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Wo bitte geht’s zum Leben?

Markus Grimm

Wo bitte geht’s zum Leben?

Die Erfahrung des Absoluten
und die Kraft der Kunst

Markus Grimm

Wo bitte geht’s zum Leben?

Die Erfahrung des Absoluten
und die Kraft der Kunst

Danksagung

Dieses Buch verdankt sich vielem Gegrübel, vielen Selbsterkundungen und vor allem vielen Gesprächen. Ich könnte allen Menschen danken, mit denen ich je zu tun hatte. Letztlich gibt alles einen Impuls, und wenn er nur mini ist. Ich danke also allen, summarisch.

Aber ich will auch im Einzelnen danken, nämlich meiner Frau Nele Grimm, meinem Künstlerfreund Jo Matzat aus Würzburg und meinem Künstlerbruder Christoph Wildenmann aus Mannheim. Mit diesen dreien gab es unverhältnismäßig viele und vor allem erhellende Gespräche über die Themen dieses Buches: mit Nele (Deutsch- und Geschichtslehrerin, die trotzdem Filme und Bücher mag) immer wieder, morgens, mittags, abends, beim Kaffee, neben ihrer Zeitungslektüre und trotz des ganzen Alltagskrams; mit Jo (Bildhauer, Wassermensch und feinsinniger Leser von zirka hunderttausend klasse Büchern) in atemberaubenden Dialogen beim wöchentlichen künstlerischen Zweierstammtisch beim Griechen ums Eck; und mit meinem Bruder Christoph (Schriftsteller, Maler, Zeichner und Illustrator) in langen, lustigen und ernsten Telefonaten, die manchmal so lang waren, dass die Verbindung automatisch getrennt wurde, und das sagt schon alles. Chapeau an euch alle. Und Thomas Häußner vom Echter Verlag danke ich für die wagemutige Aufnahme dieses Buches ins Verlagsprogramm – Chapeau.

Inhalt

Danksagung

Prolog

Vergangenheit

Bewusstsein und Bewusstheit

Ahnung, Angst, Ordnung

Das Heilige

Grundaspekte von Religion

Mythos

Glauben und Wissen

Spiritualität und Mystik

Religionen und Gottesbilder

Person, Subjekt, Individuum

Monotheismus

Das Problem des personalen Monotheismus

Kein-Gott-Glaube

Sünde und Karma

Erlösung, Befreiung, Erleuchtung

Dualität

Ursprünge von Kunst

Was ist Kunst?

Der Schamane

Theologie

Der wunderbare Tausch

Inkarnation

Leben

Prolog

Liebe Leserin und lieber Leser, kennen Sie so was: Jemand ist Ihnen ein Dorn im Auge. Sobald Sie ihn zu Gesicht bekommen, könnten Sie ihm an die Gurgel gehen. Aber warum bloß? Zum Glück halten Sie sich zurück und fragen sich stattdessen: „Was ist da eigentlich los?“ Sehr vernünftig. Und dann erinnern Sie sich an damals: wie Sie Ihrem heutigen Lieblingsfeind vor vielen Jahren vorgestellt wurden und wie der sich sogleich zu einem Witz über Ihren Namen verstiegen hat. Der Witz war läppisch und harmlos, der ganze Kerl ist vermutlich ganz harmlos, nur vorlaut (und hat übrigens eine abgrundtief hässliche Nase), aber bei Ihrem Namen verstehen Sie keinen Spaß! Sonst jede Menge, nicht wahr, aber nicht bei Ihrem Namen. Und wenn Sie sich da so erinnern, dämmert Ihnen vielleicht etwas. Vielleicht fragen Sie sich, ob diese Nase wirklich so hässlich ist. Und Sie beginnen vielleicht, sich zu wundern, wo Ihr Humor hinverschwunden ist.

Von den Wurzeln her begreifen Sie manchmal etwas, was Sie irritiert, ratlos macht oder nervt, in neuem Licht. Und irritieren, ratlos machen oder nerven kann einen auch das Thema „Religion“, was meinen Sie?

Im vorliegenden Buch will ich ein paar neue Blicke auf dieses grundlegende menschliche Phänomen werfen. Also wohlverstanden: auf die Religion, in der Einzahl. Darum geht es zuerst und in zweiter Linie und als Nebeneffekt auch um die Religionen, Mehrzahl.

Ich werde dazu einen schnellen Durchgang durch die Entwicklung des menschlichen Bewusstseins unternehmen, um nachzuvollziehen, woher Religion kommt und was sie ist, tut, will und soll. Was dabei ungefähr herauskommt, deute ich Ihnen jetzt schon mal an, damit Sie wissen, worauf Sie sich gefasst machen müssen.

Nämlich: Religion ist eine beim Menschen ganz natürliche Erscheinung, sie ist entstanden als Folge der Erfahrung des Heiligen – die ebenfalls eine ganz natürliche Erscheinung ist. Und Sie kennen diese Erfahrung. Religion ist kein Hirngespinst und keine Erfindung – diese Bemerkung für all jene Personen, die sich hier eine Entlarvung der Religion als Humbug erhoffen. Ich werde jedoch die Religion kritisch betrachten, nicht fromm – das zur Beruhigung derselben Personen. Eine zweite ganz natürliche Erscheinung beim Menschen ist die Kunst, und beide – Religion und Kunst – hängen aufs engste miteinander zusammen. Der Begriff „Inkarnation“ wird dabei eine wichtige Rolle spielen …

Aber ich will nicht gleich die ganze Katze aus dem Sack lassen.

Nur so viel noch: Sie halten kein wissenschaftliches Fachbuch in Händen, und ich will Sie nicht mit Details langweilen. Es geht um Grundaspekte, um die große Linie, und Fachbegriffe tauchen auf, wenn sie mehr oder weniger unvermeidlich sind. Keine Panik.

Los geht’s.

Vergangenheit

Und zwar geht’s los mit einem Experiment, was halten Sie davon? Mit einem Experiment, das eine gute Grundlage bilden soll für dieses Buch, denn das Experiment setzt weit vorne an, an Ihrem Anfang, an unser aller Anfang als Menschen, an unseren Wurzeln.

Für dieses Experiment, das ich Ihnen hier mit nachdrücklicher Freundlichkeit ans Herz lege, sollten Sie sich ernsthaft Zeit nehmen. Und kommen Sie jetzt nicht mit Ausflüchten, Sie hätten keine. Man hat nie Zeit, es sei denn, man nimmt sie sich. Aber das wussten Sie schon. Wenn Sie das Experiment gescheit machen, dann halten Sie einen unschätzbaren Schlüssel in Händen, so viel kann ich Ihnen verraten. Einen Schlüssel für alles Folgende – und noch für viel mehr.

Es ist ein abenteuerliches Experiment, zugegeben, und es wird Sie vielleicht irritieren, aber es ist völlig ungefährlich. Es ist ganz einfach. Ich nenne es: „Rückkehr ins archaische Bewusstsein“. Und so geht es: Sehen Sie die Welt mit den Augen eines Menschen von vor 30 000 Jahren.

Klingt das ein wenig abstrus? Was ist damit gemeint, wozu und wie überhaupt soll das gehen? Ich hole ein klein wenig aus.

30 000 Jahre zurück – das ist ja eine halbe Ewigkeit, sagen Sie vielleicht, diese Zeit ist Lichtjahre weit weg, vollkommen fremd, grau und kalt, und sie heißt ja auch „die graue Vorzeit“. Sie begegnet Ihnen nur in der Archäologie und Vor- und Frühgeschichte. Und genau da soll sie bitte auch bleiben. Wer will da schon freiwillig hin?

Aber stimmt das wirklich? Ist unsere eigene menschliche Vergangenheit wirklich so weit weg, wie es scheint und wie wir’s gern hätten? Überlegen Sie mal: 30 000 Jahre, das sind tausend bis tausendfünfhundert Generationen, das ist nicht gerade unendlich viel, nicht wahr? Sie können in ein paar Minuten leicht bis tausend zählen. Und was noch viel schwerer wiegt: Ihr Gehirn.

Ihr Gehirn ist ein Wunderwerk, darüber kann kein Zweifel bestehen. Ein Wunderwerk, das sich über Jahrmillionen entwickelt hat, wobei es immer differenzierter geworden ist, immer feinnerviger, immer präziser in der Verarbeitung Ihrer Wahrnehmungen, damit Sie sich in der Welt immer zuverlässiger orientieren können.

Und nicht das kleinste Wunder am Gehirn ist, dass es seine eigene Entstehung in sich aufbewahrt hat. Seine Entwicklungsgeschichte ist an ihm ablesbar, denn es hat seine sämtlichen Vorstufen in sich konserviert. Allerdings nicht fein säuberlich in geschlossenen Behältern. Die Vorstufen liegen alle schön offen da und bringen sich jederzeit gern ins Spiel.

Das ist nicht immer das reinste Vergnügen, das wissen Sie ja.

Zum Beispiel: Sie sind ein besonnener Mensch, Sie lächeln gern, sprechen mit Bedacht, haben nette Freunde, lieben schöne Filme und dicke Schmöker – aber wenn eins Ihrer Kinder Ihnen im falschen Augenblick Widerworte gibt, geht die Post ab. Die Adern an Ihrem Hals schwellen an, Ihr Herz poltert, Schweiß tritt auf Ihre Stirn, Sie stampfen auf, knallen die Tür und schreien: „Räum endlich dein Zeug da weg!“ Das Komische ist: Sie merken selber ganz genau, dass das alles irgendwie peinlich, unangemessen und widervernünftig ist, aber was soll man machen? Ähnliches gilt für plötzliche Angstschauder mit Gänsehaut und flauem Gefühl im Magen, wenn Sie von der Polizei angehalten werden – obwohl Sie hundertprozentig genau wissen, dass Sie keinen Tropfen getrunken haben.

Es gibt an Ihnen und mir (uns allen) Verhaltensweisen, die Sie nicht kontrollieren können, da können Sie sich selber Vorträge halten über Geduld und Vernunft, so viel Sie wollen. Keine Chance. Kein Wunder, denn ein archaischer, urtümlicher Teil Ihres Gehirns ist da zugange, der instinkthaft auf Reize reagiert jenseits der Grenze dessen, was Sie bewusst und absichtsvoll steuern können.

Aber es gibt natürlich auch die anderen Situationen, in denen solche instinkthaften Reaktionen ein Segen sind oder sogar Ihre Rettung. Sie fahren nichtsahnend mit Tempo 130 auf der Autobahn und wollen gerade einen Laster überholen, plötzlich schert der aus und auf Ihre Spur herüber. Wenn Sie hier Ihre Reaktion erst abwägen und planen müssten, dann hätten Sie verloren. Instinktiv treten Sie auf die Bremse und halten krampfhaft den Lenker fest. Gerade weil keine Zeit zum Nachdenken und Kontrollieren verloren geht, können Sie blitzschnell reagieren – und wundern sich hinterher, wie Sie das fertiggebracht haben. Haben Sie aber gar nicht. Jedenfalls nicht das bewusste Ich, das Sie in der Regel meinen, wenn Sie von sich selbst sprechen. Statt Ihrer hat Ihr Instinkt reagiert.

Mit „ich“ meinen Sie ja normalerweise eher höhere Hirnfunktionen, die im Großhirn mit der Großhirnrinde zu Hause sind: die Verarbeitung von Sinnesreizen, das Sprechen und Nachdenken, die Fähigkeit, sich selbst zu beobachten. Sie haben aber außerdem noch den sogenannten Hirnstamm. Hier laufen urtümliche, vorbewusste, reflexhafte Vorgänge ab. Ihr Hirnstamm, das Urhirn, wenn Sie so wollen, ist ein durch und durch animalisches, instinkthaftes Relikt aus einer Zeit, als noch sehr, sehr, sehr lange keine Menschenseele am Horizont zu sehen war. Und diesen Hirnteil haben Sie mit den Tieren gemein. Und zwar nicht nur mit den Affen, das fänden Sie ja vielleicht noch ganz originell, sondern, halten Sie sich fest: sogar mit den Reptilien. Das können Sie nun beklagen oder toll finden, es ist einfach so. Dieses Gehirn haben Sie immer noch, bis auf den heutigen Tag, und es ist noch immer fleißig bei der Arbeit.

Alle sogenannten höheren Hirnfunktionen, dank deren Sie sich als zivilisiert betrachten dürfen, sind genau das: eben höher. Es gibt aber nichts Höheres ohne etwas darunter, nicht wahr? Und das da unten sind urtümliche Reaktionen und Antriebe und unerklärliche intuitive Wahrnehmungen von Gefahr, von dort kommen Jähzorn, Gänsehaut und Fluchtreflex.

Der Ökopsychologe Robert Greenway, der Sie zu Wildniserfahrungen ermuntern möchte, sagt: „Die zivilisatorische Schicht, die uns von der Wildnis trennt, ist nicht dicker als drei Tage. Wer länger in der Wildnis bleibt, träumt anders, denkt anders, nimmt anders mit allen Sinnen wahr.“ Diese zivilisatorische Schicht ist so dünn, weil sie so jung ist.

Ihr Gehirn ist aufgebaut wie eine durch die Jahrtausende, Jahrmillionen gewachsene Stadt, an der immer gebaut wird. Sie wird ständig erweitert und ergänzt, ab und zu werden auch die alten Leitungen durch neue ersetzt, die Sanitäranlagen werden modernisiert und neue Computer werden angeschafft.

Aber das gilt natürlich nicht nur für Ihr Gehirn, sondern für Ihren ganzen Körper, von dem das Gehirn bekanntlich ein Teil ist. Die gesamte Entwicklungsgeschichte des Lebens ist in Ihrem Körper aufbewahrt – Sie müssen sich nur einmal die Entwicklung des Menschen vergegenwärtigen: Jeder Einzelne von uns durchläuft sämtliche Stadien vom Einzeller bis zum ausgebildeten menschlichen Körper und wiederholt dabei die gesamte Evolution. Die Vergangenheit sitzt Ihnen und mir (uns allen) in den Knochen, könnte man sagen, oder genauer: in den Genen. Und das kann wie gesehen höchst konkrete Auswirkungen im Alltag haben, unerquickliche oder lebensrettende. Machen Sie sich also darauf gefasst, dass der sogenannte Urmensch nicht einfach frierend in seiner Urzeit herumsitzt, sondern unmittelbar in Ihnen steckt, jetzt und hier, in Ihrem Hirn, in Ihrem Körper, in Ihrem Denken und Fühlen, vor allem auch in Ihren Ängsten, Ihren irrationalen und instinkthaften Reaktionen. Aber kein Grund zur Panik.

Schlicht gesagt: Die Vergangenheit ist nicht vergangen, sondern höchst gegenwärtig, wie ein Kristallisationskern in Ihrer eigenen Mitte. Ihre sämtlichen Vorfahren, die ganze riesige Kette Ihrer Abstammungen, die tragen Sie mit sich herum, und deshalb ist die Weltsicht eines frühen Menschen von vor 30 000 Jahren Ihnen zugänglich. Ist das nicht phänomenal?

Der Zugang ist nicht mal besonders kompliziert. Es genügt, sich darauf einzulassen. Und davon hält Sie und mich (uns alle) im Allgemeinen nur eines ab: Angst. Die Angst vor allem Urtümlichen, das in Ihnen steckt, das heißt vor allem Wilden und Unzivilisierten, das die Menschheit scheinbar überwunden hat. Das rechnet sich die Menschheit als großes Verdienst an, und sie schöpft daraus sogar ihr Selbstverständnis. Aus der Überwindung des Tierischen. Genau das macht uns zu Menschen – so sehen wir das.

Aber der Körper sieht die Sache ein wenig anders.

Da Sie womöglich nicht für mehr als drei Tage ohne jedes Equipment in die Wildnis wollen, jetzt also stattdessen das angekündigte Experiment. Man könnte es „Wildnisexperiment“ nennen:

Setzen Sie sich in aller Ruhe einmal hin und nehmen Sie sich 20 Minuten Zeit – am besten draußen in der Natur, so dass Sie Pflanzen und Bäume sehen können, vielleicht auch Tiere. Legen Sie sich zuvor einen handlichen Stein zurecht und einen Zweig oder eine Blume. Sie können das Ganze zur Not auch im Zimmer machen, dann müssen Sie halt Ihre Vorstellungskraft zu Hilfe rufen oder Bilder.

Und alles, was Sie jetzt tun müssen, ist zuerst einmal: dasitzen. Befühlen Sie den Stein und den Zweig, ihre Oberfläche, schauen Sie sich alles genau an, betrachten Sie die Szenerie vor sich, hören Sie den Wind in den Bäumen und tauchen Sie in all das ein. Stellen Sie sich vor, Ihr Körper wird ganz durchlässig, wie ein Netz, und Sie lösen sich in die umgebende Luft auf. Wenn Gedanken auftauchen von der Art: Der Baum da müsste mal wieder zurückgeschnitten werden –, dann schmunzeln Sie und achten nicht weiter darauf.

Dann, nach ein paar stillen Minuten, tun Sie Folgendes: Sie fragen sich, was Sie da eigentlich sehen und hören und fühlen. Stellen Sie die Frage vollkommen ernsthaft. Und geben Sie sich nicht mit Antworten zufrieden wie: einen Baum, einen Stein. Sagen Sie sich, dass das, was Ihnen da als Baum und Stein und Zweig vor die Augen tritt, was Sie hören und anfassen können, keineswegs alles ist, sondern dass sich dahinter etwas verbirgt, ein Geheimnis. Vielleicht kennen Sie so ein Gefühl noch aus Ihrer Kindheit, wo Ihnen Hecken, Bäume oder Tiere geheimnisvoll und rätselhaft erschienen sind und Sie dastanden und mit großen Augen schauten.

Versuchen Sie nun, diesem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Fragen Sie die Bäume, Steine, Zweige: Was versteckst du hinter deinem Rücken? Und dann lauschen Sie auf eine Antwort. Bleiben Sie dabei völlig entspannt und erwarten Sie nichts. Lauschen Sie aufmerksam und stellen Sie sich ganz deutlich vor, wie Sie zur Antwort ein leises, feines Wispern hören – das Sie nicht verstehen. Sie sagen sich: Das ist eine Fremdsprache, in der mit mir gesprochen wird. Lauschen Sie darauf genau so, wie Sie einem Menschen zuhören, der Sie in einer unbekannten Sprache anspricht, während Sie versuchen, die Bedeutung zu erfassen. Lauschen Sie aber entspannt, und fantasieren Sie keine Bedeutung zusammen. Auf die Bedeutung kommt es nicht an, sondern nur darauf, dass Sie lauschen und das Geheimnis ernst nehmen – bis Ihnen die Bäume und Steine gar nicht mehr wie Bäume und Steine vorkommen, sondern wie Gesichter, wie Personen …

Probieren Sie’s aus. Seien Sie unvoreingenommen. Sie werden feststellen, dass feine Sinne in Ihnen aufwachen und dass hinter der Welt etwas Zweites auftaucht, etwas Offenes. Dann ahnen Sie wieder, wie ein früher Mensch die Welt gesehen hat.

Bewusstsein und Bewusstheit

Wenn Sie das hier alles lesen, dann ist anzunehmen, dass Ihnen das Stichwort „bewusst“ schon einmal über den Weg gelaufen ist. Sie treffen es ja heute überall an, speziell in den Bereichen Wellness und Spiritualität. Es ist von Bewusstwerdung die Rede, von Bewusstheit oder Bewusstsein und davon, dass man die Dinge des Alltags bewusst vollziehen soll: bewusst kochen, essen, Rad fahren, arbeiten und in die Luft gucken. Aber was ist eigentlich „bewusst“?

Das Wort kommt offensichtlich von „wissen“. Bewusst heißt also: „im Wissen um etwas, mit Wissen“. Wenn Sie in diesem Augenblick nicht nur das hier lesen, sondern zugleich wissen, dass Sie das hier lesen, dann lesen Sie bewusst. Sie treten sich selbst als Beobachter gegenüber und können auf diese Weise entdecken, was Sie gerade tun, denken, fühlen, wollen.

Menschen können so etwas nicht von Geburt an, sie lernen es erst im Kindesalter. Die Annahme allerdings, dass überhaupt ausschließlich Menschen diese Fähigkeit entwickeln könnten, ist ein wenig vermessen. Zumindest höhere Primaten sind sich dessen, was sie tun, und teilweise auch ihrer selbst ebenfalls bewusst.

Kurz zur Klärung, wie ich die Begriffe „Bewusstheit“ und „Bewusstsein“ verwende: wenn jemand etwas bewusst tut, spreche ich von Bewusstheit. Und von Bewusstsein spreche ich, wenn jemand sich seiner selbst insgesamt bewusst ist. Bewusstheit ist also grundlegender und einfacher, Bewusstsein demgegenüber schon etwas für Fortgeschrittene.

Bewusstsein oder Bewusstheit funktionieren wie ein Spiegel, den Sie zur Hand nehmen, um sich selbst, das, was Sie gerade tun, oder Ihre Frisur von außen zu betrachten, aus einem zweiten Blickwinkel, „mit anderen Augen“, wie man so sagt. Diese anderen Augen der Bewusstheit sind unkörperlich, dadurch im Prinzip für jede Art von Erkenntnis offen, da an nichts Materielles gebunden. Sie können sich selbst aus jeder beliebigen Richtung betrachten. Dass sich mit dieser Gabe der Bewusstheit unerhörte Möglichkeiten auftun, liegt auf der Hand. Möglichkeiten, die von jeher auch als Aufgabe verstanden wurden. „Erkenne dich selbst“ war ein Leitspruch der alten Griechen, er stand am Eingang des Orakels von Delphi.

Bewusstheit verleiht Ihnen innere Distanz, zu sich selbst und überhaupt zu allem. Sobald Sie in diese Distanz treten, sind Sie nicht mehr mit dem identisch, was Sie gerade tun oder was gerade in Ihnen und um Sie herum vor sich geht – Sie sind nicht mehr darauf beschränkt. Eine Grenze fällt weg, und ein neuer, vielleicht ganz unerwarteter Horizont öffnet sich vor Ihnen. Sie können innehalten, betrachten und sich fragen: was geschieht hier eigentlich? Warum und wozu? Hat es etwas zu bedeuten?

Und so weiter, der Fragen ist buchstäblich kein Ende.

Vorsicht, das kennen Sie aus persönlicher Erfahrung: immer neue Fragen sind natürlich auch eine Quelle endloser Verwirrung. Man muss wissen, wann man damit aufhören muss.

Bewusstheit dreht sich aber gar nicht notwendig um Fragen. Meistens genügt das aufmerksame, genaue Hinschauen – ohne Fragen. In einem Moment, der Ihnen über den Kopf wächst, weil Sie gerade fürchterlichen Druck haben, weil Sie zwischen zwei Terminen noch fix einkaufen gegangen sind, dabei natürlich die langsamste Kassenschlange erwischt haben, während der Hund draußen im Auto in der prallen Sonne sitzt und jault und Sie beim Bezahlen feststellen, dass Sie den Geldbeutel inklusive sämtlicher Karten und Ausweispapiere verloren haben – in einem solchen Moment sind Fragen vollkommen fehl am Platz. Sinnvoller und hilfreicher ist es, sich selbst von außen zu betrachten wie einen sympathischen Bekannten, der halt leider ab und an mal was verschusselt.

Die Bewusstheit verleiht Ihnen den Blick für eine zweite Ebene, die hinter dem liegt, was vordergründig geschieht. Das gilt nicht nur für Sie selbst, sondern für die gesamte Umwelt. Bewusstheit macht empfindsam für das Hintergründige, für das Eigentliche im Hintergrund. Für das, was Wilhelm Busch meint, wenn er sagt, dass „hinter jedem Dinge höchst verschmitzt im Dunkel erst das wahre Leben sitzt“.

Sie wissen sicher, was mit diesem Eigentlichen im Hintergrund gemeint ist. Zum Beispiel die Empfindung von Schönheit im Angesicht der Natur. Oder der Eindruck von Bedeutsamkeit, wenn Sie einem bestimmten Menschen gegenüberstehen. Das Gefühl, dass Dinge nicht zufällig vor sich gehen, sondern sich sonderbar folgerichtig zusammenfügen, im Guten oder Schlechten, dass die Dinge irgendetwas sollen, dass im Hintergrund etwas Verborgenes schlummert, eine Art von unsichtbarer Ordnung – auch wenn Sie überhaupt nicht sagen könnten, was das sein soll.

Haben Sie sich vielleicht schon mal gefragt, ob solche Empfindungen eingebildet sind? Das wäre kein Wunder, weil es eine sehr menschliche Frage ist und ganz typisch für westlich-neuzeitliches Denken. Es ist eine theoretische Frage, die sich gemeinerweise aber nicht theoretisch lösen lässt. Versuchen Sie’s und Sie sind verloren. Wie soll man durch Anwendung des Denkens entscheiden, ob etwas ausgedacht ist oder nicht? Im Raum des Denkens ist doch alles ausgedacht. Da kommt man nicht weiter.

Die Frage lässt sich nur praktisch lösen – und praktisch stellt sie sich gar nicht erst. Das unmittelbare Erlebnis, die Erfahrung von etwas Ordnendem in der Natur, von Schönheit im Großen oder im Kleinen braucht keine zusätzliche Bestätigung von außen. Die Erfahrung ist, wie man sagt, „selbstevident“,

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