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Wo immer du bist

Über die Autorin

Cylin Busby war Lektorin für Kinderbücher und Redakteurin für ein Jugendmagazin, bevor sie anfing, Geschichten zu schreiben. Inzwischen hat sie mehrere Bücher veröffentlicht. Wo immer du bist ist ihr erster Roman, der auf Deutsch erscheint. Sie wurde dazu inspiriert, nachdem ihr Vater eine Nahtoderfahrung durchlebt hatte. Die Autorin wohnt mit ihrer Familie in Los Angeles.

BASTEI ENTERTAINMENT

1. Kapitel

Da weint jemand. Ein Mädchen. Es ist kein schönes Weinen wie bei einer Schauspielerin, der die Tränen leise über das hübsche Gesicht rinnen. Dieses Mädchen schluchzt, schnieft, schnappt nach Luft. Ein lautes Geheul. Ich muss aufwachen. Ganz egal, wer sie ist, ich muss ihr helfen. Ich zwinge mich, die Augen zu öffnen, aber ich sehe niemanden. Nur eine weiße Wand mit einem Apparat davor. Ich erkenne eine Blutdruckmanschette und eine große Messskala, wie in einer Arztpraxis. Auf einmal verstummt das Weinen. Wo ist das Mädchen? Ich muss sie finden. Irgendwas stimmt hier nicht, ganz und gar nicht. Ich versuche mich im Bett aufzusetzen, aber das geht nicht. Meine Arme sind festgebunden. Auch meine Beine sind irgendwie fixiert. Ich liege in einem Bett auf dem Rücken und kann mich nicht bewegen. Mein Herz rast. Ich falle, ich falle.

Meine Kehle machte mich wahnsinnig. Sie war so rau und trocken, Schlucken war unmöglich. Die schlimmsten Halsschmerzen der Welt. Ich schlug die Augen auf. War heute Schule? Wie spät war es? Was für einen Tag hatten wir? Ich befand mich in einer seltsamen Position – obwohl ich auf dem Bauch lag, schaute ich auf den Boden. Es war, als ob ich schwebte. Und ich konnte mich nicht bewegen. Die Fliesen unter mir waren grün und weiß. Ich falle, dachte ich. Aber ich falle nicht. Ich hänge in der Luft.

Dann verlor ich das Bewusstsein.

Als ich wieder aufwachte, schaute ich auf weiße Fliesen – Deckenfliesen diesmal. Eins war sicher, ich lag im Krankenhaus. Mein Hals tat so weh, ein betäubender Schmerz. Dieser Schmerz war alles, woran ich denken konnte. Dann hörte ich ein Geräusch und verstand erst gar nicht, dass es meine eigene Stimme war, die »Aaaaaah« machte.

Um mich herum war es still. Neben meinem Kopf pumpte irgendeine Maschine. Auf der anderen Seite hörte ich ein vollkommen gleichmäßiges Piepsen. Piep. Pause. Piep. Pause. Piep.

Ich konnte mich ein bisschen umschauen. Etwas umgab meinen Kopf und meine Schultern, etwas Großes, Weißes, das in mein Blickfeld kam, wenn ich ganz weit nach rechts oder links guckte. Drehen konnte ich den Kopf nicht. »Aaaaaah«, sagte ich wieder. Ich wollte »Durst« sagen, doch meine Kehle war so ausgedörrt, dass ich das Wort nicht herausbekam. Da steckte was in meiner Nase. Ich wollte mir ins Gesicht fassen und fühlen, was es war, aber meine Hand ließ sich nicht bewegen. Irgendetwas um mein Handgelenk hielt den Arm nieder. Auf der anderen Seite ebenso. Ich schaute nach unten, konnte jedoch nichts erkennen. Was war los? Wer hatte das mit mir gemacht? Und warum?

Als ich wieder aufwachte, stand eine Frau an meinem Bett. Sie hielt mein Handgelenk und hatte den Blick auf ein Gerät gerichtet. Ich schaute nach unten und konnte meinen Arm in ihren Händen sehen. Er sah ganz normal aus. Nicht geschwollen oder so. Aber er fühlte sich komisch an, als wäre er mit einer dicken Transchicht bedeckt. »Aaaaaah«, sagte ich zu der Frau. Sie schaute mich an und lächelte. Meine Muskeln entspannten sich. Ein Glück, endlich ein richtiger Mensch, der mir sagen konnte, was los war.

»Wie geht’s, Mr West?«, fragte sie, wandte den Blick jedoch gleich wieder ab, als wäre es ihr egal, dass ich wach war. War ich schon lange hier? Wo waren meine Eltern? »Aaaaaah.« Noch ein Versuch.

»So.« Die Krankenschwester tätschelte meinen Arm. »Alles in Ordnung.« Sie legte meine Hand ab und rieb sie, dann schob sie meinen Arm unter eine Art breiten Gurt, der über das Bett gespannt war. Ihre Berührung fühlte sich merkwürdig an, als trüge sie einen dicken Handschuh. Mit einem Klicken bewegte sie etwas am Fußende, dann am Kopfende. »So«, sagte sie leise, dann kippte das Bett, und ich lag plötzlich in einem Neunzig-Grad-Winkel auf der Seite. Bestimmt war ich angeschnallt, sonst wäre ich direkt auf den Boden gefallen. Aber ich fiel nicht. Ich lag steif da, ans Bett gefesselt, und schaute auf die Wand und die Tür. Und da lernte ich Olivia kennen.

Kennenlernen ist zu viel gesagt, ich hörte sie. Und auch das stimmt nicht ganz – ich hörte ihre Mutter.

Nachdem die Krankenschwester mich herumgedreht hatte, ging sie, ohne auch nur zu fragen, ob ich ein Glas Wasser wolle. Ich hörte Schuhe, hochhackige Schuhe, die über die Fliesen klackten, und sah, wie eine Frau an der Tür vorbeiging. Sie war groß und dünn und trug etwas Rotes, ein Kostüm vielleicht oder einen Mantel. Sie ging an meiner Tür vorbei in das Zimmer nebenan. Zwischen den Zimmern war keine richtige Wand, nur so ein großes dickes Ziehharmonikading. Obwohl es ganz zugezogen war, konnte ich fast alles hören. »Hallo Schatz!«, sagte jemand mit heiterer Stimme. Vermutlich die Frau in Rot.

»Ich hab dir deine Lieblingsblumen mitgebracht, rosa Rosen. Schau mal, wie winzig sie sind. Man nennt sie Miniaturrosen. Ich dachte mir, die gefallen dir bestimmt.« Ihre Stimme war angenehm und hatte einen fremden Klang, als wäre sie Französin oder Italienerin oder so. Ich hörte, wie sie einen Stuhl heranzog. »Ich erzähl dir mal, was ich heute gemacht habe. Schade, dass du nicht dabei warst. Ich war bei Nordstrom und hab unendlich viele Badeanzüge anprobiert. C’était terrible

Ich wartete auf eine Antwort von der Person, mit der sie sprach, aber die sagte nichts und hörte sich nur die langweiligen Shoppingerlebnisse der Frau an. Badeanzüge, dachte ich. Es war doch Winter. Warum sollte jemand mitten im Winter einen Badeanzug kaufen? Mir wurde heiß, mein Gesicht wurde schweißnass, als hätte ich eine Panikattacke. Welchen Monat hatten wir? Dann sprach die Frau von einer Reise, die sie zusammen mit einem Mann unternehmen wollte, und wie sie sich darauf freute, dem »Schnee und dem scheußlichen Wetter hier« zu entkommen, und wie gern sie ihren »kleinen Engel« mitnehmen würde. Ein Glück, es war also immer noch Winter.

Während sie weiterredete, wurde ihre Stimme immer leiser und nahm einen beruhigenden Klang an. Man konnte hören, dass sie die Person liebte, zu der sie sprach. Sie sagte Sachen, die ich gern hören wollte: Alles wird wieder gut, jetzt bin ich ja da. Für einen Moment schloss ich die Augen, doch als ich sie wieder öffnete, schaute ich immer noch auf dieselbe Wand.

Über das Geräusch der Apparate hinweg versuchte ich die Stimme der Französin zu hören. Jemand summte, und ich wollte etwas sagen, aber wieder brachte ich nur diesen Laut heraus.

»Dann bist du also wach.« Eine Stimme schwebte zu mir herüber. Ich konnte nicht sehen, woher sie kam, von irgendwo hinter mir. »Ich bin Olivia, deine Nachbarin. Ich weiß schon, dass du West heißt. Versuch gar nicht erst zu sprechen. Du hast einen Beatmungsschlauch im Hals.«

Als sie das sagte, begriff ich, woher das komische Gefühl im Hals kam: ein Schlauch. Die pustende Maschine: ein Beatmungsgerät. Was hatte das zu bedeuten, wie schlecht ging es mir? Ich hörte etwas heranrollen, und dann stand ein Mädchen vor mir. Ein zartes Mädchen mit großen dunklen Augen. »Und übrigens bist du gelähmt, falls dir das noch keiner gesagt hat.«

Nein. Das konnte nicht sein. Ich war nicht gelähmt. Ich konnte mich doch bewegen. Ich versuchte, die Handgelenke zu drehen, aber sie waren angeschnallt. Ich war nicht gelähmt, nur angeschnallt. Zum Beweis versuchte ich die Finger zu heben, aber ich war mir nicht sicher, ob es gelang.

»Glaubst du mir nicht?«, fragte sie. Sie kam zu meinem Bett, einen Infusionsständer hinter sich herziehend. Schläuche führten in ihren Arm und ihren Handrücken. Sie streckte einen Arm aus. »Spürst du das?«, fragte sie vom Fußende aus. »Natürlich nicht – du bist gelähmt, deshalb.«

Ich konzentrierte mich auf die untere Hälfte meines Körpers. Ich spürte ihn, ich spürte das Gewicht meiner Beine. Sie waren da. Ich versuchte einen Fuß zu bewegen. Bewegte er sich? Ich wusste es nicht. Es fühlte sich so an, als wären auch meine Beine festgeschnallt. Als wären sie dick eingewickelt. Aber wenn ich das spürte, konnte ich nicht gelähmt sein, oder? Ich merkte, dass mein Herz wieder anfing zu rasen, kalter Schweiß brach mir aus. Es stimmte nicht, was das Mädchen sagte. Wieso kam sie hier rein und erzählte mir ganz nebenbei so etwas Schreckliches?

Olivia schob ihren Infusionsständer zu dem Stuhl in der Ecke, schlang sich den weißen Bademantel um den zierlichen Körper und setzte sich. »Falls du’s noch nicht wusstest, tut es mir leid. Bestimmt bist du deprimiert. Ich bin Tänzerin, also wenn mir das passieren würde, wenn ich gelähmt wäre, dann würde ich … ich weiß nicht, was ich dann machen würde«, sagte sie leise.

Ich bin nicht gelähmt!, hätte ich am liebsten geschrien. Hau ab, hau einfach ab. Ich will dein Gequatsche nicht hören. Meine Eltern werden herkommen und mir erklären, was passiert ist.

Sie schaute auf ihre Zehenspitzen, streckte und beugte sie mehrmals. »Bestimmt fragst du dich, weshalb ich hier bin«, sagte sie und strich sich den dunklen Pony aus den Augen. »Ich hab mal achtunddreißig Kilo gewogen, aber das kannst du dir bestimmt nicht vorstellen. Das kommt davon, wenn man den ganzen Tag nur im Bett liegt. Und das hier« – sie zeigte auf den Infusionsbeutel, der an der Metallstange hing –, »das ist Flüssignahrung. Lecker!« Als sie lächelte, fiel mir auf, dass ihre Zähne winzig wie Milchzähne waren und eine komische Farbe hatten, ein dunkles Weiß, aber vielleicht wirkte das nur so seltsam im Kontrast zu ihrer blassen Haut.

Ich kannte solche Mädchen. Durchgeknallte essgestörte Tussis. Wahrscheinlich hing sie mir jetzt den ganzen Tag auf der Pelle und erzählte mir von jeder einzelnen Kalorie, die sie aß.

»Du hattest einen Unfall mit dem BMX-Rad, ich hab deine Eltern darüber reden hören.« Sie schaute mir ins Gesicht. »Erinnerst du dich?« Sie starrte mich an, als könnte ich ihr antworten. »Blinzle einfach einmal für Ja und zweimal für Nein«, sagte sie und seufzte genervt.

Ich blinzelte einmal, dann blinzelte ich schnell zweimal. Blinzelte ich? Es fühlte sich so an, aber vielleicht war mein Gesicht ja auch gelähmt. Ich hatte das Gefühl, die Lippen nicht bewegen zu können.

»Erinnerst du dich dran oder nicht?« Ihre Augen waren wie schwarze Murmeln, ohne Pupillen. Sie waren schön, aber auch unheimlich zu der blassen Haut und den dunklen Haaren. Jetzt blinzelte ich zweimal, nur um eine Antwort zu geben, aber ich war verwirrt. Ich spürte meine Beine überhaupt nicht, und meine Arme fühlten sich so merkwürdig an.

Ich überlegte angestrengt, was als Letztes passiert war, vor … dem hier. Es war verschwommen, wie ein morgendlicher Traum, wenn man zu lange geschlafen hat. Ich erinnerte mich an Allie, meine Freundin. Die blonden Haare wehen ihr ins Gesicht, sie schaut mir zu. Ich fahre mit Mike auf dem Trail am Steinbruch im Wald, wir üben verschiedene Tricks. Und … und dann, was ist dann passiert? Da waren nur einzelne Fetzen. Auf einmal wusste ich es. Etwas Schlimmes war passiert. Jemand hatte sich verletzt. Jemand weinte.

Olivias Stimme durchschnitt meine Gedanken. »Dachte mir schon, dass du dich nicht erinnerst, noch nicht«, sagte sie. »Später kommt es bestimmt zurück«, sagte sie leise. »So war das bei mir auch.« Wenn sie doch mal kurz aufhören würde zu reden, damit ich nachdenken konnte. Aber meine Gedanken waren ein einziges Wirrwarr. Ich konnte mich nicht länger als ein paar Sekunden auf eine Sache konzentrieren. Der Hals tat mir so weh.

Olivia schaute mich mit einem traurigen Ausdruck an, dann stand sie auf und zog den Infusionsständer zu sich heran. »Schon fast sechs. Dann kommt deine Mutter gleich – sie kommt immer um diese Zeit.« Sie schlang sich den weiten Bademantel um den Körper und ging ohne ein Wort, nicht mal Tschüs sagte sie.

»Na, mein Junge.« Moms Stimme weckte mich. Hatte ich geschlafen? Hatten wir immer noch denselben Tag – war nicht eben noch das Mädchen hier gewesen? Meine Mom. Ich wollte sie so gern sehen.

»Hi Schatz.« Sie kam ums Bett herum. Jetzt sah ich sie, und sie war es wirklich. Sie benahm sich so normal und sah so normal aus. Sie trug ihren marineblauen Wollmantel, als käme sie gerade nach Hause und ich säße auf dem Sofa vorm Fernseher. Sie zog den Stuhl heran, setzte sich dicht neben mich und strich mir die Haare aus dem Gesicht. »Ich weiß, dass du dagegen bist, aber wir müssen was mit deinen Haaren unternehmen. Die machen dich doch bestimmt verrückt.«

Ihre Miene war ruhig, sie lächelte ein wenig und schaute mir in die Augen. Warum benahmen sich alle so normal? Merkten die nicht, dass ich völlig durch den Wind war? Ich kam mir vor, als hätte ich Gedächtnisschwund oder so. Ich versuchte zu sprechen. »Der Schlauch macht dir immer noch zu schaffen, was?« Sie wischte mir über die Augenwinkel. »Es tut mir so leid, ich würde ihn ja gern rausnehmen, aber du brauchst ihn zum Atmen, weißt du?« Die Haare fielen mir wieder über die Augen, und sie strich sie zurück, streichelte meine Stirn. »Es ist so ein Glück, dass ich dich habe, weißt du das? Mit jedem Tag wirst du kräftiger, und bald schon kannst du nach Hause, bald.«

Ich gab den einzigen Laut von mir, zu dem ich imstande war, ein Grunzen, wie ein Räuspern. Meine Mutter schaute zur Tür. »Der Schlauch ist sehr unangenehm für ihn – können Sie mal danach sehen?«, sagte sie zu jemandem hinter ihr.

»Natürlich, Mrs Spencer. Wir müssen seine Matratze wieder drehen«, sagte eine weibliche Stimme. Sie klang wie die Stimme der Krankenschwester von vorhin, die meinen Blutdruck gemessen hatte, und als sie in mein Blickfeld trat, sah ich, dass sie es war – eine ältere, rundliche Frau in Schwesterntracht mit zurückgesteckten Haaren. Sie löste irgendwas am Fußende des Betts und drehte die Matratze wieder so herum, dass ich auf dem Rücken lag und zur Decke schaute. »Er braucht auch noch Augentropfen.« Die Schwester leuchtete mir mit einer winzigen Taschenlampe in die Augen, und ich musste blinzeln. »Sollen wir seine Lider nicht doch lieber schließen? Das könnte Irritationen vermeiden«, sagte die Schwester und sah meine Mutter an.

»Oh nein, das würde er schrecklich finden, bitte nicht«, sagte meine Mutter.

Die Schwester zuckte die Achseln. »Wie Sie wollen.« Sie nahm etwas von einem Tablett neben dem Bett und träufelte mir eine Flüssigkeit in die Augen. Alles wurde verschwommen, und ich hatte ein schmieriges Gefühl in den Augen. Die Schwester berührte meinen Hals, meine Kehle. Sie zog an etwas. »Stört es Sie, wenn ich den Schlauch ausspüle, während Sie dabei sind?«, fragte sie meine Mutter. »Es ist kein so schöner Anblick.«

»Ich muss heute sowieso früh los, ich sag jetzt einfach auf Wiedersehen und lasse Sie Ihre Arbeit machen«, sagte meine Mutter. Sie beugte sich über mich, sodass ich ihr Gesicht sehen konnte. »Tut mir leid, dass ich heute nicht so lange bleiben kann. Tschüs, mein Schatz. Bis morgen, ja?« Sie gab mir einen Kuss auf die Wange und lächelte mich an. Sie hatte nicht mal den Mantel ausgezogen.

Die Schwester winkte ihr nach, als sie ging. »Deine Mutter ist ein guter Mensch«, sagte sie leise, beugte sich über mich und machte sich an dem Schlauch in meinem Hals zu schaffen. »So ein Glück haben nicht alle.« Die Schwester machte eine Kopfbewegung zu der Trennwand zwischen meinem und Olivias Zimmer. »Die Mutter von dem Mädchen ist so was von anstrengend«, flüsterte sie und schüttelte den Kopf. »Nie ist ihr irgendwas gut genug für ihre Olivia. Anstrengend«, sagte sie wieder und zog einen durchsichtigen Plastikschlauch heraus. »Kein Wunder, dass der dich stört. Mal kurz auf deine Karte gucken«, sagte sie und ging zum Fußende des Betts, raus aus meinem Blickfeld. Sie sprach immer noch, aber leise jetzt und mehr mit sich selbst. »Muss dran denken, mit Cheryl zu reden … Sie glaubt, du spürst das nicht …« Ich hörte, wie sie etwas auf die Karte kritzelte.

Dann war sie wieder über mir und machte sich mit konzentriertem Blick an meinem Hals zu schaffen. Auf einmal spürte ich kühles Wasser in der Kehle. Ich versuchte zu schlucken, aber das Wasser war zu weit unten und lief einfach von selbst in mich hinein. »Gut gemacht«, sagte die Schwester und schob mir etwas in den Hals. »So ist es besser, hm?«, fragte sie.

Es fühlte sich wirklich viel besser an, und das hätte ich ihr gern gesagt, also blinzelte ich einmal für Ja. Hoffentlich kam es bei ihr an. Hatte ich mir das richtig gemerkt, was Olivia gesagt hatte, einmal für Ja und zweimal für Nein? Oder war es zweimal für Ja? Die Schwester nahm meine Hand und hielt mein Handgelenk, dabei schaute sie ein paar Sekunden auf ihre Uhr. »Na, das sieht ja sehr gut aus.« Sie steckte meinen Arm und meine Hand wieder unter den Gurt. »Jetzt ruh dich mal ein bisschen aus.« Sie zwinkerte mir zu und verließ das Zimmer. Ich starrte an die Decke, versuchte alles aufzunehmen, was passierte oder auch nicht passierte, und konzentrierte mich auf die Geräusche der Apparate an meinem Bett.

Das hier geschieht nicht wirklich, es ist nur ein Traum. Ein Albtraum. Ich machte die Augen zu und versuchte mich zum Aufwachen zu bewegen. Ich wollte in meinem eigenen Bett aufwachen und das hier hinter mir lassen. Ich hatte meine Lektion gelernt. In Zukunft würde ich mit dem Bike vorsichtiger sein. Mich vor Mike oder sonst wem nicht mehr aufspielen. Das hier ist nicht die Wirklichkeit. Nicht die Wirklichkeit. Nicht die Wirklichkeit.

2. Kapitel

Die langsam untergehende Wintersonne blendet mich. Ich klappe das Visier des Helms herunter und wische die Handschuhe an der Jeans ab. »Los jetzt!«, ruft Mike, tritt in die Pedale und zischt an mir vorbei. Er stellt sich auf und saust volle Kanne, fast zu schnell, auf die Holzrampe. Elegant fährt er die Rampe hoch, reißt das Rad nach rechts und beugt sich nach links, steigt auf die Pegs und hebt das Rad hoch auf die Rampe. »Whoooo!«, ruft er und zieht das Bike auf dem Hinterrad zu sich heran wie einen Riesenfisch, den er gerade geangelt hat. »Na los, jetzt du!«

Mit der Sonne im Rücken sieht er aus wie das Negativ eines Fotos, ein schwarzer Schattenriss vor dem orangeroten Himmel. Ich klappe das Visier hoch und drehe mich zu Allie um. Sie sitzt auf dem großen Stein und schaut uns zu, aber ich weiß, dass ihr allmählich langweilig wird. Sie legt den Kopf schräg und sieht wieder zu mir rüber, dieses kleine Lächeln im Gesicht. Ich klappe das Visier runter und drehe mich schnell um, gehe auf Abstand zu der Rampe, damit ich genügend Speed draufkriege.

Ich bin schnell, stehe auf den Pedalen und trete kräftig. Ich liebe es, wenn das Bike wie ein Teil von mir ist, ein zusätzlicher Körperteil. Ich fahre auf die Rampe, aber irgendwas stimmt nicht. Das Bike zieht nach rechts, also ziehe ich nach links – aber zu heftig. Das gibt einen Sturz, vielleicht sogar hintenüber. Ich merke, dass ich es nicht mehr im Griff habe, ein bescheuertes Gefühl. Mist, ich hasse es, wenn Mike mich dissen kann. Ich reiße die Arme hoch, um mich abzufangen, aber ich kann sie nicht bewegen. Sie sind festgeschnallt. Ich versuche sie zu heben, aber es geht nicht …

Und mit diesem Gefühl wachte ich auf und kämpfte mit dem Gurt über meinem Bett. Ich war immer noch hier, es war Wirklichkeit. Ich war im Krankenhaus, gelähmt, das hatte das Mädchen aus dem Nebenzimmer jedenfalls behauptet.

»Hey, junger Mann, ganz ruhig, alles in Ordnung«, sagte die Schwester. »Wo willst du denn hin?« Sie holte meinen Arm unter dem Gurt hervor und hielt mein Handgelenk. »Dein Puls rast, was hast du Wildes geträumt?« Sie schaute mir in die Augen, als könnte ich ihr antworten. Ich wusste nicht, seit wann ich hier war, aber bis jetzt war immer dieselbe Krankenschwester bei mir gewesen. Sie redete mit mir, als ob sie mich kennen würde, aber vielleicht machten das alle Krankenschwestern so.

Sie wischte mir mit einem kleinen Handtuch die Stirn ab. »Trainierst wohl im Schlaf, was? Das würd ich auch gern«, sagte sie. »Stattdessen muss ich jeden Tag auf dem Laufband strampeln und Punkte zählen. Puh!« Sie lächelte mich an. »Was schätzt du, wie viele Punkte so ein Sandwich mit Hühnchensalat hat? Du würdest dich wundern. Verdammt viele.« Sie befestigte die Matratze erst oben, dann unten und drehte das Bett um neunzig Grad herum. »So, jetzt kannst du rausgucken.« Hinter ihr war ein großes Fenster, durch das die Wintersonne hereinströmte.

»Einen schönen Tag wünsche ich dir«, sagte sie und ging aus dem Zimmer. Jedenfalls glaube ich, dass sie rausging, sie liefen alle auf so leisen Sohlen, dass es schwer zu sagen war.

Ich musste wieder eingedöst sein, denn kurz darauf hörte ich eine Stimme. »Bist du wach?«, fragte jemand. Olivia. Es wurde dunkel im Zimmer, Abenddämmerung.

Sie schniefte und kam mit ihrem Infusionsständer ums Bett herum, sodass ich sie sehen konnte. Auf dieser Seite des Bettes gab es keinen Stuhl, also setzte sie sich einfach auf das Nachbarbett und zog die Knie an die Brust. Sie sah aus, als hätte sie geweint.

»Gut, dass du wach bist«, sagte sie und schaute mir in die Augen. Eine Weile schwieg sie und saß mit gesenktem Blick da. »Weißt du, wie lange ich schon hier bin?« Sie wartete ein, zwei Sekunden auf meine Antwort, dann lachte sie. »Wie verzweifelt muss man sein, sich mit menschlichem Gemüse zu unterhalten!« Ich blinzelte zweimal. Ich bin kein Gemüse.

»Na gut, du bist kein Gemüse«, sagte sie, als könnte sie meine Gedanken hören. Sie legte sich auf die Seite und zog den Bademantel sorgfältig um die mageren Knie. Die Geste machte mich irgendwie traurig – als ob ich ihr ernsthaft unter den Bademantel spannen würde.

»Ich bin es nur so leid, wie ein Kind behandelt zu werden, weißt du?«

Ich blinzelte für Ja.

»Mit sechzehn sollte man nicht hier rumhängen. Da soll man Spaß haben.«

Ich blinzelte zweimal für Nein – unter anderem deshalb, weil ich nicht sechzehn war. Ich war gerade siebzehn geworden.

»Lass uns was machen«, sagte sie langsam. »Fernsehen gibt’s erst wieder in der Freistunde heute Abend. Nach einer Partie Schach ist dir nicht zufällig grad, oder?« Sie grinste. »Ich meine, einen Versuch wär’s wert – du blinzelst Ja und Nein, und ich bewege deine Figuren … na ja … vielleicht doch eher nicht.« So langsam wusste ich ihren Humor zu schätzen. Vielleicht war sie doch nicht so übel. »Ich les dir mal was vor. Bei deiner Mutter gefällt dir das immer.« Ich konnte mich nicht erinnern, dass meine Muter mir je vorgelesen hatte. Wieso wusste Olivia das und ich nicht? War ich so lange bewusstlos gewesen?

Sie nahm ein Buch aus der Nachttischschublade. Harry Potter und der Stein der Weisen. Das war meine Ausgabe. Ich hatte es seit Jahren nicht gelesen – typisch meine Mutter, das anzuschleppen. Andauernd kramte sie Sachen hervor, die ich hatte, als ich klein war, und machte ein großes Gewese darum, als käme sie nicht darüber hinweg, dass ich nicht mehr elf oder zwölf war. Als Olivia das Buch aufschlug und las, fand ich erstaunlich schnell in die Geschichte hinein und vergaß alles um mich herum. Ihre Stimme gefiel mir und ihr blasses Gesicht, ihre Lippen so rot, während sie die Worte formten.

Als ich Harry Potter damals entdeckte, verschlang ich die Bücher in Nullkommanichts. Ich war zehn und wohl so was wie ein Nerd. Ich wusste gar nicht, was für ein Nerd ich war, bis ich Mike kennenlernte. Mike bewahrte mich davor, in der Schule der totale Außenseiter zu werden. Ich rechne es ihm hoch an, dass er sich um mich bemüht und sich mit mir angefreundet hat. Natürlich war er dabei nicht ganz uneigennützig – er brauchte jemanden, der mit ihm zusammen Bike fährt. Jedenfalls war ich nicht länger ein Nerd und bekam obendrein noch einen besten Freund, ich kann mich also nicht beklagen.

Ich weiß gar nicht, ob Mike und ich je über Harry Potter geredet haben. Ob er wusste, dass ich von diesen Büchern mal besessen war. Über solche Sachen reden wir nicht – über Bücher und übers Lesen. Olivia hat das in nur vierundzwanzig Stunden rausgefunden, ohne dass ich je ein Wort mit ihr geredet hab. Während ich zuschaute, wie sich ihr Mund bewegte, sah ich, wie hübsch ihr Gesicht war. Ich hörte kaum noch, was sie sagte, und ehe ich michs versah, war ich wieder eingeschlafen.

Als ich aufwachte, war es dunkel, und ich schaute zum Fußboden. Sie hatten das Bett wieder umgedreht. Ich wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, ob es noch derselbe Tag war. Aber irgendwas hatte mich geweckt. Jemand weinte – war das Olivia in ihrem Zimmer? Aber es kam mir näher vor, und als ich zur Seite schaute, sah ich, dass die Tür zu meinem Zimmer jetzt zu war. Wer weinte da? Es war wie ein Traum, ein Traum, den ich schon mal geträumt hatte.

Da sah ich Füße neben meinem Bett, vorm Nachttisch. Sie steckten nicht in Schwesternschuhen, sondern in Sandalen. Lackierte Zehennägel. Kleinmädchenfüße. Schniefend machte das Mädchen sich an der Nachttischschublade zu schaffen und nahm Sachen heraus. Wer war das? Sie machte die Schublade wieder zu. Als sie wegging, entfernte sich das Schluchzen und Schniefen. Ich hörte nicht, wie sich die Tür hinter ihr schloss.

Ich versuchte mich zu räuspern, aber ich wusste, dass Olivia oder die Krankenschwestern mich nicht hören konnten. Gleich darauf war es hell im Zimmer, und die Schwester drehte mein Bett herum. Ich musste wieder eingeschlafen sein.

»Deine Mutter hat angerufen«, sagte die Schwester und träufelte mir eine Flüssigkeit in die Augen. »Ich soll dir ausrichten, dass sie es heute Abend nicht schafft, nach der Arbeit vorbeizukommen. Ich hab ihr gesagt, bei dir läuft alles bestens, also straf mich nicht Lügen, ja?« Als sie lächelte, sah ich, dass sie eine große Lücke zwischen den Schneidezähnen hatte. Da mochte ich sie auf einmal noch lieber als sowieso schon.

»Okay, Hübscher, dann wünsche ich dir einen schönen Tag«, sagte sie, hängte meine Karte wieder ans Fußende und ging aus dem Zimmer.

Ich konnte nicht richtig aufwachen. So viel, wie ich schlief, hätte es eigentlich ein Leichtes sein müssen aufzuwachen, aber ich döste immer wieder ein. Ich wusste nicht, wie spät es war oder welchen Tag wir hatten. Manchmal hörte ich die Schritte einer Krankenschwester im Flur. Manchmal kam jemand im Laborkittel in mein Zimmer und schaute auf meine Karte. Vielleicht gaben sie mir Schmerzmittel, die mir das Hirn vernebelten. Irgendwas war komisch, und ich konnte nicht klar denken. Wie lange war ich überhaupt schon hier? Auf einmal beugte sich jemand über mich.

»Buh!«, machte Olivia. Sie hatte den Infusionsständer neben sich und zog sich einen Stuhl heran. »Lesen wir heute Abend Harry Potter weiter?« Das Licht verriet mir, dass es schon Abend war. Ein weiterer Tag war wie im Nebel vergangen, ohne Besucher – jedenfalls hatte ich keine mitbekommen – und ohne dass ein Arzt mir gesagt hätte, was los war.

Ich blinzelte einmal für Ja.

»Ich hatte ja eigentlich an was Peppigeres gedacht, Der scharlachrote Buchstabe oder so, aber wenn du unbedingt Harry Potter willst«, scherzte sie und öffnete die Schublade. Ich dachte an den Traum – oder war es gar keiner gewesen? –, den ich in der Nacht gehabt hatte. Ein Mädchen, das die Schublade öffnete. Wer war da in meinem Zimmer gewesen?

Olivia las ein Kapitel, eins, an das ich mich noch ziemlich gut erinnern konnte, und ich war stolz darauf, dass ich die ganze Zeit wach blieb. Als sie mir ins Gesicht schaute, wusste ich, dass sie guckte, ob ich noch wach war, deshalb blinzelte ich einmal. Ja, ich bin noch da.

»Dir geht’s besser«, sagte sie. »Das sieht man. Gut so.« Sie schwieg eine Weile und schaute nur aus dem Fenster ins Dunkel. »Ich brauche einen Freund«, sagte sie schließlich in sachlichem Ton. »Ich weiß, dass das verrückt klingt, aber … ich hab einfach keinen, mit dem ich reden kann. Und … wahrscheinlich wäre es besser, wenn ich dir das hier gar nicht erzählen würde.« Dann schaute sie mir in die Augen und lächelte. »Aber wenn ich es dir nicht erzähle, wem sonst?«

Sie klappte das Buch zu und hielt es mit beiden Händen im Schoß. Nachdem sie einmal tief Luft geholt hatte, sagte sie: »Vor dir lag ein Junge in diesem Zimmer. Er war schwer krank, ich weiß nicht, was er hatte. Nein, das stimmt nicht.« Sie unterbrach sich und schaute mich wieder an. »Ich weiß, was er hatte, ich glaube es jedenfalls. Aber das ist nicht wichtig. Er hat eine Weile hier gelegen, aber er war im Koma oder so. Am Anfang hatte er viel Besuch. Ich hab zugeschaut, wie sie kamen und gingen, wie ich das bei dir auch manchmal mache. Nicht aus Neugier, bloß aus Langeweile.« Sie lächelte und schob den Stuhl zurück. »Aber dann kamen die Besucher immer seltener, sogar die Ärzte kamen seltener.« Sie schüttelte den Kopf. »Als es mir so richtig auffiel, war schon seit Wochen keiner mehr bei ihm gewesen. Von da an hab ich während der Besuchszeiten genau darauf geachtet. Es kam wirklich niemand. Und die Wochen dehnten sich zu Monaten. Es hat mich richtig traurig gemacht. Und dann, als noch mehr Zeit verging, hat es mich wütend gemacht.« Olivia schluckte. »Eines Tages war er dann weg. Einfach so. Eines Morgens sind wir aufgewacht und er war … das Zimmer war einfach leer

Sie schaute mich mit feuchten Augen an. »Ich bin nicht blöd, weißt du? Ich weiß, dass sie hier Leute unterbringen, aus denen sich keiner was macht. Hier werden die hingeschickt, die von allen aufgegeben wurden. Aber …«

Wollte Olivia damit etwa sagen, dass es mir genauso gehen würde? Dass sich keiner etwas aus mir machte? Das stimmte nicht. Da beschlich mich ein kaltes Gefühl. Ich dachte an den Besuch meiner Mutter, der nur ein paar Minuten gedauert hatte. Sie hatte nicht mal den Mantel ausgezogen. Und heute Abend konnte sie überhaupt nicht kommen.

Olivia redete weiter. »Irgendwas ist da faul. Manchmal habe ich nachts so ein komisches Gefühl … wegen dieses Jungen. Und das hier war ja sein Zimmer.« Olivia presste das Buch an die Brust und schaute sich im Zimmer um, in dem es jetzt schon dämmrig war. »Hast du …« Wieder unterbrach sie sich. »Ich weiß, es klingt gruselig und krank, aber hast du hier mal irgendwas Merkwürdiges gesehen oder gehört?«

Ich dachte angestrengt nach. Alles war so verschwommen, seit ich hier aufgewacht war. Mal war ich bei Bewusstsein, mal nicht, ich hatte wirre Träume, die sich mit der Wirklichkeit vermischten. Und dann Olivia und meine Gefühle für sie. Zwischen Angst und Faszination. Ich war in jeder Hinsicht überfordert, wie sollte ich beurteilen, was merkwürdig war und was nicht?

Ich blinzelte einmal. In dem Moment, als ein Lächeln über ihr Gesicht huschte, blinzelte ich zweimal. Vielleicht war da etwas. Ein Traum, den ich gehabt hatte. Oder war das wirklich passiert? Das Mädchen. Jemand hatte geweint.

»Heißt das jetzt ja, nein oder vielleicht?«, fragte sie, und als ich zweimal blinzelte, fügte sie hinzu: »Irgendwie?« Sie beugte sich nah zu mir.

Ich blinzelte Ja.

»Etwas, was du gesehen hast? Ein Gefühl? Ein Traum?«, flüsterte sie.

Ja.

Ihr Gesicht war meinem so nah, dass ich ihren sauberen Duft riechen konnte. Mein Herz machte einen Hüpfer. Jetzt war ich hellwach. Sie schaute mich einen Augenblick länger an als nötig. Dann lehnte sie sich plötzlich zurück und legte das Buch wieder in die Schublade.

»Wahrscheinlich ist es gar nichts. Nicht dass du jetzt Angst hast, hier zu schlafen oder so. Hast du doch nicht, oder?«, fragte sie beiläufig, als wäre es ihr peinlich, was gerade zwischen uns passiert war. War etwas zwischen uns passiert?

Sie schaute auf die Uhr. »Gleich kommen sie mit der Nachtmedizin, ich hau mal lieber ab.« Es klang gewollt locker. Sie ging zu der Ziehharmonikatür, öffnete sie und spähte durch den Spalt. »Nacht!«, rief sie über die Schulter und zog die Tür hinter sich zu. So kam sie also herein und wieder hinaus, ohne von den Schwestern gesehen zu werden.

Auf einmal wurde mir klar, dass sie alles mitbekam, was in meinem Zimmer passierte, ebenso wie ich es hörte, wenn ihre Mutter oder die Schwestern mit ihr redeten. Dann hatte sie auch von dem Jungen, der vor mir in diesem Zimmer lag, alles mitbekommen: jeden Besuch, jeden Arzt, der hereinschaute, und jede Krankenschwester. Kein Wunder, dass es sie wahnsinnig gemacht hatte, als … als das passiert war. Aber ich lag ja nicht im Koma. Ich war nicht mal richtig gelähmt. Mir passierte so was nicht, sie machte sich also grundlos Sorgen. Jedenfalls sagte ich mir das, während ich eindöste. Ich wollte nicht über meinen Vorgänger in diesem Zimmer nachdenken und wie es ihm ergangen war. Ich würde wieder gesund werden und hier rauskommen. Mit Allie und Mike abhängen, zur Schule gehen und wieder ganz normal sein. Mir würde es nicht so gehen wie dem anderen Jungen. Auf keinen Fall.

3. Kapitel

Es ist dämmrig. Ich gehe auf einer Straße, die ich nicht kenne. Aber dieser Stadtteil ist mir vertraut. Hier gibt es ein berühmtes Theater, wo jedes Jahr zu Weihnachten Der Nussknacker aufgeführt wird. Daneben ist ein Tanzstudio. Ich schaue zu den hell erleuchteten Fenstern hinein. Überall sind Spiegel, an einer Wand befindet sich eine Ballettstange. Mädchen, die Ballettfiguren tanzen. Lange nackte Beine, rosa Trikots. Ich schaue ihnen einen Augenblick zu, dann wende ich beschämt den Blick ab, als wäre ich bei etwas Unanständigem ertappt worden. Ich gehe weiter, den Blick auf meine Stiefel gesenkt. Als ich wieder aufschaue, weiß ich nicht, wo ich bin: Ich habe mich verlaufen. Die Straße ist nicht mehr dieselbe. Ich drehe mich um – das Theater ist verschwunden. An der Stelle ist jetzt ein niedergebranntes Gebäude. Ich bekomme Angst, irgendetwas stimmt nicht. Ich will weglaufen. Da höre ich im Gebüsch neben mir Geräusche. Als ich hinschaue, sehe ich ein Pärchen. Von dem Mann sehe ich nur den Rücken.

Die Frau sagt LASS MICH LOS!, und er zischt ihr etwas zu, er flucht, sagt schreckliche, widerliche Sachen. Ich will ihr helfen, aber da sehe ich, dass meine Beine zusammengebunden sind, ich kann mich nicht bewegen. Meine Arme sind an den Körper gefesselt. Ich bin komplett verschnürt, und auf einmal steht dieser Kerl vor mir.

»Es ist alles gut«, sagt er. »Jetzt ist alles gut.« Aber seine Stimme klingt schroff und gemein. Er will meine Wange berühren, und da sehe ich Blut an seiner Hand. Seine Knöchel sind rau und rot, als hätte er mit der Faust fest zugeschlagen. Fass mich nicht an, fass mich nicht an, fass mich nicht an!, schreie ich, aber es ist, als wäre ich unter Wasser. Ich kann meine eigene Stimme nicht hören. Er berührt mit seiner blutigen Hand mein Gesicht, ich spüre einen rauen Finger an der Wange.

»Es ist alles gut, jetzt ist alles gut.« Die Krankenschwester hatte mir eine Hand auf die Stirn gelegt. Es war dieselbe Schwester wie vorher, die supernette. »Dich kriegen wir schon wieder hin. Was man von mir wohl nicht behaupten kann.« Lächelnd zeigte sie auf ihre Tracht. »Das hab ich dir und deinem Herzmonitor zu verdanken.« Am Oberteil und an einem Bein hatte sie einen hellbraunen Fleck. »Ich wollte es mir gerade mit einer Tasse Tee und ein paar Keksen gemütlich machen.« Mit einer Spritze füllte sie etwas in meinen Infusionsbeutel, und ich spürte es kalt durch meine Vene fließen. »So, das wird dich ein bisschen beruhigen, jetzt hast du keine schlimmen Träume mehr.«

Sie ließ etwas fallen, es gab ein klirrendes Geräusch von Glas oder Metall. Der Hall breitete sich in den leeren dunklen Flur hinter meinem Zimmer aus. »’tschuldigung, ich bin immer noch ganz zittrig. Hier ist es nachts immer so still.« Sie wischte mir mit einem kühlen Tuch über die Stirn und schaute mir in die Augen. »Wenn einer von den Monitoren auf der Station losgeht, mach ich mir fast in die Hose!« Sie lachte und holte eine kleine Taschenlampe hervor. Schnell leuchtete sie mir in das rechte Auge, dann in das linke. »Gut, der Puls ist in Ordnung. So, junger Mann, heute darfst du mich nicht noch mal erschrecken. Das halt ich nicht aus.« Sie tätschelte mir die Hand und seufzte. »Gute Nacht, Hübscher«, sagte sie, beugte sich über das Bett und deckte mich zu. »Träum schön.« Als sie aus dem Zimmer ging, schaltete sie nur die Hälfte der Lichter aus und ließ die andere Hälfte an, wofür ich ihr dankbar war. Die Tür ließ sie halb offen.

Als sie draußen war, hörte ich, wie sie einen erschreckten Laut ausstieß. »Mein Gott, heute wollt ihr wohl alle, dass ich einen Herzinfarkt kriege! Um diese Zeit hab ich nicht mit dir gerechnet!« Ihre Stimme wurde leiser, während sie die Person von meiner Tür wegführte. Aber ich wusste, wer es war: Olivia. Wahrscheinlich hatte sie den Herzmonitor gehört und Panik bekommen. Bestimmt sagte die Schwester ihr, dass mit mir alles in Ordnung sei, aber morgen würde sie mit ihren Fragen ankommen. Ich versuchte auf die Uhr zu schauen, aber die Zahlen und Striche verschwammen ineinander. Das Mittel, das die Schwester mir gegeben hatte, war stark und wirkte schnell.

Ich wollte nicht über den Traum nachdenken oder wieder hineingleiten, deshalb versuchte ich an etwas anderes zu denken. Ich stellte mir vor, dass meine Mutter mich besuchte und dass ich vielleicht Allie sehen würde. Wann würde ich sie wiedersehen? Wie lange war es her? Ich erinnerte mich, wie ihre Haare immer nach Shampoo rochen, ein blumiger Duft.

Letztes Jahr, als sie mit mir Schluss gemacht hatte, bin ich in eine Drogerie gegangen und habe nach dem Shampoo gesucht. Ich wusste nicht mehr, wie es hieß, also machte ich alle Flaschen auf und schnupperte daran, bis eine Verkäuferin mir sagte, ich dürfe die Flasche nur aufmachen, wenn ich sie kaufen wollte. Ich kaufte wahllos zwei Flaschen Shampoo, nur damit sie mich nicht für einen Perversling hielten, dem beim Shampooschnüffeln einer abgeht. Allie habe ich nie davon erzählt.

Während ich wegdöste, sah ich einen Schatten an meinem Bett. Einen Augenblick dachte ich, er wäre es, der Mann aus meinem Traum, und ich wäre wirklich gefesselt und hilflos.

Dann blinzelte ich und sah, dass es nur Olivia war. Anscheinend hatte sie gewartet, bis die Schwester weg war, um sich dann wieder rauszuschleichen, diesmal durch den Raumteiler.

»Alles gut?«, flüsterte sie. Sie sah anders aus, und mein vernebeltes Hirn brauchte eine Weile, um zu begreifen, dass es an ihren Haaren lag, die sie jetzt offen ...

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