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Wo das Glück zu Hause ist

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Prolog
  8. 1. Kapitel
  9. 2. Kapitel
  10. 3. Kapitel
  11. 4. Kapitel
  12. 5. Kapitel
  13. 6. Kapitel
  14. 7. Kapitel
  15. 8. Kapitel
  16. 9. Kapitel
  17. 10. Kapitel
  18. 11. Kapitel
  19. 12. Kapitel
  20. 13. Kapitel
  21. 14. Kapitel
  22. 15. Kapitel
  23. 16. Kapitel
  24. 17. Kapitel
  25. 18. Kapitel
  26. 19. Kapitel
  27. 20. Kapitel
  28. 21. Kapitel
  29. 22. Kapitel
  30. 23. Kapitel
  31. 24. Kapitel
  32. 25. Kapitel
  33. 26. Kapitel
  34. 27. Kapitel
  35. Danksagung

Über die Autorin

Lesley Pearse wurde in Rochester, Kent, geboren und lebt seit über 25 Jahren mit ihrer Familie in Bristol. Ihre Romane sind in England stets auf den ersten Plätzen der Bestsellerlisten zu finden.

Dieses Buch widme ich meiner jüngsten Tochter Jo, die genügend Vertrauen in mich hatte zu glauben, ich könnte uns den ganzen Weg von Missouri zur amerikanischen Westküste bringen, ohne jemals fehlzugehen. Bei der enormen Recherchearbeit, die für dieses Buch notwendig war, hat sie mich freudig und bereitwillig unterstützt. Ich hoffe, es wird für sie eine dauerhafte Erinnerung an unser gemeinsames Lachen während der Entstehungszeit dieses Buches sein.

Außerdem möchte ich es Elizabeth »Toots« Olmsted aus Oregon widmen, da sie mir beinahe dreißig Jahre eine gute Freundin geblieben ist und genügend Interesse an meiner Arbeit aufbringen konnte, amerikanische Buchhandlungen für mich nach Recherchematerial zu durchkämmen. Wer hätte damals, als wir uns bei unserem Job bei den Gelben Seiten kennen lernten, gedacht, dass unsere Herzen und unser Geist so stark miteinander verbunden bleiben würden, obwohl uns das Leben doch so weit auseinander bringen würde?

Prolog

New York 1900

Ob sie verrückt ist?«, flüsterte Fanny Lubrano ihrem Vater zu. Er kam gerade von der alten Dame zurück, der er in einen Sitz im Bug des Kahns geholfen hatte.

Es war ein grauer Märztag, stürmische Böen wehten geradewegs vom Atlantik in den Hafen, und sogar im Schutz der Steuerkabine war es sehr kalt.

»Sie muss es sein, wenn sie mir hundert Dollar anbietet«, antwortete Giuseppe. Auf seinem wettergegerbten Gesicht zeichnete sich Verwirrung ab. »Nur klingt sie überhaupt nicht verrückt!«

Bevor sie sich fertig machten, den Hafen zu verlassen, schauten sie durch die Fenster der Steuerkabine zu der alten Dame hinüber. Gehüllt in ihren Pelzmantel, auf dem Kopf den passenden Hut, hatte sie den Stil und die Selbstsicherheit reicher Frauen von der Fifth Avenue. Doch war es recht unwahrscheinlich, dass eine solche Dame mit einem alten Kahn durch die New Yorker Bucht schippern wollte.

Fanny fand, die Dame war für ihr fortgeschrittenes Alter viel zu modisch gekleidet, und ihre zierlichen, seitlich geknöpften Schuhe waren für eine Bootsfahrt wohl auch nicht ganz angemessen. Giuseppe sorgte sich eher, weil sie ganz allein unterwegs war, und fand auch ihre angespannte Haltung und die Art, wie ihre Blicke das Wasser fixierten, äußerst seltsam.

»Was ist, wenn sie wirklich verrückt ist, Pa, und ihre Verwandten sie schon suchen?«, fragte Fanny plötzlich. »Ich habe zwar gesehen, wie sie aus einem schicken Wagen ausgestiegen ist, und gehört, wie der Fahrer zu ihr gesagt hat, er würde auf sie warten, aber wenn sie sich erkältet, gibt man sicher uns die Schuld.«

Giuseppe schob seine Kappe zurück und kratzte sich die Stirn. »Wenn wir sie nicht mitnehmen, wird es ein anderer tun und sie vielleicht auch noch ausrauben. Außerdem scheint sie genau zu wissen, was sie will, und kennt sich auch mit der Bootsfahrt aus. Fragte mich, wie lange ich schon im Hafen arbeite, wollte auch was über dich wissen und wo wir wohnen. Verdammt, Fanny, wir sollten ihren Wunsch erfüllen! Sie war ja auch sehr freundlich, aber vielleicht hätte ich ihr Geld besser nicht genommen. Hundert Dollar sind viel zu viel.«

Fanny musste lächeln. Zwar wirkte ihr Vater etwas schroff, aber er hatte ein gütiges Herz. Alte Leute, Kinder und Menschen in Not gingen ihm immer nahe. Sie hielt schon lange nicht mehr nach, wie viel Geld er an seine Brüder und Schwestern verlieh, das dann ohnehin nie zurückgezahlt wurde. Dies war einer der Gründe, warum sie beide immer noch in einem überbesetzten Mietshaus in der East Side wohnten.

»Der Pelz hat sicher mehr gekostet, als wir in ein paar Jahren verdienen können.« Fanny zuckte mit den Schultern. »Wir haben sie ja nicht um so viel Geld gebeten, oder? Sie hat es selbst angeboten. Deshalb setzen wir jetzt besser ein fröhliches Gesicht auf und legen ab, bevor sie es sich anders überlegt.«

Als der Kahn am geschäftigen Kai entlangtuckerte, atmete die alte Dame tief die rauchige, nach Fisch riechende Luft ein, die so lebendige Erinnerungen in ihr weckte. Achtundfünfzig Jahre waren vergangen, seit sie als Siebzehnjährige hier angekommen war. Zwei Jahre war sie geblieben, bevor es sie weitergezogen hatte, und seit damals hatte sich die Stadt dramatisch verändert. In ihrer Zeit war die South Street mit eleganten Segelschiffen angefüllt gewesen, deren Bugspriet halb über den gepflasterten Weg reichte, und trocknende Segel hatten im Wind geflattert und geraschelt. Die Warenhäuser, Lebensmittelläden, Gasthäuser und Unterkünfte für Seefahrer waren damals größtenteils wacklige Holzgebäude gewesen, die kreuz und quer gestanden hatten. Heute wurden die Schiffe hauptsächlich mit Dampf betrieben, die Gebäude aus gutem, stabilem Backstein gefertigt – nur der Geruch, die Geräusche der rollenden Wagen, das Rufen der Seemänner und Stauer hatten sich nicht verändert.

Überall in Manhattan zeigte sich der Wohlstand. Auf Flächen, die sie noch als Ackerland kannte, reihte sich jetzt Straße an Straße mit eleganten Backsteinhäusern. Es gab Gebäude, die so hoch waren, dass sie einen steifen Hals vom Hochschauen bekam. Bürgersteige waren jetzt befestigt und die Wege gepflastert. Die Leute fuhren mit Bahnen durch die Straßen, und man sprach sogar davon, eine Untergrundbahn zu bauen. Es gab hohe Gebäude mit Geschäften, die man nun Kaufhäuser nannte und die alles vom Pelzmantel über Teppiche bis zu einer Länge Gummiband oder einem Satz Knöpfe verkauften.

In ihrer Zeit war der Central Park sumpfiges Ödland gewesen, und die ärmsten der irischen Arbeiter, die das Croton Aqueduct gebaut hatten – dieses Wunder, das geklärtes Wasser in die Stadt brachte –, hatten dort in elenden Hütten mit ihren Schweinen und Ziegen gehaust. Sie fand den Park wundervoll und war froh, dass die Städter etwas wirklich Schönes hatten, wohin sie flüchten konnten, aber die neue Brooklyn Bridge fand sie noch herrlicher. Während der Park ein reines Wunder der Natur war, war die Brücke von Menschen geschaffen worden. Bauplanung und Kunst hatten Hand in Hand gearbeitet, um etwas wirklich Wunderschönes, zerbrechlich Scheinendes entstehen zu lassen. Dennoch widerstand die Brücke den Elementen und dem starken Verkehr. Sie war nicht traurig, dass die Stadt nicht mehr derjenigen ähnelte, in der sie vor über einem halben Jahrhundert angekommen war. Schließlich war auch sie nicht mehr das aufgeregte, neugierige Mädchen, das sich in den ehrlichen, aufdringlichen und dreisten Überfluss der Stadt verliebt hatte.

Sie schaute zur Steuerkabine hinüber, als sie schallendes Gelächter von dort vernahm. Es freute sie, den Bootsbesitzer so fröhlich mit seiner Tochter arbeiten zu sehen. Vielleicht lachten die beiden über sie, aber selbst der Gedanke störte sie nicht.

Sie hatte dieses spezielle Boot aus reiner Sentimentalität für ihre Reise gewählt. Wie ihr eigener Vater, der Fährmann auf der Themse gewesen war, war auch Giuseppe Witwer und arbeitete mit seiner Tochter zusammen. Als sie die freundlichen, offenen Gesichter der beiden gesehen hatte, hatte sie die Summe des Geldes, das sie ursprünglich hatte zahlen wollen, verdoppelt. Das Geld würde ihnen eine zusätzliche Mahlzeit bescheren, und vielleicht konnte sich das Mädchen ein neues Kleid kaufen. Sie konnte sich nur zu gut erinnern, wie sehr sich junge Mädchen nach etwas Luxus sehnten.

Als sie in die Stadt gekommen war, hatte es hier noch nicht so viele Italiener gegeben. Die meisten Immigranten waren Engländer, Iren und Deutsche gewesen. Nach achtzehnhundertfünfundvierzig allerdings waren Italiener, Polen, Russen, Juden und Angehörige vieler anderer Nationalitäten zu tausenden in die Stadt geströmt. Jede Nationalität hatte ihre eigene Besonderheit beigesteuert und den Charakter der überfüllten Stadt geprägt.

Allerdings sprach Giuseppe nicht mit italienischem Akzent, er musste also hier geboren sein, und vielleicht war seine Mutter Holländerin oder Deutsche. Dies würde seine blauen Augen und sein helles Haar erklären. Seine Tochter, er sagte, sie heiße Fanny, erinnerte sie an sie selbst als Siebzehnjährige: volles blondes Haar, Augen so blau wie Vergissmeinnicht und ein ähnlich standhafter Blick, der dem Gegenüber jeglichen Unfug austrieb. Es war ein wenig seltsam, dass sie Männerkleidung trug, aber sie vermutete, ein langer Rock sei auf einem Boot wohl eher unpraktisch. Außerdem hatte sie selbst früher hin und wieder Männerhosen getragen. Im Jahre achtzehnhundertneunundvierzig war es in einer Stadt im Westen, wo trunksüchtige Goldsucher ihr Glück suchten, wenig ratsam gewesen, besonders weiblich auszusehen.

Als das Boot sich der Staten Island Ferry näherte, begann ihr Herz schneller zu schlagen, denn unmittelbar dahinter lag die State Street, wo sie gewohnt hatte, nachdem sie hierher gekommen war. Traurigerweise hatten die schiefen kleinen Holzbauten und einige Häuser der Gründerzeit den neuen Kaufhäusern und Büros weichen müssen. Nur wenige Menschen lebten heute noch in diesem Viertel, die meisten waren weiter ins Innere der Stadt gezogen. Die Wall Street war jetzt eine Straße der Banken und Finanzinstitutionen. Die Trinity Church, an die sie so viele Erinnerungen hatte, lag mittendrin und war eines der wenigen übrig gebliebenen alten Gebäude. Sie fand es schade, dass der elegante Turm der Kirche bald von den riesigen Gebäuden überragt werden würde, welche die New Yorker offenbar so liebten. Aber Amerikaner schienen grundsätzlich nicht sentimental mit historischen Plätzen verbunden zu sein.

Castle Clinton sah jedoch immer noch ziemlich wie früher aus, obwohl es zu ihrer Zeit eine Insel gewesen war, die vom Land aus über eine Brücke zu erreichen gewesen war. Man hatte schon vor Jahren der See einiges an Land abgerungen, indem man sie tonnenweise mit Schutt und Geröll angefüllt und anschließend begrünt hatte. So war damals der Battery Park entstanden. Zwischenzeitlich war Castle Clinton die Ankunftsstation für Immigranten gewesen, heute beherbergte es ein Aquarium. Achtzehnhundertzweiundvierzig jedoch war es eine Konzerthalle gewesen, umgeben von einem kleinen Park, und dort hatte sie Flynn O’Reilly das erste Mal getroffen.

Sie schloss ihre Augen für einen Moment und dachte an seinen ersten Kuss. Seltsamerweise spürte sie nach all den Jahren immer noch genau seine Magie und erinnerte sich an die emotionalen Turbulenzen, die er damals ausgelöst hatte.

»Ich frage mich, was wohl geschehen wäre.« Sie hatte laut gedacht.

»Wem wäre was geschehen, Ma’am?«

Sie war erschrocken, als sie das junge Mädchen wahrnahm, das neben ihr saß und sie fragend anschaute. Aber sie schämte sich nicht. Sie empfand es als einen der wenigen Vorteile des Alters, sich jederzeit die Freiheit nehmen zu können, genau das zu tun, was einem gefiel, sogar Selbstgespräche zu führen.

»Was mir passiert wäre, wenn ich mit meiner ersten Liebe davongelaufen wäre«, erklärte sie mit einem warmen Lächeln. »Mein Leben wäre wohl etwas anders verlaufen.«

Fanny war erfreut, dass die alte Dame reden wollte. Abgesehen davon, dass sie ungemein neugierig auf die Geschichte dieser seltsamen Passagierin war, hatte sie bei ihrer Arbeit meist mit Männern zu tun, und sie sehnte sich oft nach weiblicher Gesellschaft. Deshalb war sie auch mit einer warmen Decke auf die Dame zugegangen, um zu schauen, ob sie fror, aber hauptsächlich, um ein Gespräch anzufangen.

»War er reich?«, hakte sie nach, bemüht um einen leichten Tonfall.

Die alte Dame schüttelte den Kopf. Ihre Augen funkelten vor Vergnügen. »Oh, nein. Nur ein armer irischer Junge.«

»Dann war es gut, dass Sie nicht mit ihm davongelaufen sind«, erwiderte Fanny. »Es gibt verdammt wenige Iren, die hier reich werden. Doch viele Brauereien haben ihren Reichtum der Trinksucht der Iren zu verdanken.«

»Es mag sein, dass sie viel trinken, aber ganz sicher sind sie gute Liebhaber«, antwortete die alte Dame. »Ich denke, mir ist Leidenschaft wichtiger als Reichtum.«

Für einen Moment war Fanny verblüfft. Obwohl sie von Leuten ihres eigenen Schlages derbe Kommentare über das andere Geschlecht gewohnt war, hätte sie so eine Bemerkung nie von einer richtigen Dame erwartet. Sie bot ihr die Decke an und erklärte, dass der Wind stärker werden würde, wenn sie erst in die Bucht hinausgefahren waren, und legte sie der Dame über den Schoß. Sie holte einmal tief Luft und platzte schließlich mit ihrer Frage heraus: »Warum wollten Sie hier rausfahren, Ma’am?«

Die alte Dame schaute Fanny für einen Moment prüfend an. Sie trug einen fadenscheinigen, viel zu großen Seemannsmantel und hatte einen dicken gestreiften Schal um Kopf und Hals geschlungen. Ihre Nasenspitze war von der Kälte gerötet, aber ihre Augen blitzten sie interessiert an. Sie dachte, dies war wohl noch eine Gemeinsamkeit zwischen ihnen, sie selbst war auch immer extrem wissbegierig gewesen.

»Ich glaube, das Alter macht einen ganz schön sentimental. Ich wollte mir all die Veränderungen ansehen«, sagte sie und zeigte mit ihrer behandschuhten Hand in Richtung Ufer. »Weißt du, Liebes, ich war so alt wie du jetzt, als ich das erste Mal nach New York kam. Ich habe zwar nur ein paar Jahre hier gelebt, aber das hat mein gesamtes Leben geprägt und beeinflusst. Jetzt zieht es mich wieder nach Hause, und ich wünsche mir, dass ein paar neue Erinnerungen zu den alten hinzukommen, wenn ich fahre.«

»In welchem Bundesstaat sind Sie denn zu Hause?«, wollte Fanny wissen.

Die alte Dame lachte.

»In welchem Bundesstaat sind Sie zu Hause?« Sie wiederholte die Frage und imitierte dabei Fannys Akzent. Dann musste sie wieder lachen. »Mädchen, du gefällst mir. Ein halbes Jahrhundert habe ich Gott weiß was getan, um wie eine Amerikanerin zu klingen und zu handeln. Aber sobald ich meinen Mund geöffnet habe, hat immer jeder gleich erraten, dass ich Engländerin bin. Jetzt stehe ich kurz vor der Heimfahrt, und du hältst mich für einen Yankee. Du bist ein Schatz.«

»Da bin ich aber platt.« Fanny sank auf die Bank neben ihr. Sie hatte zwar etwas Ungewohntes in der Stimme der alten Dame bemerkt, aber in New York gab es genauso viele Akzente wie Bars. »Ich hatte den Eindruck, Sie kämen von einem dieser schicken Häuser auf der Fifth Avenue! Bitte, erzählen Sie mir doch ein bisschen von sich. Das heißt, natürlich nur, wenn Sie Lust haben.«

»Mein Name ist Matilda Jennings«, entgegnete die Dame mit fester, klarer Stimme. »Heute kam ich tatsächlich aus einem dieser schicken Häuser, aber vor vierundsiebzig Jahren wurde ich in einem abgetakelten Stadtteil von London geboren, das der Lower East Side in nichts nachsteht.«

Fanny fiel vor Überraschung die Kinnlade herunter. Sie hatte nicht viele Engländer kennen gelernt, doch die wenigen, die sie getroffen hatte, hatten in ihr den Eindruck erweckt, dass England voller Schlösser, Paläste und großer Herrenhäuser war. Keiner von ihnen hatte jemals zugegeben, dass es dort auch Slums gab. Aber noch mehr erstaunte sie das Alter der Dame. Wo sie lebte, erreichten die Menschen selten das sechzigste Lebensjahr und sahen noch viel früher alt aus. Doch diese Dame war vollkommen ohne Hilfe auf das Boot gestiegen, ihr Gang war schwungvoll, und obwohl ihr Gesicht durchaus Falten aufwies, war es weich und die Haut klar.

»Sie machen sich über mich lustig!«, erwiderte sie. »So alt können Sie gar nicht sein!«

Matilda antwortete nicht sofort. Stattdessen schälte sie langsam die weichen Lederhandschuhe von den Fingern und streckte Fanny ihre Hände entgegen. »Und, was siehst du jetzt?«, fragte sie.

Fannys eigene Hände waren vom Einholen der Taue schwielig, gerötet und rissig von Wind und Wetter, aber die Hände der alten Dame zeigten ihr, dass das Alter noch grausamer sein konnte als die Elemente. Es waren große Hände für eine so vornehme, zierliche Dame. Der Handrücken war mit Falten übersät. Die Knöchel waren angeschwollen und verformt. Sie hatte ein paar Fingernägel verloren, an deren Stelle die Haut hässlich vernarbt war.

»Sie haben sehr hart gearbeitet«, bemerkte Fanny leise. Sie war verblüfft, denn dies hatte sie nicht erwartet. Sie drehte die Hände um, sah sich die Handinnenfläche an und strich mit ihrem Finger über die Haut, die sich trocken und brüchig wie Herbstlaub anfühlte. Das waren tatsächlich die Hände einer alten Frau.

»Sie sind hässlich und sollten besser verborgen bleiben.« Matilda zog sich die Handschuhe wieder über. »Aber sie können dir eine Menge über mein Leben erzählen. Dass sie Böden geschrubbt und Felder umgegraben haben, kannst du dir sicher denken. Doch das ist nicht alles. Sie haben Babys beruhigt, Planwagen gesteuert, Gewehre abgefeuert, Tote begraben und noch viele andere Dinge getan.«

Fanny wollte gern wissen, wie sie so reich geworden war, dass sie sich einen solch wundervollen Mantel leisten konnte, aber sie wusste, dass diese Frage zu aufdringlich erscheinen würde.

»Als ich dann endlich Geld verdiente«, fuhr Matilda fort, »gab ich ein Vermögen für Cremes und Salben aus, doch da war es bereits zu spät. Nichts konnte meine Hände wieder schön machen. Ich habe mich ihrer so geschämt, dass ich immer Handschuhe getragen habe. Doch jetzt bin ich alt, und die Eitelkeit lässt nach, genauso wie es Kummer nach einer Zeit tut. Heute schaue ich sie mir hin und wieder an und rufe mir ins Gedächtnis, dass nicht mein Verstand oder mein gutes Aussehen mich durch die schlechten Zeiten gebracht haben, sondern allein diese Hände und mein Wille. Ich hatte Glück, dass sie beide so stark waren.«

Fanny empfand eine Woge der Bewunderung für die englische Dame, die so geradeheraus sprach. Sie selbst war unter Immigranten aufgewachsen, und die meisten von ihnen verloren die Ausdauer und Energie bereits wenige Wochen, nachdem sie vom Schiff gestiegen waren. Sie blieben in ihren elenden, überfüllten Mietshäusern, und im Laufe der Jahre begannen sie, anderen die Schuld für ihre Armut und Erfolglosigkeit zu geben. Diese Dame mit ihren teuren Pelzen war nicht nur ein Beweis dafür, dass es jeder mit einem starken Willen, mit Mut und Entschlossenheit von der Lower East Side zur Fifth Avenue schaffen konnte, sondern auch, dass man sich dabei Güte erhalten kann, ja sogar Demut.

»Ich dachte zuerst, Sie wären verrückt«, gestand Fanny zögernd. Plötzlich schämte sie sich ihres schnell gefassten Vorurteils. »Tut mir Leid.«

Matilda nahm die Hand des Mädchens in ihre eigenen behandschuhten und hielt sie fest. »Weißt du, Fanny, vielleicht bin ich verrückt, weil ich den Gestank des East River an einem kalten Märztag riechen will und mir Dinge ansehen möchte, von denen ich genau weiß, dass sie schmerzhafte Erinnerungen heraufbeschwören werden. Noch verrückter sogar, weil ich in ein Land zurückkehren möchte, das ich fast vergessen habe und dem ich ganz sicher entwachsen bin. Aber wenn man so alt ist wie ich, wird man automatisch so. Mich drängt es nachzuschauen, ob die Themse noch genauso breit ist wie früher und ob mir der Tower of London heute noch Angst einjagt. Ich glaube auch, dass ich in meinem eigenen Land sterben möchte, in dem keiner über die skandalöseren Teile meiner Vergangenheit Bescheid weiß.«

Fannys Augenbrauen schnellten nach oben und bildeten zwei perfekte Halbkreise.

Matilda kicherte, als sie ihr geschocktes Gesicht sah. »Oh, ja, Fanny! Zu meiner Zeit war ich ganz schön wild, aber das ist eine lange Geschichte. Ich würde sie dir gern erzählen, doch dies könnte meine letzte Chance sein, mir die alten Plätze noch einmal anzusehen und mich daran zu erinnern, wie alles gekommen ist.«

Fanny verstand, dass sie jetzt gehen sollte. Sie war nicht verletzt, denn sie spürte, dass Matilda genau meinte, was sie gesagt hatte. Sie stand auf und legte die Decke noch dichter um die alte Dame. »Ich bin wirklich froh, Sie getroffen zu haben, Ma’am«, meinte sie. »Genießen Sie jetzt die Fahrt, und wenn Sie irgendetwas brauchen, rufen Sie einfach!«

»Ich wusste, dass ich mir das richtige Boot ausgesucht habe«, entgegnete Matilda mit einem warmen, anerkennenden Lächeln.

Fanny ging zurück zur Steuerkabine, und Matilda konzentrierte sich auf die Aussicht auf die Bucht. Der Himmel war dunkelgrau gefärbt, der Wind wehte stark und war bitterkalt. Aber das war ihr nur recht, denn sie wollte nicht, dass Wärme und heller Sonnenschein ihr lediglich die glücklicheren Momente ihres Lebens in Erinnerung riefen.

Als Giuseppe in Richtung Ellis Island steuerte, bemerkte sie, wie ihre Augen die majestätische Freiheitsstatue fixierten, obwohl diese in ihrer Erinnerung keinen festen Platz hatte. Sie war erst vor ein paar Jahren errichtet worden, als auch die Einrichtung für Immigranten auf Ellis Island noch neu gewesen war. Dennoch bekam sie eine Gänsehaut, als sie zu der Statue hochsah. Nicht nur die schiere Größe verblüffte sie, sondern auch ihre unglaubliche Schönheit. Sie hoffte, die Statue würde all den armen, auf Booten dicht zusammengedrängten Immigranten Trost geben und ihnen Mut machen.

Giuseppe verringerte die Geschwindigkeit, als sie sich Ellis Island näherten. Das neue Gebäude für Immigranten wirkte mit seinen Kuppeln und Turmspitzen sehr eindrucksvoll, dennoch war es schon in »Insel der Tränen« umgetauft worden. Gerade hatte ein deutscher Dampfer angelegt, und ein dichter Strom von Passagieren bewegte sich durch die Gänge auf den Etagen. Obwohl sie wusste, dass ihre Fahrt über den Atlantik weniger als halb so lange gedauert hatte wie ihre eigene damals, konnte sie beim Näherkommen an den blassen, gezeichneten Gesichtern und den gebeugten Schultern der Leute erkennen, dass die Reise ein wahrer Albtraum gewesen sein musste.

Ihr kamen Tränen, als sie sich vorstellte, was die Menschen nun hier erwarten würde. Während die Reichen sofort von New York angezogen werden würden, ohne jemals den Eindruck zu erhalten, dass sie auf irgendeine Weise unerwünscht waren, mussten die Armen noch verschiedene Stationen der Beurteilung durchlaufen. Wie viele dieser Männer in schwarzen Mänteln und mit langen Schnurrbärten, die aussahen, als könnten sie nicht einmal ihr eigenes Gepäck tragen, würden wohl die strenge medizinische Untersuchung bestehen? Andere konnten wiederum über Sprach- und Lesetests und Beurteilungen ihrer persönlichen Fähigkeiten stolpern. Zu ihrer Zeit waren alle willkommen gewesen. Zwar war dieses Willkommensein nicht so weit gegangen, dass man anständige Wohnungen und gut bezahlte Arbeit bekommen hatte, aber wenigstens hatten sie damals nicht die Demütigung ertragen müssen, wieder nach Hause geschickt zu werden, weil sie nicht der amerikanischen Wunschvorstellung eines idealen Immigranten entsprachen.

Sogar das Meeresrauschen, der Wind, die Seemöwen und das Dröhnen der Motoren des Bootes konnten das jammervolle Geschrei hungriger und kranker Kinder nicht übertönen. Verängstigt aussehende Frauen drückten ihre Babys an die Brust. Ihre Augen suchten das gegenüberliegende Ufer nach den Verwandten ab, die sie zur Immigration gedrängt hatten und die sie jetzt begrüßen wollten.

Leider wusste Matilda jedoch, dass ihnen noch mehr Elend und böse Überraschungen bevorstanden. New York mochte ja blühen, aber ein Großteil des Wohlstandes hatte man aus ebendiesen Menschen gepresst. Sie kannte die schlimmen Umstände, unter denen die entsetzlichen East Side-Mietshäuser von skrupellosen Spekulanten gebaut worden waren, deren einziges Ziel es war, möglichst viele Dollars aus einem Quadratmeter zu ziehen. Wenn Matilda bestimmen dürfte, würde sie diese Männer zwingen, selbst in den Wohnungen zu hausen. Sie fragte sich, wie lange es wohl dauern würde, die Hoffnung der Neuankömmlinge zu zerstören, wenn sie in kleinen, dunklen Räumen leben, sich mit vier Familien ein Waschbecken teilen mussten und den Abort sogar mit dem gesamten Wohnblock.

Dennoch war es heutzutage für die Immigranten ein Glück, überhaupt eines dieser Dreckslöcher zu finden. Viele von ihnen würden heute in einer armseligen, billigen Absteige übernachten müssen, die noch überfüllter und unhygienischer als das Schiff war. Wenn sie nicht wirklich schlau waren, würde man ihnen sicher auch Geld und Gut stehlen. Es gab ansteckende Krankheiten, mit denen sie würden kämpfen müssen, viele ihrer Kinder würden wahrscheinlich nicht länger als ein Jahr überleben, geschweige denn die Volljährigkeit erreichen. Amerika war nur etwas für die Tapferen. Man brauchte einen starken Körper, Beherztheit und Entschlossenheit, um hier seinen Weg zu finden.

Matilda schüttelte die pessimistischen Gedanken ab. Für die Willensstarken war es wirklich ein Land, in dem Träume wahr werden konnten. Nur wenige Meilen von den geschäftigen Stadtzentren entfernt wartete ein unglaublich schönes Land auf sie. Sie hoffte, dass all die armen Zuwanderer, die jetzt in das Gebäude trotteten, auch die glitzernden Flüsse, die Berge, Wälder und endlosen Prärien des Landes sehen würden. Sie waren zu spät angekommen, um noch ein ungebändigtes, wildes Amerika entdecken zu können, wie es ihr damals vergönnt war – die riesigen Büffelherden waren verschwunden, die Indianer, die überlebt hatten, hatte man in Reservate abgedrängt. Züge trugen die Menschen nun eilig von Küste zu Küste, und die Wege, die die frühen Pioniere in ihren Planwagen gefahren waren, waren vollständig verschwunden. Aber es gab noch so viel Aufregendes zu entdecken, so viele Möglichkeiten für diejenigen, die nur nach ihnen greifen wollten.

Als der Kahn etwa eine Stunde später zum Pier zurücktuckerte, wischte Matilda die letzte ihrer Tränen weg und richtete ihre Gedanken auf die Zukunft.

So viel hatte sie in diesem Land erfahren – Freude und Leid, Armut und Reichtum, große Liebe und auch Leidenschaft. So viele von denen, die sie geliebt hatte, waren tot. Insgesamt gesehen überwogen jedoch die positiven Erlebnisse die schlechten Erfahrungen. Sie hatte so viele liebe, gute Freunde gehabt, Liebhaber, die ihr Herz beglückt hatten, und sie hatte Dinge gesehen und getan, die sich wenige Frauen ihrer Generation auch nur vorstellen konnten. Sogar die abgrundtiefe Bosheit, mit der sie konfrontiert worden war, die schrecklichen Qualen und Schmerzen, sah sie aus der zeitlichen Distanz in einem freundlicheren Licht.

Für das, was vor ihr lag, war sie nun bereit. Morgen würde sie die Rückreise nach England buchen, eine Kabine der ersten Klasse, in der sie von einem Steward bedient werden würde, der denken musste, sie sei in solch einen Luxus hineingeboren. Und während der Überfahrt würde sie weiter an ihrer Rolle als feine Dame feilen.

Der Gedanke, dass die Erzählungen über London Lil nun für immer im amerikanischen Geschichtenschatz bleiben würden, gefiel ihr. Lil würde hier bleiben müssen, sie musste sich von ihr verabschieden und sie vergessen.

Oben in der Kabine saß Giuseppe am Steuerrad, und Fanny beobachtete still die alte Dame. Einige Male hatte sie in den vergangenen Stunden geweint, und Fannys Herz fühlte mit ihr. Sie wünschte, sie würde ihre ganze Lebensgeschichte kennen. Ob sie verwitwet war? Hatte sie Kinder und Enkelkinder? Oder war der Ire, von dem sie gesprochen hatte, ihre einzige große Liebe geblieben?

Fanny beobachtete, wie die Dame in den Bug des Bootes kletterte. Sie stützte sich mit einer Hand auf der Reling ab, während die andere etwas unter ihrem Mantel zu suchen schien. Fanny machte ihren Vater nicht darauf aufmerksam, da sie dachte, Matilda würde vielleicht ihre Strümpfe zurechtziehen wollen. Doch plötzlich sah sie etwas Kleines, hellrot Leuchtendes in ihrer Hand. Die alte Dame führte es an die Lippen, küsste es und murmelte etwas vor sich hin. Dann warf sie es ins Wasser.

Als Matilda sich wieder hingesetzt hatte, schlüpfte Fanny aus der Kabine und sah über die Reling des Bootes. Das kleine, rote Etwas schwamm auf der Oberfläche des Wassers. Es war nicht etwa ein Schal oder ein Taschentuch, sondern ein rotes Satinstrumpfband!

Fanny war sicher, es musste für die alte Dame eine ganz bestimmte Bedeutung haben, vielleicht ein Andenken an ihre erste Liebe. Sie würde alles dafür geben, die ganze Geschichte zu kennen.

1. Kapitel

London 1842

Als Matilda Jennings um sieben Uhr abends müde in den Finders Court einbog, erhaschte sie einen Blick auf einen vollen, roten Haarschopf, dessen Besitzer sich hinter einem Handkarren verbarg. Niemand außer ihren zwei Brüdern hatte solch feuriges Haar, und wenn sie sich vor ihr versteckten, konnte dies nur bedeuten, dass sie wieder etwas ausgefressen hatten.

»Luke! George! Wenn ihr keine Tracht Prügel riskieren wollt, kommt sofort hierher!«, rief sie.

Matilda war sechzehn Jahre alt und Blumenverkäuferin. Sie war völlig erschöpft von einem langen Tag, der um vier Uhr morgens am Covent Garden Markt begonnen hatte. Obwohl sie den ganzen Tag durch London gelaufen war und ihre Waren feilgeboten hatte, gelang es ihr trotzdem, unverwüstliche Lebendigkeit und Selbstsicherheit auszustrahlen.

Ihr blaues Kleid war abgetragen und mit Straßenschmutz befleckt, ihre Schürze völlig verdreckt. Aber ihr dichtes, butterfarbenes Haar war unter einer Haube ordentlich geflochten, und wenn sie lächelte, funkelten ihre blauen Augen. Die meisten Leute, die Matildas Blumen kauften, glaubten wahrscheinlich, sie sei ein Mädchen vom Lande, das Produkte aus dem eigenen Garten verkaufte. Sie konnten nicht wissen, dass ihre Wangen nur wegen des kalten Windes so rosig glühten und dass das Lächeln einfach zu ihrem Beruf gehörte. Unter dem weiten Kleid und Petticoat verbarg sich ein schlecht genährter, knochiger Körper. Ihr Umhang verbarg ihre von der Kälte gebeugten Schultern, und sobald ihr Korb leer war, humpelte sie mit abgetragenen Schuhen zu der Art von Mietshaus, die ihre Kunden schaudern lassen würde.

Im Finders Court lehnten sich baufällige zwei- und dreistöckige Häuser schräg aneinander und umgaben einen kleinen, armseligen Garten. Die Fenster in den oberen Stockwerken, von denen viele mit Holzstücken und Lumpen verschlossen worden waren, berührten beinahe die gegenüberliegenden. Jedes Haus hatte etwa zehn kleine Räume, und die meisten von ihnen wurden von mehr als einer Familie bewohnt. Finders Court lag direkt hinter der Rosemary Lane, dem größten Gebrauchtkleidermarkt in London, und war nur wenige Minuten vom Tower und der Themse entfernt.

An diesem eiskalten Märzabend herrschte zur Abenddämmerung auf dem Platz wie immer rege Geschäftigkeit. Straßenhändler versuchten, verwahrloste Frauen mit schmuddeligen Hauben, die sich aus den oberen Fenstern lehnten, zum Kauf der übrigen Waren auf ihren Handwagen zu verführen, schmutzverschmierte Dockarbeiter diskutierten gruppenweise die Arbeit des heutigen Tages oder aber den Mangel an Beschäftigung. Alte Männer und Frauen hatten sich auf Türschwellen niedergelassen, um eine Pause einzulegen, bevor sie die Treppen hochschwankten, die Schultern schwer mit Säcken beladen, die mit der Ausbeute der heutigen Nahrungssuche gefüllt waren. Verwahrloste Kinder bevölkerten die Wasserpumpe, an der sie ihre Eimer und Krüge füllten, während jüngere Geschwister um sie herum spielten und sich stritten. Weil ein einziger Abort von fünf- bis sechshundert Menschen benutzt wurde, weil Eimer mit Schmutzwasser genauso wie verfaulender Müll auf die Straßen gekippt wurde, war der Gestank nahezu unerträglich.

Da der Besitzer des roten Haarschopfes sich immer noch hinter dem Wagen versteckte, schrie Matilda noch einmal, diesmal lauter und in einem schrillen Tonfall, der sie unangenehm an die Mutter der Jungen erinnerte, Peggy. Vielleicht hatten sie die Ähnlichkeit auch bemerkt und wussten, dass Matilda genauso fähig war, ihnen eins hinter die Ohren zu geben, denn diesmal tauchten sie auf und schauten dabei etwas nervös drein.

»Wie oft habe ich euch schon gesagt, dass ihr nach Hause gehen und das Feuer in Gang bringen sollt, bevor ich zurückkomme?«, rief sie, während sie den anderen Kindern in ihrem Weg auswich und Luke, den älteren Jungen, bei den Ohren packte. »Euer Vater wird bald zum Essen nach Hause kommen, und er möchte eine Tasse Tee, bevor er wieder geht.«

Luke war neun, George acht Jahre alt. Sie waren knochige, fuchsgesichtige kleine Zwerge und hatten mit ihrer Schwester nichts gemein außer den gleichen leuchtend blauen Augen. Matilda hatte sich seit der Geburt der Jungen um sie gekümmert, aber seit Peggy vor vier Jahren gestorben war, hatte sie auch die Mutterrolle übernommen. Sie hatte Peggy nie gemocht, und oft konnte sie auch ihre Söhne nicht leiden, doch ihres Vaters wegen tat sie nur das Beste für sie.

Als sie Luke näher an sich heranzog, verschlug sein Geruch ihr den Atem. »Was hast du bloß wieder angestellt?«, keuchte sie. Doch Luke brauchte ihr eigentlich nichts zu erklären. Sein Gestank sprach für sich. »Ihr verlausten Bengel, ihr habt wieder Hundedreck gesammelt.«

Nur die Menschen, die wirklich keine andere Überlebenschance mehr hatten, sammelten die Exkremente von Hunden ein und verkauften sie an Gerber, die damit ihr Leder bearbeiteten. Es gab eine Menge abstoßender Möglichkeiten, Geld zu verdienen, aber diese war sicher die schlimmste.

Matilda stellte ihren Korb ab und zog beide Jungen an den Ohren zur Wasserpumpe, an der ein einfältiger Bursche gerade seinen Krug füllte. Sie wies ihn an weiterzupumpen und hielt Lukes Kopf unter den Wasserstrahl. Sie packte ihn beim Schopf, holte einen Lumpen unter ihrer Schürze hervor und begann, ihn vom Kopf bis zu seinen schmutzigen Füßen abzuschrubben.

»Es ist eiskalt«, wimmerte er mit klappernden Zähnen, bis sie schließlich von ihm ließ, um die ganze Prozedur mit George zu wiederholen. »Außerdem haben wir es nur für dich getan. Wir haben einen ganzen Sixpence verdient.«

Wäre diese Erklärung von irgendeinem anderen Kind gekommen, wäre Matilda wahrscheinlich gerührt gewesen. Doch Luke war ein notorischer Lügner und jetzt schon ein unverbesserlicher Schurke. Ihr war klar, dass er und sein Bruder das Geld ausgegeben hätten, wenn sie die beiden nicht erwischt hätte. Obendrein hätten sie bestimmt gewartet, bis sie schlief, und wären dann stinkend zu ihr ins Bett gekrochen. Doch weil so viele Leute zuschauten, antwortete sie nicht, bis sie beide Jungen, immer noch triefend nass und zitternd, in die Wohnung gebracht hatte.

»Zieht eure Nachthemden an!«, sagte sie nur, während sie die Tür hinter sich zuzog. »Ich werde euch mal was erklären, wenn ich das Feuer in Gang gebracht habe. Und untersteht euch wegzulaufen!«

Im Raum war es dunkel, weil eines der Fenster zerbrochen und die Öffnung mit einem Holzstück verschlossen worden war. Es gab nicht viele Möbel: Ein Bett, in dem sie und die Jungs schliefen – Lucas, ihr Vater, schlief in einem improvisierten Bett aus Strohsäcken –, eine Bank, ein grober Holzschrank und ein kleiner Tisch waren alles, abgesehen vom Stuhl ihres Vaters. Er war aus massiver Eiche gefertigt, mit Armlehnen und einer durch die ständige Benutzung glatt polierten Sitzfläche. Der Stuhl war das einzig wertvolle Stück, das sie besaßen.

Nach kurzer Zeit hatte Matilda das Feuer in Gang gebracht. Sie wärmte ihre eiskalten Hände und überlegte, was sie ihren Brüdern sagen wollte. So grässlich Finders Court wohlhabenderen Menschen auch erscheinen mochte, Matilda konnte sich dennoch damit trösten, dass sie in einem der besseren Mietshäuser der Nachbarschaft wohnten. Hier wurden wenigstens nicht für einen Penny Schlafplätze an die Ärmsten der Armen vermietet. Sie kannte Häuser, in denen man bis zu dreißig Leute in einen Raum pferchte. Die armen Menschen hatten nicht einmal einen Stofffetzen, mit dem sie sich zudecken konnten. Dort schliefen Waisen von sechs Jahren und Kinder, die von zu Hause fortgelaufen waren, neben Kriminellen, Prostituierten, Bettlern und Schwachsinnigen. Waren die Kinder erst mal in solchen Häusern untergebracht, waren sie unweigerlich verloren und verdorben.

Matilda war ein intelligentes Mädchen. Ihr Beruf führte sie in die besseren Londoner Viertel, und sie hatte viele Aspekte der riesigen Kluft zwischen Arm und Reich kennen gelernt. Einer der wichtigsten war, dass die reichen Kinder beschützt wurden. Dagegen fühlten sich die Armen oft schon nicht mehr für ihre Kinder verantwortlich, bevor sie Lukes Alter erreicht hatten. Sie erwarteten von ihnen, sich selbst versorgen zu können. Obwohl Matilda nichts dagegen einzuwenden hatte, dass ihre Brüder arbeiteten – schließlich war sie selbst schon seit ihrem zehnten Lebensjahr Blumenverkäuferin –, hielten sie und ihr Vater es für ihre Pflicht, den Kindern ein Zuhause zu bieten, bis sie reif genug waren, mit den Versuchungen und Gefahren Londons umgehen zu können. Mit diesen Gedanken im Hinterkopf wandte sie sich den Jungen zu. Mit ihren endlich einmal sauberen Gesichtern und ihren zitternden Körpern sahen sie bedauernswert aus. Matilda zog die Bank zum Feuer und forderte sie auf, sich hinzusetzen.

»Die Jennings haben nie Hundedreck gesammelt«, erklärte sie streng, die Hände in die Hüften gestemmt. »Die Jennings waren immer Fährmänner. Ein Fährmann zu sein ist ein sehr respektables Gewerbe, so wie Schreiner oder Baumeister, und in unserer Familie wird dieser Beruf seit sechs Generationen vom Vater an den Sohn weitergegeben. Was glaubt ihr denn, was Vater sagen wird, wenn ich ihm erzähle, was ihr gemacht habt?«

»Er wird uns windelweich schlagen«, jammerte George mit angsterfülltem Blick. »Ihr hättet es wahrhaft verdient«, Matilda nickte. »Hundedreck sammeln nur Bettler. Es ist noch schlimmer, als im Abfluss nach Müll zu suchen, und niedriger, als Geldbörsen zu stehlen. Wir Jennings haben zwar nicht viel, doch immerhin haben wir unseren Stolz. Ihr zieht unseren Familiennamen in den Schmutz!«

»Aber wir haben doch nur an dich gedacht«, meinte Luke weinerlich. Mit seinem roten Haar und seinem weißen Gesicht sah er im Feuerschein plötzlich sehr verletzlich und engelsgleich aus. »Wir wussten, dass du das Geld brauchst.«

»Euer Vater und ich verdienen genug, um euch zu versorgen«, erwiderte Matilda etwas sanfter gestimmt. Sie rief sich in Erinnerung, dass sie noch kleine Jungen waren. »Wir möchten nur, dass ihr jeden Tag zu Miss Agnew geht, damit ihr Lesen und Schreiben lernt wie ich. Dann könnt ihr später ein anständiges Gewerbe erlernen.«

»Dir hat das Lesen und Schreiben doch auch nichts gebracht. Du bist nur Blumenverkäuferin«, meinte Luke aufsässig. »Das kann man sogar als blinder Krüppel.«

»Es ist vielleicht alles, was ich jetzt machen kann, aber wenigstens verkaufe ich nicht wie andere junge Mädchen meinen Körper.« Matilda war wütend. Luke war ein grausamer Bursche, und er hatte ein außerordentliches Talent, sie zu verletzen. »Ich gehe jeden Tag in feine Viertel, es ist saubere Arbeit, und die Blumen riechen schön. Reiche Damen und Gentlemen kaufen bei mir.«

Luke schaute nur verächtlich, wobei seine kantigen Gesichtszüge sehr denen der Ratten glichen, die an der Treppe entlanghuschten. Seinem ehrlichen und gütigen Vater glich er in keiner Weise.

»Ich mag die Schule nicht«, sagte George mit Tränen in den Augen. »Ich kann überhaupt nichts, und dann schlägt Miss Agnew uns auf die Ohren.«

Matilda seufzte tief. George war langsamer als sein Bruder, und sie bemitleidete ihn. Es gab keine richtigen Schulen für die wirklich Armen. Es gab nur Ordensschulen, in denen Frauen wie Miss Agnew ihre rudimentären Kenntnisse an diejenigen Kinder weitergaben, die den erforderlichen Halfpenny mitgebracht hatten. Matilda hatte auch bei Miss Agnew Schreiben und Rechnen gelernt, und sie wusste, wie grausam sie sein konnte, doch das war es ihr wert gewesen. Matilda las alles, was sie in die Hände bekam, meistens religiöse Abhandlungen und Fetzen aus der Zeitung, die sie auf der Straße fand, weil Bücher einfach zu teuer waren. Letzte Woche hatte sie sich jedoch die erste Nummer von Oliver Twist von Mr. Charles Dickens gekauft, und sie konnte die zweite Hälfte kaum erwarten.

Sie hatte eine schöne Handschrift und konnte addieren und multiplizieren. Wenn sie Arbeit in einem Geschäft finden würde, bräuchte sie sich nicht mehr zu sorgen. Das Problem war jedoch, dass keiner sie auch nur als Küchenmagd beschäftigen würde, solange sie nicht anständige Kleidung trug, die sie sich jedoch nicht leisten konnte. Es war ein Teufelskreis, aus dem sie nicht herauskam.

»Wenn ihr euch ein bisschen mehr bemüht, wird Miss Agnew euch nicht mehr schlagen«, entgegnete sie niedergeschlagen. »Jetzt versprecht mir, dass ihr morgen hingeht. Sonst erzähle ich Vater alles.«

Sie gaben ihr das Versprechen, aber sie wusste, dass es ein leeres war. Ein wenig Geld zu verdienen war für sie weitaus befriedigender als zu lernen. Vielleicht gaben sie das Hundedrecksammeln erst einmal auf, aber sie waren sicher mit den anderen Bengeln bald wieder an der Themse und suchten nach Dingen, die sie an die Seemannsgeschäfte verkaufen konnten: Nägel, Metallstückchen, Knochen und Holzstücke. Sie hätte genauso gut einer Wand zureden können.

»Dann her mit dem Sixpence«, forderte Matilda mit ausgestreckter Hand. »Und zieht eure nassen Sachen aus, ich hänge sie zum Trocknen auf. Ihr geht heute nirgendwo mehr hin.«

Luke warf ihr einen bösartigen Blick zu, während er ihr das Geld reichte. Sie vermutete, er würde versuchen, es ihr zu stehlen, bevor die Nacht vorüber war. Es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass ihr morgens ein paar wertvolle Pennys fehlten. Sie wrang die Kleider der Jungen aus und hängte sie über das Feuer. Sie waren noch fadenscheiniger als ihre eigenen. Sie hatte bereits so viele Flicken angenäht, dass bald keine Stelle mehr übrig blieb, an der sie neue Stofffetzen annähen konnte. Matilda hasste es auch, dass die beiden barfuß laufen mussten, aber ihre Füße waren hart wie Metall, und sie würden nicht einmal Stiefel tragen, wenn Matilda sie sich leisten könnte.

Die Jungs begannen gerade mit dem Abendessen, und das Wasser im Topf kochte bereits, als ihr Vater nach Hause kam. Er war ein kleiner, kräftiger Mann, seine Arme waren durch das jahrzehntelange Rudern gestählt. Sein Gesicht war braun und faltig wie eine Walnuss, wodurch er älter aussah als vierzig Jahre. Seine Zähne waren wie die der meisten Männer seiner Schicht nur noch schwarze Stümpfe, und sein blondes Haar war lang und ausgedünnt. Doch seine lebhaften, blauen Augen fielen den meisten Menschen sofort auf, ebenso wie seine Kleidung. Sein rauer Mantel und die dünnen Hosen waren die übliche Uniform eines Fährmannes, doch das saubere rote, mit weißen Tupfern versehene Halstuch und die schwarze, mit Goldbändern durchwirkte Kappe bewiesen, dass er die siebenjährige Ausbildung zum Fährmann abgeschlossen hatte, bevor er begonnen hatte, selbstständig an der Themse zu arbeiten. Seine langsamen Bewegungen und gebeugten Schultern verrieten seine Müdigkeit, dennoch lächelte er seine Kinder, die am kerzenbeleuchteten Tisch ihr Abendessen verspeisten, liebevoll an.

»Dieser Anblick kann einem das Herz erwärmen«, sagte er mit seiner rauen Stimme. »Drei saubere Gesichter und ein warmes Essen auf dem Tisch.«

Matilda kam auf ihn zu, küsste ihn auf die Wange und hängte seinen Mantel auf den Nagel hinter der Tür. »Hattest du einen guten Tag, Vater? Es war doch schön sonnig, nicht wahr?«

Der Frühling war dieses Jahr spät gekommen. Heute war der erste schöne Tag gewesen, und Matilda kam es so vor, als hätte es seit Wochen nur geregnet.

»Es war ganz in Ordnung, Matty«, seufzte er, setzte sich hin und streckte seine kalten Hände dem Feuer entgegen. »Die Sonne hat die Menschen auf die Straßen gelockt und ließ den Fluss wieder etwas freundlicher erscheinen, aber die meisten von ihnen laufen einfach über die Brücken, anstatt sich von uns auf die andere Seite rudern zu lassen. Es ist nicht mehr wie früher.«

Lucas nahm die große tönerne Tasse, die Matilda ihm reichte, und nippte dankbar an dem schwarzen Tee. In einer Stunde würde er wieder gehen müssen, da das Nachtgeschäft am Fluss das einträglichste war. Passagiere zahlten dann den doppelten Preis, um schnell zu den Vergnügungen auf der South Bank zu gelangen. Doch die Arbeit in der Nacht barg ihre eigenen Gefahren. Betrunkene Narren wollten Freunden ihren Mut beweisen, indem sie während der Fahrt aufstanden und das Boot hin und her schaukelten. Oft versuchte man auch, ihn auszurauben. Aber Lucas sorgte sich nicht so sehr um seine eigene Sicherheit, vielmehr ließ er seine Kinder nachts ungern allein. Finders Court war in der letzten Zeit sehr viel gefährlicher geworden. Matilda war ein hübsches Ding, und er hatte längst bemerkt, wie manche der männlichen Nachbarn sie anstarrten.

Matilda reichte ihrem Vater das Essen. »Ich hatte heute einen guten Tag. Ich habe fast drei Shilling verdient. Weil ich so früh auf dem Markt war, habe ich noch Schlüsselblumen und Veilchen ergattert.«

Lucas Gesicht verdunkelte sich. Die Vorstellung, dass sie gewöhnlich ihren Arbeitstag begann, während er noch tief und fest schlief, gefiel ihm nicht. Obwohl er sehr stolz auf seine hart arbeitende Tochter war, bereute er zutiefst, dass er ihre Chancen im Leben durch seine Beziehung zu Peggy unweigerlich verschlechtert hatte.

Ihre Mutter Nell war damals im Kindbett gestorben, und er war mit dem kränklichen Baby Ruth und der fünfjährigen Matilda zurückgeblieben. Seine beiden älteren Söhne John und James waren damals neun und zehn Jahre alt gewesen. Er war völlig von der Trauer um seine geliebte Frau überwältigt gewesen und außer Stande, sich um die Kinder zu kümmern, als die siebzehnjährige Peggy, die gerade in den Finders Court gezogen war, ihm Hilfe mit den Kindern angeboten hatte. Es war ihm damals nicht in den Sinn gekommen, sich in Acht zu nehmen. Als Baby Ruth schließlich starb, hätte er Peggy eigentlich fortschicken sollen. Aber er bedurfte zu sehr des Trostes einer Frau an seiner Seite, als dass er seinen stillen Zweifeln an ihrer Eignung als Stiefmutter nachgegeben hätte. Als Luke geboren wurde, wusste er bereits, dass die verschwundenen persönlichen Dinge von Nell und Teile der Wohnungseinrichtung nicht gestohlen worden waren, wie Peggy immer behauptet hatte. Stattdessen hatte sie sie verkauft, um sich ihren Ginkonsum zu ermöglichen. Ihm war auch bewusst, dass sie nicht eine so begabte Haushälterin wie Nell war und dass sie ihre Stiefkinder oft schlecht behandelte, aber er war in seiner Überzeugung gefangen, dass ein Mann sich um die Frau zu kümmern habe, die ihm ein Kind geboren hatte.

Zwei Jahre später, nach Georges Geburt, war Peggy bereits jeden Tag betrunken, und Matilda musste die zwei kleinen Kinder versorgen. Die älteren Jungen verließen das Haus, so oft es nur ging, und Lucas war erleichtert, als sie schließlich zur See gingen. Das Leben in der Navy war zwar unerbittlich hart, aber sie hatten dort bessere Aussichten, als Lucas ihnen jemals bieten konnte.

Vor vier Jahren war Peggy gestorben. Betrunken wie immer, war sie unter die Räder einer Kutsche geraten. Lucas hatte ihr nicht eine Träne nachgeweint, denn zu diesem Zeitpunkt wusste er auch, dass sie sich für den Wert eines Glases Gin jedem Mann hingegeben hatte. Aber er bedauerte sehr, dass Matilda nun noch mehr Verantwortung für die Jungen übernehmen musste. Sie hatte wahrlich Besseres verdient.

»Du bist ein braves Mädchen«, sagte Lucas und zog sie an sich. »Du ähnelst deiner Mutter so sehr! Ich wünschte, ich könnte mehr für dich tun.«

Als ihr Vater sie um die Taille fasste und sie umarmte, verspürte Matilda einen Kloß im Hals. Er sprach nur noch selten über Nell, aber sogar seine wenigen Äußerungen bewiesen, dass er noch oft an sie dachte und sich dafür verantwortlich fühlte, dass ihr gemeinsames Leben völlig anders verlaufen war, als sie es sich erhofft hatten.

Lucas war erst neunzehn gewesen, als er Nell achtzehnhundertachtzehn zum ersten Mal in Greenwich gesehen hatte. Er hatte in seinem Boot auf einen Passagier gewartet, den er von Westminster aus übergesetzt hatte. Sie hatte am Kai gestanden und die Boote beobachtet, und er war auf den ersten Blick von ihren rosigen Wangen und ihrem goldenen Haar fasziniert gewesen. Lucas hatte sich bis dahin nicht viel aus Mädchen gemacht, aber als Nell ihn anlächelte, fühlte er sich mutig genug, aus seinem Boot zu steigen und sie anzusprechen. Sie sagte, sie liebe es, die Boote auf dem Fluss zu beobachten. »Es ist für mich eine willkommene Abwechslung zu meinem Beruf als Zimmermädchen«, fügte sie hinzu. Ihre Stimme klang anders als die der Londoner Mädchen, weich und melodisch, und als Lucas sie darauf ansprach, lachte sie und erzählte, dass sie ursprünglich aus Oxfordshire stammte. Sie war als Dreizehnjährige nach London gekommen, um für einen Kapitän zu arbeiten, und in den sieben Jahren, die sie für ihn gearbeitet hatte, war sie von der Position der Küchenmagd zu ihrer jetzigen Stellung aufgestiegen.

Lucas erwischte sich nach dieser Begegnung dabei, auf Fahrten nach Greenwich zu spekulieren, nur um Nell bald wiederzusehen. Die Häufigkeit, mit der er sie dort tatsächlich am Kai wartend antraf, verriet ihm, dass es ihr ähnlich ging. Ihr Wesen war so erfrischend, sie war ein glückliches Mädchen, das von ihrem Arbeitgeber und Beruf mit sehr viel Zuneigung berichtete. Obwohl Lucas noch zwei Jahre seiner Ausbildung bei seinem Vater ableisten musste, bevor er selbstständig auf dem Fluss arbeiten konnte, und ihm klar war, dass es deshalb sehr unvernünftig war, einem Mädchen den Hof zu machen, verliebte er sich unsterblich in Nell – und sie sich in ihn. Sie gingen beide viele Risiken ein. Nell hätte ohne Zeugnis entlassen werden können, wenn bekannt geworden wäre, dass sie ihn traf. Silas, Lucas’ Vater, hätte ihn windelweich geschlagen, wenn er gewusst hätte, dass Lucas das Boot während seiner Spaziergänge mit Nell unbeaufsichtigt am Ufer zurückließ. Aber allein die Freude, sich zu sehen, ließ sie alle Risiken vergessen.

Als Lucas seinem Vater erzählte, dass er heiraten wolle, erklärte Silas ihn zunächst für verrückt. Abgesehen davon, dass nur wenige Arbeiter auf eine legitime Verbindung Wert legten, fand er, dass Lucas zu jung sei, um die Verantwortung für eine Frau zu übernehmen. Doch als er Nell traf, änderte er seine Meinung. Er war beeindruckt von ihrer Anständigkeit, ihrem hübschen Gesicht und ihrer sanften Stimme. Vielleicht hatte er auch die Vorteile bedacht, welche ihm diese Hochzeit bringen würde, denn seit dem Tod seiner eigenen Frau vor fünf Jahren hatte er mit Lucas allein gelebt, und seine Gesundheit schwand langsam dahin.

Ihr Eheleben in einem Haus mit nur zwei Zimmern zu beginnen, die sie mit dem Schwiegervater teilen musste, war nicht die Erfüllung von Nells Hoffnungen gewesen, aber sie trug bereits Lucas’ Kind und war von Natur aus optimistisch und warmherzig. Sie schmiedeten Pläne, ein eigenes Heim zu beziehen, sobald Lucas seine Ausbildung beendet hatte. Nell brachte Ordnung in die beiden Räume, nähte Gardinen für die Fenster, kochte, wusch und flickte die Kleidung, und Silas lobte sie oft, sie sei die beste Hausfrau, die er je kennen gelernt habe. Ein Jahr nach Johns Geburt kam James zur Welt. Obwohl die Zeiten hart waren, da Silas oft zu krank zum Arbeiten war, waren sie glücklich. Als Lucas endlich frei war, auf der Themse zu arbeiten, starb Silas, und Nell wurde wieder schwanger.

Lucas verkaufte Silas’ Boot und versteckte das Geld in einer Schachtel unter dem Dielenboden. Er arbeitete, so viel er nur konnte, und jeder Tag brachte einen weiteren Shilling oder zwei ein, sodass Lucas’ und Nells Traum der Verwirklichung näher kam. Er würde ein eleganteres Boot kaufen, das feinere Passagiere anzog, und schon bald würden sie sich ein kleines Haus auf der Südseite des Flusses bei Lavender Hill leisten können.

Ein Feuer legte ihre Träume jedoch in Schutt und Asche. Im Winter des Jahres achtzehnhundertdreiundzwanzig, nur einen Monat, bevor das Baby zur Welt kommen sollte, brannte das kleine Holzhaus in Aldgate, in dem Lucas sein Leben lang gewohnt hatte, nieder – und mit ihm der angehäufte Schatz unter dem Dielenboden.

Vielleicht hatte der Schock Nells verfrühte Niederkunft ausgelöst. Jedenfalls hatten sie gerade erst ein Zimmer in Finders Court gefunden, als sie die ersten Wehen spürte. Das kleine Mädchen lebte nur ein paar Stunden, und Nell lag bitterlich weinend auf dem Stroh, das sie nur dürftig vor der Kälte schützte. Lucas tat sein Bestes für die Familie, aber ihm schien es, als hätte sich das Schicksal an diesem Punkt gegen ihn gewandt. Die Themse fror zu, sodass er nicht arbeiten konnte, und Nell und die beiden Jungen wurden krank. Auch später in diesem Jahr, als Lucas wieder arbeitete, war Nell nur noch ein Schatten ihrer selbst. Erst als Matilda im Jahre achtzehnhundertsechsundzwanzig geboren wurde, riss sie sich zusammen und versuchte, ihr bescheidenes Zimmer in ein wirkliches Zuhause zu verwandeln.

Kurz vor ihrem Tod nahm Nell Lucas das Versprechen ab, Matilda lesen und schreiben lernen zu lassen, sodass sie die Chance auf ein besseres Leben haben würde. Lucas erkannte heute rückblickend, dass dies das einzige Versprechen war, das er hatte halten können. Matilda küsste ihn auf die Wange und schreckte ihn aus seinen Gedanken.

»Du hast für mich alles getan, was du konntest«, sagte sie sanft. »Es wird schon wieder bergauf gehen, warte nur ab.«

Matilda wachte auf, als die Glocken vier Uhr schlugen. Es war so verlockend, sich noch einmal an ihre Brüder zu schmiegen und weiterzuschlafen, aber dann wären die Blumen am Covent Garden ausverkauft, bevor sie dort ankam. Sie kroch aus dem Bett und tastete nach ihrer Kleidung. Sie konnte ihren Vater nicht sehen, doch sie merkte an seinem lauten Schnarchen, dass er von seiner Nachtarbeit zurückgekehrt war. Rasch zog sie sich an, band ihre Schürze um, nahm ihren Korb und etwas Geld und machte sich auf den Weg zum Covent Garden, während sie an einem Stück Brot kaute.

Um halb sieben saß sie mit ein paar anderen Blumenmädchen auf den Stufen von St. Martin in the Fields. Sie hatte ein Dutzend Bündel Veilchen und ein weiteres Dutzend Schlüsselblumen für zwei Shilling gekauft, ein wenig Papier für einen Halfpenny, und für die Kordel hatte sie gar nichts zahlen müssen, sondern sie umsonst an den Ständen im Covent Garden bekommen. Jetzt arrangierte sie die Blumen zu kleinen Sträußen und fasste sie mit ein paar Blättern ein. Wenn sie daraus sechsunddreißig Sträuße band, die sie für je einen Penny weiterverkaufte, verdiente sie im schlechtesten Fall einen Shilling, meistens aber mehr, besonders wenn die Sonne schien und die Herren ihr Trinkgeld gaben. Glücklicherweise war es heute sonnig, der Frost schmolz langsam dahin, und es versprach, ein guter Tag zu werden.

Die meisten Mädchen waren jünger als Matilda, manche zählten gerade erst neun oder zehn Jahre. Viele von ihnen liefen barfuß, fast alle waren noch schmutziger und verwahrloster als Matilda, und ein Mädchen war sogar verkrüppelt. Wie gewöhnlich wurde nicht viel gesprochen; sie nickten nur und lächelten sich an, wenn jemand Neues zur Gruppe stieß. Als Matilda vor sechs Jahren angefangen hatte, Blumen zu verkaufen, hatte diese Stille sie beinahe aus der Fassung gebracht, aber heute konnte sie sich das Schweigen erklären. Jedes Mädchen hätte eine traurige Geschichte ihres Unglücks erzählen können. Doch sie ähnelten sich so sehr, dass sie keiner hören wollte. Sie versammelten sich hier morgens nur, um ein wenig Trost aus der Gesellschaft gleich Gesinnter zu ziehen, das genügte ihnen.

Manchmal half Matilda den Jüngeren beim Binden ihrer Sträuße. Nur zu gut erinnerte sie sich daran, wie schwer sie selbst es anfangs gefunden hatte, die Blumen auf hübsche Art zusammenzulegen. Dennoch vermied sie ansonsten tiefer gehende Kontakte. Manchmal erkannte sie unter den neuen Gesichtern der Mädchen eines, dessen ältere Schwester sie vor Jahren gekannt hatte, aber sie hatte gelernt, sich nie nach ihnen zu erkundigen. Es war keine Seltenheit, dass Blumenmädchen mit etwa vierzehn Jahren der Prostitution verfielen.

Um acht Uhr begann Matilda ihre Runde über den Haymarket in Richtung Piccadilly. Diesen Teil Londons fand sie besonders merkwürdig, da er sich im Laufe des Tages so stark veränderte. Jetzt, am Morgen, eilten Verkäuferinnen und Geschäftsleute zur Arbeit und liefen an Straßenfegern und Bettlern vorbei. Sie hatte Glück, wenn sie zu dieser Zeit ein paar Sträuße verkaufen konnte, denn meistens waren die Leute zu beschäftigt, um anzuhalten. Gegen Mittag erschien plötzlich eine andere Klasse von Menschen, feine Damen und Herren stiegen aus Kutschen und gingen einkaufen oder zum Mittagessen. Auch zeigten sich Schwärme junger, hübscher Mädchen, die darauf hofften, von einem Gentleman angesprochen zu werden. Bis vor ein paar Jahren hatte Matilda diese frisch vom Lande kommenden Mädchen mit ihren modischen Kleidern, zierlichen Stiefeln und blumenbesetzten Hüten beneidet. Aber wie geschockt war sie gewesen, als sie gehört hatte, dass es »leichte Mädchen« waren, wie man hier die Prostituierten nannte. Am Abend öffneten dann die Theater und die Bars, und zu diesem Zeitpunkt war der Haymarket noch lebendiger und bunter als sonst.

Damen in weiten Reifröcken und mit kostbaren Juwelen stiegen aus den Kutschen, begleitet von Herren mit Frack und Zylinder. Schwertschlucker, Spieler und Jongleure belagerten die Gegend, und die Luft war vom Duft gerösteter Mandeln erfüllt. Aus jeder Ecke tönte Musik, und Sänger und Straßenmusikanten konkurrierten um die Pennys der Passanten.

Dennoch war die geschäftige Oxford Street ein besserer Ort, um Blumen zu verkaufen, und hierhin wollte sie heute gehen. Sie wusste, dass die Sonne Einkäufer anlocken würde, und der Anblick frischer Frühlingsblumen lockerte sogar die Geldbörsen der sparsamsten Hausfrauen. Mit ein bisschen Glück würde sie alle ihre Sträuße um zwei Uhr nachmittags verkauft haben.

Um ein Uhr war ihr Lächeln längst kein gezwungenes mehr. Sie hatte nur noch vier Sträuße übrig, und drei Mal hatten Männer ihr am Morgen ein Sixpencestück gegeben, ohne Wechselgeld zu verlangen. Matilda störte sich nicht an ihrem Hunger und Durst, da sie genug Geld in ihrer Schürze hatte, um auf dem Weg nach Hause eine Portion Fleischpastete und eine Flasche Ingwerlimonade kaufen zu können.

Matilda bewegte sich gerade über den Bürgersteig auf die Straße zu, als ihr Blick zufällig auf ein kleines Kind fiel, das aus einem Geschäft gelaufen kam und zielstrebig auf die Straße zurannte. Es war ein hübsches kleines Mädchen zwischen zwei und drei Jahren. Dunkle Locken quollen unter seinem weißen Hut hervor, sein Kleidchen war mit einem rosafarbenen Volant besetzt und seine Schuhe waren mit weißer Spitze verziert. Die Kleine war eindeutig ihrer Mutter oder dem Kindermädchen davongelaufen.

Trotz seines langen Kleides bewegte sich das Kind sehr rasch, und obwohl lauter Menschen auf der Straße waren, schien es von keinem wahrgenommen zu werden. Matildas Beschützerinstinkt rührte sich, und sie bahnte sich einen Weg durch die Menge. Doch plötzlich ließ das Geräusch von Hufen und Rädern auf dem Straßenpflaster Matilda den Kopf wenden. Zu ihrem Entsetzen eilte eine von vier Pferden gezogene Kutsche die Straße entlang. Matilda drehte sich zu dem Kind um und sah, dass es die Bordsteinkante erreicht und dort eine Pause eingelegt hatte. Es hatte die Pferde auch entdeckt und klatschte beim Anblick der sich nahenden Kutsche aufgeregt in die Hände. Um die Gefahr zu erkennen, war es noch viel zu klein, und es war mehr als wahrscheinlich, dass es auf die Straße springen würde. Matilda ließ ihren Korb fallen, stieß eine Warnung aus und stürzte vorwärts, verzweifelt Menschen aus ihrem Weg drängend. Die Pferde waren bereits so nah, dass Matilda fast ihren Geruch wahrnahm und ihre Wärme spürte. Dann sprang zu ihrem Entsetzen das kleine Mädchen auf die Straße, direkt auf die Kutsche zu. Matilda dachte nicht eine Sekunde an ihre eigene Sicherheit. Sie lief geradewegs auf die Straße und fasste das Mädchen um die Taille. Hinter sich hörte sie ein aufgeregtes Wiehern, aber ihre Gedanken konzentrierten sich nur auf das Kind. Ein grausamer Stoß auf den Rücken katapultierte sie nach vorne, und sie ließ das Kind auf den Bürgersteig sinken.

Ein starker Ammoniakgeruch war das Erste, das wieder in Matildas Bewusstsein drang, und sie schreckte instinktiv zurück.

»Kannst du mich hören?«, erklang eine männliche Stimme in ihrer Nähe. Als sie endlich wieder Klarheit erlangt hatte, bemerkte sie, dass sie auf dem Boden lag und ein Mann ihren Kopf stützte, während er ihr ein Riechfläschchen vor die Nase hielt. Sie war verwirrt und dachte, sie sei vor Hunger bewusstlos geworden und die Rettung des Kindes nur ein Traum gewesen.

»Natürlich kann ich Sie hören«, antwortete sie. »Und hören Sie endlich auf, mir dieses Zeug vor die Nase zu halten.«

Jemand lachte, und ihr wurde plötzlich klar, dass sich eine große Menge um sie herum versammelt hatte und sie anstarrte. Der Mann, der ihren Kopf stützte, hatte lockiges Haar und trug den weißen Kragen eines Pfarrers der Anglikanischen Kirche. Er war noch jung für sein Amt und hatte wehmütige, dunkle Augen.

»Wie heißt du?«, fragte er.

»Matilda Jennings«, erwiderte sie und kämpfte sich mühsam in eine sitzende Position. »Haben Sie ein kleines Mädchen gesehen?«

»Ja, habe ich«, sagte er. »Dank deiner Hilfe ist es jetzt sicher bei seiner Mutter.«

Matilda war erleichtert, dass sie sich nichts eingebildet hatte. »Ihre Mutter verdient eine Tracht Prügel dafür, dass sie es fortlaufen ließ«, meinte sie entrüstet. »Wo ist sie? Ich werde ihr mal was erzählen.«

Das schallende Gelächter der Menge um sie herum brachte Matilda noch mehr auf. »Worüber lachen sie?«, fragte sie. »Das ist nicht komisch. Das kleine Ding hätte totgetrampelt werden können.«

»Ich denke, sie lachen, weil du nicht nur unverletzt, sondern auch beherzt genug bist, deine Meinung offen zu sagen«, erklärte der Mann mit einem schwachen Lächeln. »Was du getan hast, war außergewöhnlich mutig. Lass mich dir jetzt aufhelfen.«

Als er sie bei den Händen fasste, um ihr beim Aufstehen zu helfen, zuckte Matilda vor Schmerz zusammen. Jemand in der Menge rief, sie brauche einen Arzt. Matilda war es gewohnt, ihren Verstand zum Überleben zu benutzen. Manchmal täuschte sie an einem kalten Tag zitternd vor, dass sie erbärmlich fror, um Mitleid zu erregen und auf diese Weise mehr Blumen zu verkaufen. Des Öfteren blickte sie auch mit sehnsuchtsvollem hungrigen Blick auf das Brot beim Bäcker, bis man ihr welches reichte. Sie wusste intuitiv, dass sie diese Situation zu ihrem Vorteil nutzen konnte.

»Mein Rücken, mein Rücken«, rief sie aus und verzerrte ihr Gesicht zu einer übertriebenen Grimasse der Qual. »Er tut so weh! Was ist damit passiert?«

Eine Frau bewegte sich auf Matilda zu. Sie war rundlich und sah sehr freundlich aus. »Die Pferdehufe haben dich an der Schulter verletzt«, erklärte sie. »Dein Kleid ist zerrissen, und die Wunde blutet sehr stark. Sie muss versorgt werden.«

Zu Matildas Erstaunen wandte sie sich an den Pfarrer mit dem Riechfläschchen in der Hand und fuchtelte mit dem Zeigefinger vor seiner Nase herum, während ihr rundes Gesicht vor Empörung bebte. »Sie und Ihre Frau sollten sich um sie kümmern, Sir. Es war doch Ihr kleines Mädchen, das sie gerettet hat, oder nicht?«

Jetzt erst bemerkte Matilda, dass er zitterte und sein Gesicht aschfahl war. Aber die Möglichkeit einer Belohnung verdrängte das Mitleid, das sie verspürte. Sie schwankte und gab vor, beinahe in Ohnmacht zu fallen.

»Schauen Sie sie an«, meinte die Frau und fasste Matilda am Arm. »Sie hat einen furchtbaren Schock erlitten. Sie hätte getötet werden können.«

»Ich nehme sie mit ins Geschäft, damit sie sich hinsetzen kann«, entschied der Pfarrer schnell, und bevor Matilda etwas erwidern konnte, hatte er ihren Korb aufgehoben und sie in ein Textilgeschäft gebracht. Matilda war von Natur aus nicht ängstlich. Sie fürchtete sich vor nichts und niemandem, nicht einmal vor der Polizei, die sie des Öfteren von der Straße vertrieb. Aber als sie in den Laden geführt wurde und den langen, gebohnerten und polierten Korridor sah, riesige Berge von Wolle, Stöße von Baumwolle und hoch gestapelte Bettwäsche, verließ sie der Mut. Die elegant gekleideten Verkäuferinnen wichen erschrocken vor ihr zurück, die Assistentinnen verzogen missbilligend das Gesicht. Matilda wusste, dass sie für sie nur eine Bettlerin war, die wahrscheinlich sogar Läuse hatte, jedenfalls nicht die Person, die man in ein solch hochklassiges Geschäft hätte bringen dürfen. Ihr erster Gedanke war, einfach fortzulaufen. Sie glaubte nicht, dass sie ernsthaft verletzt war, und nicht einmal die verlockende Aussicht auf eine Tasse Tee und vielleicht einen Shilling als Belohnung waren eine solche Demütigung wert.

»Ich sollte nicht hier reingehen. Sie werden was dagegen haben, Sir«, flüsterte sie, aber falls er sie gehört hatte, ignorierte er ihre Worte geflissentlich. Er zog sie geradewegs durch das Geschäft, wo seine Frau, flankiert von zwei Verkäuferinnen, lauthals weinend dasaß und ihre kleine Tochter an die Brust gezogen hatte, als fürchtete sie, sie würde ihr nochmals entrissen. Der Pfarrer ließ Matildas Arm los.

»Hör auf zu weinen, Lily«, bat er tröstend. »Tabitha ist jetzt sicher, und wir müssen an das mutige Mädchen denken, das sie beschützt hat.« Er wandte sich zu Matilda um und winkte sie zu sich. »Schau, hier ist sie. Sie ist verletzt, und ich glaube, sie hat einen Schock.«

Matilda wusste nicht, was das Wort Schock bedeutete, zumindest nicht bis die Frau ihr Kind zu ihrem Mann hinüberreichte und Matilda stürmisch in die Arme schloss. Sie berührte sie nicht etwa nur sachte am Arm oder bot ihr die Wange zum Kuss hin, sondern es war eine impulsive, von Herzen kommende Umarmung.

»Meine Liebe, ich kann gar nicht in Worte fassen, wie dankbar ich bin«, stieß sie hervor, während sie sich noch mit einem Taschentuch über das tränenüberströmte Gesicht wischte. »Ich hatte erst gemerkt, dass Tabitha fortgelaufen war, als ich einen Schrei von der Straße hörte. Ich rannte wie der Wind zur Tür, genau im richtigen Moment, um zu sehen, was du getan hast. Du musst mich für entsetzlich unhöflich und undankbar halten, weil ich meinen Engel seiner Retterin entrissen habe und direkt wieder ins Geschäft gelaufen bin. Was musst du bloß von mir denken?«

Matilda war so überrascht, dass eine richtige Dame sich herabließ, ihre Handlungen einem einfachen Blumenmädchen zu erklären und es auch noch umarmte, dass es ihr die Sprache verschlug. Wobei die Frau auch nicht wirklich eine Adlige zu sein schien. Sie hatte zwar eine angenehme, freundliche Stimme und bewegte sich sehr gemessen und vornehm. Ihr Kleid und Hut waren jedoch unauffällig, und Schmuck trug sie auch keinen. Eigentlich war sie in jeder Hinsicht unscheinbar, klein und dünn, mit schmalen, scharfen Gesichtszügen und glanzlosem braunen Haar unter ihrem Hut.

»Ich versteh schon, Missus«, entgegnete Matilda etwas befangen. »Sie waren um Ihre Kleine besorgt. Ich hoffe, ich habe sie nicht verletzt, als ich sie gepackt habe?«

»Sie hat nicht eine Schramme und ahnt nicht einmal, warum wir uns so erschreckt haben. Aber lass dich einmal ansehen, Liebes. Du brauchst eine Tasse Tee, und wir wollen uns um deine Verletzungen kümmern.«

Die nächsten fünf oder zehn Minuten erschienen Matilda wie ein Traum. Eine beinahe neidisch dreinschauende Verkäuferin reichte ihr eine Tasse mit sehr süßem Tee, und der Pfarrer stellte sich und seine Frau vor, als wäre Matilda eine Frau von Stand.

Er war Pfarrer Giles Milson, und seine Frau hieß Lily. Ihre Tochter Tabitha war gerade zwei Jahre alt geworden. Ihre Pfarrei hieß St. Marks in Primrose Hill, und sie lebten dort im Pfarrhaus. Lily untersuchte Matildas Wunde durch das zerrissene Kleid und bestand darauf, dass sie in der Kutsche mit ihnen nach Hause kam, damit die Wunde ordentlich untersucht und behandelt werden konnte.

Matilda verstörte dieses Angebot etwas. Es war allgemein bekannt, dass Kirchenleute Barmherzigkeit nur als Vorwand benutzten, um dem Geholfenen die Worte der Bibel aufdrängen zu können. Sie hatte sogar schon von Mädchen gehört, die vergewaltigt worden waren, als sie sich an die Missionare gewandt hatten, die überall in der Rosemary Lane standen und sich über Verdammnis und Höllenfeuer ereiferten. Sie wollte lieber einfach ein paar Shilling bekommen und wieder nach Hause geschickt werden.

Doch eine kleine Stimme in ihrem Innern sagte ihr, dass sie den beiden besser folgen sollte, denn vielleicht würden sie ihr eine anständige Mahlzeit anbieten oder sogar ein paar alte Kleider.

Matildas natürliche Zurückhaltung verließ sie in der Kutsche. Ob es daran lag, dass es ihre erste Fahrt in einem Wagen war, oder an Tabithas Lächeln oder den eifrigen Fragen der Milsons nach ihrem Befinden, wusste sie nicht. Plötzlich musste sie weinen.

»Es tut mir Leid«, wiederholte sie immer wieder, während sie ihr Gesicht in den Händen verbarg. »Ich weiß nicht, was mit mir los ist.«

Lily Milson fühlte sich selbst den Tränen nahe, und sie war dem Mädchen für die Rettung ihrer Tochter so dankbar, dass sie mit Matilda fühlte. Sie glaubte, dass diese Begegnung ein Fingerzeig Gottes war, der ihr zeigen sollte, dass ihre gesellschaftliche Stellung im Leben lediglich ein Zufall war und auch sie selbst als eine vom Glück Benachteiligte hätte geboren werden können, anstatt mit einem liebenden Ehemann, einer bezaubernden Tochter und in sauberer und ordentlicher Kleidung in dieser Kutsche sitzen zu dürfen.

Nicht immer hatte Lily sich vom Glück begünstigt gefühlt. Sie war eines von acht Kindern eines wohlhabenden Holzhändlers in Bristol und war immer schüchtern und ein wenig farblos gewesen. Ihr Vater Elias Woodberry hatte sich nur um das Wohl ihrer fünf Brüder gekümmert, und ihre Mutter, obwohl sie sich all ihren Kindern gegenüber kühl verhalten hatte, hatte ihr stets das Gefühl vermittelt, dass sie sie nicht ausstehen konnte. Ständig hatte sie sich über ihr Aussehen und ihre Geistlosigkeit ausgelassen.

Mit fünfundzwanzig Jahren war Lily immer noch unverheiratet und ihren Eltern lästig gewesen. Man hatte sie als unbezahlte Gouvernante zu ihrem Onkel geschickt, dem jüngeren Bruder ihres Vaters, einem verarmten Pfarrer in Bath. Doch Lily empfand diesen Aufenthalt keineswegs als Strafe – ihr Onkel Thomas war ein freundlicher Mann und seine Frau Martha liebevoll und dankbar für jede Hilfe bei ihren fünf lebhaften Kindern. In ihrem Haus zählte Lilys Meinung erstmalig etwas, und man suchte ihre Gesellschaft. Sie wurde nie gedemütigt. Tante und Onkel lobten ihre freundliche Art, waren stolz auf ihre Bildung und freuten sich an ihrer Begeisterung über die Kinder. Lily lebte auf.

Dort traf sie auch Giles zum ersten Mal, der damals Hilfspfarrer ihres Onkels war. Er war mittellos, aber als sie das erste Mal in seine dunklen, beseelten Augen schaute, war es um sie geschehen. Er war ein wahrer Humanist und hatte die Kirche dem Militär vorgezogen, weil er fest davon überzeugt war, seine Aufgabe sei es, den Armen und Bedürftigen zu helfen.

Es war der glücklichste Tag ihres Lebens, als Giles um ihre Hand anhielt. Er wandte ein, ihr nichts bieten zu können. Selbst wenn er jemals eine eigene Pfarrei führen dürfe, könne er ihr nie den Luxus ermöglichen, in den sie hineingeboren war. Nur seine Liebe konnte er ihr anbieten. Das war jedoch alles, was Lily wollte. Kurz nach ihrer Hochzeit, die ihr Vater mit beinahe unangemessener Schnelligkeit ausrichtete, wurden sie nach St. Marks in London geschickt, wo Giles den kranken und verwitweten Pfarrer Hooper vertreten sollte. Nach dessen Tod ein Jahr später übernahm er die kleine Pfarrei.

Lily empfand ihr Leben als Pfarrersfrau als eine Herausforderung. Die Kranken der Gemeinde zu besuchen, Sonntagsunterricht für die Kinder zu organisieren und die Reicheren zur Wohltätigkeit aufzurufen, waren keine lästigen Pflichten, sondern eine Freude, die sie ausfüllte. Die Eigenschaften, die ihre Eltern an ihr abgelehnt hatten, brachten ihr hier Zuneigung, Respekt und ein gewisses Maß an Autorität ein. Sie liebte Primrose Hill und wurde nicht müde, den sagenhaften Ausblick auf den Regent’s Park zu genießen. Giles erinnerte sie des Öfteren etwas erzürnt daran, dass außerhalb ihrer Gemeinde erbärmliche Gegenden lagen, in denen Menschen von der Armut und schrecklichen Krankheiten aufgezehrt wurden, aber da sie diese Viertel nie gesehen hatte, ließ sie sich nicht beunruhigen.

Tabithas Geburt war für sie ein Triumph. Nach vier Jahren des Wartens und Hoffens hatte sie sich bereits damit abgefunden, nie Mutter zu werden. Aber zu ihren Mutterfreuden gesellten sich auch Ängste. Plötzlich nahmen Giles’ Erzählungen über Kindstod und schreckliche, ansteckende Krankheiten neue Dimensionen an. Obwohl sie Hilfe mit Tabitha hätte gebrauchen können, lehnte sie es ab, neben Aggie, der Haushälterin von Reverend Hooper, die sie nach seinem Tod übernommen hatten, noch eine Magd einzustellen. Sie fürchtete sich vor möglichen Krankheiten, die ins Haus gebracht werden könnten.

Als sie die weinende Matilda jedoch betrachtete, erkannte Lily, dass die heutige Tragödie eine Warnung gewesen war. Sie hatte sich schon des Öfteren mit der alleinigen Versorgung des Kindes überfordert gefühlt, und heute war sie nur wenige Momente abgelenkt gewesen – dennoch hatte dies Tabitha in Lebensgefahr gebracht. Es war geradezu eine Ironie des Schicksals, dass die Straße voller Menschen ihres Standes gewesen war, ihr Kind aber dennoch von einem Mädchen derjenigen Klasse gerettet worden war, die sie so fürchtete. Lily schämte sich und legte Matilda die Hand auf den Arm.

»Weine ruhig, Liebes. Es ist nur der Schock«, meinte sie freundlich. »Du wirst dich besser fühlen, sobald du etwas gegessen hast und wir uns um dich gekümmert haben.«

Matilda war schon oft mit ihrem Blumenkörbchen in Primrose Hill gewesen, aber aus einer Kutsche sah alles völlig anders aus. Die großen Häuser mit ihren Marmorstufen und leuchtenden Messingverschlägen an den Vordertüren hatten früher immer bedrohlich gewirkt. Jetzt sahen sie einladend aus. Obwohl das Haus der Milsons das kleinste in der Straße war, war Matilda beeindruckt. Es war das erste, das sie jemals betreten würde.

Die Tür wurde von einer ältlichen, dicken Frau mit schneeweißer Schürze und zerzauster Haube geöffnet, aber ihr breites Lächeln verflüchtigte sich bei Mathildas Anblick.

»Das ist Matilda Jennings, Aggie«, erklärte Giles, als er sie ins Haus führte. »Heute Morgen hat sie Tabitha das Leben gerettet und sich verletzt. Schau doch bitte einmal nach ihren Wunden, und gib ihr etwas zu essen.«

Aggie führte Matilda mit finsterem Blick in die Küche. Sie war groß und hell und der sauberste Raum, den Matilda je gesehen hatte. Es befand sich ein riesiger Ofen darin, die Regale waren mit zierlichem Porzellan angefüllt, und sogar die Töpfe hingen dekorativ von Haken an den Wänden.

»Was ist denn nun mit Miss Tabitha passiert?«, warf Aggie ihr unfreundlich entgegen, sobald sie die Tür geschlossen hatte. »Und untersteh dich, mich anzulügen. Es mag sein, dass du den Reverend hinters Licht führen konntest, aber bei mir wird dir das nicht gelingen.«

Matilda überraschte diese Frage nicht. Köchinnen und Haushälterinnen waren bekannt dafür, ihre Dienstherren engagiert zu verteidigen. In wenigen Worten erklärte sie, was passiert war.

Aggie ließ sich erstaunt auf einen Stuhl fallen. »Du hast dich vor die galoppierenden Pferde geworfen?«

Galoppiert waren die Pferde zwar nicht, eher getrabt, aber immerhin waren es gleich vier Stück gewesen, weshalb Matilda eifrig nickte.

Aggies Gesicht hellte sich auf, und ihre Feindseligkeit war plötzlich verschwunden. »Sagenhaft! So etwas habe ich noch nie gehört«, rief sie aus. »Du bist ein tapferes Mädchen. Kein Wunder, dass Madam dich mitgenommen hat. Ich schau mir jetzt mal deine Wunden an.«

Es lag ein so verlockender Geruch nach Fleisch und Bratensauce in der Luft, dass Matilda versucht war, zuerst um Essen zu bitten, doch sie traute sich nicht. Sie drehte sich um, damit die ältere Frau ihren Rücken inspizieren konnte. Aggie berührte sanft die Wunde.

»Der Stoff deines Kleides klebt an der Wunde, und weder das eine noch das andere ist sehr sauber. Du könntest ein Bad vertragen, Miss!«

Als Matilda sich einige Zeit später endlich an einem Tisch niederlassen durfte und ihr ein Teller mit geschmortem Lammfleisch und frischem Gemüse vorgesetzt wurde, fragte sie sich, ob sie alles nur träume. Aß sie wirklich gerade diese riesige Mahlzeit? Hatte sie tatsächlich eben ein richtiges Bad genommen? Durfte sie das saubere graue Kleid, das sie nun trug, ernsthaft behalten? Nur eines war ihr wirklich klar, nämlich dass das Haus der Milsons voller Wunder war. Aggie hatte einen Früchtekuchen aus dem Ofen genommen, der den perfekten, goldenen Kuchen vom Konditor in nichts nachstand. Als sie ihr Bad hatte nehmen sollen, war Matilda geschockt gewesen, denn sie hatte sich wirklich vollständig ausziehen und in die Wanne steigen sollen. Für sie war ein Bad bislang lediglich eine Wäsche von Kopf bis Fuß gewesen, wenn ihr Vater und ihre Brüder gerade nicht im Hause waren. Ihr Haar hatte sie immer unter der Wasserpumpe im Hof ausgespült. Hier hatte sie sich mit richtiger Seife waschen können, und anschließend hatte Aggie sogar Salbe auf ihre Schulter gerieben. Später war sie, beladen mit Lilys alter Kleidung, zurück in die Spülküche gekommen und hatte Matilda nicht nur ein Kleid gereicht, sondern auch einen Baumwollumhang, zwei Flanellpetticoats, Strumpfhosen und ein Paar Schuhe. Aggie hielt ihr sogar Unterwäsche hin. So etwas hatte sie noch nie getragen. Matilda fühlte sich wie eine richtige Dame. Sauber, wohlriechend und wunderschön.

Aggie schaute über ihre Schulter zu dem essenden Mädchen hinüber und verzog die Miene, als sie sah, dass Matilda nur das Messer benutzte, auf das sie das Essen mit den Fingern schob. Aber sie war jetzt sauber, ihr Haar glänzte wie Butter und hing offen auf ihre Schultern herab. Matilda war mit ihrem freundlichen Lächeln und jeglichem Mangel an Dreistigkeit ein hübsches Mädchen. Aggie hatte nicht einmal Läuse gefunden, obwohl sie sehr sorgfältig danach gesucht hatte.

Aggie war schon seit achtzehn Jahren Haushälterin im Pfarrhaus. Als die Milsons vor vier Jahren eingezogen waren, war sie alles andere als begeistert gewesen. Bislang hatte sie immer alles nach ihrem Gutdünken entscheiden dürfen und das Pfarrhaus geführt, als wäre es ihr eigenes Heim gewesen. Doch Lily Milson hatte all dies verändert. Erst als Aggie gesehen hatte, wie rührend Lily sich um Reverend Hooper kümmerte, als er krank geworden war, hatte sie ihre Meinung über ihre neue Herrin geändert. Aggie musste heute zugeben, dass sich Lily zu einer perfekten Pfarrersfrau entwickelt hatte. Sie unterstützte die Gemeindearbeit ihres Mannes mit ganzem Herzen und zeigte sich Menschen in Not gegenüber gütig und verständnisvoll. Keiner konnte Wogen besser glätten als sie. Sie hatte eine unendliche Geduld mit den schwierigen, wohlhabenderen Gemeindemitgliedern, die glaubten, den Pfarrer vollkommen vereinnahmen zu können, und arbeitete unermüdlich daran, das Pfarrhaus gemütlich und einladend werden zu lassen. Sie zeigte Aggie neue Haushaltskniffe und Rezepte.

Doch seit Tabithas Geburt hatte sich etwas an Lily verändert. Trotz überschäumender Freude an ihrer Tochter war sie oft ängstlich und launisch wie das Wetter, einmal freundlich und bedacht, dann wieder widerspenstig. Aber am schlimmsten war ihre übertriebene Angst vor Krankheit. Sie schien zu glauben, dass die Kleine so empfindlich war, dass eine gewöhnliche Hausfliege im Stande wäre, sie umzubringen. Aggies Ansicht nach wurde Tabitha zu stark behütet. Von morgens bis nachts wurde ein Spektakel um das Kind veranstaltet, und das war ihrer Meinung nach um einiges ungesünder als ein bisschen Schmutz.

»Reverend Milson und seine Frau möchten dich jetzt sehen«, erklärte Aggie. Gern hätte sie sich für ihr anfängliches unterkühltes Verhalten entschuldigt. Doch es war nicht ihre Art, Dinge zurückzunehmen, und außerdem würde sie das Mädchen nie mehr wiedersehen. »Verhalte dich also manierlich. Und sag bloß nicht Missus zu ihr. Es heißt Madam und Sir, hörst du?«

Matilda wusste nicht genau, was sie sich unter manierlichem Verhalten vorzustellen hatte. Hieß es »bitte« und »danke« sagen, oder bedeutete es noch mehr? Als sie an die Tür des Wohnzimmers klopfte und wartete, bis sie hereingerufen wurde, wie Aggie ihr eingeschärft hatte, überlegte Matilda, ob sie beim Eintreten einen Knicks machen sollte oder ob das nur bei Leuten von Adel angebracht war.

»Komm herein!«, beantwortete Giles Milson ihr zögerliches Klopfen. Der Raum roch nach Lavendel und war trotz der noch kühlen Jahreszeit sehr warm. Der Pfarrer saß in einem Stuhl mit einer hohen Rückenlehne auf der einen Seite des Feuers, seine Frau hatte es sich in einem niedrigeren auf der anderen Seite bequem gemacht. Beide blickten sie überrascht an, bevor sie etwas sagten.

»Entschuldige unser unhöfliches Verhalten, Matilda. Es ist nur, dass du mit dem offenen Haar so verändert aussiehst. Was für eine hübsche Farbe es hat«, begann Lily Milson.

Matilda errötete und schaute zu Boden. Ihre Erscheinung verblüffte Giles so, dass es ihm die Sprache verschlug. Als er ihr das Riechfläschchen unter die Nase gehalten hatte, hatte er nur daran gedacht, dass er ihr das Leben seiner Tochter verdankte. In der Kutsche waren ihm nichts als ihre schmutzigen Hände und ihre Augen aufgefallen, die so blau wie frisches Quellwasser waren. Nun aber könnte sie ebenso gut eines seiner Gemeindemitglieder anstatt ein verwahrlostes Slumkind sein. Ihre Wangen glühten, ihre Haut war weiß, und in Lilys Kleidung sah sie anmutiger aus, als es seiner Frau jemals gelungen war.

»Wie geht es deinem Rücken, Matilda?«, brachte er schließlich heraus.

»Einfach klasse, Sir«, antwortete sie. Sie brachte es nicht über sich, weiterhin die schwer Verletzte zu spielen. »Diese Kleidung, die Sie mir gegeben haben, ist herrlich, und das Essen war auch toll.«

Giles war von ihrer dankbaren Aufrichtigkeit und der Art, wie sie ihm direkt in die Augen schaute, überrascht. Eine Idee, die ihm während des Abendessens gekommen war, erschien ihm nun nicht mehr ganz so abwegig.

»Setz dich doch zu uns«, bat er und zeigte auf einen Stuhl zwischen seinem und dem seiner Frau. »Mrs. Milson und ich würden gern ein bisschen mehr über dich erfahren. Vielleicht könntest du uns etwas von deiner Familie erzählen und wo ihr lebt?«

Matilda seufzte innerlich. Sie war überzeugt, dass dies zu der erwarteten Predigt über Gott führen würde. Aber da sie geschenkte Kleidung trug und einen vollen Bauch hatte, schien es ihr nur ein kleiner Preis zu sein zu erzählen, was sie wissen wollten. Matilda begann mit einer kurzen Familiengeschichte, Peggys Tod, der – wie sie zugab – durch Trunkenheit verursacht worden war, wobei sie eilig hinzufügte, dass ihr Vater keinen Alkohol anrührte und er sich nichts sehnlicher wünschte, als ihr und ihren Brüdern ein anständigeres Heim bieten zu können. Lily fragte sie, wie lange sie schon als Blumenmädchen arbeitete, und schien geschockt zu sein, als sie hörte, dass Matilda bereits als Zehnjährige damit angefangen hatte.

»Zehn ist nicht so jung«, entgegnete Matilda ernst. »Ich sehe jeden Tag Mädchen, die gerade einmal fünf oder sechs Jahre alt sind. Aber wissen Sie, ich bin zur Schule gegangen. Vater wollte, dass ich lesen und schreiben lerne, damit mir mehr Möglichkeiten offen stünden.«

Lily schnappte hörbar nach Luft, und ihre Augen weiteten sich. »Du kannst lesen und schreiben?«

»Und rechnen kann ich auch«, versicherte Matilda ein wenig stolz. »Aber am liebsten lese ich, wenn ich mal ein Buch in die Hände bekommen kann.« Sie fragte sich, ob sie etwas Falsches gesagt hatte, denn Lily und Giles tauschten Blicke. »Blumen liebe ich natürlich auch«, verteidigte sie sich. »Es ist zwar ganz schön hart, wenn man um vier Uhr aufstehen und mitten im Winter zum Markt laufen muss, aber ich sage mir immer, dass es wenigstens saubere Arbeit ist.«

Giles räusperte sich. »Welcher Arbeit würdest du am liebsten nachgehen, Matilda? Ich meine, wenn du es dir aussuchen könntest?«, fragte er sie mit durchdringendem Blick.

Matilda war leicht verunsichert, dass die beiden so viel wissen wollten. »Königin sein müsste ganz in Ordnung sein«, scherzte sie nervös.

Giles lächelte. Er fand ihr Verhalten rätselhaft. Es wäre ihr gutes Recht, eine Belohnung zu verlangen. Aber abgesehen von einer gewissen Vorsicht in ihrem Blick, während sie die Fragen beantwortete, strahlte sie unbefangene Ruhe aus.

»Ich wäre auch froh, wenn ich in einem Geschäft oder als Magd arbeiten dürfte«, fügte Matilda hinzu. »Aber ich nehme an, mich würde keiner einstellen wollen. Weil ich nicht die richtige Kleidung habe, oder?«

Sie erhielt keine Antwort, denn die Milsons sahen sich nur stumm an. Matilda fasste dies als Bestätigung ihrer Bedenken auf. Giles und Lily hatten jedoch überlegt, womit sie das Mädchen belohnen könnten, bevor sie Matilda zu sich gerufen hatten. Lily fand, dass ein Shilling und ein wenig Gemüse ausreichend seien. Giles hatte eingewandt, dass dies keine andauernden Güter seien, und vorgeschlagen, dass er sich in seiner Gemeinde umhören würde, ob nicht jemand eine Magd benötigte. Aber jetzt, da sie sauber und ordentlich vor ihm stand, mit ihrem intelligenten Blick und der Offenheit ihrer Antworten und den gerade entdeckten Fähigkeiten des Lesens und Schreibens, glaubte Giles, der Himmel hätte sie als Kindermädchen für Tabitha gesandt. Er wusste nur zu gut, dass er sich zu impulsiv verhielt und er seine Frau befragen sollte, bevor er Matilda ein Angebot unterbreitete. Ihr würden bestimmt tausend Einwände einfallen, und sie würde ihn sicher anschließend bestrafen, indem sie sich kühl und beleidigt von ihm abwandte. Aber letztendlich rechtfertigte das Ziel die Mittel. Lily brauchte Hilfe mit Tabitha, und zwar schnell.

»Wie würde es dir gefallen, bei uns als Kindermädchen für Tabitha zu arbeiten?«, platzte er heraus.

»Wie es mir gefallen würde?« Matilda vergaß jegliches manierliche Verhalten und sprang von ihrem Stuhl auf. »Mehr als alles auf der Welt, Sir.«

Giles spürte, wie Lily neben ihm zusammenzuckte. Aber angesichts Matildas begeisterter Reaktion wusste er, dass er die richtige Entscheidung getroffen hatte.

»Warst du jemals in der Kirche und hast die Bibel gelesen?«, erkundigte sich Lily in förmlichem Tonfall. Sie mochte das Mädchen zwar ebenfalls und wollte es auch belohnen, aber über die übereilte Handlung ihres Mannes war sie zutiefst schockiert. Allerdings durfte eine Ehefrau ihrem Mann nicht in der Öffentlichkeit widersprechen. Sie würde warten müssen, bis sie allein waren.

»Dafür hatte ich bisher keine Zeit und Kleidung.« Matilda strahlte. »Jedenfalls nicht seit dem Tod meiner Mutter. Aber ich habe viel in Miss Agnews Bibel gelesen. Ich mag die Geschichte von David und Goliath.«

Lily verzog missbilligend das Gesicht. Sie mochte es nicht, wenn man die Bibel in denselben Zusammenhang wie eine billige Bildergeschichte brachte. »Wenn du bei uns arbeiten solltest, müssen wir dir selbstverständlich die Heilige Schrift näher bringen«, sagte sie spitz.

Lilys scharfer Tonfall ließ Matildas Aufregung verfliegen. Plötzlich erkannte sie, dass das Angebot lediglich vom Pfarrer kam, nicht von seiner Frau. Obwohl sie ihre Seele verkaufen würde, um hier arbeiten zu dürfen, wusste sie, dass sie bei ihrem ersten Fehler wieder entlassen werden würde, wenn sie Lilys Sympathie nicht gewann. »Ich muss erst mit meinem Vater darüber sprechen«, antwortete sie nach einem Moment des Nachdenkens. »Ich meine, wer wird nach den Kleinen schauen, wenn ich nicht mehr da bin?«

Giles ahnte jedoch den wahren Grund für ihre Zurückhaltung. »Natürlich musst du deinen Vater fragen«, stimmte er ihr zu, während er seiner Frau einen warnenden Blick zuwarf. »Auch meine Frau und ich müssen uns einig sein. Wie wäre es, wenn du am Sonntag mit deinem Vater noch einmal herkommen würdest? Wir werden dann alles klären, und du könntest sofort anfangen.«

Matilda wandte sich Lily mit einem gewinnenden Lächeln zu. »Ich weiß, dass ich nicht aussehe wie ein Kindermädchen. Aber Sie brauchen keine Angst zu haben, wenn ich auf Ihre Tochter aufpasse. Sobald kleine Kinder im Spiel sind, habe ich sogar Augen im Hinterkopf. Und ich werde mich Ihnen anpassen, Madam, und zwar sehr schnell.«

»Ja, ich bezweifle nicht, dass du das könntest, Matilda.« Lily lächelte zurück. »Wir sehen uns am Sonntag.«

2. Kapitel

Lucas hörte Matildas Beschreibung der dramatischen Ereignisse des Tages halb lächelnd zu. Ihn amüsierte, wie genau Matilda das Textilgeschäft und das Pfarrhaus beobachtet hatte. Es war ihm nur zu bewusst, dass Matilda leicht hätte ums Leben kommen können, doch Lächeln war seine Art, seine wahren Gefühle und Ängste zu verbergen.

»Aber wie könnte ich dich verlassen und für sie arbeiten, Vater?«, seufzte sie. »Was ist mit den Jungen?«

Lucas atmete tief ein, bevor er antwortete. Es war fast schon Ironie des Schicksals, dass sich Matilda ausgerechnet an dem Tag eine Chance bot, an dem er selbst sich so große Vorwürfe gemacht hatte, wie sehr er seine Kinder vernachlässigt hatte. Er war einmal genauso freundlich und herzlich wie Matilda gewesen, doch die harten Jahre hatten ihn verbittert und herzlos werden lassen. Er schämte sich seiner selbst. Es war kein Wunder, dass seine Jungs sich von ihm abwandten und zu zwei kleinen Gaunern wurden. Er konnte sich nicht erinnern, wann er seine Kinder das letzte Mal mit auf einen Ausflug über die Themse genommen hatte. Er war schon lange kein guter Vater mehr.

Diese Erkenntnis hatte ihn an diesem Tag früher nach Hause kommen lassen. Er wollte mit ihnen ausgehen, Matilda einen neuen Hut, den Jungs neue Hemden und Schuhe kaufen und sie abends über den Fluss zu den Vauxhill Gardens fahren, wo sie sich gemeinsam amüsieren konnten.

Aber als er heimgekommen war, war Matilda wie ein Dienstmädchen aufgemacht und hatte ein Angebot, auch als solches beschäftigt zu werden. Die Jungen hatten sich den ganzen Tag nicht blicken lassen.

»Mach dir um die Kinder keine Sorgen«, erwiderte er vorsichtig. »Sie sind mein Problem, nicht deines. Wenn der Pfarrer ein anständiger Mann ist, musst du zu ihnen gehen.«

»Aber ich werde dich vermissen, Vater!« Ihre Augen füllten sich mit Tränen.

Lucas’ wurden die Knie weich. Matilda war der einzige Mensch in seinem Leben, der ihm wirklich etwas bedeutete. Sie war eine lebende Erinnerung an ihre Mutter und an das Glück, das sie miteinander geteilt hatten. Wenn er abends nach Hause kommen würde und Matilda nicht da wäre, würde ihm der Lebenssinn entzogen. Dennoch wusste er, dass es egoistisch wäre, sie zum Bleiben zu zwingen. Er durfte nur an sie und ihr zukünftiges Glück denken.

»Ich werde dich auch vermissen«, gestand er, wobei ihm sogar ein Lächeln gelang. »Aber mir ist es lieber, wenn ich dich nicht mehr bei mir habe, als dass du dein Leben lang durch die Straßen ziehen musst, um Blumen zu verkaufen.«

Matilda warf sich ihm in die Arme und weinte. Lucas wünschte, er könnte seine Gefühle besser ausdrücken. Er liebte alle seine Kinder. Als sie noch Babys gewesen waren, hatte er sie gefüttert, und wenn sie krank gewesen waren, war er nachts mit ihnen den Flur auf und ab gelaufen. Obwohl er James und John aller Wahrscheinlichkeit nach nie wiedersehen würde, waren sie noch immer in seinem Herzen. Doch für Matilda fühlte er etwas anderes. Er hatte Angst um sie. Allein der Gedanke, jemand könnte sie schlecht behandeln, drehte ihm den Magen um. London war so gefährlich – die vielen Ginkneipen, Bordellmütter, die nach unschuldigen Gesichtern Ausschau hielten, um sie ins Verderben zu stürzen, und die jungen Gentlemen auf der Suche nach unschuldigen Verführungsopfern ... Wie sollte er aber Matilda vorwarnen, ohne ihr Angst zu machen und ihre Gedanken zu beschmutzen?

»Deine Mutter würde wollen, dass du das Angebot annimmst«, murmelte er ihr ins Haar, dessen sauberer Geruch ihn eindrücklich an Nell erinnerte. »Sie wäre so stolz auf dich.«

Matilda spürte seinen Konflikt und liebte ihn noch mehr, weil er so stark war. »Wirst du am Sonntag mit mir kommen?«, flüsterte sie.

»Natürlich werde ich das«, gab er leise zurück. »Ich werde meine Stiefel polieren und ein sauberes Hemd anziehen. Und wenn mir das Gesicht des Pfarrers nicht passt, nehme ich dich wieder mit nach Hause.«

Am Sonntagmorgen wachte Matilda mit dem Läuten der Kirchenglocken auf. Sie war vergangene Nacht in dem glücklichen Bewusstsein zu Bett gegangen, dass dies ihr letzter Tag im Finders Court gewesen war. Doch als sich jetzt der erste zögerliche Sonnenstrahl einen Weg zu ihrem Bett suchte und sie wusste, dass sie all dies zum letzten Mal sah, hatte sie plötzlich große Angst und war nicht mehr sicher, ob sie wirklich fortgehen wollte.

Für die Milsons mochte sie nur ein Blumenmädchen sein, aber hier wurde sie mit Respekt behandelt. Ihre Schulbildung setzte sie von den anderen ab. Die Leute kamen oft zu ihr und baten sie, ihnen vorzulesen oder etwas für sie zu schreiben, und das hatte Matilda immer ein gutes Gefühl gegeben. Hier lebten auch Menschen, an die sie sich in Not wenden konnte. Viele Nachbarn erinnerten sich noch mit Zuneigung an ihre Mutter und sahen zu ihrem Vater auf. An wen würde sie sich in Primrose Hill wenden können?

Sie lauschte dem ruhigen Atem ihres Vaters und ihrer Brüder und rief sich in Erinnerung, dass sie in der kommenden Nacht allein schlafen würde. Es würde dort keine Ratten, Mäuse, Wanzen und Läuse geben. Sie würde nie wieder hungrig sein, durchlöcherte Stiefel tragen oder stundenlang auf vereisten Straßen stehen müssen, bis sie das Gefühl in Händen und Füßen verloren hätte. Vielleicht würde Mrs. Milson hart zu ihr sein, bis sie sich angepasst hatte, und auch die Idee, sich mit der Bibel auseinander setzen zu müssen, gefiel Matilda nicht besonders gut. Doch all dies konnte nicht schlimmer sein, als um vier Uhr aufzustehen und zum Covent Garden Markt gehen zu müssen.

Um halb eins war Matilda bereit zu gehen. Sie hatte nur wenige Sachen mitzunehmen, einen zweiten Umhang und einen Unterrock, den sie in eine Schürze gewickelt hatte, sowie zwei Shilling in ihrer Tasche. Sie hatte einen Topf Haferschleim gekocht und ein wenig gebratenen Speck, aber sie brachte ihr eigenes Essen kaum herunter. Die Teller und der Topf waren gespült, die Betten gemacht und der Flur gefegt. Der Anblick des leeren Blumenkorbs in einer Ecke erweckte Schuldgefühle in ihr.

Luke und George saßen auf der Bank und beobachteten ihren Vater beim Rasieren. Sie trugen beide die neuen Hemden und Schuhe, die er ihnen auf der Rosemary Lane gekauft hatte. Sie sahen ordentlich aus, auch wenn Matilda wusste, dass sie nicht lange sauber bleiben würden.

»Wirst du uns manchmal besuchen?«, fragte Luke in überraschend zittrigem Tonfall.

»Natürlich werde ich das«, versprach sie. »Bei jeder Möglichkeit, die sich bietet.«

»Ich werde deine Gutenachtgeschichten vermissen«, bekannte George mit Tränen in den Augen.

Matildas Kehle schnürte sich zu, sodass sie zunächst nichts erwidern konnte. Sie hatte nicht erwartet, dass die Kinder traurig sein würden. Sie drehte sich um und warf einen Blick in den gebrochenen Spiegel auf dem Kaminsims und band die Bänder des neuen Strohhutes zusammen, den ihr Vater ihr am Vortag geschenkt hatte, während sie versuchte, ihre Gefühle unter Kontrolle zu bringen. Die Atmosphäre im Raum glich der einer Beerdigung. Lucas zog sich den Mantel an. »Wir sollten besser gehen, es ist ein langer Fußmarsch«, meinte er.

Matilda sah die Jungen noch einmal an. »Versprecht mir, dass ihr weiter zur Schule gehen werdet und keinen Unsinn macht«, bat sie Luke und George, während sie sich hinunterbeugte und sie küsste.

»Werden wir«, sagte Luke, der an ihr hing wie eine Klette.

Als Matilda das Haus verließ und George hinter sich weinen hörte, brach ihr beinahe das Herz. Sie wusste genau, dass die beiden in einer halben Stunde mit den anderen Bengeln im Hof raufen und sicher ihr Versprechen nicht halten würden, weiter zu Miss Agnew zu gehen oder keinen Unsinn zu machen. Traurig stellte sie sich vor, wie ihr Vater Abend für Abend in ein leeres, verschmutztes Heim zurückkehren musste.

Schweigsam ließen Vater und Tochter das heruntergekommene Viertel hinter sich, das sich an einem Sonntag kaum anders präsentierte als in der Woche. Zwar waren die Geschäfte geschlossen, aber es legte sich nicht wie in anderen Teilen Londons eine besinnliche Stille über die Straßen. Es war eine fürchterliche Umgebung. Matilda war dennoch hin und her gerissen zwischen Trauer und Vorfreude. Immerhin waren diese Straßen, so schmutzig sie auch waren, ihre Heimat. Hier wusste sie, wer sie war und was von ihr erwartet wurde, und man respektierte sie und ihren Vater. In Primrose Hill würde sie eine unwissende Fremde sein. Sie hoffte inzwischen fast, dass es sich die Milsons anders überlegt hatten.

Lucas bemühte sich sehr, den Spaziergang nicht mit dem letzten Weg zum Galgen zu vergleichen, obwohl er sich für ihn so darstellte. Zwar würde er am Nachmittag wieder nach Hause gehen dürfen und immer noch seine Söhne und seine Arbeit haben, doch Matilda würde vollkommen aus seinem Leben gerissen werden, sobald er sich von ihr verabschiedet hatte. Wenn Matilda ein besseres Leben haben sollte, musste es auch so sein: entweder die vollständige Trennung oder gar keine. Er hoffte, dass er Manns genug sein würde, sie gehen zu lassen, und sein Mut ihn nicht beim letzten Abschiedskuss verließ. Er hatte Nell bitter enttäuscht, er würde dies bei Matilda nicht wiederholen.

Als sie durch Camden Town in Richtung Regents Park liefen und die Gegend etwas freundlicher wurde, hob sich langsam ihre Stimmung, während sie die hübschen Sommerhäuser, feinen Villen und die blühenden Bäume betrachteten. »Es ist eine ganze Weile her, dass ich hier gewesen bin«, bemerkte Lucas gedankenverloren, nahm Matilda bei der Hand und fasste sie wie ein Gentleman unter. »Deine Mutter und ich sind oft hier spazieren gegangen, als wir gerade verheiratet waren. Wir haben uns immer vorgestellt, wir hätten auch so ein hübsches Häuschen.«

Matilda schaute ihren Vater vorsichtig von der Seite an. »Wusstest du eigentlich auf den ersten Blick, dass du sie liebst?«

Matilda fiel es schwer, die Liebe und die Vorgänge des Werbens zu begreifen. Bereits als kleines Mädchen hatte sie im Finders Court mehr Brutalität zwischen Männern und Frauen kennen gelernt als Liebe und Zärtlichkeit. Manche der Blumenmädchen hatten ihr erzählt, dass Männer nur so lange nett waren, bis sie »es« bekommen hatten. Dennoch sprachen die wenigen Bücher, die sie über dieses Thema gelesen hatte, davon, dass die Liebe wundervoll war, und Matilda hatte immer gespürt, dass ihre Eltern die Liebe genauso erfahren hatten.

»Ich glaube, genauso muss es gewesen sein.« Lucas lachte etwas verlegen. »Jedenfalls konnte ich es von Anfang an nicht erwarten, sie wiederzusehen. Ich habe mir die Arme aus dem Leib gerudert, um nach Greenwich zu fahren, wo sie arbeitete. Sie war das einzige Mädchen für mich.«

»Hast du Peggy auch geliebt?«, wollte sie vorsichtig wissen. Sie erwartete, dass ihr Vater der Frage ausweichen oder entgegnen würde, sie solle sich um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern. Er sprach nie über Peggy.

»Nein, niemals«, antwortete er jedoch. »Und da wir gerade davon sprechen: Ich warne dich. Lass dich nie mit einem trauernden Mann ein. Sie sind für eine bestimmte Zeit nicht ganz richtig im Kopf. Sie wollen die verlorene Frau durch eine neue ersetzen, was natürlich nicht funktionieren kann.«

Matilda musste diese Weisheit erst einmal verarbeiten. Sie hatte immer männliche Bewunderer gehabt, aber sich nie ernsthaft für einen bestimmten Mann interessiert. Vielleicht war sie anders als andere Mädchen, denn die meisten in ihrem Alter lebten bereits mit einem Mann zusammen. Sie jedoch hatte noch nicht einmal einen Mann gefunden, den sie auch nur hatte küssen wollen. ›Es zu tun‹, wie die Blumenmädchen Sex umschrieben, klang in Matildas Ohren abscheulich. Dennoch war sie sich sicher, dass es anders sein müsste, wenn man den Mann liebte. Aber wie konnte sie das genau wissen?

»Woher weiß ein Mädchen, dass es geliebt wird?«, hakte sie zögerlich nach.

Lucas schaute seine Tochter an. Er wunderte sich, was eine solche Frage veranlasst hatte. »Wenn er nur das Beste für sie möchte, denke ich«, sagte er. »Wenn er über den Fluss rudern würde, nur um in ihr Gesicht zu schauen. Wenn er sein Leben für sie geben würde.«

Matildas Augen füllten sich mit Tränen. Sie ahnte, dass die Worte ihres Vaters die wahre Natur der Liebe genau erfassten. Und bis ihr ein Mann nicht solch tiefe Gefühle entgegenbrachte, würde sie sich nicht mit weniger zufrieden geben.

Während Matilda und Lucas in Richtung Primrose Hill spazierten, saßen Giles und Lily im Wohnzimmer und sprachen über Matilda.

»Ich gebe ja zu, dass sie einen gewissen Charme hat«, räumte Lily vorsichtig ein. »Aber du hast so übereilt gehandelt. Wir wissen doch fast nichts über sie.«

»Ich denke, wir wissen alles, was wichtig ist«, entgegnete Giles ruhig. »Sie ist mutig, selbstlos, ehrlich und sehr bedacht darauf, ihre Stellung im Leben zu verbessern. Sie hat Humor und ist offenherzig. Verrate mir, Lily, was gefällt dir nicht an ihr?«

»Die Art und Weise, wie sie gesprochen hat«, gab Lily schnell zurück und schauderte. »Es erinnert mich daran, wo sie herkommt.«

Giles musste beinahe lächeln. Er wusste, dass Lily sich eine filzige Bruchbude voller Ratten vorstellte. »Aggies Sprache ist auch nicht viel besser als Matildas«, bemerkte er. »Auch sie geht jeden Abend in ein Haus zurück, von dem ich nicht annehme, dass du darin leben wolltest. Aggie misstraust du deswegen nicht. Sag mir jetzt, was du an Matilda mochtest.«

Lily hatte die vergangenen Tage unablässig über dieses Mädchen nachgedacht. Sie war ihr zu Dank verpflichtet, weil sie Tabitha gerettet hatte, und ebenso wie Giles war sie von ihrer Aufrichtigkeit und ihrem Enthusiasmus begeistert gewesen. Sie wusste, dass ihr Bangen hauptsächlich durch den Gedanken ausgelöst wurde, dass Tabitha in irgendeiner Weise befleckt werden würde, wenn sich eine Fremde um sie kümmerte. Kein Mann, nicht einmal ein so verständnisvoller wie Giles, konnte diese tief wurzelnden mütterlichen Ängste nachvollziehen.

»Ich mochte ihr Aussehen. Sie hat schönes Haar und schöne Augen. Ich mochte auch die Ehrlichkeit, mit der sie über ihre Familie berichtet hat. Als sie erklärte, dass sie sich uns anpassen würde, habe ich mich gefreut.«

Giles grinste und war froh, eine positive Antwort zu hören. »Nun, Lily, ich denke, ihre positiven Eigenschaften überwiegen die negativen. Lass uns einfach abwarten, bis sie und ihr Vater zu uns kommen. Ich denke, wir werden noch einiges über sie erfahren, wenn wir ihn kennen gelernt haben.«

»Aber wirst du ihnen sagen, wir hätten es uns anders überlegt, wenn ich mit dem Kopf schüttle?«, bat Lily ihren Mann.

»Ich verspreche es dir. Du musst mir aber versichern, vernünftig zu bleiben.«

Giles’ erste Reaktion, als er Matilda und ihrem Vater die Tür öffnete, war Überraschung. Lucas Jennings war nicht der schmutzige, grobe Rohling, den er erwartet hatte. Er war nicht nur sauber gekleidet, sondern seine tiefblauen Augen strahlten auch Ehrlichkeit aus. »Ich bin froh, dass Sie Matilda begleitet haben«, begann Giles und streckte Lucas die Hand entgegen. »Ich bin Reverend Milson, kommen Sie doch herein.«

Lucas nahm etwas linkisch die Mütze vom Kopf. »Schön, Sie kennen zu lernen«, erwiderte er. »Es war sehr anständig von Ihnen, meinem Mädchen eine Stellung anzubieten.«

»Mrs. Milson und ich sind Matilda zu Dank verpflichtet. Sie hat unserer Tochter das Leben gerettet«, antwortete der Pfarrer. »Wir hoffen, dass es Ihnen bei uns gefällt und Sie Matilda beruhigt hier lassen werden.«

Lucas war für einen Moment still. Seine Hände spielten nervös mit der Mütze, die er vor der Brust hielt. »Sie ist ein gutes Mädchen und verdient eine Chance in ihrem Leben.«

Giles war erstaunt. Fährmänner waren dafür bekannt, dass sie ein stolzes und unnachgiebiges Völkchen waren, das keinerlei Hilfe von anderen Menschen annahm. Lucas musste ein intelligenter Mann und liebender Vater sein, wenn er zugab, dass Giles seiner einzigen Tochter mehr bieten konnte als er selbst.

Er brachte Lucas und Matilda direkt ins Wohnzimmer, wo Lily mit Tabitha auf dem Schoß wartete. Nachdem er Jennings seiner Frau vorgestellt und die beiden gebeten hatte, Platz zu nehmen, läutete er nach Aggie. »Ich dachte mir, wir trinken einen Tee zusammen, während ich kurz erkläre, welche Pflichten Matilda übernehmen wird.«

Aggie brachte ein Tablett mit Teeutensilien herein und zwinkerte Matilda aufmunternd zu, während sie den Tisch deckte. Obwohl dies signalisieren sollte, dass Matilda keine Angst zu haben brauchte, brach ihr angesichts der zerbrechlichen Teetassen der Schweiß aus. Hoffentlich ließ nicht ihr Vater oder sie selbst eine davon fallen! Sie würden sich unweigerlich blamieren.

Vor drei Tagen hatte sie den Raum als faszinierend und einladend empfunden, doch jetzt wirkte er mit all seinen Möbeln, Gemälden und Porzellan beengend. Sie gehörte hier nicht hin und würde es niemals tun. Matilda hatte das starke Bedürfnis, zum Finders Court zurückzulaufen, wo sie sich wenigstens frei bewegen konnte, ohne bei jedem unbedachten Schritt etwas umzuwerfen. Ihre Panik wurde noch durch das unangenehme Schweigen im Raum verstärkt.

Lily umfasste blass und ängstlich ihre Tochter. Ihr Mann hatte sich auf dem Stuhl niedergelassen und strich nervös mit dem Finger über seinen Kragen, als wüsste er nicht, wo er beginnen sollte. Lucas fixierte eines der Gemälde an der Wand, und das Ticken der Uhr auf dem Kaminsims schien unnatürlich laut zu sein. Es war Tabitha, die schließlich das Eis brach. Als ihre Mutter sie auf das Sofa setzte, um Tee einschenken zu können, wand die Kleine sich frei und lief geradewegs auf Lucas zu, schenkte ihm ein gewinnendes Lächeln und streckte ihm die Arme entgegen, um sich von ihm hochheben zu lassen.

»Du möchtest mich wohl aus der Nähe betrachten, was?« Lucas entspannte sich und lächelte anerkennend sein breitestes Lächeln. »Du bist ein niedliches Ding, genau wie Matilda mir berichtet hat.«

Er hob sie auf seinen Schoß und wiegte sie in seiner Armbeuge, wie er es mit jedem seiner eigenen Kinder früher auch getan hatte. Sie schaute zu ihm hoch und strich mit ihrer Hand über sein Gesicht, als hätte sie entschieden, dass sie jetzt Freunde seien. Die Teekanne in Lilys Hand klapperte. Sie öffnete den Mund, um Tabitha aufzufordern, von Lucas’ Schoß herunterzukommen, aber als Lucas weitersprach, schloss sie ihn schnell wieder.

»Du musst immer ein braves Mädchen für meine Matty sein«, sagte er und kitzelte sie am Kinn. »Keine Dummheiten, und du darfst ihr nie mehr davonlaufen.«

Matildas Herz hatte für einen Moment aufgehört zu schlagen, als sie Lilys erste erschrockene Reaktion bemerkt hatte, doch sie spürte, dass sich die Atmosphäre bei den Worten ihres Vaters erwärmte. Lily und Giles lächelten und entspannten sich. Es war ein guter Moment, und Matilda war nie stolzer auf ihren Vater gewesen. Mit einer einzigen, intuitiven Geste hatte er den tiefen Abgrund zwischen den Klassen überbrückt und ihr einen Weg gezeigt, die Sympathie der Milsons zu erlangen. Alles, was sie tun musste, war, ihr Kind zu lieben.

»Ich hatte beinahe vergessen, dass Sie sich mit Kindern bestens auskennen, Mr. Jennings«, meinte Lily, wobei ihr verkniffenes Gesicht plötzlich fast hübsch aussah. »Natürlich versucht man, ihnen beizubringen, mit Fremden vorsichtig zu sein, aber es scheint, dass Tabitha eine gute Menschenkenntnis hat.«

»Sie erinnert mich an die Zeit, als Matty noch klein war«, gab er zurück und schaute zärtlich zu dem kleinen Mädchen hinab. »Sie kletterte damals immer auf meinen Schoß, sobald ich mich hingesetzt hatte. Die Jungen waren eher zurückhaltend.«

Matilda lehnte sich in erstauntem Schweigen zurück, als ihr Vater und Lily weiter über Kinder plauderten. Sie hatte nicht erwartet, dass sich Lucas mit Menschen außerhalb seiner Klasse unterhalten könnte, schon gar nicht über häusliche Angelegenheiten. Erst nachdem der Tee nachgefüllt worden war, brachte Giles schließlich das Gespräch auf Matildas zukünftige Pflichten.

»Deine Hauptaufgabe wird sein, im Kinderzimmer auf Tabitha aufzupassen«, erklärte er. »Aber wenn sie schläft oder mit Mrs. Milson unterwegs ist, solltest du Aggie auch ein wenig im Haushalt helfen. Wir würden dir einen Shilling im Monat zahlen, und am Dienstag hättest du deinen freien Nachmittag.«

Ihre zukünftige Arbeit schien sehr leicht zu bewältigen zu sein, überlegte Matilda. Immerhin war sie es schon gewohnt gewesen, allein auf zwei Kinder aufzupassen, als sie selbst noch ein kleines Mädchen gewesen war, und damals hatte sie nicht den Luxus gehabt, der sie hier erwartete. Natürlich hatte sie noch nie ein Bügeleisen benutzt oder Silber poliert, und auch ihre Kochkünste waren eher begrenzt, doch sie war überzeugt, diese Dinge schnell lernen zu können.

Als Lucas das Läuten der Uhr hörte, spürte er, dass er nun derjenige war, der alles abschließen musste. Er war vollkommen überzeugt, dass Matilda hier gut aufgehoben sein würde, aber auch er hatte eine gewisse Zurückhaltung auf Lilys Seite gespürt. »Ich hoffe, ich dränge Sie nicht, doch ich muss zurück zu meinen Jungen«, erklärte er und stand auf. »Möchten Sie beide, dass Matilda für Sie arbeitet, oder wird sie mit mir nach Hause kommen?«

Giles schaute zu seiner Frau hinüber, die ihm zustimmend zunickte. »Natürlich möchten wir, dass sie für uns arbeitet, Mr. Jennings«, antwortete er, während er aufstand und dem Mann die Hand schüttelte. »Wenn Sie einverstanden sind, kann sie direkt beginnen. Ich hoffe nur, dass Sie ohne Matildas Hilfe mit den Jungen zurechtkommen.«

»Machen Sie sich deswegen keine Gedanken«, entgegnete er mit einem breiten Lächeln, das seine schadhaften Zähne entblößte. »Ich werde schon ganz gut ohne sie fertig. Also, Matty, sei ein gutes Mädchen, und gib das Lesen nicht auf.«

»Dafür werde ich schon sorgen«, meldete sich Lily zu Wort, während sie ihn von der Couch aus anlächelte. Sie konnte zwar nicht sagen, dass sie mit Matilda überglücklich war. Wie Aggie ihr erzählt hatte, müssten sich ihre Essgewohnheiten noch sehr stark ändern, und auch an ihrer Sprache würde sie feilen müssen. Doch Matilda hatte den ganzen Nachmittag nichts Falsches von sich gegeben, wobei sie natürlich insgesamt eher wenig gesprochen und stattdessen mit geweiteten Augen um sich geschaut hatte. Aber von Mr. Jennings war Lily begeistert. Er war ein anständiger und würdevoller Mann. Sie hatte vor diesem Gespräch große Angst gehabt und halb erwartet, er würde ihr Silber stehlen und auf den Boden spucken.

»Also gut, Matilda, warum führst du deinen Vater nicht zur Tür?«, schlug sie in einem warmen Tonfall vor. »Sicher wollt ihr noch ein paar Minuten allein sein.«

An der Haustür umarmte Matilda ihren Vater fest und musste gegen ihre Tränen ankämpfen.

»Sei bloß nie unverschämt zu ihnen«, mahnte Lucas heiser, während er sie eng umfasst hielt. »Lerne von ihnen, so viel nur möglich ist, und werde eine richtige Dame!«

»Ich besuche dich an meinem freien Nachmittag«, flüsterte sie.

Zu ihrer Überraschung fasste er ihre Schultern und schüttelte sie mit einem plötzlich sehr strengen Gesichtsausdruck. »Oh nein, Matty, das wirst du nicht tun. Du kommst nicht mehr zu uns.«

Sie dachte, er würde sie nicht mehr wiedersehen wollen, und schließlich begannen die Tränen, die sie zurückgehalten hatte, zu rollen. »Willst du mich nicht mehr sehen?«, schluchzte sie.

»Natürlich will ich das«, antwortete er schroff. »Ich meinte nur, dass du nicht mehr zu uns kommen sollst. Ich treffe dich Dienstag um fünf bei Holy Joe’s.«

»Aber warum, Vater?«, fragte sie verwirrt. »Ich dachte, du möchtest, dass ich nach Hause komme und euch ein Abendessen koche?«

Für einen Moment sah er sie nur schweigend an. Seine blauen Augen, die den ihren so glichen, waren traurig und getrübt. »Du bist diesem Ort nun entkommen, und ich möchte nicht, dass du noch einmal in seine Nähe kommst«, erklärte er schließlich. »Schau nie zurück, Matty. Nie und nimmer.«

Später an diesem Abend lag Matilda im Bett in ihrem kleinen Raum direkt neben dem Kinderzimmer und genoss glücklich die Wärme und den Platz, den sie nun für sich hatte, die vollständige Ruhe und das Gefühl der weichen, wohlriechenden Laken auf ihrer Haut. Ihre Kindermädchentracht, ein einfaches dunkelblaues Kleid, hing hinter der Tür, und eine schneeweiße Haube und Schürze lagen für den nächsten Tag auf einem Stuhl bereit. Sie war noch keine acht Stunden im Pfarrhaus, aber in dieser kurzen Zeit war sie mit so vielen ihr unbekannten Dingen und Erfahrungen konfrontiert worden, dass sie vor lauter Aufregung nicht schlafen konnte.

Es mochte das kleinste, unauffälligste Haus des Viertels sein, doch ihr erschien es dennoch riesig. Abgesehen von der Küche und dem Wohnzimmer, gab es noch ein Esszimmer und einen Raum mit vielen Büchern, den Giles sein Studierzimmer nannte. Im oberen Stockwerk gab es vier Räume, und jeder war voller Möbel – Kommoden, Stühle und seltsame kleine Tische, deren einziger Zweck es war, Schmuckgegenstände zu präsentieren –, und alles war so aufpoliert, dass es wie Glas funkelte. Öllampen hatte sie bis heute nur aus der Entfernung gekannt, aber Lily hatte ihr gezeigt, wie man sie auffüllte, die Dochte einsetzte und sie anzündete. Jede einzelne Lampe erhellte einen Raum besser, als es ein Dutzend Kerzen vermochten. Im Kinderzimmer gab es ein Gitter vor dem Feuer, um zu verhindern, dass Tabitha sich verletzte. Fleisch wurde in speziellen Behältern aufbewahrt, um es vor den Fliegen zu schützen. Dass sie sich jemals an die große Anzahl Teller und Servierplatten in diesem Haus gewöhnen würde, konnte sich Matilda nicht vorstellen. Zu Hause hatte es nur einen Blechteller für jeden gegeben, der nach dem Essen so sauber geleckt wurde, dass man ihn eigentlich nicht mehr spülen musste. Hier gab es Zuckerlöffel, Buttermesser, Schüsseln und Teller für Speisen, von denen sie noch nie gehört hatte. Sogar die Nachttöpfe waren mit hübschen Blumen dekoriert.

Matilda sah das Haus der Milsons nicht nur als Arbeitsplatz, sondern auch als Ort, an dem sie viele Chancen wahrnehmen konnte. Giles hatte ihr versprochen, sie dürfte jedes Buch in der Bibliothek lesen, das sie interessierte. Lily würde ihr das Nähen beibringen, und Aggie wollte ihr zeigen, wie man kochte und wusch. Es war alles so aufregend, und Tabitha war das bewundernswerteste, gutmütigste Kind, das sie je getroffen hatte.

Es gab nur eine dunkle Wolke am Horizont. Matilda hatte bemerkt, wie Lily einige Male die Miene verzogen hatte, und sie vermutete, dass Lily nicht gefiel, wie sie sprach und wenig vornehm aß. Doch sie würde sich hiervon nicht allzu sehr beunruhigen lassen. Wenn sie Lily genau beobachten und ihr zuhören würde, könnte sie sicher bald ihr vornehmes Verhalten und ihre schöne Art zu reden kopieren.

Während sie so im Bett lag und über die Ereignisse des Tages nachdachte, begann sie auch, den Wunsch ihres Vaters ein wenig besser zu verstehen, sie sollte nicht zum Finders Court zurückkehren. Ihre eigene Mutter war vom Lande gekommen, um in einem solch schönen Haus wie diesem zu arbeiten, und wenn sie sich nicht in einen Fährmann verliebt hätte, wäre ihr Leben weiterhin sicher und bequem gewesen. Matilda war beim Tod ihrer Mutter zu jung gewesen, um wissen zu können, ob Nell ihre Hochzeit mit Lucas bereut hatte, aber ganz offensichtlich war er überzeugt davon, seine Frau und Familie enttäuscht zu haben. Jetzt, da seine Tochter die Chance bekam, ihre Stellung zu verbessern, wollte er, dass nichts und niemand sie davon abhielt, die Stufen der gesellschaftlichen Leiter zu erklimmen.

Sie vermutete, sein Ratschlag, niemals zurückzuschauen, war weise und gut gemeint. Aber glaubte er wirklich, sie könnte ihre Vergangenheit und Wurzeln so leicht vergessen? Sie war überzeugt, dass viele ihrer Erfahrungen aus den vergangenen, harten Zeiten es sicher wert wären, mit in ihr neues Leben genommen zu werden.

Während Matilda langsam einschlief, lag Lily Milson vollkommen wach im Bett neben ihrem Mann und war wegen des neuen Kindermädchens äußerst besorgt.

»Sie isst wie eine Wilde, Giles«, flüsterte sie in die Dunkelheit. »Sie reißt das Essen auseinander, kaut mit offenem Mund – und diese Geräusche, die sie beim Trinken macht!«

»Sie kann nichts dafür, keiner hat es ihr jemals beigebracht«, erwiderte Giles beruhigend. »Denk doch mal daran, wie gut sie zu Tabitha ist. Sie hat sie heute Abend genauso zärtlich und vorsichtig gebadet wie du.«

»Aber was werden wir tun, wenn Tabitha ihre Art zu reden und zu essen annimmt?«

Er legte den Arm um seine Frau und kuschelte sie an seine Schulter. »Dann werden wir ihnen beiden gute Manieren beibringen«, sagte er einfach. »Schlaf jetzt, Liebes. Wir werden gemeinsam etwas aus ihr machen. Sie ist stark, lernfähig und intelligent. Ich denke, wir haben einen ungeschliffenen Diamanten gefunden.«

Er spürte, wie steif und angespannt seine Frau war. Sie würde sicherlich die halbe Nacht wachliegen und sich fürchterliche Geschichten ausmalen. Doch weil er wusste, dass er nicht mehr zu ihrer Beruhigung vorbringen konnte, gab er vor, eingeschlafen zu sein.

Giles bewunderte eigentlich die Güte seiner Frau, ihren Mangel an Eitelkeit, ihre Bemühung, das Familienleben harmonisch zu gestalten, und ihre häuslichen Fähigkeiten. Aber manchmal spürte er, dass er besser eine weltklügere und robustere Frau gewählt hätte. Sie sorgte sich wegen der unbedeutendsten Kleinigkeiten, und seit Tabithas Geburt war sie fahrig und furchtsam. Hier in St. Marks war sie sicher die perfekte Pfarrersgattin, da alle um sie herum der Klasse entstammten, in die sie selbst hineingeboren worden war. Aber wie würde sie sich zurechtfinden, wenn er jemals an einem anderen Ort arbeiten würde?

Die letzten Jahre in Primrose Hill waren sehr angenehm gewesen, doch Giles hatte sich nicht für diesen Beruf entschieden, um sich Wohlstand und Annehmlichkeiten zu sichern. Seiner Meinung nach würde für St. Marks auch ein älterer Pfarrer infrage kommen, der am liebsten den bereits Bekehrten predigte, während man ihn selbst besser an einen Ort senden sollte, an dem er mehr gefordert würde.

Mit dem Bischof von London, der seine Ansicht teilte, hatte er hierüber schon des Öfteren lange diskutiert, aber das Problem lag bei Lily. Ihre Befürchtungen bezüglich Matilda waren ein exakter Spiegel ihres allgemeinen Verhaltens gegenüber den Armen. Sie fühlte zwar mit ihnen und verurteilte Ungerechtigkeiten genauso vehement wie er, doch Schmutz und die Möglichkeit von Krankheit stießen sie so ab, dass sie wahrscheinlich selbst krank werden würde, wenn man sie zwingen würde, nah bei den Armen zu leben. Vielleicht war genau diese Befangenheit seiner Frau der Grund, warum er Matilda so vorschnell ein Angebot unterbreitet hatte. Wenn das Mädchen sich hier bewähren würde und seine Frau dadurch bewegen könnte, ihre Ängste zu überwinden, wäre Lily möglicherweise bald bereit, mit ihm weiterzuziehen. Vielleicht würde – wenn Lily ein wenig Arbeit abgeben konnte – auch die Frau wieder zum Vorschein kommen, die er geheiratet hatte. Es war schon lange her, dass sie ihm mit Leidenschaft begegnet war.

Der Bischof hatte gesagt, dass junge englische Geistliche in Amerika dringend gebraucht würden, und Giles wusste in seinem tiefsten Inneren, dass dies der Weg war, den Gott ihn gehen sehen wollte. Dennoch wünschte er sich, dass seine Frau ihm freudig und gewillt auf diesem Pfad folgen würde.

Eine Woche später, am Sonntagmorgen, saß Matilda mit Lily und Tabitha in der Kirche und schaute zu Reverend Milson auf der Kanzel hoch. Sie fand, dass er sehr gut aussah mit seinen glänzenden schwarzen Locken, die fast seine Schultern berührten. Auch die Kirche fand Matilda wunderschön, besonders die Fenster mit den bunten Bildern. Ein leichter Blumenduft lag in der Luft. Am liebsten hätte sie sich umgedreht und all die Menschen betrachtet. Das Rascheln von Seide und der Geruch der verschiedenen Parfums waren so fesselnd, aber sie wusste genau, dass Lily sie später testen würde, wenn sie merkte, dass Matilda nicht an Giles’ Lippen hing.

Er hielt seine heutige Predigt über die Todsünde der Habsucht. Sie wollte diesen Begriff gern verstehen, doch sie hatte schon lange den Faden verloren, da Tabitha sie vom Zuhören abhielt. Sie saß neben Matilda und ihrer Mutter, wand sich und trat gegen die kleine Betbank vor ihnen. In ihrem gelben Kleidchen und den passenden Schuhen sah sie herzallerliebst aus, aber Matilda war inzwischen klar geworden, dass dieses Mädchen nicht so brav war, wie es aussah, und eine strenge Führung benötigte.

Auch Lily war anders, als Matilda erwartet hatte. Sie hatte eine freundliche Natur, war in den meisten Angelegenheiten fair und gerecht, doch in vielen Beziehungen auch sehr penibel. Nichts entging ihrem strengen Blick, kein Haar, das sich aus Matildas Haube gelöst hatte, kein Staubkörnchen auf den Möbeln. Die Rechnungen der Lieferanten prüfte sie mehrmals, und jedes Wäschestück wurde auf verbliebene Flecken untersucht. Matilda vermutete, dass die meisten Damen sich so verhielten, aber sie hatte dennoch den Eindruck, dass Lily unterschwellig traurig war und ein Leid verbarg, als wäre in ihrem Leben etwas nicht in Ordnung, und sie deshalb doppelt so hart arbeitete, um vorzutäuschen, dass alles wunderbar wäre.

Aggies größter Vorwurf gegenüber Lily war die Art und Weise, wie sie nichts verschwendete. Sie meinte, dass eine Dame sich nicht durch solchen Geiz erniedrigen sollte. Doch Matilda war nicht sicher, auf wessen Seite sie stehen sollte. Da sie die meiste Zeit ihres Lebens hungrig gewesen war, freute sie sich, dass übrig gebliebenes Fleisch und Gemüse zu Suppen verarbeitet wurden – und nicht mehr ganz frisches Brot zu Pasteten. Dennoch wurde sie den Gedanken nicht los, dass sie an Lilys Stelle die wenigen Reste an die Armen auf der Straße verteilen würde.

Matildas Gedanken wandten sich wieder der Predigt zu, als sie das Wort »Maßlosigkeit« hörte. Sie war in der letzten Woche mehrfach wegen ihres »undamenhaften Appetits« zurechtgewiesen worden, wie Lily es nannte. Doch was konnte sie dagegen tun, da sie doch ihr Leben lang hungrig gewesen war? Die Mahlzeiten, die Aggie zubereitete, ließen ihr das Wasser im Mund zusammenlaufen, und es gab so viele Dinge, die sie vorher nie probiert hatte. Die Ochsenschwanzsuppe war so gut, dass sie ganze Kübel davon trinken konnte. Fleischsaft über gerösteten Kartoffeln, Reispudding und Schokoladenkuchen ... Sogar an den Abenden, wenn sie zum Beten ins Wohnzimmer gerufen wurde, schweiften ihre Gedanken zu Aggie ab, und sie überlegte dann, was sie wohl am kommenden Tag kochen würde.

Doch Matilda hatte nicht nur erfahren, dass Tabitha und Lily nicht waren, wie sie schienen, sondern auch ihre Arbeit stellte sich als sehr viel anstrengender heraus, als sie vermutet hatte. Tatsächlich war sie abends oft noch erschöpfter als zu ihren Zeiten als Blumenmädchen. Lilys Liebe zur Sauberkeit forderte Matilda eine Menge Arbeit ab. Sie musste eimerweise heißes Wasser zum Putzen die Treppen hochschleppen und sie dann zum Leeren wieder hinuntertragen. Jeder Nachttopf musste mit brühend heißem Wasser gereinigt, die Bettwäsche ausgekocht werden.

Morgens brauchte sie eine gute Stunde, um Tabitha anzuziehen. Erst musste sie von Kopf bis Fuß gewaschen werden, und nachdem sie ihr Geschäft auf dem Nachttopf erledigt hatte, musste ihr Haar gebürstet werden. Schließlich musste Matilda ihr all die Wäsche und Unterröcke anziehen, bevor sie ihr das Kleid überstreifen konnte.

Die Mahlzeiten waren eine unendlich andauernde, anstrengende Prozedur, während der Matilda unter scharfer Beobachtung durch Lily stand. Sie musste nicht nur darauf achten, ihr Essen nicht hemmungslos herunterzuschlingen, sondern auch noch die zahlreichen Regeln beachten. Messer durfte man nur zum Schneiden benutzen und um damit Essen auf die Gabel zu schieben. Das Glas nahm man mit der rechten Hand, die Lippen mussten beim Kauen geschlossen bleiben, Fruchtkerne durften nicht ausgespuckt, sondern mussten auf den Tellerrand gelegt werden. Allem voran musste sie natürlich Tabitha helfen und sie dazu bewegen, alles zu essen, was gekocht wurde.

In den vergangenen Tagen war Matilda des Öfteren der Gedanke gekommen, dass die oberen Klassen einiges von den Armen lernen konnten, besonders was die Kindererziehung anging. Kleinkinder wurden schneller trocken, weil man ihnen nicht so oft die Windeln wechselte. Sie aßen alles, was man ihnen vorsetzte, da sie nicht wussten, wann man ihnen das nächste Mal etwas anbieten würde. Außerdem konnten sie sich beim Spielen viel freier bewegen, da sie nicht so beengende Kleidung trugen. Die arme Tabitha konnte sich mit all ihren Unterröcken kaum auf dem Boden des Kinderzimmers niederlassen, um mit ihrer Puppe zu spielen, und nachmittags im Regents Park konnte sie nicht einfach draufloslaufen. Kein Wunder, dass sie so unruhig war.

Dennoch lernte Matilda eine Menge und hätte es nie gewagt, solche Gedanken zu äußern. Am besten gefielen ihr die Spaziergänge am Nachmittag und die Stunde, bevor Tabitha ins Bett ging. Dann brauchte sie sich nicht mehr zu verstellen und durfte dem Mädchen Geschichten erzählen wie früher ihren Brüdern. Die Abende dagegen waren fürchterlich. Wenn sie nicht Silber polieren oder etwas flicken musste, war sie schrecklich einsam und dachte an ihren Vater. In diesen Momenten fragte sie sich, wie sie zu Hause ohne sie zurechtkamen. Manchmal vermisste sie den Lärm in den Straßen und wünschte sich, sie wäre wieder dort.

Doch jetzt saß sie hier in der Kirche, sauber und mit vollem Magen. Mit Tabithas Hand in der ihren fühlte sie sich glücklich. Sie war sicher, dass Lily langsam begonnen hatte, ihr Vertrauen zu schenken, und war davon überzeugt, dass sie sie sogar mögen würde, sobald sie mehr von ihr gelernt hatte.

Als sie etwas aufschnappte von »Teilt eure Güter mit den weniger Begünstigten«, schaute sie zu Giles hoch und sah, dass sein Blick lächelnd auf ihr ruhte. Sie erwiderte sein Lächeln. Es mochte sein, dass man es Lily schwer recht machen konnte und sie kaum zu durchschauen war, aber Giles war ein wahrer Gentleman. Er versuchte nicht, sie zum Glauben zu bekehren, wie sie eigentlich erwartet hatte, und bedankte sich für alles, was sie für ihn tat, selbst wenn sie ihm nur beim Hereinkommen den Mantel abnahm. Er fragte sie oft, wie sie vorankomme, und freute sich an ihren Lernerfolgen. Er hatte ihr sogar seine Ausgabe von Oliver Twist geliehen, als sie ihm gestanden hatte, dass sie nur den ersten Teil kannte. Sie mochte seine freundlichen dunklen Augen, seine vollen Lippen und seine langen, schlanken Finger. Sie dachte, dass Lily mit einem solchen Gatten die glücklichste Frau auf Erden sein musste.

»Halt Tabithas Hand fest, und warte hier auf mich«, bat Lily Matilda, als sie die Kirche nach dem Gottesdienst verlassen hatten. »Ich muss mich mit ein paar Gemeindemitgliedern unterhalten.«

Matilda war sehr erfreut, im Kirchhof warten zu dürfen. Es war die ideale Gelegenheit, die Menschen zu beobachten, die Giles »seine Herde« nannte. Tatsächlich hatten sie eine leichte Ähnlichkeit mit Schafen, fand Matilda, wie sie so eng aneinander gedrängt dastanden und dem Pfarrer und seiner Frau im Vorbeigehen einen Gruß entgegenblökten. Sie fragte sich flüchtig, ob die eleganten Herren in Zylinder, Frack und gebügelten weißen Hemden dieselben waren, die sie manchmal mit den leichten Mädchen am Arm auf dem Haymarket gesehen hatte.

Matilda war sich bewusst, dass man sie von allen Seiten beobachtete, was ihr sehr unangenehm war. Aggie hatte ihr anvertraut, jeder in der Gegend wisse, dass Lily wegen ihrer Angst vor schrecklichen Krankheiten nie ein Kindermädchen eingestellt hatte. Die neugierigen Blicke verrieten, dass Matilda sicher das Hauptgesprächsthema während des Mittagessens sein würde.

Sie hoffte, dass man sie nicht ansprach, denn wenn man sie reden hörte, würde man sofort ihre Herkunft erraten können. Noch während ihr dies durch den Kopf ging, fragte sie sich, warum sie sich daran stören sollte. Noch vor einer Woche hatte sie nicht im Traum daran gedacht, etwas anderes sein zu wollen als die Tochter eines Fährmanns. Wurde sie etwa langsam hochmütig?

Es war sehr warm, als Matilda das Pfarrhaus an ihrem ersten freien Nachmittag verließ, um ihren Vater zu treffen. Sie trug ein neues Kleid, das Lily ihr an diesem Morgen geschenkt hatte. Es war das hübscheste, das sie je gesehen hatte. An manchen Stellen war es zwar etwas abgetragen, aber in Kombination mit dem Strohhut, den ihr Vater ihr gekauft hatte, fand sie, dass sie großartig und sehr damenhaft aussah.

Sie ließ sich ein wenig Zeit und schaute in die Schaufenster. Dabei bewunderte sie eher ihr Spiegelbild in den Scheiben als die Auslagen. Es war fast fünf Uhr, als sie die St. Josephs Kirche erreichte – oder Holy Joe’s, wie sie von all ihren Bekannten genannt wurde. Ihr Vater wartete bereits auf sie und saß draußen auf einer Bank. Die Kirche grenzte an das berüchtigte Viertel Seven Dials, die Gegend mit äußerst heruntergekommenen Wohnhäusern und vielen Gaunernestern. Dort war es noch elender und gefährlicher als in der Rosemary Lane. Sie vermutete, dass ihr Vater sie in der laubigen Stille des Kirchhofs treffen wollte, weil die Straßen, die hierher führten, breit und verhältnismäßig sicher waren. Sie rannte auf Lucas zu, und er stand eilig auf, um die Arme auszubreiten und sie aufzufangen, wie er es früher getan hatte, als sie noch klein gewesen war.

»Wunderschön siehst du aus«, bemerkte er, als er sich aus ihrer heftigen Umarmung befreit hatte. »Man sieht, dass sie dir gut zu essen geben, so rosig schaust du aus!«

Lucas haftete der seltsam ölige Flussgeruch an, den Matilda nur selten wahrgenommen hatte, als sie noch bei ihm gelebt hatte.

»Ich hatte heute Morgen einen kleinen Unfall«, berichtete er, als ihm auffiel, dass sie erstaunt seine nasse Hose und triefenden Stiefel betrachtete. »Der idiotische Soldat Lascar hatte Opium geraucht, das hätte ich mir eigentlich denken können. Er fragte mich, ob ich sein Schiff einholen könnte, das schon abgelegt hatte. Es hätte mich beinahe das Leben gekostet, ihn dorthin zu rudern. Als ich dann endlich neben dem Schiff war und seine Kameraden ein Seil zu ihm herabließen, ist er plötzlich wie ein Verrückter aufgesprungen, sodass das Boot umkippte.«

Matilda lachte. Selten gab es einen Tag auf der Themse ohne solche Begebenheiten, und die Zeit, in der Lucas seine Geschichten erzählte, war meist der beste Teil des Tages gewesen.

»Ich bin dann nach Hause und habe mir zumindest ein frisches Hemd angezogen. Wer möchte schon mit einem Fährmann fahren, der aussieht, als könnte er sein Boot nicht steuern?«

»Was ist mit Lascar? Hast du ihn ertrinken lassen?« Matilda kicherte.

»Nein, nein, er ist wie ein Affe am Schiff hochgeklettert. Glücklicherweise hat er mir vorher noch die Fahrt bezahlt.«

Sie suchten sich eine Bank in einem ruhigen Teil des Friedhofs. Matilda erzählte ihm alle Neuigkeiten in einem langen Monolog. Es erinnerte Lucas an Nells Erzählungen darüber, was der Kapitän zu Mittag gegessen, welche Gäste er eingeladen hatte und wie viel Wein getrunken worden war. Es war erschütternd, Matilda von Dingen wie Laken und Bettwäsche reden zu hören. Bis heute hatte Lucas vergessen, dass auch Nell solchen Luxus damals in seinem Haus eingeführt hatte – nach dem Feuer hatte sie mehr über den Verlust der Wäsche getrauert als über irgendetwas anderes.

»Madam sagt, dass ich jeden Samstag ein Bad nehmen soll«, beendete sie ihre Erzählung. »Jede Woche, Vater! Ich frage mich, ob meine Haut in ein paar Monaten nicht abgewaschen sein wird!«

Lucas lachte. Nell hatte das Baden auch geliebt, als sie noch in Aldgate gewohnt hatten. Eine seiner schönsten Erinnerungen war, als er einmal von der Arbeit gekommen war und Nell halb schlafend in der Wanne vorgefunden hatte. Ihre Haut war rosig und wohlriechend gewesen. Er wollte sie an Ort und Stelle lieben, aber sie bestand darauf, dass er zuerst zu ihr in die Wanne stieg. Sie wusch ihn dann wie ein kleines Kind von Kopf bis Fuß. Die folgende wunderschöne Nacht war ihm fest im Gedächtnis geblieben.

»Also bist du glücklich dort?«, wollte er wissen.

»Ja, das bin ich. Aber ich vermisse dich und die Jungen trotzdem«, meinte sie.

»Verschwende nicht deine Zeit mit Gedanken an uns«, ermahnte er sie scharf. »Wir kommen ganz gut ohne dich klar.«

Ihr Lächeln verschwand, und Lucas schämte sich. Doch wenn er ihr die Wahrheit erzählen würde – dass die Jungen seit Tagen nicht zu Hause gewesen waren, der Raum nicht mehr gefegt und das Feuer nicht angezündet worden war, seit sie fort war –, würde sie sich nur unnötig Sorgen machen.

»Luke hat sich etwas gebessert«, log er. »Vermutlich denkt er, er sei nun erwachsen. Aber erzähle mir doch von dem Buch, das du gerade liest.«

Matilda fühlte, dass er die Wahrheit vor ihr verbarg. Sie wollte ihm gern von Charles Dickens erzählen und dass er über die Armen schrieb und ihm die Gefahren, in die kleine Jungen geraten können, durchaus bekannt waren. Aber dann würde ihr Vater sicher bemerken, dass sie seine Lüge durchschaut hatte. Deshalb brachte sie ihn mit einer Beschreibung von Mr. Bumble, dem Waisenhausaufseher aus Oliver Twist, zum Lachen.

»Vielleicht kann ich es eines Tages mitbringen und dir daraus vorlesen«, schlug sie vor. Ihr Vater konnte nur ein paar Worte schreiben, ein ganzes Buch zu lesen läge außerhalb seiner Fähigkeiten.

»Das wäre grandios«, gab er mit funkelnden Augen zurück. »Aber es ist Zeit zu gehen, du hast einen weiten Weg, und ich muss zum Fluss zurück.«

Er begleitete sie noch ein Stück. Sie sah so hübsch aus, dass er sie nicht gern allein durch die Straßen gehen lassen wollte. Matilda küsste ihn zum Abschied und umarmte ihn für einen Moment. Sie sog den vertrauten Geruch ein, mit dem sie aufgewachsen war. Es war zwar sehr schön, im Pfarrhaus zu leben und eine Stufe der gesellschaftlichen Leiter nach oben geklettert zu sein, doch würde ihr Vater sie fragen, ob sie wieder bei ihm leben wollte, könnte sie es ihm niemals abschlagen.

»Jetzt geh nach Hause, Matty, und polier dein Silber. Wer weiß, vielleicht wirst du eines Tages selber welches besitzen.«

Es war in einer heißen Augustnacht, fünf Monate nachdem Matilda ihre Arbeit im Pfarrhaus aufgenommen hatte, als sie Lilys entsetzten Schrei hörte. Giles war den ganzen Abend aus gewesen, sodass Lily und Matilda allein das Nachtgebet um halb zehn gesprochen hatten. Matilda war danach ins Bett gegangen und hatte Lily lesend im Wohnzimmer zurückgelassen.

Sie dachte, ein Einbrecher müsse im Haus sein und ihre Dienstherrin bedrohen. Matilda sprang aus dem Bett und rannte zum Treppengeländer. Aber als sie Giles’ tiefe Stimme hörte, blieb sie zögernd auf der obersten Stufe stehen und war geschockt, dass die beiden sich genauso lauthals streiten konnten wie ihre Nachbarn im Finders Court.

Im ganzen Haus war es heiß und stickig. Obwohl alle Fenster im oberen Stockwerk weit geöffnet waren, kam keine frische Brise herein, nur der Gestank aus dem Abflusssystem. Es war fast wie früher im Finders Court, abgesehen davon, dass es draußen völlig still war. Seit vier Wochen hatte es nicht mehr geregnet, und jeden Tag war es heißer geworden. Sie hatten die Milch abkochen müssen, damit sie nicht schlecht wurde. Die Butter zerfloss zu Öl, und Lily misstraute Fisch und Fleisch, sodass sie in der vergangenen Woche nichts außer Gemüse und Eiern gegessen hatten. Nicht, dass irgendjemand viel essen konnte. Tabitha war kränklich und lustlos, Lily sah die meiste Zeit aus, als würde sie bald in Ohnmacht fallen, und selbst Aggie, die sich selten beschwerte, meinte, sie könne die Hitze in der Küche nicht länger ertragen.

Als Gerüchte über eine Choleraepidemie im nahen Slumviertel Seven Dials in der Nachbarschaft aufgekommen waren, hatten viele der Leute ihre Sachen zusammengepackt und waren zu Freunden und Verwandten aufs Land gefahren. Lily hatte Giles angefleht, sie und Tabitha zu ihrem Onkel nach Bath zu schicken. Er aber meinte, es sei ihre Pflicht, hier zu bleiben.

Zuerst dachte Matilda, dass dies der Grund ihres Streites wäre, denn sie hörte Lily rufen:

»Du bist so egoistisch, Giles. Hast du jemals bedacht, was Tabby passieren könnte?«

»Was sollte ihr dort zustoßen, wovor sie hier geschützt wäre?«, erwiderte Giles.

Matilda wunderte sich über Lilys Antwort.

»Es gibt Wilde dort. Sie skalpieren die Menschen, und denk an die vielen Strafgefangenen und Fremden.«

Sie konnten also nicht über Bath sprechen, denn Matilda hatte bislang immer nur erzählt bekommen, dass dies ein ruhiger und sehr eleganter Ort war. Sie beugte sich gespannt über das Treppengeländer und lauschte.

»In New York gibt es keine Wilden«, entgegnete Giles mit angespannter Stimme. »Und man hat schon vor Jahren aufgehört, Gefangene dorthin zu transportieren. Was die Fremden angeht – auch London ist voll von ihnen.«

»Aber ich könnte es nicht ertragen«, rief Lily. »Bist du wirklich so grausam, dass du deiner Frau und deinem Kind alle Annehmlichkeiten nehmen und uns zwingen möchtest, deinen Launen zu folgen?«

»Darf ich dich daran erinnern, Lily, dass ich ein Diener Gottes bin?«, bemerkte er eiskalt. »Wenn es Gottes Wille ist, dass ich sein Wort nach Amerika trage, ist es sicher keine Laune, sondern meine heilige Pflicht zu gehen. Wenn du das als grausam empfindest, weil du lieber in der Bequemlichkeit von St. Marks leben möchtest, kann ich nur sagen, Lily, dass du vielleicht keine geeignete Gattin für einen Geistlichen bist.«

Matilda traute ihren Ohren nicht. Bislang hatte sie Giles nur voller Zuneigung mit seiner Frau sprechen hören. Abgesehen davon fragte sie sich, was mit ihr selbst geschehen würde, sollten die Milsons nach Amerika gehen. Matilda ging zurück auf ihr Zimmer und legte sich ins Bett. Panik überkam sie, als sie in der Dunkelheit lag und nachdachte. Sie hatte in den letzten fünf Monaten so viel erreicht. Nur noch selten kritisierte Lily ihre Tischmanieren. Sie konnte inzwischen kochen und backen – Aggie behauptete, ihre Kuchen würden genauso leicht gelingen wie ihre eigenen. Sie nähte inzwischen nahezu so sauber wie Lily und hatte dutzende Bücher gelesen.

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