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Wo warst du, Matt?

1. KAPITEL

Der Fremde stellte seinen alten Cadillac neben dem Zuchtstall von Green Oaks ab. Unwillkürlich ließ Rachel Shane den schweren Pfahl fallen, mit dem sie den Zaun reparieren wollte.

Der Mann kam die gepflasterte Straße hinauf, die sich zwischen weißen Zäunen und sattem grünen Gras entlangzog. Er ging am Teich und der Koppel vorbei, auf der Dolly Llama, Rachels temperamentvollste Stute, von einem Pferdetrainer geführt wurde.

Rachel sah, dass der Fremde Cowboyboots, ausgeblichene Jeans und ein langärmeliges Denimhemd trug. Seinen Stetson hatte er sich tief ins Gesicht gezogen. Er kam ihr nicht weiter bekannt vor. Nur sein lässiger Gang irritierte sie einen Moment lang, löste ein merkwürdiges Verlangen in ihr aus. Sexy, dachte sie. So einen Gang hatte sie seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen. Nicht, seit ihr Mann sie vor über zwei Jahren von einem Tag auf den anderen verlassen hatte.

Sie seufzte, bückte sich und griff nach dem schweren Zaunpfahl. Stöhnend versuchte sie ihn aufzurichten, aber ihre Kräfte reichten nicht aus. Immer wieder kippte er um. Vor Frust schossen ihr die Tränen in die Augen.

Schweiß lief ihr den Nacken hinunter, vorbei an ihrem Zopf und weiter in den Hemdkragen. Es fühlte sich an wie ein klammer Finger, der ihr warnend über den Rücken strich.

„Du tust dir noch weh“, sagte der Mann mit angenehm rauer Stimme in den stillen Junimorgen hinein.

Als wäre das etwas Neues für sie.

Wahrscheinlich suchte er einen Job. Sie wandte sich ihm zu, um ihm zu sagen, dass sie sich keine Hilfe leisten konnte. Ihr stockte der Atem, als sie ihn erkannte. Sie wich einen Schritt zurück. „Matthew?“

Er lächelte verhalten und wirkte dabei vertraut und fremd zugleich. Als wäre er erleichtert, ließ er die Schultern sinken. „Ja.“

Rachel konnte keinen klaren Gedanken fassen. Ihr Puls raste.

Sie brachte kein Wort heraus, sondern starrte den Mann nur an. Unter dem breiten Hut lag sein Gesicht im Schatten. Aber das spielte keine Rolle, denn sie wusste genau, wie seine Augen aussahen: Sie leuchteten hellbraun wie alter Whiskey. Rachel wusste auch, dass der Stetson braunes Haar mit einem störrischen Wirbel verbarg, der Matthews jungenhaften Charme unterstrich.

Sie holte tief Luft. „Wo zum Teufel bist du die letzten zwei Jahre gewesen?“

Er schlenderte heran, lehnte sich gegen den Zaun und schob den Hut in den Nacken. „Du bist sauer auf mich.“

„Sauer? Seit einer Ewigkeit hast du nichts von dir hören lassen, Matthew! Hast mich kein einziges Mal angerufen und mir damals nicht mal gesagt, dass du uns verlassen wolltest. Was hast du getrieben? Dich mit einer Midlife-Crisis herumgeschlagen? Dir in New Orleans eine schöne Zeit gemacht?“

Sie rang nach Atem. Die seit zwei Jahren angestaute unbändige Wut stieg in ihr auf. „Ich habe sogar eine Privatdetektivin engagiert, die dich wiederfinden sollte – dich und die zweihunderttausend Dollar, mit denen du verschwunden bist. In New Orleans hat Chloe Lister deine Spur verloren, und in Texas hat sie dich schließlich aufgespürt. Wo warst du? Ganz schön mutig von dir, dich jetzt hier in Kane’s Crossing blicken zu lassen, als wäre nichts gewesen!“

Er schaute auf seine Stiefel, schien in Gedanken versunken. Und da fiel ihr etwas auf.

Seit sie Matthew kannte, hatte er immer dieses selbstgefällige Grinsen auf den Lippen gehabt. Wie oft hatte er sie damit auf die Palme gebracht! Aber jetzt lächelte er nur noch schwach, und es wirkte gar nicht mehr selbstgefällig, sondern sogar ein bisschen traurig.

Er blickte auf, sah auf die Pferdekoppel, und die Fältchen in seinen Augenwinkeln verstärkten sich. Sein Lächeln erinnerte Rachel an gute Zeiten.

„Rachel …“ Es klang, als wäre ihm der Name fremd.

„Hört sich fast so an, als würdest du meinen Namen das erste Mal aussprechen“, sagte sie.

Jetzt sah er sie wieder an. Rachel wurde das Gefühl nicht los, dass nur flüchtiges Interesse in seinem Blick lag.

Sie strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Hör mal, ich hab eine Menge zu tun. Ich halte hier nämlich schon die ganze Zeit den Laden am Laufen, während du dich anderswo vergnügt hast.“

„Es tut mir aufrichtig leid, dass alles so gekommen ist, Rachel. Du weißt gar nicht, wie sehr.“

„Die Masche kannst du dir schenken.“ Du meine Güte, hörte sie sich vielleicht verbittert an!

Matthew bückte sich nach dem schweren Pfosten, mit dem sie sich so abgemüht hatte, und hob ihn auf, als wäre er leicht wie eine Feder.

Rachel betrachtete Matthew eindringlich. Endlich hatte sie die Gelegenheit, das Gefühlschaos zu ordnen, das er in ihr ausgelöst hatte. Jetzt, wo er hier war, direkt vor ihrer Nase! Wie oft hatte sie sich diesen Moment vorgestellt, während sie über die endlosen Weiden starrte oder nachts einsam im kalten Doppelbett lag. Immer in der Hoffnung, er würde irgendwann zurückkommen und sich vor ihr auf die Knie werfen. Sie um Verzeihung dafür bitten, dass er sie so verletzt hatte.

Es dauerte eine Weile, ehe er den Zaun repariert hatte, aber Rachel hätte dreimal so lange dafür gebraucht. Wo auch immer er gewesen sein mochte, auf der faulen Haut hatte er offenbar nicht gelegen.

Das Hemd klebte ihm schweißnass am muskulösen Oberkörper. Während Rachel seine kräftigen Hände beobachtete, musste sie automatisch daran denken, wie er mit genau diesen Händen zärtlich ihren Körper gestreichelt und ihren Puls zum Rasen gebracht hatte.

Sie hatte ihren Mann so sehr vermisst!

Rachel musste all ihre Selbstbeherrschung zusammennehmen, um sich zurückzuhalten. Erst mal wollte sie herausfinden, weswegen er überhaupt auf ihre Pferdefarm zurückgekehrt war.

Wollte er etwa ihre Ehe kitten?

Matthew beendete die Arbeit mit geschickten Händen, dann sah er sie erwartungsvoll an. „Habe ich dir jetzt meine ehrlichen Absichten bewiesen?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein. Und deine Arbeit war auch keine zweihunderttausend Dollar wert.“

„Bist du immer so kritisch?“

Was für eine merkwürdige Frage. „Glaubst du etwa, ich hätte mich verändert, während du weg gewesen bist?“

Er zuckte mit den breiten Schultern. „Möchtest du mir nicht erzählen, was hier seitdem passiert ist, Rachel?“

„Warum sollte ich?“ Ihre Worte klangen viel schärfer als beabsichtigt – wie ein Peitschenhieb.

Matthew runzelte die Stirn und tippte gegen seine Hutkrempe. „War wohl ein Fehler herzukommen.“

Als er ganz dicht an ihr vorbeiging, rieselte ihr ein Schauer den Rücken hinunter. Unwillkürlich musste sie an seine zärtlichen Liebkosungen denken. Sie wurde rot. „Matthew, warte.“ Sie drehte sich um. „Es ist alles so … unwirklich, verstehst du?“

Hinter ihm zeichnete sich die unberührte Landschaft Kentuckys ab: die sanften Hügel, die weißen Holzgebäude und darüber der leuchtend blaue Himmel. Die Hände fest in die Seiten gestemmt, stand Matthew da und wirkte dabei völlig fehl am Platz mit seinen abgewetzten Stiefeln und dem wettergegerbten Stetson. So etwas trug man hier in der Gegend nicht. Hier trugen alle Pferdezüchter Reiterhosen und kurze englische Reitstiefel dazu.

Matthew hatte sich in einen richtigen Cowboy verwandelt. Leider wirkte er dadurch nur noch männlicher. Unwiderstehlich. Das brachte Rachel auf den Gedanken, dass er mit dreiunddreißig für eine Midlife-Crisis eigentlich noch zu jung war. „Wenn ich dir von mir erzähle, erzählst du mir dann auch von dir?“

Wieder lächelte er schwach – und ungemein sexy. „Ja. Ich will nämlich eine Menge von dir wissen.“

„Tja, in den letzten zwei Jahren hat sich hier einiges getan.“

Er kam so dicht an sie heran, dass ihr der Geruch nach Ledersätteln und Seife in die Nase stieg. „Du musst mir schon ein bisschen mehr erzählen, Rachel.“

Sie runzelte die Stirn.

„Genauer gesagt möchte ich, dass du mir alles bis ins kleinste Detail erzählst. Mir ist nämlich unterwegs mein Ich abhanden gekommen.“

Sie warf ihm einen Seitenblick zu. „Wie meinst du das?“

Diesmal lächelte er richtig, aber sichtlich verlegen. „Ich habe mein Gedächtnis verloren.“

Das schlug doch dem Fass den Boden aus. „Alles klar, Matthew. Eine bessere Ausrede fällt dir wohl nicht ein?“

Sein Gesichtsausdruck blieb unverändert. Abwartend sah er sie an.

Rachel bemühte sich, ruhig zu bleiben. Offenbar hatte der sonst so durchschaubare Matthew sich in den letzten zwei Jahren ein Pokerface zugelegt: Sie konnte absolut nicht beurteilen, ob er log oder die Wahrheit sagte.

Nachdem Rachel an der Koppel eine Reihe sinnloser Fragen auf Matt abgefeuert hatte, führte sie ihn endlich in ihr gemeinsames Haus. Zumindest vermutete er, dass es das war.

Was er durchgemacht hatte, wünschte er seinem ärgsten Feind nicht: Zwei Jahre lang hatte er keine Ahnung davon gehabt, dass er überhaupt Frau und Kind besaß, dass er auf dieser großen weiten Welt tatsächlich ein Zuhause hatte. Bis er vor gut einem Monat erfahren hatte, dass eine Frau namens Rachel Shane eine Privatdetektivin engagiert hatte, um nach ihm zu suchen.

Und nun sah es so aus, als wollte diese Rachel Shane ihn gar nicht zurückhaben! Sie hatte ihn von oben bis unten gemustert wie einen Zuchthengst und war dann mit Vorwürfen über ihn hergefallen. Das verwirrte ihn maßlos; immerhin wusste er nichts über diese Frau.

Auf dem Weg zum Haus warf er unauffällig einen Blick auf sie. Mit ihrer schlanken Figur, der beigefarbenen Reiterhose und der weißen Bluse hatte sie die sinnliche Ausstrahlung eines Models. Auch wenn sein Gehirn sich nicht an sie erinnerte, sein Körper tat es sehr wohl.

Ein merkwürdiges, fast schmerzhaftes Verlangen erfüllte ihn.

Rachel drehte den Kopf und bemerkte, dass Matt sie musterte. Ein sehnsüchtiger Ausdruck huschte kurz über ihr Gesicht, dann blickte sie zur Seite.

Du bist nicht die Einzige, der es so geht, dachte er.

Wie es sich wohl anfühlte, ihre Haut an seiner zu spüren, wenn sie sich an ihn schmiegte? Und warum hatte sie ihn nicht geküsst, als er vor ihr stand?

Rachels nächste Worte rissen ihn aus seinen Gedanken. „Es ist schon merkwürdig, den eigenen Mann ins Haus zu bitten.“

Oder jemanden, der einmal der eigene Mann gewesen war. Matt fragte sich, wie der alte Matthew wohl gewesen sein mochte – vor dem Gedächtnisverlust.

„Stimmt“, sagt er. „Unter trautem Eheglück versteht man etwas anderes.“ Obwohl er sich lebhaft vorstellen konnte, dass man in so einem Haus sehr glücklich sein konnte. Er schaute auf die weißen Säulen, die Erkerfenster, den steinernen Schornstein, alles umgeben von grünen Büschen und Bäumen. Und alles war ihm fremd.

Sie blieben vor der Eingangstür stehen.

„Mach dich auf ein Kreuzverhör gefasst, Matthew. Darf ich dir erst mal einen Eistee anbieten?“

Eistee – das passte ja perfekt. Diese Frau gab sich selbst unheimlich kühl. „Hört sich gut an.“

Rachel öffnete die Tür. „Ich weiß, ich weiß, wir hätten durch die Hintertür gehen sollen. Du hast mir einmal gesagt …“ Sie sprach nicht weiter.

„Ich kenne mich in diesem Haus nicht aus, also kann ich dir auch nichts vorwerfen.“

Sie blieb stehen und seufzte. „Ich habe keine Ahnung, woran du dich erinnerst und woran nicht, Matthew.“

Er reckte den Hals, um sich einen Überblick über sein altes Zuhause zu verschaffen, das auch jetzt wieder zu seinem Zuhause werden sollte. Nachdem er herausgefunden hatte, wer er war, hatte er sich umgehend auf den Weg nach Kane’s Crossing gemacht. Zurück in ein Leben, dem er sich stellen musste.

Aber Spaß machte es kein bisschen.

Er warf einen Blick auf die Einrichtung: vergoldete Bilderrahmen, Farne und hellgrüne Wände. An nichts davon konnte er sich erinnern. „Wir müssen uns dringend unterhalten.“

„Auf jeden Fall.“ Rachel warf ihm einen letzten Blick zu und ging weiter.

Sie durchquerten die Eingangshalle: gedämpfte Farben, geschmackvolle Teppiche und gepflegte Antiquitäten. Hatte er tatsächlich in einem solchen Haus gewohnt? Er war Schlafbaracken mit harten, schmalen Betten und grober Bettwäsche gewohnt. Mehr hatte er nicht gebraucht. Bis ihm sein Vorarbeiter von einer Privatdetektivin erzählt hatte, die nach einem gewissen Matthew Shane suchte.

Rachel führte ihn in einen Raum, in dem es nach Zedern, Brombeeren und Salbei roch. „Ich hole dir etwas zu trinken.“

Sie sprach die Worte so aus, als wollte sie damit noch etwas anderes andeuten. Etwas, das Matt nicht verstand. Als er bloß nickte, schien Rachel irgendwie erleichtert.

Neugierig schaute er sich in seinem früheren Zuhause um. Vielleicht gab es ja doch etwas, das eine Erinnerung in ihm wachrief. Das Erkerfenster bot freie Sicht auf Ulmen und grüne Koppeln. An den Wänden waren schmiedeeiserne Kerzenleuchter angebracht, die dem Raum etwas Klösterliches verliehen. Der Boden war gefliest, darauf standen üppig gepolsterte Sofas.

Matt ließ den Blick über die Bücherregale gleiten, über die Schildkrötenpanzer und die Kristallgläser auf der Anrichte aus Walnussholz. Nirgendwo fand er auch nur den geringsten Hinweis darauf, dass er selbst einmal hier gelebt hatte. Aber natürlich wusste er gar nicht, wer er überhaupt gewesen war – damals. Und wenn die Einrichtung den Geschmack des alten Matthew Shane widerspiegelte, wollte er mit seinem alten Selbst lieber nichts zu tun haben. Viel zu überladen …

„Setz dich doch.“ Rachel kam mit zwei beschlagenen Gläsern herein. Die Eiswürfel klirrten, als er ihr eins abnahm. Es klang hohl.

Betretenes Schweigen breitete sich aus. Bis sie beide auf einmal losredeten.

„Also …?“

„Warum …?“

Jeder deutete auf den anderen. „Du zuerst“, sagten sie gleichzeitig.

Matt nickte. „Ladies first.“

Rachel lächelte, aber es wirkte nicht besonders freundlich.

Ihr Ton bestätigte seinen Verdacht noch. „Ich weiß nicht, womit ich anfangen soll. Soll ich dir erzählen, wo ich geboren wurde?“

„Solche Einzelheiten können wir auch später noch besprechen. Wie wäre es mit den letzten beiden Jahren?“

„Ich habe in der Notaufnahme des Bezirkskrankenhauses als Krankenschwester gearbeitet.“ Als Matthew den Kopf schüttelte, weil er sich nicht erinnerte, fuhr sie fort. „Nachdem du verschwunden warst, musste sich schließlich jemand um die Farm kümmern, also habe ich beschlossen, meine Stunden im Krankenhaus zu reduzieren. Das hat mir nicht viel ausgemacht, ich arbeite nämlich gern mit Pferden. Zusätzlich bin ich als ehrenamtliche Krankenschwester für das Reno Center tätig.“ Sein Gesicht blieb ausdruckslos.

„Es ist ein modernes Waisenhaus“, fuhr Rachel fort. „Sagt dir der Name Nick Cassidy etwas? Er kam vor ein paar Jahren nach Kane’s Crossing, spielte Robin Hood und gab den Armen zurück, was die Reichen ihnen genommen hatten. Er gründete das Reno Center, weil er selbst Pflegekind gewesen war. Erinnerst du dich noch an sein kurzes Gastspiel in der Spencer Highschool?“

Matt zuckte mit den Schultern und versuchte zu grinsen.

„Na ja“, sagte Rachel. „Ich sorge jedenfalls dafür, dass die Farm läuft, kümmere mich um die Buchhaltung, erledige, was so anfällt …“

„Warum hast du den Zaun nicht von einem Farmarbeiter reparieren lassen?“

„Ach, das schaffe ich auch allein.“ Rachel lächelte ihn an, während sie die hellbraune Locke zurückstrich, die sich aus ihrem Zopf gelöst hatte.

Es durchfuhr ihn heiß.

Ist sie in den letzten beiden Jahren mit einem anderen Mann zusammen gewesen?, schoss es ihm unvermittelt durch den Kopf. Eifersucht packte ihn.

Die Narbe zwischen seinen Rippen schmerzte auf einmal, und Matt ballte die Fäuste. Er hasste diese Momente. Die Narbe war ein Geheimnis, das er noch nicht ergründet hatte. Erst wenn er sich selbst wiedergefunden hatte, würde er es verstehen.

„Ich glaube, dass du mir etwas verschweigst, Rachel. Steht die Farm finanziell auf gesunden Füßen?“

Ihre vollen Lippen wurden zu einer schmalen Linie. „Nicht, seitdem du mit dem größten Teil unserer Ersparnisse verschwunden bist.“

Ihr Ton und der verdammte Schmerz, der von der Narbe ausging, machten Matt zu schaffen. Unruhig rutschte er auf dem Sofa hin und her. Was für ein Mensch war Matthew Shane bloß gewesen?

„Tut mir leid“, erwiderte er. „Das wusste ich nicht.“ Er machte eine kurze Pause. „Ich bin hergekommen, weil ich nach meinem Zuhause gesucht habe. Den Ort, an den ich gehöre, Rachel. Und das mit dem Geld bringe ich in Ordnung.“

„Du willst die Farm?“

Von sich selbst sprach sie dabei nicht.

Er bemühte sich, ihre abweisende Art zu ignorieren. „Läuft das Geschäft gut?“

„Wir kommen zurecht – trotz allem, was du uns angetan hast.“ Sie trank einen Schluck Eistee. „Also, was hast du mir zu erzählen?“

Stimmt, er war ihr ja auch noch seine Geschichte schuldig. Verdammt. An viel konnte er sich nicht erinnern.

Matt stellte sein Glas auf eine Untersetzer. „Eines Morgens bin ich mit brummendem Schädel in einer dunklen Seitenstraße von New Orleans aufgewacht. Ein Penner durchsuchte gerade meine Taschen. Aber ich hatte nichts bei mir: keinen Ausweis, keinen Führerschein, kein Geld. Wahrscheinlich bin ich überfallen worden. Genau sagen kann ich es nicht.“

Ein wichtiges Detail behielt er für sich: sein blutiges Hemd. Jemand hatte ihm die Haut zwischen den Rippen auf der linken Brustseite mit einem Messer aufgeschlitzt. Zwar nur oberflächlich, aber eine leichte Narbe war geblieben.

Allerdings hatte er auch geronnenes Blut an seiner Hand entdeckt, und er wurde das Gefühl nie los, dass es von einem anderen Menschen stammte. Das hatte ihn davon abgehalten, zur Polizei zu gehen und herauszufinden, wer er selbst war. Auch im Krankenhaus war er nicht gewesen. Er hatte befürchtet, dass man ihm vielleicht ein Verbrechen anhängen könnte. Sollte er sich etwa selbst ans Messer liefern? Er hatte so viele Fragen gehabt und keine Antworten dazu. Also hatte er sich Zeit zum Nachdenken genommen, sich hier und da umgehört …

„Du erinnerst dich an nichts?“ Ungläubig schüttelte sie den Kopf. „Dann weißt du wohl auch nicht, dass deine Brieftasche vor einer Weile hinter alten Kisten in einer kleinen Seitenstraße von New Orleans gefunden wurde. Irgendein Kerl hat versucht, mit deinen Kreditkarten einzukaufen, deswegen vermute ich, dass du nicht wegen des Geldes überfallen worden bist.“

Was Rachel da sagte, half ihm auch nicht auf die Sprünge. Noch immer hatte er von seiner Vergangenheit nicht den blassesten Schimmer. „Ich konnte mich nur noch daran erinnern, wie man mit ganz alltäglichen Dingen klarkommt. Nicht an Einzelheiten aus meinem Leben. Immerhin konnte ich mich einigermaßen durchschlagen. Ich habe erst mal einen Job als Tellerwäscher angenommen. Eines Abends kamen texanische Rancher ins Restaurant. Als ich ihren Tisch abräumte, hörte ich, dass sie von Pferden redeten. Das hat irgendetwas in mir ausgelöst. Ich kündigte und ging nach Texas. Auf einer Ranch in der Nähe von Houston bekam ich einen Job. Nichts Großartiges – Ställe ausmisten, mit den Pferden üben. Aber instinktiv spürte ich, dass ich noch mehr konnte.“

Er schaute einen Moment lang gedankenverloren vor sich hin. „Eines Tages kam diese schicke Privatdetektivin zu meinem Boss ins Büro und fragte nach einem Matthew Shane. Er vermutete etwas, verriet ihr aber nichts. Abends kam er dann zu mir in die Schlafbaracke und erzählte mir, was er von ihr erfahren hatte. Sie hatte ihre Karte dagelassen, und die gab er mir.“

Matt erwähnte nicht, dass er danach Erkundigungen über Matthew Shane eingeholt hatte, um sicherzugehen, dass das Blut an seinen Händen nicht von einem Verbrechen stammte. Als sich herausstellte, dass er nichts auf dem Kerbholz hatte, entschied er sich, nach Kane’s Crossing zurückzukehren und sich seinem alten Leben zu stellen.

Jetzt schaute er Rachel an. Sie saß aufrecht auf dem Sofa und spielte mit etwas an ihrem Finger.

Es war ein Ring.

Erinnerungsfetzen wirbelten ihm durch den Kopf. Gitarrenklänge, Blumensträucher, schwüle Nächte in engen Gassen, Balkone zu beiden Seiten über ihm und Essen, das nach Safran duftete.

Dann war alles schon wieder vorbei. Es war nicht greifbar genug, als dass er etwas dazu hätte sagen können. Aber sie hatte anscheinend den Schock auf seinem Gesicht gesehen.

„Das ist mein Ehering“, sagte sie und wurde rot, als wäre es ihr peinlich, dass sie ihn immer noch trug. „Ist alles in Ordnung?“

Matt nickte. Er griff nach seinem Eistee, weil er plötzlich einen trockenen Mund hatte. Dann hielt er mitten in der Bewegung inne.

Ein kleines Mädchen stand in der Tür, mit neugierigem Blick und geschürzten Lippen. Ihr Gesichtsausdruck erinnerte ihn stark an Rachel.

Plötzlich sah er sich selbst, wie er das Mädchen durch die Luft wirbelte, dass die langen braunen Locken wild hin- und herschwangen. Ihre braunen Augen leuchteten. Er sah sie auf Zehenspitzen tanzen, sie klammerte sich an seine Arme und kicherte begeistert.

„Haben wir Besuch, Mommy?“ Die Kleine konnte nicht älter als sechs sein.

Matt schwirrte immer noch der Kopf von dem unerwarteten Ansturm der Bilder und Gefühle, da überfielen ihn schon die nächsten: eine platinblonde Frau und ein kleiner Junge. Beide lächelten.

Wieder zwei neue Gesichter aus seiner Erinnerung, die er nicht einordnen konnte. Die Frau sah ganz anders aus als Rachel, und er hatte keine Ahnung, wer sie und der Junge waren. Er wusste nur, dass sie ein wichtiges Puzzlestück in seiner Vergangenheit bildeten.

Warum erinnerte er sich jetzt an sie, als er Rachels Ehering und seine eigene Tochter sah? Was hatte er für ein Leben geführt, bevor er seine Familie verlassen hatte?

2. KAPITEL

Rachel stand auf, ging zu ihrer Tochter und wischte ihr einen Brotkrümel vom Mund. Das Kind starrte Matt an. Ob die Kleine sich noch an ihn erinnerte? Daran, wie er sie umarmt hatte?

Wenn er selbst sich doch bloß besser erinnern könnte!

Rachel nahm Tamelas Hand und führte sie zu Matthew. „Das ist deine Tochter Tamela“, sagte sie, und ihre Stimme zitterte leicht.

Matt kniete sich auf den Steinfußboden, sodass er mit Tamela auf Augenhöhe war. Er hielt ihr die Hand hin. „Wie geht es meinem Mädchen?“

Rachel warf ihm einen kühlen Blick zu, wollte ihn vielleicht warnen, dem Kind nicht zu nah zu kommen. Aber es war doch immerhin seine Tochter! Wieder einmal beschlich ihn das Gefühl, dass Rachel nicht allzu froh über seine Rückkehr war.

Warum?

Tamela schaute ihn neugierig an und machte einen Schritt auf ihn zu, nahm aber seine Hand nicht. „Warum bist du weggegangen, Daddy?“

Oh, verdammt. Wie sollte er ihr das bloß erklären? Er wich ein Stück zurück.

Glücklicherweise kam Rachel ihm zur Hilfe. Sie kniete sich neben ihn. „Daddy erzählt uns seine Geschichte noch. Das geht alles nicht so schnell, Kleines. Okay?“

Matts Körper reagierte umgehend auf ihr Parfüm – Jasminduft. Verführerisch, geheimnisvoll und doch seltsam tröstlich. Es entführte ihn an einen dunklen Ort …

Tamela riss ihn aus seinen Gedanken. „Gestern hat Mommy zu Mrs. Cassidy gesagt, dass du ein gemeiner Halunke bist.“

Rachel räusperte sich. „Mommy hat nur Spaß gemacht, Tamela. Erwachsene albern manchmal herum.“

Klar! Matt hätte sich totlachen können, wenn es nicht so traurig gewesen wäre. „Ich will dir die Wahrheit verraten, Mäuschen“, sagte er.

Tamela lächelte, und ihre braunen Augen leuchteten auf.

„Ich kann mich kaum an die Dinge erinnern, die vor zwei Jahren passiert sind. Ich habe nämlich mein Gedächtnis verloren.“

„Wie einen Schuh? Letzte Woche habe ich meinen Schuh verloren. Mommy hat nicht einmal mit mir geschimpft.“

„So ähnlich. Und manchmal taucht der Schuh an den unmöglichsten Orten wieder auf. Da, wo man es gar nicht erwartet. Oder man findet einen Hinweis, wo er ist.“

„Vielleicht können wir dir helfen, dein Gedächtnis wiederzufinden?“ Tamela kam heran und legte ihm vertrauensvoll die kleine Hand auf die Schulter.

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