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Wohin die Lust uns trägt

PROLOG

Callie

Wie schon seit dreißig Jahren küsste Callie Brogan ihre Tochter auf den tiefschwarzen Haarschopf, wie immer in dem Bewusstsein, dass es auf nichts eine Garantie gab, nicht auf Zeit, nicht auf Zuneigung, ja, nicht mal auf das Leben selbst. Und so nahm sie jede Gelegenheit wahr, ihre Kinder zu umarmen und zu küssen, alle sieben.

Nicht dass sie alle sieben persönlich zur Welt gebracht hatte, um Himmels willen, nein. Nur Levi und die Zwillinge Jules und Darby waren ihre eigenen Kinder. Noah, Eli und Ben Lockwood waren die Kinder ihrer Nachbarin und besten Freundin Bethann Lockwood, die vor zehn Jahren gestorben war. Aber sie liebte sie wie ihre eigenen, das galt auch für Dylan-Jane, DJ genannt, die siebte im Bunde.

Callie hatte bis vor drei Jahren ein luxuriöses Leben als die Frau eines mächtigen und reichen Investors aus Boston geführt. Vor drei Jahren war ihr geliebter Ray gestorben. Nun war sie vierundfünfzig und hatte das Gefühl, sie müsste sich dringend überlegen, was sie in Zukunft mit ihrem Leben anfangen wollte. Und das machte ihr Angst.

Wer war sie, wenn sie keine hingebungsvolle Mutter und nicht die Ehefrau eines lebhaften, erfolgreichen Mannes war? Ein Nichts? Im Moment war sie sich beinahe selbst fremd. Sie musste sich wieder kennenlernen.

„Mom?“

Callie drehte sich um und blickte in Jules’ strahlende Augen. Wie immer in dieser Situation stockte ihr kurz der Atem. Jules hatte Rays leuchtend hellblaue Augen … Ach, sie vermisste ihren Ray so sehr, sein tiefes Lachen, seine starken Arme, den Sex mit ihm …

„Mom? Alles in Ordnung?“ Jules konnte man nichts vormachen.

Callie schluckte herunter, was sie beinahe gesagt hätte. Sie hielt sich zwar für eine moderne Mutter, aber der erwachsenen Tochter zu gestehen, dass sie sich nach Sex sehnte, ging vielleicht doch etwas zu weit. Also lächelte sie nur. „Ja, alles bestens.“

Jules blickte sie misstrauisch an. „Das glaube ich dir nicht.“

Callie sah sich kurz um und wünschte, Noah oder Eli oder Ben wären hier. Aber Eli und Ben restaurierten einen Katamaran und hatten sich vom Sonntagslunch abgemeldet. Und Noah war in Italien … Oder Griechenland? Vielleicht auch in Cannes? Der Junge war ständig unterwegs.

Ob Noah jemals wieder nach Boston zurückkommen würde? Der älteste der Lockwood-Jungs war ernst und ziemlich verschlossen. Das Verhalten des Stiefvaters nach Bethanns Tod hatte ihn tief getroffen, auch wenn er es nicht zeigte. In dem Punkt war er wie seine Mutter. Gefühle und speziell Ängste zu äußern, hielt er für eine Schwäche. Sein Bedürfnis nach Unabhängigkeit hatte Callie oft frustriert, was aber nichts mit ihrer Liebe zu dem Jungen zu tun hatte, oder besser: dem Mann. Noah war schließlich schon Mitte dreißig.

Levi, ihr eigener Sohn, saß auf einem der beiden Ledersofas und stellte sein Whiskeyglas auf den niedrigen Tisch. „Genau, Mom. Was ist? Was hast du?“

Callie setzte sich in einen Sessel, Jules nahm auf der Armlehne Platz. Darby und DJ, die beste Freundin der Zwillinge, gesellte sich zu Levi. Jules strich ihrer Mutter zärtlich über den Rücken. „Nun sag schon, Mom. Was ist los?“

Na gut … „Letzten Dienstag vor drei Jahren ist euer Vater gestorben. Und ich habe mich entschlossen, gewisse Änderungen in meinem Leben vorzunehmen.“

Jules hob überrascht die Augenbrauen. „Woran hast du so gedacht?“

Callie blickte aus dem Fenster auf den See und den Golfplatz dahinter. „Schon vor eurer Geburt hatte Bethanns Vater den Besitz der Lockwoods in ein exklusives Wohngebiet umgewandelt, mit Golfplatz, Country-Club und allem, was dazugehört. Euer Vater hat als Erster hier ein Haus gebaut, das immer noch eins der größten ist.“

„Und? Das ist doch nichts Neues.“

„Nein. Aber ich sehe jetzt, dass das Haus für mich zu groß ist. Die Leute, die das Vierzimmerhaus auf der anderen Seite des Golfplatzes mieten, haben gekündigt. Und ich habe mich entschlossen, dahin zu ziehen.“

Die drei Kinder starrten die Mutter fassungslos, ja, entsetzt an. Callie konnte sich vorstellen, was es für sie bedeutete, ihr Elternhaus zu verlieren. „Wenn ich sterbe, Levi, erbst du dieses Haus“, versuchte sie sie zu beruhigen. „Aber ich finde, es sollte dir jetzt schon überschrieben werden. Ich weiß, dass ihr darüber gesprochen habt, euch endlich etwas Eigenes zu kaufen. Aber das ist eigentlich überflüssig, wo es doch dieses große Haus gibt.“ Sie sah die Zwillinge an. „Und ihr könnt doch auch erstmal hier wohnen, solange ihr euch nach was anderem umschaut. Das Haus liegt zentral, ist bequem, und ihr braucht nur für die Nebenkosten zu zahlen.“

„Mit Levi in einem Haus wohnen? Nie!“ Darby schüttelte sich. Mit dieser Reaktion hatte Callie gerechnet. Aber sie bemerkte auch den Blick, den Darby mit ihrer Zwillingsschwester Jules tauschte, und musste unwillkürlich lächeln. Sie wusste genau, was als Nächstes kam.

„DJ könnte dann doch in dem Apartment über der Garage wohnen, oder?“, schlug Jules sofort vor. Sie liebte dieses Haus, alle Kinder liebten es. Es war großzügig geschnitten, hatte hohe Decken, Holzfußböden, eine große Terrasse und einen weiten Garten. Es lag nahe am Clubhaus mit seinen ausgedehnten Fitnessräumen, die von allen benutzt werden konnten, und auch der elegant angelegte Golfplatz war nur einen Katzensprung entfernt.

Es war ihr Zuhause.

„Ich will aber nicht mit meinen Schwestern zusammen wohnen“, maulte Levi. „Es war schon schlimm genug, sie als Kinder ertragen zu müssen.“

Callie wusste, dass das gelogen war. Levi vergötterte seine Schwestern und fühlte sich als ihr Beschützer. „Glaub mir, Levi, es ist eine gute Lösung. So braucht ihr nichts zu mieten, während ihr euch nach etwas Passendem umseht. Vor allem, da du und Noah viel Geld für die neue Marina ausgegeben habt und sich eure Bankkonten erst einmal wieder erholen müssen.“ Das war übertrieben, das wusste sie selbst. Beide waren nach wie vor vermögend.

Levi schüttelte den Kopf. „Das ist sehr nett von dir, Mom. Aber du weißt, dass wir alle gutes Geld verdienen und du dir um uns keine Sorgen mehr zu machen brauchst.“

Mütter machen sich immer Sorgen, wollte Callie ihm antworten. Aber das würde er erst verstehen, wenn er selbst Kinder hatte.

„Willst du wirklich in dieses andere Haus ziehen, Mom?“ Jules runzelte die Stirn.

Allerdings. Hier wurde sie von zu vielen Erinnerungen verfolgt. „Ja. Ich muss was Neues anfangen, mein Leben ändern. Es gibt eine Menge, was ich unbedingt noch machen will, bevor ich fünfundfünfzig werde.“

„Das ist in zehn Monaten“, bemerkte Darby.

„Was denn zum Beispiel?“ Jules sah ihre Mutter neugierig an.

„Nichts Besonderes. Vielleicht eine Tour durch Frankreich, Malen lernen, die Kunstakademie besuchen.“

Jules lächelte nachsichtig. Himmel, wenn sie wüsste, was ich wirklich will, ging es Callie durch den Kopf. One-Night-Stands, Telefonsex, wilde Dschungelnächte, Bungee-Jumping, nackt im Freien schlafen … Ihre höchste Priorität war jedoch, dass alle Kinder den richtigen Partner fanden. Aber das würde sie ihnen natürlich nie sagen.

Ihr sehnlichster Wunsch allerdings war, dass Noah endlich wieder nach Hause kam, nach Boston, wo er hingehörte.

1. KAPITEL

Noah

Noah vergrub seine Hände in ihrem dichten, kräftigen Haar und blickte in diese faszinierenden hellblauen Augen. Ihr Duft, sexy und süß, die vollen rosa Lippen, die kleinen prallen Brüste, die sich an seine breite Brust schmiegten, ihr flacher Bauch, gegen den er seine harte Erregung presste, es war der Wahnsinn.

Doch das hier war Jules, seine beste Freundin seit Kindertagen.

Er nahm nur noch sie wahr, nicht den Lärm der Silvesterpartys, der durch das Fenster drang. Sie hob die Hüften an, ließ ihn die aufgerichteten Brustspitzen spüren und sah ihn flehend an. Küss mich.

Er wollte sie nehmen, wollte in ihr sein, aber ein Kuss war das Einzige, was er sich erlauben durfte. Er streifte ihren Mund mit seinem – und war verloren. Sie öffnete die Lippen, er spürte ihre Zunge, und sein Herz wurde leicht. Jules lag in seinen Armen, sie küsste ihn, und alles war auf einmal so, wie es sein sollte.

Er wollte gerade ihre Brüste umfassen und sich ihre Beine um die Hüften legen, als er brutal am Haar zurückgerissen wurde. Morgan und sein Stiefvater hatten sich über ihn gebeugt und lachten und lachten. Noah warf einen Blick auf Jules. Ihr Gesicht war tränenüberströmt.

„Du Schwein!“, schrie Morgan.

„Das ist ganz mein Junge“, sagte Ethan grinsend. „Blut oder nicht Blut, du bist mein Sohn.“

Wieder dieser Traum! Noah Lockwood schob die Bettdecke zur Seite. Ihm war glühend heiß. Er schwang die Beine aus dem Bett, griff nach seiner Boxershorts und zog sie über. Dann blickte er auf die andere Bettseite. Jenna, mit der er hin und wieder schlief, wenn er in der Stadt war, machte die Nachttischlampe an. Sie schaute auf die Uhr, fluchte leise, glitt aus dem Bett und suchte ihre Sachen zusammen. „Möchtest du darüber sprechen?“, fragte sie.

Nein, verdammt noch mal … Noch nicht einmal seinen Brüdern oder engen Freunden teilte er mit, was ihn bewegte. Jenna würde das Ganze ohne genauere Erklärungen sowieso nicht verstehen. Noah hasste Erklärungen, wenn es um seine Gefühle ging, die er nicht wagte zu analysieren. Wie er überhaupt versuchte, möglichst wenig an die Vergangenheit zu denken.

Er ging zur Balkontür und öffnete sie weit. Die kühle Herbstluft tat ihm gut. Das erste Sonnenlicht drang durch die Blätter der großen Bäume, die das Gebäude umstanden. Er liebte Kapstadt, diese Metropole zwischen Bergen und Ozean. Aber es war nicht sein Zuhause, war nicht Boston, die Stadt, nach der er sich sehnte. Aber er durfte nicht zurückkehren.

Jenna küsste ihn kurz auf die Wange und verließ den Raum. Endlich allein. Noah zog sich ein T-Shirt über, griff nach seinem Telefon und trat auf den Balkon. Immer noch hing der Traum ihm nach, und er atmete ein paarmal tief durch, um sich davon zu befreien. Wie immer nach diesem Traum hatte er das Bedürfnis, mit seinen Brüdern zu sprechen, daher wählte er Elis Nummer.


„Oh, Noah, ich wollte dich auch gerade anrufen.“ Elis Stimme klang atemlos, und sofort schlug Noahs Herz schneller.

„Was ist denn los?“ Noah versuchte, gelassen zu klingen. Er war der älteste, und obgleich er am andern Ende der Welt lebte, versuchte er, mit E-Mails und Telefon und Skypen das Firmenschiff allein zu steuern. Was allerdings nicht ganz stimmte, schließlich hatte sein Freund Levi einen Teil seiner Erbschaft aufgewendet, um mit Noah zusammen den Bootshafen auszubauen, und ihm dadurch viel Verantwortung abgenommen. Im Gegensatz zu Eli und Ben, die allzu hitzköpfig waren, war Levi die Ruhe selbst.

„Callie hat uns vorhin zusammengerufen. Lockwood steht zum Verkauf“, sagte Eli.

„Er will das Haus verkaufen?“

„Nein, alles. Noah, Ethan will alles verkaufen! Unser Elternhaus, das Land, den Country-Club, den Golfplatz und sämtliche Gebäude, sofern sie nicht in Privatbesitz sind.“

Noah fluchte laut.

„Man vermutet, dass er wieder dick in Schulden steckt.“

„Das muss ich erst mal verdauen, Eli. Ich ruf dich gleich wieder zurück.“

Noah ließ sich auf den nächsten Balkonstuhl sinken und schloss die Augen. Ihm war fast übel vor Zorn und Enttäuschung. Vor zehn Jahren hatte er den Mann, den er Dad nannte und liebte und von dem er sich geliebt glaubte, vor Gericht gebracht. Nach dem Tod seiner Mutter fand er heraus, dass deren Ehe mit Ethan alles andere als so ideal gewesen war, wie er immer gedacht hatte. Sein bewunderter Stiefvater war ein Lügner und Betrüger und gab das Geld mit vollen Händen aus. Auch das Geld, das er nicht hatte.

Wenn er Ethan daran hindern wollte, das Vermögen der mütterlichen Linie zu verschleudern, – seine Mutter hatte ihre beiden Ehemänner überredet, ihren Mädchennamen Lockwood anzunehmen –, blieb ihm nur eine Option. Er musste die besten Anwälte einschalten, die es gab. Noah erinnerte sich an die schrecklichen Monate zwischen dem Tod seiner Mutter und dem Gerichtsurteil. Den Lockwood-Jungs wurden die Marina und die Liegeplätze im Osten Bostons zugesprochen, Ethan Lockwood bekam den Country-Club inklusive des Elternhauses (mit allem, was sich darin befand), des Clubhauses und der Gebäude drum herum. Außerdem das Land sowie die millionenschweren Bankkonten. All das hatte der Mann inzwischen offenbar verjubelt. Für Wein, Weib und Gesang.

Die Auseinandersetzung vor Gericht war hart gewesen, und Noah hatte sie nur durchgestanden, weil er wusste, dass alles Lüge gewesen war. Dass die Ehe der Eltern schlecht gewesen und Ethans Liebe zu den Stiefsöhnen nur gespielt war. Noah war entsetzt, dass er sich so hatte täuschen lassen, und verlor vollkommen den Glauben an ehrliche Gefühle, an Liebe schon sowieso und erst recht an so etwas wie eine glückliche Ehe.

Und was Morgan, mit der er eine lockere Beziehung pflegte, ihm dann antat, bestärkte ihn nur in dieser Überzeugung. In diesem schrecklichen Jahr hatte er Weihnachten in Morgans Elternhaus verbracht. Nachdem ihre Eltern sich zurückgezogen hatten, nahm er sich den teuren Whiskey von Morgans Vater vor und betrank sich entsetzlich. Er erinnerte kaum etwas von dem Rest des Abends, nur dass Morgan irgendwas von Ehe und ewiger Liebe plapperte. Aber da sie gleichzeitig die Hand in seiner Hose hatte, war er mehr als abgelenkt.

Am nächsten Morgen hatte er einen fürchterlichen Kater und wurde zu seiner Überraschung von allen Anwesenden zu seiner Verlobung mit Morgan beglückwünscht. Er wollte das Missverständnis aufklären, sagen, dass er nicht beabsichtigte, jemals zu heiraten. Aber Morgan sah so glücklich aus, und sein Kopf war kurz davor zu zerspringen, sodass er die Aufklärung auf später verschob. Wenn er mit Morgan allein war, würde er in Ruhe mit ihr darüber sprechen. Und sich dann allmählich aus der Beziehung zurückziehen, was er ohnehin schon lange vorhatte. Er hatte genug Probleme, auch ohne eine ständig fordernde und an ihm klebende Freundin. Doch dann zog Morgans Vater ihn in sein Arbeitszimmer und dankte ihm dafür, dass er seiner psychisch etwas labilen Tochter die Ehe angetragen hatte. Er hatte über Noah Erkundigungen eingezogen, wusste, dass er vorhatte, Profisegler zu werden, und Sponsoren suchte, um sein eigenes Team zusammenstellen zu können.

Und er wusste auch, dass Noah Morgan eigentlich nicht heiraten wollte.

Das gab er auch offen zu und machte Noah dann ein unanständig hohes Angebot. Noah könnte die Jacht seiner Träume als Profi segeln, unter einer Bedingung. Er sollte die Verlobung mit Morgan zwei Jahre lang aufrechterhalten, während der Vater die besten Psychiater für seine Tochter engagierte. Die Verlobung bestand also quasi nur auf dem Papier, um Morgan ruhigzustellen. Noah würde in der ganzen Welt unterwegs sein und sollte nur hin und wieder mit seiner Braut telefonieren oder ihr E-Mails schicken. Ach, und noch eins: Noah sollte die Verbindung zu Jules Brogan abbrechen, denn Morgan war extrem eifersüchtig auf diese Freundschaft, was ihrer Gesundung nicht dienlich war.

Er hatte zögernd zugestimmt. Doch eine Woche später, am Silvesterabend, hatte er Jules das erste Mal geküsst, aus Verzweiflung, weil er sie verlassen musste. Aber das allein war nicht der Grund gewesen. Ihm war plötzlich aufgefallen, dass die Kinderfreundin zu einer aufregenden jungen Frau herangewachsen war, die ihn auf eine Weise erregte, wie er es nie für möglich gehalten hätte. Er musste sie einfach küssen. Und von diesem Kuss träumte er noch immer.

Das half ihm jetzt jedoch auch nicht weiter. Es gab ganz andere Probleme. Sein Stiefvater wollte das Haus verkaufen, in dem Noah mit seinen Brüdern aufgewachsen war, und außerdem das Land, das seit hundertfünfzig Jahren im Besitz der Lockwoods war. Sein Großvater hatte den Club gegründet, seine Mutter war Geschäftsführerin gewesen und hatte darauf geachtet, dass das Land nur sparsam bebaut wurde.

Aber da war noch etwas gewesen … Noah schlug sich das Telefon auf den Oberschenkel, als ihm die Gerichtsentscheidung wieder einfiel. Genau, das war es, was ihn quälte! Er rief Eli an. „Du, Eli, wenn ich mich richtig an den Gerichtsbeschluss erinnere, haben wir das Vorkaufsrecht an dem kompletten Besitz. Nur wenn wir es nicht in Anspruch nehmen, kann Ethan sich an den freien Markt wenden. Wir haben drei Monate Zeit, und er muss uns das Ganze um zwanzig Prozent unter dem Marktwert überlassen.“

Eli stieß einen leisen Pfiff aus. „Oh, gut! Das hatte ich ganz vergessen. Aber ehrlich, Noah, selbst mit dem Rabatt werden wir das nicht stemmen können. Der Besitz ist viele Millionen wert.“

„Dann müssen wir eben eine Hypothek aufnehmen.“ Noah war fest entschlossen, alles zu tun, damit der Besitz bei den echten Lockwoods blieb.

„Aber zwanzig Prozent vom Kaufpreis müssen wir selbst aufbringen. Und das sind sicher ungefähr zwanzig Millionen. Ben und ich haben gerade viel Geld für den Katamaran und die Marina ausgegeben. Hast du zwanzig Millionen herumliegen?“

Noah lachte kurz auf. „Nicht unbedingt herumliegen. Ich kann mein Apartment in London verkaufen und meine Anteile an einer Firma in Italien. Aber mehr als acht Millionen werden nicht dabei rumkommen.“

„Okay, dann brauchen wir noch zwölf. Ben und ich können jeder eine Million lockermachen, indem wir Aktien verkaufen. Die stehen im Augenblick ganz gut.“

Noah war froh, dass die Brüder genauso dachten wie er. „Ich kann Aktien für ungefähr drei Millionen verkaufen. Bleiben aber immer noch sieben. Mist!“ Er seufzte tief auf. „Ich fürchte, es wird nicht klappen, Eli.“

Eli räusperte sich. „Vielleicht doch. Ich habe gehört, dass Paris Barrow sich eine Luxusjacht bauen lassen will. Bisher hat sie noch niemanden gefunden, der ihr einen passenden Entwurf macht und den Bau überwacht. Ich weiß, du machst so was nicht gern, aber in diesem Fall lässt du dich vielleicht überreden? Sie will etwa sechzig Millionen dafür ausgeben. Zehn Prozent ist doch wahrscheinlich deine Provision. Macht sechs Millionen. Und die letzte Million kriegen wir auch noch irgendwie zusammen. Was meinst du? Soll ich einen Termin für dich bei Paris machen?“

Noah überlegte kurz. Er hatte allerlei Projekte am Laufen, aber keins war geldmäßig groß genug, um die finanzielle Lücke zu füllen. Doch dies wäre bestens geeignet … „Ja, mach einen Termin für mich. Dann werden wir weitersehen.“

„Paris ist superreich und spielt eine große Rolle in der Bostoner Gesellschaft. Wenn du für sie arbeitest, musst du zurück nach Boston kommen. Auf Fernkontakte wird sie sich auf keinen Fall einlassen“, gab Eli zu bedenken.

„Ja, das ist mir klar. Habe ich auch nicht anders erwartet. Sag mir Bescheid, wenn du Näheres weißt. Bis dann.“ Noah beendete das Gespräch und starrte nachdenklich auf seine nackten Füße. Er freute sich darauf, in die Stadt zurückzukommen, die er vor zehn Jahren verlassen hatte, spürte aber gleichzeitig eine gewisse Beklemmung. Er würde seine Vergangenheit ins Auge blicken müssen. Doch er würde auch Levi, Eli, Ben, DJ und Darby wiedersehen.

Und Callie natürlich. Darauf freute er sich besonders.

Aber Boston … da war auch Jules, der einzige Mensch, zu dem er jemals echtes Vertrauen gefasst und dem er sich geöffnet hatte. Sie war seine beste Freundin gewesen, seine Vertraute, bis er alles verdarb, als er sie leidenschaftlich küsste und ihr dann aus dem Weg ging. Schlimmer noch, er verlobte sich mit einer Frau, die Jules zuwider war, und verschwand dann ganz aus ihrem Leben.

Er hatte nie wieder etwas von ihr gehört, also hatte sie ihm auch nach zehn Jahren noch nicht verziehen. Und wahrscheinlich musste er die Hoffnung aufgeben, dass das jemals geschehen würde.

Jules

Jules verzog wütend das Gesicht, als sie in die Einfahrt zu ihrem Elternhaus einbog. Denn vorm Nebenhaus, in dem die Lockwoods wohnten, steckte ein Verkaufsschild im Rasen. Darüber war sie so aufgebracht, dass sie beinahe das Motorrad gerammt hätte, das auf ihrem üblichen Parkplatz gleich neben der angebauten Garage stand.

Sie bremste scharf und sah noch einmal zum Nachbarhaus hinüber. Es sollte also wirklich verkauft werden? Offenbar hatten die Lockwood-Brüder dem Verkauf zugestimmt, was sie sehr wunderte. Denn sie liebten das Haus, da war sie ganz sicher. Aber bestimmt war es finanziell sehr aufwendig, ein solch großes Anwesen zu erhalten. Bei diesen alten Bauten fielen ständig irgendwelche Reparaturarbeiten an. Dennoch war ihr das Herz schwer. Hier hatte sie fast so viel Zeit verbracht wie in ihrem eigenen Elternhaus. Wie oft hatte sie Noah in seinem Zimmer besucht, und sie hatten viele Stunden damit verbracht, sich auszutauschen. Aber das war lange her. In der Zeit waren sie noch eng befreundet gewesen. Dann hatte er diese schreckliche Morgan kennengelernt. Aber zerstört hatte er ihre alte Freundschaft erst dadurch, dass er sie in jener Silvesternacht vor zehn Jahren wie wild geküsst hatte, sie, Jules, seine beste Freundin schon aus Kindertagen, seine Vertraute.

Der Kuss hatte sie sehr erregt, und sie hatte ihn nie vergessen können, denn es war bis dato der definitiv beste Kuss ihres Lebens gewesen. Schade nur, dass sie ihn ihrem einst besten Freund und aktuellem Mistkerl zu verdanken hatte …

Jules zog ihren Schlüssel aus der Handtasche und schloss auf. Nichts war zu hören, obgleich es erst kurz nach acht war. Aber ihre Geschwister hatten das Haus bereits verlassen. Sie selbst hatte ihr letztes Projekt im Napa Valley zwei Wochen vor der Zeit fertigstellen können und freute sich auf die freie Zeit. Seit sie vor fünf Monaten einen begehrten Preis als Innenarchitektin gewonnen hatte, war sie extrem gefragt. Aber ein paar Tage würde sie sich gönnen. Entsprechend hatte sie die neuen Termine festgelegt.

Die Ferien konnte sie gut gebrauchen. Noch steif von dem letzten Flug quer über den Kontinent ging sie langsam die Treppe hoch und ließ instinktiv die knarrende Stufe aus. Die hatte sie früher oft verraten, wenn sie als Teenager zu spät nachts nach Hause kam und sich daraufhin unweigerlich die Tür zum Elternschlafzimmer öffnete.

Sie ließ den Rollkoffer vor ihrer Zimmertür stehen und ging den Flur entlang in das große Bad, das gern von der ganzen Familie benutzt wurde, obgleich es außer diesem zwei weitere Bäder im Haus gab. Noch im Gehen zog sie ihr seidenes T-Shirt aus der Hose und über den Kopf. Sie öffnete die Badezimmertür, warf das Hemd zur Seite und blieb überrascht stehen. Jemand war in der Dusche. Ihr kam heißer Wasserdampf entgegen, und sie hörte Wasser rauschen. Das konnte nur Darby oder DJ sein, Levi war bestimmt schon im Büro. Sie drehte sich um und erstarrte. Durch die nur leicht beschlagenen Glasscheiben der Dusche war eindeutig jemand zu erkennen, der weder Darby noch DJ war. Bestimmt einen Meter neunzig groß, schlank und muskulös, aschblondes Haar, braune Augen, ein breiter Brustkorb, schmale Hüften und weiter unten … ein eindeutig erregter Mann, dessen Erregung sich sichtbar steigerte, je länger er sie betrachtete. Denn er hatte ebenso gute Sicht wie sie, was er eindeutig ausnutzte.

Noah … Er war wieder da, stand nackt unter der Dusche und sah aus wie ein griechischer Gott!

Jules ließ langsam ihren Blick über diesen prachtvollen Körper wandern und sah Noah dann in die Augen. Ihr wurde heiß, was nichts mit dem Wasserdampf zu tun hatte, sondern mit dem, was sie in seinen Augen sah. Ungezügeltes Verlangen. Sie erbebte, und der Mund wurde ihr trocken. Sie wollte sich umdrehen und den Raum verlassen, zumindest nach einem Handtuch greifen, aber die Füße gehorchten ihr nicht. Sie konnte nicht atmen, sie konnte nicht denken, sie sehnte sich nur danach, ihn zu berühren. Aber das ging nun wirklich nicht. Zehn Jahre hatten sie sich nicht gesehen, hatten kaum voneinander gehört, wussten also so gut wie nichts voneinander. Sie hatte keine Ahnung, was inzwischen in seinem Leben passiert war. Vielleicht war er verheiratet und hatte drei Kinder …

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