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Wo die Hoffnung blüht

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Danksagung
  8. Kapitel 1
  9. Kapitel 2
  10. Kapitel 3
  11. Kapitel 4
  12. Kapitel 5
  13. Kapitel 6
  14. Kapitel 7
  15. Kapitel 8
  16. Kapitel 9
  17. Kapitel 10
  18. Kapitel 11
  19. Kapitel 12
  20. Kapitel 13
  21. Kapitel 14
  22. Kapitel 15
  23. Kapitel 16
  24. Kapitel 17
  25. Kapitel 18
  26. Kapitel 19
  27. Kapitel 20
  28. Kapitel 21

Über die Autorin

Lesley Pearse wurde in Rochester, Kent, geboren und lebt seit über 25 Jahren mit ihrer Familie in Bristol. Ihre Romane sind in England stets auf den ersten Plätzen der Bestsellerlisten zu finden.

Jo Prosser gewidmet für viele Jahre gemeinsamen Lachens, geteilter Triumphe und Katastrophen. Was täte ich ohne dich?

Danksagung

Mein besonderer Dank gilt Claire Ledingham bei Penguin für ihre Klugheit, ihren Takt und ihre Geduld. Und ebenso Emma Draude für ihre Unterstützung, ihr Interesse und ihre Freundschaft, die weit über das Maß dessen hinausreichen, was die Pflicht fordert.

Kapitel 1

März 1962, Bristol

Ich will Sie nicht fressen, ich möchte mich nur setzen!«

Die scherzhafte Bemerkung des jungen Mannes trieb Fifi die Röte in die Wangen, und sie klappte hastig den Mund wieder zu. »Tut mir leid, ich war in Gedanken meilenweit weg. Natürlich dürfen Sie sich an meinen Tisch setzen.«

Tatsächlich war sie einfach sprachlos gewesen, weil der Mann so unglaublich attraktiv war. Männer, die wie Indianer aussahen, kamen für gewöhnlich nicht ins »Café Carwardines«. Er mochte eine dicke Arbeitsjacke, Jeans und Wüstenstiefel tragen, aber seinen Gesichtszügen nach zu urteilen, musste reines Apachenblut in seinen Adern fließen.

»Und wo waren Sie?«, fragte er, als er sich setzte. »In Südfrankreich? Haben Sie mit Fred Astaire getanzt oder einen Mord geplant?«

Fifi kicherte. »Nichts so Aufregendes, fürchte ich. Das Einzige, was ich totschlagen muss, ist ein wenig Zeit, weil ich auf jemanden warte.«

»Nun, Sie könnten die Zeit totschlagen, indem Sie sich mit mir unterhalten«, antwortete er mit einem breiten Lächeln, das makellose, weiße Zähne entblößte. »Oder hat Ihre Mutter Ihnen eingeschärft, nicht mit fremden Männern zu sprechen?«

Fifi wusste, dass ihre Mutter einen Anfall bekommen würde, wenn sie ihre Tochter mit einem Mann wie diesem hätte reden sehen. Zunächst einmal verrieten seine Kleidung und seine schwieligen Hände, dass er körperliche Arbeit verrichtete. Sein Haar war pechschwarz und ein wenig zu lang; er hatte auffällige, kantige Wangenknochen und einen breiten Mund, der geradezu danach schrie, geküsst zu werden. Der schlimmste Albtraum einer überängstlichen Mutter!

»Ich denke, selbst sie würde glauben, dass mir hier nichts passieren kann«, erwiderte Fifi und betrachtete die vielen nicht mehr jungen Damen, die sich nach einem harten Einkaufstag Tee und Kuchen gönnten.

»Haben Sie zufällig eine Ahnung, wo die Gloucester Road liegt?«, fragte er. »Man hat mich vom Bahnhof hierher geschickt und mir geraten, mich dann noch einmal zu erkundigen.«

»Es muss ungefähr dort sein«, antwortete Fifi und zeigte mit der Hand in die Richtung, die sie meinte. »Allerdings ist es eine ziemlich lange Straße – haben Sie irgendwelche genaueren Angaben oder andere Straßennamen?«

Er zog ein Stück Papier aus der Tasche und warf einen Blick darauf. »Gegenüber der Kreuzung mit der Zetland Road«, sagte er. »Kennen Sie die?«

Fifi konnte nicht anders, als ihn anzulächeln. Sein Akzent klang nach Wiltshire, in jeder seiner Bemerkungen schwang Humor mit, und in seinen dunklen Augen stand ein aufregendes Glitzern. »Ja, es ist entweder ein langer Fußweg von hier oder eine kurze Busfahrt. Ich könnte Ihnen eine Karte zeichnen, wenn Sie wollen.«

»Wunderbar! Dann kann ich mir vorstellen, ich sei Dr. Livingstone, der den Zambesi hinaufwandert. Muss ich damit rechnen, in der Zetland Road auf Kannibalen zu stoßen?«

»Warum? Sind Sie denn einer?«, kicherte sie.

»Ich könnte durchaus in Versuchung geraten. Sie sehen gut genug aus, um Sie auffressen zu wollen«, gab er zurück und musterte sie dabei anerkennend. »Hat Ihnen schon jemals jemand gesagt, dass Sie wie Tuesday Weld aussehen?«

Fifi wurde häufig mit dem blonden amerikanischen Filmstar verglichen, und sie strahlte dann jedes Mal vor Freude, denn die Schauspielerin war sehr hübsch. Doch da Fifis gesamte Kindheit davon überschattet worden war, dass man ihr Aussehen eigenartig fand, konnte nichts sie wirklich davon überzeugen, dass sie sich verändert hatte.

»Das haben schon einige Leute bemerkt, aber nur solche, die eine Brille brauchen«, witzelte sie. »Doch hat Ihnen schon mal jemand gesagt, dass Sie wie ein Indianer aussehen?«

»Ja, ab und zu. Die Wahrheit ist, ich bin der Letzte der Mohikaner, der als Baby in Swindon ausgesetzt wurde«, antwortete er.

An dieser Stelle kam die Kellnerin zu ihnen und nahm seine Kaffeebestellung auf.

»Sie kommen also aus Swindon? Was führt Sie denn nach Bristol?«, fragte Fifi ihn.

»Ich bin auf der Suche nach meinem Glück«, erwiderte er lächelnd. »Außerdem trete ich hier eine Arbeit auf einer Baustelle an. Ich bin Maurer. Jetzt will ich mir erst einmal ein Zimmer in der Gloucester Road ansehen. Wie ist es denn so dort?«

»Ganz in Ordnung. Gute Geschäfte, Pubs, jede Menge Busse und zahllose Studenten, die dort leben. Es ist nicht primitiv, aber auch nicht elegant.«

»Ich wette, Sie leben in einem eleganten Viertel!«, bemerkte er mit Blick auf ihr maßgeschneidertes Kostüm, zu dem sie eine gestärkte weiße Bluse trug.

»Ich wohne in einem Vorort. Rosen im Garten und jede Menge Bäume«, antwortete sie knapp, da sie nicht geneigt war, über sich selbst und ihre Familie zu reden. Stattdessen wollte sie so viel wie möglich über diesen faszinierenden Mann in Erfahrung bringen, bevor Carol erschien. »Ich bin Felicity Brown, aber ich werde immer Fifi gerufen. Und wie heißen Sie?«

»Dan Reynolds«, sagte er. »Und Fifi passt zu Ihnen. Hübsch, wie ein kleiner, flauschiger Pudel.«

»Ich bin nicht flauschig«, erklärte sie entrüstet. Ihr blondes Haar war schnurgerade, sie war eins siebzig groß und hielt nichts von übertrieben aufwändiger Kleidung. Mit ihren zweiundzwanzig Jahren hatte sie es beruflich schon weit gebracht; sie war die jüngste Rechtsanwaltsfachangestellte, die je von der Kanzlei Hodge, Barratt und Soames, einer der besten in Bristol, eingestellt worden war.

»Ich hätte wohl besser schick sagen sollen statt flauschig«, meinte er, doch das »schick« klang bei ihm wie »chick«, was so viel hieß wie Mädel, flotte Biene.

Fifi lächelte. Die Beschreibung gefiel ihr.

»Also, Fifi, warten Sie auf Ihren Freund?«, fragte er.

Die Kellnerin kam mit Dans Kaffee zurück.

»Nein, auf eine Freundin«, erwiderte Fifi, während sie zusah, wie er vier Löffel Zucker in seinen Kaffee rührte. »Ich treffe mich immer donnerstags nach der Arbeit mit ihr, und wir gehen zusammen ins Kino.« Sie hoffte inzwischen bereits darauf, dass Carol nicht auftauchen oder zumindest zu spät kommen würde.

»Haben Sie einen Freund?«

»Nein«, antwortete Fifi wahrheitsgemäß. »Und was ist mit Ihnen?«

»Ich habe keinen Freund, nein«, sagte er und lachte. »In diese Richtung gehen meine Neigungen nicht. Ich hatte vor ’ner Weile eine Freundin, aber sie hat mich wegen eines reichen Kerls verlassen.«

»Und hat sie Ihnen das Herz gebrochen?«

»Mein Stolz hat etwas abbekommen, doch die Sache führte nirgendwohin. Es war im Grunde nur Gewohnheit.«

Nachdem Dan seinen Kaffee ausgetrunken hatte, plauderten sie noch ein wenig. Er benutzte keine der normalen Eröffnungsfragen; er erkundigte sich nicht danach, welche Musik ihr gefiel, welche Filme sie gesehen hatte oder womit sie sich ihren Lebensunterhalt verdiente. Er sprach auch nicht von sich selbst, sondern machte Bemerkungen über die anderen Leute im Café und erfand kleine, witzige Geschichten über sie, um Fifi zum Lachen zu bringen.

Fifis Mutter, Clara, sagte immer, dass die hervorstechendste Eigenschaft ihres ältesten Kindes die Neugier sei. »Sobald du sprechen konntest, Fifi, hast du ständig alle möglichen Dinge über Menschen wissen wollen. Und das hat mich häufig ganz schön in Verlegenheit gebracht«, behauptete Clara Brown oft.

Fifi war noch immer so neugierig wie eh und je, aber sie hatte gelernt, ihre Fragen auf eine Weise zu formulieren, die eher anteilnehmend als aufdringlich klang. Es war schön, mit jemandem zusammen zu sein, der von anderen Menschen genauso fasziniert zu sein schien wie sie selbst.

Als die Kellnerin zurückkam, um ihren Tisch abzuräumen, und ihnen mit einer ziemlich eindeutigen Geste ihre Rechnungen präsentierte, meinte Dan: »Ich muss ohnehin gehen. Nicht, dass mir noch das Zimmer durch die Lappen geht. Könnten Sie jetzt die Karte für mich zeichnen?«, fragte er, während er beiläufig nach ihrer Rechnung griff und sie zusammen mit seiner eigenen bezahlte.

Fifi dachte hastig nach. »Ich könnte Ihnen den Weg zeigen«, sagte sie dann. »Ich muss ohnehin in die Richtung gehen.« Das entsprach nicht der Wahrheit, aber das konnte Dan nicht wissen.

»Was ist mit Ihrer Freundin?«

Fifi zuckte die Schultern. »Sie wäre längst hier, wenn sie überhaupt hätte kommen wollen.«

Auch das war nicht wahr. Carol wurde bei der Arbeit oft aufgehalten, und sie würde enttäuscht sein, wenn sie Fifi später nicht mehr antraf.

Und wenn sie herausfindet, dass sie wegen eines wildfremden Menschen versetzt worden ist, wird sie bestimmt nie wieder ein Wort mit mir sprechen, überlegte Fifi. Aber Dan hatte etwas so Faszinierendes an sich, dass sie durchaus bereit war, dieses Risiko einzugehen.

»Wenn Sie sich da sicher sind«, sagte er. »Ich brauche nur einen Blick auf das Zimmer zu werfen und Nägel mit Köpfen zu machen, falls es in Ordnung ist. Wenn Sie wollen, könnte ich Sie anschließend noch auf einen Drink einladen?«

Fifi wollte nicht allzu eifrig wirken, daher zuckte sie nur lässig die Schultern, doch sie hatte bereits ihren Mantel angezogen und schob Dan mit seiner kleinen Reisetasche, die seine gesamte weltliche Habe zu enthalten schien, hastig zur Tür hinaus, bevor Carol doch noch auftauchte und ihr einen Strich durch die Rechnung machte.

»Ich warte hier drüben auf Sie«, sagte Fifi, die im Eingang eines Kurzwarenladens Schutz vor dem Regen gesucht hatte. Die Pension, nach der Dan Ausschau hielt, lag auf der anderen Seite der befahrenen Straße über einem schäbig aussehenden Zeitungskiosk. Die Farbe an der Haustür war bereits abgeblättert, und das Schild mit der Aufschrift »Avondale« hatte den Anschein, als wäre es von einem Betrunkenen geschrieben worden. Den schmuddeligen Gardinen in den Fenstern nach zu urteilen, würde es sich wohl kaum als eine sehr wohnliche Bleibe entpuppen.

»Sie können hier nicht warten, es ist viel zu kalt und nass«, widersprach Dan und sah sich um. Dann entdeckte er einen Pub weiter unten an der Straße. »Gehen Sie dort hinein.«

»Ich kann nicht allein in einen Pub gehen«, protestierte Fifi entsetzt. »Ich werde schon zurechtkommen.«

Er zögerte einen Moment lang, als befürchtete er, sie könne verschwinden, während er fort war. »Ich werde nicht länger als fünf Minuten brauchen«, erklärte er und lief über die Straße.

Fifi erhaschte nur einen flüchtigen Blick auf eine hagere Frau in einem geblümten Schürzenkleid, dann wurde die Tür auch schon wieder hinter Dan geschlossen, und sie besah sich die Auslagen im Schaufenster.

Das Thema war »Frühling«, und an weiß gestrichenen Zweigen hingen Wollknäuel in Pastellfarben. Außerdem waren fertige Häkelarbeiten, gestrickte Lämmer und Kaninchen sowie verschiedene Stickvorlagen in dem Schaufenster ausgestellt. Wie immer erfüllte Fifi beim Anblick solcher Dinge ein leises Beben der Nervosität. Ihre Mutter sagte immer, Stricken und Nähen seien ebenso wie das Kochen Fähigkeiten, die eine Ehefrau und Mutter beherrschen müsste, und Fifi verstand sich weder auf das eine noch das andere.

All ihre Freundinnen wünschten sich verzweifelt zu heiraten, und jeder neue Mann, mit dem sie ausgingen, entlockte ihnen schwärmerische Reden über Verlobungsringe und Brautmagazine. Fifi teilte die Verzweiflung ihrer Freundinnen nicht, aber ob das daran lag, dass sie im Grunde gern ledig war, oder daran, dass ihre Mutter sie ständig auf ihre Mängel hinwies, hätte sie nicht entscheiden können.

Eine Berührung an ihrer Schulter ließ sie zusammenzucken.

Es war Dan, und als er sah, dass er sie erschreckt hatte, lachte er. »Tut mir leid. Befanden Sie sich gerade auf dem Planeten Strickwolle?«, fragte er.

»Wohl kaum«, kicherte sie. »Was das Stricken betrifft, bin ich ein hoffnungsloser Fall. Sie waren aber schnell! Haben Sie das Zimmer bekommen? Wie ist es denn?«

»Eine feuchte, kalte Zelle, an deren Tapeten Pilze wachsen«, meinte er grinsend, »doch ich habe der Frau praktisch den Arm abgebissen, um das Zimmer zu bekommen, nur damit ich rechtzeitig wieder hier sein konnte, um Sie auf einen Drink auszuführen.«

»Ist das Zimmer wirklich so schlimm?«, wollte Fifi wissen, als sie zu dem Pub hinuntergingen.

»Noch schlimmer«, lachte er. »Die Vermieterin heißt Mrs. Chambers. Und ihre Stimme ist wie ein Reibeisen.« Er ahmte die Redeweise der Frau nach. »Ich dulde keine Frauen im Haus, egal, zu welcher Zeit. Keine Besucher oder Radios nach zehn. Alle vierzehn Tage saubere Bettwäsche, und alles, was kaputtgeht, muss ersetzt werden.«

Fifi kicherte. »Klingt ja schrecklich!«

»Nicht so schlimm wie einige Quartiere, in denen ich schon gewohnt habe«, sagte er mit einem Schulterzucken und diesem wunderbaren schelmischen Grinsen, bei dem Fifi jedes Mal ein Schauder überlief. »Ich habe einmal in einem Zimmer in Birmingham gewohnt, das im Wechsel benutzt wurde. Wenn ich aufstand, kam ein anderer Bursche, der nachts arbeitete, herein und legte sich in mein Bett.«

»Das glaube ich nicht.« Fifi lachte. »Das haben Sie bloß erfunden!«

»Es ist wahr«, beharrte er. »Am Ende sind wir gute Freunde geworden – er meinte, ich sei der beste Bettwärmer, den er je gekannt habe.«

Fifi schauderte. »Ich könnte unmöglich in der Bettwäsche eines anderen schlafen.«

»Ich nehme auch nicht an, dass Sie das jemals nötig hatten«, erwiderte er und musterte sie abschätzend. »Sie sehen so aus, als wären Sie in allergrößtem Luxus aufgewachsen.«

Der allergrößte Luxus war vielleicht eine Übertreibung, aber Fifi war sich darüber im Klaren, dass der Lebensstandard ihrer Familie weit über dem Durchschnitt lag. Das Reihenhaus in Westbury-on-Trym, einem der hübschesten Vororte von Bristol, war groß und behaglich, und da ihr Vater Dozent an der Universität von Bristol war, zählten sie unbestritten zur oberen Mittelklasse. Obwohl sie keineswegs reich waren, hatte es doch immer einen Urlaubsmonat in Devon gegeben, Fahrräder und Tanz und Tennisstunden. Fifi war nach ihrem Schulabschluss auf ein privates College gegangen, das Sekretärinnen ausbildete. Aber sie hatte im Grunde nie das Gefühl gehabt, irgendwie besonders vom Glück begünstigt worden zu sein, da fast all ihre Freundinnen aus ähnlichen Verhältnissen kamen.

»Ich komme mit meiner Mutter nicht besonders gut zurecht«, platzte sie heraus.

Sie wusste selbst nicht, warum sie ihm das erzählte, obwohl es durchaus der Wahrheit entsprach. Vielleicht wollte sie sich auf diese Weise von den Verhältnissen distanzieren, aus denen sie stammte. »Eigentlich sollte ich von zu Hause fortgehen und mir eine eigene Wohnung suchen.«

In dem Pub erzählte Fifi Dan bei einem Drink von ihren jüngeren Geschwistern, Patty, Robin und Peter, und dass zwischen ihnen jeweils nur vierzehn bis sechzehn Monate Altersunterschied lagen. »Sie sind alle mehr wie Mum und Dad«, erklärte sie. »Sie sind lenkbar und gehorsam. Ich war von Anfang an eine Enttäuschung für Mum, weil ich so anders war, so sonderbar.«

»Für mich sehen Sie gar nicht sonderbar aus«, meinte Dan. »Ganz und gar nicht.«

»Das würden Sie nicht mehr sagen, wenn Sie erst Fotos von mir im Alter von fünf oder sechs Jahren gesehen hätten.« Fifi kicherte. »Ich war so dünn wie eine Bohnenstange, mein Haar war schneeweiß wie das eines Albinos, und ich hatte einen riesigen Mund und Froschaugen.«

Um zu erläutern, was sie meinte, zog sie mit den Fingern Augen und Lippen auseinander, eine Grimasse, die die Leute immer zum Lachen brachte.

»Und dann ist eine gute Fee gekommen, nicht wahr?« Dan lachte, als glaubte er ihr nicht. »Oder sehe ich Sie mit Zauberaugen an?«

»Was meinen Sie damit?«, wollte Fifi wissen.

»Mein einziges Talent«, sagte er. »Ich lasse niemals zu, dass ich enttäuscht werde. Indem ich die Dinge mit Zauberaugen betrachte, sehe ich, wie sie sein könnten, wenn ich sie umbauen, bemalen, reparieren oder ihnen den letzten Feinschliff geben würde. Nehmen Sie nur dieses Zimmer bei Mrs. Chambers. Ich habe es mir mit einer hübschen Tapete und einem Teppich auf dem Boden vorgestellt, dann war es gar nicht mehr so schlimm.«

Fifi fand, dass das eine wunderbare Idee war. Sie fragte sich, ob sie sie auf ihre Mutter anwenden und feststellen könnte, wie Clara ohne ihre kritische Art, ihren Sarkasmus und ihren Argwohn sein würde. »So, ich müsste also umgebaut und bemalt werden, und etwas Feinschliff könnte vielleicht auch nicht schaden?«

Dan schüttelte den Kopf. »Nein, Sie sind einfach vollkommen. Ich kann nicht fassen, dass es mir an meinem ersten Abend in Bristol gelungen ist, mit einem so hübschen Mädchen auszugehen. Auch wenn Sie mich nur aus Mitleid begleiten.«

Es war keineswegs Mitleid, was Fifi für ihn empfand, weit gefehlt. Und es lag auch nicht nur daran, dass er so attraktiv war, es waren das Funkeln in seinen dunklen Augen, seine vollen Lippen, der Glanz auf seiner Haut, die animalische Geschmeidigkeit, mit der er sich bewegte. Er brachte sie zum Lachen und ließ ihr Herz auf ganz eigenartige Weise schneller schlagen. Sie konnte sich nicht daran erinnern, dass jemals irgendein Mann eine solche Wirkung auf sie gehabt hätte, aber andererseits waren die Männer, mit denen sie normalerweise ausging, im Allgemeinen glatte Büroangestellte in gepflegten Anzügen.

»Hm, was bringt Sie auf den Gedanken, ich sei aus Mitleid mitgekommen?«, gab sie spitz zurück und zog die Augenbrauen hoch.

»Was war es dann?«, erwiderte er grinsend.

»Neugier. Ich bin geradezu berüchtigt für meine Neugier. Als Kind habe ich meine Eltern immer in Verlegenheit gebracht, weil ich wildfremden Menschen die persönlichsten Fragen gestellt habe.«

»Nur zu, stellen Sie mir auch eine Frage«, forderte er sie heraus.

Fifi brannten hundert Fragen an ihn auf der Zunge, aber wenn sie sich für eine einzige entscheiden sollte, musste es eine sein, die die Dinge auf eine persönlichere Ebene brachte.

»Haben Sie Haare auf der Brust?«, entfuhr es ihr.

Er wirkte ein wenig verblüfft, grinste dann aber und knöpfte sein Hemd auf, gerade weit genug, dass sie glatte, unbehaarte Haut sehen konnte, die immer noch die Überreste goldener Sonnenbräune zeigte. »Akzeptabel?«, wollte er wissen.

»Perfekt«, lachte sie. »Ich kann behaarte Männer nicht ausstehen.«

»Darf ich jetzt eine Frage stellen?«, sagte er.

»Solange es für die Beantwortung nicht notwendig ist, dass ich meine Bluse aufknöpfe.«

»Würden Sie einen Mann in seinen Arbeitskleidern küssen?«

Fifi prustete vor Lachen. Ihr war tatsächlich aufgefallen, dass seine Kleidung ein wenig schmuddelig war, aber das hatte sie nicht im Mindesten abgestoßen. Tatsächlich standen ihm sein kariertes Flanellhemd, die abgetragenen Jeans und die dicke, wasserfeste Jacke hervorragend.

»Das würde auf den Mann ankommen«, erwiderte sie. Sie deutete mit dem Kopf auf einen Mann, der sich soeben von einem Barhocker erhob; er hatte einen gewaltigen Bierbauch, der ihm über die farbbespritzte Hose hing, und sein Kopf war fast kahl. »Ihn würde ich nicht küssen, selbst wenn er eine Smokingjacke aus Samt trüge. Aber in Ihrem Fall könnte das anders liegen.«

Es war bereits nach elf, als Fifi endlich nach Hause kam. Sobald ihre Mutter den Schlüssel in der Tür hörte, kam sie in den Flur hinausgeeilt.

Während der letzten zwei oder drei Jahre hatten etliche Leute Bemerkungen darüber gemacht, dass Fifi ihrer Mutter immer ähnlicher sähe. Es war ein Kompliment, da Clara eine sehr hübsche Frau war und weit jünger wirkte als ihre dreiundvierzig Jahre. Beide Frauen waren hochgewachsen, schlank und blond und hatten braune Augen und ein herzförmiges Gesicht. Aber Fifi hoffte inbrünstig, ihrer Mutter niemals im Wesen zu ähneln, denn Clara geriet wegen nichts und wieder nichts in Wut und konnte sehr hässliche Dinge sagen – die meist gegen Fifi gerichtet waren.

»Wo hast du bloß gesteckt?«, fragte Clara, deren Augen schmal waren von Argwohn und Ärger. »Carol hat angerufen und wollte wissen, warum du sie bei ›Carwardines‹ versetzt hast. Ich habe mir langsam echte Sorgen um dich gemacht, da es so eine kalte Nacht ist.«

»Ich habe bei ihr im Büro angerufen und eine Nachricht für sie hinterlassen«, log Fifi. »Wahrscheinlich hat es ihr niemand ausgerichtet.«

»Was ist denn plötzlich so Wichtiges passiert, dass du eure Verabredung hast platzen lassen? Carol ist so ein nettes Mädchen«, befand Clara schroff.

Fifi hatte nach dem Abend mit Dan den Kopf so hoch in den Wolken gehabt, dass sie nicht einmal auf den Gedanken gekommen war, sich eine plausible Geschichte für ihre Mutter auszudenken. Die Wahrheit konnte sie ihr jedenfalls nicht sagen – Clara würde hysterische Anfälle bekommen, wenn sie erfuhr, dass ihre Tochter sich von einem wildfremden Mann auf einen Drink hatte einladen lassen.

»Es war Hugh«, flunkerte sie hastig, während sie ihren Mantel an die Garderobe hängte. »Er hat mich heute Morgen angerufen, und er schien ziemlich außer sich zu sein. Ich hatte das Gefühl, mich mit ihm treffen zu müssen.«

Hugh war ein ehemaliger Freund, der in Bath lebte. Fifis Eltern hatten ihn sehr gemocht und wahrscheinlich gehofft, dass sie ihn heiraten würde, da er eine Ausbildung zum Rechtsanwalt angetreten hatte und aus einer sehr guten Familie stammte. Sie hatten sich vor einem Jahr getrennt, kurz nach Fifis einundzwanzigstem Geburtstag, waren jedoch Freunde geblieben. Also fand sie es nicht allzu schlimm, ihn als Alibi zu benutzen.

»Was war denn los mit ihm?«

Wenn sie mit Fifi sprach, schlug Clara stets diesen zutiefst argwöhnischen Tonfall an. Patty, Peter oder Robin kamen praktisch mit allem durch, aber aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen schien Clara von ihrem ältesten Kind immer das Schlimmste zu denken.

»Oh, es ging nur um ein Mädchen, das ihn an der Nase herumführt«, antwortete Fifi leichthin. »Wir haben etwas zusammen getrunken und dann zu Abend gegessen. Als wir uns verabschiedet haben, war Hugh schon deutlich entspannter. Ich werde Carol morgen früh anrufen und ihr alles erklären; jetzt ist es schon zu spät.«

»Du hättest mich anrufen können«, blaffte ihre Mutter sie an.

Fifi seufzte. »Ich wusste nicht, dass Carol meine Nachricht nicht bekommen hatte. Weshalb hätte ich dich da anrufen sollen? Du hast mich nicht zu Hause erwartet.«

»Die meisten Mädchen, die noch zu Hause wohnen, würden ihren Müttern Bescheid geben, falls ein Notfall eintreten sollte. Du benimmst dich so, als wäre dies hier ein Hotel und dein Vater und ich Angestellte, die dich bedienen.«

Fifi verdrehte die Augen; das war eine Bemerkung, die ihre Mutter mit monotoner Regelmäßigkeit vorbrachte. »Mum, ich bin müde, und ich friere. Es tut mir leid, dass ich dich nicht angerufen habe und dass Carol meine Nachricht nicht bekommen hat, und ich entschuldige mich für alles andere, was ich getan haben könnte, um dich zu verärgern. Darf ich jetzt ins Bett gehen?«

Clara Brown drehte sich um und stolzierte zurück ins Wohnzimmer, ohne ihrer Tochter auch nur eine gute Nacht zu wünschen.

Fifi ging direkt nach oben und hoffte inbrünstig, dass Patty bereits schlief, da ihr der Sinn nicht nach einem weiteren Verhör stand.

Fifi hatte Dan an jenem Abend zum Lachen gebracht, indem sie ihm erzählt hatte, wie schwierig sie als Kind gewesen war, und sie zweifelte nicht daran, dass er glaubte, sie habe übertrieben. In Wirklichkeit hatte sie die Wahrheit jedoch heruntergespielt. Es lag nicht nur an ihrem seltsamen Aussehen; ihre Eltern hatten sich einige Zeit lang ernsthafte Sorgen gemacht, ihr merkwürdiges Verhalten könnte auf eine geistige Störung zurückzuführen sein. Fifi hatte nicht länger als fünf Minuten stillsitzen oder sich auf irgendetwas konzentrieren können; sie hatte Wutanfälle gehabt und manchmal stundenlang geschrien. Außerdem hatte sie die Menschen entweder schweigend und bösartig angestarrt oder mit persönlichen Fragen bombardiert. Mit anderen Kindern war sie nicht gut ausgekommen; sie hatte ihnen ihre Spielsachen weggenommen oder sie gekniffen. Und zu guter Letzt hatte sie nicht essen oder schlafen wollen und die Neigung entwickelt, Selbstgespräche zu führen.

Es macht die Sache auch nicht besser, dass ihre nur vierzehn Monate jüngere Schwester ein niedliches, fügsames kleines Püppchen war, mit goldenen Locken, rosigen Wangen und der Art von Charme, die jeden dazu verlockte, sie auf den Arm zu nehmen und zu herzen.

Fifi konnte sich vorstellen, wie verzweifelt ihre Mutter gewesen sein musste, vor allem während des letzten Kriegsjahres mit drei Kindern unter fünf Jahren und einem Mann, der die meiste Zeit über fort gewesen war. Robins Geburt hatte Clara so entkräftet, dass sie für eine Weile eine Kinderfrau hatten ins Haus nehmen müssen. Diese Kinderfrau war auf den Gedanken gekommen, Fifis Gehirn könnte bei der Geburt durch die Zange beschädigt worden sein.

Die Frau hatte sich natürlich geirrt. Mit zehn Jahren hatte Fifi ebenso gut lesen und schreiben können wie die anderen Kinder in ihrer Klasse, und ihr Benehmen hatte sich weitgehend normalisiert. Auch wenn ihre Mutter behauptete, dass sie zu Hause immer noch sehr schwierig gewesen sei, war ihr Verhalten außerhalb ihres Elternhauses vollkommen unauffällig gewesen.

Fifi gab sich stets die größte Mühe, anderen klarzumachen, was für ein grässliches Kind sie gewesen war. Andererseits konnte sie inzwischen in den Spiegel schauen, ohne dort auch nur eine Spur des eigenartigen, mageren Mädchens mit den Froschaugen zu entdecken, das sie einst gewesen war. Mit zwölf hatte sich ihr Körper zu runden begonnen, ihr weißes Haar hatte endlich einen honigblonden Ton angenommen, und mit einem Mal hatten ihre Augen und ihr Mund sich nicht nur in Form und Größe ihrem Gesicht angepasst, sondern obendrein einen besonderen Reiz ausgestrahlt. Sie erinnerte sich noch immer sehr gut an das erste Mal, als ihr jemand gesagt hatte, sie sei hübsch – es war ein Gefühl gewesen, als hätte sie einen Topf mit Gold gefunden. Jetzt kam Fifi fast mit jedem Menschen gut aus; die Leute fanden sie amüsant, umgänglich und liebevoll.

Alle bis auf ihre Mutter, die noch immer reichlich Grund zur Klage fand. Ihrer Meinung nach war Fifi faul, launisch, egoistisch, ein Wildfang, der nicht die geringste Rücksicht auf die Gefühle anderer nahm. Fifi hingegen glaubte, die Boshaftigkeit ihrer Mutter ihr gegenüber sei auf bloße Eifersucht zurückzuführen, weil Clara niemals die Freiheit genossen hatte, die ihrer Tochter jetzt zuteil wurde.

Clara hatte Harry mit einundzwanzig Jahren geheiratet, gerade als der Krieg ausgebrochen war. Harry unterrichtete bei ihrer Heirat Mathematik, verbrachte den Krieg jedoch damit, Codes zu entschlüsseln, und war oft monatelang nicht zu Hause. Fifi war davon überzeugt, dass es eine einfache Erklärung dafür gab, warum ihre Mutter so oft gehässige Bemerkungen über ihre Arbeit, ihre Kleidung und die Tatsache machte, dass sie jedes Wochenende tanzen ging: Als Clara selbst in diesem Alter gewesen war, hatte sie allein mit einem Baby zu Hause gesessen.

Patty schlief bereits tief und fest, aber sie hatte die kleine Nachttischlampe zwischen ihren Betten brennen lassen. Fifi zog sich hastig aus, stieg ins Bett und dachte einen Moment lang darüber nach, dass sie und ihre Schwester als Kinder stets zusammen in einem der Betten geschlafen hatten. In dem Zimmer gab es noch immer so viele Erinnerungen an ihre Kindheit. Kuscheltiere und Puppen saßen zwischen ihren Enid-Blyton-Büchern, an der Wand hing das Bild einer Prinzessin, das Patty mit sieben oder acht gemalt hatte, und es gab Dutzende von Fotos von ihnen beiden. Patty bewahrte Bilder von ihren Lieblingsfilmstars in einem ganzen Stapel von Sammelalben auf. Fifi hatte ein Stadium durchlaufen, in dem sie Modedesignerin hatte werden wollen, und die Entwürfe, die sie gezeichnet hatte, hingen zusammen mit Stoffproben an der Wand am Fenster.

Es war ein großer, behaglicher Raum mit geblümten Vorhängen, einer gestreiften Tapete und einem langen Ankleidetisch aus Teakholz, auf dem ein dreiteiliger Spiegel stand. Pattys Seite war säuberlich aufgeräumt, und neben Parfüms, Haarspray und Kosmetikartikeln standen kleine Porzellanballerinas aufgereiht. Fifis Seite war das genaue Gegenteil, übersät mit Tuben und Tiegeln ohne Deckel, Stiften, alten Briefen, Wattebäuschen und Schminkutensilien. Patty beklagte sich stets über Fifis Unordnung, aber sie räumte fast täglich gleichmütig schmutzige Tassen und Teller für ihre Schwester weg, und wenn sie ihre Hälfte des Ankleidetischs abstaubte, ließ sie dieselbe Pflege auch Fifis Chaoshälfte angedeihen, geradeso wie sie die Kleider aufhängte und das Bett machte.

Dan war offenkundig neidisch gewesen, als Fifi ihm von ihren Geschwistern erzählt hatte. Sie hatte es für einen Scherz gehalten, als er gesagt hatte, er sei als Baby in Swindon ausgesetzt worden, aber seine Geschichte hatte sich als erschreckend wahr erwiesen. Er hatte sein Leben in verschiedenen Kinderheimen verbracht und war mit fünfzehn auf die Straße gesetzt worden, um für sich selbst zu sorgen.

Fifi sah zu Patty hinüber, die den Kopf auf einen wohl gerundeten Arm gelegt hatte, und sie lächelte voller Zuneigung. Sie liebte Patty; sie waren Freundinnen und Verbündete, auch wenn sie so unterschiedlich waren wie Tag und Nacht. Patty war sanft und geduldig, während Fifi wild und ungebärdig war.

Aus der hübschen kleinen Patty war in der Pubertät die dicke, reizlose Patty mit der schrecklichen Akne geworden, aber an ihrem liebenswerten Wesen hatte sich nichts geändert. Sie machte eine Optikerlehre, und im Umgang mit alten Menschen hatte sie die Geduld einer Heiligen.

Fifi wünschte, auch sie wäre so geduldig, doch sie wollte immer alles sofort. Es war ihr unerträglich, Schlange zu stehen, und sie rannte lieber über befahrene Straßen, statt an der Ampel auf Grün zu warten. Im Geiste gab sie ihren Lohn stets aus, lange bevor er ihr ausgezahlt wurde. Sie stürzte sich kopfüber in neue Situationen, ohne auch nur einen Gedanken an mögliche Folgen oder dergleichen zu verschwenden.

Und genau das tat sie jetzt mit Dan wieder. Sie kannte ihn erst seit sechs Stunden, aber sie war bereits davon überzeugt, dass sie wie füreinander geschaffen waren.

Es war keine ungewohnte Erfahrung für sie, wegen eines neuen Mannes den Kopf zu verlieren; dasselbe war ihr schon viele Male passiert. Dann lungerte sie am Telefon herum, während sie darauf wartete, dass es endlich klingelte, zählte die Stunden bis zu ihrem nächsten Wiedersehen und gab sich den unwahrscheinlichsten Fantasien über ein gemeinsames Leben hin. Aber diese Romanzen waren stets von kurzer Dauer gewesen.

Sie wusste genau, warum. Es lag daran, dass sie ihren wahren Charakter stets hinter einer Fassade verbarg und versuchte, genau das zu sein, was der Mann ihrer Meinung nach in ihr sehen wollte.

Hugh hatte eine Frau gewollt, die sein Ego stärkte. Nicht zu intelligent, nicht zu attraktiv, ein Mädchen, das ihm an den Lippen hing und der perfekte Schmuck für einen angehenden Rechtsanwalt war, ein Mädchen, das sich niemals beklagte oder irgendetwas von ihm verlangte.

Sie hatte ihre Sache bei ihm recht gut gemacht, bis es sie gelangweilt hatte, seinem Ego zu schmeicheln und sich vor ihm zu verneigen.

Alan, Hughs Freund, hatte ein wildes, schillerndes Mädchen gewollt. Auch in dieser Rolle hatte Fifi durchaus geglänzt; sie hatte enge, schwarze Hosen und ausgebeulte Pullover getragen und sich das Haar zu einem Pferdeschwanz frisiert. Sie hatte jede Menge obskurer Gedichte auswendig gelernt und vorgegeben, Jazz und Rotwein zu mögen, und sie hatte von einem gemeinsamen Leben im Quartier Latin in Paris gesprochen.

Für eine Weile hatte sie ihren Spaß daran gehabt, aber sie hatte ihre hübschen Kleider vermisst und war es schließlich müde geworden, so zu tun, als wäre sie ein Bohemien. Darüber hinaus hatte sie auch andere Rollen gespielt; alles erschien ihr besser als ihr wahres Ich.

Heute Abend war sie jedoch ganz sie selbst gewesen. Das lag zum Teil an der Art, wie sie und Dan einander kennen gelernt hatten, und an der Tatsache, dass sie sich nicht eigens für das Treffen angekleidet hatte. Sie hatte ihr Bürokostüm getragen, ihr Haar war nicht frisch gewaschen gewesen, sie hatte eine Laufmasche in ihren Strümpfen gehabt und war nicht einmal einen Hauch parfümiert gewesen. Sie hatte nicht ein einziges Mal versucht, Dan zu beeindrucken, ebenso wenig wie sie ihn zu etwas stilisiert hatte, das auch er nicht war.

Das gemeinsame Lachen hatte die Begegnung so unbefangen und natürlich erscheinen lassen. Dan war weder ein Clown noch ein Possenreißer; er war lediglich ein witziger Mensch mit geistreicher Ausdrucksweise, messerscharfer Beobachtungsgabe und der Fähigkeit, so ziemlich allem eine komische Seite abzugewinnen.

Nach seiner Frage, ob sie einen Mann in seiner Arbeitskleidung küssen würde, hatten sie noch zwei weitere Pubs besucht, damit er die Gegend, in der er wohnen würde, besser kennen lernte. Sie hatte erfahren, dass er fünfundzwanzig Jahre alt war und seinen Wehrdienst bei der Armee abgeleistet hatte; obwohl er nie aus dem Land herausgekommen war, hatte es ihm in der Armee so gut gefallen, dass er mit dem Gedanken spielte, Berufssoldat zu werden.

Er hatte in der Vergangenheit für einige Zeit ohne feste Wohnung gelebt, sechs Monate in einem undichten Wohnwagen auf einem Acker verbracht und bereits in vielen anderen wenig erstrebenswerten Quartieren gewohnt, als die Baugesellschaft, für die er arbeitete, ihn in eine andere Stadt geschickt hatte.

Seine Freunde waren die Männer, mit denen er zusammenarbeitete, und der liebevollen Art nach zu urteilen, mit der er über sie sprach, waren diese Menschen für ihn fast so etwas wie eine Familie. Er besaß nur wenige persönliche Dinge, da er niemals ein richtiges Zuhause gehabt hatte. Aber am nächsten Tag würde sein Chef ihm den Rest seiner Sachen aus Swindon bringen, einige weitere Kleidungsstücke, ein Radio und Werkzeug.

»Ich würde mich schrecklich gern irgendwo niederlassen und ein echtes Zuhause haben«, hatte er irgendwann bemerkt, und dies war die einzige Situation während des ganzen Abends gewesen, in der er den Eindruck erweckt hatte, nicht gänzlich zufrieden mit seinem Los zu sein. »Ich würde das Haus gern selbst einrichten und mit Möbeln bestücken, die ich mir selbst ausgesucht habe. Und ich möchte die Tür abschließen können und wissen, dass niemand ungebeten hereinplatzen kann.«

Fifi schaltete die Nachttischlampe aus und kuschelte sich unter ihre Decke. Die Schlichtheit der Dinge, die Dan sich wünschte, hatte sie zutiefst gerührt. Die meisten Männer sehnten sich nach teuren Autos oder maßgeschneiderten Anzügen; ein ordentliches Quartier erschien ihnen kaum besonders erstrebenswert. Auch sie selbst hatte nie etwas anderes kennen gelernt. Sie hielt dieses warme, geräumige Haus mit den vier Schlafzimmern und den schönen, antiken Möbeln, die ihre Eltern von ihren jeweiligen Familien übernommen hatten, für selbstverständlich. Und wie sehr ihre Mutter sie auch bisweilen in Wut bringen mochte, sie war immer da und versorgte Fifi und ihre Geschwister mit allem, was sie brauchten, sei es eine Mahlzeit, ein gebügeltes Kleid oder ein geflickter Reißverschluss. Dinge wie Putzen, Kochen oder Waschen wurden wie von Zauberhand erledigt; in der Keksdose fanden sich stets selbst gebackene Kuchen, und jeden Morgen lagen Sandwiches für ihr Mittagessen bereit. Wenn einer von ihnen krank war, konnte er sicher sein, dass ihre Mutter sich hingebungsvoll um ihn kümmerte.

Während ihrer Kindheit hatte ihr Haus allen Freunden der Kinder offen gestanden. Fifis Vater stellte ihnen Zelte im Garten auf, spielte mit ihnen Kricket und hängte Seile in die Bäume, an denen sie schaukeln konnten. Ihre Mutter scherte sich nie darum, wie viele zusätzliche Mäuler sie stopfen musste, und sie versteckte Ostereier im Garten oder schleppte riesige Kartons aus dem Lebensmittelladen an, aus denen sie sich Spielzeuge oder Häuser bauen konnten. Sie verarztete aufgeschürfte Knie, tröstete die Kinder, wenn sie in der Schule keinen Preis gewannen, oder feierte mit ihnen, wenn sie doch die Sieger wurden, und immer war sie liebevoll und fürsorglich.

Dan hatte nichts von all dem gehabt.

Er versuchte nicht, Mitleid zu heischen, dafür war er viel zu amüsant, zu männlich und zu selbstbewusst. Doch gleichzeitig wusste Fifi, dass ihre Eltern ihn auf den ersten Blick nicht billigen würden. Was sie für sie wollten, war ein Mann aus ähnlichen Verhältnissen, wohlerzogen, mit einer guten Familie und glänzenden Aussichten. Ihr Vater war kein Snob, das wusste Fifi – er freute sich über die Maßen, wenn Studenten aus der Arbeiterklasse seine Vorlesungen besuchten, und er war jederzeit bereit, ihnen zusätzliche Hilfe zu leisten. Aber weder er noch ihre Mutter würden einen umherstreifenden Maurer mit einer mangelhaften Erziehung für ihre Tochter willkommen heißen.

In Wahrheit hatte Fifi sich immer vorgestellt, einen Akademiker zu heiraten. Sie hatte sich nie zu den ungehobelten Kerlen hingezogen gefühlt, die an Straßenecken herumlungerten oder betrunken durch Tanzhallen stolperten. All ihre früheren Freunde waren die Freunde anderer Freunde gewesen; keiner von ihnen hatte eine unbekannte Größe dargestellt. Und sie hatte sich stets zuerst in einer Gruppe mit ihnen getroffen, bevor sie es riskiert hatte, allein mit ihnen auszugehen. Ihr Verhalten an diesem Abend war vollkommen untypisch für sie, aber es kam ihr so vor, als wäre die Begegnung mit Dan vorherbestimmt gewesen.

Dan war etwas Besonderes, das wusste sie. Er mochte keine gute Ausbildung besitzen, doch er war klug, witzig und stark. Als er ihr an der Bushaltestelle einen Gutenachtkuss gegeben hatte, war sie beinahe in Tränen ausgebrochen, weil dieser Augenblick so herzzerreißend schön gewesen war.

Die wenigen Stunden, die sie mit ihm verbracht hatte, waren die denkwürdigsten und glücklichsten ihres ganzen Lebens. Kurz bevor sie den letzten Pub verließen, spielte die Jukebox I Can’t Help Falling in Love with You von Elvis. Sie sahen einander an und lächelten, und Dan imitierte Elvis’ Stimme überraschend gut, ohne sie dabei auch nur einen Moment aus den Augen zu lassen. Das war vermutlich ziemlich aufdringlich, aber sie fühlte sich dabei ganz schwummerig.

Allein bei der Erinnerung an seinen Kuss überlief Fifi auch jetzt noch ein wohliger Schauder. Kein Mann hatte sie jemals auf solche Weise erregt oder ihr das Gefühl gegeben, in seiner Nähe ohne weiteres die Kontrolle verlieren zu können.

Sie und ihre Freundinnen sprachen oft darüber, ob sie vor der Hochzeit mit einem Mann ins Bett gehen würden. Fifi hatte diese Frage für sich stets vehement verneint. Aber heute Abend hatte sie echtes Verlangen verspürt und begriffen, dass all ihre früheren Erfahrungen mit Jungen nichts waren im Vergleich zu den Gefühlen, die Dan in ihr weckte.

Was sollte sie tun? Wenn sie ihren Eltern von ihm erzählte, würden sie verlangen, dass sie ihn mit nach Hause brachte, und das würde ihn möglicherweise abschrecken. Wenn sie sich heimlich mit ihm traf und ihre Eltern es erfuhren, würden sie ihr unterstellen, einen Grund zu haben, sich zu schämen.

»Am besten, ich warte erst einmal ab, wie die Sache sich entwickelt«, murmelte sie vor sich hin. »Vielleicht werde ich morgen ganz anders empfinden.«

»Du bist noch schöner, als ich es in Erinnerung hatte«, sagte Dan, als sie sich am folgenden Abend am »Odeon« trafen.

»Du siehst selbst ziemlich gut aus«, gab Fifi zurück. Sie war von der Arbeit nach Hause geeilt, hatte ihr Essen hinuntergeschlungen und eine geschlagene Stunde darauf verwandt, sich zurechtzumachen, daher hatte sie halb und halb erwartet, dass er eine Bemerkung über ihr Aussehen machen würde. Aber er hatte sich vollkommen verwandelt, gekleidet in einen braunen italienischen Nadelstreifenanzug mit einem modisch kurzen Jackett, einem weißen Hemd und auf Hochglanz polierten Schuhen. Sie hoffte, an diesem Abend einer ihrer Freundinnen zu begegnen, damit sie mit ihm angeben konnte. Sie kannte keine Frau, die einen so zauberhaften Freund hatte wie Dan.

»Bist du dir sicher, dass du diesen Film sehen willst?«, fragte Dan mit einem zweifelnden Blick auf das Plakat von A Taste of Honey mit Rita Tushingham.

»Meine Schwester fand den Film großartig«, sagte Fifi. »Sie hat eimerweise Tränen vergossen.«

Dan grinste. »Ist das bei euch Mädchen der Maßstab für einen guten Film?«

»Vermutlich ja«, stimmte Fifi ihm zu. »Aber wenn du willst, können wir auch in ein anderes Kino gehen.«

»Nein, es ist zu kalt für einen langen Spaziergang.« Er schaute auf ihre Stilettos hinunter. »Außerdem glaube ich sowieso nicht, dass du mit diesen Dingern weit kommen würdest.«

Der Film war unerträglich traurig, und obwohl Fifi versuchte, nicht zu weinen – sie befürchtete, ihre Mascara würde verlaufen –, konnte sie es einfach nicht verhindern. Als sie wieder im Foyer standen, nahm Dan sie beiseite und tupfte ihr mit seinem Taschentuch das Gesicht ab.

»So ist es schon besser«, meinte er, als er fertig war, und küsste sie auf die Nase. »Du bist wirklich immer für eine Überraschung gut! Ich dachte, du seiest zu kultiviert, um zu weinen.«

»Mir hat Jo so leidgetan; sie war so reizlos, und niemand hat sie geliebt«, erwiderte Fifi. »Und ihre Mutter war so eine gefühllose alte Kuh.«

»Mich haben die Figuren aus dem Film an Leute erinnert, die ich kenne«, erwiderte Dan beim Verlassen des Kinos nachdenklich. »Mir war das Ganze ein wenig zu realistisch.«

»Ist dein Zimmer so schlimm wie das, in dem sie gelebt hat?«, fragte Fifi, während sie sich auf den Weg in einen Pub im Stadtzentrum machten, bevor sie mit dem Bus nach Hause fahren musste. Der Pub war überfüllt, und es gab keine Sitzplätze, sodass Fifi sich wünschte, einen Ort zu haben, wo sie allein mit ihm sein könnte.

»Mein Zimmer ist erheblich kleiner«, erwiderte Dan und winkte den Barkeeper mit einem Pfundschein herbei. »Aber die Küche könnte die Hauptrolle in einem Küchenspülendrama spielen – sie sieht so aus, als wäre sie seit Monaten nicht mehr geputzt worden.«

»Du hast eine Küche? Das hast du mir gar nicht erzählt«, entfuhr es Fifi überrascht.

»Ich muss sie mir mit allen anderen Hausbewohnern teilen«, antwortete er. »Allerdings werde ich mir dort wohl kaum mehr als eine Tasse Tee kochen, weil ich mir nicht irgendwelche Krankheiten holen will.«

Fifi bestellte einen Babycham und Dan einen Magenbitter, dann bombardierte sie ihn mit ängstlichen Fragen danach, wo er essen und seine Wäsche erledigen würde.

»Es gibt Cafés und Wäschereien«, sagte er leichthin. »Ich bin daran gewöhnt.«

Als sie später im Bus saß, schwankten Fifis Gedanken zwischen der Erinnerung an Dans Küsse und der Vorstellung, dass er in dieses grässliche Zimmer zurückkehren musste. Sie war nicht zum ersten Mal von den Küssen eines Mannes benommen, obwohl sie nie jemandem begegnet war, der so wunderbar küsste wie Dan. Sie dachte jedoch zum ersten Mal darüber nach, unter welchen Umständen jemand leben musste.

Die Tatsache, dass sie einerseits am liebsten all ihre Zeit mit Dan verbracht hätte und sich andererseits um ihn sorgte, bestätigte es ihr schließlich: Sie hatte sich tatsächlich Hals über Kopf in ihn verliebt. Fifi konnte an nichts anderes denken als an ihr nächstes Treffen. Wenn sie ihn sah, hämmerte ihr Herz, und allein die Berührung seiner Hand gab ihr das Gefühl, in Flammen zu stehen. Aber die Vorstellung, dass er seine Hemden selbst wusch und bügelte und dass er in dem strömenden Regen draußen arbeiten und nach Hause zurückkehren musste, ohne jemanden zu haben, der ihm eine Tasse Tee kochte, trieb ihr die Tränen in die Augen.

Nach der Arbeit eilte sie jeden Tag in ein Café in der Nähe seines Quartiers. Seine Kleidung war häufig mit Staub oder Zement bedeckt oder vollkommen durchnässt, wenn es geregnet hatte, doch das kümmerte Fifi nicht – sie musste ihn einfach sehen. Es genügte ihr, ihn zu beobachten, wie er seinen Tee trank, und jeden Tag eine halbe Stunde mit ihm zu reden; alles war besser, als zwei oder drei Tage auf ein richtiges Rendezvous warten zu müssen.

Dan empfand genauso. Manchmal rief er sie von einer Telefonzelle im Büro an, nur um ihre Stimme zu hören. Wenn sie mit ihm zusammen war, schwebte sie auf einer Wolke, aber sobald sie sich voneinander trennten, war die Welt mit einem Mal grau und öde. Außerdem fiel es ihr schwer, ihn geheim zu halten, denn sie wollte allen von ihm erzählen, ganz besonders Patty. Doch sie wagte es nicht, weil sie befürchtete, ihre Schwester könne versehentlich ihren Eltern gegenüber eine falsche Bemerkung fallen lassen.

Ich bin zweiundzwanzig und alt genug, um auszugehen, mit wem ich will, sagte sie sich fast täglich. Im Geiste legte sie sich sogar zurecht, was sie ihrer Familie von ihm erzählen würde. Aber wann immer sie drauf und dran war, das Thema anzuschneiden, machte ihre Mutter eine bissige Bemerkung oder war übellaunig, und Fifi verlor den Mut. Je länger dieser Zustand anhielt, desto schlimmer wurde das Ganze, da sie alle Fragen nach dem Mann, mit dem sie ausging, mit einer Lüge beantworten musste. Sie hatte auch Dan gegenüber ein schlechtes Gewissen, denn er musste erraten haben, warum sie ihm ihre Telefonnummer nicht gegeben hatte, ihn nicht nach Hause einlud oder ihren Freunden vorstellte.

Doch Dan verlor niemals eine Bemerkung über diese Dinge. Er verfluchte die Tatsache, keinen Wagen zu haben, weil sie dann zumindest einen Ort gehabt hätten, an dem sie abseits von Kälte und Regen miteinander hätten allein sein können. Er durfte sie nicht mit in sein Zimmer nehmen, sodass nur Pubs oder das Kino übrig blieben. Aber sie wollten nichts trinken oder sich Filme ansehen, sie wollten nur reden, sie wollten küssen und einander streicheln. Das kalte, feuchte Wetter hielt weiterhin an, und es quälte sie, dass sie nirgends ungestört waren.

Eines Samstagmorgens, als Fifi sechs Wochen mit Dan zusammen war, erledigte sie an der Küchenspüle ihre Handwäsche. Ihre Mutter saß am Tisch, putzte das Silber und sprach von neuen Gardinen für das Zimmer der Jungen, aber Fifi hörte kaum hin; wie gewöhnlich dachte sie an Dan.

»Ich weiß nicht, warum du überhaupt neue Gardinen anschaffen willst«, sagte Fifi, als ihr klar wurde, dass Clara irgendeine Reaktion erwartete. »Es würde ihnen ohnehin nicht auffallen.«

»Du denkst wahrscheinlich, dein Vater und ich hätten noch nicht bemerkt, dass du einen neuen Freund hast«, gab Clara schneidend zurück. »Wann wirst du uns von ihm erzählen?«

Fifi schluckte und tauchte ihre Strickjacke aufs Neue in die Lauge. Sie hatte schon lange damit gerechnet, dass ihre Mutter zwei und zwei zusammenzählen würde. Das tat sie immer. Aber es erleichterte Fifi keineswegs, dass das Ganze nun herauskommen würde. Ihre Mutter würde auf jeden Fall ein Haar in der Suppe finden, daran bestand kein Zweifel.

»Sein Name ist Dan Reynolds, er ist fünfundzwanzig und von Beruf Maurer, und er kommt aus Swindon«, platzte sie heraus, wobei sie ihrer Mutter immer noch den Rücken zuwandte.

»Ich verstehe. Also, etwas stimmt nicht mit ihm, dass du uns bisher nichts von ihm erzählt hast?«

»Es ist alles in Ordnung. Ich wollte nur nichts überstürzen«, sagte Fifi und errötete, als sie an die vielen Stunden dachte, die sie in Ladeneingängen und kleinen Gassen verbracht und einander liebkost hatten. Mitunter hatte sie so sehr die Kontrolle über sich verloren, dass sie wahrscheinlich nicht einmal Einwände erhoben hätte, wenn Dan sie an die Wand gedrückt oder auf den Boden geworfen hätte.

»Und wo wohnt dieser Maurer? Ich nehme doch an, dass du nicht mit dem Zug nach Swindon fährst, um dich mit ihm zu treffen?«

»Er hat ein Quartier in der Gloucester Road.« Bei der Art, wie ihre Mutter das Wort »Maurer« ausgesprochen hatte, hatte Fifi weiche Knie bekommen.

Clara rümpfte verächtlich die Nase.

»Tu das nicht, Mum.« Fifi fuhr herum. »Du solltest dir kein Urteil über jemanden bilden, bevor du ihn kennen gelernt hast.«

»Ich würde sagen, du bist diejenige, die sich bereits ein Urteil über ihn gebildet hat, und das ist der Grund, warum du ihn nicht mit nach Hause gebracht hast«, erwiderte Clara.

»Ich habe geahnt, dass du so reagieren würdest«, begehrte Fifi entrüstet auf. »Du machst es mir immer so schwer, dir etwas zu erzählen. Ich habe Dan wirklich gern; er ist der netteste Mann, dem ich je begegnet bin. Also, bitte verdirb mir die Sache nicht.«

»Wie kann ich dir etwas verderben, wenn ich den Mann noch nie gesehen, geschweige denn mit ihm gesprochen habe? Wirklich, Fifi, du bist manchmal so komisch!«

»Ich bin nicht komisch, aber du bist ein Snob! Du blickst auf jeden hinab, der kein Akademiker ist. Na schön, Dan ist Maurer, außerdem ist er eine Waise und in einem Kinderheim aufgewachsen. Doch er ist ein guter Mann, er arbeitet hart, er betrinkt sich nicht, er prügelt sich nicht, er hat keinen Ärger mit der Polizei, und ich liebe ihn.«

Sie ärgerte sich schwarz darüber, dass sie sich von ihrer Mutter in eine Situation hatte hineinmanövrieren lassen, in der sie sich verteidigen musste. Jetzt hatte sie versehentlich offenbart, was sie wirklich empfand. Ursprünglich hatte sie die Absicht gehabt, Dan langsam mit ihrer Familie vertraut zu machen und zu warten, bis er sie mit seinem natürlichen Charme erobert hatte, bevor sie zugab, dass sie es ernst miteinander meinten. Jetzt hatte sie alles vermasselt.

»Ich nehme an, er gehört zu den Teddy Boys?«

»Nein, gehört er nicht«, fuhr Fifi auf. »Warum kommst du sofort zu dem Schluss, er müsse ein Rowdy in Rüschenjackett mit einem Schlagring sein?«

»Wenn du ihn gleich von Anfang an mit nach Hause gebracht hättest, hätte ich meine Fantasie nicht zu Hilfe nehmen müssen.«

»Ich muss ihn erst selbst kennen lernen, bevor ich ihn einem Verhör aussetze«, gab Fifi zurück. »Ich werde ihn mit Freuden herbringen, aber bitte, nimm ihn nicht gleich auseinander, Mum!«

»Ich habe keine Ahnung, was du meinst«, sagte Clara und reckte das Kinn vor. »Habe ich jemals einen deiner anderen Freunde eingeschüchtert?«

»Nicht direkt, doch du kannst manchmal ziemlich schwierig sein. Denk nur an damals, als ich mit Gerald, dem Medizinstudenten, ausgegangen bin. Du hast ihn mit all den Fragen nach seinem Vater vollkommen verschreckt.«

»Ich habe lediglich Interesse gezeigt; sein Vater war schließlich ein höchst angesehener Chirurg am Guy’s Hospital.«

»Ja, aber Gerald war so eingeschüchtert, dass er nicht mehr herkommen wollte. Ich glaube, er hat gedacht, du hättest unsere Hochzeit bereits bis aufs letzte i-Tüpfelchen geplant.«

»Ich hoffe eben, dass meine Tochter einen guten Ehemann finden wird. Daraus kann mir niemand einen Vorwurf machen.«

»Ich war damals erst ein paar Mal mit ihm ausgegangen, Mum«, antwortete Fifi verärgert.

»Nun, das ist lange her«, meinte Clara abschätzig. »Wie dem auch sei, bei diesem jungen Mann liegen die Dinge vollkommen anders. Wenn er keine Familie hat, kann ich ihm schließlich keine Fragen zu diesem Thema stellen, nicht wahr?«

»Warum musst du ihm überhaupt Fragen stellen?«, versetzte Fifi. »Meine Freundinnen nimmst du schließlich auch nicht ins Verhör, du plauderst nur mit ihnen. Behandle ihn doch genauso!«

»Und worüber soll ich mit ihm plaudern?«

»Oh, Mum«, rief Fifi aus. »Über alles Mögliche – Fernsehen, Filmstars, Lieblingsgerichte, eine Meldung aus den Nachrichten. Er ist wirklich umgänglich, es wird also nicht schwierig sein. Benimm dich nur einfach nicht so, als hättest du etwas gegen ihn.«

»Dann solltest du ihn morgen zum Tee einladen«, schlug Clara vor.

»Muss es gleich so förmlich sein?«, fragte Fifi hoffnungsvoll. »Kann ich ihn nicht einfach bitten, mich morgen Abend hier abzuholen und sich fünf Minuten mit euch zu unterhalten, bevor wir ausgehen?«

»Du lädst ihn zum Tee ein«, erwiderte Clara energisch. »Wenn er damit nicht fertig wird, dann stimmt etwas mit ihm nicht. Und jetzt häng um Gottes willen diese Strickjacke zum Trocknen auf die Wäscheleine. Es würde mich nicht überraschen, wenn sie inzwischen um eine halbe Größe eingelaufen ist.«

Fifi hängte schweren Herzens ihre Wäsche auf die Leine. Dan würde sich über die Einladung zum Tee freuen; für ihn würde es bedeuten, dass ihre Familie ihn als Teil ihres Lebens akzeptiert hatte. In Wirklichkeit bedeutete es jedoch nur, dass ihre Mutter ihn unter die Lupe nehmen würde. Sie würde ihm im Stillen für seine Tischmanieren, Sauberkeit, Intelligenz und ein Dutzend anderer Dinge Noten geben.

Für Dan würde es das reinste Minenfeld werden. Er brauchte sich lediglich mit seinem Messer in den Marmeladentopf zu verirren, sein Brot in die falsche Hand zu nehmen oder es versäumen, seine Serviette zu benutzen, und keine noch so geistreiche Konversation würde ihn vor dem vernichtenden Urteil ihrer Mutter bewahren.

Dans Tischmanieren waren nicht allzu gut, aber er gab sich Mühe; Fifi war mehr als ein Mal aufgefallen, dass er sie nachzuahmen versuchte. Ihr blieb nichts anderes übrig, als zu hoffen, dass er es morgen ebenfalls tun würde, denn sie hatte nicht die Absicht, ihn in Verlegenheit zu bringen, indem sie ihm heute Abend auseinandersetzte, welche Unsitten bei Tisch ihre Mutter besonders hasste.

Es war ein milder Tag, und der Garten sah zauberhaft aus mit all den Frühlingsblumen. Wenn es morgen immer noch so schön war, würden ihre Eltern mit ein wenig Glück vorschlagen, hier draußen Tee zu trinken. Es würde für Dan weniger entmutigend sein. Er hatte eine echte Schwäche für hübsche Gärten, und er wusste überraschend viel über Pflanzen, da er im Kinderheim im Garten geholfen hatte. Das würde ihre Eltern vielleicht von der Vorstellung abbringen, er sei eine Art Schurke.

»Keine Sorge, ich werde mich von meiner besten Seite zeigen«, sagte Dan später am Nachmittag, als sie auf den Hügeln über der Hängebrücke saßen und die Aussicht auf die Schlucht des Avon genossen. »Ich werde mich hinter den Ohren waschen, mein bestes strahlend weißes Hemd anziehen und die Schuhe putzen.«

»Du darfst nur nicht zulassen, dass Mum dich mit Fragen bombardiert«, warnte Fifi ihn. »Erkundige dich nach ihren Pflanzen, lobe ihren Kuchen und ähnliche Dinge. Patty wird entzückend sein, das ist sie immer. Robin ist verrückt nach Rugby und Kricket, und das sind die einzigen Themen, über die er sprechen will. Peter ist kein großer Redner, aber er interessiert sich für Fotografie.«

»Wovon ich keine Ahnung habe«, meinte Dan grinsend.

»Das ist auch nicht nötig, bitte ihn einfach, dir einige seiner Arbeiten zu zeigen, dann wirst du sein bester Kumpel sein.«

»Gehen sie beide aufs College?«

»Ja, Robin studiert Finanzwesen, und Peter möchte Architekt werden. Doch mach dir deswegen keine Gedanken, die beiden sind keine Genies oder so.«

»Wird dein Dad mich fragen, ob meine Absichten dir gegenüber ehrenwert sind?«

Fifi kicherte. »Natürlich nicht, er lebt ja nicht im letzten Jahrhundert. Er ist ein lieber Kerl, viel freundlicher als Mum. Sind deine Absichten denn ehrenwert?«

»Ich würde alles geben, um dich ins Bett zu bekommen«, meinte Dan, dann legte er die Arme um sie und drückte sie mit dem Rücken an die Bank, um ihren Hals zu küssen. »Ich nehme an, das wird als unehrenhaft betrachtet?«

»Meine Eltern würden das sicher so sehen«, stimmte sie lachend zu und versuchte, sich aus seiner Umklammerung zu befreien.

»Selbst wenn ich sagen würde, dass ich dich heiraten will?«

»Willst du das denn?«, fragte Fifi, die annahm, dass es lediglich ein Scherz sei.

»Mehr als alles andere auf der Welt«, antwortete er.

Fifi sah zu ihrem Erschrecken, dass Tränen in seinen Augen schwammen. Er hatte ihr nach nur zwei Wochen gesagt, dass er sie liebe, aber er hatte es auf eine so unbeschwerte Art getan, dass sich unmöglich abschätzen ließ, ob seine Gefühle Zuneigung oder echter, unsterblicher Leidenschaft entsprangen. Doch jetzt hatte sie keinen Zweifel mehr.

»Aber wir kennen uns doch erst seit sechs Wochen«, erwiderte sie und streichelte zärtlich seine Wange.

»Ich wusste am ersten Abend, dass du die Einzige für mich bist«, antwortete er. »Die nächsten sechs Wochen und zwei Tage haben das lediglich bestätigt.«

Fifi umfasste sein Gesicht mit beiden Händen. Sie liebte seine hohen Wangenknochen, seinen großzügigen, sinnlichen Mund und seine schokoladenbraunen Augen. Und sie empfand genauso wie er – sie waren Seelengefährten –, aber sie hatte es bisher nicht gewagt, an Heirat auch nur zu denken.

»Bittest du mich, deine Frau zu werden?«, flüsterte sie. »Oder ist das lediglich einer deiner Scherze?«

»Wenn du mir einen Korb gibst, werde ich behaupten, es sei ein Scherz gewesen, nur um nicht das Gesicht zu verlieren«, gab er mit einem schwachen Grinsen zurück. »Ich würde dir keinen Vorwurf machen, wenn du mich zurückweist, denn es ist schließlich nicht so, als könnte ich dir etwas bieten. Ich habe kein Geld, nicht einmal einen Wagen oder eine anständige Wohnung. Aber ich liebe dich, ich würde für dich sorgen und dich auf Händen tragen.«

Tränen traten in Fifis Augen. Dans Liebe war alles, was sie wollte. »Lass uns zuerst abwarten, wie es morgen wird«, flüsterte sie. »Wenn du meine Mutter kennen gelernt hast, wirst du mich vielleicht nicht mehr wollen!«

Kapitel 2

Als alle am Tisch saßen, fragte Fifi sich nicht zum ersten Mal, warum sie so anders war als der Rest ihrer Familie.

Ihr Vater Harry, der am Kopfende des Tisches saß, war der Inbegriff dessen, was man von einem Akademiker erwartete: hochgewachsen und mager, mit hängenden Schultern, einer Brille, die ihm leicht schief auf der Nase saß, und einer ausgeprägten Stirn, die mit jedem Jahr größer zu werden schien, während sein Haaransatz sich immer weiter zurückzog. Seine braune Strickjacke betonte auf unvorteilhafte Weise seine blasse Haut, aber seine Frau hatte sie gestrickt, und da er von sehr freundlichem Wesen war, wäre es ihm nie in den Sinn gekommen, sie zu Gunsten eines hübscheren Kleidungsstückes im Schrank zu lassen.

Obwohl es ein sehr starkes Band zwischen ihr und ihrem Vater gab, schien Fifi nichts von ihm geerbt zu haben, weder sein Aussehen noch seinen scharfen Verstand. Außerdem wünschte sie, er würde in familiären Belangen auf seiner Meinung beharren, doch er schloss sich stets in allen Punkten seiner Frau an.

Fifi mochte das Aussehen ihrer Mutter geerbt haben, damit endete die Ähnlichkeit jedoch auch schon. Im Augenblick machte Clara den Eindruck eines anmutigen, aber stets wachsamen Rehs. Sie sah zauberhaft aus in ihrem besten taubenblauen Wollkleid, mit der Perlenkette und dem zu einem adretten Knoten frisierten Haar, doch das starre, falsche Lächeln verdarb die Wirkung. Sie war schon zu den besten Zeiten kein gelassener Mensch, aber seit Dans Ankunft um drei Uhr war sie selbst für ihre Verhältnisse ungewöhnlich angespannt gewesen.

Peter und Robin, neunzehn und achtzehn Jahre alt, würden eines Tages offenkundig genauso aussehen wie ihr Vater. Sie hatten frische Gesichter und leuchtende Augen, und ihre Haltung war so aufrecht wie die eines Wachsoldaten; auf dem Sideboard stand ein gerahmtes Foto von ihrem Vater als jungem Mann, und man hätte ohne weiteres glauben können, das Bild zeige einen seiner Söhne. Allerdings hatten sie nichts von dem scharfen Verstand ihres Vaters mitbekommen – das Lernen fiel ihnen ausgesprochen schwer. Sie waren typische Vertreter einer ganz bestimmten Art von Mensch: fleißig, umgänglich, sanft und ohne viel Feuer.

Fifi spürte, dass ihre Brüder sich beide wünschten, sie hätten einen guten Grund, um sich von der Teegesellschaft zurückziehen zu können. Gewiss hatte ihre Mutter Robin und Peter von ihren Befürchtungen, was Dan betraf, nicht erzählt, doch die Atmosphäre, die Clara schuf, war in dieser Hinsicht ausgesprochen eindeutig.

Fifi hatte das Gefühl, dass ihre Brüder Dan mochten. Er hatte sie während des Nachmittags häufig zum Lachen gebracht, und sie warfen ihm hin und wieder bewundernde Blicke zu, aber es mangelte ihnen sowohl an gesellschaftlichem Schliff als auch an Mut, um die Missbilligung ihrer Mutter zu überspielen.

Patty, eine geborene Diplomatin, hatte ihr Bestes getan. Obwohl sie im Umgang mit Fremden im Allgemeinen recht scheu war – ihr war nur allzu bewusst, dass sie dick und pickelig war –, hatte sie sich große Mühe gegeben, Dan das Gefühl zu geben, willkommen zu sein. Sie hatte immer wieder versucht, das Gespräch auf Themen zu lenken, die sowohl ihn als auch ihre Brüder interessierten. Patty fragte nach den Häusern, die er baute, und nach seiner Beziehung zu den Architekten, dann wies sie ihn darauf hin, dass Peter Architektur studierte. Zu Fifis Enttäuschung ergriff Peter die Gelegenheit nicht beim Schopf, was mit einiger Sicherheit daran lag, dass Dan über mehr praktische Erfahrung verfügte als er selbst. Als Nächstes kam Patty auf Kricket zu sprechen, und für eine Weile unterhielten sich die Männer angeregt über diesen Sport, doch ihre Mutter wischte das Thema schnell vom Tisch, indem sie Dan abermals nach seinem Quartier fragte.

Fifi erinnerte sich recht gut an eine Begebenheit, als sie sieben Jahre alt gewesen war; damals hatte ihre Mutter sie heftig gescholten, weil sie ein anderes Kind mit Bemerkungen über die Löcher in seinen Schuhsohlen in Verlegenheit gebracht hatte. Clara hatte ihr erklärt, die Eltern des Kindes seien vermutlich sehr arm, und sie, Fifi, müsse Menschen gegenüber, die vom Glück weniger gesegnet waren als sie selbst, stets mit Takt und Freundlichkeit begegnen.

Was für eine Heuchlerin ihre Mutter doch war! Sie hatte immer behauptet, das Ende des Klassensystems willkommen zu heißen, und erklärt, dass intelligenten Kindern aus armen Elternhäusern dieselben Chancen gewährt werden sollten wie den Kindern der wohlhabenden. Doch jetzt, da ihre Tochter sich in einen Arbeiter verliebt hatte, war von all dem Takt und der Freundlichkeit nichts übrig geblieben.

Allein der Blick, mit dem ihre Mutter Dan begrüßt hatte, sagte Fifi, dass er sie niemals für sich würde gewinnen können. Clara betrachtete seine glänzenden, spitzen Schuhe und seinen Nadelstreifenanzug mit der modisch kurzen Jacke, als genügten diese Dinge, um zu wissen, dass er ein Taugenichts war.

Da es regnete, bot sich für Dan kaum Gelegenheit, sein Wissen über Pflanzen herauszustreichen, obwohl er sich wahrhaftig alle Mühe gab. Er trat an die Balkontüren im Wohnzimmer und bewunderte die Magnolie, die in voller Blüte stand.

Wenn es ihre Mutter überraschte, dass er den Namen des Baumes kannte, so ließ sie sich nichts davon anmerken, sondern stürzte sich fast sofort in ein Verhör, was seine Unterkunft betraf.

»Ist es eine Pension?«, fragte sie.

»So nennt die Vermieterin es – allerdings behandelt sie uns nicht wie Gäste«, erwiderte Dan mit dem für ihn so typischen breiten Grinsen. »Eher wie Leprakranke.«

Clara lächelte, aber das Lächeln drang nicht bis in ihre Augen vor, und Fifi konnte sehen, dass der Unwille ihrer Mutter wuchs. »Ich wollte eigentlich wissen, ob sie Ihnen das Frühstück und vielleicht auch das Abendessen richtet?«

»Nein, wir bekommen lediglich das Zimmer und das, was sie ›Service‹ nennt. Was lediglich bedeutet, dass sie die Papierkörbe leert und das Wenige an Teppich saugt, was nicht von Möbeln verdeckt wird.«

Clara erkundigte sich auch, wie Dan seine Wäsche erledigte und wo er sich sein Essen kochte. Als er sagte, dass er in eine Wäscherei weiter oben an der Straße ging und meistens in Cafés aß, hielt sie ihm einen Vortrag über die Bedeutung guter Ernährung. »Sie sollten selbst kochen lernen«, fügte sie hinzu.

»Ich kann recht gut kochen«, erwiderte Dan. »Das hat man uns im Kinderheim beigebracht. Aber wenn ich den ganzen Tag gearbeitet habe, möchte ich nicht auch noch in der Küche stehen.«

Zu Fifis Erleichterung erzählte Dan nicht, dass diese Küche von Mäusen verseucht und schrecklich schmutzig war. Er konnte sich ja kaum dazu überwinden, dort eine Tasse Tee zu kochen. Außerdem würden sich die anderen Mieter über seine Einkäufe hermachen, würde er welche tätigen. Trotzdem war seine Antwort nicht besonders glücklich gewählt, denn sie ließ darauf schließen, dass er ein Faulpelz war.

Von da an versuchte ihre Mutter bewusst, Dan linkisch und dumm aussehen zu lassen, diesen Eindruck gewann Fifi immer mehr. Clara schnitt Themen an wie die Invasion von Kuba, die Erbauung der Berliner Mauer, die Ostermärsche und Rudolf Nurejews Entschluss, nicht in seine sowjetische Heimat zurückzukehren.

Fifi erwartete, dass Dan ebenso wenig wie sie in der Lage sein würde, diese Dinge zu diskutieren, und dass es ihrer Mutter gelingen würde, ihn wie einen Narren dastehen zu lassen. Aber er konnte tatsächlich zu jedem Thema etwas sagen, zumindest genug, um den Ball ihrem Vater zuzuspielen.

Er konnte allerdings der Versuchung nicht widerstehen, ihre Mutter ein wenig aufzuziehen, was Rudolf Nurejew betraf. »Es wäre doch nett gewesen, wenn er Atomwissenschaftler gewesen wäre oder sonst irgendetwas Nützliches gelernt hätte, doch ein Mann, der in Strumpfhosen auf der Bühne herumstolziert und mit seiner Möhre und seinen Zwiebeln angibt, scheint mir kein allzu großer Gewinn für den Westen zu sein«, bemerkte er.

Die Jungen lachten, Patty kicherte, und selbst ihr Vater lächelte. Aber ihre Mutter wirkte zutiefst gekränkt und erklärte herablassend:

»Ich liebe das Ballett. Für mich ist Rudolf der größte Tänzer aller Zeiten.«

»Mag sein, aber ich wette, dass weniger als ein Prozent der Bevölkerung jemals eine Ballettvorstellung besucht. Warum sollte man dem Mann also erlauben, hierzubleiben? Er hat in Russland wahrscheinlich ohnehin wie ein König gelebt.«

Fifi war schon früher aufgefallen, dass Dan, wann immer er sich unsicher fühlte, Zuflucht zu scherzhaften Bemerkungen nahm. Bei seinen Arbeitskollegen oder Bekannten im Pub kam er damit gut an, aber auf gebildete, ernsthafte Menschen wie ihre Eltern, die ihm zum ersten Mal begegneten, mussten solche Bemerkungen eher unhöflich und ungehobelt wirken.

Als sie sich zum Tee niedersetzten, waren auf den Wangen ihrer Mutter zwei rote Flecken erschienen, ein sicheres Zeichen dafür, dass sie vor Wut kochte. Fifi hatte keine Ahnung, wie sie die Situation entschärfen sollte, denn Dan tat sein Bestes, offen und freundlich zu erscheinen.

»Noch ein Stück Kuchen, Dan?«, fragte Clara am Ende der Mahlzeit. Sie hatte sich selbst übertroffen und mit eigenhändig zubereitetem Schinken und Salat geglänzt, mit Scones, Kuchen und einem aufwändigen Dessert, und jetzt hielt sie das silberne Kuchenmesser über den Rest der mit Puderzucker bestäubten Schokoladentorte.

»Ich würde sie ja gern davon befreien, aber ich habe keinen Platz mehr«, sagte Dan.

Fifi unterdrückte ein Stöhnen. Sie wusste, dass ihre Mutter diese Bemerkung nicht so auffassen würde, wie sie gemeint war. Und tatsächlich fuhr Clara Dan ärgerlich an.

»Es ist eins meiner besten Rezepte, und in dem Kuchen sind vier Eier«, erklärte sie mit vor Entrüstung erhobener Stimme. »Davon braucht mich niemand zu ›befreien‹, junger Mann.«

»Er wollte nicht unhöflich sein«, warf Patty hastig ein. »Er meinte, dass er den Kuchen köstlich findet, aber einfach nicht mehr essen kann. Habe ich nicht Recht, Dan?«

»Ja, natürlich. Es tut mir leid, wenn es falsch geklungen hat, Mrs. Brown«, versicherte Dan entschuldigend.

»Jedes einzelne Wort, das über Ihre Lippen kommt, klingt falsch«, fauchte sie. »Mir ist noch niemals ein so dummer, dreister Mensch wie Sie begegnet.«

Eine Sekunde lang herrschte vollkommenes Schweigen im Esszimmer. Patty, Peter und Robin starrten ihre Mutter entsetzt an. Selbst ihr Vater wirkte sprachlos.

Fifi sprang so schnell auf, dass das Porzellan auf dem Tisch klapperte. »Und du bist der unhöflichste Mensch, der mir je begegnet ist«, zischte sie ihrer Mutter zu. »Komm, Dan, wir gehen.«

Dan sprang nicht von seinem Stuhl auf, sondern erhob sich gelassen, wischte sich mit der Serviette die Lippen ab und legte sie wieder auf den Tisch. Sein breites Lächeln war erloschen, und auf seinem Gesicht stand ein trauriger Ausdruck. »Wenn ich dumm und dreist wirke, dann tut es mir leid«, sagte er, wobei seine Stimme ein wenig zitterte. »Aber Sie brauchten mich gar nicht kennen zu lernen, um zu dem Schluss zu kommen, dass ich nicht gut genug für Fifi bin, nicht wahr?«

Dan erlaubte Fifi nicht, ihn weiter als bis zur Bushaltestelle zu begleiten. Dort küsste er sie zum Abschied und schickte sie trotz ihres Protests nach Hause zurück. Wenn sie den Abend mit ihm verbrachte, das wusste er, würde die Situation bei ihrer Rückkehr nach Hause nur umso schwieriger sein. Außerdem verspürte er das Bedürfnis, allein zu sein.

Im Bus ging er die Treppe hinauf, holte seine Zigaretten aus der Tasche und zündete sich eine an. Ihm war übel vor Enttäuschung darüber, dass seine erste Begegnung mit Fifis Eltern so ein furchtbarer Fehlschlag gewesen war.

Er hatte nicht erwartet, von den Browns mit offenen Armen willkommen geheißen zu werden. Fifi hatte genug von ihrer Mutter erzählt, um ihm zu vermitteln, welch ein Snob sie war. Er war sich während des Tees seines unkultivierten Akzents nur allzu bewusst gewesen und hatte schlimme Ängste ausgestanden, dass ihm ein Ausrutscher unterlaufen und er sein Messer ablecken oder die Teetasse aus zartem Porzellan fallen lassen würde. Er wusste, dass er Mrs. Brown mit seinem Scherz über diesen Balletttänzer vor den Kopf gestoßen hatte, aber mit einer solchen Gehässigkeit hätte er niemals gerechnet. Jetzt nahm er einen tiefen Zug von seiner Zigarette und fragte sich, was er unternehmen sollte.

Etwas Derartiges war ihm bei Einladungen in die Häuser seiner Freundinnen noch nie passiert, und wenn jemand anderes so etwas zu ihm gesagt hätte, hätte er eine schneidende Bemerkung gemacht, wäre gegangen und hätte es der Frau überlassen zu entscheiden, ob er oder ihre Eltern ihr wichtiger waren.

Aber bei Fifi lagen die Dinge anders. Sie war etwas Besonderes, das hatte er vom ersten Tag an gewusst. Es war nicht nur ihr Aussehen, obwohl er ihr seidenweiches, blondes Haar, die sanften braunen Augen und ihre schlanke, aber wohl geformte Gestalt liebte. Sie unterschied sich von anderen Mädchen; sie plapperte nicht ständig von ihrer Arbeit, von schicken Kleidern oder alten Freunden, und sie lebte wie er für den Augenblick. Als sie ihn an jenem ersten Tag zur Gloucester Road geführt hatte, hatte er genau gewusst, dass die Straße nicht auf ihrem Heimweg lag. Sie hatte lediglich dafür sorgen wollen, dass er eine Unterkunft fand, und die Gelegenheit genutzt, ihn besser kennen zu lernen.

Er genoss es, wenn sie sich danach erkundigte, ob er auch genug Decken in seinem Bett oder eine anständige Mahlzeit zu sich genommen habe. Als er erkältet gewesen war, hatte sie ihm Medikamente gebracht und ihm eingeschärft, einen Schal zu tragen, wenn draußen ein kalter Wind wehte. Sie nahm auch Rücksicht auf seine Geldbörse, bestellte niemals das teuerste Gericht auf der Speisekarte oder erwartete die besten Plätze im Kino.

Ihre Küsse waren wie ein Blick in den Himmel, und allein die Berührung ihrer Hand gab ihm das Gefühl, jederzeit bereit zu sein, für sie zu sterben. Aber es war nicht nur die Tatsache, dass er vollkommen verrückt nach ihr war. Sie hatte all die einsamen, leeren Stellen in ihm ausgefüllt; sie gab ihm das Gefühl, alles erreichen zu können, was er sich vornahm. Er liebte ihre Eleganz, ihre Haltung und ihre Wärme. Doch Fifi war nicht so hart im Nehmen, wie sie es zu sein vorgab; sie mochte beteuern, dass er ihr mehr bedeutete als ihre Eltern, aber sobald ihre Mutter die Daumenschrauben anlegte, würde Fifi wohl kaum noch mit der Situation fertig werden.

Es war schon schwierig genug für sie beide, da sie keinen Ort hatten, an dem sie miteinander allein sein konnten. Die gestohlenen Küsse in Hauseingängen und an Bushaltestellen verloren schon bald ihren Reiz, vor allem wenn es kalt oder feucht war.

Fifi hatte von Anfang an klargestellt, dass sie beabsichtigte, als Jungfrau in die Ehe zu gehen, und er hatte großen Respekt vor ihrer Einstellung, auch wenn es ihm in der Vergangenheit nicht schwergefallen war, die Mädchen in sein Bett zu bekommen. Er begehrte Fifi auf geradezu verzweifelte Weise; er dachte ständig an Sex mit ihr, von dem Moment an, da er morgens die Augen aufschlug, bis zur Schlafenszeit, doch da er sie liebte, war er bereit gewesen zu warten.

Heute jedoch war ihm klar geworden, dass ihre Eltern ihn niemals als Schwiegersohn willkommen heißen würden. Fifi mochte alt genug sein, um auch ohne ihre Zustimmung heiraten zu können, und vielleicht würde sie behaupten, es sei ihr gleichgültig, ob ihre Eltern der Verbindung ihren Segen gaben oder nicht. Aber er würde kein gutes Gefühl dabei haben; in einigen Jahren könnte es einen Keil zwischen sie treiben.

Dan befand sich in einer aussichtslosen Situation. Er wollte Fifi für immer, und im Grunde wäre er auch gern ein Teil ihrer Familie gewesen.

Ihre Brüder waren in Ordnung, ein wenig fade zwar, aber nach einigen Gläsern Bier wären sie vielleicht aufgetaut. Patty war genauso liebenswert, wie Fifi gesagt hatte, und auch ihren Vater würde er vermutlich auf seine Seite ziehen können. Mr. Brown hatte zwei linke Hände, und Dan konnte den wackligen Gartenzaun reparieren, das Dach ihres Sommerhauses flicken und ähnliche Dinge erledigen. Burschen mit Hirn wussten Leute zu schätzen, die solche Arbeiten verrichten konnten.

Aber bei ihrer Mutter lagen die Dinge vollkommen anders. Sie wünschte sich für Fifi natürlich einen Ehemann aus der obersten Schublade, doch hinter ihrem Verhalten musste noch mehr stecken. Dan hätte darauf gewettet, dass Clara ihren Mann geheiratet hatte, weil ihre Eltern ihn buchstäblich für sie ausgewählt hatten. Sie hatte in sechs oder sieben Jahren vier Kinder bekommen und wahrscheinlich niemals Spaß am Sex gehabt. Und wenn sie jetzt ihre schöne ältere Tochter sah, die glücklich verliebt war, wurde sie wahrscheinlich von Eifersucht zerfressen.

Das Eigenartige war, dass Dan Mitleid mit ihr hatte. Clara war offenkundig eine sehr gute Mutter gewesen, aber jetzt waren ihre Kinder alle in einem Alter, in dem sie von zu Hause fortgehen würden; vielleicht hatte sie Angst vor der Leere, die sie hinterlassen würden. Sie war noch immer recht jung und sehr attraktiv, doch wenn sie niemals große Leidenschaft oder auch nur ein wenig Spaß erlebt hatte, konnte man es ihr wohl kaum verübeln, wenn sie sich betrogen fühlte.

Zwei Mal während des Nachmittags hatte sie darauf angespielt, wie schwierig Fifi als Kind gewesen war, was darauf hindeutete, dass Clara diese Dinge nie ganz überwunden hatte. Er hatte sie danach fragen wollen, es jedoch nicht gewagt. Fifi dagegen schien sich daran zu weiden, als Kind für so viele Probleme gesorgt zu haben, was die Situation zwischen den beiden Frauen vermutlich noch verschlimmerte. Es gab gewiss viele Dinge, die sie miteinander hätten klären müssen, aber traurigerweise waren beide gleichermaßen halsstarrig. Vermutlich würden sie ihre Differenzen niemals beilegen.

Dan fragte sich, was jetzt im Haus der Browns vorgehen mochte. Clara konnte es Fifi kaum verbieten, sich weiter mit ihm zu treffen. Sie war gewiss auch nicht dumm genug, um ihre Tochter hinauszuwerfen. Schließlich musste sie wissen, dass Fifi in diesem Fall direkt zu ihm laufen würde. Also blieb Clara nichts anderes übrig, als ihr die kalte Schulter zu zeigen und auf diese Weise zu versuchen, ihren Widerstand zu brechen.

Er stieß einen tiefen Seufzer aus. Als Kind hatte er nur allzu oft eine solche Behandlung erfahren, was schlimmer war als eine ordentliche Tracht Prügel. Und es hatte, wie er sich erinnerte, immer funktioniert. In wenigen Wochen würde Fifi Wachs in den Händen ihrer Mutter sein.

»Es ist nur ein Schauer. Es wird bald wieder aufhören«, sagte Dan optimistisch. Der schwere Regenguss kümmerte ihn im Grunde nicht, aber er machte sich Sorgen, weil Fifi kein Wort mehr von sich gegeben hatte, seit sie unter einem großen Baum Zuflucht gesucht hatten. Er befürchtete, sie werde ihm gleich eröffnen, sich nicht länger mit ihm treffen zu wollen.

Der schreckliche Nachmittag bei ihren Eltern lag jetzt einige Monate zurück, und bisweilen wünschte Dan sich, er wäre standhaft geblieben, als er kurz darauf versucht hatte, die Beziehung zu beenden. Er hatte damals geglaubt, es sei das Beste für Fifi, da ihre Mutter ihn niemals akzeptieren würde und ein Bruch ohnehin unvermeidlich sei.

»Meine Eltern werden sich schon bald anders besinnen«, hatte Fifi jedoch beteuert, »wenn nicht, werde ich ohnehin von zu Hause weggehen.«

Dan hatte ihr in beiden Punkten glauben wollen, aber jetzt war Ende August, und sie waren noch keinen Schritt weitergekommen. Clara Brown hatte keinen Zentimeter nachgegeben, und Fifi war nicht von zu Hause ausgezogen.

Soweit es Dan betraf, war er zufrieden, solange Fifi ihn liebte und er sie weiterhin sehen konnte. Doch im Laufe der Wochen hatte er gespürt, dass sie immer unglücklicher wurde, wie sehr sie sich auch bemühte, es zu verbergen.

Fifi sprach zwar nicht davon, aber vermutlich setzte ihre Mutter ihr ständig zu. An einigen Sonntagen hatte sie morgens verschwollene Augen und ein fleckiges Gesicht gehabt, und er hatte gewusst, dass es am Abend zuvor einen Streit gegeben haben musste.

Sie schlief nicht gut, das war nicht zu übersehen, und sie hatte häufig dunkle Ringe unter den Augen, außerdem stocherte sie in ihrem Essen herum, und sie hatte abgenommen. Dan konnte den Gedanken nicht ertragen, dass sie seinetwegen litt.

Sie hatte sich von all ihren alten Freunden losgesagt. Einerseits wollte sie ihre Zeit lieber mit ihm verbringen als mit ihnen, vor allem aber hatte sie das Gefühl, ihnen nicht mehr vertrauen zu können. Anscheinend hatten ein oder zwei von ihnen ihren Müttern vertrauliche Dinge erzählt, die diese dann wiederum an Clara weitergegeben hatten. Derartige Treulosigkeiten schmerzten Fifi. Ihre Brüder warfen ihr vor, die Stimmung im Haus zu verderben, und jetzt war Patty der einzige Mensch, der noch auf ihrer Seite stand.

Heute waren sie zu einem Spaziergang in die Leigh Woods hinausgefahren. Als sie an der Hängebrücke aus dem Bus gestiegen waren, hatte die Sonne noch hell vom Himmel geleuchtet, aber kaum waren sie im Wald angelangt, hatten sich die Schleusen des Himmels geöffnet. Dan spürte, wie niedergeschlagen Fifi war. Grübelte sie darüber nach, dass ihr ganzes Leben seit ihrer Begegnung mit ihm aus den Fugen geraten war?

»Einen Penny für deine Gedanken«, sagte er leichthin, legte einen Arm um sie und zog sie dichter an sich.

»So viel sind meine Gedanken gar nicht wert«, antwortete sie düster.

»So schlimm, hm?«, fragte er. »Können wir nicht versuchen, Zauberaugen zu machen, und feststellen, was dann passiert?«

»Ich habe das bereits an Mum ausprobiert, aber selbst wenn ich ihren Snobismus und ihren Argwohn aus dem Gesamtbild entfernen und ihre dunkle Seele leuchtend weiß malen könnte, bliebe trotzdem nur eine Xanthippe übrig«, erklärte sie und versuchte, sich ein Lächeln abzuringen.

»Ich meinte auch nicht, dass du sie mit Zauberaugen betrachten sollst«, sagte Dan. »Mir geht es um andere Möglichkeiten: Du könntest zum Beispiel versuchen, dir mit einigen anderen Mädchen zusammen eine Wohnung zu nehmen. Oder zumindest noch einmal darüber nachdenken, dir ein möbliertes Zimmer zu suchen. Stell dir nur vor, wie schön es wäre, wenn wir irgendein hübsches Plätzchen hätten, an dem wir allein sein könnten.«

»Hm«, murmelte Fifi und vergrub den Kopf an seiner Brust. Es verging kaum eine Stunde am Tag, da sie sich nicht wünschte, mutig genug zu sein, alle Vorsicht in den Wind zu schlagen und sich irgendwo ein Zimmer zu suchen. Dan gegenüber gab sie vor, dass die Kosten sie daran hinderten, dass sie Angst davor hatte, alle Brücken zu ihrer Familie hinter sich abzubrechen, oder dass sie sich davor fürchtete, allein zu leben. Aber obwohl all diese Dinge durchaus ins Gewicht fielen, waren es auch Ausreden, denn in Wirklichkeit gab es einen ganz anderen Grund, warum sie nicht von zu Hause fort wollte: Sie wusste, dass sie und Dan ein Liebespaar werden würden, sobald sie mit ihm allein war.

Fifi träumte kaum von etwas anderem, sie begehrte ihn mehr als das Leben selbst, aber sie fürchtete die Konsequenzen. Zwei Mädchen aus ihrer Schule hatten heiraten müssen, weil sie schwanger waren. Sie hatte ihr Elend erlebt und die Enttäuschung ihrer Eltern, und sie hatte sich stets geschworen, dass ihr etwas Derartiges niemals widerfahren würde. Obwohl es ihr inzwischen nicht mehr wichtig war, ob sie ihre Eltern enttäuschte oder gar in Wut brachte, hatte sie keinesfalls die Absicht, ihrer Mutter zusätzliche Munition gegen Dan zu liefern. Außerdem wollte sie nicht unter solch düsteren Vorzeichen in die Ehe gehen.

Zu Hause war das Leben inzwischen unerträglich geworden. Ihre Mutter machte unablässig boshafte Bemerkungen über Dan. »Du stehst im Begriff, den größten Fehler deines Lebens zu begehen«, lamentierte sie immer wieder.

Meistens gelang es Fifi, Clara zu ignorieren, doch ab und zu schlug sie zurück, und das Ganze entwickelte sich zu einem ausgewachsenen Streit. Wann immer das geschah, schockierte die Gehässigkeit ihrer Mutter sie aufs Tiefste; Clara redete über Dan, als wäre er ein Serienmörder. Es gab nur eine einzige Möglichkeit, solche Szenen zu vermeiden: Sie musste so viel Zeit wie möglich außerhalb ihres Elternhauses verbringen.

Den ganzen Sommer hindurch hatte sie nur für die Stunden mit Dan gelebt, aber so glücklich sie miteinander waren, wurde die Freude doch von dem Wissen überschattet, dass sie am Abend nach Hause zurückkehren musste. Fifi verwendete ihren ganzen Einfallsreichtum darauf, für das Wochenende Unternehmungen zu ersinnen, die nicht viel kosteten – Picknicks, lange Spaziergänge, einen Tagesausflug nach Weston-super-Mare oder Bath. Aber bei schlechtem Wetter saßen sie dennoch in Pubs oder im Kino fest.

Jetzt standen sie hier in einem tropfnassen Wald, und einmal mehr verbarg sie ihre Gefühle, um Dan nicht zu verletzen. Sie hatte sich von ihren Freunden und von ihrer Familie entfremdet, weil sie ihn liebte. Doch sie bezweifelte, noch lange so leben zu können.

»Dann küss mich, damit ich dich aufmuntern kann«, sagte er und hob ihr Gesicht dem seinen entgegen.

Wie immer, wenn Dan sie küsste, stieg Erregung in Fifi auf, und als er die Hände unter ihre Bluse schob und nach ihrem BH-Verschluss tastete, drückte sie sich unwillkürlich an ihn, denn sie sehnte sich nach seiner Berührung. Gleichzeitig wusste sie jedoch, was als Nächstes geschehen würde: Ihrer beider Erregung würde wachsen, und wenn sie gezwungen war, sich zurückzuziehen, würde ein Gefühl quälender Leere zurückbleiben.

»Nicht, Dan«, murmelte sie und schob seine Hände von ihren Brüsten, konnte sich aber dennoch nicht von ihm lösen.

»Ich bin nur ein Mensch, Fifi«, seufzte er. »Ich kann an nichts anderes denken als an mein Verlangen, dich zu berühren.«

Fifi entwand sich seinen Armen, stand vom Boden auf und streifte die feuchten Blätter ab, die an ihrem Rock klebten.

»Was sollen wir tun?«, fragte sie wütend. »Wir verbringen unsere Zeit damit, ohne Ziel umherzustreifen. Wenn der Winter kommt, wird es noch schlimmer. Können wir nicht einfach heiraten, und die Sache ist erledigt?«

Dan erhob sich, trat hinter sie und schlang die Arme um ihre Taille, um ihren Hals zu küssen. »Das könnten wir, ja, aber was ist mit deinen Eltern?«

»Es interessiert mich nicht mehr, was sie denken«, erwiderte Fifi. In Wahrheit grenzten ihre Gefühle für ihre Mutter inzwischen an Hass, aber sie konnte sich nicht dazu überwinden, das offen einzugestehen. »Es ist mein Leben; ich sollte heiraten dürfen, wen immer ich will. Wenn es meinen Eltern nicht passt, dann ist das ihr Problem.«

»Wir könnten zum Standesamt gehen und einen Termin ausmachen«, schlug Dan vor. »Vielleicht würden sie ja ein Einsehen haben, wenn du ihnen einfach unseren Hochzeitstermin mitteilst?«

Fifi schüttelte den Kopf. »Ich könnte mir gut vorstellen, dass meine Mum mich an diesem Tag in meinem Zimmer einschließt. Wenn wir tatsächlich heiraten wollen, müssten wir es heimlich tun und es ihnen anschließend erzählen.«

Selbst in ihren verzweifeltsten Augenblicken war ihr dieser Gedanke nie in den Sinn gekommen, aber sobald sie ihn ausgesprochen hatte, wurde ihr plötzlich klar, dass dies die Lösung für alles war. Sie drehte sich in Dans Armen um, umfasste sein Gesicht mit beiden Händen und lächelte. »Lass es uns tun! Was sollte uns daran hindern? Sobald wir den Termin vereinbart haben – ich glaube, man muss drei Wochen warten –, könnten wir uns eine Wohnung suchen, in die wir gleich danach einziehen könnten.« Mit einem Mal war sie so aufgeregt, dass sie die Ideen nur so hervorsprudelte. »Wäre es nicht wunderschön, ein eigenes Zuhause zu haben? Ich koche für dich, und du richtest die Wohnung her. Wir würden nicht mehr so viel Geld in Pubs verschwenden, und wir hätten es den ganzen Winter hindurch wunderbar gemütlich!«

Ihre Erregung war ansteckend, und Dan fing Feuer. »Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen, als morgens neben dir aufzuwachen und abends zu dir nach Hause zu kommen«, rief er mit leuchtenden Augen. »Und wir könnten so viel Geld sparen, wenn wir nicht ständig ausgehen müssten.«

»Ich habe ungefähr dreißig Pfund auf der Bank«, sagte Fifi aufgeregt. »Das ist mehr als genug, um Bettwäsche, Porzellan und ähnliche Dinge zu kaufen. Lass uns sofort zum Standesamt gehen und uns nach einem Termin erkundigen!«

Dan küsste sie. »Es regnet immer noch in Strömen«, rief er ihr ins Gedächtnis, erheitert über ihre Ungeduld. »Und am Samstag werden sie dort ohnehin alle Hände voll zu tun haben. Du könntest Montag in deiner Mittagspause hingehen. Wir brauchen sicher nicht mehr als unsere Geburtsurkunden.«

Fifis Gesicht umwölkte sich kurz, als ihr einfiel, dass ihre Mutter alle Dokumente der Familie in einer Schachtel in ihrem Schlafzimmer aufbewahrte.

»Gibt es da ein Problem?«, fragte Dan.

»Ich werde die Urkunde meiner Mum stibitzen müssen. Aber das kann ich am Sonntag tun, während sie das Mittagessen zubereitet. Doch was ist mit dir? Hast du eine Geburtsurkunde?«

Er nickte. »Ja, die habe ich zusammen mit einer Bibel und einem Fünfer bekommen, als ich das Kinderheim verlassen habe. Ich habe die Ehre, zwei unbekannte Elternteile zu besitzen. Ich glaube, meine Geburt ist von der Polizei aufgenommen worden, und wenn mich nicht alles täuscht, habe ich meinen Namen auch einem der Beamten zu verdanken.«

Fifi warf ihm einen Seitenblick zu. Obwohl sie wusste, dass er als Säugling ausgesetzt worden war, war ihr nie ganz klar gewesen, was das wirklich bedeutete, ebenso wenig wie sie darüber nachgedacht hatte, dass ein Fremder ihm seinen Namen gegeben haben musste.

»Sieh mich nicht so an«, sagte er und lachte. »Es hätte schlimmer kommen können; sie hätten mich zum Beispiel Oliver Twist nennen können.«

»Ich frage mich, warum deine Mutter dich weggegeben hat«, erwiderte sie nachdenklich.

»Wahrscheinlich hatte sie kein Geld.« Er seufzte. »Es war 1937, Wirtschaftskrise und all das. Ich war nur wenige Tage alt, daher muss sie absolut verzweifelt gewesen sein. Die Polizei hat sie nie aufspüren können, was darauf hindeutet, dass sie mich ganz allein zur Welt gebracht hat.«

Fifi schauderte. Allein die Vorstellung, ein Kind ohne Hilfe zur Welt zu bringen, war zu furchtbar, um dabei zu verweilen, geschweige denn, über die Gemütsverfassung seiner Mutter nachzugrübeln. »Oh Dan«, flüsterte sie bewegt und strich ihm zärtlich über die Wange. »Du Armer!«

»Ich Armer?«, kicherte er. »Das sagst du von einem Mann, der eine so zauberhafte Frau heiraten wird? Aber du musst trotzdem noch einmal gründlich über alles nachdenken, Fifi. Es ist ein gewaltiger Schritt, und du musst dir ganz sicher sein, dass du ihn tun willst, und zwar nicht nur, um deiner Mutter eins auszuwischen.«

»Das ist nicht der Grund, warum ich dich heiraten will«, beharrte sie, musste dann jedoch lachen. Es würde wirklich die perfekte Rache sein. »Ich will dich nur deshalb heiraten, weil ich dich so sehr liebe und weil ich keine Lust mehr habe, länger Zeit und Geld zu vergeuden.«

»Selbst wenn sich deine Eltern für immer von dir lossagen würden?«

»So, wie sie sich im Augenblick benehmen, wäre ich ganz dankbar dafür«, antwortete sie entschieden. »Wie dem auch sei, sobald sie begreifen, dass es ein Fait accompli ist, werden sie sich schon damit abfinden.«

»Das hoffe ich wirklich, mein Liebes«, entgegnete er und zog sie an sich. »Aber wir können uns nicht darauf verlassen.«

»In diesem hier wirken Sie ausgesprochen elegant, Madam«, sagte die Verkäuferin des Warenhauses Bright’s in Clifton, während sie den Reißverschluss am Rücken von Fifis Kleid hochzog. »Und mit diesem kleinen Jäckchen werden Sie auch nicht frieren.«

Fifi zog die kurze, eng anliegende Jacke an und warf einen kritischen Blick in den Spiegel. Es war bei weitem das beste Kleid, das sie anprobiert hatte. Es war aus cremefarbener, leichter Wolle geschneidert und am Rocksaum mit den kleinen Plisseefalten versehen, die der Twist so sehr in Mode gebracht hatte. Darüber hinaus war es kein richtiges Hochzeitskleid, sodass sie es auch später noch tragen konnte.

»Ich könnte es für ein oder zwei Tage zurücklegen, wenn Sie noch eine Freundin oder Ihre Mutter um Rat fragen wollen«, bemerkte die Frau.

»Nein, ich nehme es«, erwiderte Fifi. »Es kostet etwas mehr, als ich ausgeben wollte, aber es ist tatsächlich genau das Richtige.«

»Eine sehr kluge Entscheidung, Madam«, antwortete die Frau. »Sie haben eine so gute Figur, dass Sie alle Kleider tragen könnten. Doch in diesem hier sind Sie einfach atemberaubend.«

Fifi verließ das Kaufhaus und eilte die Park Street hinunter zurück ins Büro. Es war ihr gelungen, über Mittag zwei Stunden freizubekommen, aber sie würde dafür morgen länger arbeiten müssen. In ihrem Kopf wirbelten all die Dinge durcheinander, die sie in nur einer Woche noch erledigen musste, und das alles insgeheim. Aber jetzt, da sie ihr Hochzeitskleid und eine Wohnung hatte, glaubte sie, vielleicht ein wenig Ruhe zu finden.

Niemand, nicht einmal die Leute im Büro, wussten von ihrem Vorhaben, am zwanzigsten September zu heiraten. Dan hatte es seinem Vorarbeiter erzählt, und dieser Mann und seine Frau würden ihre Trauzeugen sein. Heute Abend nach der Arbeit würde sie das neue Kleid zusammen mit einer kleinen Tasche mit anderen Kleidern, die sie am Morgen aus dem Haus geschmuggelt hatte, in die Wohnung bringen.

Sie freute sich ungeheuer über die Wohnung, denn sie hatten großes Glück gehabt, sie zu bekommen. Sie hatten sich dutzende von Appartements angesehen, und die meisten waren entweder abscheulich oder viel zu teuer gewesen, und sie hatten schon langsam befürchtet, nicht mehr rechtzeitig etwas zu finden. Aber vor zwei Tagen war zufällig Mr. Pettigrew ins Büro gekommen; er war Vermieter und nahm gelegentlich die Dienste der Kanzlei in Anspruch, für die Fifi arbeitete. Sie hatte mit angehört, wie er ihrem Chef erzählt hatte, dass in einem seiner Häuser in Kingsdown eine Wohnung leer stehe.

Kingsdown war nach Meinung einiger Leute ein ziemlich primitives Viertel, was jedoch nur an den vielen großen, alten Häusern lag, die in einzelne Wohnungen unterteilt worden waren, und an den zahlreichen Studenten, die dort lebten. Aber das Viertel war vom Stadtzentrum aus mühelos zu Fuß zu erreichen und überdies eine recht lebendige Gegend.

Als Mr. Pettigrew das Büro verließ, passte sie ihn ab und fragte ihn, ob er sie als Mieterin in Betracht ziehen würde. Er war offenkundig hocherfreut darüber, die Wohnung nicht annoncieren zu müssen, und sie vereinbarten einen Termin für die Besichtigung.

Die Wohnung bestand nur aus einem einzigen Zimmer mit einer winzigen Küche und einem Bad, aber sie war sauber und hell, und man hatte von dort einen wunderbaren Blick auf Bristol. Fifi bezahlte sofort die Kaution und die erste Miete, und Mr. Pettigrew gab ihr die Schlüssel. Sie war so aufgeregt, dass sie fast den ganzen Weg zu Dans Zimmer in der Gloucester Road im Laufschritt zurücklegte, und bei ihrer Ankunft dort war sie völlig außer Atem und konnte kaum sprechen.

Am kommenden Samstag wollten sie einkaufen gehen, um all die Dinge zu besorgen, die sie für die Wohnung brauchten. Fifi konnte es kaum erwarten, das Doppelbett mit ihren Laken und Decken auszustatten, die Lebensmittel in die Küche zu räumen und ihre Kleider in den Schrank zu hängen. In einer Woche würde Dan sie als seine Braut über die Schwelle tragen.

Es war ein wenig traurig, dass keine vertrauten Menschen bei ihrer Hochzeit anwesend sein würden, aber nachdem sie sich im Sommer von ihren alten Freunden distanziert hatte, wagte Fifi es nicht, sich jetzt mit ihnen in Verbindung zu setzen. Die Gefahr war zu groß, dass sie wieder mit ihren Müttern sprachen und Clara zu früh von der Hochzeit Wind bekam. Aber vielleicht würden sie später eine kleine Party in der Wohnung veranstalten, sodass all ihre Freunde Dan kennen lernen konnten.

Sie hatte sich immer vorgestellt, in der Kirche zu heiraten, mit läutenden Glocken, Orgelspiel und Patty als Brautjungfer. Doch jetzt schienen ihr Hochzeitsgeschenke, Flitterwochen und all die anderen Dinge nicht mehr wichtig zu sein; was zählte, war nur die Tatsache, dass sie endgültig von zu Hause fortging und mit Dan zusammenleben würde.

In der Luft lag jetzt ein schwacher Geruch von Herbst, und die Blätter an den Bäumen färbten sich langsam rot. Sie konnte es kaum erwarten, sich vor dem Feuer an Dan zu kuscheln, statt durch die Straßen zu streifen oder in einem verräucherten Pub zu sitzen.

Am Morgen des zwanzigsten September aß Fifi in der Küche ihre Cornflakes zum Frühstück, als wäre dies ein ganz gewöhnlicher Arbeitstag. Ihr Vater saß auf der anderen Seite des Küchentischs und las seine Zeitung, während ihre Mutter wie an jedem Morgen emsig damit beschäftigt war, Toast zu rösten, die Katze zu füttern und die Post zu öffnen. Ab und zu trat sie in den Flur hinaus, um Peter und Robin zur Eile anzutreiben. Patty war bereits zur Arbeit gegangen.

Seitdem sie am Standesamt den Termin für die Hochzeit ausgemacht hatten, hatte Fifi an nichts anderes mehr denken können. Aber jetzt, da es so weit war und sie wusste, dass sie am Abend nicht hierher zurückkommen würde, hatte sie Angst. Plötzlich erschienen ihr all die Dinge um sie herum so kostbar. Auf der Tür zur Speisekammer klebten alte Fotografien, von denen einige noch aus der Zeit stammten, als sie kaum hatte laufen können. An dem Trockengestell an der Decke hing wie immer feuchte Wäsche. Sie wusste, dass sie nur den Deckel der dreistöckigen Keksdose zu öffnen brauchte und darin allerlei Leckereien vorfinden würde. In Zukunft würde sie sich selbst das Frühstück zubereiten müssen, und sie würde ihre und Dans Kleider waschen und bügeln müssen. Sie würde alles selbst kaufen müssen, angefangen von Zahnpasta bis zu Waschpulver.

Sie sah ihre Mutter an. Wie immer war Clara voll bekleidet, bis hinunter zu ordentlichen Schuhen; ihre Mutter ließ sich niemals dazu hinreißen, in Pantoffeln und Morgenrock zu erscheinen. Jetzt inspizierte sie gerade die Speisekammer und erstellte eine Liste von Dingen, die sie einkaufen musste. Wahrscheinlich hatte sie bereits entschieden, was es heute Abend zu essen geben würde.

Fifi fragte sich, ob sie wohl in Tränen ausbrechen würde, wenn sie sie später anrief, um ihr mitzuteilen, dass ihre Tochter jetzt Mrs. Reynolds war und nicht mehr nach Hause kommen würde. Es war seltsam – die Vorstellung, ihre Mutter könne wütend sein, machte ihr nicht das Geringste aus, aber den Gedanken an Tränen konnte sie nicht ertragen.

»Du solltest dich besser ein wenig beeilen, Fifi, sonst wirst du noch zu spät kommen«, sagte Clara, ausnahmsweise einmal ohne ihre gewohnte Schärfe. »Du siehst heute Morgen ein wenig blass aus. Ist alles in Ordnung mit dir?«

»Mir geht es gut«, erwiderte Fifi, bevor sie den letzten Schluck von ihrem Tee trank und aufstand. »Gott sei Dank regnet es heute Morgen nicht. Ich bin in dieser Woche bisher jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit nass geworden.«

Jetzt plagten sie Gewissensbisse. Sie würde ja überhaupt nicht ins Büro gehen. Zuerst würde sie zum Friseur gehen, dann würde sie ihren Blumenstrauß abholen und sich schließlich auf den Weg zu ihrer neuen Wohnung machen, um ihr Hochzeitskleid anzuziehen und auf das Taxi zu warten, das sie zu dem Standesamt in Broadmead bringen würde. Ihr Vater hätte mit ihr in diesem Taxi sitzen sollen, ebenso wie Patty. Konnte sie das wirklich alles ganz allein tun?

»Ich werde heute Abend Steaks und Nierenpastete zubereiten, also komm um Gottes willen direkt nach Hause, statt deine Zeit mit diesem nutzlosen Kerl zu verschwenden.«

Dieser boshafte Befehl ihrer Mutter riss Fifi aus ihrer sentimentalen Stimmung heraus. »Warum musst du mir den Tag verderben, indem du etwas so Abscheuliches sagst?«, fragte sie.

Clara sah sie verächtlich an. »Du verdirbst mir jeden Tag, indem du dich mit solchem Abschaum abgibst. Aber glaub mir, sobald du ihm erzählst, dass du ein Kind von ihm erwartest, wird er auf Nimmerwiedersehen verschwinden.«

Eine Sekunde lang fühlte Fifi sich versucht, ihrer Mutter ins Gesicht zu schlagen. Doch sie widerstand dem Drang; was sie später zu tun beabsichtigte, würde sie viel mehr verletzen. Außerdem scherte sie sich keinen Deut mehr um dieses Haus oder um ihre Eltern. Sie war froh, nie wieder eine Nacht hier verbringen zu müssen.

»Du hast so Unrecht, was Dan betrifft«, rief sie, und ihre Augen füllten sich mit Tränen. »Ich frage mich wirklich, mit was für einer Art Abschaum du Umgang hattest, bevor du Dad kennen gelernt hast; du scheinst ja ausgesprochen viel darüber zu wissen.«

»Nur du kannst zu diesem Schluss kommen«, gab ihre Mutter hochmütig zurück. »Jetzt mach dich endlich auf den Weg, sonst wirst du nicht pünktlich im Büro sein.«

Als Fifi später beim Friseur saß, war sie nervös. Sie fürchtete, von einem Bekannten gesehen zu werden, der sie fragen könnte, warum sie nicht bei der Arbeit war. Während sie unter der Trockenhaube saß, lackierte sie sich die Nägel rosa und gab sich größte Mühe, nur an die vor ihr liegende Nacht mit Dan zu denken. Aber ihre Gedanken schweiften ständig ab und kreisten immer wieder um Patty.

Sie würde sehr gekränkt sein, weil Fifi sich ihr nicht anvertraut hatte. Wahrscheinlich würde sie die Beweggründe ihrer älteren Schwester niemals verstehen. Dabei hatte Fifi sich nur so verhalten, um dem Ärger ihrer Eltern zu entgehen.

Um halb zwei, gerade einmal eine Viertelstunde, bevor das Taxi kommen sollte, hatte Fifi Magenkrämpfe vor Nervosität. Allein in ihrer neuen Wohnung, erschien ihr alles so fremd.

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