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Wölkchen Eine himmlische Freundschaft

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Inhalt

Unangenehmer Besuch

Ein gruseliger Ausflug und ein besonderes Geschenk

Familienstreit

Ein erneuter Ausflug

Eine großartige Geburtstagsparty und ein unerwarteter Abschied

Umzug in ein neues Zuhause

Wölkchen

Erste Zauberversuche

Flugübung

Chaos und weitere Zauberversuche

Auf in den Himmel

Eine neue Bekanntschaft

Begegnung mit dem Käfer

Befreiung des Elfenlandes

Vorbereitungen für das große Fest

Eine besondere Belohnung

Heimreise

Unangenehmer Besuch

Der Winter bedeckte alles mit seinem weißen Gewand. Es war Neujahrsanfang. Draußen tobte ein eisiger Wind. Unser Haus befand sich am Stadtrand. Meine Mutter Charlotte und ich teilten schon bereits seit neun Jahren unsere geheimsten Geheimnisse. Sie konnte mir stundenlang witzige Geschichten erzählen. Morgens brachte sie mich immer zur Schule und fuhr dann weiter zur Arbeit. Ich besuchte eine schöne Schule.

Meine Mutter war alleinerziehend, und meine Großeltern hatte ich nie persönlich kennengelernt. Auch meinen Vater kannte ich nur aus Erzählungen. Gegen 17:00 Uhr kam mich Mutter immer von der Schule abholen. An den Nachmittagen gingen wir häufig Tennis spielen oder trafen uns mit Bekannten meiner Mutter.

Wir hatten auch eine Hausangestellte. Sie hieß Elise und war wie eine gute Freundin für uns.

In der ersten Januarwoche kündigte Tante Orelie ihren Besuch an. Meine Tante liebte alte Traditionen und hielt noch lieber an der alten Etikette fest. Sie trug gerne edle Kostüme. Orelie hatte auch zwei Kinder, Cathy und Colin. Sie waren Zwillinge und nur ein Jahr älter als ich. Cathy und Colin hörten ausschließlich nur auf ihre Mutter. Kleidung, Redensart und Interessen der Zwillinge waren nur selten unterschiedlich. Ihr Vater hieß Charles und war ein wohlhabender Mann. Es war bereits 18:00 Uhr, als es an der Tür klingelte. Da rief meine Mutter aus dem zweiten Stock: „Tom, machst du bitte die Tür auf!“

Ich schwang mich auf das Treppengeländer und rutschte rasch bis zum Erdgeschoss hinunter. Dann öffnete ich die Tür und da standen sie. Meine Tante und ihre beiden Kinder. Wir umarmten und begrüßten uns.

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„Wie geht es dir? Du bist ja schon richtig groß geworden ...“, sagte Orelie wenig begeistert.

„Hallo, kommt schnell herein“, rief meine Mutter.

Wir nahmen alle im Wohnzimmer Platz. Tante Orelie begann sofort, von ihrer schwierigen Reise zu erzählen: „Das Flugzeug hatte zuerst zwei Stunden Verspätung, dann gab es während des Fluges die ganze Zeit Probleme und schreckliche Turbulenzen, es ging ständig auf und ab.“

Die Zwillinge schienen die Aufregung ihrer Mutter kaum wahrzunehmen, sie versteckten sich andauernd hinter der Couch und spielten fangen. Ich hörte nur Mutter und Orelie zu, die Zwillinge mochte ich nicht. Sie waren sehr nervig und ärgerten mich ständig.

Früher, als Mutter sehr viel im Ausland gearbeitet hatte, musste ich manchmal für drei oder vier Tage pro Monat zur Familie ihrer Schwester ziehen. Aber nur, weil das Kindermädchen auch mal ein paar Tage freihaben musste. An die Zeit bei Mutters Schwester erinnerte ich mich noch ganz genau: Einmal sperrten mich die Zwillinge in einen Wandschrank ein. Erst am späten Abend erzählten sie ihrer Mutter dann, dass sie mich dort eingesperrt hätten. An einem anderen Tag spielten wir, nichts ahnend, draußen verstecken, ich wartete in meinem Versteck, und plötzlich schnappte Colin meine Füße und Cathy meine Handgelenke, und sie schaukelten mich hin und her. Neben uns befand sich eine große schlammige Pfütze.

Sie zählten: „Eins, geh weg. Zwei, bist ein Depp. Drei, schrei …“

Kurz flog ich durch die Luft und landete im Schlamm.

Als ich mich gerade aufrappelte und nach ihnen zu suchen begann, sah ich, wie sie bei Orelie, ihrer Mutter, standen und ihr aufgeregt erzählten, dass ich in die Pfütze gefallen wäre.

Orelie kam sofort zu mir gelaufen und zog mich an meinem Pullover nach oben.

„Hast du dir wehgetan? Bei Regen gibt es hier auf dem Land überall sehr schlammige Pfützen, da musst du schon aufpassen“, erklärte sie mir genervt.

Ich hörte ihr nur ein bisschen zu und antwortete nicht. Orelie wusste, dass ihre Kinder mich ärgerten.

Sie und ihre Kinder mochten mich einfach nicht.

Als meine Mutter sich damals von ihrem Mann getrennt hatte, hörte sie lange Zeit nichts mehr von ihrer Schwester. Erst als ihre Eltern gestorben waren, entschieden sie sich, von nun an in Kontakt zu bleiben. Meine Mutter überließ ihrer Schwester ihren vererbten Anteil vom Elternhaus, und als Gegenleistung musste sich Orelie verpflichten, mich, falls meiner Mutter etwas zustoßen würde, als vollständiges Familienmitglied zu akzeptieren und anzunehmen. Seitdem wohnte Orelie im Elternhaus auf dem Land und Mutter mit mir in ihrem eigenen Stadthaus.

Gegen 20:00 Uhr kam unsere Lieblingssendung, ein Rate-Quiz, bei dem sogar der Zuschauer mitspielen und eventuell etwas gewinnen konnte. Da wir heute Besuch hatten, blieb kaum Zeit zum Fernsehschauen.

Nach dem Abendessen entschieden wir uns dafür, eine Runde Karten zu spielen. Auch die Zwillinge spielten mit und gewannen Runde um Runde. Ich war mir sicher, dass sie schummelten. Von den Zwillingen konnte man alles erwarten. Sie waren äußerst flink und geschickt.

Wenn ich mein Zimmer nicht abschloss, konnte ich sicher sein, dass sie alles durchwühlen und verwüsten würden. Ich hingegen war gerne der Beobachter und konnte schon sehr vernünftig sein. Seit ich die Zwillinge kannte, war ich mir sicher, dass wir unterschiedlicher gar nicht sein konnten. Nach der fünften Runde Karten und nach dem fünften Sieg der Zwillinge beendeten wir den heutigen Abend, nur Colin und Cathy sangen und kreischten laut: „We are the champions …“ Sie feierten sich noch eine ganze Weile.

Ich entschied mich, schon mal schlafen zu gehen, und schlenderte gemütlich in mein Zimmer.

Für den folgenden Tag hatten wir einen kleinen Ausflug geplant.

Mutter und ich hatten schon vor einer Woche angefangen, nachzudenken, wo es hingehen soll.

Da Orelie die meisten Sehenswürdigkeiten schon kannte, dachten wir uns etwas Besonderes aus.

Diesen Ort sollten meine Tante und die Zwillinge nicht mehr so schnell vergessen.

Ein gruseliger Ausflug und ein besonderes Geschenk

Am Morgen wurde ich unsanft geweckt. Zuerst kam ein Kissen geflogen, das auf meinem Gesicht landete. Kurz darauf folgte ein Klick, und das ganze Zimmer wurde erleuchtet. Ach ja, wir hatten ja Besuch …

Ich drehte mich noch einmal um. Da fiel mir auch gleich ein, dass wir für heute noch einen Ausflug geplant hatten.

Am Frühstückstisch saßen bereits Mutter, ihre Schwester und die Zwillinge.

„Morgen“, begrüßte ich sie.

„Hey, du, hast du mal auf die Uhr geschaut?“, rief Orelie mir entgegen und riss ihre riesigen Augen auf. Sie klimperte mit dem Messer gegen den Teller.

Ich glaube, meine Mutter ärgerte sich wieder einmal sehr über das Verhalten ihrer Schwester, sagen wollte sie aber wohl dennoch nichts. Nach dem Frühstück räumten wir alle zusammen den Tisch ab, und Elise schaute uns lachend dabei zu.

Es war auch irgendwie komisch, denn obwohl Mutter und ich nun schon seit langer Zeit in diesem Haus wohnten, kannten wir uns doch kaum in der Küche aus.

„Sollen wir gleich losgehen?“, fragte Orelie etwas gelangweilt, und bevor man ihr antworten konnte, fragte sie: „Habt ihr für uns etwas geplant?“

„Ja, haben wir“, antworteten Mutter und ich gleichzeitig. Wir schauten uns kurz an und lachten.

„Was gibt’s denn da zu lachen?“, fragte Orelie in einem ernsten Ton, und ohne eine Antwort abzuwarten, rief sie ihren Kindern zu: „Macht euch fertig, wir gehen gleich los.“

Elise kam den Flur entlang und hatte die Schlüssel zur Garage und für das Auto in der Hand.

An Wochenenden oder manchmal auch während der Woche war Elise unser Chauffeur.

„Mutter, wo geht’s heute hin?“, riefen die Zwillinge von der Rückbank aus.

„Wir dachten, wir fahren heute in das neue Museum der Kunst, dann gehen wir etwas bummeln, und am späten Nachmittag laufen wir zu einem Schloss außerhalb der Stadt …“

Und ehe Mutter ihren Satz beendet hatte, riefen die Zwillinge bereits: „Ein Geisterschloss, ein echtes Geisterschloss, gibt es da richtige Geister?“

„Ach Quatsch, Kinder, es gibt keine Geister!“, rief Orelie mit kräftiger Stimme, und ihre abwinkende Handbewegung verdeutlichte nochmals ihre Meinung.

„Schau mal, Schwester, lies dir das mal durch, ist ganz interessant …“, sagte meine Mutter und wedelte vor Orelies Gesicht mit der Broschüre des Schlosses herum.

„Lass das“, ermahnte Orelie Mutter und zog den Zettel mit einem ordentlichen Ruck aus Mutters Hand.

Elise, die schon häufiger als Streitschlichter dazwischen ging, drückte auf den Radioknopf, und so ertönte laute Musik, die die Aggressionen im Raum überschallte.

In der Stadtmitte ließ uns Elise raus. Bis zu dem Zeitpunkt, wo sie uns wieder abholen sollte, konnte sie mit Mamas Auto hinfahren, wohin sie wollte.

Da Elise bisher in allen Fällen höchste Vertrauenswürdigkeit bewiesen hatte und nie negativ aufgefallen war, ließ Mutter ihr diesen Freiraum.

Kaum waren wir aus dem Auto ausgestiegen, rief Elise ein leises „Bis später!“ und brauste los.

Das Museum der Kunst befand sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite.

Als kein Auto kam, nahmen wir uns alle an der Hand und überquerten die Straße.

Es gab einen extra Fußgängerweg und eine Ampel, die uns zurechtwies.

Auf der Hälfte des Weges lösten sich die Zwillinge aus unserer Familienkette und versetzten ihre Mutter in Angst und Schrecken. Orelie pfiff und schrie nach ihnen, bis sie ihre Kinder endlich auf der anderen Straßenseite stehen sah. Meine Tante senkte ihren Kopf. Als wir wieder alle zusammen waren, beachtete sie ihre Kinder überhaupt nicht mehr.

Sie redete auch nicht mit ihnen.

Während des gesamten Museumbesuchs redete überhaupt niemand.

Auch ich war verärgert. Ich konnte einfach nicht verstehen, warum Mutter Orelie immer wieder erlaubte, die Zwillinge mitzubringen. Sie machten immer nur Ärger und brachten entweder uns oder sich selbst in riskante Situationen.

Am Museum gab es ein Café. Hier machten wir eine kleine Pause.

Nach reichlich Kaffee und Kakao mit leckerem Gebäck wurde die Stimmung wieder besser.

Es schaute zwar jeder in eine andere Richtung, als würde man nicht dazugehören, aber immerhin suchte man wieder das gemeinsame Gespräch.

Beim anschließenden Stadtbummel schienen auch die letzten Spannungen wie verflogen.

Am Nachmittag ließ Mutter kurz bei Elise anklingeln. Die gute Seele wusste ja Bescheid und stand in nur zehn Minuten hupend an der Straße und sammelte uns ein.

„Elise, wir wollen noch dieses bekannte Schloss besichtigen gehen, komm doch mit uns!“, forderte Mutter sie auf.

„Ich kenne einige schaurige Geschichten über dieses Schloss, und das reicht mir“, antwortete Elise.

„Wartest du dann lieber alleine im Auto?“, fragte Mutter grinsend.

Elise drückte ordentlich auf das Gaspedal, und ehe man sich‘s versah, standen wir auf einem Parkplatz.

Allein beim Anblick des Schlosses spürte man etwas Schauriges, Unheimliches … Schwarze Raben flogen um die Türme herum. Sie schienen hier die Wächter zu sein. Der Nebel ließ alles noch gruseliger aussehen.

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Je näher wir dem Schloss kamen, umso mehr verhinderte der Dunst die Sicht. Der Nebel schien uns regelrecht einzuschließen. Manchmal konnte ich einen auffliegenden Raben erahnen, ansonsten sah ich nur, was sich direkt vor mir befand.

Mutter schien überhaupt nicht nervös zu sein. Die Zwillinge und Orelie verhielten sich auch ungewöhnlich ruhig. Elise lief hinter uns allen und war etwas bleich.

Bevor wir uns anmeldeten, bekam Elise den ersten Schreikrampf, ein Raabe flog genau über ihrem Kopf herum. Von nun an nahmen wir Elise in die Mitte und beruhigten sie etwas.

Ich fürchtete mich auch, aber meine Neugier schien alle Ängste erstmal zu verdrängen.

„Ist alles gut?“, fragte Mutter und legte ihren Arm um mich.

„Ja, ja, alles gut, Mama“, versicherte ich ihr.

Die Empfangsdame an der Anmeldung – ihr Name war Agathe Mistique – sah merkwürdig aus. Wie nicht von dieser Welt und ein bisschen wie eine Hexe. Ihre Augen waren dunkel geschminkt, ihr schwarzes Haar trug sie offen. An einem Ohr baumelte ein Ohrring mit einem großen Kreuz, und ihren Hals schmückte sie mit mehreren Ketten, die mit religiösen Symbolen versehen waren. Unter allen Ketten hing eine lange versilberte mit einem großen Amulett.

Agathe erzählte uns schon mal einige schaurige Geschichten über das Schloss und betonte nochmals, dass man keine Angst haben müsste: „Alle Geister, die hier wohnen, sind friedlich. Ich arbeite schon seit 15 Jahren hier am Empfang und komme jeden Tag gerne zur Arbeit.“

„Aber hast du gar keine Angst?“, fragten die Zwillinge.

„Nein, warum sollte ich. Mein Sohn ist sehr früh gestorben, ich lebe alleine. Er lebt weiter in meinen Gedanken“, antwortete Agathe.

Jeder hörte ihr genau zu, nur den Zwillingen waren ihre Antworten zu ernst.

Sie liefen den Hausflur entlang, quietschten und lachten ...

Daraufhin rief Orelie nach ihren Kinder, die natürlich nicht hörten.

Unsere Führerin Agathe, die etwas unheimlich wirkte, sagte ganz leise, aber bestimmt: „Sie werden bald zurückkommen!“

Wir standen in einem uralten Schlafzimmer, indem es, wenn man den Leuten Glauben schenkte, schon häufig gespukt haben soll.

Agathe erzählte, dass das Zimmer das Schlafzimmer einer wunderschönen Fürstin gewesen war, die es liebte, sich vor ihrem großen Spiegel zu schminken und frisieren zu lassen.

Eines Tages fand man sie tot auf. Als ihr Mann von ihrem Tod erfuhr, war er sehr traurig und verwirrt. Er schien die Sprache verloren zu haben und beendete sein Leben.

„Noch heute …“, ergänzte Agathe‚ „noch heute … hört man sie oft sehr deutlich, manchmal ist es ein Lachen, an anderen Tagen hört man auch Schreie.“

Die Geschichte der Fürstin berührte uns alle.

Auf einmal hörten auch wir laute Schreie, die aus dem Flur kamen.

Die Zwillinge liefen brüllend zu uns.

„Mutter, … oh Gott, in dem einen Zimmer hat sich alles bewegt, lass uns gehen …“, sagte Cathy, dem Weinen nahe.

„Wenn ihr euch so unhöflich in fremden Häusern benimmt, seid ihr selbst schuld, hier ist alles sehr friedlich“, sagte ich.

In ihren Gesichtern zeichnete sich große Angst ab. Orelie nahm jeweils ein Kind fest an die Hand. In Agathes Gesicht konnte ich ein heimliches Grinsen erkennen. Ich wusste, dass sie nicht so normal war wie Mama oder ich. Man konnte spüren, dass sie ein bisschen anders tickte.

Agathe hatte aber dennoch eine liebe und beruhigende Art. Da war es unwichtig, dass sie so seltsam wirkte.

Ich fand alles hier spannend, jedes Zimmer schien seine eigene Geschichte zu haben.

Auch Mutter war sehr interessiert.

Orelie und ihre Kinder liefen einfach hinterher und schienen nicht so recht zu wissen, was sie von unserem Ausflug halten sollten.

Nach einer guten Stunde kamen wir wieder im Erdgeschoss an. Da fiel Agathe noch ein: „Es gibt im Keller eine alte Bibliothek, hat jemand Interesse daran, sie kurz zu besichtigen?“

Mutter und ich mussten gar nicht erst überlegen und antworteten synchron: „Ja, gerne.“

Der Rest unserer Gruppe schaute in alle Richtungen, nur nicht in unsere.

„Soll ich euch den Autoschlüssel geben, dann könnt ihr euch schon mal ins Auto setzen?“, fragte Mutter, die so mögliche Diskussionen vermeiden wollte.

Orelie streckte sofort den Arm aus, und Mutter zog aus ihrem Rucksack den Schlüssel und gab ihn ihr.

Jetzt waren wir nur noch zu dritt. Wir gingen auf einer Treppe aus altem Holz hinunter, sie knirschte und knackte. Agathe erzählte uns, dass hier unten nur Mäuse wohnten und es einer der stillsten Orte im Schloss sei. Da sie sehr vertrauenserweckend wirkte, glaubten wir ihr und fühlten uns trotz der geheimnisvollen Atmosphäre sehr wohl.

Wir fragten, ob wir uns nicht duzen könnten, und stellten uns mit unseren Vornamen vor.

Sie flüsterte: „Ich heiße Agathe.“

Aus unerklärlichen Gründen mochten wir sie sehr. Um ehrlich zu sein, hatten Mutter und ich Mitleid mit ihr. Sie wohnte ganz alleine in diesem düsteren Schloss.

Als Mutter sie darauf ansprach, betonte sie, glücklich zu sein. Seit dem Verlust ihres geliebten Sohnes bevorzugte es Agathe, allein zu leben.

Im Gespräch stellte sich auch heraus, dass ihr Sohn in meinem Alter gewesen war, als er starb.

Er war Schlafwandler, und Agathe fand ihn eines Morgens leblos im Garten.

Eine Träne kullerte über ihre Wange.

„Ich werde ihn nie vergessen“, sagte sie und verdeutlichte ihre Aussage nochmals mit einem Kopfnicken.

Nach dieser Geschichte war mir Agathe kein bisschen mehr fremd, ich fühlte mich auf unbeschreibliche, nicht greifbare Art mit ihr verbunden.

Unbeirrt arbeiteten wir uns in der Bibliothek von Bücherreihe zu Bücherreihe voran. Agathe erklärte uns, wo sich welche Bücher befanden und warum der Fürst damals gerade dieses oder jenes Buch für viel Geld einkauft hatte.

Nachdem wir uns nun schon sehr lange in der Bibliothek aufhielten, machte Mutter Agathe darauf aufmerksam, dass wir doch langsam umkehren sollten.

Da riss Agathe die Augen auf und schien kurz zu überlegen. Sie drehte sich um und war weg.

Mutter und ich schauten uns irritiert an. „Merkwürdig …“, murmelte Mutter.

„Wo ist sie hin? Sie hat gar nichts gesagt …“, fragte ich.

„Komm, lass uns gehen, die anderen warten schon seit einer Stunde im Auto …“, forderte mich Mutter auf und klopfte mir auf die Schulter.

„Ja, Mama, wenn sie nicht schon nach Hause gefahren sind …“, antwortete ich.

Wir wollten gerade die Kellertür hinter uns schließen und die Treppen hinaufgehen, da hörten wir ein leises „Wartet doch!“

„Agathe, da bist du ja …“, rief ich und freute mich tatsächlich, diese eigentlich „eigentümliche“ Frau noch einmal zu sehen und mich von ihr verabschieden zu können, bevor es nach Hause ging.

Agathe hielt ein Buch in der Hand, das sie trotz ihres ruhigen Wesens nervös hin und her schwenkte.

„Ich hab da noch etwas für dich ..., sagte sie und fragte in einem ernsten Ton: „Tom war dein Name, oder?“

„Ja, ich heiße Tom“, antwortete ich, und kaum hatte ich meinen Satz beendet, pustete sie mit ordentlicher Kraft die oberste Staubschicht weg und streckte mir ein blaues Buch entgegen.

Auf dem Buchdeckel stand nichts geschrieben, und es gab auch kein Bild darauf.

„Das ist ein Geschenk. Pass gut auf dieses Buch auf. Eines Tages wird es dir helfen“, erklärte sie mir.

Dankend nahm ich das Buch an, ich betrachtete es als eine nette Geste, ein einfaches Geschenk.

Ich reichte das Buch weiter an Mutter, die es in ihre Tasche steckte.

„Vergiss dieses Buch niemals, erinnere dich immer daran, wo du es hinstellst“, sagte Agathe und schaute mich sehr nachdenklich an.

Ich verstand, dass es ihr sehr ernst mit diesem Buch war und versprach ihr, gut auf das Geschenk aufzupassen.

Wir verabschiedeten uns von Agathe, und sie brachte uns zur Tür.

„Auf Wiedersehen“, sagte sie, lächelte, drehte sich um und schloss die Tür hinter sich.

Jetzt standen wir wieder vor der Nebelwand. Mutter nahm mich an die Hand. Man fühlte sich verloren und orientierungslos. Wir gingen einfach geradeaus vom Schloss weg und hofften, irgendwann am Auto anzukommen.

Die anderen schienen sich vom Ausflug erholt zu haben. Elise starrte stur aus dem Fenster, Orelie hörte Musik, und die Zwillinge schliefen – oder hatten zumindest die Augen geschlossen.

„Da seid ihr ja endlich! Wo wart ihr denn so lange? Wir warten seit mindestens einer Stunde auf euch!“, beschwerte sich Orelie.

Elise verzog verärgert das Gesicht: „Können wir jetzt losfahren?“

„Ja“, rief Mutter und blieb gelassen.

„Was habt ihr denn so lange gemacht?“, fragte Orelie neugierig.

„Frau Mistique hat uns ihre Bibliothek gezeigt“, antwortete Mutter.

„Und, das war so interessant?“ Orelie glaubte Mutter nicht.

Mutter antwortete Orelie jetzt nicht mehr.

Und ich verstand, dass ich über mein Geschenk niemals reden durfte.

Als wir wieder zu Hause ankamen, war es bereits 20:00 Uhr.

Mutter reichte mir ihren Rucksack und bat mich, ihn für sie hinaufzutragen.

Ich ging mit dem Rucksack auf direktem Wege zu meinem Zimmer und legte das Buch in die oberste Reihe meines großen Bücherregals und stellte nochmals ein anderes Buch davor.

„Perfekt“, murmelte ich.

Nachdem ich das Buch verstaut hatte, legte ich Mutters Rucksack an der Garderobe ab, und ehe ich mich umsah, standen die Zwillinge vor mir und sagten gleichzeitig: „Was machst du denn? Du sollst dich beeilen, Elise hat Abendessen zubereitet.“

„Ich komme sofort“, antwortete ich.

Am Esstisch redeten wir noch mal über den heutigen Tag.

Unser Hauptthema war natürlich das Schloss.

„Wir hatten keine Angst. Erinnert ihr euch? Colin und ich trauten uns, alleine durch die Zimmer zu laufen“, erzählte Cathy.

„Ich kann mich aber noch genau erinnern, dass ihr ganz plötzlich wieder zurückgekommen seid, habt ihr euch erschreckt?“, fragte ich schmunzelnd.

„Was habt ihr denn so lange in der Bibliothek gemacht? War das nicht langweilig, sich alte, verstaubte, kaum noch lesbare Bücher anzusehen? Wir hätten uns ja beinahe Sorgen gemacht“, antwortete Cathy, und Orelie fügte lachend hinzu: „Wir dachten, Frau Mistique hätte euch verhext.“

„So, so …“, sagte Mutter, legte ihre Ellbogen auf dem Tisch ab und trank noch mal einen Schluck Tee.

„Die Hexen haben doch immer solche schwarzen Raben …, das wäre doch eine interessante Erfahrung gewesen, aber es ist ja alles noch mal gut gegangen“, sagte Orelie und beugte sich etwas zu Mutter herüber. Sie erkundigte sich, was man am Sonntag unternehmen könnte.

„Ich würde vorschlagen, wir machen morgen eine Bootsfahrt durch die Stadt, und am Nachmittag gehen wir in den Park oder …“

Ich unterbrach Mutter kurz: „Ich habe gehört, dass dort regelmäßig Bühnenauftritte von neuen Bands stattfinden …“

„Ja, das ist doch super, dann wird morgen wieder ein toller Tag“, freute sich Orelie ...

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