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Wo der rote Salbei blüht

1. KAPITEL

Die meisten Situationen bewältigte die neunundzwanzigjährige Claire Olander völlig problemlos. Doch wenn zwei bestimmte Kinder im Spiel waren, geriet selbst sie hin und wieder an ihre Grenzen.

Gerade war wieder ein solcher Moment.

Wie so oft kamen die Zwillinge Heidi und Henry angesaust und bauten sich in synchroner Empörung vor ihr auf. „Tante Claire, wieso müssen wir unsere Spielsachen wegräumen?“, fragte die kleine Heidi und schob sich die blonden Locken aus dem Gesicht. Ihre Lieblingspuppe hielt sie dabei anklagend auf ihre Tante gerichtet.

„Sonst dürfen wir immer bis zum Abendessen spielen!“, murrte ihr Zwillingsbruder Henry, die hellbraunen Augen dunkel vor Entrüstung. Er hatte seinen gelben Schutzhelm aufgesetzt und hielt einen Plastikschraubenschlüssel in der Hand.

Ach, wäre doch schon Abendessenzeit, dachte Claire. Denn dann hätte sie die gefürchtete Besprechung hinter sich, vor der ihr seit Wochen graute. Genauer gesagt, seit die Revisoren der Bank ihre Bücher mitgenommen hatten, um ein Gutachten über die finanzielle Situation der Ranch zu erstellen.

Eigentlich gab es keinen Grund, sich Sorgen zu machen, sagte sie sich immer wieder. Sie war genauso fähig, die Zwillinge zu betreuen und das Familienunternehmen weiterzuführen, wie ihre verstorbene Schwester. „Wir müssen heute ausnahmsweise früher aufräumen, Kinder, weil wir nämlich gleich Besuch bekommen“, verkündete sie betont fröhlich.

Mit theatralischem Seufzer setzte Heidi sich im Schneidersitz auf den Boden, legte sich ihre Puppe Sissy auf den Schoß und fing an, die herumliegenden Bauklötze in eine Plastikbox zu räumen. „Wer kommt denn?“

Claire kniete sich neben sie und half ihr beim Einräumen. „Ein Mann von der Bank.“

„Kann der auch hämmern?“, fragte Henry.

Claire warf einen liebevollen Blick auf die beiden Kinder, für die sie nun verantwortlich war. „Ich habe keine Ahnung.“

„Was will der Mann denn von dir?“, fragte Heidi neugierig.

Meine Träume und Hoffnungen zerstören … „Er will mit mir über euer Erbe reden.“

„Was ist denn das, Erbe?“, fragte Henry mit skeptischem Blick und fing an, seinen Werkzeugkoffer einzuräumen.

„Das gibt es, damit ihr später aufs College gehen könnt.“

Henry machte ein enttäuschtes Gesicht. Nichts, was er mit seinen Werkzeugen reparieren konnte. „Ist der Mann ein Freund von dir?“

Claire klappte den Deckel der Spielzeugkiste zu und schob die Kiste in das Regal, das sie in ihrem Büro für das Spielzeug der Kinder freigeräumt hatte. „Ich kenne ihn gar nicht. Er ist erst vor ein paar Wochen nach Summit gezogen.“ Allerdings hatte sie schon viel von ihm gehört. Bei den alleinstehenden Damen in der Kleinstadt war er Thema Nummer eins. Angeblich war er dreiunddreißig Jahre alt, Single, und sah unverschämt gut aus.

Auf Claire machte das nicht den geringsten Eindruck. Sie hegte keinerlei Absichten, was Männer betraf. Im Moment gab es Wichtigeres zu tun. Nämlich ihr Feriengeschäft in Schwung bringen und die knapp vierjährigen Zwillinge großziehen.

„Ich hoffe, der benimmt sich ordentlich“, bemerkte Henry altklug. In letzter Zeit war er sehr damit beschäftigt, was man tun sollte und was nicht.

„Ich bin sicher, Mr McPherson ist ein sehr höflicher Mann.“ Das sollte man doch von einem Banker erwarten dürfen, oder?

Heidi legte die Puppe Sissy an ihre Brust und tätschelte ihr den Rücken. „Mr McFearsome? Das ist ja ein komischer Name.“ Heidi schnitt eine Grimasse.

„H. R. McPherson heißt der Mann“, erwiderte Claire lächelnd, „und die Initialen H. R. bedeuten Heathcliff und Rhett. Ich frage mich“, überlegte sie, während sie die Spielzeugautos einsammelte, „wer heutzutage sein Kind noch Heathcliff und Rhett nennt. Das klingt ja wie aus einem schmalzigen Liebesfilm von früher.“

„Zufällig“, meldete sich eine tiefe männliche Stimme von der offenen Tür her, „war meine Mutter eine hoffnungslose Romantikerin.“

Claire zuckte zusammen. Das nannte man schlechtes Timing! Sie hatte soeben den Mann beleidigt, von dessen Wohlwollen ihre Zukunft abhing.

Langsam drehte sie sich zu dem unerwarteten Besucher um.

Die Damen in der Stadt hatten noch untertrieben. Sie konnte sich nicht erinnern, jemals einen derart umwerfend aussehenden Mann gesehen zu haben. Er war groß und dunkelhaarig, und seine männliche Erscheinung wurde durch seine elegante Kleidung noch unterstrichen. Zu seinem anthrazitfarbenen Anzug trug er ein blau-grau gestreiftes Hemd und eine blaue Seidenkrawatte, die haargenau zur Farbe seiner Augen passte. Sein amüsierter Blick war auf Claire gerichtet.

Mit vor Verlegenheit hochrotem Gesicht murmelte sie: „Das war wohl etwas unpassend.“

„Zweifellos.“

Sie musterte seine markanten Gesichtszüge, die gerade Nase und den Mund, der wie zum Küssen geschaffen war. „Sie sind früh dran.“

Er zuckte die Achseln und trat näher, wobei er einen Duft von würziger Seife und sonniger Novemberluft mit sich brachte. „Ich war nicht sicher, ob ich die Ranch gleich finden würde.“ Er streckte die Hand zur Begrüßung aus. „Hoffentlich komme ich nicht ungelegen.“

„Nein, nein“, sagte Claire schnell und kam aus der Hocke hoch.

Als sie ihm die Hand gab, hielt er sie so lange fest, dass sie ein Kribbeln verspürte. Verwirrt trat sie einen Schritt zurück.

„Sie können mich Heath nennen“, sagte er.

Sie schluckte. „Ich bin Claire.“ Die Zwillinge bauten sich wie zu ihrem Schutz links und rechts von ihr auf. Sie legte ihnen die Arme um die Schultern und zog sie liebevoll zu sich heran. „Und das sind Heidi und Henry, die Nutznießer des Fonds.“

Heath schüttelte den Kindern die Hände. „Freut mich, euch kennenzulernen.“

„Guten Tag“, erwiderten die Zwillinge unisono.

Claire lächelte zufrieden. Allmählich lernten die Kinder höfliche Umgangsformen.

„Wann können wir anfangen?“, fragte Heath in geschäftsmäßigem Ton.

„Sobald das Kindermädchen da ist“, erwiderte Claire.

Zum Glück musste Heath nicht lange warten. Bald darauf hielt ein Pick-up vor dem Hauseingang, und eine Frau in mittleren Jahren stieg aus. Nachdem Claire sie als ihre Nachbarin Mae Lefman vorgestellt hatte, nahm Mae die Kinder liebevoll an der Hand und verließ mit ihnen das Büro.

Durch die hohen Fenster blickte Heath nach draußen. „Schön wohnen Sie hier.“

Er wusste, dass die Red Sage Ranch sich seit mehreren Generationen im Besitz der Familie Olander befand. Nachdem vor einigen Jahrzehnten auf dem Gelände Öl gefunden worden war, hatte Claires Großvater kurzerhand die Landwirtschaft aufgegeben, denn das Öl brachte mehr ein.

Als Claires Vater dann die Farm übernahm, waren die Quellen bereits versiegt, und er beschloss, wieder mit der Viehzucht anzufangen. Nach und nach versetzte er die Farm in ihren ursprünglichen Zustand zurück, doch die Landwirtschaft warf immer weniger ab.

Deshalb hatte Claire Olander nach dem Tod des Vaters zusammen mit ihrer Schwester und deren Mann nach einer anderen Möglichkeit gesucht, das riesige Gelände zu nutzen.

Und genau deshalb war er hier.

Er wappnete sich innerlich für das Gespräch, das vermutlich nicht gerade angenehm verlaufen würde. Auch Claire Olander wirkte reichlich angespannt, als sie ihren wadenlangen Chiffonrock über den schlanken Beinen zusammenraffte und sich hinter ihren Schreibtisch setzte.

Sie trug einen dunkelgrünen Rollkragenpullover im selben Farbton wie das Blumenmuster auf ihrem Rock. Ihr blondes, schulterlanges Haar war lockig wie das ihrer Nichte und ihres Neffen. Sie hatte es am Hinterkopf mit einer Spange festgesteckt, wodurch ihre zarten Ohrläppchen mit den silbernen Ohrringen schön zur Geltung kamen.

Sie war groß und schlank und wirkte äußerst feminin. Außerdem war sie eigensinnig, das konnte er deutlich an ihrem entschlossenen Kinn und dem direkten Blick aus ihren hellbraunen Augen erkennen.

Claire Olander war es offenbar gewohnt, ihren Kopf durchzusetzen.

Und das konnte zum Problem werden, wie Heath aus Erfahrung wusste.

Er ließ sich in dem Sessel ihr gegenüber nieder. „Wie Sie wissen, bin ich kürzlich zum Treuhänder des Fonds ernannt worden, den Ihre Schwester und Ihr Schwager den Zwillingen hinterlassen haben.“

„Ja, ich weiß. Der frühere Fondsverwalter ist vor ein paar Wochen in den Ruhestand gegangen.“

Heath nickte. „Als Treuhänder ist es meine Pflicht, die finanziellen Interessen der Kinder wahrzunehmen. Ich bin etwas beunruhigt, denn leider hat die Buchprüfung kein gutes Ergebnis gebracht.“

Heath konnte an Claires Gesicht sehen, dass diese Information für sie nicht überraschend kam. „Mir ist klar, dass meine finanzielle Situation besser sein könnte, aber das Geschäft mit den Ferienwohnungen läuft ja erst seit acht Monaten.“

Beim Hereinfahren war ihm aufgefallen, wie neu und gepflegt alles aussah. „Orrin Webb, mein Chef in der Bank, hat mir erzählt, dass Sie erst nach dem Tod von Liz-Beth und Sven damit angefangen haben.“

Ein trauriger Schatten huschte über Claires Gesicht, und sie blickte zum Fenster hinaus. „Es war unser gemeinsamer Traum. Keiner von uns wollte die Ranch verkaufen, aber weiterhin Viehwirtschaft zu betreiben wie mein Vater, kam auch nicht infrage.“

„Nach meiner Information gehört das Land zu gleichen Teilen Ihnen und den Nachkommen Ihrer Schwester und kann nur verkauft werden, wenn beide Parteien einverstanden sind.“

„Das stimmt.“

Heath blickte in seine Unterlagen. „Sie und Ihre Schwester hatten gleiche Anteile an dem Ferienhausgeschäft.“

Claire nickte.

„Und Heidi und Henry haben den Anteil ihrer Eltern geerbt, der sich in einem Trust befindet.“

Wieder nickte Claire.

Heath blickte hoch. „Darin liegt das Problem. Der Trust soll sich vermehren und nicht verringern. Aber nach dem Ergebnis der letzten Rechnungsprüfung befindet sich Ihr Geschäft in den roten Zahlen.“

„Manchmal ist es in den roten und manchmal in den schwarzen Zahlen. Von Juni bis August zum Beispiel waren wir ausgebucht.“

„Und was ist jetzt?“

Sie straffte die Schultern. „Wie meinen Sie das?“

„Wie viele der zwölf Cottages sind vermietet?“

Claire wurde rot. „In zwei Wochen ist Thanksgiving, da wird es wieder voller.“

„Das beantwortet nicht meine Frage.“

Claire stieß langsam den Atem aus, dann warf sie ihm einen herausfordernden Blick zu. „Im Moment sind drei Cottages vermietet. Mr und Mrs Finglestein aus New York bleiben zwei Wochen hier. Sie sind Vogelbeobachter. Ginger Haedrick wohnt hier, bis ihr Haus fertig ist, was bestimmt noch drei Wochen dauern wird. Sie ist Immobilienmaklerin.“

„Ja, ich kenne sie.“ Eine sehr resolute und ehrgeizige Person. „Sie kam in die Bank, hat mir ihre Visitenkarte gegeben und mir angeboten, für mich in der Gegend nach einer neuen Wohnung zu suchen, sobald mein Apartment in Fort Stockton verkauft ist.“

„Und dann wohnt hier noch T. S. Sturgeon, eine etwas exzentrische Schriftstellerin, die hier in Ruhe ihr Buch zu Ende bringen will. Das wird wohl ebenfalls noch ein paar Wochen dauern.“

„Das heißt, ein Viertel der Cottages ist vermietet.“

„Wir sind in der Nebensaison.“

„Und wie viele Reservierungen haben Sie für die Ferien?“

Claire schürzte ihre vollen, weichen Lippen. „Spielt denn das eine Rolle? Mir scheint, Sie haben bereits für sich entschieden, dass mit den Ferienhäusern kein Geschäft zu machen ist.“

„Das habe ich nicht gesagt.“

„Aber gedacht.“

Zwischen ihnen entstand Schweigen.

Heath versuchte es noch einmal. „Es ist so: Wenn der Fonds neun Monate lang keinen Gewinn abwirft – und die neun Monate sind bald um –, dann muss die Bank etwas unternehmen. Zum Beispiel einen Teil der Ranch verkaufen.“

„Das kommt überhaupt nicht infrage!“ Claires Stimme klang unerwartet scharf.

Heath stand auf und packte die Unterlagen in seine Aktentasche. „Hören Sie, ich weiß, dass das eine schwere Entscheidung für Sie wäre, aber denken Sie darüber nach. Ich lasse Ihnen Zeit bis zum ersten Dezember, danach muss etwas geschehen.“

„Und wenn ich es schaffe, alle Cottages längerfristig zu vermieten, sodass ich nicht mehr ins Minus rutsche?“

„Dann wäre das Ultimatum der Bank erfüllt. Alles, was wir wollen, ist, sicherzustellen, dass das Erbe der Zwillinge gewinnbringend angelegt ist.“

Claire erhob sich und stemmte die Hände auf die schmalen Hüften. „Also gut, dann werde ich mich mal an die Arbeit machen.“

Heath räusperte sich und versuchte nicht allzu auffällig auf ihre hübschen Brüste zu starren, die durch ihre Körperhaltung noch betont wurden. „Wo wir gerade von Ferienwohnungen reden … Ich würde gern eins der Cottages für die nächsten paar Wochen mieten.“

Claire beäugte ihn argwöhnisch. „Aber von hier ist es mindestens eine Stunde Fahrt bis in die Stadt.“

„Das macht mir nichts aus“, erklärte er mit herausforderndem Lächeln. Ihm gefiel die Ruhe hier draußen, er mochte die rauen Granitfelsen, die blühenden Wiesen und die vielen Wander­möglichkeiten. Hier war Texas am schönsten. Er redete sich ein, dass seine Idee nichts mit der schönen jungen Frau zu tun hatte, die ihn so ganz anders behandelte, als er es sonst von Frauen gewohnt war. Und auch nicht damit, dass er ihr finanziell unter die Arme greifen wollte.

Obwohl er gerade mal eine halbe Stunde auf der Ranch war, konnte er absolut verstehen, weshalb sie so an ihrem Erbe hing.

Sie musterte ihn mit ausdrucksloser Miene. „Wann möchten Sie denn einziehen?“

„Gleich heute Abend.“

Ohne mit der Wimper zu zucken, griff Claire in ihre Schreibtischschublade und nahm ein Mietvertragsformular heraus, das sie ihm zusammen mit einem Kugelschreiber hinschob. „Und wie lange möchten Sie bleiben?“

„Bis meine Wohnung in Fort Stockton verkauft ist und ich in der Stadt etwas anderes gefunden habe.“

Diesmal blinzelte Claire erstaunt. „Wir reden also über …“

„Wochen, vielleicht Monate.“

Heath konnte an ihrer Miene nicht feststellen, ob sie sich über das Geschäft freute oder eher skeptisch war.

„Ich nehme an, Sie möchten ein kleineres Cottage mieten.“

„Ja.“

Claire nannte ihm den Mietpreis.

„Sehr gut.“

Nachdem sie seine Kreditkarte kopiert hatte, nahm sie einen Plan der Ranch aus dem Prospektständer. „Sie können entweder Cottage eins haben, das liegt dem Haus am nächsten, oder die Acht ganz hinten.“

„Ich nehme das in der Nähe des Hauses“, erwiderte Heath, ohne zu zögern.

Claire griff nach ihrem Schlüsselbund und ging ihm voran ins Freie. Nachdem sie den Hof überquert hatten, passierten sie eine große Scheune aus rotem Backstein und betraten dann den Pfad, der zu den Cottages führte.

Die Hütten waren im ländlichen Stil, in großzügigem Abstand voneinander, erbaut und von blühenden Stauden und Büschen umgeben. Dazwischen breiteten sich von Wildblumen bestandene Wiesen aus. Schon von Weitem leuchtete der rote Salbei, dem die Red Sage Ranch ihren Namen verdankte.

Vor dem ersten Cottage blieb Claire stehen. Es war mit weißen Schindeln verkleidet, Tür und Fensterläden waren rot gestrichen und das Dach mit grauem Schiefer bedeckt. Sie schloss die Tür auf und ließ ihn eintreten. „Es gibt einen kleinen Wohnraum mit Küchenzeile und ein Schlafzimmer mit französischem Bett. Der Thermostat ist hier neben der Tür.“ Sie deutete auf den Wandschrank. „Da drin finden Sie Bettwäsche. Einmal die Woche wird das Cottage sauber gemacht. Es sei denn, Sie möchten einen täglichen Zimmerservice.“

„Einmal die Woche genügt völlig.“

„Frühstück ist inbegriffen, das Büffet steht morgens ab acht Uhr im Farmhaus, im vorderen Salon, bereit.“ Claire reichte ihm den Schlüssel und wandte sich zum Gehen.

Heath begleitete sie zur Tür, verwundert, wie leid es ihm tat, dass sie ihn verließ. „Und das Abendessen?“

Sie lächelte ihn entschuldigend an. „… wird im Moment nicht angeboten.“

„Und, wie ist es gelaufen?“, fragte Orrin Webb. Er saß hinter seinem Schreibtisch und machte wie immer einen äußerst seriösen Eindruck: elegant-konservativer Nadelstreifenanzug, perfekt frisiertes grau meliertes Haar, dunkle Hornbrille.

„So wie es in Anbetracht der Nachricht, die ich zu überbringen hatte, zu erwarten war.“ Seufzend ließ Heath sich in den Sessel vor Orrins Schreibtisch sinken. Er kam direkt von der Red Sage Ranch und hatte nicht mal einen Blick in sein eigenes Büro geworfen.

Mit aneinandergelegten Fingerspitzen, die Ellbogen auf die Armlehne gestützt, wippte Orrin in seinem Chefsessel vor und zurück. „Ich nehme an, sie weigert sich, Lösungsvorschläge unsererseits zu akzeptieren.“

„Wie zum Beispiel einen Teil des Anwesens zu verkaufen? Ja.“

„Du weißt, dass du ihre Zustimmung nicht brauchst. Du hast freie Hand, was den Trust betrifft.“

„So etwas geht gegen mein Prinzip. Der Erfolg der Bank hängt vom Vertrauen der Kunden ab. Wenn die Leute das Gefühl haben, wir wollten sie zu etwas überreden, nur um mehr Gewinn zu machen, dann werden sie ihr Geld nicht mehr bei uns anlegen.“

Orrin lächelte amüsiert. „Und ich dachte, du hättest Probleme damit, dich an die Gepflogenheiten in einer Kleinstadt anzupassen.“

„Summit mag zwar eine kleine Stadt sein, aber das Einzugsgebiet ist groß. Ich möchte, dass wir noch mehr Kunden gewinnen.“

„Da bin ich ganz deiner Meinung. Und was wirst du in Bezug auf den Nachlass der Zwillinge unternehmen?“

„Als Erstes werde ich mich mit der Ranch vertraut machen und prüfen, ob tatsächlich Gewinnpotential vorhanden ist.“

„Und wie willst du das anstellen?“

„Ich habe schon ein Cottage angemietet.“

„Und sie hatte keine Einwände?“

„Ich denke, sie braucht einfach das Geld. Im Moment ist nur ein Drittel der Ferienhäuser belegt.“

„Hast du mit ihr auch über Wiley Higgins gesprochen?“

„Damit wollte ich sie nicht auch noch behelligen.“

„Allzu lange wird Higgins nicht warten, um sein Vorhaben durchzusetzen“, sagte Orrin in warnendem Ton.

„Sollte er aber besser. Wenn er die Sache zu sehr vorantreibt, sind seine Chancen gleich null. So viel kann ich jetzt schon sagen.“

„Meinst du, du könntest Claire Olander dazu bringen, die Dinge aus deiner Perspektive zu betrachten?“

So entschlossen, wie er diese Frau heute kennengelernt hatte, gab es nur eine Antwort. „Das wird entweder sehr schwer oder gar nicht möglich sein.“

2. KAPITEL

Gerade hatte Heath seinen Wagen auf dem Parkplatz der Ranch abgestellt, als Claire aus ihrer Bürotür kam und auf ihn zulief. Sie machte einen erbosten Eindruck. „Heute hat mich ein Wiley Higgins angerufen. Er will sich mit mir treffen, um über ein Geschäft zu reden, und er hat Sie und die Bank als Referenz angegeben.“

Es gelang Heath kaum, seinen Unmut zu verbergen. „Ich hatte keine Ahnung, dass er Sie heute anrufen würde.“

Claire betrachtete ihn aus schmalen Augen. „Was will der Kerl? Außer dass er bis nach Thanksgiving ein Cottage mieten will?“

Mit einer Kopfbewegung deutete Heath auf den staubigen Ranchrover, der gerade die Einfahrt hochfuhr. „Warum fragen Sie ihn nicht selbst?“

Während Wiley einparkte und ausstieg, fiel Claires Blick auf das Logo an dem Wagen: Higgins – Erdölförderung. Genau wie Heath es vorausgesehen hatte, erstarrte sie.

Mit dynamischen Schritten kam der junge Unternehmer auf sie zu und streckte ihr die Hand hin. Er trug ein türkisfarbenes Westernhemd, lehmbefleckte Jeans und teure Krokodillederstiefel. Den schwarzen Cowboyhut hatte er zur Begrüßung abgenommen. „Claire Olander?“

Während sie ihm widerstrebend die Hand gab, drückte sich ihre Abneigung deutlich in ihrer Miene aus. „Mr Higgins, nehme ich an.“

„Am Telefon sagten Sie mir, es sei ein Cottage frei.“

Claire nickte. „Und Sie wollen mir ein geschäftliches Angebot machen.“

„Wenn es Ihnen recht ist, Madam …“, Wiley stülpte den Cowboyhut wieder auf sein zerzaustes strohblondes Haar, „… würde ich das gern beim Abendessen besprechen. Darf ich Sie in die Stadt zum Dinner einladen? Ich muss mich nur noch schnell umziehen.“

Eine Welle unerwarteter Eifersucht durchströmte Heath. Er sah den anderen stirnrunzelnd an.

Claire schüttelte den Kopf. „Das geht leider nicht. Ich habe zwei kleine Kinder.“

Als hätten sie auf das Stichwort gewartet, kamen Henry und Heidi aus der Bürotür gelaufen. „Tante Claire, wir haben Hunger!“, riefen sie unisono.

„Wir essen gleich. Ich muss nur Mr Higgins noch sein Cottage zeigen.“

Doch so schnell ließ Wiley sich nicht abschrecken. „Ich könnte euch beim Abendessen Gesellschaft leisten“, schlug er, an die Kinder gewandt, vor.

Ganz schön unverfroren, dachte Heath. „Auf der Ranch wird kein Abendessen serviert“, mischte er sich ein.

Wiley ignorierte den Einwand. „Ich würde auch extra dafür bezahlen.“

Das würde Heath auch gerne, und nicht nur, weil es für ihn bequem wäre.

Er spürte Claires fragenden Blick und sagte achselzuckend: „Wenn Sie Dinner anbieten würden, könnten Sie mehr einnehmen. Ich wäre auch dabei.“

„Es würde sich bestimmt lohnen. Fünfundzwanzig Dollar für jeden von uns, wie wäre das?“, setzte Wiley nach.

Claire sah verwirrt aus. „Sie wissen doch gar nicht, was es zum Abendessen gibt“, protestierte sie.

„Solange es heiß und selbst gekocht ist, ist mir alles recht“, erklärte Wiley.

„Da bin ich ganz seiner Meinung“, stimmte Heath zu. Seit er von Fort Stockton weggezogen war, hatte er nichts Selbstgekochtes mehr gegessen.

„Also gut“, willigte Claire ein, „aber das muss eine Ausnahme bleiben.“ Sie reichte Wiley das Vertragsformular und den Schlüssel für sein Cottage. „Dann sehen wir uns um halb sieben in der Farmküche. Henry, Heidi, kommt ihr mit? Es gibt viel zu tun.“

Heath war gerade mit Rasieren und Zähneputzen fertig, als das Telefon im Cottage klingelte.

Claire war am Apparat. „Macht es Ihnen was aus, zehn Minuten früher zu kommen? Ich möchte noch kurz etwas mit Ihnen besprechen.“

„Bin sofort da.“ Pfeifend überquerte Heath den Hof. Es war bereits dunkel, da vor Kurzem die Uhren von der Sommerzeit zurückgestellt worden waren, und die Fenster des Farmhauses leuchteten warm und einladend.

Noch einladender waren die Gerüche, die aus der Küche kamen, als er das Haus betrat.

Die Zwillinge saßen am Küchentisch und hatten Malblocks und Buntstifte um sich herum ausgebreitet. Beide hatten eine kleine Schüssel mit Cornflakes vor sich – vermutlich um den ersten Hunger zu stillen, während sie auf das warteten, was da so köstlich vor sich hinschmorte.

„Hi, Kinder.“ Gerührt betrachtete Heath das blondgelockte Doppelpack, und unvermittelt empfand er Sehnsucht nach einer eigenen Familie. Wie gerne hätte er Frau und Kinder gehabt und wäre abends in ein so gemütliches Zuhause zurückgekommen. Doch bisher hatte er keine Frau gefunden, mit der er sich das vorstellen konnte.

„Hi, Mr Fearsome“, sagte Heidi und strahlte mit ihrem Bruder um die Wette.

„Mr McPherson“, korrigierte Claire ihre Nichte.

„Mr Fearsome“, wiederholte Heidi langsam.

Heath grinste. „Beinahe.“ An Claire gewandt, fragte er: „Kann ich noch irgendwas helfen?“

Claire schüttelte den Kopf. „Was ich wissen möchte, ist …“, sie machte eine Pause, um das Apfelkompott zu probieren, das auf dem Herd vor sich hin köchelte, „… was geht da zwischen Ihnen und Mr Higgins vor sich?“

Nur zögernd löste Heath den Blick von ihren weichen Lippen und sah ihr in die erregt funkelnden Augen. „Wie meinen Sie das?“

Sie gab eine Prise Zimt an das Kompott, dann wischte sie sich die Hände an einem Geschirrtuch ab. „Ich habe beobachtet, dass Sie vorhin im Hof eine kleine Auseinandersetzung hatten.“

Heath zog es vor, nichts zu erwidern.

Sie stemmte die Fäuste in ihre schmale Taille. „Ich hatte den Eindruck, dass es dabei um mich ging.“

Um die Zwillinge nicht unnötig zu alarmieren, trat Heath dicht an Claire heran und raunte: „Da mögen Sie recht haben.“

Offensichtlich von seiner Nähe verunsichert, fragte Claire: „Und was gibt es da zu bereden?“

Er zuckte die Achseln. „Wiley Higgins kann ziemlich hartnäckig sein, wenn er etwas erreichen will.“

„Und Sie versuchen, mich vor seiner Zielstrebigkeit zu schützen.“

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