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Wo die verlorenen Seelen wohnen

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Erstes Kapitel
  7. Zweites Kapitel
  8. Drittes Kapitel
  9. Viertes Kapitel
  10. Fünftes Kapitel
  11. Sechstes Kapitel
  12. Siebtes Kapitel
  13. Achtes Kapitel
  14. Neuntes Kapitel
  15. Zehntes Kapitel
  16. Elftes Kapitel
  17. Zwölftes Kapitel
  18. Dreizehntes Kapitel
  19. Vierzehntes Kapitel
  20. Fünfzehntes Kapitel
  21. Sechzehntes Kapitel
  22. Siebzehntes Kapitel
  23. Achtzehntes Kapitel
  24. Neunzehntes Kapitel
  25. Zwanzigstes Kapitel
  26. Einundzwanzigstes Kapitel
  27. Zweiundzwanzigstes Kapitel
  28. Dreiundzwanzigstes Kapitel
  29. Vierundzwanzigstes Kapitel
  30. Fünfundzwanzigstes Kapitel
  31. Sechsundzwanzigstes Kapitel
  32. Siebenundzwanzigstes Kapitel
  33. Achtundzwanzigstes Kapitel
  34. Neunundzwanzigstes Kapitel
  35. Dreißigstes Kapitel
  36. Einunddreissigstes Kapitel
  37. Zweiunddreissigstes Kapitel
  38. Dreiunddreissigstes Kapitel
  39. Vierunddreissigstes Kapitel
  40. Fünfunddreissigstes Kapitel
  41. Sechsunddreissigstes Kapitel
  42. Siebenunddreissigstes Kapitel
  43. Achtunddreissigstes Kapitel
  44. Neununddreissigstes Kapitel
  45. Vierzigstes Kapitel
  46. Einundvierzigstes Kapitel
  47. Zweiundvierzigstes Kapitel
  48. Dreiundvierzigstes Kapitel
  49. Vierundvierzigstes Kapitel
  50. Epilog
  51. Nachwort des Autors

Über den Autor

Dermot Bolger wurde 1959 in Dublin geboren. Er hat bereits zahlreiche Romane für Erwachsene sowie Theaterstücke und Gedichtbände veröffentlicht. Für seine Werke wurde er in Irland mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet. Wo die verlorenen Seelen wohnen ist sein erstes Buch für ein junges Lesepublikum.

www.dermotbolger.com

DERMOT BOLGER

WO DIE

VERLORENEN

SEELEN

WOHNEN

EIN MYSTERY-THRILLER

AUS DEM IRISCHEN ENGLISCH
VON BERNADETTE OTT

Für meine Schwester Deirdre, in Liebe

ERSTES KAPITEL

THOMAS

1932

Grammofonmusik erfüllt das Behandlungszimmer des alten Doktors. Jazz. Thomas versucht, nicht hinzuhören, während der Arzt ihm das kalte Stethoskop auf die Brust legt, aber die Klänge des Saxofons überwältigen ihn, beschwören in ihm Bilder von fremden Städten und Abenteuern herauf.

Doktor Thompson nimmt das Stethoskop weg und blickt in das ängstliche Gesicht des Jungen.

»Du brauchst nicht so erschrocken dreinzuschauen, Thomas. Mit einem Herz wie deinem wirst du ewig leben.«

»Pater O’Connor sagt, dass Jazzmusik vom Teufel kommt. Sie kann schreckliche Leidenschaften entfachen und einem die Seele stehlen.«

Der alte Doktor lacht. Er durchquert das Zimmer mit den vielen Büchern und stellt die Musik lauter.

»Wie kann Musik jemals böse sein, mein Junge? Es ist wohl wahr, dass einem die Seele gestohlen werden kann, aber nicht durch etwas so Unschuldiges wie Jazz.«

»Wodurch dann?«

Der alte Arzt dreht sich zu Thomas und sieht ihn mit ernsten Augen an. »Hast du jemals von Wechselbälgern gehört?«

»Nein.«

»Manche Mütter glauben, dass es böse Geister gibt, die ihnen, während sie schlafen, ihr Neugeborenes stehlen und ihnen stattdessen ein garstiges Wesen in die Wiege legen, das weder lebend noch tot ist. Ein Wechselbalg eben.«

»Und Sie, Doktor? Glauben Sie auch daran, dass es so etwas gibt?«

Der alte Mann zuckt mit den Schultern. »Ich war hier fünfzig Jahre lang Arzt. Schon seit sechs Generationen kommen die Ärzte in Blackrock aus unserer Familie. Fast zweihundert Jahre ist es her, da wurde der Großvater meines Großvaters zum Hellfire Club gerufen. Ein junger Stallbursche hatte dort seinen Herrn mit durchgeschnittener Kehle aufgefunden. Jener Gentleman war damals in ganz Blackrock berüchtigt. Es handelte sich um den letzten Spross der Familie Dawson – du weißt schon, in deren Besitz Castledawson House war. Ein richtiger Wüstling. Er hatte das ganze Vermögen seiner Familie verspielt, befand sich im letzten Stadium der Auszehrung und hustete ununterbrochen Blut. Hast du schon mal was vom Hellfire Club gehört?«

»Nein.«

»Das Haus ist jetzt nur noch eine Ruine, brannte irgendwann total aus. Die Überreste davon sind noch in den Dublin Hills zu sehen. Dort haben sich damals die Wüstlinge und Trunkenbolde der berüchtigten Eagle Tavern in Dublin ein Stelldichein gegeben. Man erzählt sich, Henry Dawson sei es irgendwann überdrüssig geworden, auf das Wohl des Teufels anzustoßen und unverdünnten Whiskey, vermischt mit geschmolzener Butter, vor einem lodernden Kaminfeuer hinunterzustürzen; solange, bis die gnadenlose Hitze und der Alkohol die Säufer bewusstlos umkippen ließen. Doch er konnte es nicht lassen, immer wieder und wieder in den Hellfire Club zu kommen, zum Karten- und Würfelspiel, dem dort mit blasphemischen Schwüren und Flüchen gehuldigt wurde. Ganze Anwesen wurden so verspielt und der Gottseibeiuns, der Herr der Finsternis – oder auch Beelzebub oder Luzifer –, war stets in aller Munde. Alle machten sich einen Spaß daraus, ihn in Gestalt einer schwarzen Katze herbeizurufen. Mit Dawson aber wollte bald keiner mehr spielen, denn er besaß nichts mehr, das einen Einsatz wert gewesen wäre. Manche sagen allerdings, dass er noch eine allerletzte Wette mit dem Teufel einging. Keiner weiß, was an dem Morgen, als Michael Byrne, sein junger Stallbursche, kam, um ihn dort abzuholen, tatsächlich geschah. Aber die alten Leute in Blackrock erzählen sich, dass Dawson noch einen letzten Wunsch aussprach und dass er Michael Byrne durch unredliche Mittel dazu brachte, ebenfalls einen Wunsch auszusprechen. Sie legten beide einen Schwur auf die Reliquie eines Heiligen ab, das Stück eines Knochens, das sich bereits seit Generationen im Besitz der Familie Dawson befand. Man glaubte damals, dass solche Reliquien die Kraft besäßen, die mächtigsten Wünsche eines Menschen wahr werden zu lassen. Aber das unbändige Wollen hat auch eine finstere Seite; jeder Wunsch, der einem erfüllt werden soll, hat auch einen Preis. Man sagt, dass Michael Byrne sich später aus dem Knochen des Heiligen zwei Würfel schnitzen ließ. Und falls er sich damals Gold gewünscht haben sollte, dann wurde ihm dieser Wunsch erfüllt, denn er hatte fortan teuflisches Glück beim Karten- und Würfelspiel. Was aber Henry Dawson sich gewünscht hatte, erfuhr keiner. Sein Bursche behauptete später beharrlich, als er an jenem Morgen nach ihm sehen wollte, habe er ihn bereits mit durchgeschnittener Kehle vorgefunden, einen Dolch mit schwarzem Griff neben sich.«

»Hat Byrne es getan?«, fragt Thomas. »Hat er seinen Herrn ermordet?«

»Manche behaupten, er sei der Mörder gewesen. Andere sagen, dass gar nicht Byrne, sondern an seiner statt ein Wechselbalg an jenem Tag nach Blackrock zurückgekehrt sei. Er war kaum wiederzuerkennen und hatte keine Ähnlichkeit mehr mit dem immer hungrigen jungen Burschen, der losgefahren war, um seinen Herrn aus dem Hellfire Club abzuholen. Ich habe noch die ärztlichen Aufzeichnungen des Großvaters meines Großvaters zu diesem Fall. Er war der Meinung, der Junge sei durch das Auffinden der Leiche aus dem psychischen Gleichgewicht gebracht worden. In gewisser Weise war er tatsächlich ein Wechselbalg geworden, doch anders als die Bauern das verstanden. Mein Ururgroßvater hatte den Eindruck, dass dem Jungen seine Seele gestohlen worden war. Es schien ihm, als wohnten andere, fremde Wesen in dessen Körper, verlorene, tote Seelen, die aus den verwirrten Augen des Jungen in die Welt starrten. Begreifst du, was ich dir damit sagen will, Thomas?«

»Nein.«

Der Doktor lächelt. »Natürlich hast du recht, Thomas. Solche Geschichten sind nichts als Märchen. Bloßer Aberglauben. Aber eins weiß ich ganz sicher, dass der Jazz dir jedenfalls nichts Böses antun wird. Was auch immer du im Leben machst, pass trotzdem auf und lass dir von niemandem deine Seele stehlen!«

Die Musik hat aufgehört zu spielen. Thomas hört das leise pffft, pffft der Nadel, während die Schallplatte sich weiterdreht. Gespanntes Schweigen.

»Wie könnte mir jemand meine Seele stehlen?«

»Indem er mit dir einen Pakt abschließt, indem er dir verspricht, dass sich die geheimsten Wünsche deines Herzens erfüllen werden. Was wünschst du dir denn am meisten, Thomas?«

Thomas steht auf und mustert mit liebevollem Blick die fremden Städtenamen, die in goldener Schrift auf dem Radioapparat neben dem Grammofon zu lesen sind: Kairo und Hilversum, Helsinki und Paris, Berlin und Kopenhagen. Was für eine faszinierende Vorstellung, dass er nur den Apparat einzuschalten und am Knopf des Radios zu drehen braucht – und Stimmen aus aller Welt sind dann in diesem Zimmer zu hören, als würden Gespenster aus der Ferne ihm etwas zuflüstern. Er behält seinen unbändigen Wunsch, in die große, weite Welt zu reisen, für sich; niemals wird er einfach tun können, was er will. Als er sich abwendet, bemerkt er auf einem Schränkchen eine aus Holz gedrechselte Puppe.

»Öffne sie«, sagt der alte Arzt.

»Was soll ich tun?«

Doktor Thompson nimmt die Holzpuppe und zeigt Thomas, wie sie sich in der Mitte öffnen lässt. In der Puppe kommt eine weitere Puppe zum Vorschein, ein wenig kleiner als die erste, aber ansonsten gleich.

»Ich habe sie einem Emigranten in Paris abgekauft«, sagt der Arzt, »einem Adeligen, der vor den Bolschewiken floh. Man nennt diese Puppen in Russland Babuschka oder auch Schachtelpuppen.«

Der Arzt öffnet eine Puppe nach der anderen und zieht immer kleinere Puppen daraus hervor, bis zwölf davon auf dem Schränkchen nebeneinander aufgereiht dastehen.

»Wie schön«, sagt Thomas.

Der Arzt nickt. »Und zugleich grausam. Stell dir nur mal vor, wie es sich anfühlen muss, eine Puppe in der Puppe zu sein, dein eigenes Ich zu verlieren und dein Leben in Dunkelheit zu verbringen, eingeklemmt zwischen Verdopplungen deiner selbst. Dauernd zu wissen, dass ein anderes Gesicht über dein eigenes gestülpt ist. Zum Glück brauchen Puppen keine Luft zum Atmen, sonst würden sie alle hier ersticken.« Doktor Thompson steckt die Puppen bedächtig wieder ineinander. »Vermutlich war es das, was der Großvater meines Großvaters mit einem Wechselbalg meinte; dass jemand gezwungen wird, Glied zwischen den Gliedern einer Kette zu sein, nachdem eine Person oder irgendeine Macht ihm seine Seele gestohlen hat. Sucht, Abhängigkeit, Triebe, Wünsche sind alles Formen von Sklaverei. Geh nach Hause, Thomas. Sag deiner Mutter, dass mit deinem Herz und deiner Lunge alles in Ordnung ist. Nimm die Schallplatte als Geschenk von mir mit.«

»Pater O’Connor würde es nicht gutheißen, dass ich eine solche Schallplatte besitze. Er sagt, aus mir wird später einmal ein Priester werden.«

»Im Leben läuft es selten so, wie wir uns das vorstellen, Thomas. Du kannst nicht wissen, was aus dir einmal werden wird. Doch was auch immer an Gefahren auf dich wartet, von Jazzmusik drohen sie dir ganz bestimmt nicht. Pass auf deine Seele auf, Thomas! Wenn sie dir nämlich einmal gestohlen worden ist, wirst du sie nie mehr wirklich besitzen.«

ZWEITES KAPITEL

JOEYS VATER

1993

Musik dröhnt aus den Lautsprechern im Auto meines Vaters. Er tritt aufs Gaspedal. Nicht das hirnlose Hämmern von Synthesizern ist zu hören oder das wie fremdgesteuert wirkende Trällern cleverer Blondinen, die von geistig beschränkten Männern gemanagt werden. Sondern der Rohschnitt von Liedern aus seinem Debütalbum, an dem er schon so lange arbeitet. Auf seinen langen Fahrten zu uns nach Hause, nach Blackrock, umgibt er sich gern mit den Klängen seiner noch unfertigen Stücke; im Kopf verbessert er die Musik und die Texte, seine Gedanken rasen, während er ungeduldig eine scharfe Kurve nach der anderen nimmt. Solche nächtlichen Autofahrten gehören zum täglich Brot eines Musikers, er kennt viele solche Straßen wie die verlassene Landstraße, auf der er in dieser Nacht durch die Berge in Richtung Dublin braust. Er beschleunigt noch weiter. Die Katzenaugen, die ihm rechts und links aus der Dunkelheit entgegenleuchten, geben ihm das Gefühl inmitten eines Computerspiels zu sein.

Er kommt von einem Auftritt in einem der hintersten Winkel von Wicklow, in einem tief eingeschnittenen Tal. Mit seiner Gitarre hat er es kaum geschafft, das unablässige Wummern der Karaoke-Maschine in der Bar neben dem Saal zu übertönen. Dreißig enthusiastische Fans hatten sich nach dem Konzert um ihn gedrängt und wissen wollen, wann sein Album New Town Soul denn nun endlich erscheinen würde. Das Magazin Hot Press hat es bereits als interessantestes Debüt des Jahres bezeichnet. Aber Hot Press hat sein Album bereits seit drei Jahren zum vielversprechendsten Debüt erklärt. Mehrere Plattenfirmen haben ihn unter Vertrag genommen und irgendwann wieder abgestoßen. Keine davon schaffte es, ihm die Mastertapes zu entreißen. Dad kann seinen Fans kein Erscheinungsdatum nennen, weil er dauernd weiter an den Stücken herumbastelt, auf der Suche nach dem perfekten Sound, der ihm die Unsterblichkeit garantieren soll. Er will sich mit nichts zufriedengeben, erst wenn er sicher sein kann, dass mit dem perfekten Sound seine Stimme für immer fortlebt – wie es bei Kurt Cobain war, bevor er sich erschossen hat; wie bei Sam Cooke und Marvin Gaye, bevor andere sie erschossen haben; wie bei Buddy Holly und Richie Valens, bevor sie unklugerweise schrottreife Flugzeuge bestiegen; wie bei Jimi Hendrix, bevor er an Erbrochenem und Wein erstickte; wie bei Jim Morrison, bevor das Heroin ihm das Gehirn und die Adern verklebte; wie bei Phil Lynott, in Dublin berühmt und verehrt, bevor er an seinen Fußsohlen keine Ader mehr finden konnte, um sich dort eine Spritze zu setzen; wie es bei den anderen Unsterblichen war, deren Musik mein Vater immer hörte, überzeugt davon, dass er eines Tages auch zu ihnen zählen würde.

Wenn er New Town Soul herausbringt, das weiß er, werden zehnmal so viele Leute zu seinen Konzerten kommen. Aber an diesem Abend ist er schon froh, dass ein paar Dutzend Hardcore-Fans gekommen sind, um sein Work in Progress zu hören. Sein unvollendetes Meisterwerk. Die Landstraße ist finster, aber mein Vater hat keine Lust, Geld, das wir nicht haben, für eine Übernachtung in einem Hotel zu vergeuden. Noch vor der Morgendämmerung kann er es zurück zu unserem winzigen Cottage schaffen. Er kennt sämtliche Abkürzungen nach Hause, von all den Fahrten nach seinen unzähligen Auftritten. Gleich wird er an den Ruinen des Hellfire Clubs vorbeikommen, wo einst die Wüstlinge sich betrunken und auf den Teufel angestoßen haben. Kurz darauf folgt die Abzweigung nach Tibradden. Von dort wird ihn eine Kette aus Neonlichtern hinunter nach Whitechurch geleiten und dann die Blackglen Road entlang, am Sandyford Industrial Estate und der N 11 vorbei, auf die Newtownpark Avenue in Blackrock. Von dort braucht er nur noch nach links in die Frascati Road und danach in die Temple Road abzuzweigen. Er wird schwungvoll in die Hauptstraße von Blackrock abbiegen, die direkt auf das Meer zuführt und die verlassenen Bäder, nur wenige Hundert Meter hinter den Bahngleisen. Und schließlich wird er in die Brusna Cottages einbiegen – die schmale Einbahnstraße, wo meine Mutter in einem Kingsizebett auf ihn wartet, das so groß ist, dass in dem vollgestopften kleinen Schlafzimmer kaum noch Platz für die Wiege ist, in der ich unruhig schlafe, weil mich meine ersten Zähne quälen.

Doch diesmal wird die Heimfahrt vor ihrem Ziel enden. Mir gefällt die Vorstellung, dass mich um zwei Uhr früh ein schwaches Echo des Unfalls weckt. Ein Geräusch, das nur ein Baby hören kann: der Ton, der durch die Luft fährt, wenn die eigene Zukunft völlig umgekrempelt wird. Nimmt Dad die Hand vom Steuerrad, um die Musik noch lauter zu drehen? Blickt er auf und merkt plötzlich, dass hinter der Kurve etwas die Straße blockiert – ein Schaf, das sich verlaufen hat, ein alter Mann mit einem schwarzen Hut, der mit einem Stock fuchtelt, oder vielleicht auch der Geist von Henry Dawson, der aus der verlassenen Hellfire Lodge stürmt und lauthals schreit: »Ist meine Seele wirklich verdammt?«

So male ich es mir immer aus, aber mit Sicherheit weiß ich nur zwei Dinge: erstens, dass Hunderte von Glassplittern über den Asphalt verstreut werden, als Dad bei dem Aufprall durch die Windschutzscheibe geschleudert wird. Ich mag die Vorstellung, dass jeder Splitter ein anderes Bild von ihm reflektiert, sodass während der unendlichen Dauer der wenigen Sekunden, bis die Windschutzscheibe völlig zersplittert ist, eine Art Diashow mit Bildern von ihm auf die Straße herabregnet.

Und zweitens, dass der Kassettenrekorder immer noch läuft – obwohl von seinem Auto an dem Stück Waldrand, hinter dem der Hellfire Club liegt, nur noch ein zusammengepresster Schrotthaufen übrig ist. Denn als ein Motorradfahrer dort zufällig vorbeikommt und die Leiche meines Vaters findet, unweit des Gipfels des Montpelier Hill, ist ringsum alles still, bis auf die Musik, die aus den Lautsprechern dröhnt. Es sind die Lieder, nach denen ich mich meine ganze Kindheit lang sehnen werde. Doch ich werde sie nie zu hören bekommen. Der Versuch meines Vaters, Unsterblichkeit zu erlangen, war vergeblich.

DRITTES KAPITEL

JOEY

SEPTEMBER 2009

Du schaffst das, Joey, sagte ich zu mir. Kein Grund zur Panik, du darfst dir nur nicht anmerken lassen, dass du Angst hast. Du bist nicht der erste Junge auf der Welt, der einen überfüllten Schulflur entlanggehen muss und dann hinein in ein Klassenzimmer, in dem lauter Fremde sitzen. Aber ich hatte Angst. Denn ich wechselte nicht nur die Schule, ich hoffte, dass sich mein ganzes Leben ändern würde. Es war eine Woche nach meinem sechzehnten Geburtstag. Ich hatte eine neue Schuluniform, eine Schultasche voll mit neuen Büchern und den Kopf voll mit schlechten Erinnerungen an mein früheres Klassenzimmer. In meiner alten Schule war ich immer gemobbt und verspottet worden, aber hier im Stradbrook College würde ich es nicht mehr so weit kommen lassen. Ich würde mich besser beherrschen. Das hatte ich mir fest vorgenommen. Doch mit meinem Plan war es aus und vorbei, sobald ich Shane O’Driscoll näher kennenlernte.

Selbst wenn ich der coolste Junge im ganzen Universum gewesen wäre, hätte es mich nervös gemacht, ein Klassenzimmer voller fremder Gesichter betreten zu müssen, voller Leute, die sich untereinander bereits kannten, ihre gemeinsamen Scherze hatten und wo jeder von jedem den Spitznamen wusste. Aber ich war nicht cool: Ich war der uncoolste Junge, den ich kannte. Als Gott die Coolness verteilte, muss ich wohl gerade auf dem Klo gewesen sein. Oder vielleicht stand ich im Himmel auch in der Schlange an, wo all die Nasen anstehen, die sich beschweren wollen, weil sie mit ihrem Aussehen zu kurz gekommen sind.

Ein Schwarm von Gesichtern wandte sich mir zu, um mich zu mustern. Aha, ein neuer Mitschüler. Ich versuchte, meine Nervosität zu verbergen. Die Blicke waren eher abschätzig als neugierig. Aber auch nicht wirklich feindselig. Ich war offensichtlich zu normal, als dass sie meinetwegen ihre aufgeregten Gespräche am ersten Schultag nach den Sommerferien unterbrochen hätten. Bereits jetzt konnte ich ein paar Cliquen in der Klasse ausmachen. In der einen Ecke trösteten sich ein paar Möchtegern-Gothic-Fans gegenseitig, dass sie wieder Schuluniform tragen mussten. In der anderen verglichen mehrere Sportskerle die Aufschürfungen, die sie sich bestimmt bei einem Rugbyspiel geholt hatten, tauschten ihre Erfahrungen mit Vitaminpräparaten aus, Rezepte zum Muskelaufbau und protzten mit ihren angeblichen sexuellen Eroberungen. Zwei mögliche Bewerber um den Preis für den Nachwuchswissenschaftler des Jahres studierten ein Blatt Papier, bei dem es sich entweder um ein altes Physikprotokoll oder um die Bastelanleitung für eine selbst gebaute Atombombe handelte. Aber die große Mehrheit meiner neuen Klassenkameraden am Stradbrook College wirkte ziemlich entspannt. Es handelte sich um eine multireligiöse und ethnisch gemischte Schule. In meiner neuen Klasse schienen alle Richtungen vertreten zu sein – bis auf ein Mädchen oder einen Jungen, denen vielleicht die Musik gefiel, die ich gern spielte. Ich war Experte, was den Musikgeschmack von allen betraf, die sich hier im Raum befanden, weil ich in den vergangenen beiden Wochen sämtliche Facebook-Accounts der Klasse geknackt hatte. Und das bedeutete, dass ich genau wusste, wer mit wem zusammen war, wer nicht mehr mit wem zusammen war und wer am liebsten mit wem zusammen gewesen wäre. Das Internet war voll mit so vielen Fotos von allen in meiner neuen Klasse und von den Partys, auf denen sie sich den ganzen Sommer über herumgetrieben hatten, dass ich von den meisten sogar bereits den Namen wusste.

Mit mir wäre das umgekehrt nicht möglich gewesen, denn selbst wenn sich jemand die Mühe gemacht hätte, meinen Namen zu googeln – er wäre nicht fündig geworden. Auf Facebook war ich nicht mehr, da hatte ich meine Seite vor ein paar Monaten löschen lassen. Es war gar nicht mal das ständige Cyber-Mobbing in meiner alten Schule, was mich so weit gebracht hatte, sondern die ätzende Vorhersehbarkeit der immer gleichen Beschimpfungen. Sogar wenn es darum ging, einen anderen Jungen – wir waren eine reine Jungsschule! – richtig fertigzumachen, besaß kein einziger genug Intelligenz, um dort einen wirklich originellen Kommentar abzugeben. Nicht, dass hier ein falscher Eindruck entsteht. Ich war in meiner alten Schule nicht der krasse Außenseiter gewesen. Mit meiner unbeholfenen Art war ich eigentlich gar nicht unbeliebt. Oder zumindest hatte ich nie große Schwierigkeiten mit den anderen gehabt. Das änderte sich erst nach meinem Auftritt bei dem Wettbewerb. Ich hatte gelernt, mich unauffällig an den Rändern der Cliquen zu bewegen, sodass es immer wirkte, als ob ich dazugehörte. Aber in Wirklichkeit gehörte ich nirgendwo so richtig dazu, und dabei war ich nicht einmal ein Streber oder so was. Ich passte einfach nie so richtig ins Bild, weil meine Klassenkameraden in meiner alten Schule mich zu Tode langweilten. Sie interessierten sich nur für Fußball und ihre Garagenbands und dafür, wie sie die Kopien drittklassiger, lahmer, überhaupt nicht punkiger oder punk-rockiger Rapper liefern konnten. Trotzdem kam ich immer so halbwegs durch, obwohl mich die meisten in meiner Klasse für leicht bekloppt hielten und ich sie für eine Versammlung von Idioten, schwachsinnig, aber harmlos. Doch das war nur bis zu dem Wettbewerb so, danach fingen sie mit dem Mobbing an. Jeder von ihnen führte sich wie der Leithammel auf, aber sie waren einfach nur eine Schafherde. Alle miteinander trampelten sie in den letzten Monaten an meiner alten Schule unablässig auf mir herum.

Deshalb hatte ich mir geschworen, dass ich mich im Stradbrook College niemals mehr so zum Affen machen würde. Ich wollte auf keinen Fall auffallen. Wozu allerdings auch kaum Gefahr bestand, denn nur wenige beachteten mich, als ich etwas zögerlich in der Tür stand. Die meisten hatten nur kurz zu mir hingeblickt und sahen dann gleich wieder weg. Nur ein Mädchen mit kohlrabenschwarzen Haaren lächelte mir von ihrem Platz direkt am Fenster einen schüchternen Willkommensgruß zu. Ich lächelte zurück, sie lächelte noch breiter und schaute danach zum Fenster hinaus. Ihr Gesicht war mir von keinem Facebook-Foto bekannt, aber ihr Lächeln reichte aus, um mein schwankendes Selbstbewusstsein zu stärken, als ich überlegte, was ich als Nächstes tun sollte. Mich einer der Gruppen anschließen? In der Hoffnung, dass man mich vielleicht akzeptierte? Oder mein Lager an dem verführerischen freien Platz am Fenster aufschlagen, hinter dem schwarzhaarigen Mädchen? Wo ich dann unglaublich eifrig meine Bücher herausholen würde, um zu überspielen, wie nervös ich war?

Ich wollte gerade auf den leeren Platz am Fenster zusteuern, als die Stimmung sich plötzlich änderte. Alle blickten auf einmal wieder in meine Richtung. Ich war es nicht gewohnt, angestarrt zu werden, und musste mich stark zusammennehmen, um nicht zu deutlich nach unten auf meinen Hosenschlitz zu schauen, ob er vielleicht offen stand. Oder hatte mir schon an meinem ersten Tag irgendein Witzbold »Opfer« auf die Stirn geschrieben? Aber es wirkte nicht, als würden sie sich über mich lustig machen wollen. Vor allem die Mädchen signalisierten mir durch ihre Blicke, dass sie mich unglaublich gern kennenlernen wollten, und ich kam mir richtig smart und sexy vor. Das Gefühl kannte ich nicht und ich begriff nicht, was auf einmal diesen Wandel ausgelöst hatte. Nur ein Mädchen beteiligte sich nicht: das Mädchen mit den kohlrabenschwarzen Haaren. Sie schaute mich nur noch einmal kurz an, diesmal ohne zu lächeln, beinahe als sähe sie einen Geist.

Dann wurde mir durch eine leichte Bewegung hinter mir klar, dass die Klasse gar nicht mich anschaute. Sie sahen alle durch mich hindurch, als wäre ich Luft.

Ihre Augen waren auf einen Jungen in einer schwarzen Lederjacke gerichtet, der gerade den Raum betrat. Er schien weder besonders sportlich noch besonders hübsch zu sein, aber er hatte etwas an sich, lächelte so selbstbewusst und als ob ihm im Leben nichts etwas anhaben könnte, dass auch ich davon wie gebannt war. Er wirkte, als hätte er bereits alles gesehen und sich entschieden, das T-Shirt mit dem coolen Spruch trotzdem nicht zu kaufen, weil er es nicht nötig hatte, damit anzugeben. Er muss der Anführer hier in der Klasse sein, dachte ich; er hat alles, was es dazu braucht. Wenn sie mich mobben, dann wird er derjenige sein, der die anderen dazu anstachelt. Aber ich würde hier nicht gemobbt werden, denn dieser Junge würde nicht zulassen, dass in seiner Klasse so etwas geschah. Wäre ihm viel zu blöd. Und alle würden es dann machen wie er und mich einfach ignorieren. Genau das tat er nämlich, als er sich jetzt an mir vorbeischob.

Aber als er dann zu reden anfing, merkte ich, dass keiner im Raum wusste, wer er war. Außer dem schwarzhaarigen Mädchen vielleicht, das sich schnell wegdrehte. Alle anderen, das spürte ich, waren von seinem Auftreten genauso gebannt wie ich.

»Ich bin Shane O’Driscoll«, verkündete er ruhig. »Ich bin der Neue. Hab gehört, dass es bei euch so ein Aufnahmeritual gibt und jeder erst mal ein lebendiges Huhn opfern muss.«

Gelächter. Ein Mädchen fragte ihn, wo er denn seine Lederjacke herhätte.

»Hab ich von einem polnischen Seemann geklaut, im Captain Americas in Dún Laoghaire. Der arme Kerl läuft jetzt im Blazer von meiner alten englischen Schule rum.« Shane drehte sich zu mir um, als hätte er erst jetzt gemerkt, dass ich auch da war. »Alles in Ordnung bei dir? Willst du hier Wurzeln schlagen? Oder bist du mit dem Türrahmen verheiratet?«

»Nein, ist unser erstes Date.«

Erleichtert stellte ich fest, dass alle in der Klasse lachten, weil er lachte.

»Ich warn dich aber, sie kann recht hölzern sein.«

Shane schlenderte zu dem Platz, zu dem ich gerade gewollt hatte, und blickte dann noch einmal zu mir rüber.

»Wie war noch mal dein Name?«

»Joey. Joey Kilmichael.«

»Du sitzt nicht zufällig hier am Fenster, Joey, oder?«

»Nein«, sagte ich, »aber ich …«

»Cool. Dann setz ich mich hier hin.« Das schwarzhaarige Mädchen kehrte ihm den Rücken zu, als er es sich auf dem Platz hinter ihr bequem machte. Mir blieb nichts anderes übrig, als mir ganz hinten im Klassenzimmer einen Platz zu suchen. Shane O’Driscoll schien die verkrampfte Haltung des Mädchens zu bemerken.

»Wie geht’s denn so, Geraldine?«, fragte er.

Sie beachtete ihn nicht. Shane zuckte leicht amüsiert mit den Schultern und genoss den Blick aus dem Fenster, auf den ich mich schon gefreut hatte. Er machte sich nicht die Mühe, so zu tun, als sei er beschäftigt. Er wirkte total entspannt, als wäre ein Schulwechsel für ihn eine seiner leichtesten Übungen. Obwohl er zuletzt eine Schule in England besucht hatte, hatte er einen Dubliner Akzent, und ich fragte mich, was da wohl dahintersteckte. Eigentlich hätte ich sauer auf ihn sein müssen, weil er mir den Platz am Fenster weggeschnappt hatte. Stattdessen beneidete ich ihn, weil er so cool und selbstbewusst war, wie ich das nie sein würde. Shane strahlte etwas aus, das auch mein Vater ausgestrahlt haben musste, jedenfalls erzählten mir das die Leute so. Er machte den Eindruck, viel älter als sechzehn zu sein und sich für alles zu interessieren, aber durch nichts beeindrucken zu lassen. Nie würde ich so sein wie er, da brauchte ich mir gar nichts vorzumachen. Deshalb hatte ich in diesem Augenblick nur einen Wunsch – dass Shane sich aus irgendeinem Grund als vielleicht etwas beschränkten, aber treuen Freund mich aussuchen würde.

VIERTES KAPITEL

SHANE

JUNI 2007

In dem Sommer, als er vierzehn wurde, hatte Shane O’Driscoll keine große Lust, aus dem gemütlichen kleinen Reihenhaus, das in Sallynoggin seit jeher sein Zuhause gewesen war, nach Blackrock zu ziehen. Aber Shane hätte jeden Umzug mitgemacht, wenn danach nur seine Eltern aufgehört hätten, sich zu streiten. Doch der Umzug nach Blackrock setzte dem kein Ende. Jeden Abend wurde ihm ganz mulmig bei dem Gedanken, dass ihre neuen Nachbarn in dem luxuriösen Doppelhaus die ständigen Auseinandersetzungen um Geld und Rechnungen womöglich mit anhören mussten. Tagsüber bewirkten dieses mulmige Gefühl und seine angeborene Schüchternheit, dass er immer mit leicht gesenktem Kopf herumlief und jeden Blickkontakt vermied, wenn er die gepflegten Grünanlagen durchquerte, die zwischen das teure Neubauviertel am Sion Hill und das ständige Rauschen des Verkehrs auf der Rock Road geschoben waren. Die neuen Nachbarn im Viertel beobachtete er deshalb meist nur aus der Ferne, wenn sie mit ihren BMWs und SUVs auf den reservierten Plätzen parkten und daraus mit Designerlabel-Einkaufstüten aus dem Frascati Center ausstiegen. Manchmal hatten sie Kinder und Jugendliche im Schlepptau, in Ugg-Boots und Abercrombie-Hoodies und mit so perfekten Zähnen, als hätten sie schon im Mutterleib Zahnspangen getragen. Es folgte der typische Blickwechsel, bei dem blitzschnell alles abgecheckt wurde, aber darüber hinaus hatte er mit ihnen keinen Kontakt.

Zwischen Sallynoggin und Blackrock lagen nur drei Meilen. Viele Arbeiterfamilien – darunter auch Shanes Großeltern – stammten ursprünglich aus Blackrock und waren nach Sallynoggin gezogen, als dort vor einem halben Jahrhundert neue, billige Wohnungen gebaut worden waren. Aber Shane hatte den Eindruck, dass in Blackrock von dieser Vergangenheit, vom Leben der Arbeiter überhaupt keine Spuren mehr geblieben waren. Sogar die schmalen Reihenhäuser im Stil viktorianischer Cottages, nicht weit entfernt vom Meer, waren geschmackvoll modernisiert und für ganz andere Bedürfnisse hergerichtet worden. Aus beengten Schlafzimmern, in denen früher die Kinder zu viert oder fünft in den Betten geschlafen hatten, immer Kopf und Füße abwechselnd nebeneinander, waren Büros von Architekten geworden oder Behandlungszimmer von Ärzten, die sich der ganzheitlichen Medizin verschrieben hatten. Egal, wohin Shane in diesen ersten Wochen ging, überall in Blackrock entdeckte er die Spuren von Wohlhabenheit, diskret versteckt oder unverschämt zur Schau gestellt. Alle, die dort wohnten, schienen viel Geld zu haben. Nur seine Eltern nicht. Dafür konnten die neuen Nachbarn natürlich nichts, aber er achtete sorgfältig darauf, dass sie ihm nicht zu nahe kamen. Sie wirkten eigentlich sehr nett, wie sie da in ihren großen Autos ankamen und wegfuhren. Trotzdem hatte er immer das Gefühl, dass sie ihm nur signalisieren wollten, er selber sei nicht so nett wie sie und gehöre mit seinen Eltern eigentlich nicht in das Neubauviertel am Sion Hill.

Der einzige Jugendliche, den er dort näher kennenlernte, war Simon Wallace, ein paar Jahre älter als er. Aber auch ihre Gespräche, wenn sie sich zufällig mal begegneten, waren eher halbherzig. Simon, der ein etwas schräger Typ war, redete mit Shane nur deshalb auf seine ziemlich blasierte Weise, weil er niemanden sonst hatte. Er war stets angezogen, als könnte er sich nicht entscheiden, ob er eher auf dem Gothic- oder dem Emo-Trip war, und behauptete, der Leadsänger einer Band zu sein, die viel zu avantgardistisch war, um für Auftritte gebucht zu werden. Angeblich probten sie regelmäßig in einer Garage, die der reiche Vater ihres Schlagzeugers extra für sie umgebaut hatte. Shane und Simon wechselten jedes Mal, wenn sie sich begegneten, ein paar Worte miteinander und Shane fühlte sich dabei immer etwas verlegen. Einmal lud Simon ihn ein, mit ihm doch eine Flasche Southern Comfort zu trinken, und ließ wie nebenbei fallen, er wüsste ganz in der Nähe einen großartigen Ort für Besäufnisse, wo niemand sie stören würde. Aber Shane ging nicht darauf ein. Er trank keinen Alkohol und hatte keine Lust, sich einen ganzen Nachmittag lang anhören zu müssen, wie Simon damit prahlte, wegen Drogenbesitz fast von der Schule geflogen zu sein und dass nur die guten Beziehungen seiner Eltern dies verhindert hatten.

Shane wollte seinen Eltern lieber keinen Ärger machen, weil sie sowieso schon genug Ärger hatten. Er wusste, dass seine Eltern ihn beide liebten, aber seit einem Jahr waren sie ständig so gestresst, dass sie sich nur noch gegenseitig anbrüllten – und ihn auch. Er konnte sich nicht daran erinnern, dass es solche Spannungen auch schon gegeben hatte, als er noch kleiner gewesen war. Eigentlich die ganzen Jahre nicht, in denen er in dem alten Haus in Sallynoggin aufwuchs, das ursprünglich seinem Großvater gehört hatte. Er sah ihn noch genau vor sich, seinen Großvater Jack O’Driscoll, den Vater seines Vaters – einen gutmütigen alten Mann, der den ganzen Tag im Lehnstuhl saß und immer behauptete, Shane sei ihm als Junge wie aus dem Gesicht geschnitten. Shane ging noch nicht in die Schule, da hatte Granddad Jack ihm schon das Schreiben beigebracht, indem er ihn seine eigene, wie gestochene Schrift nachahmen ließ. Er hatte Shane Geschichten aus seiner eigenen Kindheit in Blackrock erzählt; und wie er dann angefangen hatte, in einer kleinen Molkerei in der Castledawson Avenue zu arbeiten, angestellt bei Mrs McCormack – einer griesgrämigen Vettel mit der schärfsten Zunge und dem knauserigsten Geldbeutel in ganz Blackrock.

Das einzig Gute an seiner Zeit in der Molkerei, so pflegte Shanes Großvater immer zu sagen, sei gewesen, dass er dort seine Frau Molly kennengelernt habe. Molly hatte als Küchenhilfe bei Mrs McCormack gearbeitet. Sein Großvater hatte Shane unzählige Geschichten über Leute erzählt, die das Herz auf dem rechten Fleck trugen, und über andere, die knauserig und hartherzig waren. Beide Arten von Leuten hatte er zur Genüge kennengelernt, nachdem er McCormacks Molkerei verlassen hatte, um als Botenjunge für Findlater’s an der Hauptstraße von Blackrock zu arbeiten. Er radelte in der Gegend herum, um Lebensmittel an die großen Landhäuser rund um Mount Merrion und Stillorgan auszuliefern. Das Dorf seiner Kindheit mochte sich zwar stark verändert haben, aber Shanes Großvater legte immer Wert darauf, dass bei den O’Driscolls – anders als bei dem neuen Volk, das in den hübsch herausgeputzten Landhäusern lebte – schon seit Generationen Blackrock-Blut durch die Adern floss. Das reichte bis in die Zeit zurück, als der Ort noch Newtown-by-the-Black-Rock hieß und nur aus wenigen Häusern bestand, an die Küste geschmiegt, die von einer dem Ufer ein Stück vorgelagerten, steil aus dem Meer ragenden Klippe aus schwarzem Fels beherrscht wird.

Shanes Großvater war vor fünf Jahren gestorben, und obwohl sich seine Eltern danach auch schon ab und zu gestritten hatten, hatte er die Zeit als ziemlich glückliche Periode in Erinnerung. Seine Eltern lachten und umarmten sich und sie umarmten auch ihn. Manchmal beschwerte sich seine Mutter darüber, dass im Haus alles etwas beengt war, aber Shane hatte die kleinen, gemütlichen Zimmer gemocht. Er fühlte sich in ihnen richtig daheim. Shanes Vater hatte in Sallynoggin auch glücklich gewirkt, bis sich dann vor einem Jahr auf einmal alles änderte. Plötzlich war Shanes Vater geradezu besessen von der Idee, nach Blackrock umzuziehen – und daraufhin hatte sich Shanes Leben total verändert.

Über mangelnden Raum konnte sich seine Mutter in dem neuen Haus, das auf dem Sion Hill an der Stätte eines alten Klosters erbaut worden war, nicht beklagen. Das Gebäude war ultramodern, auch wenn die hohen, gewölbten Decken an lang vergangene Zeiten erinnern sollten. Die Räume waren mit Eichenparkett ausgelegt und hatten Eichentüren mit Messinggriffen und farbigen Glasscheiben, die das Licht in alle Zimmer fluten ließen. Die Wände im Bad waren mit Kalksteinfliesen gekachelt und die Badewanne war dem viktorianischen Stil nachempfunden und hatte Löwenfüße. Im Wohnzimmer befand sich ein auf antik gemachter Marmorkamin, in dem Gasflammen brennende Holzscheite imitierten. Passend zur Einbauküche war eigens ein Granitküchentisch mit dazugehörenden Hockern gefertigt worden. Breite Doppeltüren öffneten sich auf einen nach Süden gelegenen Balkon. Fast alle Zimmer hatten einen weiten Blick über die Dubliner Bucht bis nach Howth Head. Direkt hinter der viel befahrenen Rock Road konnte Shane aus seinem Fenster den Blackrock Park sehen und die Zufahrt zum Emmet Square, jenem von schmalen Reihenhäusern im edwardianischen Stil umstandenen Platz, von dem aus sein Großvater jeden Tag zur Arbeit in McCormacks Molkerei aufgebrochen war.

Das neue Haus fühlte sich riesig an. In jedem Zimmer hallte es, weil sie bis auf die Einbaumöbel, die ihnen die Vorbesitzer hinterlassen hatten, fast leer waren. Ein Möbelwagen hatte alles aus ihrem alten Haus in Sallynoggin hertransportiert. Aber was dort gemütlich gewirkt hatte, sah in den neuen, großen Räumen abgenutzt und schäbig aus. Und um neue Möbel zu kaufen, fehlte Shanes Eltern das Geld.

Genug Platz gab es also in dem neuen Haus, aber trotzdem keinen Ort, an dem Shane dem Ehekrieg seiner Eltern hätte entfliehen können. Egal, in welches Zimmer er sich abends zurückzog, ihre wütenden Stimmen drangen durch alle Wände und es gelang ihm nur schwer, sich auf eines der Bücher zu konzentrieren, die er sich immer aus der Bücherei auslieh. Nirgends fühlte er sich geborgen.

Tagsüber fühlte Shane sich einsam und verlassen. Aber auch der Schlaf bot ihm nachts wenig Trost, denn in seinen Träumen wurde er immer von Wasser bedroht. Vor allem ein Albtraum kehrte immer wieder: Er beugte sich über ein Wasserbecken in einem Keller oder Verlies, jedenfalls an einem Ort, wo eine Leiche nie gefunden werden würde. Der Traum endete jedes Mal unweigerlich mit dem Gefühl, nach vorne zu kippen, in das Wasser hinein, das so tief und eiskalt war, dass es kein Entkommen gab. Schweißgebadet und mit hämmerndem Herzschlag wachte er jedes Mal auf, im letzten Moment, bevor sein Körper in das Wasser eintauchte. Shane erzählte seinen Eltern nie von seinen Albträumen, denn sie hatten genug mit ihren eigenen, echten Sorgen zu tun.

In den ersten Monaten in Blackrock vertraute er sich niemandem an. Er behielt alles für sich. Aber die Einsamkeit war für ihn schwer zu ertragen, vor allem, als die Sommerferien anfingen und seine Eltern jeden Morgen zur Arbeit fuhren. Das einzig Gute an diesen langen Vormittagen und leeren Nachmittagen war, dass im Haus nichts mehr von der Spannung zu spüren war, die sonst überall lauerte. Seine Eltern hatten ein schlechtes Gewissen, weil sie ihn den ganzen Tag allein ließen und sprachen immer wieder davon, ihn in ein Sommercamp zu schicken. Aber Sommercamps kosten Geld und Shane war erleichtert, als irgendwann nicht mehr die Rede davon war.

Jeden Abend, wenn seine Mum und sein Dad nach Hause kamen, log ihnen Shane etwas vor. Er erzählte von den neuen Freunden, die er angeblich kennengelernt hatte und mit denen er im Blackrock Park Fußball spielte. Er erzählte ihnen, es sei der beste Sommer seines Lebens, weil sie das so unglaublich dringend hören wollten. Er hätte ihnen jede Lüge erzählt, nur damit sie nicht wieder stritten. Aber in Wirklichkeit hatte er nach drei Monaten in Blackrock noch keinen einzigen neuen Freund. Die Jugendlichen, die sich im Blackrock Park oder am Frascati Center herumtrieben, waren ihm gegenüber nicht feindselig, aber sie kannten sich alle untereinander und Shane war ein Außenseiter. Er hatte Angst davor, sich vor anderen lächerlich zu machen, und ihm war jede Sekunde bewusst, dass seine Eltern nicht in dieses Milieu passten.

Es war total aberwitzig von seinen Eltern gewesen, sich ein Haus zu kaufen, das sie sich so offensichtlich nicht leisten konnten. Aber seinem Vater war mit Vernunft nicht mehr beizukommen gewesen, sobald er einmal von der fixen Idee besessen war, nach Blackrock umzuziehen. Schließlich hatte Shanes Mutter nachgegeben, durch das unablässige Drängen seines Vaters ermüdet und – wie sie immer wieder ins Feld führte – weil er sie und alle anderen belogen hatte, was die tatsächliche Kaufsumme betraf. Erst als sie mit ihm beim Notar den Kaufvertrag unterzeichnete, wurde ihr auf einmal bewusst, wie hoch die Hypothek tatsächlich war, die sie aufnehmen mussten. Die monatlichen Rückzahlungsraten würden jeden Cent verschlingen, den sie beide verdienten.

Shanes Vater war ein unverbesserlicher Optimist, der immer überzeugt davon war, dass sein jüngster Wie-werde-ich-schnell-reich-Plan ihnen tatsächlich zu einem Vermögen verhelfen ...

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