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Wogen der Sehnsucht

1. KAPITEL

Der Schatten des Hubschraubers fiel auf den dichten, weichen Rasen von Stowell Castle. Die Rotoren wirbelten die heiße Augustluft auf und ließen die Kronen der alten Bäume des Anwesens tanzen.

Tristan Romero de Losada Montalvo blickte hinunter. Unter ihm war die Party bereits in vollem Gange, und er konnte Kellner sehen, die Tabletts mit Champagner zwischen den Gruppen von sonderbar gekleideten Gästen auf dem sattgrünen Gras balancierten. Leidenschaftslos registrierte er, wie die Leute aufsahen, unter dem großen weißen Zelt hervortraten und die Augen mit der Hand gegen die sinkende Sonne beschatteten, um seine Ankunft zu beobachten.

Es würde das Fest des Jahres werden, weil Tom Montagues jährlicher Wohltätigkeits-Kostümball das immer war. Es war die Veranstaltung, für die die Hautevolee und der Geldadel aus ihren Häusern in Malibu Beach und ihren toskanischen Palazzi nach England zurückkehrten, um vierundzwanzig Stunden lang in der idyllischen Umgebung der Gärten von Stowell Castle im Überfluss zu schwelgen.

Es war auch das Fest, das Tristan Romero aus seiner etwa dreitausend Kilometer entfernten Hölle herausgerissen hatte, aus Gründen allerdings, die nichts mit Genuss oder Hedonismus zu tun hatten.

Er war wegen Tom hier.

Müde seufzend kreiste er mit dem Hubschrauber über der Wiese, sodass die Dächer der Festzelte flatterten und sich wie die Segel von Galeonen blähten. Tom Montague war der siebte Herzog von Cotebrook und einer der gütigsten und großzügigsten Menschen, die man sich vorstellen konnte; eine Kombination, die Tristan teilweise für gefährlich hielt – vor allem, was Frauen anging. Tom sah immer nur das Gute in den Menschen, selbst wenn es dem Rest der Menschheit verborgen blieb. Deshalb sind wir auch schon so lange befreundet, dachte Tristan säuerlich. Und deshalb fühlte er sich verpflichtet, zu kommen und sicherzustellen, dass das Mädchen, über das Tom während der vergangenen Wochen ununterbrochen geredet hatte, seiner tatsächlich würdig war.

Aber natürlich wäre es sowohl unehrlich als auch eine emotionale Bankrotterklärung gewesen, wenn Tristan versucht hätte, sich vorzumachen, das sei der einzige Grund für sein Kommen.

Letztlich war er hier, weil die Regenbogenpresse und die Paparazzi und die Klatschkolumnisten von ihm erwarteten, dass er hier sein würde. Es war Teil des Deals, den er eingegangen war, als er seine Seele dem Teufel verkaufte. Grimmig schwang er den Hubschrauber herum, folgte dem Flusslauf, der sich durch Stowell zog und seine nördliche Grenze bildete. Während er tiefer ging, suchten seine Augen die Bäume am Flussufer nach dem verräterischen Aufblitzen von Teleobjektiven ab, in deren Linsen sich das Sonnenlicht spiegelte.

Sie würden da sein, dessen war er sich sicher. Jene abgehärteten Vertreter der Paparazzi-Elite, die für ein gutes Foto einen Schritt weiter gingen als andere und die skrupellos genug waren, sich nicht zu fragen, ob das moralisch noch annehmbar war. Sie würden irgendwo dort unten sein, beobachten und abwarten.

Er hätte es beinahe als Beleidigung empfunden, wenn sie nicht gekommen wären. Viele Leute in einer ähnlichen Situation wie er beschwerten sich endlos über die Belagerung der Presse, aber in Tristans Augen begriffen sie nicht, worum es ging. Es war ein Spiel. Ein Spiel, für das Strategie und Können wichtig waren und nicht die Wahrheit. Und bei dem einen schon eine kleine Unachtsamkeit den Ruf kosten konnte. Tristan mochte die Paparazzi nicht, aber er unterschätzte sie auch keine Sekunde lang. Es war einfach eine Frage von benutzen und benutzt werden. Ob man der Manipulator war oder das Opfer.

Und Tristan Romero würde nie mehr das Opfer sein.

Unten auf dem Boden lief Lily Alexander nachdenklich an den vielen Menschen mit den spektakulären Kostümen vorbei. Der Champagner in dem Glas in ihrer Hand war ein besonders guter Jahrgang, das seidige Kleid im griechischen Stil, das sie trug, stammte von einem Designer, und die allermeisten Menschen, die sie kannte, hätten sehr viel dafür gegeben, in diesem Moment auch auf dem Rasen stehen zu können, den sie unter ihren nackten Füßen spürte.

Also warum hatte sie das Gefühl, dass etwas fehlte?

Es gab einen Spruch in der Modelbranche: ‚Es gibt drei Dinge, die Geld nicht kaufen kann: Liebe, Glück und eine Einladung zum jährlichen Kostümball auf Stowell.‘ Magisch war das Wort, das die Menschen mit sehnsüchtiger Andacht benutzten, um ihn zu beschreiben. Lily konnte sich sehr glücklich schätzen, heute Abend hier zu sein, wie sie sich schon zum ungefähr vierzigsten Mal selbst versicherte. Doch immer antwortete eine unzufriedene kleine Stimme in ihrem Kopf: Aber wo ist die Magie? Das Leben muss doch mehr zu bieten haben als das hier …

Ein Schatten fiel über die untergehende Sonne und verdunkelte den verschwenderisch schönen rosa-goldenen Abend. Während sie über die Wiese lief und Scarlet suchte, war sich Lily des Hämmerns hinter ihren Schläfen bewusst; ein gleichmäßiges, rhythmisches Pulsieren, wie ein zweiter Herzschlag, der ihre Unruhe nur zu verstärken schien.

In diesem Jahr waren Mythen und Legenden das Thema des Balls, und während die Sonne lange Schatten über den Rasen warf, standen in Seide gekleidete Mädchen mit schimmernden Elfenflügeln neben griechischen Göttern und Filmidolen. Mehrere große Festzelte waren an den Rändern des Rasens aufgebaut und ließen Platz in der Mitte, wo laut Scarlet später eine Truppe halb nackter Stuntreiterinnen auftreten würde.

Auf Einhörnern, wie es hieß.

Lily senkte den Kopf und seufzte, während eine warme Brise die Blätter an dem imposanten Rosskastanienbaum über ihr bewegte. Morgen um die gleiche Zeit würde sie schon eine halbe Erdumrundung entfernt sein, mitten im trockenen Herzen Afrikas, und das alles hier würde ihr noch mehr wie ein Traum vorkommen, wenn das überhaupt möglich war. Vielleicht war es normal, sich vor einer Reise, wie sie ihr bevorstand, so zu fühlen? Sie wagte sich aus den sicheren Grenzen ihres seichten, oberflächlichen Lebens in die Tiefen einer Welt, über die sie bis jetzt nur gelesen oder etwas in den Nachrichten gesehen hatte. Nervös zu sein war wahrscheinlich völlig verständlich. Außer dass nervös nicht wirklich das Gefühl beschrieb, das sie empfand …

Ruhelos.

Das Wort schoss ihr aus dem Nichts durch den Kopf und hallte in ihr wider, verstärkt durch das Hämmern, das die ganze Zeit über lauter wurde. Sie legte den Kopf in den Nacken, weil ihr plötzlich bewusst wurde, dass eine gewisse Spannung in der Abendluft lag; eine pulsierende Energie, die sie spürte und mit einem merkwürdigen Gefühl der Vorahnung erfüllte. Ein Hubschrauber kreiste über ihr in der Luft, und fasziniert beobachtete Lily, wie er wie ein dunkles, mächtiges Insekt vor dem aprikosenfarbenen Himmel seine Bahn zog.

Plötzlich zuckte sie zusammen, als das Handy, das sie fest umklammert hielt, in ihrer Hand schellte und den Bann brach. Sie meldete sich hastig, presste das Telefon fest an ihr Ohr, sodass der Direktor der Hilfsorganisation für afrikanische Kinder, für den sie arbeiten würde, das schrille Gelächter und die sporadisch aufbrandende, ohrenbetäubend laute Musik der Rockband, die sich gerade einspielte, nicht hören konnte.

„Ja, gut, danke, Jack. Ich denke, für morgen ist alles fertig …“

Der Lärm blieb und übertönte Jack Davidsons Stimme fast völlig, sodass Lily schnell über den Rasen von der Party fortlief, in der Hoffnung, irgendwo einen ruhigen Ort zum Telefonieren zu finden.

„Ja, ich bin noch da …“, sagte sie laut. „Tut mir leid, die Leitung ist schlecht.“

Sie hielt den Kopf gesenkt und konzentrierte sich ganz auf die Stimme an ihrem Ohr. Jack ging noch einmal die Einzelheiten der Reise mit ihr durch, und die Worte ‚Waisenhaus‘ und ‚Versorgungsstation‘ schienen so gar nicht zu der luxuriösen Umgebung passen zu wollen, in der sie sich befand. Sie ging weiter, umrundete das Schloss und lief auf den offenen Platz dahinter. Sie hatte das üppige Grün der Parkanlage verlassen und überquerte jetzt eine struppige, vertrocknete Wiese hinter dem Gebäude. Die Geräusche der Party waren hier gedämpfter, aber dafür wurde der Lärm der Hubschrauberrotorblätter lauter, die eindringlich durch den warmen Nachmittag pulsierten und die schwere Luft aufwirbelten, bis Lily das Gefühl hatte, im Auge eines Sturms zu stehen.

Hoch über ihr lächelte Tristan Romero, während er sie beobachtete.

Ihm wurde klar, dass er sie nicht früher entdeckt hatte, weil ihr goldenes Haar und ihr gleichfarbiges Kleid sie fast perfekt mit dem trockenen, ausgeblichenen Gras des Feldes verschmelzen ließen. Sie sieht aus wie eine Erntegöttin, dachte er und spürte, wie Neugier ihn durchflutete, während er über ihr schwebte. Sie trug eine Art zierliche Krone aus goldenen Blättern auf dem Kopf, die ihr weizenblondes Haar jedoch nicht davon abhielt, im Wind der Rotorblätter zu wehen. Sie stand still und versuchte, gleichzeitig den Rock ihres Kleides, der sich unter ihr blähte, und ihr windzerzaustes Haar festzuhalten. Was jedoch durch die Tatsache erschwert wurde, dass sie mit einer Hand ein Handy an ihr Ohr und in der anderen ein Champagnerglas hielt.

Er landete direkt vor ihr und konnte nicht widerstehen, die Rotorblätter noch etwas länger als nötig laufen zu lassen, um den spektakulären Anblick ihrer unglaublich langen braunen Beine unter ihrem wehenden Kleid, das gegen ihren absolut unglaublichen Körper gepresst wurde, noch ein wenig zu genießen.

Irgendetwas an ihr kommt mir bekannt vor, dachte er, als er sein Headset abnahm und aus der Kabine sprang. In der plötzlichen Windstille hatte sie ihr langes Haar zurückgeworfen, und als er auf sie zuging, konnte er endlich ihr Gesicht sehen. Er fragte sich, ob er schon einmal mit ihr geschlafen hatte.

Nein. An einen solchen Körper hätte er sich sicher erinnert. Sie war groß, aber da war eine ruhige Anmut in ihren Bewegungen, die ihm sagte, dass es eine unvergessliche Erfahrung sein würde, mit ihr ins Bett zu gehen. Tristan spürte, wie sich irgendwo tief unten in seinem erschöpften Körper Verlangen ausbreitete. Sie telefonierte immer noch, den Kopf gesenkt, und war ganz offensichtlich auf das Gespräch konzentriert, das sie führte. Als er näher kam, hörte er sie sagen: „Ja, ja, keine Sorge. Ich weiß, dass es wichtig ist, aber ich habe alles mitgeschrieben. Der Zettel mit den Einzelheiten liegt direkt vor mir.“

Eine wunderschöne Frau, die es mit der Wahrheit nicht so genau nahm. Wie faszinierend, dachte er, während sie ihr Gespräch beendete und zu ihm aufsah.

Er spürte einen leichten Stromschlag durch seinen Körper laufen, so als hätte er gerade einen elektrisch geladenen Draht berührt. Das kühle, klare Silbergrau ihrer Augen hob sich von den Goldtönen ihres Haares und ihrer Haut und ihres Kleides ab; es war die Farbe des Nebels, der frühmorgens über dem See hing.

„Acht Uhr dreißig“, sagte sie laut. Ihre Stimme klang ein bisschen atemlos, und sie blickte ihn direkt an, schien ihn aber gar nicht wirklich zu sehen. „Acht Uhr dreißig, Morgen früh, Heathrow, Terminal 1.“

Er lächelte und hob eine Augenbraue, während er weiter auf sie zuging. „Ich erinnere dich dran, wenn wir aufwachen“, sagte er trocken.

Es war ein Scherz. Eine beiläufige Bemerkung. Er hatte nicht einmal beabsichtigt, stehen zu bleiben, aber in dem Moment, in dem die Worte seine Lippen verließen, geschahen zwei Dinge.

Erstens hörte er es: das leise, zirpende Surren einer Kamerablende, und zweitens sah er, wie sich diese außergewöhnlich silbernen Augen verdunkelten.

Tristan Romero verfügte über viele Fähigkeiten. Ganz oben auf der Liste standen Frauen verführen und die Presse manipulieren. Er musste nicht einmal darüber nachdenken. Bevor sie ein einziges Wort des Protestes ausstoßen konnte, legte er seine Hand um ihre Hüfte und zog sie an sich.

Das Erste, was Lily an ihm auffiel, waren seine Augen.

Sein dunkles Haar reichte ihm bis fast in den perfekten Nacken, ein Dreitagebart betonte seine scharf geschnittenen Wangenknochen, und seine tief gebräunte, fast goldene Haut stand in krassem Gegensatz zu dem fast erschreckenden Blau seiner Augen. Lily konnte ihren Blick kaum lösen, während sie verzweifelt versuchte, die Anweisungen zu behalten, die man ihr gerade für das Treffen mit dem Rest der Afrika-Expedition morgen durchgegeben hatte, und sie spürte, wie ihre Kehle eng wurde, fast so, als hätte jemand ihr einen Strick darum gelegt und zugezogen. Fest.

Blau.

Ein Blau, in dem man sich treiben lassen konnte.

In dem man untergehen konnte.

Sie hatte laut gesprochen, weil sie wusste, dass alle Informationen, die sie gerade erhalten hatte, in der Gefahr schwebten, in ihrem Kopf zu verdampfen wie Wasser auf einem heißen Stein. Seine Antwort war offensichtlich ein Scherz gewesen, aber ihrem Körper schien die Pointe entgangen zu sein. Die Welt blieb stehen, und die Zeit verschwand in dem Strudel seiner blauen Augen, in dem sie hoffnungslos versank. Lily konnte nichts hören außer dem Hämmern ihres Herzschlages in ihren Ohren, nichts fühlen außer der Hitze auf der Oberfläche ihrer Haut, dem Prickeln, das sie tief unten in ihrem Becken spürte.

Und dann zog er sie an sich, und sie sank nicht mehr. Sie brannte. Sein Kuss war pure Magie. Fest, erfahren und schockierend sanft. Lily fühlte sich, als wäre die untergehende Sonne vom flammendurchzogenen Himmel gefallen und hätte die Welt in Brand gesetzt, und sie stand mitten in den leckenden Flammen und wollte auf keinen Fall gerettet werden. Sein Arm lag um ihre Hüfte, seine Hand ruhte auf ihrem Rücken. Lily spürte, wie sie sich ihm hilflos entgegenreckte, während ihre Hände – die immer noch ihr Handy und ihr Champagnerglas hielten – nutzlos herunterhingen. Ihre Lippen öffneten sich für ihn, und heiße Lust glitzerte und glühte in der Dunkelheit hinter ihren geschlossenen Augen.

„Er ist da!“

Es war nur ein entfernter Ruf, aber plötzlich hob er den Kopf und zog sich ein Stück zurück. Er blickte sie mit seinen blauen Augen an, und für eine Sekunde sah Lily einen fast verzweifelten Ausdruck in ihnen. Doch dann war er wieder verschwunden, und der Mann ließ sie los.

Benommen drehte sie sich um. Tom und Scarlet kamen Hand in Hand über die Wiese auf sie zu, gefolgt von zahlreichen jungen Frauen, die wie Feen und Meerjungfrauen und Waldnymphen in schimmernde Seide und fließenden Chiffon gehüllt waren.

„Endlich!“, rief Tom, und auf seinem freundlichen Gesicht erschien ein breites Grinsen, während er auf den Mann zuging, der gerade wie ein Racheengel vom Himmel gefallen war und von dessen Kuss Lily beinahe in Ohnmacht gefallen wäre. Dem blassen, romantischen und sehr englischen Tom passte das St. George-Kostüm wie angegossen, und er wirkte rein und edel neben dem gefährlich attraktiven Fremden. „Wie ich sehe, hast du Lily schon kennengelernt“, sagte er lachend.

„Lily …“ Die unglaublich perfekten Lippen, die noch vor wenigen Augenblicken ihre liebkost hatten, hoben sich jetzt zu einem ironischen, spöttischen Lächeln, während die blauen Augen über sie glitten und den goldenen Lorbeerkranz und das Faltenkleid im griechischen Stil registrierten. „Das macht es einfacher. Ich war nicht sicher, ob Sie als Helena von Troja oder Erntegöttin Demeter gehen.“

Lily spürte, wie ihre Wangen heiß wurden. „Ich dachte eher an Helena von Troja …“, sagte sie verlegen und wich seinem Blick aus.

„Natürlich. Das Gesicht, das eintausend Produkte eingeführt hat. Sie sind das Mädchen aus der Parfümwerbung, nicht wahr?“

Lily nickte und sprang zurück wie ein erschrecktes Reh, als er nach ihrer Hand griff und sie langsam hob. Zuerst glaubte sie, er wolle ihre Hand küssen, doch er drehte sie mit der Handfläche nach oben. Sein Daumen strich über die dünne, von blauen Venen durchzogene Haut über ihrem Handgelenk. Dann beugte er den Kopf darüber und atmete ein.

„Immer wenn ich einen dieser Werbespots sehe, frage ich mich, ob das Parfüm so gut riecht, wie Sie es aussehen lassen“, sagte er nachdenklich. „Aber ich hätte niemals gedacht, dass das möglich ist.“

Seine Stimme schien in sie hineinzugreifen und Stellen in ihrem Körper zu streicheln, an denen sie noch niemals berührt worden war. Sein Englisch war perfekt, aber der spanische Akzent durchzog es wie Wein, der durch Wasser fließt. Lily musste sich zwingen, sich auf seine Worte zu konzentrieren. „Nicht heute Abend. Ich trage heute kein Parfüm.“

O Gott. Hatte sie das wirklich gesagt?

„Tatsächlich?“ Seine Lippen hoben sich zu einem Lächeln, das die Polkappen hätte schmelzen lassen, erreichte jedoch nicht diese kühlen blauen Augen. „Was für eine überaus reizvolle Vorstellung.“

Einen Herzschlag lang blickte er sie an, dann wandte er sich ab.

Und genau das ist seine Methode, dachte Lily, während Hitze und Erregung sie durchflossen, sie von innen aushöhlten und ihren logischen Verstand abschalteten. Wer immer er war, er konnte einen mit einer Hand an sich ziehen und einem mit der anderen die Tür vor der Nase zuschlagen. Es war nicht nett, aber, mein Gott, es war effektiv. Sie fühlte sich desorientiert, aus den Angeln gehoben von dem, was passiert war, als hätte er sie entführt und einer Gehirnwäsche unterzogen und sie dann zurück in ihr normales Leben gestoßen.

Lily war sich bewusst, dass Scarlet verzweifelt versuchte, ihr ein Zeichen zu geben, aber dann zog Tom sie nach vorn und sagte mit gespielter Förmlichkeit: „Scarlet, ich möchte dir Tristan Romero de Losada Montalvo vorstellen. Er ist der Marqués von Montesa und mein ältester Freund.“

Lilys Herz zog sich so heftig zusammen, als hätte jemand versucht, sie mit einem Stromstoß wiederzubeleben.

Tristan Romero de Losada Montalvo?

O Gott. Wie hatte sie ihn nicht erkennen können?

Doch die Wahrheit war, dass keines der körnigen Teleobjektivfotos in der Klatschpresse oder irgendeine der Nahaufnahmen vom roten Teppich in den Hochglanzmagazinen sie auf die Wirkung hätte vorbereiten können, die der Marqués von Montesa in seiner bronzefarbenen Schönheit auf sie haben würde, als er vor ihr stand.

Nachdem sie die Vorstellung hinter sich gebracht hatten, kam Scarlet zu Lily, hakte sich bei ihr ein und zog sie ein Stück von den anderen fort in Richtung Schloss.

Lily war immer noch fassungslos. „Toms bester Freund ist Tristan Romero de Losada? Aus der superaristokratischen spanischen Bankerfamilie?“

Scarlet sah sie amüsiert an. „Genau. Sie sind schon länger befreundet als wir, weil sie schon als kleine Jungs zusammen in irgendeinem trostlosen Internat gehockt haben.“

In Lilys Kopf drehte sich alles. Sein unglaublicher Kuss, den sie immer noch auf ihren Lippen spüren konnte, mischte sich mit Entsetzen und Scham, dass sie sich so einfach hatte überrumpeln lassen. „Aber Tom ist so nett“, sagte sie verwirrt, „und er ist … er ist … verrucht.“

„Lily!“, meinte Scarlet tadelnd. „Du müsstest doch besser als die meisten wissen, dass man nicht alles glauben darf, was in den Zeitungen steht – und dass da nie die ganze Geschichte erzählt wird. Tom lässt nichts auf ihn kommen – offenbar hat Tristan ihm bei mehr als einer Gelegenheit treu zur Seite gestanden, als er in der Schule schikaniert wurde. Wie auch immer“, sagte sie und sah Lily mit einem spekulativen Blick an, „wie kommt es, dass du so viel über ihn zu wissen scheinst? Für jemanden, der lieber Nietzsche im Original als die Klatschspalten liest, bist du erstaunlich gut informiert.“

„Diesen Mann kennt doch jeder“, murmelte Lily düster, während sie zum Schloss zurückgingen. „Dafür muss man die Klatschblätter gar nicht lesen. In den seriösen Zeitungen und der Finanzpresse taucht der Name Romero genauso oft auf.“ Die meisten Reporter schwankten zwischen Ablehnung und Bewunderung, wenn es um die atemberaubende Rücksichtslosigkeit ging, mit der die Romero-Bank alle wirtschaftlichen Krisen der modernen Zeit überstanden hatte und einer der wichtigsten Player auf dem globalen Finanzmarkt geblieben war. Außerdem konnte niemand leugnen, dass die Romero-Familie zu den reichsten und mächtigsten der Welt gehörte.

„Und überhaupt“, erwiderte Lily und merkte, dass sie dabei gegen ihren Willen wie ein trotziges Kind klang, „als was geht er denn eigentlich? Als James Bond? Der ist wohl kaum ein Mythos oder eine Legende.“

„Darling, er geht als gar nichts. Er ist der Einzige, für den Tom eine Ausnahme beim Kostümzwang macht. Er kommt als er selbst – als der legendäre europäische Playboy und mystische Sexgott. Er wird irgendeine Party auf einer Jacht vor Marbella oder das Bett irgendeiner wahnsinnig schönen Frau in einem Chateau an der Loire verlassen haben, um auf direktem Weg hierherzukommen.“ Sie lachte, unterdrückte es jedoch schnell und beugte sich näher zu Lily hinüber. „Und er hat es wohl ziemlich eilig gehabt, würde ich sagen. Sieh dir sein Hemd an. Es ist falsch geknöpft.“

Lily sah sich um, und ihre Augen wanderten automatisch zu seiner Brust. Scarlet hatte recht. Unter dem dunklen, leicht zerknitterten Jackett seines perfekt geschnittenen Anzugs steckte sein weißes Hemd nicht in der Hose. Der Kragen stand offen und saß schief, sodass ein Stück tiefgoldene Haut und sein breites Schlüsselbein zu sehen waren.

Sie war nicht sicher, was schlimmer war: die Wut, die in ihr aufstieg, weil der Kuss, der sie so aus dem Gleichgewicht gebracht hatte, etwas Beiläufiges, Wahlloses für diesen Mann gewesen war, der eben erst dem Bett einer anderen Frau entstiegen zu sein schien.

Oder das schmerzhafte Verlangen und das beschämende Wissen, dass es ihr egal war. Dass sie ihn unbedingt noch einmal küssen wollte.

„Alles okay?“, fragte Tom leise. Sie waren über das Feld zurückgegangen und näherten sich jetzt dem Zelt, in dem sich die Bar befand.

Tristan nickte knapp. „Tut mir leid, dass ich zu spät bin. Ich kam einfach nicht weg.“

„Kein Problem. Für mich jedenfalls nicht, obwohl deine zahlreichen weiblichen Verehrerinnen schon langsam unruhig wurden. Ich wusste schon keine Antwort mehr auf die Frage, wo du eigentlich seist.“

„Offiziell auf einer Hausparty in St. Tropez.“

Tom warf ihm ein schnelles Lächeln zu. „Das muss eine ziemlich wilde Party gewesen sein. Vielleicht knöpfst du besser dein Hemd richtig zu, alter Freund, bevor es jemand anderes versucht.“

Tristan sah mit einem düsteren Gesichtsausdruck an sich herunter. Er war so müde gewesen, als er sich nach der Landung auf einem nahe gelegenen Flughafen hastig umzog, dass er kaum hatte geradeaus gucken können. Nicht gerade die idealen Voraussetzungen, um sich für das anzukleiden, was stets als der gesellschaftliche Höhepunkt des Jahres bezeichnet wurde. Musik, die aus einem der Zelte auf die Wiese drang, pulsierte durch die Luft, eine hartnäckige Erinnerung daran, dass noch eine schlaflose Nacht vor ihm lag.

„Das ist also die offizielle Version“, meinte Tom nüchtern. „Und wo warst du wirklich?“

„In Khazakismir“, erwiderte Tristan leise. Er blickte geradeaus und knöpfte sein Hemd richtig zu, während sie über den Rasen auf die Zeltbar zugingen.

Tom zuckte bei dem Namen zusammen. „Ich hatte gehofft, dass du das nicht sagen würdest. Es dringen kaum Nachrichten aus diesem Gebiet bis zu uns, aber ich schätze, die Lage ist ziemlich ernst?“

Der Name der kleinen Provinz in einer abgelegenen Gegend Osteuropas war durch einen mehr als zehn Jahre andauernden Krieg, an dessen ursprünglichen Anlass sich niemand mehr erinnern konnte, zum Synonym für Verzweiflung und Gewalt geworden. Die Macht ruhte in den blutbefleckten Händen eines korrupten Militärregimes und einiger Drogenbarone, die jedes Zeichen von Widerstand in der Bevölkerung sofort und rücksichtslos erstickten.

Letzte Woche erst war die Nachricht durchgesickert, dass man ein ganzes Dorf abgeschlachtet hatte.

„Das kann man so sagen.“ Eine Tür ins Tristans Gehirn schwang auf und ließ einen Augenblick lang Bilder in seinen Kopf strömen, bevor er sie wieder aus seinem Gedächtnis verbannte. „Einer unserer Fahrer ist von den neuen Entwicklungen betroffen. Seine ganze Familie wurde umgebracht – alle außer seiner schwangeren Schwester.“ Sein Mund verzog sich zu einem bitteren Lächeln. „Wie es scheint, waren die Militärs ganz wild darauf, die brandneuen Waffen auszuprobieren, über die sie dank der großzügigen Kredite der Romero-Bank verfügen.“

Tom blieb am Zelteingang stehen und legte Tristan die Hand auf den Arm.

„Bist du in Ordnung?“

„Ja“,

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