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Wo unsere Träume wohnen

1. KAPITEL

Ein einziger Blick reichte, und Rudy Vaccaro verliebte sich auf der Stelle.

Hals über Kopf, bis über beide Ohren und unwiderruflich.

Auch wenn sie nicht perfekt war. Verdammt, sie sah nicht mal besonders gut aus, jedenfalls nicht in diesem Zustand. Und selbst dass sie pflegebedürftig zu sein schien, störte ihn nicht. Kein Zweifel, es hatte ihn schwer erwischt.

Aber vielleicht war es genau das, was ihm an ihr so gefiel. Dass sie ihn brauchte. Dringend sogar. Rudy lächelte zufrieden.

„Oh mein Gott, Dad! Ich kann nicht glauben, dass du mein Leben für das hier ruiniert hast!“, rief seine zwölfjährige Tochter Stacey.

Und auch sein jüngerer Bruder Kevin gab seinen Senf dazu. „Wie genau hast du dir diesen Laden eigentlich angesehen, bevor du ihn gekauft hast?“

Rudy ließ sich die Stimmung nicht verderben, sondern betrachtete die abblätternde Farbe im Eingangsbereich des heruntergekommenen Gasthauses und stieß einen kleinen Freudenschrei aus. Das war sie also, seine neue Heimat.

Zwölf Jahre lang hatte er sich auf diesen Moment gefreut und so viel wie möglich von seinem Polizistengehalt zurückgelegt. Zwölf Jahre lang war aus einer nagenden Unzufriedenheit erst ein vager Traum, dann ein konkretes Ziel geworden – und jetzt, dank eines unvorhersehbaren Zufalls, hatte er es erreicht.

Dieses spezielle Ziel war hundertfünfzig Jahre alt, mit sechs Schlafzimmern, welligen Tapeten, scheußlich braunem Teppichboden und Spinnweben, die dick genug waren, um ein Flugzeug zu fangen.

Rudys Atem wurde in der ungeheizten Luft zu einer weißen Wolke, als er ungeduldig in die Hände klatschte. Das neue Jahr und sein neues Leben waren kaum zwei Tage alt, und er konnte es kaum abwarten, endlich anzufangen.

Meins, alles meins, dachte er und ging über die knarrenden Dielen, um gegen den Thermostat im Durchgang zum Speiseraum zu klopfen. Hmm. Vermutlich kein Öl mehr.

Wenn er Glück hatte. Und das hatte er. Riesiges Glück sogar. Endlich hatte er ein eigenes Zuhause, ein eigenes Leben.

„Wie eklig!“, rief seine Tochter jetzt, den Blick auf einen fleckigen Sessel gerichtet, der irgendwann einmal gelb gewesen war. Oder hellgrün. Stacey war schon sauer genug auf ihren Vater, weil er sie von all ihren Freunden und der großen Familie getrennt hatte. Die Vorstellung, ihre Jugend ausgerechnet hier verbringen zu müssen, brachte ihm nicht gerade Punkte bei ihr ein. „In dem Ding haben wirklich Leute gesessen?“

„Tausende, wie es aussieht“, knurrte Kevin.

Schaudernd wich Stacey zurück.

Rudy riss sich die Strickmütze vom Kopf und strich sich durchs kurze Haar. „Was glaubt ihr denn, warum ich den Gasthof so günstig bekommen habe? Habt ihr eine Ahnung, wie hoch die Preise hier oben normalerweise sind?“

Kev verschränkte die Arme und starrte mit finsterer Miene auf eine dunkle Spur, die sich von der Decke bis zum Boden zog, zwischen den Unmengen von startenden, landenden oder paddelnden blassgrünen Wildenten auf der Tapete hindurch. „Das sieht nach einem Leck aus. Wenn du Glück hast, ist es nur ein undichter Heizkörper …“

„Ich muss ins Bad“, sagte Stacey und stopfte die Hände in die Taschen ihrer Daunenweste. Ihre kaffeebraunen Augen blitzten. Das zahle ich dir heim, lautete die Botschaft darin. Rudy lächelte aufmunternd. Das hier wird gut. Für uns beide.

„Es gibt sechs. Vier oben, zwei hier unten. Du hast freie Auswahl.“

Ihre Augen wurden groß. Mit zwölf war sie noch zu beeindrucken, aber in einem Jahr würde er wahrscheinlich zu härteren Mitteln greifen müssen. „Sechs?“

„Ja.“ Rudy grinste. Hoffentlich waren die Leitungen in Ordnung … Aber darüber konnte er sich morgen den Kopf zerbrechen. Jetzt zeigte er den Flur entlang. „Das nächste ist gleich dort.“

Kevin runzelte die Stirn.

„Die Maklerin hat mir einen Grundriss geschickt“, erklärte Rudy.

„Einen Grundriss.“

„Genau.“

„Was bedeutet, dass du all deine Ersparnisse in ein Haus gesteckt hast, das du heute zum ersten Mal siehst.“

Rudy klopfte seinem Bruder auf die Schulter. „Sie hat mit ihrem Handy Dutzende Fotos gemacht und mir die geschickt.“

„Na dann.“

„Ich musste mich schnell entscheiden. Der Preis war gerade gesunken – und es gab noch zwei andere Interessenten. Sieh mich nicht so an, Kev. Das Dach wird nicht einstürzen, und – wahrscheinlich – gibt es keine Termiten. Sicher, es ist heruntergekommen, aber …“

Kevin lachte. „Dass ausgerechnet du dein ganzes Geld in einen schäbigen Gasthof mitten im Nichts …“

„In New Hampshire. Und in jeder Richtung stößt du in spätestens einer Stunde auf irgendetwas. Lake Winnipesaukee, die Berge, sogar eine Rennbahn. Was willst du mehr?“

„Zivilisation?“

„Jetzt klingst du wie Stacey.“

„Aus gutem Grund. Was hast du dir bloß dabei gedacht?“

Rudy strich über den staubigen Kaminsims. „Dass ich mich zwölf Jahre lang nur um mein Kind gekümmert und mein eigenes Leben vernachlässigt habe. Endlich habe ich mal an mich selbst gedacht.“

Kevins Mundwinkel zuckten. „Und deshalb hast du dieses Psycho-Motel gekauft.“

Stacey schrie. Rudy rannte los, dicht gefolgt von seinem Bruder, und stieß mit seiner hysterischen Tochter zusammen, die aus der Gegenrichtung kam.

„Es ist da drin!“, kreischte sie und zeigte zur Küche. „Hol es raus, Daddy! Hol es raus!“

„Was denn, Honey?“, fragte er, während Kevin und er zur Tür schlichen, bewaffnet mit nichts als ihren Handys und den Wagenschlüsseln.

„Das weiß ich nicht!“, wimmerte das Mädchen hinter ihnen. „Es war groß und fett und haarig, mit schrecklichen Knopfaugen!“ Stacey packte Rudys karierte Jacke. „Ich hasse es hier, ich hasse es! Ich will nach Hause!“

Okay, in ihrem Alter hasst sie alles, sagte Rudy sich und betrat die Küche. Geräumig, dachte er, und seine Stimmung hob sich schlagartig. Viel Licht.

Und abgrundtief hässlich, aber das lässt sich ändern. Er lächelte.

Die Farbkombination aus Avocado und Orange erinnerte ihn an seine Kindheit, Kühlschrank und Herd hätten besser in ein Museum gepasst, den Boden bedeckte rissiges Linoleum, aber ein Fenster ging nach Osten, also zur Morgensonne hinaus, das andere zum Wald hinter dem vernachlässigten Garten. Tapeten konnte man entfernen, und unter dem Kunststoffbelag fand sich ja vielleicht …

„Was immer es war, es muss geflüchtet sein“, sagte Kevin. „Neben der Hintertür ist ein Loch in der Wand.“

Richtig. Die einheimische Tierwelt.

Sein Bruder inspizierte die Öffnung. „Könnte ein Waschbär gewesen sein. Oder ein Stinktier.“

„Ein Stinktier!“, kreischte Stacey. „Krass!“ Doch dann überlegte sie kurz. „Nein, ein Stinktier war es bestimmt nicht – es war nicht schwarzweiß.“ Plötzlich schien ihr aufzugehen, wie uncool es war, sich an ihren Daddy zu klammern, und sie ließ Rudys Jacke los. „Müssen wir wirklich hier übernachten?“

„Natürlich übernachten …“

„Keine Heizung, Bruderherz“, erinnerte ihn Kevin und betätigte einen Schalter. „Und kein Strom.“

Verdammt. Die Maklerin hatte ihm versprochen, das Haus wieder anzuschließen. Aber sie hatten Kerzen, und auf der hinteren Veranda stapelte sich Kaminholz. Notfalls lag das nächste Motel auf der anderen Seite der Stadt.

„Wir machen Feuer in den Holzöfen“, verkündete Rudy unbeschwert. „Zünden Kerzen an. Und wir haben jede Menge Campingsachen mit. Morgen rufe ich an und lasse den Strom einschalten.“ Als Stacey ihm einen skeptischen Blick zuwarf, drückte er aufmunternd ihre Schulter. „Ach, komm schon – wo ist deine Abenteuerlust geblieben?“

„Auf den Bahamas“, erwiderte sie trocken.

Hinter ihm verschluckte Kevin sich fast vor Lachen.

Der Imbiss war voller Gäste, die auf ihr Abendessen warteten. Violet Kildare nahm zwei, drei, vier Tagesgerichte für Tisch sechs aus der Durchreiche. Was mich nicht umbringt, macht mich stärker, dachte sie.

„Mom!“, rief George, ihr neunjähriger Sohn, aus der Ecke, in der er und sein jüngerer Bruder Julian saßen, umgeben von Rucksäcken, GameBoys, Schulsachen und dem Rest der Burger mit Pommes frites, die sie ihnen vor einer Stunde gebracht hatte. „Wie viel sind fünf plus vier?“

„Nimm die Finger!“, rief sie zurück, als sie die Teller vor Olive, Pesha und die Millies hinstellte, die an jedem Abend aus der Seniorenwohnanlage herkamen. Sie lächelte ihnen zu, obwohl sie nie ein Trinkgeld gaben und mindestens eine von ihnen immer am Essen herummäkelte.

„Das sollten Sie nicht zu ihm sagen, Liebes“, meinte Old Millie, die mit sechsundachtzig zwei Jahre älter als Young Millie war. Die anderen Ladys nickten zustimmend, bis Pesha – knochig, blond und halb blind – Violet einen spitzen Fingernagel in die Hüfte rammte.

„Das hier habe ich nicht bestellt.“

„Doch, Pesha. Sie haben das Tagesgericht bestellt. Warmes Roastbeef.“

„Nein, das Tagesgericht ist Salisbury-Steak.“

„Das gab es gestern. Heute gibt es Roastbeef.“

Mit zusammengekniffenen Augen starrte Pesha auf Young Millies Teller. „Hat sie das?“

„Ja, Ma’am, das haben alle.“

„Na ja, ich will kein Roastbeef. Ich will Salisbury-Steak. Mit Pilzen.“ Sie wedelte mit der Hand. „Nehmen Sie das weg.“

Seufzend kehrte Violet mit dem Teller zur Küche zurück. „Neun?“, rief George. „Ist vier plus fünf neun?“

„Richtig, Kleiner“, antwortete sie, strich sich eine rote Korkenzieherlocke aus dem Gesicht und wehrte sich gegen die Tränen. Das hier war einfach zu viel – jeden Abend Rückenschmerzen und brennende Füße, missmutige alte Ladys und alte Knacker, die unbedingt mit ihr flirten wollten. Zwei Söhne, die sie vernachlässigen musste, anstatt sie sicher durch das Minenfeld der Zahlen und Buchstaben zu geleiten.

„Was zum Teufel soll das?“, kam eine gereizte Stimme aus der Küche, als Violet das verschmähte Roastbeef in die Durchreiche schob.

„Tut mir leid, Maude. Pesha will Salisbury-Steak“, erklärte Violet erschöpft. „Mit Pilzen.“

Die Betreiberin des einzigen unabhängigen gastronomischen Betriebs von Mulligan Falls griff nach dem Teller und murmelte etwas Unfreundliches vor sich hin, während die nächste mathematische Frage das Stimmengewirr im voll besetzten Imbiss übertönte. „Mo-om! Wie viel ist sechs plus zwei?“

Violet schloss kurz die Augen. Sie musste durchhalten. Nicht, dass sie erwartet hatte, ihr neues Leben würde einfach werden, aber eine winzige Chance auf …

„Hier“, knurrte Maude und schob Peshas Salisbury-Steak auf den Tresen. Violet nahm sich eine Gabel, kratzte die Pilze vom Hackbraten und schob sie zu einem ordentlichen Haufen zusammen.

„Nimm die Finger, George!“, rief sie auf dem Weg zum Tisch.

Die Glocke über dem Eingang läutete. Noch mehr Gäste. Hurra. Schlagartig wurde es so still, als hätte jemand den Ton ausgeschaltet. Violet hob den Kopf und schaute direkt in zwei hellblaue Augen – in einem Männergesicht, an dem es keine einzige weiche Stelle zu geben schien. Jedenfalls soweit es unter den Bartstoppeln zu erkennen war.

Er war groß, das Haar auf dem Kopf kaum länger als das an den Wangen. So groß, dass er den jüngeren Mann hinter ihm fast verdeckte. Das hübsche, langhaarige Mädchen vor ihm wirkte fast zwergenhaft, zumal zwei riesige Hände auf ihren schmalen Schultern lagen.

„Drei?“, brachte Darla, die zweite Kellnerin, endlich heraus, nachdem sie den Mann eine Weile angestarrt hatte.

„Ja, drei“, erwiderte er, und Violet hörte die tiefe Stimme nicht nur, sie spürte sie auch, tief in sich …

Keine Liebesromane mehr!, befahl sie sich streng, aber ihre seit zwei Jahren auf einen Einsatz wartenden Hormone waren nicht so leicht zu beruhigen. Entsetzt beobachtete sie, wie Darla die drei an einem Tisch unterbrachte, für den sie selbst zuständig war. Die Enttäuschung darüber, dass bei ihr alles voll war, stand Darla deutlich ins Gesicht geschrieben.

Großartig. Einfach großartig.

Entschlossen zog Violet den Bleistift aus dem Haar und marschierte hinüber.

„Lächeln“, zischte Darla ihr im Vorbeigehen zu.

Violet nahm die Bestellung auf – zwei Mal Burger und Pommes frites, Spaghetti für das Mädchen – und gab sie an Maude weiter. „Was bringt Sie nach Mulligan Falls?“, fragte sie freundlich.

„Ich habe gerade das alte Hicks Inn oben auf dem Hügel gekauft.“

Und damit nahm Mitch auf der Liste ihrer meistgehassten Männer den zweiten Platz ein.

„Ihr Essen kommt gleich“, sagte die rothaarige Kellnerin mit einem Anflug von Schärfe, während sie die Speisekarten vom Tisch riss. Rudy hob den Kopf und registrierte den Zorn und den Schmerz in ihren graugrünen Augen, bevor sie sich abwandte. Im Schein der Deckenbeleuchtung schimmerten ihre tausend Korkenzieherlocken, deren Farbe ihn an das Orange seiner „neuen“ Küchentapete erinnerte.

Inzwischen war er auch wach genug, um den kleinen, kurvenreichen, kompakten Körper unter der blassgrünen Uniform genauer in Augenschein zu nehmen. Wie ein VW-Käfer, dachte er. Stärker und zäher, als es auf den ersten Blick scheint.

„Was war das denn?“, fragte Kevin erstaunt.

„Keine Ahnung.“

„Dad?“, flüsterte Stacey. „Warum sehen uns alle an?“

„Das wüsste ich auch gern, Honey.“

Sein Bruder beugte sich vor. „Warum komme ich mir vor, als wären wir gerade mitten in einem Stephen-King-Roman gelandet?“

Stacey rutschte näher, während ihr Vater Kevin unter dem Tisch einen Tritt verpasste.

Noch vor drei Minuten war es Rudy nicht schwergefallen, sich seine gute Laune zu bewahren. Die drei Schlafzimmer oben sahen gar nicht so übel aus, genau wie die Bäder. Sicher, die Treppe war marode, aber damit hatte er gerechnet. Nach vier Stunden gründlicher Inspektion und oberflächlicher Reinigung war niemand von ihnen – auch er nicht – auf Dosennahrung versessen gewesen, also hatten sie den Anhänger abgekoppelt und sich in seinen klapprigen Wagen gesetzt. Die „Stadt“ selbst bestand aus der Hauptstraße, fünf Blocks lang, mit einem altmodischen Platz, an dem Maude’s Diner lag. Nichts für Feinschmecker, doch je früher sie sich eingewöhnten, desto besser war es für alle.

„Eingewöhnen? Niemals!“, hatte seine Tochter gemurmelt, aber ihm war nicht entgangen, dass ihr Blick bereits auf dem Stück Schokoladentorte ruhte, das in der Vitrine auf dem Tresen ausgestellt war.

Nicht erwartet hatte Rudy allerdings, dass ihre neuen Nachbarn sie anstarrten, als hätte er gerade mit seinem Wagen ein Kornfeld umgepflügt. Was war los mit diesen Leuten? Du meine Güte, Kevin und er brauchten nur den Mund aufzumachen, und jeder konnte hören, dass sie nichts Besseres als die meisten braven Einwohner von Mulligan Falls waren!

Die Kellnerin servierte ihre Getränke, genauer gesagt, sie knallte sie auf den Tisch. Ihr Mund war schmal, und Rudy sah ihr an, wie frustriert sie war. Hatte das etwas mit ihm zu tun? Wohl kaum. Der Polizist in ihm spürte, dass sie kurz vor dem Explodieren stand und sich nur mühsam beherrschte. Was um alles in der Welt war hier los?

„Ach, Miss?“, begann er sanft. „Meine Tochter möchte das Stück Schokoladentorte aus der Vitrine. Ist das machbar?“

„Sicher“, sagte sie, ohne ihn anzusehen, aber sie lächelte Stacey kurz zu.

Dann rief eine der alten Schachteln am Tisch auf der anderen Seite in herrischem Ton nach ihr. Sie ging hinüber und musste sich anhören, dass etwas zu kalt oder heiß oder was auch immer war. Gleichzeitig meldete sich im hinteren Teil ein kleiner Junge lautstark zu Wort. „Mom? Wie viel ist zwölf minus sieben?“ Am Tresen schlug eine Frau auf die viel zu schrille Klingel. „Violet! Bestellung ist fertig!“

Er sah, wie sie – Violet – eine Sekunde erstarrte und tief durchatmete. „Nimm die Finger!“, befahl sie dem Jungen, der mit einem anderen in einer Nische saß, halb begraben unter Schulbüchern. Dann nahm sie den Teller der alten Lady, trug ihn zur Küche und lud sich drei voll beladene auf.

Mit den Tellern auf dem Arm drehte sie sich ausgerechnet in der Sekunde um, in der der kleinere Junge aufsprang und ihr in die Quere kam. Mit einem Aufschrei geriet Violet ins Stolpern. Die Teller segelten durch die Luft und landeten krachend auf den Fliesen. Violet riss ihren Sohn an sich, bevor auch sie zu Boden ging.

Rudy und Kevin sprangen auf und liefen zu den beiden. Während Kevin das Kind aus dem Haufen zersplitterten Porzellans und verstreuter Spaghetti hob, griff Rudy nach der benommen wirkenden Kellnerin.

„Lassen Sie mich in Ruhe!“, fauchte sie, schlug nach seinen Händen und kämpfte sich auf die Knie, bevor sie die Arme nach ihrem Sprössling ausstreckte. „Julian, Julian! Ist dir etwas passiert? Tut dir etwas weh?“ Ohne auf die Tomatensauce an ihrer Brust zu achten, suchte sie an ihm nach Blut und blauen Flecken. Eine Nudel baumelte zwischen ihrem Haar, und sie nahm sie missmutig heraus und warf sie zur Seite. Dann legte Violet eine Hand auf die winzige Schulter des Jungen und hielt ihm die andere vor die Nase. „Wie viele Finger?“

„Drei“, antwortete er mit zitternder Stimme. „Tut mir leid, Mama, ich musste mal! Ich hab dich nicht gesehen!“

„Schon gut, schon gut.“ Sie drückte ihn an sich und küsste ihn auf die blonden Locken. „So etwas passiert eben. Es ist nicht deine Schuld.“

Aus den Augenwinkeln sah Rudy, wie Stacey näher kam. „Wenn Sie möchten, gehe ich mit Ihrem kleinen Jungen in den Waschraum und mache ihn sauber“, bot sie an. Rudy traute seinen Ohren nicht.

„Danke“, sagte Violet und schien erst jetzt zu bemerken, welches Chaos die Kollision angerichtet hatte. Als Stacey mit Julian davonging, stöhnte seine Mutter kurz auf. Eine hochgewachsene Brünette mit fleckiger Schürze und Haarnetz baute sich vor ihr auf. Im Raum herrschte absolute Stille. Rudy schaute über die Schulter. Alle Gäste sahen jetzt herüber.

„Das wievielte Mal war das jetzt, Violet? Das dritte in diesem Monat?“

„Ich weiß“, antwortete Violet und sammelte mit hochrotem Kopf die Scherben ein. Rudy ging in die Hocke, um ihr zu helfen. „Julian ist mir in den Weg …“

„Habe ich nicht gesagt, dass du die Kinder nur mit zur Arbeit mitbringen darfst, solange sie keinen Ärger machen?“

„Es war ein Unfall, Maude.“ Die Kellnerin griff nach den beiden Hälften eines Tellers und warf sie in den Abfalleimer. „Ich bezahle den Schaden. Wie immer.“

„Es tut mir leid, Violet, wirklich“, entgegnete Maude. „Es funktioniert einfach nicht, und …“

„Nein! Maude, bitte!“ Violet sah hoch, und ihr kamen die Tränen. „Es wird nicht wieder passieren, das verspreche ich.“

Rudy richtete sich auf, funkelte diese Maude an und verbarg seine Entrüstung hinter der ausgleichenden, besänftigenden Polizistenstimme. „Wie gesagt, es war wirklich ein Unfall. Wie wär’s, wenn Sie mal ein Auge zudrücken?“

„Halten Sie sich da raus“, sagte Violet in einem Ton, der irgendwie nicht zu den beiden anmutigen Brüsten passte, auf die sein Blick wie von selbst fiel. Er hatte zwar seine Waffe und sein Abzeichen abgegeben, aber nicht seine Hormone. „Ich brauche Ihre Hilfe nicht!“

„Vielleicht sollte ich mich erst mal vorstellen.“ Rudy streckte die Hand aus. „Rudy Vaccaro.“

Eine Sekunde lang sah sie aus, als ob sie ihn gleich anspuckte.

„Wer?“, fragte Maude.

„Er hat Doris’ Gasthaus gekauft“, erklärte Violet, und etwas in ihrer Stimme ließ ihn herumfahren. Als wäre die Situation nicht schon bizarr genug, lachte Maude auch noch. Rudy drehte sich wieder um. Sie grinste höhnisch.

„Nein, Mister, ich bezweifle ernsthaft, dass sie ausgerechnet Ihre Hilfe braucht“, sagte sie und schaute dem kleinen Jungen entgegen, der gerade mit Stacey zurückkam und sich sofort an seine Mutter schmiegte. „Es liegt bei dir, Violet“, fuhr sie fort. „Entweder du besorgst dir einen Babysitter für deine Gören, oder du suchst dir einen neuen Job.“

Violet errötete wieder. Die rosigen Wangen bildeten einen auffallenden Kontrast zum fast orangefarbenen Haar, als sie ihrem anderen Sohn zuwinkte. „Pack deine Sachen zusammen. Wir gehen.“

Kevin zupfte an Rudys Ärmel. „Das ist nicht dein Problem“, flüsterte er. „Wir setzen uns wieder, okay? Rudy!“

Rudy runzelte die Stirn.

„Du hilfst ihr nicht, wenn du dich einmischst“, fügte sein Bruder leise hinzu. „Komm schon.“

Nach einem letzten Blick auf Violet, die ihre Söhne zur Hintertür scheuchte, folgte Rudy Kevin und seiner Tochter zum Tisch. Aber alle anderen starrten noch immer in seine Richtung, und er wusste, dass sie über ihn tuschelten.

„Okay, offenbar ist mir etwas entgangen“, begann er, als eine zweite Kellnerin ihnen das Essen servierte. „Was hat die Tatsache, dass ich den alten Laden der Hicks’ gekauft habe, mit Violet zu tun?“

Ihre Blicke trafen ich. „Das wissen Sie nicht?“

Rudy schüttelte den Kopf.

„Dann werden Sie es wohl von mir erfahren müssen …“

2. KAPITEL

„Lass mich raten“, sagte Kevin auf dem Weg zum Wagen. „Du hast keine Ahnung, was du jetzt tun sollst.“

Rudy wartete, bis Stacey außer Hörweite war. „Stimmt. Nichts ist schlimmer, als der Übeltäter zu sein, obwohl man keine Schuld hat. Ich meine, wenn es kein Testament …“

„Dann dürfte juristisch alles sauber sein.“ Sein Bruder blieb vor einem Sportgeschäft stehen. „Ich bin zwar kein Experte, aber wie gesagt, du hast nichts falsch gemacht. Ich frage mich nur, wie du jetzt mit Violet umgehen willst.“

Verärgert sah Rudy seinen Bruder an. „Wie kommst du darauf, dass ich mit ihr umgehen will?“

Kevin schmunzelte nur.

Rudy seufzte. Je mehr Darla, die andere Kellnerin, ihm von Violets Lage erzählt hatte, desto klarer war ihm geworden, dass er etwas tun musste. Auch wenn er nicht gewusst hatte, dass die Vorbesitzerin den Gasthof Violet versprochen hatte.

„Da-ad!“, rief seine Tochter und sprang neben dem Wagen auf und ab. „Hallo? Machst du die Tür auf?“

„Entschuldigung.“ Er drückte auf die Fernbedienung. Stacey stieg ein und knallte die Wagentür hinter sich zu.

Darla hatte Rudy erzählt, wie die Tochter von Doris Hicks Violet und ihre Söhne aus dem Haus geworfen hatte. Und das, obwohl Violet den Gasthof übernehmen sollte, nachdem sie Doris achtzehn Monate lang geholfen hatte, ihn am Laufen zu halten – was sowohl der alten Frau, die in ihrem Zuhause bleiben wollte, als auch Violet, deren Mann sie und die Kinder im Stich gelassen hatte, zugutegekommen war.

Rudy konnte sich vorstellen, wie hintergangen sich Violet jetzt fühlen musste. Genau wie er, als Staceys Mutter ihn und das erst sechs Monate alte Baby sitzen gelassen hatte. Aber Rudy hatte wenigstens seine eigene große Familie als Sicherheitsnetz gehabt.

Jetzt hielt er vor dem dunklen Gasthof. Das einzige Licht stammte vom Mond und dem halben Dutzend schwacher Solarleuchten, die den rissigen Gehweg säumten. Bewaffnet mit einer Taschenlampe sprang Stacey aus dem Wagen und eilte ins Haus – zur Toilette, vermutete Rudy. Kevin blieb sitzen und musterte ihn erstaunt, denn der Motor lief noch immer.

„Ich mache ein Feuer an, ja?“, sagte er nach einem Moment und stieg aus.

Rudy wendete den Wagen, fuhr wieder in den Winterabend hinaus und hoffte, dass er ein oder zwei Feuer ausmachen konnte.

Stacey rieb sich den Po, der noch von der eiskalten Klobrille kribbelte, und schlich zurück in das noch kältere, stockdunkle Wohnzimmer, wo ihr Onkel vor dem Holzofen kniete, der in den Kamin gestellt worden war. Im Schein seiner Taschenlampe versuchte er, ein Feuer zu entfachen. Stacey schauderte. Schon am Tag war es hier gruselig genug. Sicher, sie hatte gezeltet und alles, aber das hier war anders.

„Wo … ist … Dad?“, fragte sie mit klappernden Zähnen.

„Der hat noch was zu erledigen“, erwiderte Onkel Kev. „Er kommt bald wieder.“

Stacey verdrehte die Augen. Warum behandelten die beiden sie immer wie ein Kleinkind?

„Es ist so kalt hier.“ Sie rieb sich die Arme und suchte nach ihrer Jacke, die sie vorhin ausgezogen hatte. Wahrscheinlich würde sie irgendwann erfrieren, und ohne Strom und Telefon konnte sie nicht mal ihre E-Mails checken. Zu Weihnachten würde sie – als Entschädigung für ihr ruiniertes Leben – einen neuen Laptop bekommen, ...

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