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Wo steckt April Kyle?

Robert B. Parker wurde 1932 geboren. Nach seinem M.A. in amerikanischer Literatur promovierte er 1971 über die „Schwarze Serie“ in der amerikanischen Kriminalliteratur. Seit seinem Debüt „Spenser und das gestohlene Manuskript“ im Jahr 1973 sind fast 40 Spenser-Krimis erschienen. 1976 wurde Parkers Roman „Auf eigene Rechnung“ von der Vereinigung amerikanischer Krimi-Autoren mit dem „Edgar Allan Poe Award“ als bester Kriminalroman des Jahres ausgezeichnet. Robert B. Parker verstarb 2010.
Infos zum Autor unter www.robertbparker.de

Robert B. Parker

Wo steckt April Kyle?

Ein Auftrag für Spenser

Übersetzt von Ute Tanner

PENDRAGON

1

„Sie ist eine verdammte Hure“, sagte Harry Kyle, „und ich will sie nicht wieder hier im Haus haben.“

„Ich bitte dich, Harry! Du sprichst von deiner eigenen Tochter“, sagte seine Frau.

„Sie ist eine verdammte Hure.“

„Das wissen Sie doch gar nicht, Mr. Kyle“, sagte Susan.

„Ach, das weiß ich nicht? Mit eigenen Augen habe ich gesehen, wie sie mit einem Typ rumgemacht hat, der älter war als ich. Ich hab gesehen, was sie treibt, und von mir aus kann sie das weiter treiben, denn hierher kommt sie mir nicht mehr.“

„Deshalb ist sie doch keine Hure, Mr. Kyle.“

„Ihre guten Lehren behalten Sie mal für sich, Lady. Ich brauch keine Tugendfee, die hier antanzt und auf gefühlsduselig macht, wie sie’s heute alle beigebracht kriegen.“

„Harry“, sagte ich.

Susan sah mich an. Sei still, sagte der Blick. Solche Blicke erlebe ich oft, aber wenn sie von Susan kommen, wirken sie. Wir standen in dem mustergültigen Wohnzimmer eines mustergültigen Hauses in einem mustergültigen Viertel von Smithfield. Die Polstermöbel waren kobaltblau, Teppich, Wände und Vorhänge farblich darauf abgestimmt. Die Einrichtung war massiv Eiche, schätzte ich, dunkel gebeizt. Man sah, dass sie alles auf einmal gekauft hatten. Es war eine Garnitur, eine Wohnzimmergarnitur. Ich hätte um meinen neuen Totschläger wetten mögen, dass im Esszimmer eine Esszimmergarnitur stand und oben mindestens vier Schlafzimmergarnituren. Im Keller hatten sie vermutlich eine Kellergarnitur, farblich auf den Zentralheizungsofen abgestimmt.

Kyle war groß und fett, sein Gesicht hatte eine ungesunde Röte und sein fleischiger Nacken hing ihm bis auf den Kragen. Er hatte, das wusste ich von Susan, mit Versicherungen eine Menge Geld gemacht. Die Hälfte davon hatte er offenbar in Klamotten investiert. Er hatte die Jacke nicht an, aber dass der Anzug maßgeschneidert war und gut und gern seine 750 Mäuse gekostet hatte, sah man schon an der Weste und der Hose. So dick er auch war, da quoll und blitzte nichts heraus.

„Da gibt man dem Kind alle Chancen“, sagte Kyle. „Und was passiert? Es schmeißt einem die Brocken vor die Füße.“

„Bitte, Harry“, sagte seine Frau.

„Ich schufte mich halbtot, um es zu was zu bringen, sie hätte es nicht besser haben können, und da macht sie so was? Da tut sie mir das an? Nein, danke. Ich habe keine Tochter mehr. Ist das klar?“

„Vielleicht war es jemand anders, Harry“, sagte seine Frau. Sie war dünn, hatte einen dunklen Teint und kurzgeschnittenes, schwarzes Haar. Ihr Gesicht war schmal und verbittert. Sie trug eine pinkfarbene Bluse, eine lange Hose und rosa Schuhe. Ihre Augen waren rot, sie hatte wohl geweint. Ein Wunder war’s nicht, ich fand Harry auch zum Heulen.

„Sprechen Sie mit Spenser, Mr. Kyle“, sagte Susan. „Er ist ein hervorragender Detektiv. Er wird April finden und sie heimbringen. Man darf ein Kind nicht verstoßen, nur weil man mit ihm nicht einverstanden ist. Wollen wir es nicht wenigstens versuchen?“

„Hör auf sie, Harry“, bat seine Frau. „Es geht um deine Tochter.“

Kyle sah mich an. „Also gut. Was haben Sie zu sagen?“

„Überhaupt nichts. Ich bin nur zu meinem Privatvergnügen hier.“

„Was, zum Teufel, soll das heißen?“

„April ist unter Umständen ernsthaft in Gefahr, Mr. Kyle“, sagte Susan. „Wenn es wirklich Ihre Tochter war, die Sie mit einem älteren Mann in der Combat Zone gesehen haben, muss sie unbedingt da heraus.“ Sie sah mich noch eindringlicher an als vorhin.

„Warum heulen Sie da bei mir rum?“, fragte Kyle. „Wenn Sie sich solche Sorgen um April machen, holen Sie sie doch.“

„Weil ich ein Haus brauche, in das ich sie zurückbringen kann, Mr. Kyle.“

„Verstehe. Rausholen wollen Sie sie schon, aber aufnehmen nicht, was?“

„April ist nicht meine Tochter, Mr. Kyle. Ob ich sie aufnehmen würde oder nicht, steht hier nicht zur Debatte. Entscheidend ist, ob Sie bereit sind, April aufzunehmen, begreifen Sie das nicht?“

„Ich bin kein Trottel, Schätzchen. Letztes Jahr habe ich für fast zwei Millionen Lebensversicherungen verkauft.“

„Und wie hoch haben Sie sich selbst versichert?“, fragte ich.

„Was soll der Quatsch?“

„Das werden Sie gleich sehen, wenn Sie Mrs. Silverman noch einmal Schätzchen nennen.“

„Sind Sie ein ganz harter Bursche oder was?“, fragte Kyle. Aber es klang nicht sehr schneidig.

„Ja“, sagte ich. Susan legte mir eine Hand auf den Arm und kniff kräftig hinein.

„Wollen Sie Ihre Tochter wieder zurückhaben, Mrs. Kyle?“, fragte Susan.

„Ja.“ Sie sah ihren Mann an. „Ja, aber Harry … ich … Kann ich Ihnen nicht einen Kaffee anbieten? Und ein Stück Kuchen? Und wir könnten uns hinsetzen und …“ Sie machte eine flattrige Bewegung mit der rechten Hand und hörte mitten im Satz auf.

„Herrgott, Bunni, keiner will deinen Scheißkuchen.“

„Ich habe ja nur gefragt, Harry“, sagte Mrs. Kyle.

„Halt einfach den Mund und überlass das Reden mir.“

Ich trat von einem Fuß auf den anderen. Ich sah Susan an. Der Ärger straffte ihr Gesicht und prägte kleine Kommas in ihre Mundwinkel. Kyle wandte sich uns zu, ganz Führungskraft, und schleuderte mir sein Kinn entgegen.

„Was verlangen Sie?“, fragte er.

„Um für Sie zu arbeiten?“

„Ja.“

„200 Milliarden Dollar pro Tag.“

Kyle runzelte die Stirn. Eben noch, als es um Preisverhandlungen ging, war er in seinem Element gewesen. Da kannte er sich aus.

„Klugscheißer, was?“

„Genau“, sagte ich.

„Wollen Sie den Auftrag nun haben oder nicht?“, fragte Kyle.

„Lieber verbringe ich den Rest meines Lebens auf einem Barry-Manilow-Konzert.“

Kyle sah Susan an. „Was, zum Teufel, quatscht der Kerl da?“

Susan wusste nicht recht, ob sie lachen oder weinen sollte. „Er sagt, dass er nicht für Sie arbeiten will.“

„Herrgott, wozu haben Sie ihn dann überhaupt angeschleppt?“

„Als ich kam, habe ich Sie noch nicht gekannt“, sagte ich. „Wenn ich Ihr Kind wäre, würde ich auch abhauen.“

„Mr. Spenser“, sagte Bunni Kyle.

Susan schaute mich an, schaltete ihren Blick auf Vollspannung.

„Es geht um April“, sagte sie zu mir. „Sie braucht Hilfe. Für ihren Vater kann sie nichts.“

„Mir egal“, sagte Kyle. „Soll er doch machen, was er will.“

„Für mich.“ Susan sah mir in die Augen. „Mir zuliebe.“

Ich holte tief Luft. Mrs. Kyle schaute mich an. „Ich würde für Sie arbeiten, Mrs. Kyle.“

„Werden Sie nicht“, sagte Kyle. „Von mir kriegen Sie nicht einen Cent.“

„Einen Dollar“, sagte ich zu Mrs. Kyle. „Ich berechne Ihnen einen Dollar. Ich suche das Mädchen und bringe es Ihnen zurück.“

„Nichts da“, tönte Kyle. „Wenn ich nein sage, dann meine ich auch nein.“

Ich ging mit meinem Gesicht ganz nah an seins heran. Sein Atem roch nach Martinis und Erdnüssen. Ich raffte die kümmerlichen Reste meiner Beherrschung zusammen. „Wenn Sie nicht endlich die Luft anhalten“, sagte ich, „passiert Ihnen was.“

Kyle machte den Mund auf, sah etwas in meinem Gesicht und machte den Mund schnell wieder zu. Susan schob sich zwischen uns.

„Komm, Liebling“, sagte sie, „machen wir uns lieber auf die Suche nach April.“ Sie lehnte sich gegen mich und schob mich mit ihrem Hintern weg. Wäre ich nicht so sauer gewesen, hätte ich großen Spaß daran gehabt. „Ich rufe Sie an, sobald wir sie gefunden haben, Mrs. Kyle.“

Susan schob sich und mich rücklings in Richtung Tür.

Kyle sah mich an, er war rotbraun angelaufen.

„Könntest du wohl beim Schieben deinen Hintern ein bisschen hin und her schwenken?“, flüsterte ich Susan zu.

Sie gab mir einen unsanften Schubs.

„So habe ich es nicht gemeint“, sagte ich mit Falsett-Stimme und dann gingen wir.

2

„Der soll sich mal um Thanksgiving herum nicht auf die Straße trauen“, sagte ich. Wir saßen in Susans großem Ford Bronco. Er war rot, hatte überbreite Reifen und einen in den unteren Gängen zuschaltbaren Vierradantrieb. Laut Susan nahm er Schneestürme und Berge wie nichts und gab ihr das Gefühl, eine Waffe gegen den Winter zu haben.

„Er bläht sich auf wie ein Truthahn, nicht?“, meinte Susan.

„Darf ich ihn verprügeln, wenn wir April gefunden haben?“

Susan schüttelte den Kopf.

„Ihm die Reifen zerschneiden?“

„Nein.“

„Seine Fenster mit Schmierseife bestreichen?“

Susan bog in ihre Straße ein.

„Es wundert mich nicht, dass sie auf dem Strich gelandet ist“, sagte sie.

„Das Mädchen?“

„Ja, April. Ich habe versucht, zu retten, was … nein, das ist nicht das richtige Wort … ich habe versucht, sie von dem Desaster wegzusteuern, auf das sie seit ein, zwei Jahren zutreibt.“

„Sie ist jetzt in der letzten Klasse?“

„Ja, im Juni hätte sie ihren Abschluss gehabt.“

„Was ist denn das Problem, abgesehen davon, dass sie die Tochter eines ausgewachsenen Rindviehs ist?“

Susan fuhr den Bronco in die Einfahrt. „Genau weiß ich das auch nicht. Ich kenne nur ihre Version. Ein- oder zweimal habe ich auch mit ihren Eltern gesprochen, aber wie ergiebig das war, kannst du dir ja vorstellen.“ Sie machte das Licht aus und schaltete den Motor ab. Er dieselte einmal nach, dann war er ruhig. Wir blieben im Dunkeln sitzen. „Dass Heranwachsende ihre Eltern ablehnen müssen, um eine eigene Identität zu finden, hast du vielleicht schon mal gehört.“

„Hab ich.“

„Eben. Du machst es nämlich immer noch.“

„Und ich habe das bei mir immer für jungenhaften Überschwang gehalten.“

Susan schnaubte höhnisch. Bei ihr klang es irgendwie elegant. „Ist die Erwartungshaltung und die innere Einstellung der Eltern derart starr“, fuhr sie fort, „dann, kann es zu extremen Auflehnungserscheinungen kommen.“

„Donnerwetter, ich dachte, unsere Schulberater verteilen nur Collegeprospekte und Army-Werbekataloge.“

Susan lachte leise in die Dunkelheit des Wagens hinein. „Hauptsächlich sind sie damit beschäftigt, Stundenpläne abzusegnen.“

„Flexibel und verständnisvoll kommt mir der gute Harry nicht gerade vor“, meinte ich.

„Ist er auch nicht. In vielem ist er typisch für diese Stadt. Ein bisschen extremer, ein bisschen abgebrühter vielleicht. Wesentlich ist, dass er aus einem ganz anderen sozialen Milieu kommt, vielleicht gehört er zu der ersten Generation, die auf dem College war oder zur Arbeit einen Anzug trägt. Leute wie Harry Kyle sind auf Distanz zu ihrem alten Viertel gegangen. Buchstäblich und bildlich. Die Spielregeln von dort gelten nicht mehr, oder Leute wie Harry Kyle reden sich das ein. Und weil sie die neuen Spielregeln nicht kennen, klammern sie sich eben an die vorgestanzten Konventionen der Medien, die Hypothesen der Zeitschriftenwerbung und der Sitcoms. Sie bemühen sich, so zu sein wie alle anderen. Das Dumme ist nur, dass alle anderen sich bemühen, so zu sein wie sie.“

Wir stiegen aus und gingen durch den dunklen Abend zu Susans Hintertür. Es waren noch zehn Tage bis Thanksgiving und Kälte lag in der Luft. Susans Küche war warm und roch leicht nach Äpfeln. Sie knipste mit einem Schalter an der Hintertür die Deckenbeleuchtung an.

„Willst du was essen?“

Ich suchte im Kühlschrank nach Bier. „Ja. Soll ich was machen?“

„Nein. Irgendwann muss ich es ja lernen.“

Ich setzte mich an den Küchentisch und trank aus der Flasche. „Pilsener Urquell. Hast du einen reichen Macker?“

„Solange es dir schmeckt.“

Ich trank noch einen Schluck.

„Große Klasse.“

Susan nahm Kartoffeln aus einer Schublade und begann sie an der Spüle zu schälen. „So, und jetzt fragst du: Was ist los mit April Kyle?“

„Und du antwortest: Sie kann nicht mit ihren Eltern.“

„Genau“, sagte Susan. „Wie gut, dass ich in Harvard studiert habe.“ Sie piekte die Spitze des Küchenmessers in eine geschälte Kartoffel und drehte den Rest eines Auges heraus. „Nicht das, was sie für das Mädchen gewollt haben, war so verkehrt, sondern dass sie es so kompromisslos gewollt haben und dass April selbst nicht gefragt worden ist. Sie wollten, dass sie Cheerleader wird, bei der Schülerzeitung mitmacht, gute Noten bekommt, von Footballkapitänen ausgeführt wird und sich einen Mann angelt, auf den sie stolz sein können.“

Ich trank mein Bier aus, holte mir ein zweites und konstatierte voller Wohlgefallen, dass noch weitere zehn auf Halde lagen.

„Sollte man so gutes Bier nicht eigentlich aus dem Glas trinken?“, fragte Susan.

„Keine Frage.“

Susan war mit dem Kartoffelschälen fertig, schnitt sie und holte ein Bund Schalotten aus dem Kühlschrank. „Wo war ich stehengeblieben?“

„Du hast gerade erzählt, wie die Kyles aus ihrer Tochter eine Doris Day machen wollten.“

„Ja, und April schaltete auf stur. Als sie in die Oberschule kam und ich sie kennenlernte, gehörte sie schon zu den Rumhängern. Sie rauchte Gras, fälschte Entschuldigungszettel. Wenn man das in ihrer Akte so liest, muss sie alle zwei, drei Tage ihre Periode gehabt haben. Ihre Noten waren schlecht, sie war unaufmerksam, manchmal aufsässig im Unterricht. Vermutlich hat es deswegen zu Hause häufig Zoff, vielleicht auch Schläge gegeben. Manchmal hatte sie wochenlang Hausarrest. Sobald sie wieder raus durfte, wurde es nur noch schlimmer.“

„Wie bist du mit ihr zurechtgekommen?“

„Ich konnte mit ihr reden.“

„Du könntest mit Jassir Arafat reden“, sagte ich, „und ihm würde es Spaß machen.“

„Aber das wäre auch schon alles. Ich glaube, sie kam ganz gern zu mir. Es war besser als im Unterricht zu hocken. Und besser als nach der Schule abgeholt und heimgefahren zu werden. Besser als auf ihrem Zimmer zu sitzen und nicht fernsehen zu dürfen. Ich hatte den Eindruck, dass es ihr gut getan hat, mit mir zu reden. Aber ich glaube nicht, dass ich sie irgendwie habe beeinflussen können.“ Sie hackte die Schalotten.

„Vor zwei Wochen erschien sie dann nicht mehr in der Schule, und gestern bat mich ihre Mutter um Hilfe.“

„An wen wende ich mich in dieser Sache?“, fragte ich.

„Ich mach dich mit meinen Kollegen bekannt.“ Susan tat die gehackten Schalotten in eine zweite Schüssel. „Die werden dir das eine oder andere sagen können. Und die Jugendlichen, mit denen sie rumgehangen hat – da gibt es einen Typen namens Hummer, eigentlich heißt er Carl Hummel, aber so nennt ihn kein Mensch. Er ist mit ihr gegangen, mehr oder weniger, und er ist … nein, Boss ist ein zu großes Wort, aber er ist der wichtigste Junge in ihrer Clique.“

Susan gab sechs Eier in eine Schüssel und verschlug sie mit einer Gabel. Sie fügte einen Spritzer Tabasco und zwei Esslöffel von meinem Bier hinzu.

„Ist Hummer ein krummer Typ?“, fragte ich.

Sie goss Öl in eine Bratpfanne und ließ die Kartoffeln und die Schalotten folgen. „Kommt auf die Definition an. Nach deinen und Hawks Maßstäben ist er der reinste Musterknabe. Aber für Smithfielder Verhältnisse ist er ein ganz schönes Früchtchen.“

Die Kartoffeln fingen an zu brutzeln. „Gießt du mir mal ein bisschen Wein ein?“

„Aber ja. Du darfst die Schalotten und die Kartoffeln nicht gleichzeitig in die Pfanne tun. Bis du die Kartoffeln weich hast, sind die Schalotten schwarz.“

Susan schenkte mir ein sonniges Lächeln. „Weißt du, was du mich kannst?“

Ich gab ihr den Wein. „Soll das heißen, dass du auf meinen Rat und Beistand verzichtest?“

Sie rührte Kartoffeln und Schalotten mit einem Spatel um.

„Unverzichtbar ist nur dein Körper“, sagte sie.

„Das sagen alle.“

„Ich darf wohl davon ausgehen, dass du April finden wirst“, sagte Susan.

„Locker vom Hocker.“

„Du drückst dich immer so gewählt aus.“

„Aber.“

„Ja, ich weiß“, bestätigte Susan. „Aber was wird, wenn du sie gefunden hast?“

„Ich schätze, dass sie nicht bleibt, wenn ich sie nach Hause schicke.“

„Ich weiß nicht“, sagte Susan. „Das hängt von so vielen Dingen ab. Es kommt drauf an, was für Alternativen sie hat. Wie schlimm es in Boston war, wie schlimm es zu Hause ist. Wenn du sie nach Hause bringst, haut sie vielleicht wieder ab und sucht sich was Besseres.“

„Besser als bei Harry Kyle ist es an vielen Orten.“

Susan und ich aßen ihr Kartoffel-Schalotten-Omelette und tranken zwei Flaschen Great Western Champagne dazu. Die Schalotten waren etwas zerkocht, aber ich verdrückte zwei Portionen und vier warme Brötchen, die Susan aus einer Fertigpackung gebacken hatte.

„Amerikanischer Schaumwein“, stellte ich fest.

„Den Dom Pérignon gibt’s bei mir nicht zum Essen.“

„Das Funkeln deiner Augen ist alles was ich brauche, Schätzchen.“

„Wie schlimm ist es für sie, wenn sie wirklich auf dem Straßenstrich ist?“, wollte Susan wissen.

„Für eine Nutte gilt das als ungelernte Arbeit, die Bezahlung ist jämmerlich, die Freier sind nicht die besten. Sie muss sich oft hinlegen, um was zu verdienen, und das meiste streicht der Zuhälter ein.“

„Ist sie körperlich in Gefahr?“

„Aber ja.“ Ich butterte mir das nächste Brötchen und tat einen Klecks Brombeermarmelade drauf. „Nicht zwangsläufig, aber unberechenbare Freier gibt es immer.“

Susan nahm einen Schluck Sekt. Wir aßen in der Küche, aber Susan hatte Kerzen auf den Tisch gestellt, und in deren flackernden Licht wirkte ihr Gesicht selbst in Ruhestellung lebendig. Es war das fesselndste Gesicht, das mir je begegnet ist. Es sah immer wieder anders aus, so, als ob sich minütlich seine Ebenen um eine Spur verschoben. Selbst im Schlaf schien es Kraft auszustrahlen.

„So befriedigend es sein mag, es den Eltern mal so richtig zu zeigen“, meinte Susan jetzt, „früher oder später muss man sich doch eigentlich dabei vorkommen wie der letzte Dreck.“

„Schon möglich.“

„Die Hauptsache ist jetzt, dass wir sie finden“, befand Susan. „Was wir dann mit ihr machen, können wir uns später immer noch überlegen.“

„Okay.“

„Du solltest es nicht umsonst tun.“

Ich zuckte die Achseln. „Vielleicht teilt sie ja ihr Einkommen mit mir.“

3

Ich saß auf dem Beifahrersitz eines Streifenwagens und unterhielt mich mit einem Smithfielder Cop, der Cataldo hieß. Wir fuhren über die Main Street; die Scheibenwischer kamen bei dem kalten Pladderregen kaum nach. Beim Fahren sah Cataldo aufmerksam nach rechts und nach links. Immer dasselbe, dachte ich. Ob Großstadt oder Provinznest – Cop bleibt Cop, und wenn er schon sehr lange dabei ist, guckt er immer nach beiden Seiten.

„Bei der Kleinen ist alles drin“, sagte Cataldo. „Vier-, fünfmal hab ich sie nach Hause geschafft, da war sie voll wie ’ne Axt. Meist nimmt die Mutter sie in Empfang, macht sie sauber und steckt sie ins Bett, damit der Alte nichts merkt.“

„Tagsüber?“

„Manchmal nachmittags, gelegentlich auch abends. Manchmal liest einer von uns sie in einer Nebenstraße in irgendeiner gottverlassenen Gegend auf und bringt sie zurück.“

„Da hat sie dann jemand abgeladen?“

Cataldo nahm Gas weg, sah sich einen geparkten Wagen genauer an und fuhr weiter. „Gesagt hat sie’s nie, aber ich denke schon. Da kommen ein paar Typen in Daddys Wagen vorbei, laden sie ein, fahren mit ihr spazieren, schieben ihre Nummer und schmeißen sie dann raus.“ „Typen – im Plural?“

„Aber sicher. Im Gruppensex ist sie die Größte, unsere April.“

„Ist sie immer voll?“

Cataldo bog rechts ein. „Nö, manchmal auch high. Und manchmal nur verrückt.“

„High vom Leben.“

„Genau.“

Die Häuser rechts und links von uns waren von Bäumen umgeben und hatten breite Vorgärten. In den Einfahrten standen Volvo-Kombis, VW Rabbits, hier und da eine Mercedes-Limousine. Selten mal ein Chevy Caprice oder ein Buick Skylark. In Smithfield hatte man nicht unbedingt den Buy-American-Tick.

„Festnehmen mussten Sie sie noch nicht?“ Cataldo schüttelte den Kopf.

„Soviel ich weiß, gibt’s bei uns keine städtischen Vorschriften zum Gruppensex oder wenn doch, wenden wir sie jedenfalls nicht an. Ein paarmal haben wir sie mitgenommen, weil sie sich den Anordnungen der Ordnungskräfte widersetzt hat, wie es so schön heißt, aber wir haben ja nicht mal eine Vollzugsbeamtin für den ganzen Tag. Die Mutter kommt immer und holt sie.“

„Wie benimmt sie sich, wenn sie aufgegriffen wird?“, fragte ich.

Cataldo bog in die Einfahrt der High School ein. Rechts auf dem Lehrerparkplatz sah ich Susans Bronco, der wie ein Rhinozeros zwischen den Datsun und Chevettes aufragte. Die Schule war im roten Backsteinstil der sechziger Jahre gehalten, klobig und plump. Eine der Glasscheiben in der Eingangstür war kaputt, ein Stück Sperrholz verdeckte das Loch. Susan war von der Junior High School hierher aufgerückt, als durch Pensionierung eine Stelle freigeworden war. Nie wieder Achtklässler, hatte sie damals gesagt und schien sich auch jetzt, zwei Jahre später, nicht zurückzusehnen. Susan als Schulberaterin, das kam mir immer so vor, als würde man Greta Garbo mit Dick und Doof in einem Film zusammenspannen.

„Kommt drauf an, wie voll oder wie high sie ist. Wenn sie betrunken ist, wird sie gehässig, wenn sie high ist, ist sie eher still und nicht ganz da. So nach dem Motto: Losnehmt-mich-schon-mit-ist-mir-scheißegal. Nüchtern ist sie muffig und abgebrüht und hat ständig eine Zigarette im Mundwinkel hängen.“

„Hat sie einen Freund?“

Cataldo fuhr aus der High School-Auffahrt heraus, und wir kamen in ein Viertel mit teuren Eigenheimen.

„April?“ Er grinste. „Am liebsten gleich ein ganzes Rudel, auf eine halbe Stunde hinten in Daddys Buick.“

„Und sonst?“

Er schüttelte den Kopf. „Nein. Meist hängt sie mit Hummer auf der Straße rum, aber nichts mit Händchenhalten oder Rendezvous oder so.“

Er warf mir einen kurzen Blick zu. „Man muss diese Kinder verstehen, Spenser. Verstehst du? Ich meine, so was wie Freundschaft, das ist bei denen nicht drin. Ebenso wenig wie der Milchshake im Drugstore an der Ecke.“

„Habt ihr hier einen Drugstore?“

„Nein.“

Hinter den toten Novemberrasenflächen, die zaunlos ineinander übergingen, glänzten die neokolonialen Villen im Regen, teure Varianten einer einheitlichen architektonischen Idee. Es war wie bei der Einrichtung der Kyles, nur größer. Das Wohnviertel als fertige Garnitur: großkotzig, funktionell, aufwändig, gut durchdacht und ungefähr so charmant wie ein künstliches Gebiss. Ich dachte voller Sympathie an Los Angeles. Da gibt es noch Freiräume für Firlefanz.

„Wo würden Sie anfangen, wenn Sie April suchen müssten?“, fragte ich.

Cataldo zuckte die Schultern. „Boston wahrscheinlich. Bei uns ist sie nicht. Jedenfalls habe ich sie in den letzten Tagen nicht gesehen. Die meisten Jugendlichen, die hier abhauen, gehen nach Boston.“

„Haben Sie da einen speziellen Tipp?“

„In Boston? Keine Ahnung. Da sind Sie zuständig. Ich komme bestenfalls zweimal im Jahr hin, wenn die Sox spielen.“

„Warum, glauben Sie, verhält sie sich so?“, fragte ich.

Cataldo lachte. „Ich habe zehn Jahre als Dachdecker gearbeitet, ehe ich zur Polizei gegangen bin. Woher soll ich wissen, warum sie sich so verhält? Sie ist ein verkorkstes Stück, wie viele junge Leute hier bei uns.“

„Was ist mit Hummer und seiner Clique, können Sie mich mit denen zusammenbringen? Vielleicht weiß von denen einer, wo April steckt.“

„Zusammenbringen kann ich Sie schon, aber sagen werden die Ihnen nichts. Hummer, das ist der größte Mistkäfer in ganz Smithfield.“

„Krummer Typ?“

Wieder zuckte Cataldo die Schultern. „Eher verkorkst, würde ich sagen.“

Wir rollten bergab und bogen rechts ein. Der Regen schlug kalt und stetig gegen die Windschutzscheibe und trommelte aufs Wagendach.

„Als Jungs haben wir auch krumme Dinger gedreht. Viele von den Typen, mit denen ich aufgewachsen bin, sitzen im Knast. Aber die hatten einen Grund dafür. Sie haben geklaut, weil sie Geld brauchten. Oder haben Krawall gemacht, weil jemand ihre Schwester beleidigt oder ihre Puppe angemacht hat, oder ihnen sonst wie ins Gehege gekommen ist. Die hier hängen einfach rum, brechen Getränkeautomaten auf, schmeißen die Fensterscheiben in der Schule ein, legen Feuer in einem Laden. Und warum? Um zu zeigen wie stark sie sind. Scheiße. So stark wie die sind, nimmt’s noch jede Nutte aus East Boston mit ihnen auf.“ Er schüttelte den Kopf. „Die wissen nicht, wo’s langgeht, haben es nie gelernt.“

Wir waren jetzt am südlichen Stadtrand. Gegenüber waren eine Tankstelle, eine Bowlingbahn, ein paar Läden. An der Tankstelle kriegte man nur Benzin, sonst nichts. Nach 18:00 Uhr nur abgezähltes Geld oder Kreditkarten. Die Bowlingbahn war früher irgendwas anderes gewesen. An der Wand unter der Markise, schön im Trockenen, lehnten ein paar Halbwüchsige mit hochgeschlagenen Kragen, die Hände schützend um ihre Zigaretten gelegt.

„Der mit dem Pelzkragen“, sagte Cataldo, „und den nur halb zugeschnürten Stiefeln.“

„Ja?“

„Das ist Hummer“, sagte er.

„Am besten drehen Sie und setzen mich hier ab. Ich red mal mit ihm.“

„Der wird Sie schön anmotzen. Soll ich mitkommen?“

Ich schüttelte den Kopf. „Gehört bei mir zum Geschäft, mich anmotzen zu lassen.“

Cataldo nickte. „Bei mir auch.“

4

Hummer mochte um die 17 sein. Er hatte bestimmt eine halbe Stunde gebraucht, um den Gammellook so richtig hinzukriegen. Seine hellbraunen Boots waren absichtlich nur bis zu halber Höhe zugeschnürt, die Aufschläge der Jeans verfingen sich gewollt in den schlappernden Schäften. Trotz des kalten Regens stand seine Bomberjacke offen. Der Pelzkragen war hochgeschlagen, der Kragen des Karohemdes stand ebenfalls hoch. Hummer hatte noch drei Boys und zwei Girls bei sich. Sie waren alle ebenso absichtsvoll schlampig angezogen. Vorort-Halbstarke.

Ich dachte immer, dass ich nur gegen Typen mit 80-Dollar-Stiefeln und einem Krokodil auf dem Sweater allergisch bin, aber das ist wahrscheinlich ein Vorurteil. Andererseits war ich in meinem Ledermantel mit Schulterstücken und Gürtel wohl auch eine Art Klischee.

„Bist du Hummer?“, fragte ich.

Er sah langsam auf, nahm einen Zug aus seiner windgeschützten Zigarette und fragte: „Wer will das wissen?“

„Na bitte“, sagte ich. „Du hast wieder mal Starsky und Hutch gesehen und alle guten Sprüche geklaut.“

„Yeah“, sagte Hummer.

„Yeah, du bist Hummer?“, fragte ich. „Oder Yeah, du hast Starsky und Hutch gesehen?“

„Kann Ihnen scheißegal sein.“

Ich blickte eins von den Girls an. Sie war schlank und blond, trug hochhackige schwarze Stiefel, Röhrenjeans und eine gefütterte Weste über einem schwarzen Rollkragenpulli. Sie stützte sich auf einen zusammengerollten Regenschirm mit Schottenmuster wie auf einen Spazierstock. „Ganz schön zäh, was?“, sagte ich.

Sie zuckte die Schultern. „Kann schon sein.“

Zwei Boys sahen sich an und lachten dreckig. Ich schätze es nicht, wenn jemand dreckig über mich lacht, und holte tief Luft. „Ich suche April Kyle. Kann einer von euch mir dabei helfen?“

„April darf “, sagte das Girl mit dem Regenschirm.

„April will“, sagte einer von denen mit der dreckigen Lache, und dann lachten sie alle, ohne es richtig rauszulassen.

„Mann, hauen Sie ab“, sagte Hummer, „uns fällt zu April nichts ein.“

„Brauchst dir nicht einzubilden, dass ich mich nicht an dich rantraue, nur weil du deinen Wachstumsschub noch nicht gehabt hast“, sagte ich.

„Wenn Sie mich anfassen, klagt mein Alter, dann bluten Sie.“

„Schon möglich.

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