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Wolfgang Gans Edler Herr zu Putlitz

Inhalt

Einleitung

Erster Teil

Die Familie Gans Edle Herren zu Putlitz

Wolfgangs Kindheit, seine Jugend und das Gutshaus in Laaske

Die Ritterakademie in Brandenburg

Wolfgang zu Putlitz als Fahnenjunker im ersten Weltkrieg

Zurück zur Familie nach Laaske, Berufsausbildung

Wolfgangs Bewerbung beim Auswärtigen Amt in Berlin

Wolfgang an der deutschen Botschaft in Washington

Geschäftsträger in Haiti

Heimaturlaub nach fast fünfjährigem Aufenthalt in Übersee

Eine neue Zeit bahnt sich an. Treueeid zu Hitler

Nach Genf zur Abrüstungskonferenz des Völkerbundes

An der Botschaft in Paris und London

Wolfgang zu Putlitz, Leiter der Konsularabteilung an der deutschen Botschaft in London

Gesandtschaftsrat in Den Haag, Holland

Kristallnacht in Putlitz

Wolfgang zu Putlitz, zurück in Den Haag

Halbherzigkeit der Engländer gegenüber Hitlers Kriegsvorbereitungen

Englische Kriegserklärung gegen Deutschland

Zu Putlitz informiert den britischen Geheimdienst und wird dabei ertappt

Putlitz auf der Flucht nach England

Reaktionen auf die Flucht von zu Putlitz in seiner Heimat

Wolfgang zu Putlitz in England

Auswanderung nach Jamaika und den USA

Zurück nach England

Beim britischen Geheimdienst, windet sich aber geschickt heraus

Das Kriegsende

Zurück nach Deutschland

Oberregierungsrat in der Präsidialkanzlei in Schleswig-Holstein

Probleme in der Landesregierung Schleswig-Holstein

Verhaftung und Gefängnis des Bruders in Putlitz

Zu Putlitz geht nach England und wird Engländer

Wolfgang zu Putlitz beim Nürnberger Kriegsverbrecherprozess

Mit Gelegenheitsarbeiten hält sich zu Putlitz über Wasser

Wie sollte es mit Wolfgang zu Putlitz weitergehen?

Zweiter Teil

Übersiedlung in die DDR

Wolfgangs Wohnort in der DDR

Der Literat Wolfgang zu Putlitz

Die China-Reise

Wolfgangs Begegnungen mit arbeitenden Menschen

Wolfgangs politische Arbeit in der DDR

Die Politischen Verhältnisse in West- und Ostdeutschland

Das vielfältige politische Engagement des Wolfgang zu Putlitz in der DDR

Arbeit im Ausschuss für Deutsche Einheit

Wolfgang leistete aktive politische und gesellschaftliche Arbeit

Gedanken über ein weiteres Buch

Die letzten Tage des Wolfgang zu Putlitz

Dankeschön

Quellennachweis

Einleitung

Dieses Buch „Ein preußischer Adliger wird Sozialist“ ist ein Beitrag zur deutschen Zeitgeschichte. Es besteht aus zwei Teilen. Der erste Teil ergänzt und vertieft das von Wolfgang Gans Edler Herr zu Putlitz autobiografisch geschriebene Buch „Unterwegs nach Deutschland“.

Zu Putlitz hat es geschrieben, nachdem er im Jahre 1952 in die Deutsche Demokratische Republik übergesiedelt war. In diesem Teil Deutschlands war er geboren. Die erste Auflage erschien im Jahre 1956 im Verlag der Nation. Insgesamt waren es 18 Auflagen, die bis zum Jahre 1976 in diesem Verlag erschienen. Das Buch war damals ein Bestseller. Es wurde in den sozialistischen Ländern, ebenfalls in Holland, Japan und England veröffentlicht.1 In London erschien die englische Ausgabe 1957 unter dem Titel „The Putlitz Dossier“.

Der Direktor des Verlages für fremdsprachige Literatur in Moskau, Tschuwikow, teilte in einem Brief vom Juni 1957 dem Leiter der Personalabteilung im Außenministerium der UdSSR mit, dass das Buch „Unterwegs nach Deutschland“ in dem Verlag in russischer Übersetzung erschienen ist, und dass sich Putlitz mit anderen Touristen zur Zeit in Moskau aufhalte. Bei dieser Reise war Putlitz von der Armut der Menschen ungeheuer enttäuscht. Einige hatten mit Stroh umwickelte Schuhe an.2

Der zweite Teil dieses Buches beschreibt das Leben und Wirken des Wolfgang zu Putlitz in der DDR.

Dieser Teil seiner Biografie ist bisher noch nicht erfasst. Als Engländer war er vorher bereits in den östlichen Teil von Berlin gereist. Er hatte mit Leuten gesprochen und kaufte sich neue, dort erscheinende Literatur und kam zu diesem Urteil: „Es war in der Tat eine klarere und ehrlichere Welt. Sie war mir fremd, aber sie war zweifellos gesünder, als die in allen Fugen krachende, morsche des Westens.“3

Blieb Wolfgang zu Putlitz bei diesem Urteil? Darüber erfahren Sie, lieber Leser, im zweiten Teil dieses Buches. Es gibt viele Interessierte, die diese unbekannte Biographie kennen möchten. Junge Menschen in der „Putlitzer Gegend“ sprachen mich an und äußerten den Wunsch, bald etwas über Wolfgang zu Putlitz zu erfahren. Ich möchte diesen Wunsch erfüllen. In der DDR machte Wolfgang die Bekanntschaft mit einem netten jungen Mann; er wurde sein Partner. Er gab mir als Zeitzeuge viele Informationen für dieses Buch.

Inge Hammerström

Januar 2019

 

Wolfgang Gans Edler Herr zu Putlitz

Erster Teil

Die Familie Gans Edle Herren zu Putlitz

Wolfgang Gans Edler Herr zu Putlitz war der Nachfahre eines uralten brandenburgischen Adelsgeschlechtes.

Der erste Stammvater des Geschlechts 4, der sich im Jahre 1128 in Putlitz niederließ, war ein Graf Mansfeld. Ein etwa drei Kilometer von Putlitz entferntes Kirchdorf hat den Namen Mansfeld. Der Familienname Mansfeld wurde abgelegt, als die Familie aus der mitteldeutschen Heimat ausgewandert und in die Mark Brandenburg gekommen war. Ihr altes Mansfelder Wappenschild, das eine Gans im Schilde trug, wurde aber weiterhin von der Familie zu Putlitz geführt. Das über dem Portal des Gutshauses aus dem 13. Jahrhundert stammende Familienwappen wurde zusammen mit dem Familienwappen der Lobenstein geführt. Im Jahre 1945 sind beide Wappen entfernt worden. Das wäre fast auch mit dem Familienwappen in der Vorhalle des Gutshauses geschehen. Dort befindet sich, in dem Terrazzofußboden eingearbeitet, eine flugbereite Gans. Dieses Symbol der alten Adelsfamilie zu erhalten war nicht nach der Gesinnung der Genossen des Arbeiter- und Bauernstaates DDR. Aber in einer Versammlung kam ein Bürger von Laaske auf den Gedanken, dass es sich nicht um eine aufschwingende Gans, sondern um die Friedenstaube handeln könne. Dieses Symbol des Friedens müsse erhalten bleiben! Man gab ihm Recht. In jahrhundertealten Chroniken wurden die „Gänse“ als Herren zu Putlitz genannt.5 Die Verwendung von Familiennamen setzte im 12. Jahrhundert ein; obwohl vorher, in germanischer Zeit, sich die Nutzung von Familiennamen allgemein nur auf die soziale Oberschicht begrenzte. Wolfgang Gans zu Putlitz schrieb, dass er wegen seines komischen Namens viel geneckt wurde.6 So hieß es in der Schule die „dumme Gans“, die „Schnattergans“, die „Fettgans“. Egal, wie es auch war. Wolfgang hat sich gerne von seiner befreundeten Familie Haseloff in Groß Kreutz zum Gänsebraten-Essen einladen lassen.

Wolfgang Gans Edler Herr zu Putlitz lebte von Geburt an bis zur Enteignung seines Gutes durch die Nazis in Laaske/Prignitz. Die erste Erwähnung des Ortes erfolgte schon 1490. Archäologische Fundstellen in und um Laaske belegen eine Besiedlung in der Bronzezeit und im Mittelalter. Als Friedrich II. den Befehl zum Aufbau der Wüsteneien Preußens erließ, entstand auch Laaske neu. Im 19. Jahrhundert wurde Laaske zum Stammsitz der Familie zu Putlitz.7 Das erste Gutshaus war ein Fachwerkbau. Anfang der 1880er Jahre wurde er durch einen massiven zweigeschossigen Anbau erweitert. Im Jahre 1906/1907 wurde der Fachwerkteil des Herrenhauses abgerissen und durch einen massiven neobarocken Neubau, der mit dem Flügel von 1880 verbunden wurde zu einer Zweiflügelanlage erweitert. So steht das Haus heute. Im Laufe des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden viele neue, massive Wirtschaftsbauten für die Gutsarbeiter errichtet. Gutshaus und Park wurden am 1. Juli 1982 zu DDR-Zeiten unter Denkmalschutz gestellt. Das Gutshaus ist in eine reizvolle Landschaft eingebettet. Im Park sind seltene Gehölze - ein Teich und ein Landschaftspark schließen sich an. Im Landschaftspark befindet sich der Friedhof der Familie zu Putlitz. Alle Anlagen sind in recht gutem Zustand erhalten, auch die Grabstellen. Sie wurden nach der politischen Wende in Deutschland von „ABM-Kräften“ erneuert und der Neffe von Wolfgang zu Putlitz, Gebhard Gans Edler Herr zu Putlitz aus Ahrensburg betreut heute die Grabstellen.

Wolfgangs Kindheit, seine Jugend und das Gutshaus in Laaske

Wolfgang Gans Edler Herr zu Putlitz wurde im Jahre 1899 in Laaske, einem Ortsteil von Putlitz geboren.

Er war das erste Kind des Ehepaares Walter zu Putlitz und Haidi, Freiin Hofer zu Lobenstein. Seine Geschwister waren Gebhard, Walter und Armgard. Gebhard war Wolfgangs Lieblingsbruder. Der Putlitzer Besitz bestand, als Wolfgang geboren wurde, aus drei Gütern; aus Laaske, dem Stammsitz, der Wolfgang gehörte. Putlitz gehörte dem Bruder Gebhard und Groß-Langerwisch dem Bruder Walter. Wolfgang beschreibt das Laasker Gutshaus aus seiner Kindheitserinnerung: Er sagte, dass er gar nicht sagen könne, wie viele Zimmer an den verstreuten Korridoren des großen Gutshauses lagen. Außer uns, wohnten darin noch die Gutssekretärin, ein Inspektor, der Hauslehrer und die Mademoiselle und meist im Erdgeschoss die Diener und das Hauspersonal. Über die ganzen oberen Etagen und die Gesellschaftsräume verfügte meine Familie. Beim Essen, erzählt Wolfgang, ging es dann so zu: „Es durfte nie gemäkelt werden. Was auf dem Teller lag, musste aufgegessen werden; ob es schmeckte oder nicht. Qualvoll war der Zwang, wenn es „Schwarzsauer“ gab, ein märkisches Spezialgericht, zusammengekocht aus Gänsepfoten, Hälsen und Schnäbeln in geronnenem Blut. Es war eine von Vaters Lieblingsspeisen.“8

Wolfgangs Vater war mit Leib und Seele Landwirt. Über seinen Vater sagte Wolfgang, dass ihm der Gelderwerb nicht alleiniger Zweck war; die Liebe zu Laaske hat meinen Vater zum Landwirt gemacht. Er hat das Dorf ständig verschönert. Die Landarbeiter lebten in sauberen Häusern. Von seinem Vater meinte Wolfgang: „Wenn er überhaupt einen Ehrgeiz hatte, so war es der, dass es in der ganzen Gegend heißen sollte: Ja, wenn es überall so herginge wie beim Laasker Baron, dann würde es in ganz Preußen niemals eine Sozialdemokratie geben.“9 Das Laasker Gut war dafür bekannt, dass überall Ordnung und Sauberkeit herrschte. Darüber berichteten in den 1990er Jahren mit Achtung ehemalige Gutsarbeiter. Während des zweiten Weltkrieges wurden im Gutshaus Insassen eines Hamburger Altenheimes und Flüchtlinge untergebracht. Wolfgangs Mutter konnte bis 1947 im Schloss wohnen. Sie war dann als ehemalige Besitzerin aus Laaske ausgewiesen worden und lebte bei ihrem Sohn Walter in Schleswig-Holstein.10 Als im Mai 1945 die Soldaten der Roten Armee ins Dorf kamen, diente das Schloss als Kommandantur; auch eine Fliegerabteilung war eingezogen. Nach der Enteignung der Familie Putlitz und dem Abzug der Soldaten war vorübergehend ein Altersheim eingerichtet worden. Dann lebten darin Sudetendeutsche. In der Folgezeit war es ein Seuchenkrankenhaus, 1949 eine Kinderklinik, von 1960 bis 1990 ein Feierabendheim. Es wurde von der St. Elisabeth-Stiftung, einer Einrichtung der Inneren Mission für die Altenpflege genutzt. Im Zuge der Bodenreform 1945 erhielten Landarbeiter und nach Laaske gekommene Flüchtlinge eigenes Land. Die fast 700 ha Ackerland der Gemarkung Laaske wurden auf dreiundsechzig Siedlungsstellen aufgeteilt. Im Herbst 1952 wurde die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (LPG) Typ III gegründet. Das Büro der LPG befand sich im Gutshaus. In den ersten Jahren des gemeinsamen Bewirtschaftens ging es auf und ab, dann zog Stabilität ein, heißt es im Amtsblatt.

Nach der politischen Wende 1990 wurden Teilbereiche des Betriebes von der Treuhand versteigert, so auch die Brennerei. Der Landrat des Kreises Prignitz hat ungeachtet dessen im Jahre 2002 noch einige der erhaltenen Wohn- und Wirtschaftsgebäude des Gutsgeländes wegen ihrer architektonischen und geschichtlichen Bedeutung unter Denkmalschutz gestellt. Nach längerem Leerstand konnten Gutshaus und Park im Jahre 2004 einem Hamburger Unternehmer verkauft werden

Die Ritterakademie in Brandenburg

Bis zum elften Lebensjahr wurde Wolfgang durch seine Kinderfrau zu Hause ausgebildet. Bei ihr lernte er auch Französisch.

Im brandenburgischen Land war es üblich, dass die jungen Adligen auf die Ritterakademie in Brandenburg gehen. Die Ritterakademie wurde am 4. August 1704 mit Genehmigung Friedrich I., König von Preußen gegründet. Der Gründung war die Feststellung des märkischen Adels vorausgegangen, dass die eigene Jugend einer Institution bedürfe, die sie auf die vom Staat gestellten Aufgaben in dessen Diensten vorbereiten solle.11 Sie wurde vom ersten preußischen König mit Wohlwollen begleitet. Im Jahre 1705 begann der Unterricht. Für die Bildungspolitik galten diese Leitlinien: Bildung entscheidet über die Berufs- und Lebenschancen junger Menschen und beeinflusst maßgeblich die Wirtschaftsindikatoren des Landes, wie Innovationskraft, Wettbewerbsfähigkeit und Produktivität.

Albrecht von dem Busche hat in seinem Buch „Die Ritterakademie in Brandenburg“ Erziehungsgrundlagen von mehreren Autoren formuliert und zusammengestellt; z. B. forderte der Pädagoge A. H. Niemeyer: „Für die Erziehung sind Vorbild, Ermahnung und Strafen notwendig. Strafen sind letztlich dazu da, die Grenzen und Verhaltensregeln durchzusetzen, denen der Zögling zur Selbstführung seines Lebens bedarf.“ Gegenüber E. H. Francke äußerte der König Friedrich Wilhelm I.: „Ein Zögling muss immer beschäftigt und beaufsichtigt werden, weil der menschliche Wille ohnehin zur Schlaffheit und allem Bösen geneigt ist.“

- Friedrich Wilhelm, ich protestiere!

Der Mensch neigt zur Schlaffheit und allem Bösen? Solche Verallgemeinerungen darf man nicht zulassen. Wie viele zielstrebige Menschen, besonders auch sehr junge Menschen gibt es!

Im Jahre 1806 meinte J. M. Sailer: „Langeweile ist der schlimmste Anlass für eine Vernachlässigung der geistigen und körperlichen Kräfte des Heranwachsenden.“

Wir wissen nun, in welchem Sinne Wolfgang Gans erzogen wurde. Uns sind keine Klagen seiner Lehrer über das Verhalten von Wolfgang bekannt.

Wolfgang Gans zu Putlitz wurde im Alter von zwölf Jahren in die Ritterakademie eingeschult. Seine Schulzeit musste um ein Jahr verkürzt werden, weil der erste Weltkrieg tobte. Im Jahre 1916 machte er nach fünfjähriger Ausbildung das Notabitur. Zur Reifeprüfung im Juni 1916 wurden seine Leistungen im Durchschnitt aller Unterrichtsfächer mit „gut“ bewertet. Pflichtgemäß mussten die adligen jungen Männer in den Krieg ziehen. Im Juni schrieb er aus seiner Heimatstadt Laaske an seinen Herrn Professor in der Ritterakademie:

„Hoch verehrter Herr Professor!

Mittwoch trete ich nun in Potsdam ein. Wäre Herr Professor bitte so freundlich, mir das Zeugnis dorthin zu senden. Als Adresse genügt Fahnenjunker, Garde Ulanen Rgt. Ich bitte um Empfehlungen an die anderen Herren und bleibe mit größter Hochachtung

Ihr dankbarer Wolfgang zu Putlitz

Wolfgang zu Putlitz als Fahnenjunker im ersten Weltkrieg

Wolfgang wurde im 3. Garde-Ulanen- Regiment in Potsdam Fahnenjunker. Seine Kaserne war in der Jägerallee. Dort steht sie noch heute. Er kam mit seinem Regiment an die Ostfront und gegen Ende des Krieges nach Finnland. Auf Befehl Ludendorffs sollte die Potsdamer Garnison Finnland von den „Bolschewiken“ befreien und für die abendländische Kultur retten. Als siebzehnjähriger Gardeleutnant genoss Wolfgang einige Privilegien. Er durfte im Offizierskasino speisen, während die gewöhnlichen Soldaten das Feldküchenessen bekamen. Später sagte er einmal, dass ihn damals jedes Mal Gewissensbisse plagten, wenn er im Schützengraben die Inschrift fand: „Gleiche Löhnung, gleiches Essen und der Krieg wär’ schnell vergessen.“ Die russischen Soldaten waren kriegsmüde. Sie wollten nicht mehr kämpfen. Die Oktoberrevolution sollte erfolgreich beendet werden. Es liefen lange komplizierte Waffenstillstandsverhandlungen zwischen Deutschland und Russland, die schließlich erfolgreich endeten. Seit November 1917 liefen in Brest-Litowsk Verhandlungen, die hoffen ließen, dass im Osten der Krieg bald zu Ende war. An der Westfront wurde grausam weitergekämpft und Deutschland wurde vernichtend geschlagen. Zehn Millionen Tote, 20 Millionen Verwundete und Verkrüppelte hatte der Krieg gekostet, bis am 11.November 1918 der Waffenstillstand geschlossen wurde.

Im Dezember kam das Potsdamer Garde-Ulanen-Regiment zurück in die Heimat12. Es war militärisch in Ordnung und durfte auf dem Potsdamer Paradeplatz vor dem Stadtschloss noch einmal unter dem ehemaligen Kommandeur, General von Tschirschky, einen Parademarsch hinlegen. Plötzlich, alle waren mit den Vorbereitungen zur Entlassung beschäftigt, brüllte jemand „Alarm, antreten!“ Mit dem Zug ging es zurück nach Berlin zum Potsdamer Bahnhof, dann weiter zum Reichskanzlerpalais in der Wilhelmstraße. Dort sprach der Volksbeauftragte und zukünftige Reichspräsident Friedrich Ebert. Er lobte die Garde, die stets in vorderster Front gestanden hatte, wenn das Vaterland rief. Auch an diesem kritischen Tage appellierte er an ihren Patriotismus und ihre Tapferkeit, an der Zukunft des Landes in Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit mitzuschmieden. Als Hindernis dafür nannte er gewissenlose Rowdys, die im Trüben fischen und das Chaos verewigen wollen, um ihre eigene zügellose Gewaltherrschaft aufzurichten. Diese meuternden Banden sollen zerschlagen werden.

Wer waren diese meuternden Banden?

In Deutschland war die Novemberrevolution ausgebrochen. Auslöser war der Kieler Matrosenaufstand, der sich gegen das Auslaufen der deutschen Hochseeflotte gegen die britische Royal Navy trotz der feststehenden Kriegsniederlage Deutschlands richtete. In Berlin hatten sich die Spartakusmatrosen im kaiserlichen Schloss und Marstall verschanzt. Die Potsdamer Ulanen, schwer bewaffnet, befanden sich im Universitätsgebäude. Am nächsten Morgen gingen sie in Stellung. Es kam zum Schusswechsel mit den Matrosen, und die Ulanen, mit ihnen Wolfgang zu Putlitz, drangen siegreich ins Schloss. Die Matrosen gaben ihre Waffen ab. Sieger und Besiegte befanden sich im Schloss.

Wolfgang zu Putlitz erzählt uns eine kleine Anekdote über sein Erlebnis mit den Spartakusmatrosen:13 Ulanen und Matrosen hatten an diesem Morgen noch nichts gegessen. Sie hatten einen Bärenhunger. Die Matrosen erzählten uns, dass sie in einigen Sälen des Schlosses große Vorräte von Keks und Schokolade gefunden hätten, die wohl von der Kaiserin dort gesammelt waren. Gemeinsam zogen wir, die eben noch aufeinander geschossen hatten, über die kaiserlichen Leckereien her und waren bald bei den friedlichsten und anregendsten Gesprächen angelangt. Mitten in diese Verbrüderungsszenen platzte auf einmal der Befehl: „In Feuerstellung an die Fenster!“ Da sah man, wie sich eine unendliche Menschenmenge durch den Lustgarten in Richtung Schloss wälzte. Tausende Berliner waren auf den Beinen. Sie hatten die Postenketten der Garde überrollt, die mit Schimpfworten, wie „Bluthunde, Henkersknechte“ angeschrien wurden. Unter den Berlinern hatten auch die Ulanen viele Freunde und Bekannte, auf die man nicht schoss. Sie drangen ins Schloss ein, und die ehemaligen Sieger wurden die Besiegten, die entwaffnet wurden. Von den aufgebrachten Matrosen wurden sie beschimpft und attackiert.

Hilflos stand Wolfgang in seiner Uniform mit den silbernen Achselstücken vor einem Mann mit Matrosenmütze und Husarenhose, der ihn anschrie. Er hatte furchtbare Angst und erschrak, als jemand unvermutet eine Hand auf seine Schulter legte. Es war der Matrose, mit dem er vorher die kaiserliche Schokolade gegessen und gewitzelt hatte. Der Matrose holte zum Schutz seines etwa gleichaltrigen Schützlings, der wie er sagte, doch gerade aus dem Krieg zurückgekommen war, „nich uffjeklärt“, nur dumm gemacht wurde, einige Kameraden zu Hilfe.

Sie brachten Wolfgang und noch einige Ulanen zur Bahn, die in Richtung Potsdam fuhr. Unterwegs bemühte sich der neue Freund, Wolfgang und seine Ulanen-Kumpel etwas aufzuklären, die damals nicht viel verstanden. „Aber, sagte Wolfgang zu sich, in meinem Kopf sieht es doch etwas anders aus als vorher.“ In diesem Moment schwor er sich: „Kein Tschirschky und kein Ebert sollten mich je wieder zu derartigen Straßenkämpfen gegen das eigene Volk missbrauchen.“ Dieses Erlebnis hat Wolfgang sein Leben lang bewahrt, vom Kommunistenhass erfasst zu werden. Ging er von dieser Zeit an auf „roten Wegen?“14

Die Potsdamer Offiziere waren am gleichen Abend in ihren Kasernen heil angekommen. Einige von ihnen begannen entsetzliche Greuelgeschichten zu erzählen, die in anderen Truppenteilen vorgekommen sein sollen. Diese Geschichten wurden geglaubt und man schwor, sich zu rächen. So erzählte man z. B., dass Offiziere mit abgehackten Fingern in die Spree geworfen, von der Menge zertrampelt oder auf andere bestialische Weise umgebracht wurden. Wolfgang, der Jüngste in seiner Division, erlaubte es sich, Zweifel darüber zu äußern. Deswegen bekam er den Spitznamen „rotes Puttchen“, den er nicht mehr loswurde.

Zurück zur Familie nach Laaske, Berufsausbildung

Von Potsdam fuhr Wolfgang nach Hause. Ein neuer Lebensabschnitt begann: Die Berufsausbildung und der Eintritt in den Beruf.

Wolfgang war der Älteste seiner zwei Brüder und sollte als zukünftiger Gutsherr den Stammsitz der Familie, das Gut in Laaske übernehmen, der Bruder Gebhard das Gut Burghof in Putlitz und Walter, der jüngste Bruder, das Gut Groß Langerwisch. Schon als Kind behagte Wolfgang der Gedanke nicht, einmal Landwirt zu werden. Mit seinem geheimen Bundesgenossen, dem Bruder Gebhard, konnte Wolfgang über seine beruflichen Probleme und nicht nur darüber sprechen. Er war sein bester Freund, auch wenn sie in ihrer Veranlagung unterschiedlich waren. Gebhard war ein praktischer Mensch, der, wie man sagte, über viel Bauernschläue verfügt. Dagegen bewunderte er seinen Bruder Wolfgang wegen seiner Gelehrsamkeit. War es nur berufliches Desinteresse, das Wolfgang abhielt, Landwirt zu werden? „Mein Bruder Gebhard fühlte“, schreibt Wolfgang in seinem Buch Unterwegs nach Deutschland, „dass bei meiner Natur solche Konflikte unvermeidlich sind.“

Sie, lieber Leser werden, wenn Ihnen die weitere Biographie des Wolfgang zu Putlitz bekannt ist verstehen, warum er in einem kleinen Gutshof nicht Gutsbesitzer sein konnte. Wolfgang wollte, wie er es später öfter sagte, eine Aufgabe haben, in der er für seinen Staat nützlich sein konnte.

Mit seinem Vater, der ein sehr guter Landwirt, sagt Wolfgang, aber auch „ein kleiner Despot“ war, kamen er und sein Bruder Gebhard auf die berufliche Entwicklung der beiden Jungen zu sprechen. Beide Jungen sollten als Eleven auf gut arbeitende Güter gehen. Der Einspruch von Wolfgang, dass er gerne manches andere studieren wolle, wurde vom Vater auf spätere Zeit verschoben. Wolfgang wurde auf das erfolgreich arbeitende Gut Wesendahl vermittelt. Er stellte fest, dass in diesem Gut die Arbeiter bis aufs Letzte ausgepresst wurden. Der Gutsherr hatte keine Beziehungen zu den Dorfbewohnern; die Wirtschaftsweise war allerdings rationeller als auf dem Gut Laaske.

Unter den Wesendahler Verhältnissen wollte Wolfgang nicht leben. Seine Unlust Gutsbesitzer zu werden, hat sich nur verstärkt. Er tröstete sich, dass er zwei Brüder hatte, um die Ehre der Familie zu retten. Dem Bruder Gebhard wollte er gerne das Recht der Erstgeburt abtreten.

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