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Wolf Creek - Zeit zu jagen

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autoren
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Prolog
  6. 1
  7. 2
  8. 3
  9. 4
  10. 5
  11. 6
  12. 7
  13. 8
  14. 9
  15. 10
  16. 11
  17. 12
  18. 13
  19. 14
  20. 15
  21. 16
  22. 17
  23. 18
  24. 19
  25. 20
  26. 21
  27. 22
  28. 23
  29. 24
  30. 25
  31. 26
  32. Die Autoren
  33. Danksagung

Über die Autoren

Greg McLean ist ein australischer Regisseur, Autor und Produzent. Durch sein Spielfilmdebüt WOLF CREEK und das Sequel WOLF CREEK 2 brachte er eine der beängstigendsten Filmfiguren auf die Kinoleinwand: den psychopathischen Killer Mick Taylor.
WOLF CREEK – ZEIT ZU JAGEN ist McLeans zweiter Roman, der die Leser in die grausame Welt Mick Taylors entführt. Mit Brett McBean hat er einen preisgekrönten Horror- und Thrillerautor an seiner Seite, dessen Bücher bereits in Australien, USA und Deutschland veröffentlicht wurden.

Greg McLean und Brett McBean

WOLF CREEK –
ZEIT
ZU JAGEN

Roman

Aus dem australischen Englisch von
Winfried Czech

Prolog

Westaustralien
Dezember 1967

In dem Tunnel roch es nach Tod. Es war nicht der erstickende Gestank erst kürzlich Verstorbener, dieser süßliche, ein wenig an verrottendes Gemüse erinnernde Geruch, der sich einem in die Nasenschleimhaut brennt und im Gehirn festsetzt. Nein, dies war der Geruch eines alten Todes. Modrig, wie in einem zweckentfremdeten Schuppen, der schon seit mehr als hundert Jahren nicht mehr gelüftet worden war.

Außerdem war es kalt. Eine beißende Kälte sickerte durch seine Haut und kroch ihm bis ins Mark. Eine Kälte, die den dumpf pochenden Schmerz in seinem Schädel weiter verstärkte.

Mick verharrte in dem engen Gang, durch den er auf Händen und Knien kroch, und rieb sich mit dem Unterarm über das Gesicht. Seine Stirn glühte, obwohl sich der Schweiß, der ihm aus den Poren quoll, eiskalt anfühlte.

Er wechselte die Taschenlampe von der rechten in die linke Hand und wischte sich die rechte Handfläche an seinem Hemd ab.

Ganz ruhig, Mick! Du benimmst dich ja beinahe, als wärst du nervös. Weshalb, zum Teufel, solltest du nervös sein?

Es war ja nicht so, als müsste er sich Sorgen über irgendwelche Feinde machen. Auch wenn er gelegentlich das Trippeln von Rattenpfoten hören konnte – das ihn auf unheimliche Weise an das Geräusch der durch den Dschungel schleichenden Vietcong erinnerte –, wusste er, dass diese Tunnel menschenleer waren.

Nun ja, zumindest leer, soweit es lebende Menschen betraf.

Es gab hier unten jede Menge Leichen, auch wenn sich die mit dem verwesenden Leichenbrei gefüllte Grube entlang des anderen Tunnels befand, der an die Erdoberfläche führte. Dieser Tunnel mit seinem sanften Gefälle, in dem es keine frische Luft gab (zum Glück auch keine Fallen in Form von spitzen Spießen auf Springfedern), schien weiter in die Tiefe zu führen.

Mick schob seine nervöse Anspannung auf das Gefühl der Klaustrophobie, nahm die Taschenlampe wieder in die rechte Hand, richtete den Lichtstrahl auf den Boden vor ihm und kroch weiter.

Er bewegte sich mit geübter Effizienz. Das Gewehr Kaliber .243 schlug leicht gegen seinen Rücken, und er erinnerte sich an einen Song, den seine Kameraden gern im Radio gehört hatten. Ein populäres Stück von dieser Rock-’n’-Roll-Gruppe namens The Rolling Stones, die wie die Schwarzen klangen.

I see a red door and I want to paint it black …

Die anderen Soldaten hatten jedes Mal die Lautstärke ihrer Radios hochgedreht, wenn der Song gekommen war. Mick mochte ihn nicht besonders. Er stand mehr auf Country. Doch während er weiter den engen Tunnel hinabkroch, der denen in Vietnam wirklich nicht unähnlich war, dachte er über den Text nach. Er war alles andere als ein Songschreiber – zur Hölle, er konnte gerade mal schreiben und lesen –, aber mit einer winzigen Veränderung würde er sich sogar mit dem Text anfreunden können.

I see a black door and I want to paint it red.

Yep, das entsprach schon eher seinem Stil.

Während er weiterkroch, sang er wieder und wieder die veränderte Textzeile vor sich hin, und als er das Ende des Tunnels erreichte, hatte er aufgehört zu zittern. Er schob sich aus dem Gang heraus, richtete sich mit steifen und schmerzenden Gelenken auf der rötlich braunen Erde auf und leuchtete mit der Taschenlampe um sich.

»Teufel aber auch«, murmelte er verblüfft.

Das Licht der Taschenlampe reichte zwar nicht aus, die gesamte Höhle zu erhellen, aber das, was Mick sehen konnte, war schon beeindruckend genug. Es war wie ein gewaltiges, aus rotem und braunem Fels gemeißeltes unterirdisches Haus. Der Teil der Decke, den der Schein der Taschenlampe erfasste, erinnerte an Knetmasse, die von einem unachtsamen Kind geformt worden war. Einige Abschnitte hingen so tief herab, dass sich Mick auf alle viere hätte niederlassen müssen, um zu sehen, wie es dahinter weiterging. In der Mitte der Höhle war ein kleiner Teich, dessen Wasser sauber und einladend aussah.

Die Luft enthielt eine Spur würziger Minerale, die allerdings von dem allgegenwärtigen Geruch alten Todes überlagert wurde, der hier unten noch stärker war. Ein Geruch, den Mick nicht als unangenehm empfand.

Er blieb in der Einmündung des Tunnels stehen und atmete tief ein.

Sein Körper, der nicht gerade klein war, wuchs noch um etliche Zentimeter, als er seine Lungen füllte, denen die kalte, modrige Luft allerdings nicht gut zu bekommen schien. Er krümmte sich zusammen, wurde von einem Hustenanfall geschüttelt und spuckte einen schleimigen Auswurf auf den blutroten Felsboden. Das Echo verstärkte das Geräusch, als husteten zehn Männer gleichzeitig.

Als der Anfall vorüber war, wischte sich Mick den Mund mit einem Hemdsärmel ab und richtete sich wieder auf. »Muss an dem ganzen Scheiß liegen, den ich drüben in Nam inhaliert habe«, murmelte er.

Ein Schwindelgefühl erfasste ihn. Er senkte den Kopf, schloss die Augen und wartete darauf, dass die Übelkeit in ihm aufstieg. In letzter Zeit häuften sich die Schübe von plötzlicher Übelkeit, die in der Regel von Kopfschmerzen begleitet wurden, und meistens musste er sich dann übergeben.

Diesmal aber ging der Anfall vorüber, ohne dass er sein Mittagessen hervorwürgte.

»Verdammt«, knurrte er und ging zu dem kleinen See.

Er ließ sich in die Hocke sinken und tauchte die rechte Hand in die unbewegte Oberfläche. Das Wasser war kalt. Mick wölbte die Hand, hielt sie sich unter die Nase und sog die Luft ein. Das Wasser roch unbedenklich, vielleicht etwas kupferig, aber damit war angesichts der eisenhaltigen Bergzüge hier zu rechnen gewesen. Er trank einen kleinen Schluck. Das Wasser schmeckte gut, und Mick trank durstig mehr, ließ es seine ausgedörrte Kehle hinunterlaufen. Danach spritzte er es sich in das brennende Gesicht und über den Hals.

Schwarze Rinnsale liefen ihm über das Hemd und die Unterarme hinab. Er war zweifellos so dreckig wie ein Bergmann nach einem harten Arbeitstag in einem Kohlenstollen, nachdem er die letzten Tage damit verbracht hatte, die alte Mine zu erforschen, die jetzt seine Mine war.

Es war das erste Mal seit seiner Heimkehr, dass er hier hinausgefahren war. Die Mine sah immer noch genauso aus wie damals, als er sie verlassen hatte.

Der Abschleppwagen, den er den serbischen Brüdern abgenommen hatte, stand in der Nähe des größten Schuppens. Er war mit einer dicken roten Staubschicht bedeckt, doch der Motor lief immer noch gut. Die vier Leichen – die Anderen – hatten sich mittlerweile in verrottende Kadaver verwandelt, kaum noch erkennbar als der Kinderficker, der Bulle und die zwei Brüder. Auch das große Bowiemesser und das gute Gewehr waren immer noch da gewesen, wo er sie zurückgelassen hatte, bei den zerfallenden Kadavern tief unten in einem der Tunnels.

Allerdings hatte er auch nicht erwartet, dass irgendetwas fehlen würde. Die tief in der Wüste und weit von der Straße entfernt gelegene Mine der Bardoch Mining Company war längst in Vergessenheit geraten.

Mick hatte bei einem großen, schmierigen Trucker eine Mitfahrgelegenheit von Newtown aus ergattert und einen merkwürdigen Blick geerntet, als er den Mann gebeten hatte, ihn mitten in der flachen Gestrüppwüste abzusetzen, meilenweit von irgendeiner menschlichen Behausung entfernt. Er erzählte dem Trucker, er hätte vor, in der Gegend nach Gold zu suchen.

Nachdem er seine in einem der Tunnel versteckte Beute hervorgeholt hatte, hatte er sich daran gemacht, alles zu verbrennen oder zu verbuddeln, was mit dem pädophilen Killer in Verbindung gebracht werden konnte. Innerhalb weniger Stunden hatte er alle Spuren des ehemaligen Minenbesitzers ausgelöscht.

Danach hatte er sämtliche Schuppen, Wohnwagen und Minenschächte erforscht. Dieser Tunnel, der unter der Hauptbaracke verlief, war als letzter weißer Fleck übrig geblieben.

Jetzt hatte Mick auch dieses Rätsel gelöst und war auf diese riesige Grotte gestoßen. Ein wunderbares Versteck, um dort Wertgegenstände zu deponieren, vielleicht sogar ein paar besondere Trophäen aufzubewahren, sollte sich irgendwann die Notwendigkeit ergeben.

Ein dunkles Grinsen huschte über sein Gesicht.

Das Grinsen erlosch, als ein Flüstern ertönte – fremdartig, wie die kehlige Sprache der Vietcong, der Nogs.

Mick riss sich das Gewehr von der Schulter und wirbelte herum, bereit, ein paar Schlitzaugen abzuknallen. Doch das Licht der Taschenlampe strich nur über die leeren Wände der ockerfarbenen Höhle. Der Anflug eines Lächelns kroch über sein Gesicht.

In Gedanken befand er sich immer noch im dichten grünen Dschungel Südvietnams, obwohl er bereits vor neun Monaten von dort abgereist war und sich jetzt in der weiten, offenen Wüste Westaustraliens mehr als 3000 Meilen von seinem Platoon entfernt aufhielt.

Trotzdem war er überzeugt, eine leise Stimme zu hören, wie ein sanftes Windheulen, das durch den Tunnel drang. »Wer ist da?«, stieß er hervor. Seine Stimme war laut und kräftig, aber in ihr schwang ein leichtes Zittern mit, das ihn ärgerte. »Wer, verdammte Scheiße, ist da?«, rief er erneut, und das Flüstern verstummte.

Er schüttelte den Kopf und hatte dabei das Gefühl, als prasselten Kieselsteine schmerzhaft gegen seine Schädelwände. Er biss die Zähne zusammen.

Ich verliere anscheinend den Verstand. Höre und sehe Dinge, die nicht da sind.

Doch während er in die Dunkelheit jenseits des Lichtkegels seiner Taschenlampe starrte, glaubte er, dort etwas zu sehen, das eigentlich nicht da sein sollte. Ein künstliches Muster.

Er schob sich langsam vorwärts, das Gewehr schussbereit in den Händen, den Lauf und die Taschenlampe konzentriert geradeaus gerichtet, bis er etwas entdeckte, das definitiv nicht natürlichen Ursprungs war.

Hinter einer bizarren Felsformation – zwei lange, dicke steinerne Tentakel hingen gebogen von der Decke herab und berührten sich beinahe am Boden, sodass sie eine runde Öffnung bildeten – befand sich ein kleiner Alkoven. Darin lag eine beeindruckende Ansammlung von Gebeinen, staubig und von Spinnweben überzogen.

Alter Tod.

Zuerst dachte Mick, es handle sich um weitere Opfer des Pädophilen, aber dazu waren es viel zu viele, sowohl menschliche als auch tierische Überreste, und ihre Gebeine waren zu gut sortiert, als dass sie hier einfach nur entsorgt worden wären. Auf einem Felssims, der etwas höher als Micks Kopf war, hatte irgendjemand eine Reihe menschlicher Totenschädel angeordnet. Von dem Sims aus erstreckte sich eine Ansammlung unterschiedlicher Tierschädel – unter anderem von Dingos und Kängurus –, die anfangs in einer geraden Linie verlief und sich dann zu einem großen umgedrehten V verzweigte.

Das seltsame Knochenmosaik wurde von langen Bein- und Armknochen flankiert, und in der Mitte des grob geformten Kreises befanden sich kleinere Gebeine wie Halswirbel, Fingerknochen und zerbrochene Rippen. An verschiedenen Stellen innerhalb des Knochenaltars und um ihn herum standen alte handgefertigte Kerzen mit geschwärzten Dochten.

Was für ein Voodoo-Scheiß ist das denn?, dachte Mick.

Er schwenkte die Taschenlampe und entdeckte mehrere Zeichnungen an der Wand hinter dem Altar, die unverkennbar von Aborigines stammten, kindlich in ihrer Schlichtheit und schreiend bunt. Sie stellten unterschiedliche Szenen dar, aber die meisten waren mit der Zeit verblasst. Das Gemälde direkt über dem Altar wirkte aber immer noch sehr lebendig, eine schlichte Darstellung eines Mannes, der über einer braunen Wüstenlandschaft stand. Er befand sich innerhalb eines Berges und hatte die Arme ausgebreitet, von denen viele weiße Linien zu einer Reihe kleinerer Gestalten verliefen.

Wegen der Zeit, die Mick viele Jahre in den Reservaten verbracht hatte, war er ein wenig mit der Kultur der Aborigines vertraut. Er nahm an, dass diese Figur den Gott des Landes und die Macht, die das Land über die Menschen hatte, darstellen sollte. Vielleicht handelte es sich bei der Knochensammlung um eine Art Opferaltar für das Land selbst. Das Gemälde war ungewöhnlich, es hatte etwas Dunkles an sich und besaß eine fast furchteinflößende Ausstrahlung. Hatten die Menschen, die hier einmal heimisch gewesen waren, irgendetwas in diesen Tunnels und Höhlen gefürchtet?

Mick entdeckte einen schwarzen Streifen, der unter den menschlichen Gestalten verlief, als erstreckte sich eine dunkle See unter diesen Bergen.

Der große schwarze Streifen – eher dunkelgrau, wie er erkannte, als er die Taschenlampe näher an die Wand hielt – faszinierte ihn. Er war sich nicht sicher, glaubte aber, etwas in ihm sehen zu können, etwas Winziges, wie eine einzelne Gestalt, als hätte der Künstler einen einsamen Menschen unter die Berge gemalt und danach mit einer Schicht schwarzer Farbe überdeckt. Erst nach wer weiß wie vielen Jahren oder Jahrhunderten war die obere Farbschicht so weit verblasst, dass die einzelne Menschengestalt darunter wieder undeutlich zum Vorschein kam.

Mick betrachtete das Bild aus der Nähe, als er wieder das Flüstern vernahm.

Seltsamerweise kam die Stimme nicht von hinten, sondern von vorn – aus dem Altar. Anfangs war sie unverständlich, verrauscht, wie aus einem nicht richtig eingestellten Radiosender. Dann wurde sie immer deutlicher, bis er sie schließlich sagen hörte:

»Heya, Micky.«

Mick wurde blass. Er war schon lange nicht mehr so genannt worden. Seine Mutter hatte ihn Micky genannt. Doch das war eindeutig nicht die Stimme seiner Mutter.

Als er das Gewehr aufwärtsrichtete, zitterte und schwitzte er wieder, denn statt zu frieren, war ihm jetzt heiß. In seinem Schädel pochte es schmerzhaft, und er rechnete fast damit, dass sich der kalkweiße Kiefer eines der Totenköpfe bewegen würde.

»Wer … bist du? Wer spricht da?«

»Lang nicht mehr gesehen, was?«

Die Stimme ertönte sowohl innerhalb als auch außerhalb von Micks Kopf. Sie war wie ein warmer Windstoß, der ihm in die Ohren blies und einen Wirbel in der Luft über ihm bildete.

Außerdem war sie vage vertraut. Es dauerte einige Herzschläge, bis Mick begriff, dass es die Stimme seines Freundes Eddie aus Kindertagen war. Er hatte sie nicht sofort erkannt, weil es die Stimme eines jungen Erwachsenen war und er Eddie nur als Kind vor dem Stimmbruch gekannt hatte. Aber sie enthielt immer noch die gleichen Betonungen und nasalen Komponenten, nur dass sie nun tiefer und voller klang.

Mick ließ das Gewehr sinken. Seine Kehle war wieder trocken. »Eddie?«, fragte er heiser und hatte das Gefühl, einen Staubklumpen hinunterzuwürgen. »Eddie Boong?«

»Klar bin ich das. Aber nenn mich nich’ ›Boong‹. So haben mich alle genannt, als ich noch ein Kind war. Ich hab den Namen immer gehasst.«

»Heilige Scheiße!«, stieß Mick hervor. Er fühlte sich, als hätte ihm jemand das Knie in den Unterleib gerammt. »Du bist es wirklich!«

Eddie Taylor war nicht nur sein engster Kindheitsfreund gewesen, Mick hatte auch seinen Familiennamen angenommen, nachdem er nach dem unglücklichen Tod seiner Eltern in das Reservat überstellt worden war. Das letzte Mal hatte er Eddie zehn Jahre vor seiner Abreise aus seiner Heimatstadt Eribli gesehen.

Und jetzt war Eddie hier, in dieser Höhle unter einer aufgegebenen Eisenerzmine am anderen Ende des Landes.

Das konnte nur bedeuten …

»Ich bin vor drei Jahren gestorben«, sagte Eddie, als hätte er Micks Gedanken gelesen. »Ein Autounfall.«

»Leck mich!«, krächzte Mick. Er hatte das Gefühl, als schnürte es ihm den Brustkorb ein. »Tut mir leid, das zu hören, Eddie.« Es war schon komisch, aber irgendwie hatte er immer damit gerechnet, dass Eddie irgendwann genau auf diese Weise sterben würde. »Ich wette, du warst besoffen, stimmt’s? Hattest den Bauch voller Schnaps und Beine wie Wackelpudding, was?«

»Du kennst mich nur zu gut, Micky.«

»Scheiße! Tot … Aber warum bist du jetzt hier?«

»Um dir von der Macht dieses Landes zu erzählen. Es ist kein Zufall, dass du hier gelandet bist. Dieses Land besitzt erstaunliche Kräfte. Die Alten wussten das, und sogar diejenigen vor ihnen.«

Mick warf einen kurzen Blick auf das Wandgemälde und auf den dunklen Streifen. Trotz der Kopfschmerzen und des Schweißausbruchs fühlte er, wie ihn plötzlich eine Welle der Ruhe durchflutete.

»So ist es richtig«, sang Eddie Taylors Geist. »Das ist die Macht. Sie hat schon immer hier geruht und nur darauf gewartet, dass diese eine besondere Person vorbeikommt. Auf jemanden, der weiß, wie man sich diese Dunkelheit nutzbar macht. Und dieser Jemand bist du, Mick.«

Mick betrachtete den Knochentempel. Er konnte sich beinahe Eddies Gesicht in einem der menschlichen Totenschädel vorstellen. Das jugendliche, schmale schwarze Gesicht mit den kräftigen Augenwülsten und der breiten mopsartigen Nase. Außerdem konnte er die Verletzungen sehen, die Eddie erlitten hatte, und das erinnerte ihn an Eddies Vater, diesen Bastard, was ihn wieder an seinen eigenen Vater denken ließ.

Seine Finger krallten sich fester um die Taschenlampe und das Gewehr.

»Das ist es. Das ist die Macht in dir. Die Macht, die in diesem Land wohnt. Benutze sie, aber lass nicht zu, dass sie dich kontrolliert. Du kontrollierst sie. Und je besser du sie kontrollierst, desto stärker wird sie. Erinnerst du dich noch, wie ich dir von der uralten Kunst des Häutens erzählt habe?«

Mick nickte. Er erinnerte sich. Er konnte sich nur zu gut daran erinnern.

»Dann weißt du noch, wie man sich die Kraft eines anderen aneignet, indem man sich seine Haut überstreift. Nun, das hier ist das Gleiche, Mick. Wenn du dem Land etwas zurückgibst, schenkt es dir seine Macht. Allerdings braucht das Land Lebenskraft, um überleben zu können, um seinen Durst zu stillen. Es braucht Blut, Mick. Menschenblut. Die Haut deiner Opfer kannst du behalten, doch den Rest will das Land haben.«

Mick blinzelte. Sein Schädel pochte wie verrückt, aber Eddie Taylors Stimme war klar und deutlich. Es war beinahe so, als hätte Eddies Geist seinen Körper in Besitz genommen und spräche von dort zu ihm.

»Du möchtest diese Macht, nicht wahr, Mick? Möchtest du, dass das Land dir hilft? Dass es dich stärker, schneller und besser macht?«

Mick grinste, und in diesem kurzen erschreckenden Moment wurde sein Gesicht zu einem Spiegelbild der weißen Totenschädel, die ihn anstarrten, die stumm waren und doch mit Tausenden flüsternden Stimmen zu ihm sprachen.

Als er schließlich den Mund öffnete, klang seine Stimme monoton und emotionslos. »Was erwartest du von mir?«

1

Westaustralien
Februar 1968

»Christus, ist das staubig!«

Der Ausruf kam aus dem Fond des VW-Busses. Bruce Eckart warf einen Blick in den Rückspiegel und musterte Sam, einen untersetzten Mann in Shorts, irgendwo in den Vierzigern, mit flaschenglasdicken Brillengläsern und kurzem mausbraunen Haar. Er hatte die Zunge herausgestreckt und das Gesicht verzogen.

»Ich kann überall in der Kehle und auf meiner Zunge Staubklumpen fühlen«, sagte er. »Ich spucke seit heute Morgen roten Schleim, und mein Taschentuch sieht aus, als hätte ich ständig Nasenbluten.« Er hustete.

Bruce sah seinen Freund und Geschäftspartner an, der neben ihm auf dem Beifahrersitz saß, und verdrehte die Augen. Duncan Michalski grinste.

»Wir sind hier in der Wüste, Dad«, bemerkte Sams halbwüchsiger Sohn Matt. »Selbstverständlich ist es hier staubig. Was hast du denn erwartet?« Er schüttelte den Kopf. Sein langes dunkles Haar wischte über sein blasses, von Akne gezeichnetes Gesicht.

»Ich habe nicht damit gerechnet, dass es so staubig ist. Ich dachte, wir würden auf asphaltierten Straßen bleiben und nicht auf derartig holprigen Staubpisten rumkurven.«

»Dann mach eben das Fenster zu«, seufzte Matt.

»Es ist viel zu heiß, um das Fenster hochzukurbeln. Christus, es ist gerade mal halb elf, und es fühlt sich so an, als hätten wir schon 40 Grad!«

Und es wird sogar noch heißer werden, dachte Bruce. Er gestattete sich ein verstohlenes Grinsen, unterdrückte es aber sofort wieder, um zu verhindern, dass Sam ihn dabei ertappte.

Es gab jedes Mal einen Typen wie Sam. Auf jeder der fünfzig oder mehr Touren, die Duncan und er im Verlauf der letzten beiden Jahre durchgeführt hatten, war immer ein Kunde dabei gewesen, der sich über den Staub, die Hitze, den Mangel an sanitären Einrichtungen oder das Essen beklagte.

Diese Leute waren Bruce ein Rätsel. Es war ja nicht so, als würden sie sich ahnungslos auf eine einwöchige Tour durch das Outback begeben. Sie wussten, was sie gebucht hatten. Acht Tage und sieben Nächte durch die raueste und spektakulärste Landschaft von Westaustralien, von der Kargheit der Wüsten im Mittelwesten weiter durch die von Krokos wimmelnden Gewässer der unberührten Täler und Schluchten des Nordens.

In der Broschüre stand es klar und unmissverständlich: Kehren Sie zurück zur Natur, campen Sie unter den Sternen, besorgen Sie sich selbst Ihre Nahrung und was Sie sonst brauchen in der Wüste. Schön, der letzte Satz stand dort nicht wirklich so, aber wenn die Leute nicht zwischen den Zeilen lesen konnten, war das ihr Problem.

Trotzdem war Bruce klar, dass er etwas mehr Nachsicht mit diesen Typen haben sollte. Die meisten hatten nie zuvor einen Fuß ins Outback gesetzt. Und Sam schien sich mit mehr als nur dem Staub plagen zu müssen, in erster Linie mit einem mürrischen Sohn im Teenageralter, der kein Geheimnis daraus machte, dass er nicht die geringste Lust auf diesen Trip hatte – und schon gar nicht zusammen mit seinem alten Herrn.

Eigentlich hätte Bruce dankbar sein müssen, dass nur ein Nörgler an Bord war. Der Rest der Gruppe hatte bisher den Mund gehalten und getan, was ihnen gesagt wurde.

Allerdings hatte die Tour gerade erst begonnen. Dies war der erste Tag. (Technisch gesehen bereits der zweite, doch der Transfer von Perth nach Wiluna zählte im Grunde nicht. Die Fahrt über die großen Highways war lediglich eine Formalität, genau wie die Übernachtung in Wiluna, eine bloße Notwendigkeit, um zum eigentlichen Ausgangspunkt der Exkursion zu gelangen, die heute begann.) Die wahre Wildnis des Outbacks stand den Teilnehmern noch bevor, erst dann würden sie erfahren, was es bedeutete, sich mitten im Nirgendwo zu befinden und seinen Verstand benutzen zu müssen, um in der Wildnis von dem zu leben, was das Land hergab.

Vielleicht war das etwas übertrieben. Bruce und Duncan hatten Konserven, eine Auswahl anderer Snacks und Getränke im Gepäckraum des Wagens verstaut, und es gab einige Anlaufpunkte entlang der Route, wo sie Rast machen und ordentliche Mahlzeiten zu sich nehmen konnten. Schließlich handelte es sich bei ihren Kunden um Neulinge, hauptsächlich um Leute aus der Mittelschicht, die zwar Erfahrungen mit dem rauen Leben im Outback sammeln, aber noch einen Rest von Zivilisation genießen wollten. Man konnte sie schließlich nicht einfach lächelnd in der Wildnis abladen, ihnen zum Abschied die Hand schütteln und sie dort sich selbst überlassen. Das entsprach jedenfalls nicht dem Geschäftsmodell von Sand Surfer’s Overland Wilderness Tours.

Der Rudall River Highway erstreckte sich schnurgerade vor dem 64er Kombi Microbus. Rote Staubwolken umtanzten den VW wie Schwärme blutgetränkter Heuschrecken und besudelten den klaren blauen Morgenhimmel. Der Neunsitzer, der momentan mit zehn Personen besetzt war, hüpfte und schaukelte wie ein Wagen in der Achterbahn. Doch Ursula (nach der gleichnamigen Bikinigöttin getauft) war ein zähes Biest. Der taubengrau und weiß lackierte Schatz mit den grauen Vinylsitzen hatte den Trip schon viele Male gemacht und bisher immer brav bewältigt. Im Gegensatz zu dem verweichlichten Vater mit der Staubaversion beschwerte sich Ursula nie, sie erledigte ihren Job stets klaglos und zuverlässig und erreichte ihr Ziel heil. Schmutzig, ja, aber völlig intakt.

»Dieser Highway verläuft grob parallel zur berühmten Canning Stock Route!«, rief Bruce seinen Passagieren zu. »Die Route wurde während der ersten Hälfte des Jahrhunderts von den Viehzüchtern benutzt, um die trockenen Wüstenregionen Westaustraliens zu durchqueren. Sie ist 1200 Meilen lang und unmöglich mit einem Fahrzeug zu bewältigen. Wir kommen ihr an einigen Punkten sehr nahe, wo wir kurz stoppen werden, damit ihr es euch selbst ansehen könnt.«

Die Reaktion der Passagiere fiel eher verhalten aus.

Bruce’ Erfahrung nach interessierten sich die meisten Leute, die diese Reise machten, kaum für die Geschichte des Landes. Es ging ihnen hauptsächlich um die Landschaft und vielleicht um so etwas wie die Rückkehr zur Natur. Historische Ereignisse rangierten weit abgeschlagen an dritter Stelle.

Als im Radio Like a Rolling Stone erklang, stieß Amber ein entzücktes Quietschen aus. »Ohh, ich liebe diesen Song!« Sie begann, im Takt auf das Armaturenbrett zu klopfen.

Die honigblonde Schönheit saß auf der Beifahrersitzbank neben Duncan. Ihr langes Haar wurde von einem breiten Strohhut gebändigt, schwang aber trotzdem leicht hin und her, während sie den Kopf im Takt der Musik wiegte und mitsang.

»Yeah, ich auch«, sagte Duncan und zog lächelnd an seiner Zigarette. Sein linker Arm lag auf der Rücklehne der Beifahrersitzbank, die Hand gefährlich dicht vor Ambers Nacken.

In Wirklichkeit hasste er Dylan, er verabscheute seine Stimme und das, was er als »lausige Protestmusik« bezeichnete. Die Musik, die er bevorzugte, war härter und sinnlicher: die Stones, die WHO und diesen neuen Typen, Jimi Hendrix.

Aber wenn es um das andere Geschlecht ging, war Duncan bereit, alles zu tun oder zu sagen, was ihm den Weg in ihr Höschen bahnte. Wozu auch Lügen über Bob Dylan gehörten.

Bruce warf einen weiteren kurzen Blick in den kleinen ovalen Spiegel. Alle Passagiere außer Sam und Amber blieben schweigsam. Die Kunden waren während der ersten ein bis zwei Tage häufig wortkarg. Erst im Lauf der zweiten Nacht, die sie unter den Sternen im riesigen Rudall River National Park verbrachten, entspannten sie sich gewöhnlich und begannen aufzutauen.

Bei dieser Gruppe war es nicht anders. Sie alle waren einander fremd gewesen, als sie vergangene Nacht im Motel in Wiluna Quartier bezogen hatten, und daran hatte sich bis zu diesem Morgen noch nicht viel geändert.

Vielleicht aber lag es auch an den Auswirkungen der trockenen, staubigen Hitze, die erfahrungsgemäß alle Menschen beeinflusste.

Das japanische Pärchen, das sich mit Sam und dessen Sohn auf die hinterste Sitzbank gequetscht hatte, war zufrieden damit, durch die Fensterscheiben auf das weite offene Land hinauszublicken – zumindest auf das, was durch den aufgewirbelten Staub davon zu sehen war. Der Mann – Akira, ein professioneller Fotograf aus Kyoto – hatte sich einen Fotoapparat um den Hals gehängt und schien nur darauf zu warten, dass sich die Staubschleier legten, um den einen oder anderen Schnappschuss schießen zu können.

Sie hatten ihm gesagt, dass es sinnlos war, aus dem fahrenden Wagen heraus zu fotografieren. Zu viel Staub. Vielleicht hatte er sie nicht verstanden. Er und seine Verlobte Chiyo sprachen zwar ganz passabel Englisch, aber nicht fließend. Vielleicht hatte er ihre Erklärungen so verstanden, dass er die Kamera unbedingt schussbereit halten sollte. Es spielte keine Rolle. Er würde es schon früh genug erfahren. So wie er auch lernen würde, dass eine Anzughose und ein frisches weißes Hemd nicht die passende Kleidung für das Outback darstellten. Der Schweiß, der Akira von dem geröteten Gesicht tropfte, bereitete Bruce Unbehagen. Bei der Vorstellung, eine lange Hose, ein langärmliges Hemd, Socken und Schuhe zu tragen, wand er sich regelrecht in seinem Sitz.

Das amerikanische Pärchen auf der mittleren Sitzbank machte keinen entspannten Eindruck. Steve Bishop, der Mann, ein großer, sportlich wirkender Kalifornier mit gebräunter Haut, hatte seit ihrer Abfahrt in Perth kaum einmal gelächelt. Auch hatte er nicht viel gesagt, was Bruce überraschte. Seiner Erfahrung nach waren die Amerikaner immer die gesprächigsten Kunden. Irgendetwas schien Steve zu schaffen zu machen. Bruce hatte keine Ahnung, was es war, aber vielleicht würde er es bis zum Ende des Trips herausfinden. Er bildete sich ein, ein Talent dafür zu haben, Menschen zu durchschauen und zu beurteilen, und er stellte gern möglichst früh eine Vermutung an, um dann später zu überprüfen, wie viel davon richtig gewesen war.

Cindy, Steves Freundin, war freundlicher, auch wenn ihr offenes und etwas rundliches Gesicht eine permanente Beunruhigung ausstrahlte. Sie wirkte intelligent und aufgeweckt, aber sie schien eine große Last mit sich herumzutragen, als kämpfte sie ein Rückzugsgefecht, hätte aber noch nicht jegliche Hoffnung aufgegeben.

Die letzte Passagierin war Ambers Freundin Jewel. Sie saß mit geschlossenen Augen neben Cindy. Obwohl beide Freundinnen außerordentlich hübsch waren – auch wenn Jewel etwas koboldhaft anmutete und Bruce mit ihrem kurzen rötlich blonden Haar und ihrer schlanken Figur ein wenig an Twiggy erinnerte –, hätten sie von ihrem Charakter her kaum unterschiedlicher sein können. In der kurzen Zeit, die Bruce mit ihnen verbracht hatte, hatte er Amber als unterhaltsamer und offener erlebt, fast schon ein bisschen dreist und einem Flirt nicht abgeneigt –, auch wenn Duncan zu seiner Enttäuschung mehr davon profitierte. Jewel war ihrem Namen zum Trotz ernster und in sich gekehrt.

Bruce hatte den Eindruck, dass dieser Trip nicht ihre Idee gewesen war, sondern dass Amber sie dazu überredet hatte. Außerdem vermutete er, dass sie vor irgendetwas davonlief.

Oder vielleicht vor irgendjemandem.

Das also war ihre Gruppe bei der aktuellen Tour. Alle schienen ganz in Ordnung zu sein, es gab keine echten Unruhestifter, und niemand war unerträglich nervig – auch wenn Sam dem gelegentlich recht nahe kam.

Als das Hinweisschild für den Lake Terminal vorbeihuschte, verlangsamte Bruce den kleinen Bus und bog von der Straße auf einen breiten, von Ameisenhügeln und Gestrüpp geräumten Schotterstreifen ab. Da dieser Stopp nicht auf der Liste stand, ertönte von hinten bald das gewohnte verhaltene Gemurre.

»Warum halten wir hier?«, erkundigte sich Cindy. In ihrer Stimme klang ein Anflug von Besorgnis mit. »Ist mit dem Wagen irgendwas nicht in Ordnung?«

»Keine Probleme«, erwiderte Duncan auf seine coole, lässige Art. »Wir legen nur eine kurze Pause ein.« Er drehte sich zu den Passagieren um. »Wir sind ziemlich frei auf dieser Tour. Unser Routenplan ist nur ein lockerer Leitfaden, kein in Stein gemeißeltes Gesetz. Vermutlich werden wir eine Reihe weitere spontane Stopps im Laufe der Fahrt einlegen. Das sorgt dafür, dass die Reise nicht langweilig wird. Alles cool?«

Bruce hielt an, stellte die Gangschaltung auf Parken und drehte den Zündschlüssel um. Bob Dylan verstummte, während der Motor noch ein paar Sekunden lang stotternd weiterlief – vielleicht bereitete der Staub Ursula ebenfalls Schwierigkeiten. Als Bruce ausstieg, lösten sich seine verschwitzten Unterschenkel mit einem schmatzenden Geräusch von dem heißen Vinyl des Fahrersitzes.

Er dehnte seine verkrampften Muskeln unter der strahlenden Morgensonne – sie waren fast drei Stunden lang unterwegs gewesen – und schüttelte sich den Staub aus dem langen braunen Haar.

Die Seitentüren des Wagens glitten auf, und die Passagiere stiegen aus, langsam und zögernd wie zäher Sirup, der eine Treppe hinunterfließt.

Akira begann im selben Moment, als er den VW-Bus verlassen hatte, zu fotografieren. Seine Verlobte blieb in seiner Nähe und blickte sich in der Wüste mit einem Gesichtsausdruck um, als wären sie auf dem Mars gelandet. In ihrem langen grauen Kleid und dem limonengrünen, kurzärmligen Rüschenhemd wirkte die junge Japanerin mit der kurzen Bubikopffrisur, die als Filmkostümdesignerin arbeitete, viel entspannter und weniger verschwitzt als ihr zukünftiger Ehemann. Sie schien jedes Detail in ihrer unmittelbaren Reichweite wahrzunehmen.

Sam verließ den Wagen als Letzter. Kaum dass er den festgebackenen Wüstenboden betreten hatte, zog er eine Wasserflasche aus seinem Rucksack und ließ ihren Inhalt in sich hineinlaufen.

»Hey, Mann, ich wäre etwas sparsamer mit dem Wasser«, sagte Duncan. Seine blonden Kringellocken waren wie sein blasses pfirsichfarbenes Hawaiihemd vom Staub rötlich gefärbt. »Wir haben nicht vor, bis zum Abend am nächsten Wasserloch zu halten.«

Sam setzte die Flasche ab. »Habt ihr denn keine zusätzlichen Vorräte dabei? Ich bin mir sicher, große Behälter im Kofferraum gesehen zu haben.«

»Yeah, Mann, natürlich haben wir Ersatzvorräte. Aber die sind für Notfälle gedacht. Falls wir zum Beispiel mitten in der Wüste stecken bleiben oder sich der Sand Surfer überhitzt.«

»Richtig, Dad, schluck nicht alles weg. Ich habe keine Lust, hier draußen zu verdursten. Wo auch immer, zur Hölle, hier ist.«

Steve gesellte sich zu Bruce und Duncan. »Yeah, wo genau sind wir hier?«, fragte er. »Warum haben wir gehalten? Es scheint hier überhaupt nichts zu sehen zu geben.« Die Hitze machte ihn offenbar gereizt.

»Wir sind rund 250 Meilen nördlich von Wiluna in der Nähe des Terminal Lakes.« Bruce sah zu Sam hinüber und grinste.

»Wunderbar«, schnaubte Sam.

Sie befanden sich mitten in der südwestlichen Ecke der Little Sandy Desert, einer größtenteils flachen, mit niedrigem Gestrüpp bewachsenen roten Landschaft. Gelegentlich ragte ein Ameisenhügel aus der verbrannten Erde hervor. Es gab hier wirklich nicht viel zu sehen, weil es hier draußen eben nicht viel gab, und genau das war der Grund gewesen, weshalb der Tourbus in dieser Gegend gehalten hatte.

»Lake?«, fragte Cindy und fächelte sich mit der Sand-Surfer-Broschüre Kühlung zu. »Heißt das, wir können baden?«

Bruce schüttelte den Kopf. »Ich fürchte, nein. Die meisten Seen hier draußen sind ephemere Gewässer.«

Cindy runzelte die Stirn.

»Ephemer bedeutet ›kurzlebig‹. Die Seen enthalten nur nach starken Regenfällen für kurze Zeit Wasser. Und, nun ja, es hat hier in letzter Zeit kaum geregnet. Tut mir leid.«

Cindys Enttäuschung war unübersehbar. Sie ging davon, wobei sie sich weiter Luft zufächelte.

»Schade«, sagte Amber. »Ich hätte Lust gehabt, ins Wasser zu springen.« Sie lehnte an dem VW, den hübschen Mund verzogen, und obwohl sie eine große Wayfarer-Sonnenbrille trug, malte sich Bruce aus, dass ihre dunkelblauen Augen dahinter ironisch funkelten.

Er bemerkte, dass Jewel wieder in den Wagen gestiegen war und es sich auf der mittleren Sitzbank bequem gemacht hatte, den Rücken an die Seitenwand gestützt, die Beine auf dem grauen Vinylbezug ausgestreckt. Sie rauchte eine Zigarette und starrte an die Decke.

»Es tut mir leid, alle zu enttäuschen«, sagte Bruce. »Wir haben hier nicht gehalten, um zu baden, sondern aus einem anderen Grund. Wir werden eine kleine Überlebensübung durchführen.«

»Huh?«, machte Sam. Er hustete und spuckte immer noch. »Was soll das heißen?«

Bruce lächelte. »Duncan, pack sie aus.«

Duncan ging zum Heck des Wagens und kehrte mit einer Art Seesack und einem großen Müllbeutel zurück. Er ließ den Seesack auf den Boden fallen und setzte den Müllbeutel vorsichtiger ab. Flaschen klirrten leise, als er den Beutel auf dem roten Schotterboden abstellte. Dann öffnete er den Seesack, zog mehrere Gewehre daraus hervor und reichte sie seinem Partner.

Bruce nahm sie entgegen und legte sie der Reihe nach auf den Boden. Eine .22er Bolt-Action, eine 6,5 Millimeter Carcano, eine Remington .760 Gamemaster, eine Remington Model 700 und ein M1-Karabiner.

Sie hatten außerdem noch Pistolen dabei, die jedoch in einer kleineren Tasche hinter den Vordersitzen versteckt waren. Diese Waffen waren nicht für den allgemeinen Gebrauch gedacht, und keiner der Reisegäste wusste von ihnen, da sie lediglich im Notfall zum Einsatz kommen sollten. Es war nie klar, wer sich zu einer Exkursion anmeldete, und eine Woche mitten im Nirgendwo war eine lange Zeit. Das Wissen, ein paar Waffen in einem sicheren Versteck in petto zu haben, wirkte ungemein beruhigend auf Bruce und Duncan.

»Ihr werdet ein paar Schießübungen machen«, verkündete Bruce. »Ein Teil dieser Tour besteht darin, eurer Essen selbst zu schießen. Dingos, Kängurus, Vögel und so weiter. Wir haben herausgefunden, dass es am besten ist, ein bisschen zu üben, bevor wir zum Rudall River kommen. Es wäre wirklich nicht sinnvoll, wenn ihr erst da das Schießen lernt – ihr würdet die ganze Beute verscheuchen.«

»Das soll wohl ein Witz sein«, sagte Amber. Sie hatte die Sonnenbrille abgenommen und ließ ihre azurblauen Augen über die Gewehrsammlung wandern. »Ich dachte, das wäre nur Unfug. Ein paar Albernheiten von wegen diesem ganzen Machogehabe. Heißt das, wir sollen uns tatsächlich unsere Nahrung selbst beschaffen?«

»Nicht alles, nur das Fleisch«, erwiderte Duncan. »Wir haben jede Menge Dosenfleisch, aber wenn ihr frisches Zeugs haben wollt, yeah, dann müsst ihr es euch selbst besorgen.«

Amber stieß einen langen Seufzer aus. »Ich habe noch nie im Leben ein Gewehr abgefeuert.«

Duncan lächelte. »Keine Sorge, aus diesem Grund bin ich da.«

»Ist das überhaupt legal?«, wollte Sam wissen.

War ja klar, dass diese Frage nur von Sam kommen konnte, dachte Bruce. »Ja, das ist völlig legal«, log er. »Wir haben die entsprechenden Genehmigungen.«

»Wildtiere zu schießen?«

»Dad, sei doch nicht so spießig«, protestierte Matt. Er betrachtete die Waffen mit großen Augen. Bruce hatte ihn bislang noch nicht so aufgeregt gesehen.

»Ich denke, das ist eine gute Idee«, sagte Cindy. »Man kann schließlich nicht vorsichtig genug sein. Ich meine, hier draußen in der Wildnis weiß man nie, was einem zustoßen könnte. Gibt es Down Under Bären?«

»Nun ja, die Koalas können ziemlich wild werden«, erwiderte Duncan, worauf die Aussies in der Gruppe lächelten.

Auch Akira und Chiyo wirkten belustigt. Vielleicht hatten sie bereits ein paar Koalas auf ihrer Reise durch Australien gesehen und verstanden den Scherz. Bruce registrierte, dass Steve nicht lächelte, was ihn allerdings nicht überraschte. Der Kalifornier hatte einen äußerst angewiderten Gesichtsausdruck aufgesetzt.

»Es ist doch vernünftig, wenn wir schießen lernen, nicht wahr, Steve?«, fragte Cindy mit Blick auf ihren Freund. Ihr Lächeln verblasste. »Liebling?«

»Es ist lächerlich«, murmelte er, drehte sich um und stieg wieder in den Minibus.

Cindy sah Bruce und Duncan an und zuckte die Achseln. »Tut mir leid. Er ist … nun ja, ein bisschen empfindlich, was Schusswaffen betrifft.«

»Ist er etwa so ein friedensbewegter Hippie?«, fragte Bruce. »Er sieht jedenfalls überhaupt nicht so aus.«

Nachdem Cindy einen schnellen Blick über die Schulter geworfen hatte – vermutlich, um sich zu vergewissern, dass Steve nicht in Hörweite war –, drehte sie sich wieder um. »Er war bei der Infanterie in der Army«, flüsterte sie.

»Nam?«, erkundigte sich Bruce.

Cindy nickte.

»Scheiße«, sagte Duncan. »Ein echter Soldat auf unserer Tour.«

Das gefiel Bruce nicht sonderlich. Sicher, Steve schien ganz in Ordnung zu sein – zwar ein bisschen mürrisch, aber im Grunde cool. Aber ein Kriegsveteran? Bruce hatte etliche Geschichten über diese Typen gehört, die psychisch labil oder sogar verrückt aus dem Krieg zurückgekehrt waren. Die Vorstellung, einen solchen Burschen an Bord zu haben – geübt im Umgang mit Waffen und gefährlich – begeisterte ihn nicht gerade. Aber Steve zu verärgern war das Letzte, was er wollte. Er wollte, dass sich alle Kunden auf der Tour gut amüsierten, und das galt ebenso für Steve. Zur Hölle, es galt ganz besonders für Männer wie ihn.

»Übernimm du«, sagte Bruce zu Duncan.

»Okay. Versammelt euch, Leute, und wählt eure Waffen. Denjenigen unter euch, die noch nie ein Gewehr abgefeuert haben, werde ich erklären, wie man es lädt, sichert und entsichert und schießt. Es wird euch Spaß machen, versprochen.«

Bruce ließ die Gruppe zurück und schlenderte zu dem VW hinüber.

Steve saß im Fond und plauderte mit Jewel.

Sie verstummten, als Bruce auftauchte. »Hey, Steve«, sagte Bruce. »Ich hoffe, ich habe dich nicht beleidigt, oder so was. Ich wusste nicht, dass du etwas gegen Schusswaffen hast.«

»Hab ich nicht«, erwiderte Steve. »Mir geht nur ihr Anblick auf den Geist, das ist alles. Mein Vater war Jäger, weißt du«, fügte er schnell hinzu. »Hat mich ständig mit auf die Jagd geschleppt.«

Bruce nickte und tat so, als würde er die Lüge schlucken. »Geht klar. Ich möchte nur, dass du eine gute Zeit auf dem Trip hast. Du bist nicht sauer?«

Der große Amerikaner betrachtete Bruce mit einem stählernen Blick. »Du musst dir keine Sorgen wegen mir machen. Es ist alles gut.«

Bruce nickte erneut und wandte sich Jewel zu. »Wie steht’s mit dir? Lust auf ein bisschen Schießen? Ein paar Bierflaschen von einem Ameisenhügel runterpusten?«

Jewel schnippte die aufgerauchte Zigarette durch das Fenster hinter ihr und blies eine letzte Rauchwolke aus. »Ich bin Vegetarierin«, antwortete sie mit leiser melodischer Stimme.

»Oh.« Bruce lächelte verlegen. »Tut mir leid, wusste ich nicht.«

»Hör mal, eine eurer Verkleidungen hier hinten ist locker«, sagte Steve, als Bruce gehen wollte.

Bruce atmete hastig ein. Seine Wangen röteten sich. Scheiße!

»Die hier.« Steve klopfte gegen die hintere rechte Verkleidung. Die mit Vinyl beschichtete Fiberglasabdeckung vibrierte. Entweder hatten sich ein paar Halterungsstifte gelöst oder sie hatten von Anfang nicht richtig in den Aussparungen gesessen.

Verdammt, Duncan!, dachte Bruce. Wenn er nicht alle Verkleidungen doppelt und dreifach selbst kontrollierte …

»Oh, yeah, das Ding macht uns ständig Schwierigkeiten.« Bruce warf Steve ein flüchtiges Lächeln zu. »Wir fahren diesen Wagen jetzt schon seit einigen Jahren, und es sitzt nicht mehr alles so fest wie früher.« Er schlüpfte in den Wagen und suchte den Boden nach den kleinen Splinten ab. Als er sie in den Rillen der Gummibodenmatte entdeckt hatte, steckte er sie in die entsprechenden Löcher und fixierte die Verkleidung.

»So, jetzt sollte das Ding wieder festsitzen«, sagte er, sprang aus dem VW und überließ Jewel und Steve wieder ihrer Unterhaltung.

Das war knapp gewesen. Bruce konnte sich vorstellen, was passiert wäre, wenn sich noch mehr Splinte gelöst und sich die Verkleidung weiter gelockert hätte. Als er sich auf den Rückweg zur Touristengruppe machte, um die Ziele für die Schießübung aufzustellen, musste er beinahe grinsen. Was für Gesichter würden seine Passagiere wohl beim Anblick von ein paar großen Beuteln mit dem besten Gras in Westaustralien ziehen?

Aber er grinste nur beinahe.

Eine Stunde später hatten die Passagiere die Munition aufgebraucht und sämtliche Bier- und Limonadenflaschen weggepustet. Das Echo der Schüsse hallte noch lange in der Wüste nach, und in der Luft lag ein durchdringender Kobaltgeruch.

»Zeit weiterzufahren«, verkündete Bruce. Die Mittagssonne stand heiß strahlend direkt im Zenit. »Gebt Duncan die Waffen, er wird sie wieder verstauen.«

Er zog ein Päckchen Capstans hervor und zündete eine an. Während er rauchte, sah er zu, wie Duncan die Waffen überprüfte. Er kannte sich zwar ebenfalls damit aus, hing aber nicht so an ihnen wie sein Partner. Duncan behandelte jedes Gewehr, als wäre es sein Kind, und hatte einen Heidenspaß an der Waffensammlung.

Er war auf der Schaffarm seiner Eltern kurz hinter Boddington aufgewachsen und wusste alles über das Hüten und Scheren von Schafen, Dinge, von denen Bruce kaum eine Ahnung hatte. Duncan hatte bereits schießen gelernt, bevor er selbstständig aufs Klo gehen konnte. Er war von Grund auf ein waschechter Farmjunge, auch wenn man es seinem Äußeren nach nie vermutet hätte. Er sah aus und sprach wie ein Surfer, als hätte er sein ganzes Leben an der Küste des Indischen Ozeans verbracht, groß gewachsen, sonnengebräunt und blondlockig.

Im Gegensatz zu ihm sah Bruce eher wie ein Farmarbeiter aus, obwohl er in Perth geboren und aufgewachsen war. Das Surfen war für ihn so selbstverständlich wie das Atmen.

Er betrachtete gerade Amber, die die Gamemaster in der Hand hielt und mit Duncan flirtete, als hinter ihm eine Stimme ertönte.

»Seid ihr wirklich der Meinung, dass das Ganze nötig war?«

Bruce zuckte zusammen, drehte sich um und entdeckte Steve. »Bitte?«

»Die meisten haben nichts zustande gebracht. Ihr erwartet doch nicht ernsthaft, dass sie sich auf ihre Schießkünste verlassen, um an ihr Essen zu kommen?«

»Sicher.« Bruce zuckte die Achseln. »Das ist ein Teil der Sand-Surfer-Erlebnistour.«

Steve schüttelte den Kopf. »Christus, ein paar Flaschen abzuschießen und ein Lebewesen zu töten sind gänzlich unterschiedliche Dinge. Selbst wenn die Leute auch nur halbwegs gut schießen könnten, würden sie wahrscheinlich in der Sekunde, in der sie einem Känguru oder einem Dingo gegenüberstehen, zu Salzsäulen erstarren.«

Bruce hob die Brauen. »Ich habe kapiert, dass du nicht jagen willst, und das geht in Ordnung«, sagte er ruhig. »Aber, Mann, zieh nicht alle anderen mit runter. Es kommt nicht wirklich darauf an, ob sie irgendwelche Tiere töten oder nicht. Wir haben jede Menge Konservendosen und Trockenfleisch dabei, und wir werden unterwegs an einigen Pubs und Hotels Rast machen. Aber es macht mehr Spaß, wenn unsere Kunden glauben, sie müssten jagen, wenn sie Fleisch essen wollen. Das macht den Trip für sie aufregender, abenteuerlicher. Klar?«

Steve blickte Bruce direkt an. Der Vietnamveteran hatte stechend blaue Augen und einige helle Sommersprossen um die Nase herum. Er sah nicht älter als Bruce aus – irgendwo Anfang zwanzig –, aber trotz seiner jungenhaften Erscheinung hatte er etwas Altes an sich. In seinen babyblauen Augen schimmerte ein trauriger und einsamer Glanz.

»Yeah, ist mir klar.«

»Und, hey, deine Freundin war gar nicht so schlecht. Sie hat ein paar gute Treffer gelandet.«

»Yeah, sie ist …«, seufzte Steve. Plötzlich verhärtete sich sein Gesicht, und er starrte an Bruce vorbei in die Wüste.

Bruce folgte seinem Blick, konnte aber in der sich endlos erstreckenden Ebene bis auf ein paar Spinifexbüsche und jede Menge Glassplitter nichts Auffälliges entdecken. »Alles in Ordnung?«, fragte er.

Steve ließ den Blick aus zusammengekniffenen Augen über die Wüste wandern. Schließlich entspannte sich sein Gesicht, und er wandte sie wieder Bruce zu. »Yeah. Äh … worüber haben wir uns gerade unterhalten?«

Was, zum Teufel, hat das zu bedeuten?, fragte sich Bruce. Steve hatte offensichtlich geglaubt, irgendetwas gesehen zu haben, aber was? Dort draußen gab es nichts, außer roter Erde, roter Erde und noch mehr roter Erde.

Liegt wohl an der Hitze, vermutete Bruce. Die Staubwirbel über dem ausgedörrten Boden konnten einem leicht einen Streich spielen. Er schüttelte den Gedanken ab. »Deine Freundin. Ich habe gesagt, dass sie gar keine schlechte Schützin ist.«

»Oh, richtig.«

»Haargenau, ich habe gut getroffen«, bestätigte Cindy, die gerade anmarschiert kam. »Ich denke, ich bin bereit, ein paar Koalabären und Kängurus zu schießen.«

Bruce lächelte höflich. »Tut mir leid, dich enttäuschen zu müssen, aber es gibt keine Koalas in Westaustralien. Dafür gibt es hier jede Menge Kängurus. Sie sind eine regelrechte Landplage, also kannst du so viele davon schießen, wie du willst.«

Cindy lachte.

»Keine Koalas?«, fragte Chiyo, die sich mit Akira näherte. Ein Ausdruck der Enttäuschung huschte über ihr schmales attraktives Gesicht. »Ich dachte, wir sehen Koalas in der Wildnis.«

»Nein. Ich fürchte, Koalas leben nur weit im Osten.«

»Wir haben ein paar in Adelaide gesehen«, sagte Akira. »Lustig aussehende Kreaturen.«

»Wo wir gerade von lustig aussehenden Kreaturen sprechen«, brummte Steve, »komm, Cindy, besorgen wir uns was zu trinken. Du siehst durstig und überhitzt aus.«

Bruce bemerkte den Blick, den Cindy ihrem Freund zuwarf, als sie davongingen.

Glücklicherweise schienen weder Akira noch Chiyo Steves Bemerkung gehört zu haben. Sie unterhielten sich immer noch über Koalas, als sich Bruce umdrehte.

Kurz darauf hatten sich außer Amber alle Reisenden um den Kombi herum versammelt. Amber unterhielt sich mit Duncan. Beide lachten. Der Waffensack lag zu seinen Füßen wie ein Hund, der auf einen Befehl seines Herrchen wartete.

»Ich denke, meine Schulter wird eine Woche lang wehtun«, sagte Sam. Er massierte seinen rechten Arm. »Hört mal, ich bekomme allmählich Hunger. Wann essen wir?«

»Yeah, ich bin auch am Verhungern«, murmelte Matt, und die anderen nickten zustimmend.

»Wir können hier einen schnellen Happen essen, aber wenn wir noch bis zum späten Nachmittag im Nationalpark ankommen wollen, müssen wir bald weiterfahren«, sagte Bruce. »Wir müssen vor Einbruch der Dunkelheit die Zelte aufgestellt und unsere Sachen ausgepackt haben.« Er warf einen Blick hinüber zu Duncan und Amber. »Hey, Kumpel!«, rief er lauter und energischer als nötig, »wir müssen allmählich die Ärsche hochkriegen!«

»Yeah, yeah!«, rief Duncan zurück. »Bleib cool, Mann!«

»Einen schnellen Happen?« Sam seufzte. »Heißt das, wir können nicht irgendwo eine kurze Rast für ein richtiges Mittagessen einlegen? Die ganze Schießerei hat mir wirklich Appetit gemacht.«

»Wir haben noch eine vier- bis fünfstündige Fahrt bis zum Park vor uns«, erklärte Bruce. »Wenn wir noch lange rumtrödeln, riskieren wir, zu spät anzukommen. Hast du schon mal versucht, ein Zelt mitten im Nirgendwo aufzustellen? Mit nur ein paar Fackeln als Beleuchtung in völliger Dunkelheit?«

Sam schüttelte den Kopf.

»Und es wird kalt dort draußen, richtig kalt«, fuhr Bruce fort. Er trug absichtlich dick auf. Es stimmte zwar, dass es besser war, bald aufzubrechen, wenn sie noch vor Sonnenuntergang im Park ankommen wollten, aber Amber und Duncan zusammen zu sehen, machte ihm zusätzlich zu schaffen. »Außerdem müssen wir ein Lagerfeuer machen, und das braucht seine Zeit …«

»Bleib cool«, sagte Duncan. Er hatte den Waffensack in der Zwischenzeit im Gepäckraum des VWs verstaut und kehrte gerade zurück. »Wir können die Zeit erübrigen.«

Bruce musterte ihn. Abgesehen davon, dass sie diese Tour als Partner leiteten, arbeiteten sie gemeinsam in Geoff’s Music World in Perth. Außerdem spielten sie in derselben Bluesrock-Band, Bruce als Sänger und Gitarrist, Duncan als Drummer. Zusammen mit ihrem Kumpel Eddy waren sie die Scorpions, keine besonders erfolgreiche Truppe, die hauptsächlich in Pubs und gelegentlich auf Partys Coversongs spielten. Sie kannten sich mittlerweile seit fast zehn Jahren. Duncan war ein prima Kerl und eingermaßen gut am Schlagzeug – wenn auch eher ein Ringo Starr als ein Keith Moon –, aber manchmal ging er Bruce mit seiner sorglosen Art ziemlich auf den Geist.

Ihm war durchaus bewusst, dass sie einen Zeitplan einzuhalten hatten. Sie mussten bis Samstag in Broome sein, um sich mit ihrem asiatischen Freund zu treffen, ihm ein Bündel Scheine zu geben und eine kleine Ladung Midnight Oil abzuholen.

»Aber wir müssen uns beeilen, um bis zum Abend am Rudall River zu sein«, drängte Bruce, wobei er sich bemühte, weiter den ...

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