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Die Creeds: Wo nur die Liebe zählt

Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Linda Lael Miller

Die Creeds:

Wo nur die Liebe zählt

Roman

Aus dem Amerikanischen von Tess Martin

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Liebe Leser und Leserinnen,

vor Ihnen liegt das zweite von drei Büchern über die Zwillinge Conner und Brody Creed und ihren Cousin Steven – Verwandte der Creeds aus Montana und der McKettricks. Steven ist inzwischen auf einer Ranch in Stone Creek, Arizona, sesshaft geworden, zusammen mit seinem adoptierten fünfjährigen Sohn und seiner Frau Melissa. In Lonesome Bend, Colorado, wo Steven und die Zwillinge wie Brüder aufgewachsen sind, erregt die hübsche Tricia McCall die Aufmerksamkeit von Conner Creed. Kann er ihrem Charme widerstehen? Oder darf der attraktive Rancher endlich auch auf ein glückliches Familienleben mit einer schönen Frau an seiner Seite hoffen?

Herzlich,

Linda Lael Miller

1. KAPITEL

Lonesome Bend, Colorado

N ormalerweise sah Tricia McCall keine Gespenster. Aber manchmal – vor allem, wenn sie einsam, müde oder beides war – glaubte sie aus dem Augenwinkel einen flüchtigen Blick auf ihren Hund Rusty zu erhaschen. Dann wünschte sie sich jedes Mal mit angehaltenem Atem das Unmögliche, und ihr Herz begann, vor Freude und Aufregung höher zu schlagen. Doch wenn sie sich umdrehte, egal wie schnell, war die Labrador-Setter-Mischung nirgendwo zu entdecken.

Natürlich nicht. Rusty war vor sechs Monaten im Schlaf gestorben, alt und zufrieden, mit grauer Schnauze. Immer wenn Tricia an ihn dachte, versetzte es ihr einen schmerzhaften Stich. Was oft der Fall war.

Rusty war fast ihr halbes Leben lang ihr bester Freund gewesen. Mit fünfzehn hatten sie und ihr Dad den rötlichbraunen Welpen unter einem Picknicktisch auf dem Campingplatz gefunden, halb verhungert, zitternd und voller Flöhe.

Sie und Joe McCall hatten Rusty so gut es ging gewaschen, gefüttert und anschließend sofort zu Doc Benchley gebracht, um ihn untersuchen und impfen zu lassen. Von diesem Tag an war Rusty ein Mitglied der Familie gewesen.

Ihre Gedanken wurden durch ein Miauen unterbrochen, das irgendwo von Tricias rechtem Fußknöchel heraufklang.

Im Bademantel und an den Füßen pinkfarbene flauschige Hausschuhe, die sie vor vielen Jahren von ihrer besten Freundin Diana zu Weihnachten geschenkt bekommen hatte, schaute Tricia runter auf Winston, einen schwarzen Kater mit einem weißen Fleck zwischen den Ohren. Er kam häufig zu Besuch, da er nur eine Treppe tiefer mit seinem Frauchen, Tricias Urgroßmutter Natty, zusammenlebte. Zwar waren die beiden Wohnungen durch eine Treppe miteinander verbunden, dennoch gelang es Winston immer wieder, sie zu erschrecken.

„Miau“, wiederholte der Kater, dieses Mal mit mehr Nachdruck, während er voller Ernst zu Tricia hinaufblickte. Was so viel bedeutete wie: Das nennt man Tierquälerei. Natty McCall wirkt vielleicht wie eine harmlose alte Frau, aber in Wahrheit lässt sie mich verhungern, das kannst du mir glauben. Und dagegen musst du unbedingt etwas unternehmen.

„Das klingt total glaubwürdig, so wie dein Atem nach Fisch riecht“, entgegnete Tricia laut. „Ich war schließlich letzten Freitag zu Hause, als die Einkäufe geliefert wurden, schon vergessen? Du müsstest nicht mal hungern, wenn wir bis zum Frühling eingeschneit wären.“

Winston ließ seinen Schwanz zucken, als wollte er sagen: Okay, es war einen Versuch wert. Er durchquerte die kleine Küche und sprang auf Tricias Tisch, wo er es sich direkt auf dem Papierstapel neben dem Drucker bequem machte. Aus halb geschlossenen, bernsteingelben Augen beobachtete er, wie Tricia sich eine Tasse Kaffee einschenkte und dann zu ihm hinüberschlenderte, um den PC einzuschalten. Vielleicht hatte Hunter ja eine E-Mail geschickt, das würde ihre Stimmung zumindest deutlich heben.

Sie war nicht direkt deprimiert, nein, sondern fühlte sich eher wie scheintot, wie in einer Zwischenwelt. Tricia trat auf der Stelle, lange schon. Und das nervte sie.

Der Monitor flackerte auf, und da war es, das Foto von ihr und Hunter, auf dem sie strahlend vor einer Skihütte in Idaho standen und wie – nun – wie ein Paar aussahen. Zwei glückliche und durchschnittlich attraktive Menschen, die zusammengehörten, perfekt ausgerüstet für einen Tag auf der Piste.

Mit einer Fingerspitze berührte sie Hunters gut aussehendes Gesicht. Die Pixel zerstreuten sich wie ein Miniuniversum, das sich nach einem winzigen, geräuschlosen Urknall ausdehnte. Sie stellte den Kaffeebecher auf den kleinen Platz, den Winston ihr zugestand, und sank auf einen Stuhl.

Einen Moment verharrte sie ganz still, die Tasse Kaffee neben sich, nach der sie sich schon verzehrte, seit sie morgens die Augen geöffnet hatte. Den Blick unentwegt auf die fröhliche, verschneite Szenerie auf ihrem Bildschirm gerichtet. Breites Grinsen. Strahlende Augen.

Vielleicht sollte sie ein anderes Foto als Bildschirmschoner nehmen. Oder wieder die Diashow von Rusty hochladen. Doch dafür saß der Schmerz noch viel zu tief.

Also ließ sie den Skiurlaub-Schnappschuss, wo er war. Während ihrer gemeinsamen Zeit in Seattle waren sie und Hunter glücklich miteinander gewesen, damals, vor eineinhalb Jahren, was ihr wie eine halbe Ewigkeit vorkam. Und sie hatten geglaubt, dass sie die Leidenschaft füreinander auch über solch eine Entfernung hinweg aufrechterhalten konnten. Leider war die Beziehung mehr oder weniger im Sand verlaufen.

Sobald sie die maroden Unternehmen losgeworden war, die ihr Vater ihr hinterlassen hatte – den River’s Bend Campingplatz und das Bluebird Autokino am Rand der Stadt –, konnte sie endlich zu ihrem richtigen Leben in der Kunstszene von Seattle zurückkehren. Ihr Wunsch war es, eine kleine eigene Galerie am Pike Place Market oder am Pioneer Square zu eröffnen.

Winston streckte seinen Schwanz, der kurz über Tricias Hand streifte, rollte ihn wieder zusammen und wiederholte das Ganze dann. So behutsam aus ihren Gedanken gerissen, betrachtete sie den schwarzen Katzenschwanz, der an ihren Augen vorbeischwebte und sich mit Präzision direkt auf ihrem Kaffee niederließ.

Tricia schob den Stuhl zurück. Dabei kratzten die Stuhlbeine so laut über den abgenutzten Linoleumboden, dass sie zusammenzuckte. Dann fiel ihr wieder ein, dass Natty diese Woche gar nicht in der Stadt war, da sie ihre neunundachtzigjährige Schwester in Denver besuchte und sich deshalb auch nicht von dem Geräusch gestört fühlen konnte.

Grummelnd ging sie zu dem altmodischen Spülbecken unter dem schmalen Fenster mit Blick auf die Außentreppe, schüttete den Kaffee weg, spülte die Tasse aus und schenkte sich frischen ein.

Winston sprang von dem Papierstapel und landete mit einem lauten, dumpfen Geräusch auf dem Boden. Er war ein etwas rundlicher Geselle.

Tricia, an die Arbeitsplatte gelehnt, gönnte sich ein paar Schlucke von dem heißen, starken Kaffee. Auch ohne Nattys subtile Andeutungen wusste sie, dass sie zu viel Kaffee trank.

Winston hatte also mit Recht auf seinem Frühstück bestanden. Es war ihre Aufgabe, ihn zu füttern und das Katzenklo sauber zu machen, solange ihre Urgroßmutter weg war.

„Na komm“, sagte sie und lief mit der Tasse in der Hand zur Tür. Eine dunkle, enge Treppe führte in Nattys Teil des Hauses. „Nicht dass du mir noch vor Hunger aus den Latschen kippst.“

Du bist noch nicht mal dreißig, bemerkte eine Stimme in ihrem Kopf, und unterhältst dich mit Katzen. Es wird wirklich Zeit, dass du wieder richtig zu leben beginnst.

Seufzend knipste Tricia das Licht an und stieg die Treppe hinunter, sehr behutsam, denn Winston neigte dazu, sich zwischen ihren Füßen in den flauschigen Hausschuhen hindurchzuwinden. Doch auch ohne Winston stellten die Pantoffeln schon eine Stolperfalle dar, selbst auf flachem Boden.

In Nattys Wohnung roch es angenehm nach verbranntem Holz aus dem Ofen, Duftsträußchen und Lavendelpuder, das so viele alte Damen zu lieben schienen.

Lächelnd durchquerte Tricia das mit handgefertigten antiken Möbeln vollgestellte Wohnzimmer. Auf jeder freien Oberfläche lag mindestens ein Häkeldeckchen mit kompliziertem Muster, auf dem wiederum eine kleine Armee Bilderrahmen aufgestellt war. Mit einundneunzig war Natty noch immer sehr rüstig, sie hatte Freunde jeden erdenklichen Alters und engagierte sich sehr in der Gemeinde. Bis zum Vorjahr hatte sie noch immer den jährlichen Spendenbasar des Frauen-Hilfsvereins organisiert, eine sehr beliebte Veranstaltung, die jeweils am letzten Oktoberwochenende stattfand. Das eingenommene Geld kam den örtlichen Schulen zugute, damit sie Farben für den Kunstunterricht oder Musikinstrumente und Uniformen für die Blaskapelle kaufen konnten. Und obwohl Natty als Vorsitzende zurückgetreten war, besuchte sie nach wie vor alle Treffen des Vereins.

Nattys Küche war herrlich altmodisch, so wie der Rest des Hauses – zwar gab es einen Elektroherd, doch der alte Holzofen dominierte den langen, schmalen Raum noch immer. Natty benutzte ihn, wenn sie gerade mal wieder Lust hatte zu backen.

Ohne das übliche knisternde Feuer war es in der Küche ein wenig kühl. Tricia erschauerte, steuerte auf den Speiseschrank zu und stellte ihren Becher auf der Küchentheke ab. Dann nahm sie eine Dose normales Katzenfutter heraus – Sardinen bekam Winston nur sonntags –, öffnete den Deckel und füllte den Inhalt in eine der angeschlagenen, aber immer noch schönen Suppenschüsseln, die extra für diesen Zweck reserviert waren.

Sie beugte sich herab, um die Schüssel vor Winston hinzustellen. Durch die Bodenbretter drang frostige Luft, das konnte Tricia sogar durch die Sohlen ihrer albernen Hausschuhe spüren.

Während Winston sein Fressen hinunterschlang, ließ sie frisches Wasser in eine Schale laufen und platzierte sie ebenfalls vor ihm. Dann schaute sie aus dem Erkerfenster, die Arme gegen die Kälte um sich geschlungen, und erwartete fast, Schneeflocken zu sehen.

Ein Schneesturm war in diesem Teil Colorados nichts Ungewöhnliches, selbst Mitte Oktober nicht, darum konnte Tricia nur hoffen, dass das gute Wetter noch etwas anhielt. Die Saison war für den Campingplatz nicht besonders gut verlaufen, aber zum Spendenbasar würden wie immer Besucher aus der ganzen Umgebung anreisen. Viele von ihnen kamen mit Zelten oder Wohnwagen, um ein letztes Mal für dieses Jahr ein paar sonnige Urlaubstage am Flussufer zu verbringen. Mit dem wenigen, was Tricia für den Platz und Strom berechnete, und dem Geld aus den Verkaufsautomaten konnte sie ein paar Monate überleben.

Vielleicht kam ja doch noch irgendwann eine großzügige Seele vorbei und kaufte ihr die Grundstücke ab, die Joe ihr hinterlassen hatte. Bisher allerdings hatte sich noch niemand auf die Verkaufsschilder gemeldet.

Tricia seufzte, beobachtete Winston noch einen Moment beim Fressen, und lief dann wieder zur Treppe. Es war noch früh am Morgen, doch sie hatte auf dem Campingplatz jede Menge zu tun. Die Saisonarbeiter waren bereits abgereist, weshalb sie jetzt selbst an der Rezeption saß, ans Telefon ging, falls es einmal klingelte, und zwischendurch schnell verschwand, weil sie die Duschen und Toiletten putzen musste. Nach dem wichtigen Wochenende Ende des Monats wollte sie den Campingplatz für dieses Jahr schließen.

Während sie die Treppe zu ihrer Wohnung hinaufging, verspürte sie einen Kloß im Hals. Die Tür ließ sie für Winston einen Spalt offen. In Ihrer Kindheit war sie gern im Sommer nach River’s Bend gekommen, damit sie ihrem Dad mit dem Campingplatz und dem Autokino „helfen“ konnte. Auch damals hatten sie immer bei Natty und ihren verschiedenen, gut genährten Katzen gewohnt, die alle nach von ihr bewunderten historischen Figuren benannt waren.

Einer hieß Abraham, der nächste General Washington. Daraufhin folgten der gefürchtete Kater Laurel Roosevelt und schließlich Winston, dessen Namensgeber der Zigarre rauchende Premierminister war, der England durch die dunkelsten Stunden des Zweiten Weltkriegs geführt hatte.

Als sie in ihrer eigenen, wärmeren Küche angelangt war, lächelte Tricia wieder. Doch gerade wollte sie sich an den Computer setzen, um endlich ihre E-Mails zu checken, da klopfte es unten an der Hintertür.

Winston jaulte erschrocken auf, kam wie eine schwarze, haarige Kugel durch den Türspalt geschossen und raste schnurstracks in Tricias Schlafzimmer, wo er sich vermutlich unter dem Himmelbett oder vielleicht auf dem höchsten Regal in ihrem Schrank versteckte.

Einmal war er vor Schreck sogar die Vorhänge in ihrem Wohnzimmer hinaufgeklettert, und sie und Natty hatten lange schmeichelnd auf ihn einreden müssen, bis er wieder heruntergeklettert war.

Wieder hämmerte es an der Tür, lauter diesmal.

„Ach, Himmelherrgott noch mal“, stieß Tricia brummend hervor, ein Ausruf, den sie von Natty übernommen hatte, knotete den Gürtel ihres Bademantels fester und ging erneut zur Treppe. Dabei murmelte sie einen weiteren Lieblingsspruch von Natty: „Immer langsam mit den jungen Pferden!“

Doch der ungeduldige Besucher klopfte schon wieder. Und zwar so nachdrücklich, dass die Fenster im Erdgeschoss des Hauses klirrten.

Daraufhin folgte eine kurze Stille.

Tricia war schon halb die Treppe hinuntergerannt, angetrieben von frühmorgendlicher Wut, da ertönte das Geräusch erneut, aber dieses Mal aus einer anderen Richtung. Nämlich von ihrer Tür, der Tür, die sich zur Außentreppe öffnete.

Ein Wort murmelnd, das sie definitiv nicht von ihrer Urgroßmutter aufgeschnappt hatte, wandte sie sich um und stampfte wieder die Treppe hinauf in ihre Wohnung.

Winston miaute, allerdings gedämpft.

„Ich komme schon!“, schrie sie, als sie eine ihr vage vertraut vorkommende männliche Gestalt durch das ovale Milchglas in ihrer Tür erspähte. Lonesome Bend war eine Stadt mit weniger als fünftausend Einwohnern, von denen die meisten schon immer hier lebten, genau wie ihre Eltern, Großeltern und Urgroßeltern. Darum hatte Tricia es sich längst abgewöhnt, erst nachzuschauen, wer es war, bevor sie die Tür öffnete.

Conner Creed stand vor ihr, die Faust zu einem weiteren Klopfen erhoben, ein verlegenes Lächeln auf den Lippen. Sein blondes Haar war zwar etwas lang, aber trotzdem ordentlich gekämmt, er trug eine blaue Jeansjacke über einem weißen Hemd und dazu Jeans und Stiefel.

„Tut mir leid“, sagte er, bei Tricias Anblick.

„Weißt du, wie viel Uhr es ist?“, fragte Tricia.

Er ließ seinen Blick über ihre Haar wandern, das wahrscheinlich in alle Richtungen abstand, da sie es noch nicht gebürstet und zu dem üblichen schlichten, langen Zopf gebunden hatte, dann über den schäbigen Bademantel bis zu den komischen Hausschuhen. Dass er das schaffte, ohne dabei unverschämt zu wirken, fand Tricia irgendwie … nun, irgendwie eben, mehr nicht.

„Halb acht“, antwortete er, nachdem er auf die Uhr gesehen hatte. „Ich wollte Miss Natty Feuerholz vorbeibringen, wie gewünscht, doch sie macht nicht auf. Deshalb habe ich mir Sorgen gemacht. Geht es ihr gut?“

„Sie ist in Denver“, erklärte Tricia steif.

Sein Lächeln haute sie fast um. „Tja, das erklärt dann wohl, warum sie nicht aufgemacht hat. Ich dachte schon, sie wäre hingefallen oder so was.“ Er schwieg einen Moment. „Hast du schon Kaffee gekocht?“

Zwar kannte sie Conner, wie so ziemlich jeden hier in der Stadt, sie kannte ihn aber nicht gut – sie verkehrten nicht in denselben Kreisen. Tricia war in Seattle aufgewachsen, von den goldenen Sommern mit ihrem Dad einmal abgesehen, während die Creeds in dieser Gegend Rinder züchteten, seit die Stadt existierte – also seit dem späten 18. Jahrhundert. Zu neunundneunzig Prozent überzeugt, dass dieser Mann kein Amokläufer oder Serienvergewaltiger war, trat sie errötend zurück und lächelte. „Ja, Kaffee ist fertig. Bedien dich.“

„Danke“, sagte er mit lang gezogenem Cowboyakzent und schlenderte gelassen an ihr vorbei wie ein Mann, der sich wohlfühlt, egal wo, ob auf einem buckelnden, halbwilden Pferd oder mit beiden Beinen fest auf dem Boden. Er roch nach frischer Landluft und einer Mischung aus hölzernem Aftershave, Heu und irgendwas Minzigem – wahrscheinlich Zahnpasta oder Mundwasser.

Tricia schloss die Tür hinter ihm und beobachtete Conner dabei, wie er einen Schrank öffnete, dann einen anderen, einen Becher fand und sich Kaffee einschenkte.

Einerseits bestürzt, mit wild zerzaustem Haar und in diesem Bademantel ertappt worden zu sein, und zugleich erstaunt über seine Dreistigkeit, gelang es Tricia, nicht zu lächeln. Sie überlegte, was sie über Conner Creed wusste. Er lebte auf der Familienranch, hatte einen Zwillingsbruder namens Cody oder Brody oder so, war nie verheiratet gewesen und hatte es laut Natty auch nicht eilig, daran etwas zu ändern.

„Bestimmt wird meine Urgroßmutter sich freuen, dass du das Holz gebracht hast“, meinte sie schließlich, wobei sie sich um einen neutral freundlichen Ton bemühte, der aber leider einfach nur langweilig klang. „Natty liebt ihr Kaminfeuer, vor allem, wenn es wieder kälter wird.“

Conner musterte Tricia aus einer Entfernung, die ihr längst nicht weit genug vorkam, und zog eine Augenbraue hoch. Dann gönnte er sich einen zweiten großen Schluck aus dem Becher, bevor er fragte: „Wann kommt sie zurück? Miss Natty, meine ich?“

„Wahrscheinlich nächste Woche“, erwiderte Tricia, überrascht, dass sie so ein Gespräch führte. Schließlich kam es nicht alle Tage vor, dass ein attraktiver, wenn auch ziemlich großspuriger Rancher versuchte, praktisch bei Tageseinbruch eine Tür einzuschlagen und dann in der Küche Kaffee zu schlürfen, als ob ihm das Haus gehörte. „Oder erst in zwei Wochen, wenn es ihr besonders gut gefällt.“

„Miss Natty hat gar nicht erwähnt, dass sie verreisen will“, stellte Conner nach einem weiteren Schluck Kaffee fest.

Die Bemerkung irritierte Tricia. Seit wann spielte sich Conner Creed als Beschützer ihrer Urgroßmutter auf? Auf einmal wollte sie nur noch, dass er verschwand, aus ihrer Küche und aus ihrem Haus. Allerdings schien er es mit dem Verschwinden genauso wenig eilig zu haben wie mit dem Heiraten.

Dabei verbrauchte er den gesamten Sauerstoff in diesem Raum.

Dachte er vielleicht, dass sie Natty gefesselt und geknebelt in einem Schrank versteckt hatte?

Sie deutete auf die Treppe. „Du kannst gern nachsehen, wenn du dich dann besser fühlst. Und, übrigens, du hast die Katze erschreckt.“

Wieder schenkte er ihr dieses Unschuldslächeln, bei dem seine Augen so strahlten, und Tricia stellte fest, dass die blaue Iris von einem grauen Ring umrahmt war. Und er hatte blendend weiße Zähne.

Halt, ermahnte sie sich stumm. Ihre Gedanken aber wirbelten weiterhin wild in ihrem Kopf durcheinander.

„Wenn du sagst, dass Miss Natty in Denver ist, um mit ihrer Schwester auf den Putz zu hauen, dann gehe ich davon aus, dass das stimmt.“

„Ach je, da bin ich aber erleichtert“, entgegnete Tricia trocken und verschränkte die Arme vor der Brust. Dann, nach einer Pause: „Wenn das alles ist …“

„Tut mir leid, dass ich die Katze erschreckt habe“, meinte Conner leutselig, stellte den Becher in die Spüle und ging Richtung Tür. „Tatsächlich hat mich das Viech noch nie besonders leiden können. Hat wohl schnell kapiert, dass ich eher der Hunde- und Pferdetyp bin.“

Tricia öffnete den Mund, schloss ihn dann jedoch wieder. Was sollte sie dazu auch sagen?

Conner legte eine Hand auf den Türknauf und blickte noch einmal über seine männliche, breite Schulter zu ihr zurück. Übermut blitzte in seinen Augen auf. „Wenn es dir nichts ausmacht, mich hinunterzulassen, fülle ich die Holzkisten auf. Für den Rest wird vermutlich Platz im Schuppen sein.“

Sie nickte und fühlte sich merkwürdig desorientiert, und zu allem Überfluss musste sie außerdem alles, was dieser Mann sagte, erst aus irgendeiner fremden Sprache in ihre übersetzen, bevor die Bedeutung seiner Worte in die graue Masse zwischen ihren Ohren drang.

„Dann treffen wir uns gleich an Nattys Hintertür“, meinte sie, doch Conner war bereits auf den Weg nach draußen.

Anschließend blieb sie wie angewurzelt stehen und lauschte dem dumpfen Klacken von Conners Stiefeln auf der Außentreppe.

Winston kam aus dem kurzen Flur gekrochen, der zum Schlafzimmer der Wohnung führte, schlich hinüber zu Tricia und begann freundlich zu schnurren, während er um ihre Beine strich.

Obwohl sie gern genug Zeit gehabt hätte, um sich was anzuziehen, ihre Frisur zu richten und etwas Make-up aufzulegen, ging Tricia wieder nach unten in Nattys Wohnung, durchquerte die Küche und öffnete die Hintertür.

Conner stand schon auf der Veranda und grinste sie an. Nachdem er sie noch einmal eindringlich von Kopf bis Fuß gemustert hatte, schüttelte er leicht den Kopf und rieb sich mit einer Hand den Nacken.

„Danke“, sagte er amüsiert. „Ab jetzt schaffe ich es allein.“

Er merkt, wie unwohl ich mich fühle und dass er mich in Verlegenheit bringt, und er genießt es auch noch.

„Ich komme in ein paar Minuten wieder, um hinter dir abzuschließen“, entgegnete sie, das Kinn stolz gereckt, damit Conner kapierte, dass er sie nicht nervös machte.

Gut, vielleicht ein bisschen, wenn sie ehrlich war. Doch nicht etwa, weil es zwischen ihnen knisterte, sondern weil sie es einfach nicht gewöhnt war, sich im Bademantel mit fremden Männern zu unterhalten, das war alles.

„Von mir aus gern“, erwiderte Conner, stellte den Kragen seiner Jacke gegen den Wind auf, drehte sich um und stieg die Treppe von Nattys Veranda hinab. Sein großer roter Truck mit lehmbespritzten Rädern und Türen parkte vor dem Holzschuppen.

Nur mit Mühe widerstand Tricia dem seltsamen und unangemessenen Wunsch, laut die Tür hinter ihm zuzuknallen. Stattdessen schloss sie sie sanft, machte auf dem Absatz kehrt und floh in ihre Wohnung.

In ihrem kleinen Schlafzimmer schlüpfte sie hastig in Jeans, einen blauen Kapuzenpullover und Turnschuhe. Schnell wusch sie sich im Badezimmer das Gesicht, putzte sich die Zähne und bändigte ihr Haar zu einem ordentlichen Zopf.

Dabei lauschte sie dem dumpfen Geräusch von Holzscheiten, die in die Kiste neben Nattys Kamin und Ofen geworfen wurden.

Beinahe wäre sie über Winston gestolpert, der sich direkt vor ihrer Schlafzimmertür im Flur rekelte.

„Das“, fluchte Tricia, während sie versuchte, das Gleichgewicht zu halten, „ist wirklich ein toller Platz, um sich auszustrecken.“

„Miau“, bestätigte Winston zufrieden, rollte den Schwanz ein und schien nicht vorzuhaben, diesen Platz irgendwann in nächster Zeit zu räumen.

Tricia nahm sich einen Moment Zeit zur Besinnung – warum renne ich eigentlich durch die Gegend, als ob ein Feuer ausgebrochen ist? –, strich mit den Handflächen über ihre Jeans und holte einmal tief Luft.

Während sie einen Becher fettarmen Joghurt löffelte, stellte sie sich auf die Zehenspitzen, damit sie durch das Fenster über ihrer Küchenspüle spähen konnte, durch das sie einen guten Blick auf den Hinterhof hatte.

Sie hatte vollkommen vergessen, ihre E-Mails zu lesen.

Nachdem er Miss Nattys Holzvorrat aufgefüllt hatte, lud Conner eine ganze Ladung duftendes Kiefernholz von seinem Truck, um es ordentlich im Schuppen zu stapeln. Anschließend konnte er sich um den nächsten Punkt auf seiner Liste kümmern – ein Dutzend fünfzig-Pfund-Säcke mit der Spezialmischung aus Hafer und Alfalfa kaufen, mit der er seine Pferde fütterte. Vor der Rückfahrt wollte er dann noch bei Doc Benchley vorbeifahren, und das Impfserum für die im Frühling geborenen Kälber abholen. Doc war der einzige Tierarzt in der Stadt.

Anders als viele seine Kollegen hatte Hugh Benchley sich nicht spezialisiert. Er behandelte jedes Tier, preisgekrönte Hereford-Bullen genauso wie Yorkshire Terrier, die klein genug waren, um in eine Teetasse zu passen. Und er schien in absehbarer Zukunft nicht vorzuhaben, sich zur Ruhe zu setzen, obwohl er längst in einem Alter war, in dem andere ihre Zeit lieber beim Fischen oder in dem schicken neuen Casino am Stadtrand verbrachten.

„Wenn ich meine Praxis schließe, werde ich keine sechs Monate mehr leben“, hatte er mehr als einmal zu Conner gesagt.

Conner verstand ihn, da er selbst bei der Arbeit aufblühte – je körperlich anstrengender, desto besser. Auf diese Weise musste er nicht über Dinge nachdenken, die ganz und gar nicht nach seinen Wünschen verlaufen waren – wie beispielsweise seine Beziehung, falls man das überhaupt so nennen konnte, zu seinem Zwillingsbruder Brody.

Er klopfte sich den Staub von den Lederhandschuhen und marschierte auf seinen Truck zu. Irgendein Instinkt ließ ihn zum Fenster im zweiten Stock aufschauen, und ein ungewohnt prickelndes Gefühl machte sich in ihm breit, als er glaubte, Tricia McCall dort zu sehen.

Das hättest du wohl gern, dachte er und kletterte in sein Fahrzeug.

Er hatte Tricia schon oft gesehen, meistens aus einiger Entfernung, aber ein oder zwei Mal auch aus nächster Nähe.

Warum hatte er nie bemerkt, wie hübsch Nattys Urenkelin mit ihrem frischen Teint und den dunklen, ernsten Augen war? Sie hatte einen schönen schlanken Körper – das war ihm sofort aufgefallen, daran hatte auch dieser lächerliche Bademantel nichts ändern können. Allein mit ihr im selben Zimmer zu sein, hatte ihn an die Zeit erinnert, als er und Brody Kinder gewesen waren. Neun oder zehn Jahre alt und vollkommen furchtlos hatten sie sich damals gegenseitig angestachelt, den elektrischen Zaun, der die Weide von der Landstraße trennte, anzufassen.

Es hatte kurz zuvor noch geregnet, und sie standen beide in nassem Gras. Der Schlag hatte sie auf den Rücken geworfen, und nachdem sie wieder zu Atem gekommen waren, hatten sie sich vor Lachen die Bäuche gehalten.

Da jede Erinnerung an Brody schmerzvoll war, auch eine gute, vermied Conner es normalerweise, an seinen Bruder zu denken. Er legte den Gang ein und fuhr von Miss Nattys Auffahrt, während seine Gedanken wieder zu Tricia wanderten.

Als Kind hatte Tricia oft die Sommerferien bei ihrem Dad in Lonesome Bend verbracht. Sie war schüchtern gewesen und hatte immer an Joes Rockzipfel geklebt, während er sich fröhlich um seine Angelegenheiten kümmerte. Schon damals war das heruntergekommene Autokino ein Verlustgeschäft gewesen, genauso wie der Campingplatz.

Wie all seine Freunde war Conner, wann immer es ging, bei River’s Bend schwimmen gegangen, allerdings konnte er sich nicht entsinnen, dass Tricia auch nur ein einziges Mal zumindest einen Zeh ins Wasser getaucht hatte. Sie saß ernst und im Schneidersitz auf dem Kai, immer in einem alten Badeanzug, ein Handtuch unter den Arm geklemmt, und beobachtete die anderen dabei, wie sie sich vollspritzten und herumtollten.

Damals hatten sie alle Tricia McCall für ein wenig seltsam gehalten– wahrscheinlich, weil ihre Eltern geschieden waren und in unterschiedlichen Staaten lebten, was damals etwas sehr Ungewöhnliches gewesen war, zumindest in Lonesome Bend.

Da sein älterer Cousin Steven jedoch auch immer zwischen der Ranch und seinem Zuhause in Boston hin- und herpendelte, hatte Conner früher weder Tricia noch die Situation besonders merkwürdig gefunden. Sie war eben einfach still und blieb lieber für sich. Ein bisschen neugierig hatte sie ihn gemacht, mehr aber auch nicht. Schließlich hatte sie die Stadt immer Ende August wieder verlassen, genau wie Steven, um irgendwann im nächsten Juni wiederzukommen.

Conner bog auf den Parkplatz des Futtergeschäfts und fuhr rückwärts an eine der Laderampen. Er stellte den Motor ab, stieg aus und sprang auf die Rampe, um beim Verladen der Säcke zu helfen, die bereits auf ihn warteten.

Und noch immer kreisten seine Gedanken um Tricia.

Auch als Teenager hatte Tricia ihren Dad jeden Sommer besucht und war weiterhin meistens für sich geblieben. Die beliebtesten Mädchen bezeichneten sie als Snob, als hochnäsiges Stadtkind, das sich für was Besseres hielt und etwas gegen Landeier hatte. Sie trug den Ring irgendeines Typen an einer Kette um den Hals, wie Conner sich erinnern konnte, und da er davon ausgegangen war, dass sie etwas Ernstes am Laufen hatte, war er ihr aus dem Weg gegangen.

Außerdem war er total verrückt nach Joleen Williams gewesen, dem platinblonden wilden Mädchen mit einem Körper, der wirklich keine Wünsche offen ließ.

Jemand stieß Conner den Ellbogen in die Seite, was ihn sofort wieder in die Gegenwart zurückholte. Malcolm, Joleens Halbbruder und Conners Klassenkamerad, grinste ihn an, während er sich mit zwei Säcken unter den Armen an ihm vorbeischlängelte. „Mach mal Platz, Creed“, zog Malcolm ihn auf. Sein rundes Gesicht war rot und verschwitzt vor Anstrengung und wegen seiner Vorliebe für Triple-Cheeseburger und mehr Bier als selbst Brody vertrug. „Manche Leute müssen hier arbeiten.“

Lachend schlug Conner seinem Freund auf die Schulter. Der Tag war extrem kalt, doch die Sonne strahlte am blauen Himmel, und die Zitterpappeln, die die Straßen und die Ausläufer des Gebirges von Lonesome Bend säumten, wechselten bereits die Farbe. Wo man auch hinsah, loderte es wie Feuer: knallrot und golden, hellgelb und orange und in einer Million Schattierungen dazwischen.

„Wie geht’s, Malcolm?“, fragte er, weil die Leute in einer Kleinstadt sich immer gegenseitig fragten, wie es ihnen ging, selbst wenn sie sich erst eine Stunde zuvor bei der Post oder beim Einkaufen über den Weg gelaufen waren. Und noch wichtiger: Sie interessierten sich tatsächlich für die Antwort.

„Mir ging’s gut, bis du aufgetaucht bist“, erklärte Malcolm, warf die Futtersäcke auf den Truck und ging wieder zurück, um die nächsten zu holen. „Was für extravagante Pferde haltet ihr eigentlich heutzutage auf eurer Ranch? Vollblüter vielleicht? Dieses Zeug kostet doppelt so viel wie normales Futter, und ich könnte schwören, dass es auch schwerer ist.“

Conner hievte lachend einen Sack in die Höhe. „Vielleicht solltest du dich hinsetzen und etwas ausruhen“, witzelte er. „Wäre doch dumm, wenn du ausgerechnet auf der Rampe einen Herzinfarkt bekommst.“

„Ein Herzinfarkt wäre überall dumm“, gab Malcolm zurück und belud den Truck weiter. „Himmel, ich bin dreiunddreißig.“

Ernüchtert von der Wendung, die die Unterhaltung genommen hatte, blieb Conner ihm die Antwort schuldig.

„Hast du das von Joleen gehört?“, fragte Malcolm, nachdem sie die letzten Säcke verstaut hatten.

Conner sprang von der Rampe und knallte die Heckklappe seines Trucks lauter zu als nötig. Seit Jahren schon war er über Malcolms Schwester hinweg, aber die bloße Erwähnung ihres Namens traf ihn immer noch wie ein gezielter Hieb in den Magen. „Was ist mit ihr?“ Er schaute zu Malcolm hoch, der in grelles Sonnenlicht getaucht auf der Laderampe stand wie ein übergewichtiger Erzengel.

„Sie kommt nach Lonesome Bend zurück“, antwortete Malcolm. Sein Ton klang merkwürdig. Beinahe vorsichtig.

„Nichts für ungut, Malcolm. Doch nichts könnte mich weniger interessieren.“

Malcolm schwieg für einen Moment. Dann fragte er schnell. „Soll ich das Futter wie immer auf deine Rechnung setzen?“

„Das wäre nett.“ Conner öffnete die Tür seines Trucks. „Danke, Malcolm.“

„Conner?“

Malcolm war etwas zur Seite getreten. Er sah ernst aus.

„Was ist?“, fragte Conner.

Schwer seufzend riss Malcolm sich die Mütze vom Kopf und trocknete sich mit einem Ärmel den Nacken. „Sie kommt mit Brody“, erklärte er und klang dabei so, als ob er Schmerzen hätte. „Ich denke … sie sind zusammen.“

Alles in Conner erstarrte. Als ob das ganze Universum um ihn herum zum Stillstand gekommen wäre. Endlich fand er seine Stimme wieder. „Ich schätze, das ist ihre Angelegenheit“, erwiderte er dann gleichgültig, „nicht meine.“

2. KAPITEL

D er Wind kräuselte die Oberfläche des Wassers. Dort, wo der Fluss sich in die Biegung schmiegte und von einem Steinstrand umarmt wurde wie ein Mädchen von ihrem Cowboy, war das Wasser ruhig. Weiter draußen aber war er ziemlich wild und hatte eine sehr starke Strömung. Etwa eine Meile flussabwärts gab es Stromschnellen, die direkt in die Wasserfälle mündeten.

Regelmäßig wurden Freizeitsportler in ihrem Kanu oder Jugendliche in einem Reifenschlauch fortgerissen, zum Wasserfall und auf die scharfen Klippen zwanzig Meter tiefer geschleudert.

Ein Wunder, dass bisher noch niemand ums Leben gekommen ist, dachte Tricia, zog ihre Jacke fester zu und musterte das felsige Ufer. Überall lagen zerdrückte Bierdosen, Zigarettenkippen und Fast-Food-Verpackungen herum – wieder einmal hatten Jugendliche hier eine Party gefeiert.

Seufzend zog sie ein Paar Plastikhandschuhe aus der Tasche und faltete eine große Mülltüte auseinander. Zwar hatte sie ein „Betreten verboten!“-Schild aufgestellt, aber das schien genauso wenig Wirkung zu zeigen wie ihr Verkaufsschild.

Die Dosen hob sie zuerst auf – sie gehörten in die Recycling-Tonne –, bevor sie den restlichen Müll einsammelte.

Tricia war gern draußen, trotz der Kälte. Der Himmel war knallblau, und es roch nach Herbst. Den Müll von anderen wegzuräumen gehörte selbstverständlich nicht gerade zu ihren Lieblingsbeschäftigungen. Heute wäre der perfekte Tag für ein Lagerfeuer, dachte sie, während sie sich nach einer Chipstüte bückte.

Das war der Moment, in dem sie plötzlich in die Augen eines Hundes sah.

Versteckt unter demselben Picknicktisch, unter dem sie und Joe vor so vielen Jahren Rusty entdeckt hatten, hockte eine dürre Promenadenmischung mit Kletten und Zweigen im Fell und Traurigkeit in den glänzenden braunen Augen.

„Hey“, sagte Tricia und ging in die Hocke.

Der Hund versuchte wimmernd, sich außer Reichweite zu bringen, als sie sich ihm näherte.

„Ist schon gut“, murmelte sie. Sie bemühte sich, ihr Herz ein wenig zu stählen, aber es blieb ganz weich. „Ich tu dir nichts, Kumpel.“

Sie legte die Hände auf die Schenkel und betrachtete den Hund ausgiebig. Unter dem ganzen Dreck war er wahrscheinlich hellbeige, was sich aber erst nach einem Bad herausstellen würde. Da er kein Halsband trug, geschweige denn eine Hundemarke, glaubte Tricia nicht eine Sekunde, dass ein besorgter Hundebesitzer nach ihm suchte.

Langsam streckte sie eine Hand aus, noch immer in dem Plastikhandschuh. Der würde sie natürlich auch nicht vor einem Biss schützen. Das arme Tier knurrte kläglich.

Tricia zog die Hand zurück. „Keine Sorge“, sagte sie sanft. „Warte hier, ich bringe dir etwas zu essen.“

Sie stand auf und schlug den direkten Weg zur Blockhütte ein, in der sich das Büro und einige Automaten befanden. Vorher warf sie die Tüten in den Müll und ließ die Handschuhe folgen.

Im Ofen brannte ein Feuer, dessen Flammen sich in der lackierten Tischplatte der Rezeption spiegelten.

Tricia verharrte einen Moment und spürte ein Ziehen in der Brust. Dieser Raum hatte viele glückliche Gesichter gesehen – Familien, die es kaum erwarten konnten, ihre Zelte aufzuschlagen, ihr Essen unter freiem Himmel zu kochen und im ruhigen Teil des Flusses zu baden. So gern Tricia den Campingplatz und das Autokino auch verkaufen und für immer nach Seattle zurückzukehren wollte, würde es doch schwer werden, das alles aufzugeben.

Hastig schüttelte sie die Gedanken ab, ging um den Tresen und durchwühlte ihre Tasche nach dem Kleingeld, das sie regelmäßig hineinwarf.

Als sie eine Handvoll Quarters, Dimes und Nickels hervorgekramt hatte, stellte sie sich vor den Automaten. Chester, der den Automaten mit Sandwiches, Schokoriegeln und Chips auffüllte, war schon länger nicht mehr da gewesen. Und da die Saison sich dem Ende zuneigte, war die Auswahl recht dünn.

Am Ende entschied sie sich für ein Schinkensandwich in einer Schachtel mit durchsichtigem Deckel – die Ecken des Brots hatten sich schon aufgerollt –, warf die angegebene Anzahl Münzen in den Schlitz und drückte auf den Knopf. Das Sandwich fiel in die Klappe.

Tricia betrachtete es widerwillig, seufzte und marschierte zurück zur Tür. Draußen zog sie den Deckel von der Schachtel und ging zum Picknicktisch.

Insgeheim hatte sie gehofft, dass der Hund verschwunden wäre. Aber natürlich war er genau dort, wo sie ihn zurückgelassen hatte. Er hob den Kopf von seinen Pfoten und schnupperte zögerlich.

Tricia brach das Sandwich in zwei Teile und hielt dem Hund ein kleines Stück hin.

Er zögerte, als rechnete er mit einem hinterhältigen Trick – das Leben war bisher ganz offensichtlich nicht gut zu ihm gewesen –, entschied dann aber, das Risiko einzugehen. Binnen einer Sekunde schlang er das Stück hinunter. Tricia gab ihm mehr und noch mehr, in kleinen Bissen, bis nichts mehr übrig war.

„Wenn du da rauskommst, kaufe ich dir noch ein Sandwich“, lockte sie ihn. Die nassen Blätter hatten ihre Jeans inzwischen vollkommen durchweicht.

Der Hund schien seine – oder ihre – Möglichkeiten abzuwägen.

Tricia erhob sich, ging ein paar Schritte rückwärts und rief ihn ein zweites Mal.

Ein rauer Wind blies vom Fluss ans Land und drang ihr bis in die Knochen. Sie sehnte sich nach heißem Kaffee und der bulligen Hitze ihres Büros, aber sie würde diesen Hund nicht allein in der Kälte lassen.

Es bedurfte einer Menge Geduld und Überredungskunst, aber irgendwann krabbelte das arme kleine Vieh unter dem Tisch hervor und richtete sich auf.

Definitiv ein Männchen, dachte Tricia. Und wahrscheinlich nicht kastriert.

„Hier lang“, sagte sie sehr sanft und zeigte ihm den Weg zu der Hütte, die ihr Dad immer beschönigend als „Lodge“ bezeichnet hatte. Der Hund humpelte hinter ihr her, mit gesenktem Kopf, die Hüft- und Rippenknochen stachen hervor.

Tricias Herz zog sich zusammen. War er weggelaufen oder ausgesetzt worden? Vielleicht irgendwo auf dem Highway? So etwas passierte immer wieder.

Der Hund tapste vorsichtig über die Schwelle, taumelte auf seinen dürren Beinchen zum Ofen und ließ sich mit einem tiefen Seufzen davor plumpsen, als ob er am Ende einer langen und sehr schweren Reise angekommen wäre.

Tränen brannten in Tricias Augen. In Lonesome Bend gab es kein Tierheim. Nur Hugh Benchley, der Tierarzt, nahm herumstreunende Hunde und Katzen auf, wenn er in den Käfigen hinter seiner Praxis Platz hatte. Seine drei Töchter, die alle bei ihm arbeiteten, bemühten sich dann immer, ein Heim für die armen Tiere zu finden, was ihnen auch oft gelang.

Aber nicht immer.

Die Tiere, die niemand wollte, kamen auf Benchleys kleine Farm oder, wenn dort kein Platz mehr war, in ein Tierheim im nahegelegenen Denver.

Dieser kleine Kerl würde vielleicht Glück haben und eine Familie finden, die ihn liebte. Aber bis dahin sollte er noch ein Sandwich aus dem Automaten bekommen und etwas Wasser. Wahrscheinlich hatte er in der letzten Zeit nur Wasser aus dem Fluss getrunken.

Während der Hund fraß, rief Tricia in Doc Benchleys Praxis an, um zu verkünden, dass sie einen Hund gefunden hatte, den sie zum Impfen vorbeibringen würde – und für den sie hoffentlich einen Platz hatten. Becky, Docs älteste Tochter, die die Buchhaltung für ihren Vater machte, nahm ab. Sie war um die vierzig, pummelig und glücklich mit einem Milchbauern verheiratet. Becky hatte ein Herz von der Größe Colorados, seufzte aber, als Tricia ihr von dem Hund erzählte.

„Das hört einfach nie auf“, sagte sie traurig. „Wir platzen momentan aus allen Nähten. Frank sagt, wenn ich noch ein Tier mit nach Hause bringe, verlässt er mich.“

Frank Garson betete seine Frau an und würde sie niemals verlassen, aber Tricia verstand, was Becky sagen wollte.

„Vielleicht könnte ich mich eine Zeit lang um ihn kümmern“, erwiderte sie zögernd und errötete dann heftig. „Um den Hund, meine ich. Nicht um Frank.“

Becky lachte. Sie klang fast, wie immer, nur ein wenig müde. Vielleicht sogar deprimiert. „Das wäre gut.“

„Aber nicht für immer“, fügte Tricia schnell hinzu.

„Bist du über Rusty noch immer nicht hinweg?“, fragte Becky sehr sanft. Als Tochter eines Tierarztes kannte sie diese spezielle Trauer über den Verlust eines geliebten Haustiers. „Wie lange ist das jetzt her, Tricia?“

Tricia schluckte, sah, wie der kleine Hund aufstand, die Zunge in die Kaffeedose mit dem Wasser tauchte und geräuschvoll zu trinken begann. „Sechs Monate“, sagte sie leise.

„Vielleicht ist es an der Zeit …“

Obwohl Tricia die Augen zusammenkniff, lief ihr eine Träne über die rechte Wange. „Nicht, Becky, bitte. Ich bin noch nicht so weit, mir einen neuen Hund zu suchen.“

„Wir suchen uns die Tiere nicht aus“, entgegnete Becky freundlich. „Sie suchen uns aus.“

Natürlich konnte Tricia nicht erwarten, dass jemand sie verstand. Sobald ein Immobilienwunder geschah – und Tricia musste einfach daran glauben, um nicht verrückt zu werden –, würde sie aus Lonesome Bend wegziehen und in irgendeinem Apartment im Zentrum von Seattle leben, wo nur sehr kleine Hunde erlaubt wären.

Sie schluckte wieder und wischte sich die Wange mit der freien Hand trocken. Der kleine Hund stieß die Kaffeedose um, und das restliche Wasser ergoss sich auf den Holzboden. „Wie auch immer …“

„Wie wäre es mit elf Uhr dreißig?“, unterbrach Becky sie. „Was den Termin betrifft, meine ich?“

Tricia war einverstanden.

Sie legte auf und holte einen Mopp aus dem Abstellraum. Als sie zurückkam, duckte sich der Hund verängstigt. Tricia Herz, sowieso schon angeschlagen durch Rustys Tod, zog sich schmerzhaft zusammen. „Ich bin nicht böse auf dich, Kumpel“, sagte sie weich. „Alles ist gut.“

Sie wischte das verschüttete Wasser auf und nahm sich vor, Hundefutter, Näpfe und vielleicht einen Hundekorb zu kaufen, am besten im Sonderangebot, da allein der Arztbesuch schon viel Geld kosten würde. Der Hund konnte hier im Büro bleiben, bis sich ein neuer Besitzer für ihn gefunden hatte. Er brauchte einen Namen, aber ihm einen zu geben stellte eine Verpflichtung dar, die Tricia nicht eingehen wollte, somit musste Hund eben reichen.

Ihn mit nach Hause zu nehmen, würde es – genau wie ein Name – später nur noch schwerer machen, ihn wegzugeben. Davon abgesehen wäre Winston bestimmt wenig begeistert. Außerdem wollte Tricia keinen anderen Hund an all den Plätzen sehen, wo Rusty gelebt hatte.

Wobei sie jetzt wünschte, Rustys Sachen nicht so übereilt weggegeben zu haben. Jetzt hätte sie sie gut gebrauchen können.

Der Hund sah sie mit so hoffnungsvollen Augen an, dass sich irgendetwas tief in ihrem Innersten regte. Dann wackelte er, nach dem Essen etwas sicherer auf den Beinen, zum Automaten und presste seine nasse Schnauze ans Glas.

Tricia musste kichern. „Tut mir leid“, sagte sie. „Kein altes Sandwich mehr für dich.“

Er schien sie tatsächlich zu verstehen, was natürlich verrückt war. Die Tatsache, dass sie Rusty an derselben Stelle gefunden hatte, wie – nun, wie den Hund – machte ihr zu schaffen, und das war einzig und allein ihre Schuld. Sie ließ es zu, dass das passierte.

Als sie ihm frisches Wasser brachte, warf er die Dose nicht noch einmal um.

Nach und nach wurden sie Freunde, nach dem Motto zwei Schritte vor und einen zurück. Tricia bezweifelte, dass er sich in einer der öffentlichen Duschen würde abschrubben lassen, aber wenigstens ließ er sie die Zweige und Kletten aus seinem Fell klauben.

Um elf Uhr fünfzehn gelang es ihr sogar, ihn auf den Rücksitz ihres alten blauen Pathfinder zu setzen, ohne gebissen zu werden. Ein gutes Zeichen entschied sie. Langsam wurde es besser.

Vielleicht.

Die Tierarztpraxis lag in einer kleinen Wellblechhütte aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs, an die sich ein Backsteingebäude anschloss. Es war potthässlich, vielleicht sogar eine Verschandelung der Landschaft, aber das schien niemanden zu stören. Die Leute von Lonesome Bend schätzten Doc sehr. Er machte sich immer sofort auf den Weg, wenn eine Kuh oder ein Pferd krank wurde, egal ob am helllichten Tag oder mitten in der Nacht. Dutzenden, wenn nicht Hunderten von Katzen und Hunden hatte er das Leben gerettet und außerdem einigen Papageien und exotischen Echsenarten.

Mit seinem uralten grünen Pick-up fuhr er durch Schneestürme, die weniger mutige und mit viel besseren Autos ausgestattete Fahrer eingeschüchtert hätten, und ein oder zwei Mal hatte er im Notfall auch Menschen behandelt.

Tricia bemerkte gar nicht, wie viele Autos auf dem unbefestigten Parkplatz vor der Klinik parkten, weil sie so in Gedanken war.

Beinahe wäre sie mit Conner Creed zusammengeprallt. Er war mit kleinen Schachteln beladen und trug einen ramponierten braunen Hut.

„Entschuldigung“, sagte sie, als ihr Herz wieder normal schlug. Oder zumindest fast.

Er antwortete etwas, aber Tricia war bereits um ihn herumgegangen. Sie hatte es merkwürdig eilig, ihm aus dem Weg zu gehen.

Becky stand hinter der Rezeption. Sie trug einen bunten Kittel mit pinkfarbenen herumtollenden Katzenbabys darauf und hielt ihr ungefragt ein Halsband und eine Leine entgegen. Ihre Augen funkelten, als sie zuerst Tricia und dann Conner betrachtete.

„Danke“, murmelte Tricia.

Als sie sich umdrehte, war Conner verschwunden. Ihre Erleichterung wurde nur noch von ihrer Enttäuschung übertroffen.

Umso besser, sagte sie sich streng. Du bist schließlich nicht auf der Suche nach einem Mann. Du hast Hunter, stimmt’s? Unabhängig davon, dass sie Hunter in letzter Zeit weder gesehen noch gesprochen hatte.

Draußen hatte Conner gerade die Schachteln in seinem Truck verstaut. Er rückte seinen Hut zurecht und sah sie schon wieder so offensichtlich abschätzend an.

„Brauchst du Hilfe?“, fragte er träge.

Tricia fiel auf, dass sie wie angewurzelt stehen geblieben war, und zwang sich weiterzugehen. Röte bedeckte ihre Wangen. „Das schaffe ich schon“, meinte sie.

Conner kam trotzdem auf sie zu, und als sie die Hintertür ihres Pathfinders öffnete, schob er sie zur Seite. „Lass mich das machen“, sagte er und nahm ihr Halsband und Leine aus der Hand. Er hob den hechelnden Hund aus dem Wagen, setzte ihn auf den Boden und reichte Tricia die Leine. „Wie heißt er?“

„Ich nenne ihn Hund.“

„Sehr fantasievoll.“ Conner grinste schief.

Tricia versteifte sich. „Ich habe ihn unter einem der Picknicktische in River’s Bend gefunden, heute Morgen.“

Was das allerdings mit der Namensgebung zu tun hatte, wusste sie selbst nicht. Die Worte purzelten einfach aus ihrem Mund, als ob sie sich ohne jegliches Zutun ihres Hirns von selbst formten.

„Also lässt du ihn hier?“, fragte Conner. Er grinste nach wie vor, aber nicht mehr so breit, und seine Stimme hatte eine leichte Schärfe angenommen.

„Nein. Er bleibt in meinem Büro, bis ich ein Zuhause für ihn gefunden habe.“

Leider gab Conner sich damit nicht zufrieden. Er ging vor dem Hund in die Hocke und streichelte seine großen Ohren.

„Ein Name ist doch wohl nicht zu viel verlangt“, sagte er sanft.

Ohne großen Erfolg zog Tricia an der Leine. „Wir müssen jetzt“, zischte sie. Als ob sie für den Rest des Tages irgendetwas anderes zu tun hätte, als Toiletten auf dem Campingplatz zu putzen. „Komm schon – Hund.“

Conner erhob sich wieder. Tricia musste den Kopf in den Nacken legen, um ihm ins Gesicht sehen zu können.

Ich mag kleinere Männer, dachte sie aus welchem Grund auch immer. Hunter war mit einem Meter sechsundsiebzig genau richtig. Perfekt, um genau zu sein. Er war der perfekte Mann.

Wenn es einen nicht störte, die meiste Zeit ignoriert zu werden.

Oder wenn man davon absah, dass er keine Kinder wollte. Oder dass er Tiere nicht besonders mochte.

„Er wird eine Weile in der Praxis bleiben“, sagte Conner. „Wir könnten zusammen Mittagessen.“

Tricia blinzelte. Sie wusste nicht, was sie erwartet hatte, aber falls sie überhaupt etwas erwartet hatte, dann mit Sicherheit keine Essenseinladung. Soll das vielleicht ein Date werden? Die Vorstellung jagte einen kleinen beschämenden Schauer über ihren Rücken.

„Natty ist eine gute Freundin von mir“, fuhr Conner fort und rückte wieder seinen Hut zurecht. „Und nachdem du und ich einen schlechten Start hatten, dachte ich …“

„Hatten wir nicht“, behauptete sie, ohne zu wissen, weshalb. Diese merkwürdige Spannung zwischen ihnen ließ sie schnippisch werden. „Einen schlechten Start, meine ich.“

Wieder legte sich sein träges Grinsen über ihr Herz wie eine warme Decke. Hastig zog sie an der Leine, und diesmal war der Hund bereit, ihr zu folgen. Erleichtert ging sie auf die Tür zu.

Doch Conner kam einfach mit. Er war eine ziemlich hartnäckige Nervensäge – das musste man ihm lassen.

„Ach du je“, rief Becky, kam um den Tisch herum und nahm Tricia die Leine aus der Hand. „Ich schätze, du musst erst mal gebadet werden“, erklärte sie dem Hund. Dann fügte sie an Tricia gewandt hinzu. „Das wird mindestens eineinhalb Stunden dauern. Eher zwei. Die Praxis ist brechend voll.“

Der Hund wimmerte flehend, sein klarer Blick wanderte zwischen Tricia und Conner hin und her. Bitte lasst mich nicht hier.

Ich muss einfach härter werden, dachte Tricia, und das ist der beste Zeitpunkt, um damit anzufangen.

„Mr Creed und ich gehen Mittagessen“, hörte sie sich mit vollkommen normaler Stimme sagen, was sie selbst erstaunte. „Danach komme ich wieder her.“

„Gute Idee“, stimmte Becky mit einem kleinen Zwinkern zu. So wie Conner zuvor, hockte sie sich dann vor den Hund und sah ihm in die Augen. „Du brauchst keine Angst zu haben“, sagte sie. „Wir werden uns gut um dich kümmern, das verspreche ich.“

Er leckte über ihr Gesicht, und sie lachte.

„Hey, Valentino“, rief sie. „Du bist ja ein echter Herzensbrecher.“

Valentino, dachte Tricia.

Oh, Gott, jetzt hatte er einen Namen.

Doch als Becky aufstand und den Hund wegführte, stieß er so ein klägliches Wimmern aus, dass Tricias Augen sich mit Tränen füllten.

„Wir haben deine Handynummer, oder?“ Becky blickte über ihre Schulter zu Tricia, die noch immer wie angewurzelt auf derselben Stelle verharrte. „Sie hat sich nicht geändert?“

„Nein“, gelang es Tricia zu krächzen. Sie spürte, wie Conner ihren Ellbogen umfasste. Dann schob er sie sanft zur Tür und hinaus auf den Parkplatz.

„Mittagessen“, sagte er leise.

Ihr Handy zirpte in der Handtasche. Sie sah auf das Display und lächelte, wenn auch schwach. „Hi“, stand da. „Mom hat mir ihr Handy gegeben, damit ich dir schreiben kann, dass wir einen Ausflug zum Seattle Aquarium machen. Es ist der Hammer!“

Tricia antwortete mit einem einzigen Wort: „Großartig.“

„Wir brauchen nicht mit zwei Autos zu fahren“, bemerkte Conner.

Und schon saß Tricia auf dem Beifahrersitz seines riesigen Trucks, das Handy wieder in der Handtasche.

Es ist ja nur ein Mittagessen, sagte sie sich, während sie auf das Diner mitten in der Stadt zusteuerten. Von dem teuren Steakhaus auf dem Highway Richtung Denver abgesehen war es das einzige Restaurant in Lonesome Bend.

Alle Rancher trafen sich hier zum Mittagessen oder zu Kaffee und Kuchen, aber auch die Stadtbewohner waren gern hier. Es war immer voll, doch das Essen schmeckte, und die Preise waren vernünftig. Tricia aß ab und zu das Soup-and-Sandwich-Special an der Bar, weil die Tische normalerweise immer besetzt waren.

Heute allerdings war ein Tisch frei, ein seltener Glücksfall zur Mittagszeit.

Tricia fragte sich, ob das Universum Conner Creed immer so gefällig war.

Conner nahm den Hut ab und hängte ihn an einen Haken neben der Tür, so wie er es vielleicht zu Hause in der eigenen Küche tat. Er nickte Elmers Frau Mabel zu, der einzigen Bedienung, die zu sehen war.

Mabel, eine freundliche Klatschbase, verschaffte sich mit einem langen Blick auf Tricia und Conner einen Überblick über die Situation. Dann breitete sich ein strahlendes Lächeln auf ihrem Gesicht aus, und sie zwitscherte: „Bin gleich bei euch, Leute.“

Conner wartete, bis Tricia auf die Bank gerutscht war, dann setzte er sich ihr gegenüber und griff nach der Speisekarte. Für den Fall, dass Sasha sich noch mal melden oder Doc Benchley wegen Valentino anrufen würde, legte Tricia das Handy vor sich auf den Tisch. Außerdem fischte sie eine Flasche Handdesinfektionsmittel aus ihrer Tasche und drückte etwas davon auf ihre Handfläche.

Conner zog eine Augenbraue hoch – und grinste.

„Man kann nicht vorsichtig genug sein“, erklärte Tricia, merkte aber selbst, wie defensiv sie klang.

„Sicher kann man das“, entgegnete Conner ungerührt.

Tricia schob die Flasche in seine Richtung. „Krankheitserreger gibt es überall“, sagte sie mit gesenkter Stimme, damit Mabel oder Elmer sie nicht hören konnten und womöglich dachten, sie kritisiere das Lokal.

„Ja“, stimmte Conner fröhlich zu, ohne von der Speisekarte aufzusehen. „Aber zu viel von dem Zeug kann einem das Immunsystem durcheinanderbringen.“

Sie kam sich töricht vor. Conner war ein erwachsener Mann. Wenn er eine schreckliche Krankheit riskieren wollte, war das ganz allein seine Angelegenheit. Solange nicht er das Essen zubereitete, konnten ihr seine Hygienemaßnahmen vollkommen schnuppe sein.

Also warf sie das Fläschchen hastig zurück in ihre Handtasche.

Mabel kam mit Bleistift und Block herbei, um ihre Bestellungen entgegenzunehmen.

Auf Tricias Nachfrage erklärte Mabel, dass es sich bei der Tagessuppe um Brokkoli-Cremesuppe mit geröstetem Knoblauch nach eigenem Rezept handelte.

Alle Frauen in und um Lonesome Bend waren stolz auf ihre Rezepte. Natty beispielsweise wachte streng über das geheime Rezept für ihr Chili, das jedes Jahr beim Spendenbasar Scharen ...

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