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Wo geht´s nach Ponte di Monte

Klaus Tietz

Wo geht´s nach Ponte di Monte

Perspektiven einer Pilgerreise
Auf dem Caminho Portugues

Prolog

03.05.2015

Fast geschafft, die Uhr zeigt 18:06, es ist Sonntagabend. Ich glaube nun alles erledigt zu haben.

Seit heute Morgen um 8 Uhr am Schreibtisch gesessen und die letzten Organisationen abgeschlossen.

Letztes Melden bei meiner Familie erledigt.

Wohnung ist aufgeräumt.

Der Rucksack ist gepackt und die Reiseunterlagen liegen bereit.

Wanderstiefel noch einmal imprägniert.

Nur noch warten, bis die Waschmaschine und der Trockner durch sind. Ich hoffe, dass ich nichts vergessen habe.

Und nun? Am Tag vor meiner Abreise bin ich allein zuhause. Also, erstmal die Sauna an, Relax Music ab und versuchen zu entspannen. Anschließend einen Wein öffnen und mal sehen, was der Kühlschrank noch für ein kleines Abendessen hergibt. Ich kann es nicht fassen: Morgen geht es wirklich los.

Und der Segen Gottes

01.05.2015

Das Smartphon meldete einen eingehenden Anruf. „Hallo Klaus, wo bleibst Du? Sollten wir nicht schon längst auf dem Weg sein?“ Ich saß seit Stunden am PC und hatte noch einiges vor meiner Abreise am kommenden Montag zu erledigen. Es war bereits nach 17 Uhr, und in 20 Minuten wollte ich mit Paul zusammen in Flögeln sein, einem kleinen Dorf nicht weit von Bremerhaven. Es war nun unmöglich noch pünktlich in der kleinen Dorfkirche St. Pauli anzukommen, wo Ingrid, eine gute Freundin und Pastorin, auf uns wartete. „Oh Paul, ja, ich komme gleich und hole dich ab! Bin gleich bei dir!“, stotterte ich ertappt ins Smartphone und legte auf. So ein Mist, jetzt hatte ich vor lauter Arbeit die Zeit völlig aus den Augen verloren, denn als ich zuletzt auf die Uhr geschaut hatte, war es noch früh gewesen. Ich griff wieder zum Smartphone, um Ingrid in ihrem Pfarrbüro zu erreichen. Wie erwartet, meldete sich nur der Anrufbeantworter, auf dem ich eine Nachricht hinterließ, dass ich mich auf dem Weg zu ihr machte.

Es war Freitag, der 1.Mai, Tag der Arbeit, ein Feiertag, und Ingrid hatte sich die Zeit genommen, um Paul und mir einen Pilgersegen zu geben. Ich versuchte Ingrid nochmal über ihr Smartphone zu erreichen und landete auf ihrer Mailbox, auf der ich die gleiche Nachricht wie zuvor auf ihrem Anrufbeantworter hinterließ. Zur Sicherheit sendete ich noch eine Textnachricht hinterher. So, mehr konnte ich in diesem Moment nicht machen, stürzte aus dem Haus, stieg ins Auto und fuhr los, um Paul abzuholen.

Bis zu Paul war es nicht weit und fünf Minuten später klingelte ich an seiner Tür. „Na, alles, klar Klaus?“, begrüßte er mich, „wir sind etwas spät, oder? Ramona möchte uns gerne begleiten, ist das okay?“ „Ja klar, kein Problem, Paul“, sagte ich. „Schön, dass du mitkommen möchtest, Ramona“.

Ich war gehetzt, ich mag es nicht zu spät zu kommen, schon gar nicht, wenn ich weiß, dass jemand auf mich wartet. Aber nun konnte ich nichts daran ändern und hoffte, dass es mit dem Segen noch klappen würde.

Paul kannte ich noch nicht lange. Ich war ihm das erste Mal im Januar 2015 begegnet, in einem Seniorentreffpunkt, in dem wir die gleiche Veranstaltung besuchten. Er saß mit seiner Frau Ramona vor mir. Wir besuchten dort einen Vortrag von einer jungen Frau, die über ihre ersten Etappen auf dem Camino Frances berichtete und Reisefotos über einen Beamer vorführte. Paul war mir aufgefallen, weil er durch sein Outfit schwer einzuordnen war. Von den vielen Senioren, die den Vortrag besuchten, stach Paul durch seine Altrocker-Kluft unter den Anwesenden hervor. Ich dachte: Was ist denn das für ein Typ? Eine Mischung irgendwie zwischen Altrocker und Öko? Möchte der Typ noch auf den Jakobsweg, oder ist er bereits dort gewesen? Zu diesem Zeitpunkt ahnten weder Paul noch ich, dass uns später eine vertrauensvolle Freundschaft verbinden würde.

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Wenn man anfängt sich mit dem Thema Pilgern zu beschäftigen, sammelt man viele Informationen, um sich auf eine Pilgerreise vorzubereiten. Neben der eigentlichen Frage, warum man überhaupt pilgern möchte, stellt sich die zweckmäßige Frage, wann und wo man dieses machen möchte - oder machen kann. Auch kommt man zwangsläufig zu dem Thema, was zu einer sinnvollen Pilgerausrüstung gehört und findet viele unterschiedliche Meinungen dazu, besonders im Internet.

Erst als ich in dieser Vorbereitungsphase war, erfuhr ich, dass es nicht nur „den“ Jakobsweg, den Camino Frances gibt, den die meisten Jakobspilger von Saint-Jean-Pied-de-Port bis nach Santiago de Compostela pilgern, sondern dass ganz Europa mit einem Netz von Jakobswegen überzogen ist. Egal welchen der vielen Wege man gehen möchte, alle enden letztendlich in der spanischen Region Galizien, in der Stadt Santiago de Compostela.

In Zeiten, in denen Pilgern wieder im Trend liegt, werden auch alte, in Vergessenheit geratene Wanderwege, die einst zum Jakobsweg gehörten, wiederbelebt und neu ausgeschildert. So ist es denn auch möglich, seine Pilgerreise im schwedischen Helsingborg, dänischen Varde, polnischen Krakau, Budapest, Zagreb, oder Napoli in Italien zu beginnen, um nur einige der vielen alternativen Startpunkte zu nennen.

Welchen Weg sollte ich gehen? Von wo aus starten? Welche Übernachtungsmöglichkeiten gab es? Was für ein Budget musste ich einkalkulieren? Ich hatte viele Fragen und deshalb wollte ich mich mit anderen Pilgern austauschen, um persönliche Erfahrungen aus erster Hand zu bekommen. So lernte ich über ein Internetforum Gleichgesinnte aus meiner Umgebung kennen. Hanna, Katrin, Ulrika und Gregor waren bereits Camino-Süchtige. Wir trafen uns ab und an in Bremen und planten, gemeinsam in Abschnitten den Jakobsweg von Bremen nach Osnabrück über den sogenannten Pickerweg zu wandern, der ein Teil des Jakobsweges, der Via Baltica ist.

Das war für mich schon mal ein guter Ansatz um zu erfahren, wie es sich anfühlt mit einem gepackten Rucksack zwischen 20 bis 30 Kilometer am Tag zu laufen. Ich konnte dabei gut meine Ausrüstung testen, Schuhe einlaufen und sehen, wie ich körperlich zurechtkam.

So machten wir es auch, und egal wie das Wetter war, wir waren auf unseren Drei- bis Vier-Tagewanderungen mit Sack und Pack bei Sonne, Regen und Sturm durch Norddeutschland gepilgert. Übernachtet hatten wir in Herbergen, Klöstern, Gemeindehäusern, sogar einmal in einem Museum, das über alte Gefängniszellen verfügte und Pilger darin übernachten ließ. Trotz aller Anstrengungen hatten wir zusammen viel Spaß auf unseren Pilgertouren.

Hanna, Katrin und Ulrika waren bereits den Jakobsweg durch Spanien bis nach Santiago de Compostela gepilgert und werden es auch auf anderen Strecken immer wieder tun. Gregor lief den Jakobsweg jedes Jahr in Etappen ein Stück weiter. Nachdem er aus seiner Heimatstadt Oldenburg gestartet war, hatte er es nun fast bis zur spanischen Grenze geschafft.

Ich war nicht lange das Greenhorn in der Gruppe. Bei einem weiteren Pilgertreffen in Bremerhaven, bei dem wir alle mal wieder zusammen kommen wollten, um einen weiteren Abschnitt des Pilgerwegs in Richtung Köln zu planen, kam Paul dazu und ich erkannte ihn sofort wieder. Er hatte von unserem Treffen aus einem Internetforum erfahren, über das wir unsere Aktivitäten für Gleichgesinnte posteten. Paul, der mittlerweile Pensionär war und viel Zeit hatte, wollte sich auf seinen Camino Frances vorbereiten und hatte kein Zeitlimit für seine Pilgerfahrt, worum wir ihn alle beneideten. Zufälligerweise plante auch er den Beginn seiner Pilgerreise zur gleichen Zeit wie ich im Mai 2015. Auch Katrin wollte etwa zeitgleich mit einer Bekannten auf dem Camino del Norte unterwegs sein, ein Camino, der an der spanischen Atlantikküste entlang verläuft und als eine der anspruchsvollsten Strecken gilt.

Nach unseren Planungen für den Weg im Mai nach Santiago de Compostela könnte es durchaus sein, dass ich Katrin in Santiago treffen werde. Paul musste über achthundert Kilometer bewältigen und würde, wenn alles gut ging, erst viel später dort eintreffen.

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Ein Pilger wird als „Fremdling“ bezeichnet und geht seinen Weg aus den unterschiedlichsten Motiven. Sind es heute oft Gründe wie: zu sich selbst finden, eine Auszeit nehmen, ein Trauma oder einen Verlust zu verarbeiten oder sich für etwas zu bedanken, liegt der ursprüngliche Grund einer Pilgerreise in religiösen Absichten.

Und warum begebe ich mich auf eine Pilgerreise? Ich gebe zu, bevor ich 2006 in einem Portugal-Urlaub das Buch von Hape Kerkeling gelesen hatte, wusste ich kaum etwas über das Thema des Pilgerns. Mir war zwar bekannt, dass es einen Jakobsweg gibt und dieser durch Spanien verläuft, mehr wusste ich darüber aber auch nicht.

Das Buch gefiel mir und ich hatte es schnell durchgelesen. Anschließend konnte ich mir vorstellen, rein theoretisch, irgendwann auch so eine Pilgerreise als Herausforderung anzugehen. Und das wars dann auch schon zu diesem Thema.

Erst 2012, also sechs Jahre später, nachdem ich das Buch gelesen hatte, entstand der Wunsch, mich auf den Weg zu machen. Wodurch dieser ausgelöst worden war, ist mir auch heute noch nicht so richtig klar. Es war wohl einfach die Zeit dafür gekommen, etwas zu tun, das ich zuvor noch nie gemacht hatte, mich das erste Mal allein auf eine Reise zu begeben, in der vieles nicht geplant werden kann und mich vielleicht jeder Tag vor eine neue Herausforderung stellen wird.

Ich weiß, dass es irgendwie verrückt klingt und eine rationale Erklärung konnte ich nicht geben, aber in meinem Kopf hatte sich der Gedanke festgesetzt: Mache dich auf den Weg.

Auch zwei weitere Jahre später war die innere Aufforderung loszugehen immer noch in mir präsent und wurde von Mal zu Mal deutlicher. Ich spürte, dass ich diesen Gedanken nicht aus meinem Kopf bekäme, solange ich mich nicht auf den Weg machte. Manche Pilger beschreiben, dass der Camino sie gerufen hatte. Nun, wenn das so war, so konnte ich das nachempfinden, denn: Ja, auch mich schien etwas auf den Weg zu rufen.

Und so suchte ich an einem Abend im Oktober 2014 mal wieder auf der Couch mit dem Laptop im Schoß nach Camino-YouTube-Filmen über den Jakobsweg und las Reiseberichte anderer Pilger.

Um dem inneren Ruf endlich zu folgen, entschied ich Nägel mit Köpfen zu machen und buchte am selben Abend spontan für den 4. Mai 2015 einen Flug von Bremen nach Porto. Der Caminho Portugues sollte mein Weg sein, den man mit seinen ca. 250 Kilometer gut in 14 Tagen schaffen konnte und ich hätte nach Santiago de Compostela noch Zeit für weitere 90 Kilometer um das Cap Finisterre zu erreichen, sofern mir danach sein sollte. Mehr als drei Wochen konnte ich zeitlich mit An- und Abreise nicht einplanen, aber mein erster Schritt zum Pilgern war getan und ich fühlte mich darüber sehr erleichtert.

Der Camino Portugues gilt unter Pilgererfahrenen als relativ leichter Weg und sollte somit gut für Anfänger, wie ich einer war, geeignet sein. Zudem sollte der Weg noch nicht so stark von Pilgern überlaufen sein, wie ich es viel von dem bekannten Camino Frances gehört hatte.

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Wir erreichten das Dorf Flögeln und ich war gestresst, weil ich wegen der vielen Vorbereitungen die Zeit aus den Augen verloren hatte und Ingrid warten ließ. Ingrid hatte die Situation erkannt und gut eingefangen. Sie empfing uns im Talar vor dem Eingang der Kirche. Bevor wir mit der Segnung anfingen, machten wir erst einen Rundgang um die alte Dorfkirche. Ingrid strahlte eine innere Ruhe aus und war mental ganz bei der bevorstehenden Segnung. Bei wärmendem Sonnenlicht versuchte ich mich zu entspannen und sammelte meine Gedanken. Ich wollte mich auf den Moment konzentrieren, damit ich den Augenblick und die Segnung bewusst erleben konnte und nicht in tausend anderen Gedanken, die mir im Kopf kreisten, verschwand. Der Moment sollte sich gut und wichtig anfühlen und nicht nur ein Punkt zum Abstreichen auf meiner To-Do-Liste sein.

Ich werde mich auf einen katholischen Pilgerweg begeben, mit dem Ziel der Kathedrale von Santiago de Compostela, die auf dem Grab des heiligen Apostels Jakobus errichtet wurde. So wird es jedenfalls behauptet. Und dass, obwohl ich im evangelischen Glauben aufgewachsen bin. Ist das nun ein Widerspruch, oder ökumenisch? Diese Frage habe ich mir oft gestellt, als ich mit den Planungen zur Pilgerreise begann.

Als offener und modern denkender Mensch, der sich schon immer für Wissenschaft und Technik begeisterte, lebte ich auch immer in einem inneren Konflikt mit dem Thema des nicht Beweisbaren, wie es die Religion vermittelt. In meinem Elternhaus war Religion kein großes Thema. Meine Mutter schaute gerne Jesusfilme zu Ostern und das war es auch schon. Meine vaterlose Familie mit drei weiteren Geschwistern war eher mit dem monatlichen Über-die-Runden-kommen beschäftigt, anstatt sich mit Gott und Religion auseinander zu setzen.

Ich hatte meine ersten Erfahrungen mit der Kirche im Alter von zehn Jahren, als ich das erste Mal ins Kirchen-Kino gehen durfte. Fast jede Woche wurden dort für 50 Pfennig Eintritt im Jugendraum unserer Kirchengemeinde über einen alten, knatternden 16mm-Filmprojektor, Kinderfilme gezeigt. Das Kinderkino war immer gut besucht. Und wir Kinder saßen alle gespannt im Schneidersitz auf dem Fußboden, vor der Auszieh-Leinwand, während die meist alten Schwarz-Weiß-Filme uns in ferne, exotische und meist lustige Welten reisen ließen. Später war ich in einer evangelischen Jugendgruppe aktiv und wir organisierten das Turm-Café, ein Café im Kirchturm der Kreuzkirche in Bremerhaven, das am Samstag zum Wochenmarkt vor der Kirche geöffnet hatte.

Mit dem Weggang unseres damaligen Diakons Volkmar kam auch das Ende unserer Jugendgruppe. Das war für mich ein klarer Beweis dafür, dass Kirche ein Ort ist, der von den Menschen, die in ihr wirken, gelebt wird, und dass Menschen nicht austauschbar sind. Auch wenn ich trotz meines Engagements kein Kirchgänger war, hat mich das Thema Religion immer fasziniert und ich versuchte mein Wissen darüber mit der Wissenschaft in Einklang zu bringen. Das war und ist bis heute ein Thema, das mich beschäftigt.

Und so stelle ich mir weiterhin die Fragen: Wenn es Gott gibt, wo ist er dann, und was ist er, sie oder es? Energie? Bewusstsein? Außerirdisch? Materiell? Feinstofflich? Oder bin ich ein Avatar, und somit ein Teil seiner Simulation?

In Zeiten, in der die Menschheit versucht Quantenphysik zu verstehen, wir Mehrdimensionalität akzeptieren und es bizarre Bewusstseinstheorien zum Boltzmann-Gehirn gibt, in der darüber philosophiert wird, ob unser Universum nur ein Gedanke ist, so muss doch jemand das Universum erdacht haben?!

Ich weiß, das klingt alles sehr überdreht, aber ich hatte schon immer einen Drang, über den klassischen, anerkannten Dogmatismus, hinweg über den Tellerrand zu blicken und somit meinen Verstand offen zu halten für andere Theorien der menschlichen Existenz.

Aus welchen Gründen auch immer, ich bin als männliches Wesen in einem christlich orientierten und reichen Land geboren worden. Genauso hätte ich auch als ein verarmter Hindu in Indien das Licht der Welt erblicken können. Ich hatte jetzt die Möglichkeit und den inneren Drang, auf einem Jakobsweg zu pilgern, unabhängig davon, welchen religiösen Unterbau ich habe. Der Weg wird mein Wissen, meine Erfahrungen und mein Bewusstsein hoffentlich bereichern und wenn ich etwas Glück haben sollte, auch die eine oder andere Antwort auf eine meiner vielen Fragen bringen.

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Wir waren allein in der kleinen Kirche und standen vor dem Altar. Ingrid begann mit einer liebevoll vorbereiteten Segnungszeremonie. So kannte ich Ingrid von den vielen Gottesdiensten, die ich mit ihr erlebt hatte, als sie noch in einer Gemeinde in Bremerhaven Pastorin war. Ingrid war immer ganz in der Liturgie versunken.

Es war ein feierlicher Moment, als Ingrid Paul und mir ihre Hände auf die Köpfe legte und uns den Segen für unsere Pilgerfahrt gab. Nach einem gemeinsamen Gebet erzählte sie uns die Geschichte von der Wandlung des Saulus zum Paulus. Dabei wurde mir klarer, auf was für eine Reise ich mich begeben werde und welche Bedeutung diese für mich haben kann. Ich überlegte, ob auch ich eine Transformation erleben werde. Wird der Weg mich verändern oder etwas in mir auslösen?

Ingrid fing an für uns zu singen, ihre Stimme erfüllte das Kirchenschiff und gab der Zeremonie eine besondere, mentale Tiefe. Ich hätte gerne mit Ingrid zusammen gesungen, doch war ich weder text- noch stimmlich stabil genug für diesen feierlichen Moment. Lass los, Klaus, lass es jetzt einfach geschehen, ich muss jetzt nichts machen, dachte ich.

Ja, es war wichtig für mich, den Weg mit Gottes Segen zu gehen, wer immer er auch sein mag, wo immer er auch ist und es tat mir gut, denn dieser Moment der Ruhe, der inneren spirituellen Einkehr und Entschleunigung war der Schalter, den ich brauchte, um den Alltag hinter mir zu lassen und mich so auf meine bevorstehende Pilgerreise mental einzustimmen. Ich war bereit, mich nun auf den Weg zu machen.

Mache dich auf den Weg.

Willkommen, in Porto

04 Mai 2015

Meine Schwiegereltern Julia und Harald hatten mich zum Bremer Flughafen gefahren. Mein Flieger sollte kurz nach 15 Uhr starten und da wir noch etwas Zeit hatten, suchten wir in der Flughafenhalle eine Bar, um noch einen Kaffee zu trinken und stärkten uns mit belegten Brötchen.

Nun war ich am Flughafen und wartete auf das Boarding. Lange hatte ich mich auf diese Reise vorbereitet. Ich hatte Bücher mit Reiseberichten von anderem Pilgern gelesen, YouTube-Filme zum Thema angeschaut, mir viele Gedanken gemacht und mich monatelang immer wieder mit dem Thema Pilgerausrüstung beschäftigt. Jetzt war es soweit und es kam Nervosität in mir auf. Die Gefühle von Freude und Unsicherheit mischten sich. Sicherlich wirkte ich angespannt auf meine Schwiegereltern und die beiden machten auf mich den Eindruck, als ob sie noch nicht so recht entschieden hätten, was sie von meinem Vorhaben halten sollten. Sicherlich dachten sie so etwas wie: „Was hat sich Klaus da nur einfallen lassen?“

Ich hatte bereits mein etwas zu buntes Wanderoutfit an: dunkle Zipp-Off Outdoorhose, blaue Hardshelljacke und ein orangefarbenes Baseball Cap mit dem Logo der New York Yankees. Das Cap war ein Geschenk von Rolf, einem sehr guten Freund, der einige Wochen zuvor in New York auf Sightseeing-Tour gewesen war und es extra für meine Pilgertour in Brooklyn als Mitbringsel für mich gekauft hatte.

Es war soweit und der Check-in stand an. Wir gingen zur Gepäckaufgabe, wo ich meinen Rucksack abgab. Diesen hatte ich in einer blauen Ikea Frakta Tasche verstaut, denn an manchen Flughäfen muss man seinen Rucksack so verpacken, dass die Gurte sich nicht in den Transportbändern verhaken können. Diesen Tipp hatte ich aus einem Pilgerforum im Internet. Diese Lösung war einfach, praktisch und günstig. Da die Tasche sehr leicht und kompakt war, ließ diese sich auch nach dem Flug problemlos im Rucksack verstauen. Zudem könnte ich sie im zusammengefalteten Zustand auch auf meiner Wanderung als Sitzunterlage einsetzen.

Mit einer herzlichen Umarmung verabschiedeten wir uns voneinander und ich betrat den Sicherheitsbereich. Julia machte ein etwas besorgtes Gesicht, als ich durch die Sicherheitskontrolle ging. Wir winkten uns nochmal zu und ich verschwand in der Wartezone des Gates.

Hier suchte ich mir einen Sitzplatz, spielte mit dem Smartphone und beobachtete das Eintreffen der anderen Passagiere. Irgendwie musste ich mir ja die Zeit vertreiben. Dann fiel mir ein, dass ich vergessen hatte, ein Foto von Julia, Harald und mir zu machen und jetzt war es zu spät. Schade, dachte ich, die Dokumentation meiner Reise fing ja schon mal „gut“ an und die beiden waren bestimmt auch schon auf dem Weg in die Bremer Innenstadt, wo sie noch bummeln wollten.

Der Flieger startete pünktlich und ich hatte einen guten Sitzplatz am Notausgang mit viel Beinfreiheit. Diesen kleinen Luxus hatte ich mir bei der Buchung gegönnt. Der Flug dauerte etwa drei Stunden und war überraschend angenehm. Auch der Service war freundlich und funktionierte für einen Billigflug erstaunlich gut. Ich kann mich an Flüge von Bremen nach Faro mit der gleichen Airline erinnern, die alles andere als angenehm verliefen und durch die geringe Beinfreiheit für mich zur Tortur wurden. In Porto herrschte ein sehr starker Regen mit viel Wind, wodurch die Landung etwas ruppig verlief. Nach dem Ausstieg aus dem Flieger und einem kurzen Fußmarsch über das Flugplatzgelände zum Terminal war ich schon mal klitschnass. Natürlich befand sich meine Regenjacke gut verstaut im Rucksack, den ich nun erstmal vom Gepäckförderband abholen musste. Porto hat einen schönen, modernen Airport und als ich an der Gepäckausgabe meine blaue Ikea Tasche holen konnte, befreite ich meinen Rucksack daraus, verstaute die ordentlich gefaltete Tasche im Bodenfach des Rucksacks, schnallte meinen Wanderstock an einen der vielen Gurte, zog meine Regenjacke über und machte mich auf die Suche nach der Metrostation.

Vor den Ticketautomaten für die Metro stand ich erst einmal mit etlichen Reisenden in einer Schlange und wartend schaute ich den Leuten vor mir am Automaten aufmerksam zu, um schon mal zu sehen, wie das hier funktionierte. Hoffentlich ist das Automaten-Menü mehrsprachig, dachte ich, denn außer „Obrigado“, also “Danke“ kannte ich kein weiteres Wort Portugiesisch. Ich bemerkte eine junge Frau in Uniform, die allen Reisenden vor den Automaten freundlich und hilfsbereit zur Seite stand. Toller Service, dachte ich mir. Nun war ich an der Reihe und hielt auch ohne Hilfe nach wenigen Augenblicken mein Metro-Ticket in der Hand. Die Hürde war schon mal geschafft, und nun ging es weiter zur Linie „E“ Richtung Stadtmitte mit dem Ziel Porto Bolhåo.

In einem modernen Metro Zug fuhr ich in das Stadtzentrum von Porto und als ich eine halbe Stunde später aus dem Untergrund wieder ans Tageslicht kam, stürmte und regnete es immer noch heftig weiter.

„Das ist dann wohl mein: Welcome Caminho Wetter“, schmunzelte ich in mich hinein. Zuhause hatte ich den Wetterbericht der kommenden Tage für diese Region gecheckt und das Wetter sollte sich in den kommenden Tagen bessern. Auf diesen Abschnitt der Reise konnte ich mich dank Google Streetview noch gut vorbereiten, denn ich wusste, wie es hier aussehen und weiter gehen würde.

Ich stand an einer Kreuzung im Zentrum von Porto und gegenüber war die mit Kacheln verzierte Kirche Capella das Almas. Ein markantes Gebäude, das von vielen Caminho Portugues Pilgern, die hier ankommen, obligatorisch fotografiert wird. Also schoss auch ich ein Foto von der Kapelle und machte mich anschließend auf den Weg zu meiner Residenz, die einen knappen Kilometer von der Metrostation entfernt sein sollte. Ich musste als Nächstes die Rua de Santa Catarina entlanglaufen und es kam mir durch den virtuellen Google Streetview Besuch am Computer so vor, als ob ich kürzlich schon mal hier gewesen wäre – tja, das Internet eben!

Zielgerichtet durchquerte ich die Fußgängerpassage, in der die ersten Geschäfte gerade schlossen. Viele Leute waren bei diesem ungemütlichen, nassen Wetter nicht unterwegs und es dauerte nicht lange, bis ich mein Ziel in der Rua do Duque de Loule erreichte und an einer alten unscheinbaren Eingangstür klingelte. Eine nette junge Portugiesin öffnete, begrüßte mich und zeigte mir den Weg zum Empfangstresen. Ich checkte ein. Die Portugiesin nahm einen kleinen Stadtplan, auf dem das Stadtzentrum von Porto abgebildet war und kreiste mit einem Kugelschreiber die Sehenswürdigkeiten ein, während sie mir auf Englisch erklärte, was ich mir unbedingt ansehen sollte. Ich fragte, ob sie mir ein gutes Restaurant für heute Abend empfehlen könnte, was sie mit einem weiteren Kringel auf dem Stadtplan quittierte. Nach dem Empfang führte sie mich in den zweiten Stock, wo mein Apartment war. Diese Unterkunft war ein Weihnachtsgeschenk von Michael, meinem Mann. Ich hätte mir etwas Einfacheres oder eine Pilgerherberge gesucht, doch nun freute ich mich erst einmal darüber, dass meine Unterkunft für die ersten zwei Nächte komfortabel war und im Zentrum der Stadt lag.

Das alte Haus, welches wohl eine aufwendige Kernsanierung hinter sich hatte und über mehrere Apartments verfügte, gefiel mir. Von außen wirkte es bei meiner Ankunft unscheinbar, aber im Inneren war die Residenz dezent und modern eingerichtet. Mein Apartment war mit einer kleinen Küche, TV, Klimaanlage, WLAN und im Badezimmer mit einer Massagestrahl-Luxusdusche eingerichtet. Alles war schlicht, modern und funktional.

Für heute hatte ich mein Tagesziel erreicht. „Ist doch alles sehr gut gegangen“, dachte ich mir, zog die schweren Wanderstiefel aus und legte mich auf das Bett um etwas auszuruhen. Von draußen war das Unwetter zu hören und auffällig viele Polizeisirenen durchdrangen die Sturmgeräusche, die den gleichen Sound hatten, wie man sie aus amerikanischen Filmen kannte. Ich kam mir vor, als ob ich in New York gestrandet wäre.

Es wurde bereits dunkel, als ich mich gegen 20 Uhr auf den Weg machte. Es hatte aufgehört zu regnen und der Sturm hatte sich gelegt. Die Luft war warm und feucht. Durch den Stadtplan war es einfach, zwei Straßen weiter, in der Rua Campinho, das empfohlene Restaurant Douro Sentido zu finden. Es war gut besucht und ich hatte Glück, denn der Kellner hatte noch einen freien Tisch für mich. Die Speisen, welche an mir vorbei zu den Tischen der anderen Gäste getragen wurden, sahen wirklich sehr lecker aus und der freundliche Kellner brachte mir die Speisekarte. Wieder Glück gehabt, denn die Speisekarte war auch auf Englisch. Ich bestellte ein Pfeffersteak mit Wirsingkohl, der mit Knoblauch angemacht war, dazu Pommes und Salat. Es schmeckte köstlich und ich genoss das Mahl mit einem guten Vinho Tinto.

Trotz meiner kleinen Pause im Apartment war ich müde und erschöpft. Das gute Abendessen und der Wein taten ihr Übriges dazu. Zum Dessert wurde mir noch einen Flan serviert, eine Süßspeise gemacht aus Ei, Milch und Zucker - ich ließ es mir schmecken.

Ich hatte es tatsächlich geschafft! Ich war in Porto, dem Startpunkt meiner Pilgerreise auf dem Caminho Portugues. Lange hatte ich den Wunsch in mir, auf einem der Jakobswege zu pilgern,- tja, und nun war ich hier.

Es hatte sich bisher noch nie ergeben, dass ich allein in den Urlaub gefahren war. Kaum zu glauben und mit Ende 40 eine neue Erfahrung. Ich wollte es so und hatte mich auch aus diesem Grund bewusst dafür entscheiden, meine Pilgerreise allein zu beginnen. Es sollte der Anfang einer eigenen und persönlichen Reise werden. Ich wollte erfahren, was passieren wird, wenn ich ohne große Planung, mit wenigen Habseligkeiten im Rucksack einfach loslaufen würde. Was werde ich auf meiner Reise erleben? Welchen Menschen werde ich begegnen? Werde ich neue Erkenntnisse über mich selbst erfahren? Wie werde ich ohne Sprachkenntnisse in Portugiesisch oder Spanisch zurechtkommen?

Natürlich hatte ich Erwartungen und war inspiriert von den Reiseberichten anderer Pilger. Ich kannte unter anderem auch das Buch von Hape Kerkeling, hatte verschiedene Filme und Dokumentationen über die Jakobswege gesehen. Ich war gespannt auf das, was kommen würde. Ich gestehe, das bekannte Pilgerbuch von Paulo Coelho habe ich nur als Hörbuch auf meinem MP3-Player und habe es nie bis zum Ende gehört, weil ich beim Zuhören immer wieder eingeschlafen bin.

Dieser Moment war ungewohnt für mich. In der Fremde zu sein und allein in einem Restaurant zu sitzen, ohne dass ich mich mit jemandem unterhalten konnte. Das trübte meine Stimmung schon ein wenig und ich vertraute darauf, dass dies auf meiner Reise nicht so bleiben würde.

Ein Tag in Porto

05 MAI 2015

Es war halb acht, und ein Blick vom Balkon meines Apartments ließ auf einen fast regenfreien Tag in Porto hoffen. Die Wetter-App im Smartphone war der gleichen Meinung. Die Sonne schien und der blaue Himmel gewann mehr und mehr die Oberhand über die noch verbleibenden Schlechtwetterwolken.

Mir war nach einem Kaffee! Zwar hatte ich eine, wenn auch kleine, komplett eingerichtete Küche in meinem Apartment, und ein Espressokocher stand auch bereit, nur hatte ich keinen Kaffee im Gepäck. Wäre ich mit Michael auf dieser Reise unterwegs gewesen, dann wäre so etwas nicht vorgekommen, denn Michael sorgte immer für einen starken Espresso am Morgen, am besten noch vor dem eigentlichen Aufstehen.

Nach einer erfrischenden Luxusdusche war ich startklar für meine heutige Erkundungstour durch Porto. Ich verließ meine Residenz und mein erstes Ziel sollte die Sé Kathedrale sein. Die Hauptkirche der Stadt ist zugleich auch der offizielle Startpunkt des Caminho Portugues, wenn man seine Pilgerreise von Porto aus starten möchte. Ich wollte dort meinen Pilgerpass, den Credential, abstempeln lassen. Diesen hatte ich bereits in Deutschland über die Jakobusbruderschaft in Paderborn bestellt. Der Credential ist die Eintrittskarte für die Pilgerherbergen und in Santiago de Compostela der Beleg dafür, wo man wann Station gemacht hatte, um die Compostela, das Zertifikat seiner Pilgerwanderung, zu erhalten. Einen Stempel für seinen Pilgerpass erhält man in der Regel in Kirchen, Klöstern, Herbergen und auch in Restaurants, Cafés oder in einer Bar. Wenn man zuhause seinen Credential, der hoffentlich mit vielen Stempel verziert wurde, betrachtet, so ist dieser eine schöne Erinnerung an die Pilgerreise.

Nach dem Verlassen meiner Residenz hatte ich nur wenige Meter zu gehen, bis sich die Straßencafés aneinanderreihten. Ich suchte mir ein Café aus, in dem ich am Fenster sitzen und das Treiben auf der belebten Straße beobachten konnte. Das Angebot der Backwaren war überwältigend und ich kannte aus meinen früheren Urlauben in Portugal diese gemeinen und leckeren Verführungen. Nicht wirklich bedauerte ich, dass es kein belegtes Knäcke- oder Schwarzbrot im Angebot gab und ich mich für ein mit Schokolade gefülltes Croissant entschied. Ach was, ich war im Urlaub und bestellte heute mal zwei, dazu einen Café con Leche grande.

An einem freien Tisch am Fenster ließen „wir drei“ es uns mit dem Milchkaffee gut gehen. Okay, mir ging es gut, den beiden Croissants weniger.

Die Portugiesen verstehen wohl unter einem Croissant etwas anderes als wir Deutschen. Meine beiden neuen Freunde bestanden nicht wie bei uns aus gefühlten 80% Luft! Was mir da den Gaumen entzückte, war eine feste und klebrige Kaloriensünde – eingetunkt in Café con Leche einfach nur lecker! Und ich musste, ohne es zu bedauern, zwei davon bewältigen, während ich das quirlige Treiben auf der Straße beobachtete.

Eigentlich bin ich kein großer Frühstücker und in der Regel reicht mir ein Kaffee mit Croissant aus. Aber heute war für mich ein besonderer Tag und ich wollte meine Alltagsregeln der „Vernunft“ einfach mal beiseiteschieben. Gestärkt machte ich mich weiter auf den Weg in Richtung der Sé Kathedrale. Ich hatte Glück, denn sie war bereits geöffnet. Einige Reisegruppen waren mit Bussen angekommen und belagerten den Vorplatz. Von der Anhöhe aus, auf der sich die Kathedrale befindet, hat man einen fantastischen Blick über die Dächer von Porto und ich machte einige Fotos.

Ich war nicht das erste Mal an diesem Ort, denn im Jahr 1991 war ich hier mit Michael schon einmal gewesen. Auf einer Rucksacktour, heute sagt man ja eher Backpacker dazu, und mit einem Interrail-Ticket, das damals noch für 400 Deutsche Mark zu haben war, waren wir auf einer vierwöchigen Rucksacktour mit dem Zug durch Frankreich, Spanien und Portugal gereist. Es war unser erster gemeinsamer Urlaub gewesen, der in einer Zeit ohne Internet und Smartphones wesentlich komplizierter zu organisieren und sehr abenteuerlich war.

Ich erinnerte mich an ein Foto, das Michael damals von mir an diesem Ort gemacht hatte. Das Foto zeigte mich sitzend mit einer „Fluppe“ in der Hand auf den Stufen der Steinsäule, welche vor der Kathedrale steht. Ich kam auf die Idee, heute, 24 Jahre später, das Foto nachzustellen. Darum bat ich eine Touristin, die neben mir stand und ebenfalls die Dächer von Porto fotografierte, ob sie ein Foto von mir machen könnte. Der junge „Kerl“ auf dem Foto von 1991 hätte sich damals auch nicht träumen lassen, hier, 24 Jahre später als Jakobspilger wieder zu erscheinen.

Ich betrat die Kathedrale und im Eingangsbereich saß an einem Tisch, auf dem Postkarten und Flyer verteilt lagen, ein Mann. Vielleicht war er der Küster hier, und ich fragte auf Englisch nach einem Pilgerstempel, während ich meinen Credential vorzeigte. Ich war an der richtigen Adresse. Der Mann stempelte meinen Pilgerausweis kommentarlos ab, schrieb noch mit einem Kugelschreiber das Datum unter den Stempel und gab ihn mir zurück. Das war nun mein erster Stempel und ich hoffte, dass viele folgen würden. Bei der Gelegenheit besichtigte ich auch das eindrucksvolle Gotteshaus.

Um während meiner Pilgerreise von Anrufen Ruhe zu haben, hatte ich eine neue Sim-Karte gekauft und deren Nummer kannte für den Notfall nur meine Familie. Alle Anrufe auf meiner Dienstnummer wurden an meine Vertretung weitergeleitet, die für den Notfall ebenfalls meine Caminho Nummer hatte. Mein Smartphone war auf lautlos geschaltet. Ich wollte so wenige Störungen wie möglich auf meiner Reise haben. Doch als ich es in die Hand nahm um damit ein Foto für meinen Caminho Reise Blog zu machen, sah ich im Display, dass meine Mutter vor einer Stunde angerufen hatte.

Meine Mutter ruft für gewöhnlich nur dann an, wenn es wirklich wichtig ist. Mir gingen tausend Gedanken durch den Kopf, was wohl passiert sein könnte und ich rief zurück.

„Mama? Du hast angerufen?! Ist was passiert?“ „Nein, alles in Ordnung, Klaus! Ich wollte dir nur sagen, dass ich dein Tagebuch im Internet gefunden habe und dir einen guten Weg wünsche.“

Ich war verblüfft, denn meine Mutter wurde bald 80 und sammelte gerade ihre ersten Erfahrungen im Internet. Ich hatte ihr kürzlich ein Chromebook besorgt und die ersten Schritte erklärt. Sie sagte mir vor einiger Zeit, dass sie auch endlich mal wissen wollte, was es heißt: „Ich bin online“. Ich freute mich und war richtig stolz auf sie, darauf, dass sie es mit dem Blog verstanden hatte und das Notebook nicht nur in der Ecke verstaubte. Dadurch war auch sie in der Lage meine Reiseberichte zu lesen, aus denen später dieses Buch entstand. Von meinem Camino Blog wussten nur wenige. Außer wenigen, engen Freunden und meiner Familie hatte ich niemanden darüber informiert und ich hatte den Blog auch nicht promotet. Dennoch hatte ich, wie ich später feststellte, neben den 20 eingeweihten noch über 150 weitere Leser, die meine Reise verfolgten. Den Blog hatte ich eigentlich eher nur für mich selbst eingerichtet, weil ich als Computer-Nerd einfach mal ausprobieren wollte, wie gut so etwas funktionierte und mit dem Smartphone zu handhaben war. Außerdem wollte ich auch keine Romane schreiben, sondern nur hier und da mal ein Lebenszeichen von mir in die Heimat senden.

Erleichtert, dass zu Hause alles in Ordnung war, setzte ich meine Tour durch die Altstadt fort. Porto ist eine Stadt, die man besuchen sollte. Ein Tag reicht zur Besichtigung eigentlich nicht aus und es gibt viel zu entdecken. Meine Erinnerungen von 1991 an diesen Ort waren verblasst, und ich erlebte die Stadt nun mit neuen Augen.

Porto ist eine der ältesten Städte in Europa, Namensgeber des Landes, und neben Lissabon die zweitgrößte Stadt in Portugal.

Natürlich hatte ich die typischen Touri-Punkte angesteuert wie das Wahrzeichen der Stadt, die Brücke Ponte Dom Luis I und den bekannten Bahnhof Estação de São Bento, welcher mit eindrucksvollen blauen Gemälden, zusammengesetzt aus Kacheln, den Azulejos, verziert ist. Dann folgte eine Besichtigung der Kirche des heiligen Franziskus – Igreja de Saõ Francisco. Ein Spaziergang an der Promenade der Portweinhändler sowie eine Fahrt mit der Seilbahn an der Flusspromenade des Duro durften auch nicht fehlen.

Ein straffes Besichtigungsprogramm hatte ich mir auferlegt und wollte auch noch in das prunkvolle Café Majestic einkehren - laut Reiseführer ein Muss für jeden Porto-Besucher. Aber ich setzte mich stattdessen in ein kleines Café namens a Serrana, vor dem ich gerade angekommen war und bestellte ein Bier. Ich saß an einem kleinen runden Tisch gegenüber vom Tresen und bemerkte erst beim zweiten Blick im oberen Bereich eine alte, kunstvoll verzierte Galerie. Die Decke war mit einem großen Gemälde bemalt, auf dem Engel und Ähnliches zu erkennen waren. An den Säulen waren Putten befestigt. Alles wirkte dem Barock nachempfunden. Es war verspielt, kitschig und schön zugleich. Es war doch immer wieder erstaunlich, was für sehenswerte Schätze sich hier, hinter einer kleinen unscheinbaren Tür verbargen.

Es war bereits später Nachmittag und ich war müde. Die Anstrengungen der letzten Arbeitstage machten sich bemerkbar. Alles lief seit Tagen der Vorbereitungen nur noch Schlag auf Schlag und morgen sollte es mit meiner ersten 25 Kilometer langen Pilger-Etappe losgehen. Ich hatte für diesen Tag genug gesehen und entschloss mich, den Rest des Tages auszuruhen und mir eine Pause zu gönnen.

Bevor es in die Residenz zurück ging, kaufte ich in einem kleinen Supermarkt noch Kekse, eine harte Salami, Obst und Wasser als Wanderproviant ein.

Angekommen in meinem Apartment fiel ich erschöpft, aber zufrieden, auf das Bett, stellte den Wecker im Smartphone auf 20 Uhr und schlief ein.

Später ging ich in das Stadtviertel, in dem ich am Abend zuvor gewesen war. Die Gegend war wieder gut besucht. Es gab viele Restaurants und Bars, die voller Menschen waren. Auf den kleinen Plätzen war an diesem warmen Abend im Mai reges Treiben und die entspannte Stimmung erinnerte mich ein wenig an den Montmartre in Paris, wo ich erst im letzten Sommer ein paar Tage verbracht hatte.

In der Rua de Santo Iidefonso entdeckte ich eine Pizzeria, und Pizza war genau das, wonach mir an diesem Abend war, also ging ich hinein. Es war voll hier und nur ein kleiner Tisch war noch frei, der mir von der Bedienung zugeteilt wurde. An meinem Nebentisch saß eine größere deutsche Urlaubergruppe, die sich ein wenig zu laut über Fußball und das Übel in der Welt unterhielt. Besonders das Ausländerthema in Deutschland wurde lautstark mit sehr negativem Unterton pauschal thematisiert. Obwohl es mich nichts angeht, worüber sich die Leute unterhalten, hatte ich mich etwas für meine Landesgenossen fremd-geschämt, denn sie waren doch in diesem Moment selber Fremde und als Gast in einem anderen Land, auch wenn sie die Rolle des geldbringenden Touristen einnahmen.

Ich gab nicht zu erkennen, dass ich ein Landsmann war, der jedes Wort verstand, und wollte mich auch nicht als besserwissender Gutmensch wichtigmachen, denn die

Gruppe war dem Anschein nach im Begriff aufzubrechen. Ich bestellte meine Pizza und ein Bier. Die typische italienisch und rustikal eingerichtete Pizzeria war gut besucht, so dass die junge Kellnerin ziemlich von den Gästen gefordert wurde. Während ich auf meine Bestellung wartete, verließ die deutsche Gruppe die Pizzeria. Zum Glück brauchte ich nicht länger den weiteren Gesprächen des Pöbels zu lauschen. Ich las noch etwas im Pilgerreiseführer über die bevorstehende Tagesetappe von Porto nach Lavra, und dass es dort einen Campingplatz geben soll, wo Pilger in kleinen Holzhütten übernachten konnten.

Das hörte sich ja gut an, dachte ich und entschied, den Campingplatz als mein morgiges Primärziel ins Auge zu fassen.

Meine bestellte Pizza kam, und ich postete mit dem Smartphone einen Gruß in meinem Blog. Ab morgen werde ich ein Pilger sein.

Bin ich jetzt ein Pilger?

06 MAI 2015

Ich hatte gut geschlafen und während ich gegen 6 Uhr erwachte, kam es mir langsam in meinem Bewusstsein: Ab heute beginnt meine Pilgerreise. Das war nun erst mal meine letzte Nacht in einer geplanten Unterkunft, denn ab diesem Tag wusste ich nicht, wie es weitergehen wird, außer dass ich mich einfach auf den Weg machen werde, ohne zu wissen, wann ich wo ankommen werde und wie meine nächste Unterkunft sein wird. Ich war hellwach und aufgeregt, also warum sollte ich noch bis 7 Uhr warten, bis mein Smartphone-Wecker sich meldete. Also ab unter die Dusche. Das Abenteuer „Jakobsweg“ konnte beginnen.

Anschließend cremte ich meine Füße mit Hirschtalg ein, eine Art Salbe, die auch von Marathonläufern verwendet wird. Die Salbe sollte die Haut geschmeidig machen und so Blasenbildung vorbeugen. Diese morgendliche Prozedur hatte ich bereits, wie von alten Pilgerhasen aus dem Internet empfohlen, seit einer Woche als Vorbereitung durchgezogen. Und so hoffte ich, dass dieser Tipp mir wirklich dabei helfen würde, den Caminho mit einigermaßen heilen Füßen zu überstehen.

Eine halbe Stunde später war ich in meiner Pilgermontour zum Aufbruch bereit und verließ die Residenz. Da die Rezeption so früh noch nicht besetzt war, hatte ich bei meiner Ankunft vereinbart, dass ich den Schlüssel einfach im Zimmer liegen lasse und die Tür zuziehen werde.

Auf meinem Weg in Richtung Sé Kathedrale machte ich wieder einige Fotos, denn die aufgehende Sonne legte sich über die Dächer der Stadt und es entstanden wieder schöne Panoramen, die ich festhalten wollte.

Ich spazierte durch fast menschenleere Straßen, und nur ab und an fuhr ein Auto an mir vorbei. Die Kathedrale war schnell erreicht und ich stand allein in der Morgensonne auf dem Vorplatz. Ich schaute zu den beiden Türmen hinauf, die von der Morgensonne eindrucksvoll in Szene gesetzt wurden. Ab hier begann nun in diesem Moment offiziell meine Pilgerreise.

So, da bin ich, und nun geht’s los!, dachte ich bei mir, drehte mich um und folgte den gelben Pfeilen, die mir ab jetzt den Weg nach Santiago de Compostela zeigen würden, ich war auf dem Jakobsweg!

Es gab auch blaue Pfeile, die in die entgegengesetzte Richtung zeigten. Diese Pfeile weisen den Weg nach Fatima, einem portugiesischen Pilgerort, wo der Geschichte nach im Jahre 1917 drei Hirtenkindern die heilige Jungfrau Maria erschienen sein soll.

Ich war nun auf dem Caminho Portugues und der Weg führte mich durch die engen Gassen der Altstadt hinab in Richtung des Flusses Douro, an dem es durch Morgensonne und Frühnebel, der über dem Wasser lag, zu stimmungsvollen Eindrücken kam.

Der Caminho wird in Portugal übrigens mit einem „h“ geschrieben und von hier sollen es ungefähr 250 Kilometer bis nach Santiago de Compostela sein. Am Fluss Douro entlang ging es weiter in Richtung Atlantikküste. Anstelle des eigentlichen Zentralweges, welcher durch die Stadt und ein Industriegebiet führte, hatte ich mich für den alternativen Weg entlang der Küste entschieden, den viele Pilger als schöner beschrieben hatten. Beide Wege laufen später im Landesinneren wieder zusammen.

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