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Wolfgang muss weg!

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Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder

auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich

der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Alle handelnden Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeit mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig

Träume machen den Unterschied zwischen Leben und Existieren aus.

Für die liebsten Menschen, die ich manchmal bis an die Schmerzgrenze mit meinem großen Traum genervt habe …

1. KAPITEL

Annemie, hier fehlt schon wieder eine Socke!“

Ich atmete geräuschvoll aus, zog die dampfende Tasse unter der Espressomaschine hervor und zurrte mir den Bademantelgürtel fest um den Bauch. In Filz-latschen schlurfte ich zum gedeckten Tisch im Wohnzimmer und stellte die Tasse neben Wolfgangs Teller. „Dann nimm dir ein anderes Paar.“

Gähnend strich ich mir das zerwühlte Haar aus dem Gesicht. Heute war eindeutig nicht mein Tag. Die ganze letzte Nacht hatte mich das Gejammer rolliger Katzen unter meinem Schlafzimmerfenster um den Schlaf gebracht, sodass ich jetzt völlig neben mir stand, weil mein Kreislauf auf Sparflamme lief. Ich fühlte mich wie eine Hundertjährige und wünschte mir, Wolfgang käme schnell aus dem Haus, damit ich mich noch einmal hinlegen könnte.

Wie ferngesteuert lief ich in die Küche zurück, schreckte wie jeden Morgen die exakt sechs Minuten gekochten Eier ab und wischte sie trocken. Die Schlafzimmertür schlug zu. Schwere Schritte polterten die Kellertreppe herunter.

Was sucht er denn jetzt im Keller?

„Ich finde kein anderes Paar!“, rief eine Stimme aus der Tiefe unseres Hauses.

Wieso fand er nie alleine seine Klamotten? Mir legte doch auch keiner die Unterhosen raus. Ein Wunder, dass er es mit seinen fünfzig Jahren schaffte, sich allein anzuziehen. Ich hatte diesen Mann eindeutig zu sehr verwöhnt.

„Im Schrank, untere Schublade.“

Schwere Schritte polterten die Treppe wieder herauf.

Mein Mann stand nackt mit einem Socken am Fuß und vorwurfsvollem Blick in der Küchentür. „Du bist den ganzen Tag zu Hause. Ich frage mich ernsthaft, was du machst, während ich für unseren Lebensunterhalt schufte. Der Waschkeller liegt voller Haufen schmutziger Wäsche, und ich habe keine Socken mehr im Schrank.“

„Natürlich hast du frische Socken im Schrank!“, sagte ich genervt. Als ich meinen Blick über ihn schweifen ließ, stockte ich plötzlich: Seit wann rasierte er sich eigentlich die Brusthaare weg? Ich lief an ihm vorbei und inhalierte eine Prise seines Parfüms; rauchig, herb. War das neu? Ich hatte keine Ahnung. Wolfgang und ich kamen uns seit Längerem nur noch gelegentlich nah. Die Kuschelphase hatten wir nach achtzehn Jahren Ehe bereits hinter uns gelassen – wobei Wolfgang nie der feurige Liebhaber gewesen war. Seine Leidenschaften beschränkten sich eher auf Fußballgucken, Schachspielen sowie Briefmarkensammeln und meine dagegen auf Naschen und Malen. Sex wurde eh völlig überbewertet. Ich hatte nicht das Gefühl, etwas zu vermissen. Wir schliefen auch getrennt, weil ich angeblich schnarchte wie ein Bär. Der Vorteil bestand darin, dass ich in meinem kleinen Reich so lange lesen, malen oder fernsehen konnte, wie ich wollte, ohne dass jemand grummelte: „Mach endlich das Licht aus!“

Um eine weitere Diskussion und mir damit verbundene Kopfschmerzen zu ersparen, holte ich ihm ein Paar saubere Socken aus dem prall gefüllten unteren Schubfach seines Kleiderschrankes, entrollte sie und legte sie ihm in die Hand.

„Ich hoffe, du wäschst heute. Ich brauche frische Hemden. Denk dran, ich fahre am Montag zum Lehrgang!“

Ach ja, der Lehrgang! Eine Woche sturmfrei. Fünf Tage, an denen ich mal nicht kochen, putzen, waschen und bügeln musste. Herrlich.

„So wie du guckst, hast du das schon wieder vergessen.“

„Wolfgang, heute ist Mittwoch. Keine Angst, dein Koffer wird schon rechtzeitig gepackt sein.“

„Ich kenne dich, meine Liebe, du erledigst es auf den letzten Drücker. Dann fehlt die Hälfte, und ich stehe wieder ohne Zahnbürste da.“

Da hatte ich einmal in all den Jahren vergessen, ihm die Zahnbürste einzupacken. Das würde er mir wohl noch auf dem Sterbebett vorhalten. Ich verdrehte die Augen. „Willst du eigentlich nackt frühstücken?“

Er räusperte sich und verschwand im Badezimmer.

Nach wenigen Minuten setzte er sich geschniegelt und gestriegelt an den Tisch, legte seine Dienstwaffe neben die Zuckerdose und vergrub sich stumm hinter der Morgenzeitung. Ohne hervorzuschauen, griff er das von mir geschmierte Marmeladenbrot von seinem Teller, biss hinein und verzog angeekelt das Gesicht. „Annemie, das ist aber nicht Muttis selbst gemachte. Wieso kaufst du immer dieses geschmacklose Zeug im Supermarkt?“

„Weil der Marmeladenvorrat deiner Mutter aufgebraucht ist, wir Mitte Mai haben, die neue Erdbeersaison erst in einigen Wochen beginnt und dir die selbst gekochte Marmelade aus den derzeit erhältlichen wässrigen spanischen Erdbeeren nicht schmeckt.“

Ich trank einen Schluck Kaffee.

Wolfgang schlug sein Ei auf und schob es zur Seite.

„Labberig. Dieses Ei hat niemals sechs Minuten gekocht. Mir ist der Appetit vergangen.“

Er stand auf und steckte die Waffe in das Holster, das ihm um die Schulter hing. „Ich frühstücke in der Stadt.“

Auch gut, dann hatte ich wenigstens meine Ruhe. „Wann kommst du nach Hause?“

„Wie immer, wenn nichts dazwischenkommt.“

„Krautrouladen?“, fragte ich und aß den Rest seines angebissenen Marmeladenbrotes.

„Aber nimm bitte Wirsing. Du weißt, von normalem Weiß-kraut kriege ich immer solche Blähungen. Das ist unangenehm … Sind meine Schuhe eigentlich geputzt?“

„Bist du jemals mit schmutzigen Schuhen aus dem Haus gegangen?“

„Na ja!“ Er zog sich das Jackett über, schaute mich irgendwie mitleidig an und brachte sogar ein Lächeln über die Lippen, als er sagte: „Kannst du dir nicht einmal was Hübsches anziehen? Du siehst immer so verwahrlost aus. Geh mal zum Friseur. Schmeiß endlich diesen vergilbten Bademantel weg! Und mal ehrlich, etwas Sport würde dir auch guttun.“

Ich schluckte. Das musste gerade mein Mann sagen, der locker neunzig Kilo auf die Waage brachte, selbst jeden Schritt mit dem Auto fuhr und bei der kleinsten körperlichen Anstrengung schwitzte.

Ich bewegte mich ja wohl genug, wenn ich das Haus von oben bis unten schrubbte, den Garten pflegte, Einkaufstüten schleppte und viermal wöchentlich die Besucher im Bildermuseum herumführte. Gut, ich hatte mich vom Hungerhaken zur Rubensfrau entwickelt, aber ich war auch keine zwanzig mehr.

„Du bist ja nun auch nicht gerade ein Adonis mit Modelmaßen“, konterte ich barsch und verschwand in der Küche.

Er kam mir hinterher und strich mir versöhnlich über die Schulter. „Mach’s gut, mein Schatz, und …“

„Jaja, ich schließe alle Türen, wenn du aus dem Haus bist, und vergesse auch nicht, die Tür vom Hintereingang zum Keller zuzuschließen“, vervollständigte ich seine allmorgendliche Predigt.

„Darum habe ich mich wegen deiner Nachlässigkeit bereits gekümmert. Im Moment bessern nämlich wieder einige böse Buben ihr Taschengeld mit Eigenheimeinbrüchen auf.“

Er blieb stehen, lächelte verlegen wie ein Zwölfjähriger, den man beim Rauchen erwischt hatte, gab mir einen Kuss und sagte: „Mach’s gut, mein Schatz!“

Ein Kuss? Und schon wieder „mein Schatz“. Das irritierte mich. Entweder war Wolfgang krank, oder er führte etwas im Schilde. Mein Schatz sagte er doch nur, wenn er seine Mutter eingeladen hatte, und den letzten Kuss bekam ich, als er mit seinem Kumpel Holger übers Wochenende zu irgendeinem Fußballspiel nach München fahren wollte.

Ich schaute ihm skeptisch hinterher, verschwand dann aber schnell im Bett, um in den nächsten zwei Stunden den versäumten Schlaf nachzuholen. Wäre ich nicht so müde gewesen, hätte ich vielleicht auf die schrillende Alarmglocke in meinem Hinterkopf gehört.

Gegen zehn schälte ich mich aus den Kissen. Immer noch ungekämmt, in meinen herrlich schlampigen Bademantel gehüllt und mit einem Kaffeebecher bewaffnet, schaltete ich durch das Vormittagsprogramm. Teilnahmslos ließ ich mich von fadenscheinigen Dokusoaps, in denen abgewrackte Gestalten, die Mandy und Kevin hießen, ziellos im Meer des Lebens herumtrieben und nichts auf die Reihe bekamen, berieseln. Als Mandy inmitten von dreckigem Geschirr die Nägel lackierend mit der Kippe im Mundwinkel in der Küche saß und den hereinkommenden Kevin mit heiserer Kettenraucherinnenstimme anpöbelte: „Ey, Kevin, komm ma bei. Isch kann dat nich alles alleine. Tu gefälligst auch mal die Müll wegbringen“, schaltete ich angewidert weiter.

Ich landete bei einer dieser Ratgebersendungen, wo man uns Nestbauerinnen täglich zeigte, wie man den Tisch mit perfekt gebundenen Blumengebinden aufpeppte und in null Komma nix aus den letzten Resten im Kühlschrank ein Drei-Gänge-Menü zauberte. Eine überschminkte Dame mit betonierten Locken schaute mich mit strengem Blick aus dem Fernseher an. Vorwurfsvoll hielt sie eine einst blütenreine Tischdecke hoch, die jetzt ein großer Rotweinfleck zierte. „Wenn man im Haushalt unachtsam ist, passieren einem schreckliche Malheure.“ Sie rümpfte ihre spitze Nase. „Die moderne Frau von heute greift bei solchen Fällen ja gerne zur chemischen Keule. Alles schnell, schnell, damit man bloß noch rechtzeitig zum Yogakurs kommt. Dabei sind Omas Hausmittel so viel besser geeignet …“, belehrte sie die Nation in bedeutungsvollem Ton über die richtige Technik der randlosen Entfernung von Gras-, Rotwein- und Blutflecken, als würde sie eine Operation am offenen Herzen demonstrieren.

Das musste ich mir unbedingt merken: Bei Grasflecken hilft Zitrone, bei Rotwein Salz und bei Blut zaubert eine aufgelöste Aspirin das Missgeschick genauso weg wie der Einsatz von Spucke. Halbherzig legte ich die Information irgendwo in meinem Gehirn ab und schaute gähnend auf die Uhr. Mist, schon zwölf! Jetzt hatte ich den halben Tag verbummelt. Mit schlechtem Gewissen dachte ich schaudernd an das Wäschegebirge im Keller. Ach was, das hatte bestimmt Zeit bis morgen, oder?

Moment … War ich etwa genauso wie Mandy und Kevin? Ließ ich mich nicht auch von meinen Launen treiben, anstatt mal in die Puschen zu kommen und endlich loszulegen? Wo waren sie hin, die großen Ziele des Lebens, die ich einmal hatte? In drei Wochen wurde ich vierzig, und was hatte ich erreicht? Ich lief zum Fenster und starrte in den frühlingsfrischen Garten.

Ich war die Frau eines Kriminalhauptkommissars, sicher versorgt, sein Erfolg war auch mein Erfolg … aber …

Meine Selbstzweifel nagten in letzter Zeit wie gefräßige Ratten an der Fassade unserer vorgetäuschten Harmonie. Klar, war es bequem; ich hatte mich eingerichtet, und mein Mann vereinnahmte mich genauso wie Papa, als er damals mit seiner spießigen Art und ständigen Nörgelei meine lebenslustige Mutter vertrieben hatte. Nachdem sie uns verlassen hatte, war ich sein einziger Halt, und ich klammerte mich an ihn, weil er mich beschützte, wenn mich die anderen wegen meiner Brille, den schiefen Zähnen und meinem Watschelgang ärgerten. Dann las er mir das Märchen vom hässlichen Entlein vor und überzeugte mich, dass auch in mir ein schöner Schwan schlummert, der irgendwann erwacht. Dankbar bekochte ich ihn, wusch und putzte, so gut ich es mit meinen zehn Jahren konnte. Wir waren ein eingespieltes Team. Er brachte das Geld nach Hause und rechnete meine Aufgaben in Mathe und Physik, wenn ich nur Bahnhof verstand. Das war bestimmt lieb gemeint – doch hätte er stattdessen mit mir geübt, wäre mir die Ehrenrunde in der Zwölften sicher erspart geblieben …

Gegen die schiefen Zähne kaufte er eine teure Zahnspange, die außerdem erfolgreich dafür sorgte, dass ich zur Witzfigur der Schule aufstieg und als das „Lama“ in der Abizeitung verewigt wurde. Meine Mitschüler in der ersten Reihe gingen jedes Mal demonstrativ in Deckung, wenn die Lehrerin mich an die Tafel rief, weil ich beim Sprechen wie besagtes Trampeltier spuckte. Die Brille tauschte ich mit vierzehn gegen Kontaktlinsen. Der Watschelgang blieb mir dank zeitlich verschobener Wachstumsphasen meiner Beine bis zum Ende der Schulzeit erhalten. Die ersehnte Verwandlung vom hässlichen Entlein in den schönen Schwan fand nie statt. Als ich mit achtzehn immer noch brustlos vorm Spiegel stand und vergeblich versuchte, die Luft im BH mit Taschentüchern zu kaschieren, ahnte ich, dass Wunder nur im Märchen geschehen, und fühlte mich von meinem Vater betrogen. Den ungeliebten Körper versteckte ich unter weiten unförmigen Klamotten. Meine Unsicherheit ließ sich schlecht verbergen. Meine Mitschüler foppten und mobbten mich: „Deine Eltern sind doch Chemiker und du ein Versuch.“ Sie stellten mir immer wieder Beinchen und zogen mir Stühle weg. Weil immer alle über mich lachten, verkroch ich mich in meinem Kämmerlein. Dort fühlte ich mich sicher, betäubte den Schmerz mit Nutella, malte und träumte davon, dass meine Bilder in den großen Galerien der Welt hingen.

Meine alten Tanten bescheinigten mir Talent. Davon bestärkt, stellte ich meine Version der „Prinzessin auf der Erbse“ zum Kulturwettbewerb im Schulhaus aus. Am nächsten Tag trug die Schöne auf dem Bild einen Maulkorb und das Schild „Vorsicht, nicht küssen, Lama spuckt!“ in der Hand. Ich riss das Bild von der Wand und begrub meinen großen Traum.

Später studierte ich Kunstgeschichte. Es interessierte mich zwar, fühlte sich aber immer an wie die zweite Wahl. Verdammt, ich wollte keine Bilder analysieren, ich wollte die berühmte Künstlerin sein, die sie malt! Und so verzog ich mich auch während des Studiums oft in mein Schneckenhaus, malte und malte, um mir den großen Traum eventuell doch zu erfüllen. Als Außenseiterin fehlte mir allerdings der Mut, meine eigenen Ideen und Werke der Kritik meiner Kommilitonen oder unserer Professoren auszusetzen. Als Wolfgang in mein Leben trat, kam er mir wie mein Retter vor. Ich kam von der Bibliothek, fuhr mit dem Fahrrad nach Hause und bog gedankenverloren, ohne die Hand rauszuhalten, nach links ab direkt vor die Kühlerhaube eines Kleinbusses, der geistesgegenwärtig bremste. Mit verschrammten Knien, zerrissenem Rock und eingezogenem Kopf ließ ich die Moralpredigt des Streifenpolizisten über mich ergehen, der den Unfallhergang aufnahm und sich als Wachtmeister Pfeffer vorstellte. Ich tat ihm so unsagbar leid, weil ich so klein und dünn war, dass er mich zum Essen zu seiner Mutter einlud.

Wir verabredeten uns immer öfter. Der elf Jahre ältere Mann gab mir irgendwie dieselbe Sicherheit wie mein Vater und nahm, als dieser kurz darauf starb, seinen Platz ein. Mit Wolfgang war ich nicht allein. Er kümmerte sich um mich. Wenn es in der Uni spät wurde, holte er mich stets ab und sorgte dafür, dass ich sicher nach Hause kam. Er trug immer meine schwere Tasche und passte auf, dass ich genug aß.

Mit seiner Bodenständigkeit holte er mich wie Papa auf die Erde zurück, wenn ich im Höhenrausch von der Künstlerkarriere träumte. Dabei argumentierte er mit deutlichen Worten: „Ich verstehe ja nichts von Kunst … Klar, sind deine Bilder gut gemalt, aber ich denke, du verrennst dich! Sei realistisch, aus dir wird nie ein Monet, Rembrandt oder Picasso. Das waren Ausnahmetalente. Übrigens alles Männer! Nenn mir eine Frau, die mit ihren Werken Millionen verdient! Was nützt es, Bilder zu malen, die niemand kauft? Weißt du eigentlich, wie viele Maler von Sozialhilfe leben?“ Wenn ich mich dann rechtfertigte, dass es mir nicht um die Million ging, und mir die Tränen in die Augen stiegen, tätschelte er mich liebevoll und sagte: „Ich will dir doch nur die Enttäuschung ersparen.“ Meine Selbstzweifel waren zu groß. Ich vertraute Wolfgang. Er wollte ja nur das Beste für mich. So kam es, dass Wolfgang immer mehr bestimmte, was gut und was schlecht für mich war.

Ich hielt an der Beziehung fest, obwohl ich damals eigentlich in einen anderen verknallt war, der ähnlich wie der Traum von der Künstlerkarriere unerreichbar schien. Rocco war ein schöner Draufgänger, dessen verschmitztes Lächeln gepaart mit dem Blick aus den stechend grünen Augen alle Studentinnen aus der Fassung brachte, wenn er lässig mit seinem Kaffeebecher in der Hand über den Campus schlenderte. Keine Ahnung, wie der das machte, dass die Mädels in seiner Gegenwart keinen zusammenhängenden Satz herausbekamen. Er war so unberechenbar wie ein Vulkan, der einen jeden Moment vernichten konnte. Er hasste Dummheit. Ich war die Einzige, deren Argumente er in Diskussionen anerkannte. Er schätzte meinen Sachverstand. Manchmal hatte ich den Eindruck, dass er mich dafür bewunderte. Aber als Frau nahm er mich null wahr.

Ich seufzte. War ich nicht selbst schuld an meiner Unzufriedenheit? Träumte ich nicht mein Leben, anstatt die Träume zu leben? Nein, es war sogar noch schlimmer: Ich träumte nicht mal mehr! Stattdessen ließ ich alles treudoof über mich ergehen und funktionierte nur noch. Kohlrouladen kochen und Wolfgangs dreckige Socken waschen … das konnte doch nicht alles sein.

„Annemie! Hör auf, dich selbst zu bemitleiden!“, schimpfte ich laut. Doch die deprimierenden Gedanken ließen sich nicht so leicht beiseiteschieben. Ist es das jetzt gewesen? fragte ich mich erneut. Wenn ich die fünfundsiebzig schaffe, habe ich in drei Wochen den Gipfel meines Lebens überschritten. Ab jetzt ging es also nur noch bergab. Runter geht es schneller als hoch. Ich fühlte mich plötzlich so richtig alt und hässlich. Wo war mein Sturm und Drang geblieben, etwas erreichen zu wollen? Wo war das Feuer, das einst in mir gebrannt hatte, wenn ich mit dem Pinsel vor einer blütenweißen Leinwand stand? Ich horchte in mich hinein: War dort alles tot oder nur verschüttet? Selbst die rolligen Katzen, die mir mit ihrem verzweifelten Geschrei und Gejammer letzte Nacht den Schlaf geraubt hatten, fand ich beneidenswert. Ich selber war längst verstummt, hatte mich mit allem abgefunden. Nein, ich schrie längst nicht mehr, weder nach Liebe noch nach Veränderung. Mein Leben dümpelte dahin wie ein alter Kahn auf der Donau und war vorhersehbar bis zur Bahre:

montags: Wäsche,

dienstags: Einkauf,

mittwochs: Hausputz,

Donnerstag bis Sonntag: drei Stunden Dienst im Museum.

Dann gab es in meinem so wahnsinnig aufregenden Leben noch die Gartenarbeit im Sommer, Schneeschippen im Winter, Hefezopf zu Ostern, Gänsebraten an Weihnachten und zwei Wochen Wanderurlaub in der Eifel im Juli einmal pro Jahr. Gut, seit Kurzem ging ich zum Yoga und sang im Chor der Landfrauen, aber das waren auch die einzigen Abwechslungen, die ich hatte. Trotzdem kam ich mir vor wie ein Kettenhund, dessen Leine nur bis zum Hoftor reicht. Dort sitzt er und schaut zu, wie die anderen fröhlich über die Wiese toben.

Vielleicht halfen ein Friseurbesuch, ein paar neue Schuhe, versuchte ich mich selbst zu überlisten. Eine neue Handtasche könnte ich auch gebrauchen. Wolfgang hatte recht. Der alte Bademantel gehörte in den Müll. Ich öffnete den Gürtel und schloss ihn gleich wieder, weil ich daran dachte, wie er mich ausgelacht hatte, als ich mich vor zwei Jahren in ein lilaseidenes Negligé mit entsprechendem Morgenmantel geworfen hatte, um unser Liebesleben ein bisschen in Schwung zu bringen. Anstatt ihn mit dem üblichen Abendessen zu empfangen, hatte ich mich lasziv in den Türrahmen gelehnt. Er hatte sich gar nicht wieder eingekriegt und festgestellt: „Du guckst eindeutig zu viel Desperate Housewives. Das mag vielleicht im Film funktionieren, dass die Frau ihren Mann derart milde stimmt, wenn sie nichts gekocht hat. Ich hab jedenfalls Hunger und fahre jetzt zu Mutti, wenn ich bei dir nichts zu essen kriege.“

Mein aufkeimender Elan fiel zusammen wie ein Hefeteig, der Zugluft bekam. Wozu aufhübschen? Mein Interesse an Wolfgang war genauso abgeflaut wie seines an mir.

Resigniert klatschte ich die Krautrouladen zusammen. Das frisch geschlachtete Rinderhack fühlte sich lebendiger an als mein Fleisch. Vielleicht sollte ich mir einen Geliebten zulegen? Irgendwas lag heute in der Luft. Wahrscheinlich lösten die atmosphärischen Störungen – es roch nach Gewitter – diese Depression in mir aus. Der Frühling sprießte, alles erwachte, und überall sah ich bunte Bilder überschäumender Verliebtheit um mich herum. Selbst die Vögel beneidete ich um ihr Balzgehabe.

Ich versuchte, mich mit Malen ein wenig zu erheitern. Doch das ging mir heute zäh von der Hand. Nach wenigen verunglückten Strichen gab ich auf und stürzte mich mit meiner Lieblingsmusik auf den Ohren in eine regelrechte Putzorgie.

Irgendwie musste dieser Frühlingsblues doch zu besiegen sein. Gegen zwei Uhr blitzten Wohnzimmer, Küche und Bad streifenfrei; jetzt fehlte nur noch der Flur. Ich wischte und schrubbte akribisch. In der Hoffnung, mich zu erheitern, betäubte ich mich mit einer Überdosis von Meister Propers Limonenduft.

Plötzlich verdunkelte sich der Himmel, es blitzte, und ich zuckte zusammen, als ich einen riesigen Schatten auf dem Boden neben mir sah …

2. KAPITEL

Wolfgang?“

Er sagte keinen Mucks.

Ach du Schreck!

Ich stand im Flur, schaute mit offenem Mund von der Waffe in meiner Hand, deren Mündung in einer Kartoffel steckte, auf meinen Mann, der regungslos mit einem blutenden Loch in der Brust am Boden lag.

Er war tot, mausetot, einfach so.

Prasselnder Regen setzte ein und peitschte gegen das Fenster. Ein Blitz erhellte den schwarz gefärbten Himmel. Ich zuckte zusammen. Na toll, jetzt hatte ich aus Versehen meinen Mann erschossen, und was gab es? Ein Unwetter.

Immer wenn in meinem Leben etwas Bedeutsames passierte, gab es Unwetter. Schon als ich durchs Abi fiel, ging mit mir draußen die Welt in einem tobenden Sturm unter. Am Tag meiner Hochzeit überraschte uns ein Platzregen direkt vor dem Standesamt und verwandelte mich innerhalb weniger Sekunden von der strahlenden Braut in ein klatschnasses Monster.

Ich schüttelte den Kopf und fragte mich, wie es dazu gekommen war, dass Wolfgang mich völlig unvorbereitet zur Witwe gemacht hatte.

Eins war klar: Ich konnte garantiert nichts dafür!

Hätte er sich nicht angeschlichen wie ein Dieb und dabei mit seiner Pistole herumgefuchtelt, wäre dieses Missgeschick nicht passiert. Wo kam eigentlich diese Kartoffel her, fragte ich mich und löste das durchlöcherte Gemüse von der Waffe.

Gedanklich versuchte ich, den Tathergang zu rekonstruieren: Ich stehe laut mitsingend – den Rücken zur Kellertür gewandt – über den Schrubber gebeugt und mit dem Scheuerlappen in der Hand auf der Schwelle zum Wohnzimmer. Die Musik bricht ab. Ein Blitz zuckt. Ich sehe diesen Schatten hinter mir, erschrecke, schnelle hoch, drehe mich um und klatsche gleichzeitig dem Eindringling den Lappen ins Gesicht. Er brüllt, ich schreie, wir geraten in ein Handgemenge, und – bumm – er fällt um. Der Lappen rutscht ihm vom Gesicht. Das ist ja Wolfgang, denke ich. Doch da ist es schon zu spät.

Wer rechnet denn auch damit, dass der eigene Mann zwei Stunden früher als üblich zu Hause eintrifft und dann auch noch durch den Hintereingang reinkommt?

Mitten in meine Überlegungen hinein klingelte das Telefon. Automatisch nahm ich den Hörer ab.

„Annemie Pfeffer“, meldete ich mich.

„Annemie? Hier ist Sigrun“, krächzte es aus der Leitung.

„Schwiegermutter! Das ist jetzt gerade ganz ungünstig, dass du anrufst.“

„Wie immer! Nie hast du Zeit, wenn ich mal mit dir reden will.“ Sigrun klang beleidigt. Wie üblich.

„Ja, Sigrun! Äh, das heißt, nein.“ Ich hielt den Hörer eine Armlänge vom Ohr weg. Eine Moralpredigt hatte mir in diesem Moment gerade noch gefehlt. „Sigrun! Sigrun? Du, ich verstehe dich ganz schlecht. Irgendwas stimmt mit dem Telefon nicht. Haaalloo, Schwiegermutti?“ Schwupps drückte ich sie weg und knallte das Gerät in die Ladestation.

Mit in Falten gezogener Stirn betrachtete ich meinen toten Mann. Das wird sie mir nie verzeihen, dass ich ihren Wolfgang … Oh Gott, was habe ich nur getan?

Es war ein Unfall, beruhigte ich mich. Ein Unfall. Müsste ich jetzt nicht eigentlich in Tränen ausbrechen? Mein Mann lag da mausetot vor mir, und ich fühlte mich … irgendwie befreit, als würde ich aus langer Dunkelhaft entlassen und ins Licht treten. Ich spürte, wie mir die Gesichtszüge entglitten und sich ein Grinsen breitmachte. Das war garantiert der Schock. Ich erkannte mich selbst nicht mehr.

Und nun?

War die schöne Pension futsch?

Annemie, dein Mann ist tot, der Mann, mit dem du achtzehn Jahre deines Lebens verbracht und den du einmal aus Liebe geheiratet hast! Und du denkst als Erstes an seine Pension? Schäm dich!

Das Gefühl der Scham oder der Trauer stellte sich einfach nicht ein. Stattdessen kreisten meine Gedanken um meine Zukunft. Plötzlich hatte ich wieder Träume. Ich sah mich mit wehenden Haaren in einem roten Cabrio ans Meer fahren. Wolfgang wollte nie ans Meer. Wenn wir überhaupt in den Urlaub fuhren, dann in die Berge zum Wandern, immer mit seiner Mutter im Schlepptau. Ich hasste die Berge. Und ich hasste seine Mutter. Nie wieder Wanderurlaub, nie wieder … Eifel … und nie wieder Urlaub mit der nörgelnden Sigrun.

Niemand würde mir glauben, dass das ein Unfall war, oder? Würde ich vielleicht in den Knast kommen? Nein, das sah ich nicht ein. Energisch verschränkte ich die Arme vor der Brust. Da hatte ich achtzehn Jahre meines Lebens geopfert, um Wolfgang quasi die Steigbügel zu halten, habe gekocht, geputzt, gewaschen, gebügelt, den Garten gepflegt, die Handwerker erspart … und jetzt stirbt er einfach so weg …

Nein, dafür lasse ich mich nicht bestrafen! Witwenrente bekam man als männermordende Ehefrau bestimmt auch nicht. Die zahlten doch nicht freiwillig, wenn man den Tod des Gatten selbst herbeigeführt hatte.

Das mit dem Unfall würde mir definitiv kein Mensch glauben. Wolfgang, eins achtzig groß, mit neunzig Kilo Lebendgewicht und ausgebildet in allen möglichen Fern- und Nahkampftechniken, ließ sich von mir, einer unsportlichen Blondine mit leichtem Übergewicht, aus Versehen mit seiner eigenen Dienstwaffe erschießen?

Seine Kollegen werden denken, ich hätte das mit List und Tücke geplant. Da war nichts mit Rausreden von wegen Notwehr und so.

Das heißt, ich würde weder Pension, Witwenrente noch Hartz IV, sondern nur Knast bekommen. Na, darauf hatte ich nun wirklich keine Lust. Mein zukünftiges Dasein stellte ich mir schon anders vor.

„Mensch, Wolfgang, du hast mir ganz schön was eingebrockt!“

Da war ich heute Morgen an einem ganz gewöhnlichen Mittwoch nichts ahnend aufgewacht, hatte Wolfgang die Brote geschmiert, ihm auf dem Weg zur Arbeit hinterhergewunken und alle Pflichten erledigt: einkaufen gehen, Rasen mähen, Kuchen backen, Diele wischen … Wie sehr hatte ich mich auch auf den abendlichen Yogakurs mit dem durchtrainierten Carlos gefreut … und dann passierte so was. Da guckt man einmal nicht richtig hin, und schon hat man sich nicht nur den Tag versaut, sondern den Rest seines Lebens.

Rumlamentieren half jetzt auch nicht weiter. Der tote Wolfgang wurde nicht wieder lebendig. Passiert war passiert. Jetzt musste ich das Beste aus der Situation machen. Für jedes Problem gab es schließlich eine Lösung.

Um die Pension oder wenigstens die Witwenrente zu retten, musste ich alle Spuren verwischen, die darauf hindeuteten, dass ich ihn zur Strecke gebracht hatte. Als Gattin eines Hauptkommissars mit fünfundzwanzigjähriger Berufserfahrung und einem Handbuch für Kriminalisten im Regal war das keine wirklich schwierige Aufgabe.

Ich holte mir den Ratgeber und las im Stehen, worauf der Ermittler achtete, wenn er die Ursache für einen unnatürlichen Tod aufzuklären hatte. Ein blutendes Loch in der Brust eines fünfzigjährigen Mannes war sicher kein Indiz für ein natürliches Ableben, schätzte ich die Lage mit einem kritischen Blick auf den zu meinen Füßen liegenden Wolfgang ein.

Nach wenigen Minuten weiteren Blätterns im Ratgeber war mir klar, dass es gar nicht so einfach war, als unbescholtene Ehefrau davonzukommen. So viele Einzelheiten waren zu beachten. Das konnte sich ja kein Mensch merken. Da muss ich mir eine Liste machen, um bloß nichts zu vergessen, dachte ich und holte mir Stift und Papier.

Was die alles untersuchten! Fingerabdrücke an der Tatwaffe, am Toten, Schmauchspuren, DNA-Spuren, Hautpartikel des Täters unter den Fingernägeln oder an der Kleidung. Die finden die DNA sogar im Speichel und anderen Körperflüssigkeiten am Opfer.

Ich grübelte, wann ich das letzte Mal Sex mit Wolfgang gehabt hatte … und verwarf die Überlegung schnell als unwesentlich. Da waren ganz sicher keine Spuren mehr zu finden. Hatte ich ihn vor, während oder nach dem Handgemenge angespuckt? Nein, keine Chance. Er hatte ja den Lappen im Gesicht. Mit den Hautpartikeln war ich mir da nicht so sicher. War ich bei der tätlichen Auseinandersetzung mit einem Körperteil unter seine Fingernägel geraten? Keine Ahnung, das war ja alles so schnell gegangen. Am besten nahm ich mir seine Nägel noch mal vor.

Ich holte Wasser, Seife, Nagelschere, Feile und machte mich über seine Hände her. Fast hätte ich es vergessen, aber im letzten Moment, bevor ich ihn berührte, fiel es mir ein. Ich musste Gummihandschuhe anziehen, sonst würden mich zwar die beseitigten Hautpartikel unter seinen Nägeln nicht mehr verraten, aber meine Fingerabdrücke auf seiner Hand.

Ratzfatz waren die Nägel manikürt, und ich kümmerte mich um die Waffe, polierte das Eisen, bis es glänzte wie Omas Silberbesteck. Hier fand niemand mehr auch nur eine Papillare, weder von Wolfgang noch von mir. Ein Gedanke schoss mir durch den Kopf. Ruckartig hielt ich inne. Vielleicht sollte ich seinen Abgang als Selbstmord inszenieren? Bekam der Beamte seine Pension, wenn er sich selbst ins Jenseits befördert hatte?

Eher nicht, denn niemand wusste, wie man sie ins Jenseits überweisen sollte. Ich kicherte hysterisch über meinen eigenen Witz.

Aber wenn nicht mal die Versicherung bei Selbstmord an die Hinterbliebenen zahlt, würde der Staat bestimmt nicht freiwillig die zurückgebliebene Ehefrau eines Polizisten versorgen. Nee, so großzügig war der Staat nicht. Aber das war doch mal eine wirtschaftlich schlaue Idee: Wenn man alle Polizisten kurz vor der Pension in den Selbstmord triebe, würde der Staat Millionen sparen. Die konnte man dann woanders viel besser einsetzen; zum Beispiel für die Rettung von armen Bankmanagern oder zum Bau von Tunneln, die die Regierungsgebäude in Berlin miteinander verbanden, damit die fleißigen Politiker auf ihrem Weg von Büro zu Büro nicht nass wurden.

Selbstmord kam also nicht infrage.

Wo waren eigentlich die Kugel und die Hülse abgeblieben?

Ich holte meine Brille vom Küchentisch und taxierte mit geübtem Hausfrauenblick Wand und Boden. Die Kugel hatte erst Wolfgang und dann den Schlüsselkasten durchbohrt, bevor sie in drei Zentimeter Tiefe in der Mauer zwischen Fenster und Eingangstür stecken geblieben war. Der Schlüsselkasten war eindeutig nicht mehr gebrauchsfähig. Ich hängte ihn ab und pulte mit der Nagelfeile die Kugel aus der Wand.

Das sah jetzt aber blöd aus, so ohne Schlüsselkasten mit dem tiefen Loch im Putz, dachte ich, holte Hammer und Nagel aus dem Keller und hängte meine Kopie von Picassos „Bildnis der Hermine Bein“ auf.

Schon ewig stand das Bild im Gästezimmer hinter dem Sofa rum, weil ich im ganzen Haus keinen Platz fand, wo Wolfgang es nicht sah, denn er mochte es nicht. Er mochte überhaupt kein Bild, das ich malte. Dieses erinnerte ihn noch dazu an seine Mutter. Gut, ein wenig Ähnlichkeit war vorhanden, aber das war kein Grund, es in einer Ecke ungesehen verstauben zu lassen. Was konnten Picasso und ich dafür, dass Wolfgang Angst vor seiner Mutter hatte?

Jetzt musste ich nur noch die Hülse finden. „Beim Abschuss wird die Hülse von der Kugel getrennt. Die Kugel wird durch den auf den Abzug ausgeübten Druck aus der Mündung geschleudert, und die Hülse fällt als Abfallprodukt nach unten“, zitierte ich meinen Kriminalisten-Ratgeber. Soso. Also konnte sie nur unter die antike Kommode gerollt sein. Ich bückte mich und kroch mit dem Kopf unter den schweren wurmstichigen Schrank. Da war sie, ganz hinten neben dem abgeschabten Kommodenfuß. Ich fingerte sie hervor, steckte sie zu der Kugel in meine Hosentasche und widmete meine Aufmerksamkeit wieder der angefertigten Liste.

Als mein Blick auf das Wort „Zeugen“ fiel, bekam ich Panik. Was, wenn die alte Feldmann von gegenüber die unschöne Szene unseres Aufeinandertreffens beobachtet hatte? So neugierig, wie die immer hinter der Gardine stand.

Schnell ließ ich die Jalousien im Flur herunter. Am besten, ich schloss ringsum die Rollladen im Haus, um allen neugierigen Blicken vorzubeugen. Man hatte ja nicht jeden Tag eine Leiche im Flur.

Und wenn man es genau nahm, hatte man auch einen Durchblick vom Nachbargarten hinten raus über das Terrassenfenster ins Wohnzimmer bis zur Diele. Das konnte Schaulustige anlocken. So eine Leiche mit Herzdurchschuss – und davon ging ich aus, denn Wolfgang hatte nach dem Bumm keinen Mucks mehr von sich gegeben – sah man nicht so oft. Das wurde ganz schnell zum Dorfgespräch. Man konnte es den Leuten auch nicht übel nehmen, sie hatten ja nur ihren langweiligen Alltag mit Arbeitengehen, Saubermachen und Gartenumgraben. Das war ja immer das Gleiche. Was hatte man sich da schon groß zu erzählen? Da war so ein Toter mitten in der Woche kurz vor Feierabend eine willkommene Abwechslung. Darüber konnte man am Abendbrottisch reden und musste sich mal nicht anschweigen.

Apropos Abend! Mittwochabend. Wolfgangs Saunaabend. Ich musste gleich mal seinen nervigen Freund Holger anrufen, sonst würde der im übernächsten Augenblick vor der Tür stehen. Das hatte mir gerade noch gefehlt.

Ich schnappte mir das Telefon und wählte Holgers Nummer. In der Leitung knackte es. Ich schluckte, denn ich tat mich immer recht schwer mit Notlügen.

„Hallo, Holger, hier Annemie, ich wollte nur sagen, der Wolfgang kann heute nicht mit in die Sauna. Äh, mh“, suchte ich nach einer Ausrede. „Der ist nämlich krank.“

„Ach was?“, meldete sich eine Frauenstimme am anderen Ende der Leitung.

„Äh, hm! Ja, bist du es, Petra?“

„Ja, was hat der Ärmste denn?“

„Och, sieht nach Herz …, ich meine Grippe, ansteckender Grippe aus“, stotterte ich und hätte mich am liebsten selbst in den Arm gebissen. „Richtest du das deinem Mann aus, damit er nicht umsonst bei uns klingeln muss, weil er Wolfgang abholen will?“

„Der Wolfgang hat doch schon für heute und die nächsten drei Wochen abgesagt. Abgesehen davon wäre er heute mit Fahren dran gewesen.“

„Ja, das kann sein. Das konnte ich ja nun nicht wissen. Na, dann tschüss auch.“ Erleichtert atmete ich auf.

Guck an, da hatte mein Mann ja mal mitgedacht.

Kaum hatte ich Petra mit einem Knopfdruck aus der Leitung gekickt, klingelte das Telefon in meiner Hand. Wer war denn das jetzt?

Schwiegermama, schon wieder! Sollte ich rangehen? Wenn nicht, würde sie sich vielleicht noch erdreisten vorbeizukommen. Das musste ich unbedingt vermeiden.

„Hallo, Sigr…“

„Ich will jetzt sofort meinen Wolfgang sprechen!“, fiel sie mir ins Wort.

„Wieso?“

So leicht ließ sie sich nicht abwimmeln. Ich suchte nach einer plausiblen Erklärung.

„Der Wolfgang ist krank und kann nicht reden.“

„Ach Gott, mein armer Junge. Dann komm ich besser mal gleich vorbei.“ Sigrun seufzte.

In meinem Kopf schrillten alle Alarmglocken. Ich hörte schon die Handschellen einrasten. Panisch versuchte ich, sie von ihrem Vorhaben abzubringen. „Du … du kannst ihn nicht besuchen. Der Wolfgang ist hochgradig ansteckend.“

„Du musst ihm Hühnersuppe kochen.“

„Ja, ich … ich werde ihm Hühnersuppe kochen, auch wenn ich nicht glaube, dass die ihn wieder auf die Beine bringt …“ Kritisch betrachtete ich die Leiche am Boden. Nein, selbst die beste Hühnersuppe würde da nicht mehr helfen können.

Sigrun klang plötzlich verunsichert: „Anstecken will ich mich nun wirklich nicht. Du weißt, wie gefährlich das ist, in meinem Alter. Grüß meinen lieben Wolfgang schön von mir. Ich sehe ihn dann ja am Samstag, wenn er zum Essen kommt.“

„Am Samstag?“ Ich wunderte mich. Davon hatte er bis heute nichts erwähnt. Egal. „Ja, ich melde mich und gebe dir Bescheid. Tschüss, Schwiegermama.“

Ich setzte mich auf die Treppe. „Puh!“ Was war denn das? Ich glaube nicht, dass die ihn wieder auf die Beine bringt! Annemie, Annemie! Dein schwarzer Humor bringt dich noch in Teufels Küche!

Holger war abgesagt, seine Mutter vorerst vertröstet. Seine Kollegen! Die würden ihn morgen früh wie immer pünktlich um sieben auf der Dienststelle erwarten. Da half nur Anrufen.

„Hallo, Jürgen, gut, dass ich dich noch erwische. Du, der Wolfgang ist krank, der nimmt erst mal Karenz, so bis zum Ende der Woche.“

Am anderen Ende der Leitung fragte eine mürrische Stimme: „Was hat er denn? Er war doch heute Mittag noch fit?“

„Ich weiß auch nicht, der war plötzlich ganz blass um die Nase und völlig am Boden zerstört. Ich hab keine Ahnung, was mit dem los ist. So hab ich den Wolfgang auch noch nie gesehen. Er hat erst mal beschlossen, liegen zu bleiben.“

Jürgen grummelte: „Das heißt, er kommt dann vor seinem Urlaub nicht wieder?“

Urlaub? Ich kicherte nervös: „Ach ja, in zwei Tagen ist ja schon Samstag. Stimmt, das hab ich glatt verdrängt.“

„Dann wünsche ich euch eine schöne Zeit.“

„Ja, äh, danke.“

„Er soll die Ansichtskarte nicht vergessen, sonst leiten wir die Fahndung nach ihm ein.“ Jürgen rang sich ein gequältes Lachen ab.

Mir wurde heiß und kalt zugleich. „Natürlich schreiben wir eine Karte, das haben wir doch immer …“, versicherte ich schnell. „Tschau, Jürgen! Danke!“

Wieso dachte Jürgen, dass Wolfgang ab nächsten Montag Urlaub hatte? Mein Ehemann musste doch zu diesem hochwichtigen Antiterrorlehrgang, wo sie lernten, wie man Briefbomben entschärft und Al-Qaida-Schläfer entlarvt. Er war einer der Auserwählten, die unser Land vor terroristischen Anschlägen beschützen sollten, hatte er mir gesagt, und ich war stolz auf ihn. Mein Wolfgang, ein Auserwählter! Ich hatte mir schon ausgemalt, wie er das Bundesverdienstkreuz bekam, und ernsthaft darüber nachgedacht, welches Kleid ich zu der feierlichen Übergabe anziehen sollte. Daraus wurde nun leider nichts mehr … Eine Hitzewelle durchraste meinen Körper wie der Intercity den Gotthardtunnel. Hoffentlich war ich jetzt nicht schuld daran, dass die Sicherheit der Bundesrepublik ins Wanken kam!

Es nützte nichts, die Selbstvorwürfe kamen zu spät.

Das Bundeskriminalamt oder der Staatsschutz, keine Ahnung, wer dafür verantwortlich war, hatten für unvorhergesehene Ausfälle bestimmt Ersatz eingeplant. Ich musste nachher gleich mal in seinem Kalender nachsehen, an wen ich mich wenden konnte, um meinen Mann von der Lehrgangsteilnahme zu entschuldigen.

Aber zuerst musste die Leiche hier weg. So konnte Wolfgang auf keinen Fall liegen bleiben. Der war aber auch blöd gefallen, man bekam ja nicht mal mehr die Haustür auf. Bloß, wohin mit ihm? Mit dem blutenden Loch in der Brust versaute er ja alles, und bei der Hitze fing er auch bald an zu stinken. Das kannte man ja von Gammelfleisch aus dem Supermarkt. Ich schaute auf und blickte in den Spiegel über der Kommode. „Annemie, wie redest du? Das ist doch dein Mann!“ Schnell wandte ich mich ab.

Am besten, ich steckte ihn erst einmal in die Tiefkühltruhe. Vorübergehend. Was für eine grandiose Idee. Damit hatte ich gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Wolfgang versperrte nicht mehr den Flur, falls Besuch kam, und ich konnte den Tatzeitpunkt manipulieren. Das zwischenzeitliche Einfrieren würde seinen Verfall aufhalten. Ich musste mithilfe des Handbuches nur ausrechnen, für welchen Zeitpunkt ich ein Alibi brauchte.

Darüber wollte ich mir aber im Moment nicht den Kopf zerbrechen, Wolfgang musste weg, in den Keller. Fragte sich nur, wie?

Ich stellte mich hinter seinen Kopf und fasste ihm unter die Arme. Mein Gott, war der schwer. Ich schob, zog und zerrte, bis mir der Schweiß aus allen Poren triefte. Als ich ihn bis zur Kellertreppe gebracht hatte, brauchte ich eine Pause. Ich war völlig fertig. Also, die Yogastunde konnte ich mir heute schenken. Gierig leerte ich eine halbe Flasche Evian und trocknete mir mit einem Frotteetuch das Gesicht ab. Nun kam der schwierige Teil. Die Kellertreppe. Ging ich rückwärts voran, brach ich mir selbst noch den Hals. Zu gefährlich.

Eigentlich empfand er ja sowieso keinen Schmerz mehr. „Sorry!“, sagte ich deshalb und gab ihm einen kräftigen Tritt, so wie ich es mit dem leeren Wäschekorb machte, wenn ich nach dem Aufhängen der Wäsche im Garten zu faul war, ihn in den Keller zurückzubringen. Wolfgang regte sich tierisch darüber auf, wenn er mich dabei erwischte.

Mit lautem Poltern landete seine Leiche eine Etage tiefer.

Ich sprang über ihn hinweg und inspizierte die Tiefkühltruhe.

Na toll! Alles voller Gartengemüse. Daran hätte ich auch früher denken können.

Ich schaufelte die Truhe leer. Ganz unten kamen die Steak- und Bratwurstreste vom Grillen im letzten Sommer zum Vorschein. Die konnte ich nun getrost wegwerfen. Allein würde ich den Grill sowieso nicht angezündet kriegen.

„Eigentlich waren diese Momente doch ganz romantisch, wenn wir an lauen Sommerabenden draußen auf unserer Terrasse bei Kerzenschein gegessen haben“, sagte ich zu Wolfgang, der regungslos zu meinen Füßen lag.

Annemie, du redest dir die Abendessen mit Wolfgang gerade schön. Was ist bitte daran romantisch, wenn ein Mann und eine Frau stumm wie Fische am Tisch hocken? Kaum war Wolfgangs Teller leer, schnappte er sich stets sein Bier, stand auf und verschwand vor den Fernseher. Kein Wort des Lobes für den vorzüglichen Kartoffelsalat, kein „Komm, Schatz, ich helfe dir beim Abräumen“.

Ich nahm eine Tupperdose mit undefinierbarem Inhalt in die Hand. Was war das denn? Ich öffnete den Deckel und roch.

Wurstsuppe, igitt! Wolfgangs Leibspeise, eines dieser fettigen Geschenke von seinem Fleischerfreund. Im Vorratskeller nebenan stapelten sich mindestens zwei Dutzend Blutwurstgläser. So viel Linsensuppe konnte ich gar nicht kochen, wie Holger für Nachschub sorgte. Die würde ich bei der Gelegenheit auch gleich wegwerfen. Mit zwei Fingern pulte ich die gefrorene Brühe aus der Dose und deponierte den Klumpen auf dem Abflussloch der Kanalisation am Fliesenboden. In ein paar Stunden war er geschmolzen, und ich musste nur noch nachspülen.

Die Beseitigung meines Gatten stellte sich da leider etwas schwieriger dar … Mit ganzer Kraft wuchtete ich meinen Mann in die kalte Ruhestätte. Puh, war der schwer! Wieso ließ sich dieser Arm nicht biegen? Ich stellte mich über ihn und drückte die widerspenstigen Gliedmaßen herunter und schimpfte: „Verdammt, Wolfgang, die Truhe geht nicht zu! Mach wenigstens einmal, was ich will, und erspare mir die Säge.“

Es knackte in seinem Schultergelenk. Ups! Jetzt hatte ich ihm wohl den Arm ausgekugelt. Das störrische Körperteil klatschte ihm wie ein schlaffer Sack an die Hosennaht. Ich wischte mir und Wolfgang meinen Schweiß von der Stirn, strich ihm das schüttere Haar glatt und faltete seine Hände über dem Bauch. „Na also, geht doch!“, sagte ich, hielt einen Moment inne und seufzte.

Wie friedlich er daliegt …

Aber jetzt war keine Zeit für Sentimentalität! Schnell stopfte ich das Gemüse bis zum oberen Rand dazu. Schalter auf Schockfrosten gedreht und Deckel drauf! Das war geschafft.

Nach zwei Stunden mit Putzen und Streichen hatte ich mir eine Pause verdient. Alles war blitzblank. Ein frischer Duft nach Limette-Minze und beige abgetönter Wandfarbe wehte durchs Haus und benebelte wie ein Hauch Cannabis wohltuend meine Sinne. Erschöpft fiel ich in den Fernsehsessel meines Mannes … nein, in meinen Fernsehsessel. In Zukunft würde ich ihn ganz für mich allein haben. Vorausgesetzt, kein neuer Wolfgang, Rainer oder Dieter würde ihn besetzen. Ich genehmigte mir einen Schnaps.

Nichts erinnerte mehr daran, dass ich in diesem Haus noch kurz zuvor meinen Mann ermordet und in die Tiefkühltruhe gestopft hatte. Ich ergötzte mich an der strahlenden Sauberkeit, und für einen Moment beschlich mich ein Glücksgefühl, ich erlebte einen richtigen Flow. Während Wolfgang friedlich in seinem eisigen Gemüsebett ruhte, gönnte ich mir einen Schnaps nach dem anderen und tanzte ausgelassen durchs Wohnzimmer.

Alles war plötzlich offen. Das Leben wurde wieder spannend. Ein Kind hatte ich nicht, Mann und Hund waren tot. Eine neue Ära begann – und das mit neununddreißig, na ja, fast vierzig! Ich fühlte mich befreit. Jetzt war Schluss mit Kochen, Backen, Schenken und Sich-für-alles-Entschuldigen. Bisher hatte ich einen guten Charakter und eine schlechte Figur. Das würde sich ändern. Nie wieder würde ich mich kleinmachen und einem Mann unterordnen. Ich würde auf eigenen Beinen stehen und meine Träume verwirklichen. Endlich würde ich nach Herzenslust malen, ohne dass jemand verlangte, ich solle mich lieber um den Haushalt kümmern. Endlich würde ich dahin reisen, wo ich hinwollte, und mir die Welt ansehen. Euphorisch erhob ich mein Glas. „Prost, du neues Leben!“

3. KAPITEL

Nach dem Höhenflug folgte prompt der Katzenjammer. Am nächsten Morgen landeten Flugzeuge in meinem Kopf. Die Sonne pulte ihre Strahlen aufdringlich durch die Jalousieritzen und blendete mich. Wer bin ich? Welcher Tag ist heute? Wo bin ich? Nachdem ich mir diese Fragen mühevoll beantwortet hatte, schälte ich mich vom Sofa. Angestrengter Blick aus herunterhängenden Schlupflidern zur Wanduhr. „Elf? Schiet! Verschlafen!“ Mein Getriebe setzte sich in Gang. Der Motor heulte auf, und ich startete in den Tag. Zumindest versuchte ich es.

„Wolfgang? Bhhhu. Wir haben verschlafen! Bhhhhuuu!“, rief ich auf dem Weg zur Toilette ins offen stehende Schlafzimmer und stürzte mit der Hand vorm Mund zur Kloschüssel. Schnell, Deckel hoch, Kopf in den Porzellantrichter versenkt und Rückwärtsgang eingelegt.

Mann, war mir schlecht. Nie wieder einen Tropfen Alkohol! Aber das schwor ich mir jedes Mal, wenn ich zu viel hatte.

Kreidebleich und schweißgebadet spülte ich mir die unrühmlichen Reste vom vorigen Abend aus Mund ...

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