzende, wie von einem Fieber befallene grasgrüne Augen. Abwarten, ihre Enttäuschung über den Schleier der Ausrede Ausdruck verleihen, verlor sich im Hintergrund. Überrascht nahm sie zur Kenntnis: „Damit umzugehen, lehre ich Dich. Privat bleiben wir engste Freunde, Du verstehst das. Na ja, ein bisschen Fummeln ist drin, wenn Du das zulässt. Hmm, klar, mehr davon hängt ja von der Stimmung ab. Ansonsten leben wir die Trennung der Gefühle vor. Das sind wir der Vorurteile wegen, den Kameraden schuldig.“

„Autsch, das bringt ein abgründiges Loch zwischen uns“, lag ihr auf der Zunge. Sie beließ es dabei, schluckte die darin enthaltene Bitternis hinunter. In eigenen Gedanken versunken nahm sie die nachfolgenden Bemerkungen am Rande wahr. Die bereiteten zwar eine Art Lobgesang vor, doch sie blieben nach dem soeben Erlebten unerträglich. Wie bei einem Mädchen, das ungeschützt, erwartungsvoll in die Zukunft sieht, kennzeichnete Erstaunen ihr Gesicht. Zu spät. Wolfsberg lobhudelte dicken Rotz um die Backen. „Standhaftigkeit ebenso wie Loyalität sind Wesenszüge, an der sich die Bruderschaft in einem Rastersystem orientiert. Du entsprichst haargenau dem Schema, das für den Einsatz eines Sachverwalters zwingend erforderlich ist. Liesa, ich übermittle damit die Wertschätzung der Kameraden. Darin eingeschlossen ist die Aufgabe, die korrekte Verwendung des Siegels der Gemeinschaft zu garantieren. Das Symbol, der Wolf, Du erinnerst Dich, ist mit nichts anderem vergleichbar. Es steht für ewig anhaltende, kameradschaftliche Treue. Dieser Job ist Top Secret. Entscheidend ist, wir bauen eine gigantische Sozietät in Europa auf. Pass auf. Hier die Zusage. Eine getreue Kameradin verdient die volle Wertschätzung. Dem Forderungskatalog stimme ich deshalb zu. Glaub mir, meine Kameraden sehen das ebenso. Glückwunsch, Liesa! Zufrieden?“ Abrupt endete die Rede. Doch die Konzentration galt ihren sanften, dunkelbraunen Augen. „Ist das Leuchten ein Siegestaumel, den ich ihr abrang?“ Ein überdimensionales Frohlocken breitete sich aus. Das hinterließ zugleich eine Brandspur in der Seele, die ihm das Gefühl verschaffte, dass ihm diese Frau ihre Jugendlichkeit opferte. „Sie springt für die Kanzlei Wolfsberg ins Feuer. Kein anderer Mann wird sie je berühren, das schwöre ich. Ich beanspruche sie für mich.“ Sofort schrillte eine Alarmglocke los, unaufhaltsam, kraftvoll: „Sei auf der Hut! Dem Willen der Vorfahren wegen ist es nicht erlaubt, sie anzubeten. Schließe sie nicht in dein Herz ein.“ Das kostete eine kräftige Ohrfeige. Die innere Stimme entfaltete dafür enorme Kraft. Urplötzlich fiel ihm eine Antwort ein. „Blödsinn, Du surrealer Geist, Du wirst meine Auffassung von Schicksal nicht entkräften. Sie verdient Achtung, Wohlwollen, Zuneigung. Ich brauche mich nicht zu wehren gegen diese Leidenschaft oder daran ersticken. Guck in die leuchtenden Augen. Was Du siehst, ist eine knapp vierzigjährige Frau voll weiblicher Schönheit. Die Betrachtung mit der Präzision einer Maschine ist absolut unsinnig.“ Erschrocken darüber, schwieg er kurzzeitig. Dabei erschien es ihm so, auf einem verborgenen Traumpfad zu wandeln. Nur gab der leider nur einen winzigen Spalt frei, keinesfalls ausreichend, um den Gedankenblitzen Kraft zu verleihen. Das Gebilde brach ein. Liesa bemerkte in der Körperhaltung des Mannes aufkeimende Ungeduld. „O Gott, sagt er mir etwa damit, dass ich das Gestammel für Wehmut interpretiere?“ Zu guter Letzt bohrte sich in ihr Ohr: „Entschuldige, ich bin mit meiner Sichtweise vorausgeeilt.“

„Wieso, es ist Garnichts passiert?“ Das sprudelte aus ihr in vollem Bewusstsein heraus. Aufkommende Zweifel blieben im Moment ohnehin nicht ausräumbar. „Diesem schleichenden Prozess begegne ich anderweitig, später.“ Wolfsberg reagierte reflexartig. Die Befangenheit verschwand langsam mit jener Zufriedenheit, die er für das eigene Auftreten parat hatte. Er kippte sie simpel genug um, bis es aus ihm unaufhaltsam heraussprudelte. „Eine unbarmherzige fremde Welt öffnete soeben ihre Pforten.“ Liesa traute ihren Ohren nicht. „Läuft hier ein Film ab?“ Von Peinlichkeit berührt, hörte sie zu, eine verlautbare Äußerung verkneifend. „Oh Mann, das ist fatal, lachhaft, kindisch.“ Mit diesen Überlegungen steckte sie in einer Art Endlosschleife gefangen. Weglaufen, nicht drin. Sätze prasselten auf sie ein. „Meine Beziehung zu Dir basiert auf wirtschaftlicher Kreativität, auf Macht. Sie lässt alle anderen Vorstellungen verblassen. Ich bin felsenfest davon überzeugt, unsere Erfolgsstory besteht morgen den ersten Praxistest. Diese Philosophie duldet kein Jammern. Desgleichen ist das Nachtrauern angesichts vergangener Zeiten passe. Wir leben in der Welt von heute. Brauchbare Rezepte, darin liegt das Geheimnis. Sie auszuprobieren, ist ein Weiteres. Ein vom Glück begünstigter Umstand, meine ich.“ Die Stimme neben ihr redete davon, die absolute Perfektion in der gemeinsamen Sache zu sehen. „Das zu akzeptieren, nein, unmöglich.“ Diese Wandlung ließ allerhöchstens die Hoffnung erahnen, dass sich unter der brüchigen Schale positives Empfindungsvermögen verbarg. „Ja, das ist es!“ Der Mann baute zugleich eine innere Wand auf, schürte Abwehr gegen jegliche Art von Emotionen, die ihre Liaison betrafen. „Er wird die unbedeutende Angestellte nie innig küssen. Niemals!“ Sie stand auf. Der allerbeste Zeitpunkt, um sich zu orientieren. „Entschuldige, Frauensache.“ Sie nickte mit dem Kopf in Richtung der Toilette. „Okay Liesa, diesmal bestelle ich die Getränke nach.“ Das nahm sie schon nicht mehr voll in ihren Gedanken auf. „Tu`s, rollte über die Lippen.“ Unmittelbar darauf schluckte die perfekt isolierte Geborgenheit des Örtchens ihren Körper nebst Geist. „Was sagte er vorhin von dem Kerl, der ihn angelabert hatte? Was geschah da? Was für Schritte sind erforderlich, um aus ihm einen gefühlsbetonten Menschen zu generieren?“ Nicht zuletzt das dämliche Grinsen. „Ist es mir gelungen, dich zu verblüffen? Du verdammter Schwachkopf, wie gedenkst du, deine gequälte Seele in mir zu versenken? Ist das die Antwort, um meine Gefügigkeit heraufzubeschwören? Bin ich einzig ein Baustein in den Visionen, um dem Ahnenkult der Familie zu gefallen? Ich bin tüchtig genug, diese Rolle zu spielen, weil mir der Umgang mit Geheimnissen vertraut ist. Ende der Diskussion.“ Minuten später saß sie ihm erfrischt gegenüber. „Alles okay, Liesa?“ Mehr fiel ihm nicht ein. Ihr Lächeln erstarb sofort. „Wolfhard, dreht sich hier jedes Detail nur um den Job. Wird es nie eine echte private Romanze geben? Erwartest Du nichts anderes, außer, dass ich Dich nach Alkoholeskapaden vom Dreck befreie?

Bleibt es bei einer Bettgeschichte, deren Zeitpunkt Du bestimmst?“

„Tja meine Freundin, wir stehen an einem Wendepunkt. Enormes Entwicklungspotential wird die Kanzlei ins Weltall katapultieren. Klar, das greift eindeutig auf unsere persönliche Beziehung zurück. Glaub mir, die ist entwicklungsfähig. Kein Zufall bewirkt hier Abbruch. Du siehst, Zeit wird darin bedeutungslos.“

„Das klingt lakonisch. Ich brauche Dich, entspräche einem besseren Ansatz. Sag es mir direkt ins Gesicht.“

„Liesa, höre auf. Das hab ich doch schon laufend gesagt. Du liest nicht zwischen den Zeilen. Ich garantiere, das lernst Du bald. Ich weiß, die Antwort entspricht nicht deiner Gedankenwelt. Bist selbst daran schuld, weil du mir ausweichst“, endete er. „Das siehst Du falsch. Klar brauche ich Dich. Würde ich sonst dem Forderungskatalog Folge leisten? Ich tu Dir den Gefallen und wiederhole all das schon in irgendeiner Art zum Ausdruck gebrachte gern.“ Liesa hatte die Beine übereinandergeschlagen. Sie saß kerzengerade, die Arme verschränkt, auf ihrem Stuhl. Flüsternd nahm sie die Stimme des Juniorchefs wahr. „Du agierst in jeder Beziehung in der Position meiner persönlichen Vertrauten. Verstehe das bitte nicht abwertend. Es sagt wesentlich mehr aus, wie nur organisatorische Fragen zu klären. Die Kameradschaft erwartet, dass du dich um alles kümmerst, was dem Schutz der Ideen, der Überwachung von Finanztransaktionen dient. Das zu gewährleisten bedeutet, sich unterzuordnen.“ Mit einer effektvollen Handbewegung deutete er auf die Brust. „Sieh her, dieses Herz hier, darüber sprechen wir. Es schlägt für das Zusammenleben in einer Kameradschaft! Verstanden? Ich wiederhole. Du bleibst in erster Instanz meine Bündnispartnerin, denn ich bin der Taktgeber der Gefährten. Akzeptiere bitte, der Status des gleichberechtigten Partners in der Bruderschaft gebührt dir nicht. Frauen haben sich in der Gemeinschaft der Männer taktvoll zu bewegen. Du hebst dich mit deiner Position eh deutlich davon ab. Das ist notwendig, weil wir beabsichtigen, dir ein handfestes Maß an Wissen zu übertragen. Ich hoffe, dir ist klar, damit besitzt du Macht.“ Eine Pause entstand. Schweigen hüllte sie beide ein. Die eisern tönende Stimme kam zum Höhepunkt. „Liesa, prinzipiell entfaltest du dich zu einem gestaltenden Werkzeug. Die Planung ebenso wie Ausführung bleibt Sache der Bruderschaft.“

„Uff!“, sprudelte es begleitet von Speicheltröpfchen über die Lippen der Frau. Die Worte endeten in der Aussage: „Eine hochfliegende Rede, Wolfhard. Ich erkenne an, Euer Bündnis bedient Regierungsinteressen. Vorerst reicht mir dieses Wissen.“ Urplötzlich zerriss Wolfsberg die Gedankenströme. Liesa bemerkte, wie die Gliedmaße wie von einem Krampf befallen zuckten. „Entschuldige die Unhöflichkeit“, schob sich die Stimme in ihre Rede ein. „Ich platze vor Ungeduld. Im Kern erteile ich dir meine Zustimmung. Zum Fazit, unsere Sorge gilt dem Management der Raffinerie. Erst wenn die Damen und Herren vorbehaltlos für die Sache einstehen, kommt echter Spaß auf. Belassen wir es dabei!“ Eine harte Aussage. Liesa konterte ungewollt. „Ja, im übertragenen Sinne ist das zu verstehen. Dessen ungeachtet, drängt es mich, dich Persönliches zu fragen.“ Eine gewagte Strategie, denn die Mischung zwischen Privatsphäre sowohl dienstlichen Ansprüchen brachte die Chance auf eine Kehrtwende zu Tage. „Du erklärst mir nichts Neues, verehrte Freundin. Eine solche Reaktion ließ sich erwarten.“ Sie nahm das zur Kenntnis. Lauthals Zugeständnis zu erbringen, entsprach nicht ihrem Anliegen. Mit einem vielversprechenden Lächeln auf den Lippen wartete sie auf den Moment der Entschleierung. Alles lief blitzschnell ab. Unvorhersehbar schwebte es in der Luft, drang in die Ohren, um Hochgefühle zu versprühen. Der Atem stockte, weil der Mann aus heiterem Himmel die heikelste Frage des Abends stellte. „Was meinst du, dein Spiegelbild sah ich vor langer Zeit nur kurz. Erlaubst du heute einen ausgiebigeren Blick?“ In ihrem Kopf brodelte es. Adrenalin schoss durch die Blutbahn. Die Gesichtshaut lief sofort tiefrot an. Sie meinte, den intimen Schweiß zu riechen, die heiße Haut, den innigen Körperkontakt. Latente Lust lag in der Luft. Doch Liesa hatte die Gefühle im Griff. Mit nüchterner Klarheit versuchte sie erleichtert, eine Antwort zu geben. Das bedeutete, zwingend Potential nach vorn zu schaffen, klugerweise mit einer Art Öffnungsklausel für weitläufigere, vertiefende Gedanken. „Wolfhard, Absichtserklärungen gab es heute genug. Betrachten wir unsere Ebenbilder in Deinem Apartment. Ich ziehe mich bis dahin zurück.“ Wie ein heißer Atemzug traf Wolfsberg die Bemerkung. Cool im Hintergrund bleiben, das beabsichtigte er ursprünglich. Die Lage nicht verkomplizieren. „Liesa brennt wie glühende Kohle, die ich zum Löschen angetreten bin. Zugegeben, meine unmittelbare Gefühlslage bleibt ihr verschlossen.“ Emotionen brachten im Moment keinen Mehrwert. Die heimliche Kraft in ihm schrie: „Ich begehre diese Frau, sofort! Jetzt los, zahle, begib Dich zu ihr!“ Dem Signal folgte er. Behutsam, mit ungewohnte Angst, bezogen auf ihre Erwartungshaltung da oben in der Suite. Das schien allgegenwärtig. Hinzu drängte sich ein weitläufig, irrwitziges Gefühl auf. Es zu benennen, hieße der Respektlosigkeit Genüge zu vortäuschen. „Verdammt, ich bin kein Triebtäter wie mein ungehöriger Vater.“ Minuten später betrat er das eigene Apartment. Im großräumigen Bad flaute die Stimmung ab. Der Blick in den Wandspiegel erlaubte die Sicht ab Unterkante Brusthöhe. Er verband sich mit Fragen, die der eifrige Gefährte im Hinterkopf einforderte. Dagegen gab es keinerlei Abwehr. Im nächsten Augenblick verschmolzen die plappernden Münder in den Gesichtern. Sie trieben das miteinander, worin sie ihre Bestimmung sahen. Immer zu der Gelegenheit, wenn sich das anbot. Sich volllabern, den Stuss zu verinnerlichen, wie: „Du gehörst zu mir, anstatt endlich die ungeschönte Wahrheit zu sagen. Spute Dich, erkläre mir, wieso ich hier in blinder Erwartungshaltung Zeit vertrödele? Stammt das von mir? Habe ich diese Meinung etwa wie ein Diktator in die Welt gesetzt? Okay, ich erkenne den Unterschied. Das sind beschissene, unheilvollen Reflexionen. Jetzt die Frage, beglückt mich das? Schafft es doch eher Depressionen?“

„Verdammt, teure Freundin, wenn wir uns streiten, unternehme ich nichts dagegen. Sag mir, was folgt darauf? Und warum zittere ich? Begehre ich den Körper so ungezügelt, ursprünglich, leidenschaftlich? Ist es standesgemäßer, wohlgeratene Bewunderung zum Ausdruck zu bringen? Wie reagiert sie auf eine Welt voller intimer Fantasien, um die mit ihr zu teilen, ja sogar auszuleben? Oh ja, mein Hirn ist spannungsgeladen, wartet auf den Hunger der Frau. Hmmm, ist es vernünftiger, den Spaß klugerweise wie eine zerstörerische Kraft zu betrachten? Was bin ich, Ihr Liebhaber, besser, der Lebensbegleiter?“ Fahrige Hände, Schweiß auf der Haut, deuteten auf eine zunehmende Abwehrhaltung hin. Dem vereinnahmenden Selbstgespräch vor dem Spiegel blieb die Luft aus. „Liesa kommt zu mir, weil sie ein Bedürfnis befriedigt. Sie wird mir ihre Entschlossenheit aufzwingen, mit dem Liebreiz der Weiblichkeit.“ Im Monolog mit dem Ebenbild traf ihn die eigene Sprache. „Ich lasse mir doch nicht von einem Stück Glas an der Wand den Mut zerstören.“ Er wandte das Gesicht ab. Verspannte Muskeln trugen ihn ins Schlafgemach. „Hier überrasche ich Liesa. Am besten vor dem ganzflächig verspiegelten Kleiderschrank. Ist das erlaubt? Quatsch. Na klar! Überlasse dich der Leidenschaft. Schau Dein Ebenbild an, verschmolzen mit dem der Frau. Treibe es!“ Die Stimme im Kopf hatte die Macht über ihn gewonnen. Unmissverständlich hämmerte sie auf den Wörtern Sweet, Schlafgemach, Schrank, Spiegel, herum. Davon loszukommen blieb ein schweres Omen. „Okay, das besäße Charme. Idealer funktioniert es nicht. Ich danke Dir, Du feinfühliger Schöpfer.“ Das sagte er nur knapp vernehmbar. Im Affekt flog ihm eine Bemerkung über die Lippen. Die Reue darüber schmerzte mehr, sie unterdrückte alle anderen Gedanken. „Bisweilen, Herrgott, taugst du zu irgendetwas!“ Wie durch ein Wunder endete die unliebsame Gefühlsduselei. Von unnötigen Erklärungen blieb er dadurch verschont. Das zaghafte Klopfen an der Tür ermahnte den Verstand, forderte Aufmerksamkeit ein. Mit jedem Schritt in Richtung dorthin verschwand der Traum von einem Sieg. Was bedeutete das klägliche Signal? Ist das ein Hinweis auf die Rolle, die dem Mann zustand. Das hieß, Einlass gewähren. Erwartungen erfüllen, körperlicher Nähe schaffen, im Sex sich verschlingen. Oder versteckte sich dahinter nur das Festhalten an einer Umgangsform? Das Zeichen wiederholte sich nicht. Entschlossen reagierte er. „Heute breche ich den Damm in meiner Art, um das Geheimnis dieser bizarren Schönheit zu ergründen. Verschwinde, elender Geist“, verschmolz mit der einstudierten Aussage: „Verdammt, Liesa, ich bin ein Esel. Blöd von mir, Zeit zu vergeuden.“ Mit hochrotem Kopf nebst klopfendem Herzen öffnete er. Vergessen die eindringlichen Worte, an dessen Studium er sich berauschte. Braune Augen mit ultimativer Ausstrahlung sahen ihn an. Sie erzeugten Erschrecken über die Kraft, die auf ihn übersprang. Indes hatte sie das Dilemma längst erkannt. Sie nahm den Druck von ihm. Dankbar lächelte er zurück. „Was unternehmen wir?“ Diese Bemerkung schürte sofort intimen Erwartungsdruck. Unbeholfen, zaghaft, flog das an ihm vorbei. Eine bessere Antwort fiel ihm nicht ein. Die Frau erledigte ihren Teil, um ihn das aufeinander zugehen zu erleichtern. Initiative ergreifen. Ihren Lieblingsbegriff brachte sie meisterhaft zur Geltung. „Ich gehe duschen, Du wäschst mir den Rücken. Fangen wir da an, wo es vor Jahren endete. Dann helfe ich Dir. Ergo, keinen Alkohol mehr!“ Damit verschwand sie im Bad. Wolfhard Wolfsberg blieb zurück. Er stand da wie der Ölgötze, steif, unbeholfen. „Bin ich daran angetan, Befehlen zu folgen? Lehrt sie mich in ebendieser Manier, mit der Situation umzugehen?“ Die verdammten Zweifel im Innern warfen Fragen auf, die ansonsten geklärt galten. Ihr sinnenfrohes Miteinander holperte wie vorhersehbar. Da rief sie aus dem Bad: „Kommst du?“ Heftiges Herzklopfen in der Brust und zugleich schweißnasse Haut zeugten von beträchtlicher Aufregung. In dem Zustand bedeutete Duschen absolute Pflicht. Wenn nicht dieser unverhohlene Widerstand ihn quälte. Jene Stimme, die versuchte, über ihn zu verfügen. Unverkennbar, penetrant eifersüchtig auf die nackte Frau. Die Habachtposition wehrte sich, um den verführerischen Moment zu unterlaufen. „Sieh es entspannt, Wolfhard“, rief sie ihn zur Ordnung. „Ich bin davon überzeugt, Deine Reaktion ist die Folge von Zwang, um auf das zu reagieren, was unabänderlich passieren wird. Tu es des inneren Friedens zuliebe, vermeide unbedachte Gefühlsregungen. Jetzt Achtung: Das ist ein Befehl! Widerspreche dem nicht!“ Verwirrende Gedanken begleiteten ihn auf dem Weg ins Bad. Mit Vorsicht, unentschlossen, öffnete eine Hand die Tür. Feuchte Wärme empfing ihn. Ehrfürchtig verharrte er vor dem, was ihm Angst bereitete. Wasserdampf hatte die Glaswandungen der Duschkabine überdeckt. Erstaunen über die Frau, die ihren unbedeckten Körper dahinter verbarg, mischte sich mit der Sekundenerstarrung. Sie erwartete nicht, dass ihn aufkeimende Gewissensbisse zermarterten. Das Geräusch des Wasserstrahls ist allmächtig. Ohne Hintergrundgedanken rief sie: „Ist alles nach deiner Zufriedenheit?“ Eine belegte Stimme antwortete: „Ja!“ Zu mehr ist er nicht in der Lage. Das klang mickrig. Es forderte daher ihre Aufmerksamkeit. Außerdem gab es da ihren Schwur, der sie verpflichtete, heute die Karten erneut zu mischen. Der Plan funktionierte. Weil nicht das Mindeste geschah, erweiterte sie den Spalt der gläsernen Dusche eine Handbreit mehr, sodass die Augen den Raum erfassten. Erschrocken nahm sie Wolfhard wahr. Der stand dort im schicken Dress, abwesend, versteinert. „Um Himmels Willen, was ist denn passiert? Trotziges Aufbegehren manifestierte sich in ihrem Mut, um diesen Abend zu kämpfen. Nein, ich gehe kein Risiko ein, um stundenlang zu diskutieren. Ich ergreife Initiative, scheiß auf den Anzug“, durchströmten sie ungestüme Gedanken. Von heißem Wasserdampf umgeben, trat sie aus der Duschkabine hervor. Irgendetwas bereitet Wolfsberg Stress, das erkannte sie im Moment mit Deutlichkeit. „Auf ein solches Spiel lasse ich mich nicht ein“, las sie in dem Gesicht des Mannes. Gleichzeitig stand darin eine verführerische, männlich irritierende maskuline Erotik geschrieben. „Das ist ein regelwidriger Zeitpunkt. Sieh doch, der Anzug, Liesa.“ Sie zögerte nicht, ergriff eine Hand, zog daran. „Komm! Entspanne dich! Du schuldest mir eine Dienstleistung.“

„Hier, bitte mit dem Schwamm langsam von der Schulter beginnend nach unten sanft rubbeln. Verdirb mir ja nicht den Spaß!“

Die Projektion der fordernden Weiblichkeit brachte einen Mechanismus in Gang. Die eingeforderte Waschhilfe funktionierte. Wolfhard Wolfsberg erwachte wie aus einem Traum. Die innere Stimme im Kopf gab die gebotene Zurückhaltung auf. Die nackte, dampfende Haut übte ausreichenden Zwang aus. Das mit achtunddreißig Grad temperierte Wasser hatte die Klamotten durchtränkt. Die Sachen hingen schwer am Körper. Das löste die Befangenheit, pumpte vermehrt Blut durch die Adern. Es erlaubte ihm, Gefühle zu empfinden. Einer Eingebung nachkommend, zerrten die Hände die Bekleidung vom Leib. Sie schaute dabei genüsslich zu. Hochgefühl stand ihr vortrefflich zu Gesicht. Eine schwierige Geburt, dessen ungeachtet, ein Sieg. Die Duschkabine nahm beide Personen problemlos auf. „Ich erkenne im Augenblick“, sagte Wolfhard zu ihr, „dass hier endlose Wortgefechte Abstand erzeugen. Keine Angst Liesa, auf diesen Abgrund laufe ich nicht zu.“

„Ich kuschele mich an Dich“, drückten ihre Augen vielsagend aus, ohne dabei ein Wort zu sprechen. „Ich bin eine Frau!“ Sie bemerkte sofort, dass Wolfsberg die Faszination des weiblichen Körpers für real aufnahm. „Fürwahr, kaum zu fassen. Wir genießen scheinbar beide das unbefangene Zusammensein.“ Die reflexhafte Anziehungskraft der Haut entwickelte eine eigene Sprache, mit zunehmend gewichtiger, euphorischer Spannung. Der Wasserstrahl zerplatzte mit erotisierender Wirkung im Grunde fordernd, mehr Intimität zuzulassen. „Nicht zu leugnen, wir begehren uns“, stand am Anfang eines Rausches. Der setzte sich fort, riss die letzten Gedanken der Frau mit sich, bevor ihre Hände duftendes Shampoo über den Körper von Wolfhard verteilten. Der nahm das wie ein Geschenk an. Er gestattete den Resten an Zweifel des sinnlichen Gleichklangs nicht, ein Eigenleben zu entwickeln. Zu reizvoll zeigte sich der gefühlte Moment von Größe, den er in den Träumen oft genug nachhing. „Verschwindet, lasst mich in Ruhe!“, verflog rasch, schuf Platz für eine verblüffende Aussage. „Alles ist anders“, entfuhr es ihm unbewusst mit gedämpftem Tonfall. „Du erwartest weitaus mehr, wie ich gebe, Liesa.“ Das blieb ungehört, weil sie in ihrer Konzentration auf die Berührung der Haut nur diesem Moment gehörte. „Wieso küsst er mich nicht“, drängten die Gedanken nach außen. Sie akzeptierte es anfangs, wo doch der Mann unter Berührungsängsten litt, die ihn nicht losließen. Zugleich erhob sich da eine Stimme, von der sie wähnte, in voller Wut auszurasten. „Was sagtest Du?“

„Liesa, es fällt mir leichter, wenn Du Dich in meinem Umfeld aufhältst.“ Gequältes Lachen folgte. „Wolfhard, Du stehst mit mir nackt in der Dusche, weißt Du das? Verdammt nochmal! Bedeutet das hier nichts?“ Die schaumige Hand fiel von ihm ab. Eine hauchzarte Schwäche befiel sie. Ihr Körper lehnte sich an die wohlig warmen Fliesen. „Wie Du meinst. Mir wird das langsam zu blöd!“ Bevor sie diesen Gedanken Auftrieb gestattete, erklärte eine Stimme beschwichtigend: „Was denn. Wonach sieht das aus? Besteht dein Eifer etwa darin, mit mir ins Bett zu steigen?

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