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Wo das Glück auf uns wartet

Prolog

 

"Sie ist so süß", sagte Amy Hallam und berührte sanft die Wange des Babys. Dann hob sie es aus der Wiege, nahm es auf den Arm und küsste es zärtlich. "Und ihre Mutter hat sie wirklich vor Tante Lucys Tür abgelegt? Sie muss sehr verzweifelt gewesen sein!"

"Das glaube ich gern", erwiderte ihr Mann Jake Hallam. "Und sie hat genau gewusst, dass Lucy sich um das Mädchen kümmern würde. Sie hat sogar einen Brief hinterlassen." Er reichte seiner Frau den Zettel und nahm ihr das Baby ab.

Amy zuckte zusammen, als sie das Papier berührte. Sie konnte förmlich die Traurigkeit und die Angst spüren, die die Mutter dazu gebracht hatten, das Kind fortzugeben. Ihre Finger bebten, als sie das Schreiben entfaltete und zu lesen begann.

 

Liebe Tante Lucy,

bitte sorge für mein Baby, wie Du es damals für mich getan hast, denn ich habe niemanden, an den ich mich sonst wenden kann.

Sie wurde am 26. September geboren und hat noch keinen Namen. Wenn ich nicht weiß, wie sie heißt, kann ich sie auch nicht verraten. Ich habe ihre Geburt nicht beim Standesamt gemeldet, offiziell ist sie also gar nicht auf der Welt – und das ist ihre einzige Hoffnung!

Ich bitte Dich, nein, ich flehe Dich an, verrate den Behörden nichts, und versuche auch nicht, mich über Presse und Fernsehen zu finden. Das würde nur die Aufmerksamkeit auf das Baby lenken und es in Gefahr bringen.

Das beigelegte Geld – ich weiß, es ist nicht sehr viel, aber mehr besitze ich nicht – ist für die erste Zeit gedacht, bis Du eine nette Familie gefunden hast, die sich um sie kümmern kann. Ich liebe sie, doch sie ist bei mir nicht sicher.

K.

 

Amy beobachtete ihren kleinen Sohn, der fröhlich im Zimmer herumkrabbelte, und hätte ihn am liebsten ganz fest an sich gedrückt. Doch stattdessen nahm sie nur schweigend Jakes Hand.

"Was meinst du?" fragte ihr Ehemann schließlich. "Ist sie paranoid? Oder ist es ein typischer Fall von Gewalt in der Ehe?"

"Das kann ich dir nicht sagen", erwiderte Amy. "Ich weiß nur, dass sie panische Angst hat. Sieh dir doch nur ihre Schrift an! Egal, was für ein Problem die Frau hat, sie ist außer sich vor Furcht. Eigentlich sollte ihr ja klar sein, dass sie etwas Unmögliches verlangt. Wenn wir die Geburt nicht melden, brechen wir unzählige Gesetze, aber sie hat uns inständig gebeten, das Baby zu verstecken."

"Was wir auch nicht lange können", sagte Jake stirnrunzelnd.

"Natürlich nicht, aber ich bin nicht bereit, ein Risiko einzugehen. Was machen ein oder zwei Wochen schon aus?"

"Das Jugendamt ist da sicher anderer Meinung."

Amy nickte. "Da hast du natürlich Recht. Lass es uns trotzdem versuchen. Vielleicht finden wir die Mutter ja."

"Sie ist wahrscheinlich schon über alle Berge."

"Das glaube ich nicht", antwortete Amy und schüttelte den Kopf. "Sie ist bestimmt noch ganz in der Nähe, denn sie will sichergehen, dass ihr Baby in gute Hände kommt."

"Wir wissen doch gar nicht, wie sie aussieht! Wie willst du sie da finden?"

Amy runzelte die Stirn. "Sie hat Tante Lucy ihr ganzes Geld überlassen. Jetzt hat sie sicher Hunger und fühlt sich ganz elend. Wir sollten die Straßen nach ihr absuchen, Jake, und zwar jetzt gleich. Jede Minute zählt."

1. Kapitel

 

"Wären die Gründe doch nur so zahlreich wie die Brombeeren …"

William Shakespeare

 

Es war heiß für Ende September. Am blauen Himmel stand kein Wölkchen, und es war beinahe windstill. Allein die Brombeeren wiesen darauf hin, dass der Sommer fast vorüber war.

Leider waren die großen, in der Sonne glänzenden Früchte unerreichbar.

Kay blieb stehen, wischte sich den Schweiß von der Stirn und fächelte sich mit dem alten Strohhut Luft zu. Dann ging sie zurück zur Hecke und blickte sich suchend um. Vielleicht hatte sie ja noch welche übersehen! Sie versuchte dabei, nicht auf die beladenen Zweige der Brombeersträucher zu achten, die über die große Mauer gegenüber wuchsen und die sie, Kay, auch mit einem langen Gehstock nicht erreichen konnte.

"Das muss reichen, Polly", sagte sie und wandte sich ab.

"Haben wir denn wirklich genug?" fragte ihre Tochter und betrachtete skeptisch die geringe Ausbeute.

"Mehr konnte ich nicht pflücken. Der Erntedankkuchen wird eben hauptsächlich aus Äpfeln bestehen."

Polly gab sich damit nicht zufrieden. "Da drüben gibt es ganz viele Brombeeren!" sagte sie und zeigte auf das benachbarte Grundstück.

"Ich weiß, Kleines, aber ich komme leider nicht an sie ran."

"Warum gehst du nicht einfach durch das Tor? Es wohnt doch sowieso niemand da. Irgendjemand hat nämlich ein Zu-verkaufen-Schild in den Garten gestellt."

Wie einfach war das Leben doch, wenn man erst sechs Jahre alt war! Aber in einem hatte Polly Recht: Linden Lodge hatte schon leer gestanden, als sie, Kay, nach Upper Haughton gezogen war.

Von ihrem Schlafzimmerfenster aus hatte sie einen guten Blick auf den wild wuchernden Garten, der sich hinter der hohen Mauer verbarg. Das Dach eines reich verzierten Gartenhauses war unter der Last einer unbeschnittenen Clematis montana zusammengebrochen, die Rosen wuchsen in alle Himmelsrichtungen, und die Früchte der Obstbäume waren zu Boden gefallen und verfaulten im Gras. Trotz allem war es ein kleines Paradies, und es wartete wie im Märchen nur auf den oder die Richtige, damit es wieder zum Leben erweckt wurde.

Allerdings braucht man dafür mehr als nur einen Kuss, dachte Kay und schüttelte den Kopf.

"Immerhin sind die Brombeeren für das Erntedankfest", sagte Polly energisch und holte ihre Mutter in die Gegenwart zurück. "Jeder im Dorf gibt etwas."

"Das stimmt, Kleines." Einmal im Jahr gab es in Upper Haughton eine große Feier, zu der alle Bewohner eingeladen waren. Eigentlich hatte ihre Tochter ja Recht! Es war wirklich eine Verschwendung, die schönen Früchte einfach so verkommen zu lassen!

"Du könntest doch eine Nachricht in den Briefkasten werfen und dich bedanken", sagte Polly, die nicht bereit war, so schnell aufzugeben.

"Bei wem denn?" fragte Kay lächelnd.

"Bei den neuen Besitzern natürlich! Und ich male ein Bild von all den schönen Torten und werde es ihnen schenken, wenn sie einziehen. Komm mit!" Sie nahm Kays Hand und zog ihre Mutter zu dem kleinen Tor, von dem die grüne Farbe schon abblätterte.

"Bestimmt ist es verschlossen", sagte Kay unsicher. Und obwohl sie wusste, dass sie das Richtige tat, klopfte ihr Herz heftig, als sie den Griff herunterdrückte. Zuerst klemmte das Tor, dann ging es quietschend auf.

Eine Amsel zeterte aufgebracht und flog davon. Anscheinend hatten sie sie beim Würmersuchen aufgeschreckt. Kay zuckte zusammen und rechnete jeden Moment damit, dass eine wütende Stimme wissen wollte, was, zum Teufel, sie da eigentlich trieben!

Aber sie hörte nur das Summen der Bienen, die Nektar in den farbenfrohen Blüten der Spätsommerblumen suchten. Blaue und rote Herbstastern wuchsen überall, und in den Ecken spross das Unkraut. Es tat Kay in der Seele weh, diesen Wildwuchs zu sehen. Irgendjemand hatte sich einmal viel Mühe mit dem Garten gegeben, und nun war alles den erbarmungslosen Launen der Natur überlassen. Trotzdem faszinierte der Anblick, und nichts in der Welt konnte Kay jetzt noch davon abhalten, das Tor ganz zu öffnen und sich genauer umzusehen.

 

Patrick Ravenscar drehte den mit Schützhüllen überzogenen, gespenstisch wirkenden Möbeln den Rücken zu und blickte starr hinaus.

Diesen Moment hatte er am meisten gefürchtet. Sechs lange Jahre hatte er eine Ausrede nach der anderen gefunden, um nicht zu Saras geliebtem Garten zurückkehren zu müssen. Aber es hatte alles nichts genutzt. Die Dämonen der Vergangenheit hatten ihn immer wieder eingeholt. Irgendwann war ihm dann bewusst geworden, dass es keinen Ort auf dieser Welt gab, an dem er vor seinem Schmerz sicher war.

Als er das letzte Mal an diesem großen Fenster gestanden hatte, war es später Frühling gewesen. Die Knospen der Obstbäume hatten lila geschimmert und die eng gepflanzten gelben Tulpen ihre Blütenblätter auf dem Gras verstreut. Und Sara hatte so strahlend ausgesehen und sich auf das neue Leben gefreut, das sie geschaffen hatten. Zu der Zeit war es noch ihr Geheimnis gewesen, das sie behüten wollten, bis die ersten schwierigen Monate vorüber waren.

Und er hatte diesen doppelten Verlust für immer in seinem Herz bewahrt. Nach Saras Tod war es zu spät gewesen, darüber zu sprechen, und die Verwandten und Freunde hatten genug unter dem Schmerz und der Trauer gelitten.

Deshalb hatte er geschwiegen und versucht, mit der großen, alles erdrückenden Einsamkeit allein fertig zu werden.

Ohne Saras grünen Daumen war der Garten in kurzer Zeit verwildert. Die Obstbäume waren schon lange nicht mehr zurückgeschnitten worden, das Unkraut wucherte überall, und die wenigen Blumen kämpften vergeblich um Licht. Patrick presste die Stirn an das kühle Fensterglas und schloss die Augen, um diesen traurigen Anblick nicht länger ertragen zu müssen. Doch auch das nutzte nichts. Sein Leben war zerstört genau wie Saras Garten.

Er hatte das Haus gekauft, weil seine Frau sich sofort in das Anwesen verliebt hatte. Besonders gut hatten ihr die von einer hohen Mauer umgebenen Grünanlagen gefallen. Ihre Kinder hatten dort einmal spielen sollen … unbeschwert und sicher.

Sara hatte auch gleich begonnen, einen typisch englischen Garten anzulegen. Sie hatte unzählige heimische Blumen geflanzt, um damit die Schmetterlinge und Bienen anzulocken. Auch jetzt noch glaubte Patrick, seine Frau dort draußen arbeiten zu sehen … gebeugt über die Rosensträucher, einen alten Strohhut auf dem Kopf, der ihre helle Haut vor der Sonne schützte. Nun ging sie weiter zu den Brombeersträuchern, die an der Mauer emporgewachsen waren. Sie zog die Äste herunter, und er beobachtete, wie sie den Kopf schüttelte, als könnte sie nicht verstehen, dass er ihren geliebten Garten so hatte verwildern lassen.

"Sara …" flüsterte er und ballte die Hände zu Fäusten. Wenn sie sich doch nur einmal umdrehen und ihn ansehen würde …

"Ist alles in Ordnung, Patrick?" fragte eine Männerstimme besorgt.

Patrick blinzelte und wandte sich kurz um. Als er gleich darauf wieder aus dem Fenster blickte, war Sara verschwunden.

"Patrick? Was ist los?"

In den ersten Monaten war ihm Sara beinahe überall begegnet. Eine Frau mit langem blonden Haar in einer Menschenmenge, ein Lachen in einem Restaurant oder ein Kleid in ihrer Lieblingsfarbe hatten ihn schmerzlich an sie erinnert. Doch so real wie jetzt war es schon viele Jahre lang nicht mehr gewesen.

"Nichts, Greg", erwiderte er traurig und wandte sich ab. Ihm war bewusst, dass sein Freund sich um ihn Sorgen machte. Das war nichts Neues für ihn. Genau diese mitleidigen Blicke hatten ihn nach Saras Tod dazu gebracht, Upper Haughton zu verlassen. Er hatte lange im Ausland gearbeitet, unter Fremden, die nichts von seinem Verlust ahnten. "Es geht mir gut."

"Warum tust du dir das an?" fragte Greg und stellte die Einkaufstaschen auf den Tisch. "Du hättest alles ruhig mir überlassen können. Ich hätte die Sachen gepackt und so lange eingelagert, bis du sie abgeholt hättest." Er rang sich ein Lächeln ab. "Es dauert bestimmt nicht lange, bis das Haus verkauft ist", sagte er dann aufmunternd. "In Upper Haughton kann man sogar einen Gartenschuppen an den Mann bringen. Linden Lodge ist wirklich eine gute Investition gewesen, Patrick."

"Deswegen habe ich es nicht erworben, Greg. Es hat …"

"Ich weiß", unterbrach sein Freund ihn schnell. "Es tut mir Leid, ich hätte dich nicht daran erinnern dürfen."

Patrick zuckte die Schultern. Was sollte er darauf antworten?

"Warum wohnst du nicht bei uns, bis alles geklärt ist?"

"Nein, danke." Er merkte selbst, wie unhöflich er war, und bemühte sich, seine Schroffheit wieder gutzumachen. "Vielen Dank für das Angebot, Greg, aber ich habe hier noch einiges zu erledigen. Eigentlich hätte ich das schon längst tun müssen." Er blickte wieder aus dem Fenster, aber Sara war nicht mehr zu sehen.

"Gut", antwortete Greg zögernd. "Brauchst du vielleicht Hilfe? Es muss ja kein Bekannter sein. Wenn du möchtest, frage ich die Agentur, ob sie jemanden schicken können. Es ist bestimmt leichter für dich, wenn die Person nicht … persönlich betroffen ist."

Patrick atmete tief durch und versuchte, ruhig zu bleiben. Greg meinte es ja nur gut, aber Patrick wünschte, er würde endlich verschwinden. Warum sah er ihn eigentlich an, als würde er gleich den Verstand verlieren? Er wollte doch nur seine Angelegenheiten in Ordnung bringen. Aber Greg war nicht nur sein Anwalt, sondern hatte auch als Trauzeuge in der Kirche neben ihm gestanden, als er Sara geschworen hatte, ihr treu zu sein, bis dass der Tod sie scheide. Damals waren ihm diese Worte bedeutungslos erschienen. Sara und er waren jung gewesen und hatten ihr Leben noch vor sich gehabt.

"Ich danke dir", sagte Patrick schnell. Ihm war klar, dass sein Freund ihm nur helfen wollte, aber nicht wusste, wie. "Ich überlege es mir."

Greg nickte und blickte sich um. "Wenn du mir doch nur Bescheid gegeben hättest! Hier sieht es furchtbar aus. Kein Wunder, wenn die Putzfrau nur einmal im Monat kommt! Das Geld hättest du dir wirklich sparen können."

"Sie sollte auch nur nach dem Rechten sehen", erwiderte Patrick. Er hatte sie gebeten, nichts anzurühren oder zu verändern. "Ich habe heißes und kaltes Wasser, Strom und ein Handy. Was will ich mehr?"

"Wie sieht's mit einem Wagen aus?"

"Ich brauche keinen."

"Also gut", sagte Greg und schien immer noch unentschlossen, ob er seinen Freund einfach so allein lassen konnte. "Ich verschwinde dann." Wieder zögerte er. "Bist du dir wirklich sicher? Ich habe nur das Nötigste für dich eingekauft."

"Mach dir keine Sorgen, ich werde schon nicht verhungern. Immerhin habe ich die letzten sechs Jahre auch überlebt."

Greg wollte noch etwas sagen, ließ es dann jedoch. Er brauchte auch nichts zu sagen. Patrick war nicht entgangen, wie erschrocken der andere ihn angesehen hatte, als er ihn vom Flughafen abholte.

Noch einmal blickte Patrick hinaus in den Garten, und sein Herz klopfte schneller. Da war sie wieder! Er konnte ihr Gesicht nicht erkennen, da die Krempe des Strohhuts es verdeckte, aber sie sah aus wie Sara. Sie war groß, schlank, trug Jeans und ein verblichenes rotes T-Shirt … die Lieblingsfarbe seiner Frau.

"Ich rufe dich morgen an", sagte Greg, der unschlüssig an der Tür stand. "Vielleicht überlegst du es dir ja noch einmal mit der Hilfe."

"Keine Eile", erwiderte Patrick, mit den Gedanken noch ganz bei Sara. Dreh dich um, forderte er sie im Stillen auf, ich bin hier …

Plötzlich kam ein kleines Mädchen durch das hohe Gras gelaufen. Sie hielt einen aus Astern geflochtenen Kranz in den Händen, und Sara setzte ihn der Kleinen auf.

Er war sicher, dass die beiden lachten. Wenn er doch nur das Gesicht der Frau erkennen könnte!

"Keine Eile", sagte er noch einmal und hörte, wie Greg die Tür schloss. Patrick presste die Handflächen gegen das Glas und beobachtete Sara weiter. Sie küsste das Mädchen, zog dann eine Gartenschere aus der Tasche und begann, die dicken Äste der Brombeersträucher zurückzuschneiden. "Ich habe alle Zeit der Welt."

Dann sah er, dass sie keine Handschuhe trug.

Irgendwann einmal hatte er Sara welche gekauft, aber sie hatte sich geweigert, sie zu tragen, weil sie sie behinderten.

Plötzlich schnellte ein Ast zurück und traf ihre Hand. "Nein", stöhnte er, als er beobachtete, wie Sara das Blut abwischte. Die Geschehnisse wiederholten sich … "Bitte nicht!" flüsterte er verzweifelt und schloss die Augen.

 

"Woher hast du diese wunderbaren Früchte?" fragte Amy Hallam, als sie die kleine Schüssel mit Brombeeren auf den Tisch stellte. "In unserem Garten wachsen so gut wie keine! Die Ziege frisst die Schösslinge weg, sobald sie aus dem Boden sprießen!"

"Das kann ich mir denken", erwiderte Kay lächelnd. Sie wusch die Beeren und legte sie zu den anderen. "Ich danke dir trotzdem für deine Hilfe. Glaub mir, es war auch gar nicht so einfach, an diese Schätze zu kommen. Ich musste erst etwas Verbotenes tun!"

Ihre Freundin lachte fröhlich. "Das glaube ich nicht, Kay! Du brichst keine Gesetze!"

"Ich meine es ernst, Amy! Ich habe den Garten von Linden Lodge widerrechtlich betreten. Allerdings bin ich von deinem Patenkind dazu angestiftet worden!"

"Na und? Was ist schon dabei? Es wäre eher ein Verbrechen gewesen, diese herrlichen Früchte einfach so verfaulen zu lassen. Polly ist wirklich ein kluges Kind, und ich bin stolz, dass ich ihr etwas Eigeninitiative beigebracht habe."

"Die Amsel, die dort ihr Revier hat, war damit gar nicht einverstanden."

"Soll sie doch Würmer fressen!"

"Außerdem habe ich den Riegel beschädigt, als ich versucht habe, das Tor zu schließen."

"Unbefugtes Betreten und Vandalismus – das sind wirklich zwei schwerwiegende Verbrechen, Kay." Gespielt ernst drohte Amy ihrer Freundin mit dem Finger. "Dafür droht dir lebenslänglich!"

"Hör auf, Amy!" Kay konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. "Wie wäre es mit einem Kaffee?"

"Danke, gern. Soll ich Jake bitten, den Schaden zu beheben?"

"Nein, das mache ich schon selbst. Ich habe das nötige Werkzeug im Schuppen."

"Wie sieht es eigentlich dort aus?" fragte ihre Freundin neugierig.

"Im Schuppen?" fragte Kay lachend. "Möchtest du einen Blick hineinwerfen? Als meine Vermieterin ist es ja dein gutes Recht, aber es wäre besser gewesen, du hättest mir vorher Bescheid gesagt. Dann hätte ich ein bisschen aufgeräumt …"

"Ich meine Linden Lodge", unterbrach Amy sie ungeduldig.

Das hatte Kay natürlich genau gewusst, aber sie war sich nicht sicher, ob sie überhaupt darüber sprechen wollte. "Na ja, es ist alles verwildert", antwortete sie schließlich zögernd. "Als ich die Sträucher zurückgeschnitten habe, war Polly plötzlich verschwunden. Sie hatte sich nur eine Blumenkette geflochten, doch einen Augenblick lang habe ich geglaubt …" Sie beendete den Satz nicht, denn sie wollte nicht daran erinnert werden, was für einen Schrecken ihr das Ganze eingejagt hatte. Polly war wie vom Erdboden verschluckt gewesen, das Tor hatte offen gestanden, und sie, Kay, war tausend Tode gestorben …

"Du hast also die Brombeersträucher zurückgeschnitten", stellte Amy fest und holte sie in die Gegenwart zurück.

"Wie bitte? Ja, und das war auch bitter nötig. Sie haben nämlich das Spalierobst beinahe erdrückt – den armen Pfirsichbaum." Kay ging zum Herd und brühte den Kaffee auf. "Lach nicht, Amy!"

"Das tue ich doch gar nicht."

"Von wegen! Du hast nämlich keinen Grund dazu. Ich kann es eben nicht ertragen, wenn irgendetwas leiden muss", sagte Kay und holte zwei Becher aus dem Schrank. "Ich werde morgen einen Zettel in den Briefkasten von Linden Lodge werfen und danach den Riegel reparieren. Die Besitzer sollten wenigstens Bescheid wissen."

"Worüber? Dass du die Brombeersträucher zurückgeschnitten hast, um das Spalierobst zu retten?"

"Sehr witzig. Nein, ich will sie darüber informieren, dass ich Beeren gepflückt habe – für einen guten Zweck natürlich."

"In Linden Lodge wohnen nur Geister, Kay."

Ihre Freundin wandte sich um und sah sie verblüfft an. "Geister?"

"Hast du es denn nicht gespürt?" fragte Amy. "Immer, wenn ich an dem Grundstück vorbeigehe, läuft mir ein Schauder über den Rücken."

Kay schüttelte nur den Kopf. Amy hatte zu viel Fantasie! "Hast du eigentlich schon gehört, dass das Grundstück zum Verkauf steht?" fragte sie, um vom Thema abzulenken.

"Ja", antwortete Amy, "der Makler hat das Schild am Freitag angebracht."

"Hast du die Vorbesitzer gekannt?"

"Die Ravenscars? Nicht besonders gut. Zu der Zeit wurde Mark geboren, und ich war noch dabei, mein Geschäft aufzubauen. Die beiden waren jünger als wir und noch nicht sehr lange verheiratet. Sara Ravenscar war eine sehr nette Frau, Kay. Sie hätte sicher nichts dagegen gehabt, dass du ihre Brombeeren pflückst." Amy schwieg einen Moment. "Ihr Tod ist ein großer Schock für uns alle gewesen."

"Sie ist an Wundstarrkrampf gestorben, oder?"

"Ja. Ich finde das wirklich unglaublich. In der heutigen Zeit sollte so etwas eigentlich ja nicht mehr vorkommen. Anscheinend sind ihre Eltern strikt gegen Impfungen gewesen, und sie konnte sich, wie alle begeisterten Gärtner, nicht an Handschuhe gewöhnen. Nach ihrem Tod ist Patrick ins Ausland gegangen, um für irgendeine Hilfsorganisation zu arbeiten."

"Warum hat er das Haus eigentlich nie verkauft oder vermietet? Es steht jetzt schon so lange leer, und der neue Besitzer muss deshalb sehr viel Zeit und Geld investieren. Der Garten ist verwildert, und die Farbe an den Wänden blättert ab."

"Vielleicht hat Patrick Ravenscar es einfach nicht übers Herz gebracht, Linden Lodge zu veräußern."

"Na ja, wenigstens passiert jetzt etwas", sagte Kay nachdenklich. "Ich werde morgen die abgeschnittenen Äste einsammeln und dann das Tor reparieren. Vielleicht sollte ich den Makler anrufen und ihn fragen, ob ich den Garten auf Vordermann bringen soll. Jetzt, da die Sommerferien vorbei sind und Polly wieder zur Schule geht, kann ich auch mehr arbeiten."

Amy nickte. "Das ist eine gute Idee. Aber denk daran, was mit Sara Ravenscar geschehen ist", sagte sie warnend, "und trag deine Handschuhe! Hast du die Kratzer auf deiner Hand gereinigt?"

"Natürlich", erwiderte Kay und betrachtete die roten, hässlichen Spuren, die der Brombeerzweig auf ihrer Haut hinterlassen hatte. "Außerdem bin ich geimpft."

"Sehr gut." In diesem Moment kam Polly, mit einem Pyjama bekleidet, ins Zimmer gelaufen und begrüßte ihre Patentante fröhlich. Amy umarmte sie, hob sie hoch und wirbelte sie herum. Wenig später stellte sie sie wieder auf den Boden und sagte lächelnd: "Hallo, Kleines! Wie sieht's aus, hast du Lust, morgen mit uns ans Meer zu fahren? Mark kann es gar nicht erwarten, mit dir zu spielen. Vorausgesetzt natürlich, deine Mum kann dich entbehren."

Polly zögerte und blickte Kay fragend an. "Eigentlich sollte ich ja beim Kuchenbacken helfen."

"Ich komme schon allein klar", sagte Kay lächelnd. "Was ist mit dir, Amy? Werden dir vier Kinder nicht zu viel?"

"Vier sind besser als drei! Jake beschäftigt George und James, und ich werde mit Mark und Polly eine Sandburg bauen."

Auch wenn Amy es nicht offen aussprach, wusste Kay, was ihre Freundin meinte. Es war nicht gut, wenn Polly zu behütet aufwuchs. Sie musste mit Gleichaltrigen spielen. "Also gut", sagte Kay seufzend, "dann wünsche ich euch viel Spaß."

"Hast du gesehen, wie viele Brombeeren wir gepflückt haben, Tante Amy?" fragte Polly aufgeregt. "Und ich habe mir einen Kranz aus Astern geflochten."

"Wirklich?"

"Ja! Komm mit, ich zeige ihn dir!" Sie nahm Amys Hand und zog ihre Tante zur Treppe.

"Ich bin gleich zurück", sagte Amy lachend.

"Kein Problem." Kay schüttete den Kaffee in eine Thermoskanne. "Lass dich aber nicht wieder überreden, ihr eine Geschichte zu erzählen. Du hast selbst Kinder, die du ins Bett bringen musst."

"Stimmt, aber es sind Jungen. Sie machen sich nichts aus Märchen. Außerdem hat Jake heute Badezimmerund Einschlafdienst, und ich denke nicht daran, ihm dabei zu helfen. Ich gehe erst wieder nach Hause, wenn er das Chaos beseitigt hat."

 

Nur widerwillig aß Patrick sein Abendbrot. Die Suppe schmeckte nach nichts, aber das war er gewohnt. In den letzten sechs Jahren hatte er nur dahinvegetiert, und es war ihm alles egal gewesen. Doch heute spürte er zum ersten Mal seit langer Zeit, wie seine Lebensgeister wieder erwachten.

Er stand auf, ging durchs Haus und ließ die Hand über die Dinge gleiten, die Sara gehört hatten. Er öffnete den Schlafzimmerschrank und betrachtete lange ihre Kleidung. Schließlich zog er einen Schal heraus und presste ihn an seine Wange. Er duftete noch nach Saras Blumenparfüm, und Patrick schloss die Augen.

Wie dumm war er doch gewesen!

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