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Wolf Creek - Höllisches Outback

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autoren
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Prolog
  6. Erster Teil Ein neuer Anfang
  7. 1
  8. 2
  9. 3
  10. 4
  11. 5
  12. 6
  13. 7
  14. Zweiter Teil Die Jagd
  15. 8
  16. 9
  17. 10
  18. 11
  19. 12
  20. 13
  21. 14
  22. 15
  23. Dritter Teil Entfesselt
  24. 16
  25. 17
  26. Epilog
  27. Die Autoren
  28. Danksagung

Über die Autoren

Greg McLean ist ein australischer Regisseur, Autor und Produzent. Durch sein Spielfilmdebüt WOLF CREEK und das Sequel WOLF CREEK 2 brachte er eine der beängstigendsten Filmfiguren auf die Kinoleinwand: den psychopathischen Killer Mick Taylor.

Mit Co-Autor Aaron Sterns, der schon am Drehbuch für WOLF CREEK 2 mitarbeitete, schrieb McLean den Roman WOLF CREEK – HÖLLISCHES OUTBACK, der einen Blick in die abgründige Psyche Mick Taylors liefert und dessen Vorgeschichte erzählt.

Greg McLean und Aaron Sterns

WOLF CREEK –
HÖLLISCHES
OUTBACK

Roman

Aus dem australischen Englisch von
Winfried Czech

Prolog

Der Junge konnte es natürlich nicht ahnen, aber der Tod war ihnen bereits auf den Fersen. Er sollte schon bald zuschlagen, und es würde keine Zeugen geben.

Vorerst aber lockte der See die Kinder. Es war viel zu heiß, um an irgendetwas anderes denken zu können.

Der Junge spähte mit zusammengekniffenen Augen zur Biegung des Weges. Die Luft flimmerte vor Hitze, und er sah, dass sie nicht mehr weit von dem Wasserloch entfernt waren. Der beschwerliche Weg ließ das Ziel noch wunderbarer erscheinen – zumindest behauptete das sein alter Herr jedes Mal, wenn er sich weigerte, seine Kinder dorthin zu fahren. Du musst es dir verdienen, Kumpel, sagte er dann vor seinem Bier hockend, ohne dabei zu lächeln.

Seine Schwester hielt sich am Rand der Schotterstraße im Schatten der Bäume, sodass er gezwungen war, im grellen Licht zu gehen. Die Sonne brannte auf seinem Haar und in seinem Nacken. Er spürte, wie die heiße Luft ihn förmlich grillte. Kann einen Mann in den Wahnsinn treiben, hatte sein Großvater immer gesagt. Quetscht dir die Luft aus den Lungen, lässt dir den Schweiß schon unter der Haut verdunsten, bringt dein Gehirn zum Kochen. Du musst das Land respektieren, Junge. Das war, bevor sein eigenes Pferd ihm bei der regelmäßigen Kontrolle der Weidezäune in die Brust getreten hatte. Er hatte zwei Tage lang mit gebrochenen Rippen im Gras gelegen, war aber einen Tag, bevor man ihn fand, gestorben. Irgendwas hatte ihm das halbe Gesicht weggefressen. Möglicherweise ein Dingo. Vielleicht war das der Grund, weshalb der Vater des Jungen Jagd auf Dingos machte.

Die erste Lektion, die er daraus gelernt hatte, war folgende: Wer lange genug hier draußen im Outback lebte, verlor entweder den Verstand, oder das Land brachte ihn schließlich um. Die zweite Lektion lautete: Man musste immer irgendjemandem Bescheid sagen, wohin man gehen wollte.

Während sie dem Weg folgten, zerquetschte der Junge mit seinem Krückstock müßig Riesenameisen. Seine Beine machten Fortschritte und wurden allmählich kräftiger, sodass er die Krücke eigentlich nicht mehr brauchte. Aber es war ein Mahagonistock und das einzige Geschenk, das er von seinem Großvater bekommen hatte, und so nahm er ihn überallhin mit.

Seine Schwester trottete wie üblich mit gesenktem Kopf dahin. Mit ihrem übergroßen Strohhut sah sie wie eine chinesische Bäuerin aus, unterwegs zur Morgenarbeit auf dem Reisfeld. Sie kickte kleine Staubfontänen mit ihren abgewetzten Slippern auf; gebrauchte Schuhe, Secondhandware wie fast ihre gesamte Kleidung, die sie von den MacAllisters bekommen hatten, den neuen Besitzern ihrer ehemaligen Farm. So wie auch seine eigenen Schuhe, die ihm bereits eine Nummer zu klein waren. Das haben wir nicht verdient, Dad, oder? Er würde zu schnell wachsen, sagte Mrs. MacAllister immer, während sie ihm das Haar zerzauste. Schon bald würde er statt Bobbys Schuhen die ihres Mannes auftragen, sagte sie. Und dann lächelte er wie immer und ignorierte ihre Töchter, die feixend in der Tür standen. Er wusste, wie der Rest des Ortes über seine Familie dachte. Doch er wusste ebenfalls, dass man tun musste, was auch immer erforderlich war, wenn man überleben wollte. Wer sich nicht daran hielt, geriet zwangsläufig unter die Räder und blieb auf der Strecke.

Sie waren keine zwanzig Meter mehr von der Biegung entfernt, und in Gedanken konnte er bereits das klare Wasser auf der Haut fühlen, das seinen glühenden Körper kühlte. Er würde den Kopf so lange er konnte unter Wasser halten, bis es seine Schwester mit der Angst zu tun bekam, bevor er sich wieder aufrichtete.

Der Junge schielte zu ihr hinüber und grinste voller Vorfreude, doch sie hatte den Blick nach hinten gerichtet. Zwischen ihren Augenbrauen erschien eine Falte.

»Wer ist das?«, fragte sie.

Er drehte sich um und schirmte die Augen mit einer Hand gegen die blendende Sonne ab. Eine Staubwolke stieg in der Ferne wie eine kleine Windhose auf, in dessen Zentrum etwas glitzerte. Dann ertönte ein dumpfes Dröhnen wie von einem grollenden Dämon in der Wüste, als ein großes Auto, das offenbar schon seit einiger Zeit mit ihnen Schritt gehalten hatte, langsam beschleunigte und näher kam.

Die Stirn des Jungen legte sich ebenfalls in Falten. Er trat von der Schotterstraße ins Gras. Der Wagen war ihnen gefolgt. Das konnte er aus der Veränderung des Motorengeräuschs hören, das lauter geworden war, nachdem er sich umgedreht hatte. Aber warum folgte er ihnen? Weil irgendwer ein wachsames Auge auf sie hatte, um sich zu vergewissern, dass sie den Damm vor dem Wasserloch heil erreichten? Aber es war nicht der Wagen ihres Vaters. Außerdem würde ihr alter Herr so etwas sowieso nicht tun. Man kann sich nicht verlaufen, wenn man am Graben langläuft, hatte er der Mutter der Kinder gesagt, um sie zum Schweigen zu bringen – und drohend die Hand mit dem Rücken in ihre Richtung gehoben, damit sie den Mund hielt.

Überhaupt war ihr Auto ein rasselnder, kaum noch fahrtüchtiger Geländewagen. Das hier war dagegen eine tief liegende schwarze Limousine mit einem großen Motor unter der Kühlerhaube. Sein Dröhnen ließ einen Schwarm Kakadus aus den Bäumen aufflattern.

Kein Wagen, den der Junge wiedererkannte. Er konnte lediglich die Umrisse eines Hutes hinter der getönten Windschutzscheibe sehen, als das Auto näher kam. Ein Paar grobe Hände am Lenkrad. Ein großer Mann mit breiten Schultern.

Das Motorengeräusch schmerzte in seinen Ohren, als der Wagen auf gleicher Höhe mit dem Jungen und seiner Schwester hielt.

Die Zähne des Mannes waren so gelb und wirkten so Furcht einflößend wie die eines Dingos. Er grinste den Jungen an, und sein Grinsen wurde noch breiter, als sein Blick auf das Mädchen fiel. »Was zum Kuckuck macht ihr zwei denn hier draußen? Is’ ja heißer hier als in der Hölle.« Die haarigen Handgelenke des Mannes glänzten feucht vor Schweiß. Eine Mischung aus Öl- und Körpergeruch schlug den Kindern entgegen.

Der Junge verzog das Gesicht. Es war um diese Tageszeit immer heiß hier draußen. Warum sollte das heute anders sein? Er achtete darauf, seine Schwester mit seinem Körper abzuschirmen, und betrachtete den Fremden. Die Augen des Mannes waren so gelb wie seine Zähne.

»Dachte zuerst, es wär ’ne Fata Morgana, ihr zwei hier draußen. Deshalb bin ich eine Weile langsam gefahren, um sicherzugehen, dass ich keine Gespenster seh. So was wie zwei Engel auf der Erde. Eure Eltern lassen euch ganz allein hier rumlaufen?«

Der Junge antwortete nicht, aber seine Schwester nickte, und die merkwürdigen Augen des Mannes wanderten verstohlen zu ihr hinüber. Saugten sich an ihr fest, an ihrem Rüschenkleid, den nackten Beinen. »Wisst ihr, ihr könnt hier draußen sterben, und niemand würd’ euch jemals finden. Junge Mädchen sollten nich’ allein in der Gegend rumlaufen.«

»Sie ist nicht allein.«

Der Mann blickte wieder den Jungen an. Dann lachte er, ein hohes nasales Grunzen tief in der Kehle. Ein abstoßendes Geräusch.

Der Junge hatte den Mann mit dem unrasierten Gesicht und dem schmutzigen Hut noch nie zuvor gesehen. Vielleicht passierte er den Ort nur auf seinem Weg zu irgendeinem anderen Ziel. Oder er war neu hier. Wie auch immer, er stammte offensichtlich von außerhalb, und der Vater des Jungen hatte seinem Sohn immer eingeschärft, niemandem von außerhalb zu vertrauen. Eigentlich überhaupt niemandem, aber Fremden schon gar nicht. Solange du nicht weißt, wie jemand denkt, weißt du auch nicht, was er tun wird, sagte er immer. Ist genau das Gleiche wie mit den Hunden. Du musst dich in sie reinversetzen. Musst ihnen immer einen Schritt voraus sein, wenn du sie erwischen willst. Sonst überraschen sie dich, fallen dich vielleicht sogar an. Reißen dir nachts die Kehle auf. Vielleicht hatte er das aber auch nur gesagt, um ihm Angst zu machen, denn soweit der Junge wusste, griffen Dingos Menschen nie an.

Jetzt wünschte er sich, sein Vater wäre hier. Irgendetwas mit dem Lächeln des Mannes stimmte nicht. An der Art, wie er seine Schwester ansah. Als wäre ihr Bruder gar nicht da. Als könnte der Mann jederzeit seine verschwitzten Pranken nach ihr ausstrecken, wenn er das wollte.

»Unser Haus liegt gleich hinter der nächsten Straßenbiegung«, sagte der Junge. »Wenn wir nicht weitergehen, kommen wir zu spät zum Essen.«

Der Mann hob die Brauen. »Ich wusst’ gar nich’, dass es in dieser Richtung irgendwelche Häuser gibt.«

Das Mädchen ergriff ängstlich die Hand ihres Bruders und drückte fest zu, als seine Lüge aufflog, aber der Junge beachtete sie nicht. »Warum? Woher kommen Sie denn?«

Der Mann lächelte. »Oh … aus der Gegend hier. Bin nur auf der Durchfahrt. War in der Stadt. Muss zurück auf die Arbeit.«

»Und wo ist das?«

»Du stellst aber ’ne Menge Fragen, Junge.«

Die Schwester des Jungen zerrte an seiner Hand. »Können wir weiter …?«

»Weil ich jeden hier in der Gegend kenne«, erwiderte der Junge. »Habe Sie aber noch nie gesehen.«

Der Mann zuckte die Achseln. »Ich hab’ dich auch noch nie gesehen. Also sind wir quitt.« Er musterte das Mädchen. »Ist dir nich’ heiß, Süße? Ich könnt’ euch beide ein Stück mitnehmen. Gar kein Problem.«

Der Junge hob den massiven Gehstock und hielt ihn abwehrend vor seinen Körper. Entweder bemerkte der Mann die Geste nicht, oder es war ihm egal. »Wir sind daran gewöhnt, zu Fuß zu gehen. Wir brauchen keine Hilfe.«

Der Mann blinzelte ihn aus ausdruckslosen Augen an. Dann verzogen sich seine Lippen erneut zu einem Lächeln, das seine gelben Zähne entblößte. Er betrachtete den Gehstock, das knorrige untere Ende. Er lachte. »Die Hitze scheint dir schwer zuzusetzen, Junge. Hast mich völlig falsch verstanden. Wollt’ euch doch nur helfen.«

Der Junge nickte. Rührte sich nicht.

»Du bist ein guter Bruder. In Ordnung, dann nehm’ ich euch eben nich’ mit. Aber hier, nehmt das hier, bevor ich weiterfahr’.« Er kramte auf dem Beifahrersitz herum. Der Junge spannte die Muskeln an, doch dann hielt der Mann zwei Schokoriegel aus dem Seitenfenster. »Sind zwar ein bisschen geschmolzen, aber immer noch gut.«

Der Junge spürte, wie sich seine Schwester in Bewegung setzte, und drückte ihre Hand. »Wir werden gleich zu Mittag essen. Aber trotzdem, danke.«

Der Mann bemerkte den Ausdruck in den Augen des Mädchens. Sein Grinsen wurde breiter. »Du willst eins, was, Süße? Ich mag Schokolade.« Er wackelte mit den Riegeln. Sein Blick kehrte zu dem Jungen zurück, als er erkannte, dass der seine Schwester nicht loslassen würde. Sein Grinsen verblasste. »Komm schon, ihr wollt sie und könnt sie haben. Is’ kein Ding für mich. Ich hab’ noch genug davon.«

Plötzlich registrierte der Junge, dass der Mann an ihm vorbeistarrte, während er sprach, als müsste er angestrengt nachdenken. Er schien nicht ganz dicht zu sein.

Eine Weile blieb der Fremde reglos hinter dem Steuer seines Wagens sitzen, und der Junge rechnete damit, dass jeden Moment die Tür auffliegen würde. Doch dann landeten die Schokoriegel auf dem Schotter.

»Schätze, dann lassen wir sie eben den Vögeln.« Der Mann hob die Schultern. Die Papierfolie der Riegel glänzte in der Sonne. »Wenn ihr’s euch doch noch anders überlegt, wisst ihr ja, wo sie liegen. Sie sind gut.« Er lächelte dem Mädchen zu, das wie gebannt die Schokolade anstarrte. »Aber erst nach dem Mittagessen, Süße.« Dann richtete er den Blick auf den Jungen und zwinkerte ihm zu. »Wir wollen doch nich’, dass eure Mum was merkt. Die würd’ mich glatt umbringen.« Er tippte an seine Hutkrempe, dann fuhr der Wagen davon. Das Dröhnen des Motors scheuchte erneut einen Schwarm Kakadus auf. Der Junge kniff die Augen gegen den aufwirbelnden Staub zusammen.

Dann war der Fremde verschwunden, und die Kinder blieben mit den mitten auf der Straße liegenden Schokoriegeln zurück.

»Können wir …?«

»Nein«, sagte der Junge.

»Warum nicht?«

»Weil wir sie nicht brauchen. Lass uns weitergehen.«

Das Mädchen warf einen Blick zurück auf die Schokolade, verzog missmutig das Gesicht und folgte schließlich ihrem Bruder.

»Der See reicht völlig aus. Du wirst schon sehen. Das Wasser wird so kühl sein.«

Seine Schwester schwieg.

»Schmoll nicht. Du wirst die Schokolade vergessen, sobald du den Kopf unter Wasser getaucht hast.«

»Ich werde den Kopf nicht unter Wasser tauchen.«

»Weil du ein feiges Huhn bist«, zog er sie auf, wie er es immer tat. »Eines Tages musst du es tun.«

»Ich bin kein feiges Huhn!«

»Ga-gack-gack!«

Das Mädchen baute sich wütend vor ihrem Bruder auf. »Sag nicht feiges Huhn zu mir!«

Er seufzte. Warum machte er sich überhaupt die Mühe, sie zu beschützen? Schwestern konnten manchmal wirklich furchtbar lästig sein. »Wir sind gleich da. Beeil dich.«

Sie stemmte sich gegen den Druck seiner Hand in ihrem Rücken und warf einen Blick über ihre Schulter zurück. »Aber die Schokolade liegt doch gleich da drüben. Und geht in der Hitze kaputt.«

Allmählich wurde der Junge wütend. »Dann haben die Kakadus was zu fressen«, erwiderte er und drückte stärker. Seine Schwester kickte störrisch in den Straßenboden, sodass Staub und Sand aufstieben, setzte sich aber schließlich wieder in Bewegung. Der Junge spähte die Straße entlang, konnte aber keine Spur des Wagens mehr entdecken. Er führte seine Schwester von der Schotterpiste fort auf den alten Steinbruch zu.

Sie schoben sich über eine Böschung durch Buschwerk hindurch, bis sie schließlich die Kuppe des Damms erreichten, der das Wasserloch umgab. Die Oberfläche des Sees glitzerte dunkelblau in der Hitze. Da es für die anderen Kinder zu heiß war und der alte Steinbruch zu weit von der Siedlung entfernt lag, waren die Geschwister allein. An den Wochenenden kamen auch andere Kinder hierher, aber jetzt hatten sie den See nur für sich, genau so, wie es der Junge mochte.

Manchmal wünschte er sich, er bräuchte seine Schwester nicht mitzunehmen, sodass er auf seine Badehose verzichten und das Wasser seine Genitalien streicheln lassen könnte. Doch das war in Gegenwart seiner Schwester völlig undenkbar. Es gab gewisse Regeln zu beachten. Sein Vater würde alles andere als glücklich sein, wenn seine Schwester ihm verriet, dass ihr Bruder splitterfasernackt mit ihr badete. Aber das spielte jetzt keine Rolle, als er sich in Vorfreude auf die ersehnte Abkühlung die Lippen leckte. Es würde auch mit Badehose gehen.

Seine Schwester war auf der Hügelkuppe neben ihm unvermittelt stehen geblieben, die Arme trotzig vor der Brust verschränkt. »Will wieder zurück«, maulte sie mit einer Kleinkindstimme.

»Mensch, sieh dir doch nur das Wasser an! Möchtest du denn nicht schwimmen gehen?« Er legte ihr erneut eine Hand in den Rücken, doch sie bohrte ihre Fersen in den Boden und stemmte sich gegen ihn.

»Du bist gemein! Will Schokolade!«

»Sei kein Baby.«

»Nenn mich nicht ein Baby!«, schrie sie. »Warum darf ich keine Schokolade haben?« Ihre Stimme hallte schrill über den Damm, und der Junge verlor endgültig die Geduld. Es hätte ein schöner Tag werden sollen. Im kalten Wasser schwimmen, auf dem Rücken im Gras liegen und in den Himmel schauen. Sich keine Gedanken über zu Hause machen. Und dann musste dieser merkwürdige Typ auftauchen und alles zunichtemachen.

Plötzlich knackte links von ihnen ein Ast. Der Junge verharrte, eine Hand noch immer auf den Rücken seiner Schwester gelegt, und ließ seinen Blick über das Dickicht wandern. Die flirrende Hitze behinderte seine Sicht, doch dann machte er einen dunklen Umriss im hohen Gras aus. Er schirmte seine Augen mit einer Hand gegen das grelle Sonnenlicht ab. Der Schatten wuchs in die Höhe …

Später sollte er sich daran erinnern, wie er die dunkle Gestalt im Gras gesehen hatte. Und wie er viel zu langsam gedacht hatte: Der Mann! Wie er trotz seiner Angst wie gelähmt auf der Stelle verharrt hatte, unfähig sich zu rühren, obwohl er wusste, dass er etwas tun musste. Sofort!

Er konnte sich noch an andere Details dieser letzten Augenblicke erinnern. An die Wärme des Körpers seiner Schwester unter seiner Hand. An den Geruch des Sees. Die stechende Hitze der brennenden Sonne auf der Haut. Die Taubheit in seinen Beinen.

Und alles, was ihm danach im Gedächtnis haften geblieben war, war das Blut.

Erster Teil
Ein neuer Anfang

1

Kilbarra Station,
Western Australia, 1966

Die Sonne versinkt, als würde sie sterben, ihr letztes Blut über den Himmel vergießen. Ihre roten Finger streicheln noch einmal die Unterseite der Wolken, bevor die Dunkelheit hereinbricht.

Der Geländewagen hält rasselnd und klappernd an. Mick entknotet langsam seine langen Beine und springt von der Ladefläche. Seine Muskeln brennen, als er seinen Seesack packt und sich mit einem Winken bei dem Farmer bedankt. Der Typ hupt zum Abschied, und während er weiter über die Schotterpiste in Richtung Coralbyne fährt, starrt sein Hund – sicher und warm auf dem Beifahrersitz, der kleine Scheißkerl – durch die Heckscheibe der Fahrerkabine zurück. Mick rechnet fast damit, dass das Vieh ihm die Zunge rausstreckt oder sonst was macht.

Er steht eine Weile im aufgewirbelten Staub und sieht zu, wie der Pick-up in der Ferne verschwindet. Das Dröhnen des Motors hallt noch lang über das flache Gelände, nachdem der Wagen selbst nicht mehr zu sehen ist. Schließlich dreht sich Mick zum Tor um. Er atmet tief durch, wirft sich den Seesack über die knochige Schulter und betritt die Kilbarra Station. Und damit sein neues Leben.

Der Weg hinein gibt ihm die Gelegenheit, sich einen ersten Eindruck von der Station zu verschaffen. Unzählige kleine Koppeln erstrecken sich von dem gut gepflegten Zaun zu seiner Rechten bis hin zum Horizont und darüber hinaus. Die grauen pilzförmigen Silhouetten von Schafen drängen sich in der Ferne zusammen, kleine Schatten, kaum noch erkennbar in der zunehmenden Dunkelheit. Vermutlich Merinos, deren feine Wolle zur besten im ganzen Distrikt zählt. Ihr Blöken klingt wie das Schreien von Kindern. Zu seiner Linken, in Richtung der östlichen Grenze der riesigen, 30000 Morgen großen Station, breiten sich Felder mit jungem Hafer, der als Tierfutter angepflanzt wird, wie ein giftgrüner Teppich aus. Damit erschöpft sich Micks Wissen über die Landwirtschaft auch schon so ziemlich. Er weiß, dass auf der Farm außerdem noch Rindvieh gehalten wird – große schottische Hereford-Rinder, die gutes Geld bei den Auktionen in der Nähe einbringen –, aber davon gibt es nur etwa tausend als Spekulationsobjekte auf der Kilbarra Station, nicht annähernd so viele wie Schafe. Also sollte er sich lieber an die grauweißen Viecher gewöhnen. Er nähert sich einer weiteren Herde zu seiner Rechten, die sich zu nahe am Zaun aufhält. Die Tiere fliehen laut blökend vor ihm, und er grinst.

Wie im größten Teil des Staates Western Australia ist das Land hier ziemlich flach, aber zumindest so nahe am Weizengürtel gelegen, dass eine nachhaltige Bewirtschaftung möglich ist. In der Pilbara weiter nördlich herrschen geradezu unglaubliche Temperaturen, und auf den Regen ist kein Verlass. Dort gibt es nur vereinzelte Eisen- und Nickelminen in der Wüste, und die Bevölkerung konzentriert sich auf wenige, um die Bergwerke herum entstandene kleine Städte. Im Süden liegt Kalgoorlie mit seinen Goldvorkommen und weiter im Südwesten das grünere Umland von Perth und Albany. Hier aber, entlang des in Nord-Süd-Richtung verlaufenden Goldfield Highways, der die Küstengebiete von der Wüste im Hinterland trennt, sieht es ein wenig wie im Outback von Queensland aus: trocken, weiträumig, fruchtbar. Es erinnert ihn beinahe an seine Heimat. Die Hitze ist vertraut, fast schon tröstlich. Doch selbst angesichts der großen Entfernungen zwischen den Ortschaften in Queensland braucht man eine Weile, um sich an diesen Staat zu gewöhnen. Western Australia ist riesig und umfasst annähernd ein Drittel des Kontinents. Mick hat gehört, dass es hier draußen eine Rinderfarm gibt, die so groß ist wie Texas und sich über die Grenzen von drei Staaten erstreckt. So groß wie manche europäischen Länder, und trotzdem wird sie nur von vielleicht dreißig Leuten bewirtschaftet, so wie die Kilbarra Station. Das hat ihn immer irgendwie eingeschüchtert, die Vorstellung, sich um ein derart großes Gebiet kümmern zu müssen. Und jetzt steht er kurz davor, ebendiese Erfahrung zu machen.

Er ist bereits außer Atem, als er endlich das Gehöft auf der Anhöhe vor sich erblickt. Seine Schultern schmerzen vom Gewicht des schweren Seesacks. Mick verharrt einen Moment, massiert seine verkrampften Beinmuskeln und hofft, dass sie ihn nicht im Stich lassen.

Das Gehöft ist groß und flach und wird von einer ausladenden Veranda wie von einem Burggraben eingerahmt. Dahinter liegen wahllos verstreut etliche Gebäude: ein offener Schuppen, fast so groß wie das Haupthaus, vollgepfercht mit Werkbänken, Maschinen und einer kleinen Planierraupe, davor ein gewaltiger Traktor und ein kleinerer Mähdrescher. Zwei kleinere Gebäude mit schmalen Fenstern und verrosteten Wellblechdächern, in einem davon vermutlich sein Zimmer. Einige weitere Gebäude, die er von hier aus nicht identifizieren kann, auch wenn er in einem mehrere Haken von der Decke herabbaumeln sieht, was dafür spricht, dass es sich um das Schlachthaus handelt. Eine riesige Scheune, die die Kantine beherbergen könnte. Außerdem die Ställe, entgegengesetzt der vorherrschenden Windrichtung gelegen, damit der Gestank des Viehmists nicht zum Gehöft herübergeweht wird. Jenseits davon erstreckt sich im verdämmernden Tageslicht noch mehr endloses offenes Land.

Angeleint unter einem weißen Yapunyah-Gummibaum döst ein Pferd vor sich hin, sonst gibt es nirgendwo irgendein Lebenszeichen. Mick nähert sich dem Tier direkt von vorn. Es schnuppert an ihm und senkt den Kopf als Aufforderung, es zu tätscheln. Er streichelt den großen Kopf und atmet den vertrauten Pferdegeruch tief ein.

»Also, wo stecken all die anderen?«, flüsterte er dem Pferd ins Ohr. Es schnuppert erneut und stößt ihm die Nüstern in die flache Hand.

Da die Gebäude rings um ihn herum wie ausgestorben daliegen, tätschelt er das Pferd ein letztes Mal, macht sich auf den Weg zum Haupthaus und schwingt sich über den niedrigen Zaun vor der Rasenfläche. Als er sich der breiten Eingangstreppe nähert, schiebt sich eine Gestalt am anderen Ende des Gebäudes in sein Blickfeld, verharrt einen Moment lang und geht dann auf ihn zu.

»Wohin, glaubst du wohl, gehst du da?«

»Tag, Kumpel. Wollte zum Manager, Blackall. Heiße Taylor, Mick Tay …«

»Glaubst, du könntest da einfach so hochmarschier’n?« Der Mann steht reglos im Halbdunkel, groß, einen Hut tief in die Stirn gezogen, sodass man nur sein Kinn sehen kann. Aber Mick registriert die sehnigen harten Arme und sieht, dass das Gewicht des Mannes auf seinen Fußballen ruht, als würde er jeden Moment zum Sprung ansetzen. Und erst da bemerkt er das Gewehr auf seinem Rücken.

»Äh, ich war nicht sicher, wohin ich gehen sollte …«

»Scheiße noch mal, Junge. Du kanns’ nich’ einfach hier so reinmarschier’n.«

Mick prustet angesichts des breiten neuseeländischen Akzents beinahe los, und der Typ starrt ihn finster an.

»Was gibt’s da zu grinsen?«

»Du bist ein Kiwi, was?«

»Und was is’ daran so lustig?« Der Mann wartet auf eine Antwort, die herabhängenden Arme leicht angewinkelt, die Hände jetzt halb zu Fäusten geballt.

Mick antwortet nicht.

»Also, Junge? Willst du jetzt vielleicht irgendein’ Schafwitz reißen?«

»Ähm … nein.«

Vom Eingang des Gehöfts her brandet Gelächter auf. Ein großer Mann, dessen eng sitzendes kariertes Hemd kaum seinen dicken Bauch bändigen kann, kichert im Dunkel. »Du hast sie doch schon alle gehört, Cutter. Glaubst du vielleicht, unser neuer Jackaroo hätte dir ein paar neue Witze mitgebracht?«

Cutter hebt den Kopf und grinst in Richtung des anderen Mannes. »Immer noch besser, als sich immer wieder den gleichen Scheiß von dir anhör’n zu müssen, alter Wichser.«

Mick entspannt sich, aber als sich Cutter dicht an ihm vorbeischiebt, verblasst sein Lächeln wieder. »Seh’ dich später noch, Junge«, sagt der Neuseeländer und stiefelt weiter zu dem Pferd unter dem Baum.

»Michael, stimmt’s?«, fragt Blackall, der Manager, während er Mick die Hand schüttelt.

»Ja, Sir.«

»Kaum zwei Sekunden hier, und schon hast du gegen unsere beiden Regeln verstoßen.«

Mick starrt ihn an.

»Man macht bei uns keine Sprüche darüber, woher irgendwer stammt. Wer hier aufkreuzt, ist ein unbeschriebenes Blatt. Deine Hautfarbe, deine Vergangenheit – das alles spielt keine Rolle mehr, weil wir hier auf der Station alle gleich sind. Sogar die Abbos. Oder die ›Ubbos‹, wie Cutter sagen würde. Auch wenn ich der Einzige bin, der sich so eine Bemerkung leisten darf.«

Mick erwidert das Lächeln nicht. »Und die andere Regel, Sir?«

»Die Finger von den beschissenen Gäulen der andern lassen!«, ruft Cutter, während er sich mit einer fließenden Bewegung auf den Rücken des Pferdes schwingt und ihm die Hacken in die Seiten gräbt. Die große Silhouette des Tieres mitsamt Reiter verschwindet in der Dunkelheit.

Blackall klopft Mick so kräftig auf den Rücken, dass er fast zu Boden geht. »Na schön, verpassen wir dir eine Besichtigungstour. Mal sehen, wem du sonst noch auf die Eier gehst.«

Sie steigen in einen zerbeulten Jeep und drehen eine schnelle Runde, und obwohl sich Mick redlich Mühe gibt, die verschiedenen Arbeitsbereiche und seine zukünftigen Aufgaben auf der Farm abzuspeichern, verliert er irgendwann die Übersicht über die zahlreichen Koppeln und Gebäude.

»Die Farm gehört meiner Familie schon seit vier Generationen«, erzählt ihm Blackall. »Freie Siedler, die 1890 während des Goldrauschs rübergekommen sind. Während sich alle anderen in Kalgoorlie zu Tode geschuftet haben und nur ein paar wenige Glückspilze wirklich reich geworden sind, hat mein Opa hier stattdessen Farmland für wenig Geld aufgekauft. Als die Goldstädte pleitegegangen sind, gab es hier nur noch die Schafe. Es heißt, diese Nation wäre auf ihren Rücken errichtet worden, und da widersprech ich nicht. Vor zehn Jahren hat der Wollpreis seinen Höchststand erreicht, und seither ist es hart geworden, aber das wird sich schon wieder ändern. Tut es immer. Der Rest der Welt kann meinetwegen zum Teufel gehen. Kriege in Übersee, Kommis, die versuchen, ihren Einflussbereich zu vergrößern, Penner, die versuchen, die Regierung mit ihren Protesten zu stürzen … Aber das sind Probleme der Städte. Das Land wird es immer geben. Und die Arbeit hört nie auf.«

Mick nickt, wie benebelt von den Dimensionen der Schaffarm, während sie zum Gehöft zurückkehren.

»Old Tommo vom Abbo-Camp hat sich also für dich verbürgt«, sagt Blackall und verlangsamt die Fahrt vor der Schurscheune. Die Scheinwerfer des Jeeps durchdringen kaum die Massen an leeren Pferchen. Vielleicht verstecken sich die Schafe in der Dunkelheit. »Er war mal mein erster Jäger, noch vor Cutter. Hat Tommo dir das jemals erzählt? Guter Mann für einen Boong.« Mick wendet den Blick ab, was Blackall jedoch nicht bemerkt. »Und, wie lange hast du bei den Blackies gelebt?«

»Eine Weile.«

Blackall wirft ihm einen Seitenblick zu. »Ist schon okay, Sohn. Habe gehört, dass du da Schwierigkeiten gehabt hast. Ist sicher nicht leicht gewesen, der einzige Weiße da zu sein. Wie schon gesagt, du kannst hier noch mal ganz von vorn anfangen, wie ein unbeschriebenes Blatt. Muss niemand sonst was davon wissen.«

Mick nickt.

»Warum sie dich bei sich aufgenommen haben, ist deine Sache. Dann wolltest du hierher. Das ist gut. Ist alles, was mich interessiert. Harte Arbeit kann einem Mann helfen, zu sich zu finden. Seinem Leben Richtung geben.«

»Das war die Idee dabei.«

Blackall lächelt. »In einem Abbo-Reservat kannst du nicht deinen Platz im Leben finden, richtig? Die Boongs wollen den ganzen Tag nur saufen und sich prügeln. Also, wir werden dich hier schon auf Trab und auf Kurs bringen. Entweder das, oder aber du gehst dabei drauf.« Er lacht über Micks Reaktion. »Habe dich nur verarscht. Scheiße, Sohn. Du hast einen Unterschlupf gefunden. Die Jungs werden sich ihren Spaß mit dir machen wollen. Ich rate dir, lass dir nichts gefallen. Wenn wir hier dich nicht auf den Weg bringen können, schafft es niemand.« Vor dem Gehöft auf dem Hügel über ihnen kommt Bewegung auf, und Blackall sieht auf seine Uhr. »Wie es scheint, kommen sie gerade zurück. Pünktlich zum Abendessen.«

Ein Trupp Farmarbeiter trabt zu den Ställen hinunter. Die Männer lachen und wischen sich die von der Arbeit verschwitzten Gesichter ab. Ihre Silhouetten wirken vor dem Himmel geradezu monströs, wie eine Mischung aus Menschen und Pferden. Als der Jeep zu ihnen aufschließt, reitet einer gemächlich zu ihnen herüber. »Ist das hier der andere Frischling?«, fragt der Mann und mustert Mick dabei von Kopf bis Fuß. »Was für ein dürrer Penner.«

»Er gehört dir, Cunningham«, sagt Blackall. »Der Vorarbeiter der Station«, erklärt er Mick. »Dein neuer Boss. Und jetzt raus aus meinem Jeep. Die Missus wartet wahrscheinlich schon auf mich.«

»Danke, Sir«, erwidert Mick und ergreift seinen Sack.

»Sir. Hast du gehört, Cunningham? So hört sich Respekt an. Schätze, der hier wird sich gut machen.«

Der Vorarbeiter begutachtet immer noch skeptisch Micks magere Arme und Beine. »Oh, wir respektieren dich schon, du fetter Bastard. Wir zeigen es dir einfach nur nicht so direkt.«

Blackall lacht und verpasst Mick einen so kräftigen Schlag auf den Rücken, dass der einen Satz aus dem Jeep macht. Was vermutlich auch so beabsichtigt war. Mick landet mit seinem Sack im Staub, und Cunningham blickt auf ihn hinab.

»Du kreuzt spät bei uns auf, Jackaroo. Habe dich schon heut’ Morgen hier erwartet.«

»Der Zug hatte Verspätung …«

»Aber nachdem du jetzt da bist, kannst du schon mal die Ställe ausmisten und danach zum Essen kommen. Wie hört sich das für dich an?« Es ist keine Frage. Mick nickt. »In diesem Leben ist nichts umsonst, Jackaroo.«

Die anderen Männer lachen, während sie ihre Pferde in den Stall führen und Mick knöcheltief im Mist stehen lassen. Er beginnt zu schaufeln, und der Gestank raubt ihm beinahe den Atem. Das Abendessen ist schon halb vorüber, als er schließlich in die Kantine stapft. Die Männer protestieren lautstark gegen den Gestank, den er verströmt, und verlangen von ihm, sich zu waschen. Eine Weile später kehrt er wütend und mit vor Scham rotem Gesicht zurück, aber endlich wird er von den anderen als einer der ihren akzeptiert und schüttelt jede Menge Hände, ohne sich all die Gesichter und Namen merken zu können.

»Bist ’n großer Bursche, was?«, bemerkt einer der Männer, ein junger Aborigine namens Mercer. »Und, weißt du auch, wie man 500 spielt, Bruder? Hast ’n bisschen Geld?« Er runzelt die Stirn, als Mick den Kopf schüttelt. »Dann musst du heut’ Abend eben zuschauen. Warte, bist du deinen Lohn kriegst. Dann knöpf ich ihn dir ab.«

Und Mick nimmt Platz, lacht und lauscht den Geschichten der anderen, und so beginnt sein erster Abend in dieser Welt.

Die ersten Wochen verlaufen ähnlich wie das Ausmisten der Pferdeställe. Er und Opey, der andere neue Jackaroo, rennen auf der Station herum und erledigen alle einfachen Arbeiten, die Cunningham ihnen aufträgt: die Schafe in endlosen Wiederholungen von einer Koppel auf die nächste treiben, das stumpfsinnige Prozedere, Hammel und Mutterschafe voneinander zu trennen, die Schafe mit Ohrenmarken zu versehen, zu impfen oder die Böcke während der Kastration festzuhalten. Einmal lässt Mercer sie zusehen, wie er ein Schaf für den wöchentlichen Fleischbedarf der Männer schlachtet – was sie ebenfalls werden tun müssen, sobald sie an der Reihe sind –, und Mick verfolgt das Geschehen mit wild hämmerndem Herzen.

Er bemüht sich nach Kräften, die körperliche Arbeit zu bewältigen, aber gelegentlich versagen seine mageren Beine, die noch immer von den Nachwirkungen der Kinderlähmung beeinträchtigt sind, und dann kommt es vor, dass ihm ein Schaf entwischt, oder seine Knie geben unter der Last eines Getreidesacks auf seinen Schultern nach. Obwohl er versucht, seine Schwäche zu verbergen, bemerken es Cunningham oder andere Arbeiter, und dann bedenken sie ihn mit demselben Gesichtsausdruck, mit dem sie die schwachen und kranken Tiere aus den Herden aussortieren.

Trotzdem bekommt er nach einigen Wochen ein eigenes Pferd zugeteilt – eine kleine haselnussbraune Stute, die ihn mehrfach abzuwerfen versucht, bis er ihr die Sporen so hart in die Flanken bohrt, dass sie mit einem winselnden Schnauben kapituliert –, und er fühlt sich frei, als er mit ihr über den unebenen Boden der Weiden jagt, so wie er es schon im Reservat getan hat. Das Pferd ist trittsicher und überhaupt nicht ängstlich. Opeys Tier ist dagegen etwas ungeschickter und tritt mit traumwandlerischer Sicherheit in jeden Kaninchenbau, was es und seinen Reiter jedes Mal fast Kopf und Kragen kostet. Nicht, dass sich Opey, der stets dümmlich grinst, sobald er auf dem Rücken seines Pferdes sitzt, sonderlich daran zu stören scheint.

Der andere Frischling auf der Station, der von einer Farm aus der Gegend stammt, hat etwas Liebenswertes an sich. Sein Gesicht ist offen und arglos wie das eines Kindes. Er ist bestimmt nicht das schlauste Känguru im Revier, aber er gibt sich redlich Mühe.

Die restlichen Arbeiter sind älter und selbstsicher, beherrschen ihre diversen Aufgabenbereiche, sind den jungen Jackaroos weit überlegen. Mick versteht die meisten ihrer Witze nicht, also lächelt und lacht er einfach, wenn sie es tun. Manchmal lassen sie ihn auch auflaufen. Trotzdem gesellt er sich jeden Abend zu ihnen, bemüht sich nach Kräften, ihren Gesprächen zu folgen, reißt sogar hin und wieder selbst einen Witz, wenn ihm einer einfällt, und nach einer Weile setzen sie ihm nicht mehr so hart zu.

Schon bald erhält er sein eigenes Messer, und von da an fühlt er sich wirklich akzeptiert. Es ist ein schmales Allzweckmesser mit dem in den Griff eingeprägten Brandzeichen der Station und seinen Initialen: MT. Er fühlt sich großartig, sobald er es in der Hand hält, von Stolz erfüllt, und trägt es von da an ständig mit sich herum.

Was noch besser ist: Während dieser ersten Wochen sieht er Cutter – sofern der Mann überhaupt da ist und nicht entlang der Grenzen der Station patrouilliert – nur während des Abendessens und auch dann nur von hinten am Tisch von Cunningham und den anderen leitenden Arbeitern der Viehfarm sitzen. Die nächste Beinahe-Begegnung mit ihm hat er eines frühen Morgens, als er aufsteht und sieht, wie Cutter im Morgengrauen zum Stall geht, um zum südlichen Ende der Station zu reiten und Kängurus zu schießen. Fast instinktiv zieht sich Mick in seine Unterkunft zurück, bis Cutter sein Pferd gesattelt hat und davongeritten ist. Opey, der es eilig hat, rennt ihn beinahe über den Haufen. »Zu kalt draußen für dich, Weichei?«, fragt er, während er Mick zurück in die frische Morgenluft stößt.

»Muss mich wohl wieder erst langsam an die frische Luft gewöhnen, nachdem du die ganze Nacht über das Zimmer vollgefurzt hast.«

Der andere Jackaroo schneidet eine Grimasse. »Liegt an Friars Eintopf. Ich habe keine Ahnung, was der da alles reinmischt.«

»Pferdemist und Schafscheiße, dem Geruch nach zu urteilen.«

»Schmeckt auch ein bisschen danach«, gibt Opey zurück, und beide grinsen.

Eine Weile läuft alles gut. Mick bekommt keinerlei Probleme wie damals im Reservat. Die Arbeit kräftigt nach und nach sogar seine Beine. Am Ende des ersten Monats erhält er seinen Lohn ausgezahlt. Die Männer sprechen davon, in die Stadt und den großen Pub dort zu fahren. Mick hält sich unauffällig im Hintergrund und kümmert sich in der vagen Hoffnung, dass die Wagenkolonne ohne ihn aufbricht, um sein Pferd. Als ob er so viel Dusel hätte und die Glücksgöttin jemals auf seiner Seite gewesen wäre. Dämliche Nutte!

Als er ins Zimmer der Jackaroos zurückkehrt, stellt er fest, dass Opey bereits duschen gegangen ist. Mick geht den Gang hinunter, doch dann sieht er, dass die Tür zu den Waschräumen halb offen steht und Schatten über die Wand dahinter tanzen. Er hört Stimmen.

»Gib mir den Kneifer.« Es ist die Stimme des Kaninchenfängers Jock, einem frettchenhaften dünnen Mann mit hohlen Augen. Wenn Mick draußen die Schafe zusammentreibt, sieht er ihn häufig an einen Baum gelehnt dastehen und sich eine Zigarette drehen. Jock sieht nie in seine Richtung und erwidert erst recht kein Winken. Es gibt zwei Gruppen unter den Farmarbeitern: diejenigen, mit denen Mick 500 spielt – Mercer, Simpson und die anderen –, und dann Jock und seine Truppe, die in Cunninghams Bungalow in der Nähe der Schurställe auf die Station geschmuggelten Alkohol trinken. Von dieser Gruppe hält sich Mick fern. Er kann keinen Ärger gebrauchen, nicht so verdammt früh.

Von ein paar Sticheleien abgesehen, ignorieren Jock und seine Jungs die Jackaroos gewöhnlich.

Mick durchquert die Tür und sieht, wie sich Jock mit einem Gegenstand in der Hand vorbeugt, einer dieser Kastrationsschlingen für Schafe, dessen Zangen angerostet sind. Die elastische grüne Schlaufe zwischen den Zangenenden weitet sich, als er die Griffe des Geräts zusammendrückt.

»Die Eier oder den Schwanz?«, fragt Pete, der Mechaniker der Station, ein Mann mit verfaulten Zähnen, der zu Jocks Haufen gehört. Dann schiebt sich einer der breiten Rücken zur Seite, und Mick sieht Opey nackt, bleich und nass auf dem Boden liegen. Der Junge windet sich verzweifelt hin und her und versucht, sich aus den Griffen der Männer zu befreien, die ihn zu Boden drücken.

»Die Rache der Schafe, Opium«, sagt Jock dicht über Opeys Gesicht gebeugt. »Vergeltung. Auf was von beidem, glaubst du, kannst du eher verzichten?« Er senkt das Werkzeug zwischen die Schenkel des Jackaroos und lässt die zusammengedrückten Griffe los, worauf Opey gequält aufschreit.

»Oi!«, ruft Mick. »Scheiße, was macht ihr da?«

Rodge, der Fahrer der Planierraupe, hält Opeys dicke Beine fest. Die von der Schlinge zugeschnürten Genitalien des Jungen schlingern wie eine geschüttelte überreife Frucht hin und her, während er sich aufbäumt. Der hünenhafte Mann blickt auf, und seine Augen werden schmal. Seine Schultern sind massig, die Oberarme wie aus Stein gemeißelt. Er nagelt den sich windenden Jackaroo mühelos am Boden fest. »Ist auch dein erster Zahltag heute, Jack, was?«, fragt er. Er lässt Opey los und nähert sich Mick.

Mick weicht zurück und greift instinktiv nach dem Messer in der Scheide über seinem Gesäß. Rodge umschlingt ihn mit einem machtvollen Griff. »Versuchst du etwa, mich mit ’nem beschissenen Schweinestecher zu bedrohen, Junge?«, knurrt er und wirft Mick hinter Opey auf die Fliesen. Mick stößt keuchend die Luft aus und tritt um sich.

»Nimm deine beschissenen Pfoten von mir!«, kann er gerade noch krächzen, bevor sich Jock auf ihn stürzt und ihm eine von Schafscheiße und Dreck verkrustete Hand auf den Mund presst. Pete lässt Opey davonkriechen und packt Micks Arme.

Es gelingt Mick, einen Arm loszureißen und wild um sich zu schlagen. Es fühlt sich so an, als würde er auf einen Fleischberg eindreschen. Die Männer lachen und nageln ihn wieder am Boden fest. Die Fliesen drücken kalt gegen Micks Rücken. Das Herz schlägt ihm in der Kehle.

»Der Kleine ist ein echter Kämpfer«, sagt Pete. »Müssen ihn im Auge behalten.«

Jock beugt sich dicht über Mick. »Vielleicht bringt ihn das ja zur Vernunft.« Er hält die Kastrationsschlinge in die Höhe. »Schnapp dir seine Hose, Rodge!«

Schwielige Hände reißen Mick die Hose herunter; er spürt die kühle Luft zwischen seinen Beinen. Das Gerät nähert sich seinen Eiern, und er bäumt sich gegen die Umklammerung auf. In seinen Augen lodert ein derartiger Hass, dass Jock kurz innehält. Dann grinst er und beugt sich tiefer über sein Opfer.

»Nah, komm wieder runter, Jock.« Rodge lacht. »Würd’ mal sagen, der braucht sein Werkzeug heut’ Abend noch. Für die Schnecken im Pub.«

Jock zögert, sein fauliger Atmen bläst Mick ins Gesicht. »Schätze, du hast recht, Rodge the Dodge. Euer erster Zahltag, Jungs. Wisst ihr, was das bedeutet?«

Mick strampelt sich frei, zieht seine Hose wieder hoch und schiebt sich zurück. Seine Eier haben sich in seine Bauchhöhle verkrochen.

Die Männer umringen ihn grinsend. »Nur ’n kleines Vorspiel für später.« Jock zwinkert ihm zu. »Wirst schon sehen. So lernst du zu schätzen, was du hast. Und jetzt wascht euch und zieht euch was Sauberes an. Heut’ Abend machen wir Männer aus euch.« Die anderen verlassen lachend den Waschraum.

»Wenn es dich so anmacht, unsere Dinger anzuglotzen, solltest du uns vielleicht den Rücken schrubben, Jock«, sagt Mick, der immer noch auf dem Boden liegt, und blickt direkt zu dem dünnen Mann empor.

Der Kaninchenfänger starrt ihn von der Tür aus an. Mick erwidert den Blick unbeirrt, obwohl sich seine Eier noch immer in seiner Bauchhöhle verstecken.

»Sei vorsichtig, Kleiner«, sagt Rodge. »Oder wir hol’n uns deine Eier.«

Jock stößt ein prustendes Lachen aus und schüttelt den Kopf. »Hast ’n ziemlich freches Maul, was, du kleiner Klugscheißer? Vielleicht sollt’ ich das beim nächsten Mal abklemmen.« Er schnippt mit den Fingern gegen seine Lippen und verschwindet mit den anderen im Flur. Ihre Stimmen verklingen wie ein abziehender Sturm.

»Scheiße, Mick«, stöhnt Opey und blickt an sich herab. »Scheiße.«

Mick zieht sein Messer und kniet sich neben ihn. Nur gut, dass er sich durch seine Zeit auf der Farm an den Anblick gewöhnt hat. Er durchtrennt die Schlinge, die Opeys Sack abschnürt. Der arme Teufel schnappt sich ein Handtuch und bedeckt sich damit, als sich Mick aufrichtet, noch immer etwas unsicher auf den Beinen. »Arschfotzen. Hätten dich wenigstens wieder in die Wanne stecken können.«

»Verdammte Scheiße, was sollte das mit diesem … Vorspiel?«, will Opey wissen. Sein Atem geht keuchend vor Angst, er ist vollgepumpt mit Adrenalin. »Wir sollten das Blackall melden.«

»Sei kein Mädchen.« Mick verpasst ihm einen Tritt gegen den Oberschenkel. »Wasch dich fertig und geh zum Essen, als wär’ nichts passiert. Du darfst diesen Bastarden niemals Schwäche zeigen. Lass dir von niemandem jemals irgendwas anmerken.«

»Danke, Micky«, sagt Opey und hievt seinen fetten Arsch hoch. Mick erhascht einen weiteren kurzen Blick auf das lang herabbaumelnde haarige Gemächt des Jungen.

»Christus, vielleicht hätten die ihr Ding zu Ende durchziehen sollen«, murmelt er, als er sich abwendet. »Wie die beschissenen Herefords draußen auf der Weide. Kannst du das Teil wegpacken?« Er kehrt zu seinem Bett zurück und setzt sich. Der Schmerz in seinen Beinen lässt ihn zusammenzucken. Er fragt sich, ob sich seine Babyfabriken jemals wieder entspannen werden.

Während des Abendessens kann Mick die grinsenden Blicke von Jock und seinen Jungs fast körperlich spüren, doch er setzt sich kommentarlos an den langen Tisch und schaufelt seinen Teller voll. Opey folgt seinem Beispiel, muss sich aber angestrengt darauf konzentrieren, nicht zu kleckern, weil seine Hände so stark zittern. Schon bald verblasst das Grinsen der Männer, und der Kaninchenfänger verliert das Interesse an den Neulingen.

»Siehst du?«, fragt Mick leise. »Gönn ihnen nicht die Befriedigung.«

Opey nickt schweigend.

Jock geht hinaus, um seinem Jagdhund Bullet – ein schlankes Greyhoundweibchen, das immer dicht an seiner Seite bleibt – ein paar Fleischstücke zu bringen, und hat die kleine Episode schon bald wieder vergessen. Mick aber starrt während des gesamten Essens immer wieder zu ihm hinüber. Seine Augen bohren sich geradezu in den knochigen Rücken des Kaninchenfängers. Irgendwann wird ihm bewusst, was er tut, und er vergewissert sich verstohlen, dass niemand seine Blicke bemerkt hat.

Cutter beobachtet ihn vom Tisch am anderen Ende des Raumes aus. Mick wendet den Blick ab.

Als die anderen die Kantine verlassen und zu den Autos gehen, schließt er sich ihnen so unbekümmert wie möglich an. Vielleicht ist es nur Einbildung, aber als er in der Tür unauffällig einen Blick zurückwirft, scheint Cutter ihn immer noch zu beobachten. Als verfolgte er ihn durch das Zielfernrohr seines Gewehrs.

Auf dem Rücksitz des letzten Wagens drückt ihm Friar, der Koch der Station, ein Bier in die Hand. »Zieh dir was rein«, sagt er. Zwar darf auf der Station offiziell kein Alkohol getrunken werden, aber offenbar gelten jenseits der Grenzen andere Regeln. Mick starrt die Flasche an. Er hat sich während seiner Zeit im Reservat nach Kräften bemüht, keinen Alkohol anzurühren, aber die Blicke der anderen ruhen auf ihm, und so bleibt ihm keine Wahl. Er würgt das Bier hinunter, als sie in die Nacht fahren.

Der Bauch des Koches drückt gegen Micks Schenkel. Selbst frisch geduscht und rasiert stinkt der fette Penner noch nach Schweiß. Mick spürt, wie ihm das Hemd am Rücken klebt. Opey ist kaum schmaler als der Koch – von einigen wird er Baitlayer Tuck genannt –, und Mick kommt sich wie zwischen zwei quellenden Haufen Hefeteig eingeklemmt vor.

»Wie ich hör’, hätten wir heut’ Abend fast zwei Prärieaustern serviert gekriegt!«, ruft Mercer auf dem Vordersitz über das Dröhnen des Motors hinweg. Seine übergroßen Zähne schimmern im Licht des Armaturenbretts.

»Was ist das?«, erkundigt sich Mick.

»Deine Eier, Junge«, lacht Simpson, ein weiterer Farmarbeiter, und klopft auf das Lenkrad. Der Wagen schlingert im Staub. »Oder kannst dich schon nicht mehr erinnern?«

»Hätt’ daraus ’nen guten Eintopf machen können«, sagt Friar. »Obwohl die Eier von dem Bock da ’ne viel größere Portion ergeben hätten, denk ich.« Er nickt in Opeys Richtung. Der Jackaroo trinkt einen Schluck Bier, um sein Erröten zu verbergen.

»Und, seid ihr bereit?«, fragt Simpson.

»Bereit wofür?«, fragt Opey zurück, worauf die Männer auf dem Vordersitz in Gelächter ausbrechen und das Thema wechseln.

Sie fahren nach Westen durch Nildon Richtung Wills, das direkt am Goldfields Highway liegt. Simpson erzählt von den zwei Schwestern, die in dem Pub in der Nähe der Station arbeiteten, auf der er früher war. Er hatte sie nacheinander durchgezogen, und als sie ihm auf die Schliche kamen, machten sie mit Flaschen, denen sie vorher die Hälse abgeschlagen hatten, Jagd auf ihn. Mick lacht, doch dann tauchen auch schon die Lichter des Ortes in der Dunkelheit vor ihnen auf, und seine Anspannung kehrt zurück.

Ihr Ziel ist ein großes viktorianisches Gebäude, hinter dessen offenen Fenstern Zecher sitzen – das Great Northern. Vor dem Pub parken jede Menge Autos. Beim Anblick eines Streifenwagens, der auf der anderen Straßenseite steht, um jeden Pubbesucher zu erwischen, der auf der Straße trinkt, fahren sie langsamer. Mercer bemerkt Micks Anspannung und interpretiert sie falsch. »Scheiß Schnüffler«, sagt er. »Die Bullen halten ständig nach leichter Beute Ausschau. Du bist doch schon 18, ja, großer Junge? Gehst jedenfalls problemlos für 18 durch.«

Mick nickt, aber was ihm mehr zu schaffen macht, sind die albtraumhaften Gesichter in den Fenstern des Pubs mit ihrem lauten Grölen und Lachen. Als die anderen aus dem Wagen steigen, bleibt er mit der Bierflasche zwischen den Beinen sitzen.

»Hier ist das Schlachthaus. Auf geht’s, Kleiner«, sagt Friar und zerrt ihn ins Freie. Die Horde der Farmarbeiter quillt aus den Autos und streckt nach der langen Fahrt Arme und Beine. Jock und Rodge klopfen Mick im Vorbeigehen eine Spur zu hart auf die Schultern, und er muss sich beherrschen, um sie nicht böse anzustarren. Cutter steigt vor ihm zusammen mit Blackall und Cunningham aus dem Wagen, und Mick betritt den Pub, bevor Cutter ihn bemerken kann.

»Halt dich an uns«, sagt Mercer. »Und fang ja kein’ beschissenen Streit an. Wenn es einen von uns erwischt, erwischt’s uns alle. Dann machst du uns allen den Abend kaputt.«

Der Boden ist mit Sägespänen bedeckt – wahrscheinlich um verschüttetes Bier und Blut aufzusaugen –, und von den Wänden blättert großflächig die Farbe ab. Das Dach besteht aus ungehobelten Brettern. Der Schuppen erweckt den Eindruck, als könnte er jeden Moment in sich zusammenstürzen, was nicht gerade dazu beiträgt, Micks Nervosität zu lindern.

Die anderen steuern zielstrebig den überfüllten Tresen an. Mick wird von ihnen mitgezogen, seine frisch geputzten Stiefel hinterlassen eine Spur im Sägemehl. Er ist noch nie unter so vielen Menschen gewesen und hält die Luft an, während er sich durch das Gedränge schiebt und darauf achtet, gegen niemanden mit einem vollen Glas in der Hand zu stoßen. Der Lärm ist überwältigend. Der Pub ist voller Kerle, ein bisschen enttäuschend, nachdem die anderen ihn zuvor mit ihren anzüglichen Sprüchen aufgeputscht haben. Vielleicht wollten sie die Jackaroos ja nur zum Spaß scharfmachen.

Hinter einer Ecke entdeckt er einen kleinen Fernseher mit schlechtem Empfang und sieht Lotteriekugeln über den Bildschirm rollen. Jede Kugel wird mit lautem Brüllen und Johlen kommentiert, wenn niemand die richtige Zahl auf seinem Schein findet. »National Service«, erklärt Opey. »Eine Lotterie, bei der kein Mensch gewinnen will. Wenigstens müssen wir uns darüber noch keine Sorgen machen. Ich schätze, die würden mich beim Militär sowieso ausmustern, wenn meine Nummer gezogen wird. Du?«

»Man hat mich stattdessen hierhergeschickt.«

»Das war die Wahl, die du hattest?«

»Die erste Runde geht auf mich«, sagt Simpson, als sie einen freien Platz in der Nähe des Tresens erobern. »Bereit für ’nen Schluck, Micky?«

Mick hat das Gefühl, als rückten die Wände um ihn herum immer näher zusammen. »Yeah, ich nehme einen Tugger.«

»Einen Tugger?«, fragt Opey. »Nennen die Abbos unten im Süden den Drink nicht so? Ich dachte, du hast gesagt, du bist aus Queensland.«

»Ich meine … einen Schooner.« Mick bedenkt die anderen mit einem schnellen Seitenblick.

»Regel Nummer eins, schon vergessen, Opey?«, fragt Blackall. Er steht nahe genug, sodass Mick ihn verstehen kann. »Niemand schnüffelt in der Vergangenheit eines anderen herum. Wenn er sagt, dass er aus Queensland kommt, dann schluckst du das. Scheiße, Junge. Hätte dein Vater mich nicht gebeten …« Er lächelt Mick zu. »Weißt du, warum ihn alle Opium nennen?«

Mick hebt die Schultern, er hatte gedacht, der Junge würde wirklich so heißen.

»Weil er so langsam im Kopf wie ein Opiumjunkie ist.«

Die Männer lachen und widmen sich wieder ihren Bieren.

Alle außer Cutter. Sein Blick haftet weiter auf Mick, und Mick wendet sich ab. Dreckiger knopfäugiger Scheißkerl.

»Tut mir leid, Micky«, sagt Opey leise.

»Nicht dein Fehler, Opey«, erwidert Mick und sieht zu, wie Blackall am Tresen Hof hält. Die anderen Arbeiter lauschen andächtig jedem seiner Worte. »Angeblich sind wir hier alle gleich, keine Vergangenheit, keine Unterschiede zwischen uns. Aber du kannst mir nicht erzählen, dass es hier keine beschissene Hierarchie gibt.«

»Yeah, aber das darfst du nicht laut sagen. Die Sache ist die, Micky – und ich muss es schließlich wissen –, du musst lernen, den Mund zu halten. Du willst bestimmt nicht Blackalls Fuß bis zum Knöchel im Arsch stecken haben. Denn wenn du ihn da erst mal drin hast, kriegst du ihn nicht mehr raus.«

Es ist nicht der Manager, der Mick so wütend macht. »Was ist mit diesem Jäger? Hat der was gegen mich?«

»Der hat was gegen jeden. Kümmer dich einfach nicht um den Drecksack.«

Mick lächelt. Opey grinst ebenfalls und überrascht sich damit selbst.

Allmählich gewöhnt sich Mick an das Gedränge und den Lärm um ihn herum und schließt sich Mercer, Simpson und den anderen an, während der Alkohol in Strömen fließt und alle möglichen Geschichten erzählt werden. Er hört sogar damit auf, ständig zu Cutter und Jock hinüberzuschielen und konzentriert sich stattdessen auf seine Begleiter und das Glas vor ihm.

Viele Drinks später steht er schwankend am Tresen, ein dümmliches Grinsen im Gesicht, als er bemerkt, dass die anderen Arbeiter der Station einer nach dem anderen verschwinden. Er versucht, sie zu zählen, ganz sicher, dass es vorher noch mehr waren. Dann registriert er, dass Simpson, der gerade noch neben ihm gestanden hat, ebenfalls verschwunden ist.

»Wo ist er hin?«

»Wer?«, fragt Opey, der gerade eine Geschichte zum Besten gibt. »Hörst du zu? Also, ich hocke da auf dem Traktor, es ist so ungefähr vier am Morgen, die Sterne stehen noch alle am Himmel, und ich wache auf und merke, dass ich quer durch das Feld auf diesen Felsen zufahre, der da aus dem Boden ragt, und ich scheiß mich fast ein und greife nach den Hebeln, aber …«

Cutter und Blackall sind immer noch in ihr Gespräch vertieft, aber einer der Männer, der bisher bei ihnen war, ist plötzlich auch nicht mehr da. »Die waren erst zu viert«, sagt Mick. »Da drüben bei dieser langen Arschfotze, Blackall und dem anderen.«

»Jesus, Mick! Nenn ihn nicht so! Ich habe dir gesagt …«

»Das is’ sein Name.«

»Nein, nicht der, ich meine …«

Dann ist Jock neben ihm, bleibt kurz auf dem Weg von irgendwoher stehen. Sein stinkender Atem weht Mick ins Gesicht. »Du bist als Nächster dran, Junge.« Er grinst und klopft ihm wieder auf die Schultern. »Hab’ schon mal die Vorarbeit für dich geleistet.«

Mick runzelt die Stirn, doch bevor er irgendetwas sagen kann, hat sich der Kaninchenfänger weiter durch die Menge zum Tresen geschoben.

»Wovon redet der da?«, will Opey wissen.

Mercer zwinkert. »Ihr Jungs wisst also wirklich nicht Bescheid? Jesus, was glaubt ihr denn, warum wir hier sind?«

Doch während sich Mick nach den anderen umsieht, hört er, wie der normalerweise so schweigsame Cutter eine Geschichte über einen Handlanger erzählt, dem sie immer Streiche gespielt haben, als er noch als Schafscherer gearbeitet hat. Er hatte den Kleinen mit dem Auftrag losgeschickt, ihm einen Linkshänder-Schraubenschlüssel zu besorgen, und ihn jedes Mal fertiggemacht, wenn er mit einem falschen Schraubenschlüssel zurückkam, bis der Junge schließlich heulend weglief.

»Schrubenschlüssel«, sagt Mick. »Hast du das gehört?« Er bemüht sich, leise zu sprechen, aber er ist zu betrunken. »Diese verdammten Kiwis sind lächerliche Wichser. Wie kommen die nur immer wieder auf so einen Scheiß? Schrubenschlüssel. Sagen sachs statt sechs. Ubbos. Können nicht mal richtig sprechen.« Er korrigiert sich. »Kunnen nich’ richtig sprechen.«

Opey starrt ihn wie gelähmt an. Mick grinst und folgt dann dem Blick des anderen Jackaroos in Richtung des Managers und des Jägers der Station, die ihn mustern.

»Scheiße, Micky«, stöhnt Opey.

Cutter kommt herübermarschiert. Neben seiner riesigen harten Gestalt wirkt Mick geradezu winzig. »Laberst du immer noch diesen Scheiß, du Maulheld? Was hab’ ich dir gesagt?«

Jock kichert vom Tresen her. »War nicht gerade schlau von dir, Kleiner. Vielleicht sollten wir dich ja Opium nennen.«

»Ah, lass es dir doch von ’nem Hund besorgen, Jock«, sagt Mick, während er weiter Cutter im Auge behält. Jock hört auf zu lachen. Seine Miene verfinstert sich.

Die anderen Männer glotzen herüber, und selbst Blackall lächelt. »Der Kleine ist betrunken, Cutter. Zieh los, besorg dir eine Nutte und lass es gut sein.«

Cutter starrt Mick weiter an, aber der sagt kein Wort. »Das is’ keine Entschuldigung für mich, Junge«, knurrt der Jäger schließlich, dreht sich um und marschiert mit geballten Fäusten zum anderen Ende des Pubs.

Mick sieht ihm hinterher. »Was? Haben die hier etwa auch Schafe?«, stichelt er. Cutter wirft einen Blick über die Schulter zu ihm zurück. Und nur weil der Jäger auf seinem Weg eine Schneise in die Menschenmenge gepflügt hat, kann Mick jetzt den von Huren umringten Tisch am Hinterausgang sehen. Einige von ihnen sitzen auf den Schößen der Männer und versuchen, ihnen ihr Geld abzuknöpfen, während noch mehr von ihnen die Trinker um sie herum bearbeiten. Eine der Frauen entdeckt Cutter und lächelt wie eine Spinne, ergreift seine Hand und zieht ihn mit sich zur Hintertür hinaus. Der Kiwi bedenkt Mick mit einem letzten finsteren Blick, bevor er verschwindet.

»Sieh mal, ich hab’ grad’ versucht, euch zu erklären …«, beginnt Mercer, als Simpson zurückkehrt und Mick eine Hand auf den Arm legt.

»Auf geht’s, Micky.«

Mercer packt Micks anderen Arm. »Schätze, du wirst gleich selbst rausfinden, was ich meine, Bruder.«

Es riecht ranzig am Tisch vor der Hintertür.

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