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Wo bist du?

Für Claudia

Ich widme hiermit meiner verstorbenen Frau Claudia Kreß meine Autobiografie, denn ohne sie wäre das Buch wahrscheinlich nie zustande gekommen.

Ich werde dich nie vergessen, meine liebe Frau Claudia. Du warst das Beste in meinen Leben, was mir je passiert ist. Ich danke dir für die schöne Zeit, die wir miteinander verbringen durften.

In ewiger Liebe, Treue und Verbundenheit Dein dich für immer liebender Mann Siggi Seidel

Siggi Seidel

Wo bist du?

Eine Biografie zweier Leben
auf der Suche nach dem Glück

Der Anfang war ein schwerer Weg

Der Ernst des Lebens

Fußball und andere Spiele

Erste Mädels und weitere Lebenserfahrungen

Erste Freundinnen und die Musik

Teehaus und Kahler Zeiten

Heiße Räder und Begegnungen

Enttäuschung und Schmerz

Vom Lehrling zum Rebell

Verkaufen und ein Häuptling auf dem Dach

Fliegende Autos und MC

Der Fußballaufstieg und Rudi Völler

Begegnungen einer anderen Art

Ein Doc in Unterhosen

Susi – meine erste große Liebe

US Army und der Schutzengel

Herr Panzergrenadier und Zugbegegnungen

Freitag, der 13.

Familienland, coole Zeiten, coole Leute

Heiße Disco-Nächte und Silvia

In Frankfurt war was los

Schmetterlinge und doch kein Engel

Tupper und meine Traumfrau Claudia

Unser erster Urlaub

Zurück auf der Arbeit

Verlobungsurlaub

Ein eingespieltes Team

Neue Zeiten und Veränderungen

Die Seen-Tour

Apollo, die Zweite, Bettina, und armer Großonkel

Höllenfahrten

Unser schönster Urlaub

Job weg und ein Unfall mit Claudia

Euroschule Aschaffenburg

Claudia, Promis, Verona, Venedig und ein falscher Name

Aus einem Gag wird Wirklichkeit

Über La Spezia und Comedy zum SeSei Magazine

Unser letzter Urlaub

Claudia auf Tour und SeSei-Shootings

Alles ändert sich

Promis, Oberbürgermeister und ein Fast-Crash

Claudias traurigster Geburtstag

Zurück nach Großauheim

Unschöner Start ins neue Jahrtausend

Claudia wird nur herumgeschoben

Der Oberbürgermeister-Wahlkampf und unsere Hochzeit

Claudia geht es immer schlechter

2006 – wieder ein Geburtstag mit schlechten Nachrichten

Auf der Suche nach einem neuen Heim

Immer Ärger mit den Behörden

Das Drama mit Zeljko

Neue Möbel

Unser zweites Hundebaby: Snoopy

Claudias Schwächeanfall

Eine neue Wahl

Die Fußball-WM 2010

Harte Tiefschläge

Ein letzter Kampf

Eine Welt bricht zusammen

Ein schwerer Gang

Abschied für immer

Die Zeit nach Claudia

Nachwort

Dies ist die wahre Geschichte über das Leben eines jungen Mannes, dem prophezeit wurde: »Du bist nichts, du hast nichts, du kannst nichts, du wirst ein Versager sein!«

Dieses Buch soll all jenen, denen es ähnlich geht oder ging, ein guter Berater in aussichtslosen Situationen und Zeiten sein sowie dazu anregen, nicht gleich aufzugeben, falls etwas mal nicht so läuft, wie es sein sollte.

Packt es an! Steht immer wieder auf! Wie der Roboter, den ich als Kind hatte!

Dies ist meine Geschichte.

Der Anfang war ein schwerer Weg

Ich spürte schon immer, dass in mir was schlummert, ich wusste nur noch nicht, was es war, bis ich merkte, dass man es nur erkennen musste. Vielleicht werde ich mal was erreichen, womit ich anfangs gar nicht rechnen konnte! Ich konnte es nicht genau beschreiben. Ich wusste nur, ich suchte viele Jahre lang etwas in meinen Leben. Was es war, wusste ich erst, als ich es fand.

Aber fangen wir doch ganz von vorne an.

Mein Vater kam aus Böhmen, wo er mit seinen Eltern und seiner Schwester als Deutsche – wie so viele andere auch – von den Tschechen vertrieben wurden. Sie schafften es gerade so. Ein Freund meines Vaters hatte nicht so viel Glück. Er ist auf der Flucht gestorben.

Meine Oma war eine Schauspielerin und Tänzerin im Theater in Dresden und auf den Prager Bühnen. Leider konnte ich nicht herausfinden, wie bekannt sie war, denn ich kenne ihren Künstlernamen nicht. Früher ist keiner mit seinen bürgerlichen Namen aufgetreten. Anscheinend habe ich Omas künstlerisches Talent geerbt.

Im schönen Südhessen lernte mein Vater beim Bauern auf dem Feld, wie das so früher war, meine Mutter kennen und lieben. Er hatte immer schwer für die Familie gearbeitet, zunächst als Heizer bei den Amerikanern bei uns in der Kaserne, später dann bei der städtischen Müllabfuhr, wo er schon um vier Uhr morgens aufstand, um in der Küche zu frühstücken. Das habe ich in meinem Nebenzimmer fast immer mitbekommen, weshalb ich zu dieser Zeit nie richtig ausschlafen konnte. Danach war er städtischer Mitarbeiter in Hanau. Durch die schwere Arbeit und durch einige Unfälle wurde er leider sehr krank, aber dies ist eine andere Geschichte.

Bei meiner Taufe hatte ich, wie es typisch auch für römisch-katholische Jungen ist, ein Taufkleid an – aber eins speziell für (werdende) Männer. Dazu trug ich volles schwarzes Haar und sah dabei aus wie ein Äffchen, fast wie ein Südländer, na ja, halt wie ein Südhesse. Später wurde es mal etwas blonder, um zum Schluss braun zu werden. Man könnte meinen, dass selbst mein Haar nicht wusste, was mal aus ihm wird!

Mit etwa vier Jahren wurden meine Schwester Erika und ich am Wasserturm in Kahl am Main von der Tageszeitung fotografiert. Mit Eistüten in der Hand und Sonnenbrillen auf den Nasen sahen wir aus wie zwei kleine Italo-Kids. Kurz danach war ich das erste Mal weiter weg von zu Hause.

Mein Vater war auf Kur an der Nordsee. Meine Mutter, Erika und meine Person fuhren mit dem Zug dorthin, um Vater zu besuchen. Dort angekommen zogen sie mir gleich eine Badehose an und trugen mich ein paar Meter mit ins Meer bei Sankt Peter Ording. Es kam eine große Welle auf uns zu und ich dachte, wir müssten ertrinken, aber die Gegend war schön: Brückchen, Bäche, Wälder und in einer kleinen Pension hingen wir die nassen Badeklamotten an den Bäumen am Waldrand auf, um sie zu trocknen. Dann gab es Abendbrot: Schwarzbrot mit Salami. Das hat mir so gut geschmeckt, da denke ich bis heute noch daran und hole mir das ab und zu aus dem Markt.

Der Ernst des Lebens

Ich war gerade fünf, da kam ich in die Vorschule (vielleicht war es auch nur ein Kindergarten), da warf ich einfach meinen Spinat an die Wand, weshalb ich auch gleich wieder nach Hause gehen durfte. Ich fand es dort sowieso scheiße!

Mit sechs kam ich dann in die richtige Schule – die Schule fürs Leben, sagte man. Also jetzt aufpassen! Natürlich passte ich nicht auf. Ich schaute aus dem Fenster und träumte von der Schulglocke. Wenn mich die Lehrerin dann etwas fragte, kam meist nicht mehr als ein »Ähhh, ähhhh«. Dann hörte ich »Setzen 6!«. Ich wurde schnell für dumm abgestempelt. Heute weiß ich von Ärzten, dass ich einfach starke Konzentrationsschwierigkeiten hatte. Damals verstanden die Leute das nicht. Sie dachten, ich würde nicht richtig zuhören. Auf Verständnis hoffte ich vergeblich.

Die folgenden Jahre in der Grundschule wurden immer schlimmer, ich hoffte, dass es bald vorbei ist. »Ich habe keinen Bock mehr drauf!«, sagte ich des Öfteren zu mir.

Bereits in der vierten Klasse wurde ich Wackelkandidat: Meine Versetzung war gefährdet.

Da ich zu dieser Zeit sehr schmächtig war und des Öfteren Kreislaufprobleme hatte, schickten mich meine Eltern zur Kur in das Allgäu nach Sonthofen. Für mich war das jedoch alles andere als Erholung. Es war eine Qual. Ich kann mich nicht mehr genau daran erinnern, wie ich da überhaupt hinkam. Ich glaube, ich bin allein mit dem Zug gereist. Dabei war ich doch erst zehn Jahre alt und ganz alleine weit von zu Hause fort. Es war das erste Mal, dass ich ganz auf mich allein gestellt war. Die hohen, großen, nie endenden Berge gruselten mich zu Beginn sehr. Dann entdeckte ich das Spazieren für mich. Die Landschaft half mir dabei, hier sechs Wochen alleine zu verbringen. Es war eine Ewigkeit für einen kleinen ängstlichen Jungen. Ich kam mir teilweise vor wie im Knast, nur schlimmer.

In der ersten Nacht zog ein schweres Gewitter auf, das die ganze Nacht hindurch wütete. Die Wolken kamen einfach nicht aus den hohen Berggipfeln heraus. Bis heute habe ich ein zweites, derartiges Gewitter nicht mehr erlebt. Es glich einer Szene aus einem schlechten Horrorfilm. Dabei habe ich als Kind immer sehr gern diese Geisterheftchen gelesen, aber so ein Gewitter hautnah zu erleben, war für einen kleinen Bub schon was anderes!

Die Kurstätte war nicht das vornehmste Etablissement. Beim Frühstück am nächsten Tag musste ein Junge sich plötzlich auf seinen Teller übergeben. Doch er musste trotzdem weiter essen. Es war dort noch schlimmer als die Schule.

Ein anderes Mal musste ich mal ganz dringend aufs Örtchen, aber leider waren alle besetzt. Ich hielt es nicht mehr aus und es spritzte wie Wasser in meine Unterbuxe. Die Betreuer aber hielten nichts davon, mich und die Hose zu säubern. Sie schickten die Unterhose samt der braunen Brühe zu meinen Eltern nach Hause. Später schrieben meine Eltern mir eine Postkarte, in der sie mich fragten, warum ich das alles machte. Ich war ein kleiner schüchterner Junge, was sollte ich also darauf antworten? Ich antwortete nichts.

Und so ertrug ich Woche für Woche in diesem Gruselkabinett, bis endlich die sechs Wochen vorbei waren. Ich freute mich wie ein Schneekönig. »Juppi, juppi, ich kann endlich nach Hause!«, platzte es aus mir heraus. Aber meine Freude hielt nicht lang an. Meine Eltern hatten die Möglichkeit genutzt, meinen Aufenthalt um weitere zwei Wochen zu verlängern. Ich konnte es nicht fassen. In diesem Moment brach für mich eine Welt zusammen. Ich glaubte nicht, dass ich noch mal zwei Wochen hier überstehe. Und als ich dachte, es könnte nicht schlimmer werden, fing der Horror erst so richtig an.

Etwa beim Baden in der Schwimmhalle, ich war ja zehn und kein Baby mehr, dass man einfach ins Wasser schmeißt und schwimmen lernt, aber die Betreuerin stupste meinen zitternden Körper einfach in das – gefühlt weit über zwei Meter tiefe – Becken. Ich sank mit offenen Augen wie ein Stein bis auf Grund. Auf allen vieren krabbelte ich die Treppe wieder hinauf, an deren Ende dann die Betreuerin stand, die Arme in die Hüfte gestemmt. Sie sagte: »Ja, so lernt man schwimmen« und interessierte sich überhaupt nicht dafür, dass ich schon leicht blau angelaufen war und beinahe ersoffen bin. Es schien niemanden zu stören.

Nach fünf Wochen bekam ich ein Paket von meinen Eltern. »Oh, super lauter Naschzeug!«, freute ich mich und wollte mich gerade über das unerwartete Geschenk hermachen, als die Betreuerin es mir plötzlich wegnahm.

»Des is doch meins!«, erklärte ich ihr. »Nein, das wird hier an alle Kinder gerecht verteilt«, war ihre Antwort und ich sah meine Süßigkeiten nie mehr wieder. Wahrscheinlich hatte sie das Paket ihren eigenen Kindern geschenkt oder das Naschzeug selbst aufgefressen.

Aber irgendwann waren diese schlimmsten Wochen meines bis dahin zehnjährigen Lebens vorbei! Ich freute mich schon auf zu Hause, doch da bekam ich gleich die nächste Schreckensnachricht. Natürlich hatte ich meine schon vorher gefährdete Versetzung für das nächste Schuljahr nicht mit so vielen Fehlstunden geschafft.

Also vom Regen in die Traufe.

Fußball und andere Spiele

Die Probleme in der Schule hinderten mich nicht daran, meiner Leidenschaft nachzugehen. Ich ging immer raus auf die Straße, um mit meinen Freunden Fußball zu bolzen. Bei uns im Ort war jeder zweite Bub Mitglied in unseren Fußball Verein VFB 06 Großauheim. Verein für Buben? Nein, Verein für Bewegungsspiele heißt der und wurde 1906 gegründet. Damals benannten die das noch so lustig.

Wir hatten auch damals in den 60er und 70er Jahren bei uns im Ort eine offiziell unter uns gegründete Straßenfußballmeisterschaft ausgetragen. Unsere Straße, der Lerchenweg, war zwar eine der kleinsten Straßen, aber wir hatten viele Jungs von VFB, sodass wir fast immer die Straßenmeisterschaft gewannen. Des Öfteren standen wir im Finale gegen eine ganze Siedlung, die Waldsiedlung. Zum Vergleich: Das wäre so, als würden wir als Monaco gegen Deutschland spielen.

Gegenüber von mir wohnte eine befreundete Familie, die gleich drei Jungs hatte, die beim VFB spielten und zudem auch alle super Fußballer waren. Ich dachte immer, sie würden mindestens mal in der 2. Liga spielen. Ihr Vater spielte früher beim VfL Wolfsburg. Damals kannte man den Verein noch nicht so gut wie heute.

Natürlich bin ich dann auch mal zum VFB gegangen, um zu trainieren. Dort schaute ich immer auf die Holzkiste vor dem Zeitschriftenladen, wo unsere Aufstellung hing. Zu Beginn suchte ich vergeblich darauf meinen Namen. Erst nach und nach wurde ich des Öfteren mal im Kader eingesetzt, zunächst als Reservespieler, dann als Abwehrspieler und dann endlich auch mal im Sturm wie mein damals großes Vorbild Gerd Müller. Na ja, ganz so gut war ich natürlich nicht, wie auch sonst keiner nach Gerdi. Er war einfach ein Ausnahmestürmer.

Es gab da ein Fußballspiel, das ich nie vergessen werde. Wir spielten beim Tabellenzweiten. Wir waren damals auch Zweiter, allerdings von unten. In der Halbzeit lagen wir 0:2 hinten, aber dann kam unsere große Zeit. Ich, ja ich, und mein damals bester VFB-Kumpel Ferdi schossen jeder ein Tor. Und unser Torwart, Hansi F., hielt das Unentschieden fest! Wir hatten uns so gefreut, als wären wir gerade Weltmeister geworden.

Und das Schönste dabei war, dass mein späterer Schwager Reiner das alles mit seiner Super-8-Kamera aufgenommen hatte. Immer wieder sahen Ferdi und ich uns den Film an. Unsere Tore, unser Spiel. Jedes Mal sagen wir uns dann: »Siehst du, so sind wir Weltmeister geworden!«

Der Fußball hat mich nicht nur von den Schulproblemen abgelenkt, sondern auch aus meinem ersten Lebenstief meiner Teenie-Jahre herausgeholfen.

Mit meinen Freunden Thomas, seinen Brüdern Stephan und Michael P., Bernd P., Klaus und Jürgen M., Hans-Jürgen S., Ingo K., Susi L. und noch vielen weiteren, die ich hier gar nicht alle aufzählen kann, habe ich viel erlebt. In meiner Jugend war ich in so vielen Cliquen, dass ich fast tausend Leute kannte. Viele davon kennen mich heute noch. Mir dagegen fällt es oft schwer, den passenden Namen oder Spitznamen einem Gesicht zuzuordnen. Da ist Facebook eine tolle Erfindung. Ich freue mich immer, wenn ich ein bekanntes Gesicht wiederfinde. Das lässt Erinnerungen lebendig werden.

Einmal bauten wir zwischen den kleinen Bäumen hinter den Blöcken bei Thomas aus ganz vielen Decken eine richtige kleine Zeltstadt. Dazu brachte jeder ein paar Decken mit, die wir über die gespannten Wäscheseile mit Klammern aufhängten, bis das Zelt fast so groß wie unser Wohnzimmer war. Jeder brachte dann etwas Essen und Trinken mit. Einmal bekam ich von meinen Vater US-Konserven aus seiner Zeit bei den Amis. Darin waren Kekse, Schokolade und viele andere schöne Sachen. Egal, was es war, uns schmeckte alles und die Dosen waren im Nu leer.

Als Klaus und Jürgen mit ihrer Mutter in die Waldsiedlung zogen, besuchte ich sie des Öfteren und blieb meist, bis es dunkel wurde, danach radelte ich wieder nach Hause.

Heute überlegte ich mir manchmal, wie gefährlich das eigentlich war, als kleiner Junge ganz allein, teilweise durch dunklen Wald und unbewohnte Gegenden zu fahren. Es hätte ja ein böser oder perverser Onkel überall hinter einem Baum stehen können.

Eigentlich hatte ich eine schöne Kindheit mit vielen Spielen, zum Beispiel ein Tisch-Eishockey-Spiel. Am meisten haben wir aber Tipp-Kick gespielt. Ein paar Jahre später gründete ich sogar einen offiziell angemeldeten, echten Tipp-Kick-Verein, um an den Deutschen Meisterschaften teilnehmen zu können. Er hieß Ajax 80 Großauheim. Aber leider wurde ich zu sehr von etwas anderem abgelenkt, natürlich durch Mädels, die ab da in mein Leben traten.

Erste Mädels und weitere Lebenserfahrungen

Es begann die neue Schulzeit in einer neuen Schule mit lauter neuen Schülern. Am Anfang war es sehr schwer – bis zu dem Tag, als mich im Winter ein größerer Junge um die Bänke jagte. Es war so glatt und ich so schnell, dass er ausrutschte und voll in den Schnee fiel. Nicht nur wir Jüngeren standen da und lachten ihn aus, sondern auch seine Klassenkameraden grölten. Dabei lernte ich Kallsche kennen, mit dem ich bis heute noch Kontakt habe, und da waren noch Kuckuck, Otto, Pizza und der Zeiger.

Durch Kallsche erfuhr ich viel über Musik. Er war der größte The Sweet-Fan, wie die meisten Jungs in der Schule, nur Kuckuck nicht, der war Queen-Fan.

In meiner Freizeit spielte ich gerne mit Freunden auf der Straße und in der Umgebung. Natürlich fast jeden Tag Ballspiele und natürlich meistens Fußball. Aber auch Stangenball stand ganz oben auf der Beliebtheitsliste. Wir spielten es zwischen den Wäschestangen, die es damals noch massenweise hinter den Häusern gab. Es waren Stangen mit Haken für die Wäscheleinen daran, an die unsere Mütter die Wäsche aufhängten. Aber wenn da mal keine Wäsche hing, waren das unsere Tore, unsere Spielgeräte. Der Fantasie waren da keine Grenzen gesetzt. Wir spielten unser Stangenball, mal mit Werfen, mal mit dem Kopf oder mit der Faust. Und wenn einer den Ball zu heftig abwehrte, flog er schon mal auf die angrenzenden Garagendächer, wo wir dann drauf krabbelten, um den Ball wiederzuholen. Während wir die Garagen bestiegen, mussten wir tierisch aufpassen, dass wir nicht vom Hausmeister erwischt wurden, der uns sonst ein paar Kilometer nachrannte, um uns den Hintern zu versohlen. Er kriegte uns aber nie, denn wir rannten wie die Windhunde. Wir flogen regelrecht über die Hecken und Büsche hinweg – wie Hürdenläufer. Der Hausmeister musste meist nach wenigen hundert Metern aufgeben. Entweder weil ihm die Puste ausging oder aber weil er in irgend einem Gebüsch gelandet war.

Ich weiß nicht, ob wir es erfunden hatten, aber wir spielten immer ein Spiel, das wir Rollerball nannten. Manche spielten mit Rollschuhen, die meisten aber ohne. Wir nahmen einfach einen Tennisball und bauten uns einen Holzschläger, der aussah wie ein EishockeySchläger. Zuerst waren es nur Thomas, seine Brüder und ich, die dieses Spiel spielten, aber mit der Zeit kamen immer mehr Jungs aus allen umliegenden Straßen mit ihren selbstgebauten Schlägern dazu. Wir spielten an den Ecken, die eigentlich als Parkplätze vorgesehen waren, in der Straße wo Schlacker wohnte, an der Ecke bei den Baumgartens. Hier veranstalteten wir ganze Turniere. Wenn ich daran zurückdenke, hat es einfach sehr viel Spaß gemacht, obwohl es schon sehr gefährlich war, wenn einer mal mit hoher Geschwindigkeit auf den Straßenbelag donnerte. Diese Schmerzen spürt man heute noch in den Knochen. Ja, wir machten viel aus dem Wenigen, was wir hatten, allein durch unsere Fantasie. In der heutigen Zeit möchte ja jeder nur schnell mal in den Laden gehen, um sich irgendein Spiel zu kaufen, das dann nächste Woche schon wieder in der Ecke liegt.

Ich konnte meistens nicht durchspielen und musste gegen Mittag mit dem Spielen aufhören, denn ich sollte meiner Mutter beim Austragen der Tageszeitung helfen. Es war die älteste und größte in Hanau: der Hanauer Anzeiger. »Och, man!«, sagte ich dann immer. Später hatte ich dann eine eigene Tour mit ca. 100 Zeitungen auszutragen. Dazu musste ich jeden Tag, außer sonntags, auch in die besagte Fußballgegner-Waldsiedlung am anderen Ende der Stadt radeln, um meine Zeitungen auszuteilen. Ich hatte mir dazu auf mein Radel extra einen Kilometerzähler anbauen lassen. Der zeigte später mal weit über 250.000 Kilometer an.

Aber das Austragen war nicht immer schön. In der einen Villensiedlung wurde ich zwar zu Weihnachten immer schön mit Geld und Schokolade beschenkt, aber da waren fast an jedem dritten Zaun Hunde. Ein kleiner Schnauzer kläffte immer besonders. Aber das ging ja noch. Sonst waren da meist nur noch große Hunde. Auweia! Und eines Tages, beim letzen und größten Hund, einer Dogge, da war das Tor offen. Ach du scheiße, dachte ich. Die Dogge lief da frei herum! Ich steckte also ganz vorsichtig meine Zeitung in den Kasten. Als ich dachte, ich hätte es überstanden, bemerkte ich ein Schnaufen hinter mir, schaute so leicht über meine Schulter und – oh Gott – da war die Dogge! Ich fuhr so schnell, wie ich noch nie zuvor gefahren bin. Dann konnte ich sie irgendwie abhängen. Das hatte mir einen gewaltigen Schrecken eingejagt. Später übernahm die Familie von Thomas P. diese Zeitungs-Tour.

Eines Tages spielten ein paar Nachbarjungs mit mir Straßenfederball. Mit dabei war auch ihre kleinere Schwester. Da schaute sie mich auf einmal so merkwürdig an und immer wieder schaute sie, dass ich mich schon wunderte. Ich wusste gar nicht, was sie wollte. Hatte ich etwas Komisches gemacht? Sah ich komisch aus?

Später fing ich an, ebenfalls zu beobachten. Ich sah auf einmal beim Zeitungaustragen die kleine blonde, freche Göre, die neu in unserer Schule war: Heike M. Aber warum beobachtete ich sie? Ich hatte auf einmal so ungewohnte, neue Gefühle, die ich bis dahin gar nicht kannte. Ja, ich war zum ersten Mal verknallt, und immer wenn ich da extra vorbeifuhr, es lag nicht so ganz auf meiner eigentlichen Strecke, schaute ich ihr aus sicherer Entfernung eine Weile zu, aber das war es dann auch.

Als ich in den gegenüberliegenden Blöcken auf dem Spielplatz die Rutschbahn runterrutschen wollte, blieb ich irgendwie mit den Fuß hängen und fiel plötzlich die Rutsche von ganz oben runter. Es müssen etwa zwei Meter gewesen sein, die ich in die rote Tartanbahnerde hinabfiel. Ich lief weinend nach Hause, das Gesicht ganz rot von der Erde. Meine Mutter meinte nur, ich solle mir den Dreck abwaschen. »Du bist ja ganz dreckig!« Tröstende Worte? Fehlanzeige. Manchmal fragte ich mich, ob ich überhaupt ihr richtiger Sohn bin, denn ich kann mich nicht an keine Umarmungen, Tröstungen oder irgendwelche netten Worte von ihr erinnern. Ein »Ich habe dich lieb, mein Kind« hörte ich von meinen Eltern leider nie.

Zehn war für mich das schlimmste Alter. Ja, ich gebe offen zu, ich habe auch mal was geklaut. Ich hatte meinem Vater gesagt, dass ich unbedingt den tollen Matchbox-Oldtimer aus dem Markt haben wollte, aber er sagte natürlich Nein. Da stand ich nun mit dem Einkauf vor der Kasse und die tollen Matchbox-Autos gleich daneben. In einem – wie ich dachte – unbeobachtetem Moment steckte ich mir das Auto einfach in den Beutel. Nur kurze Zeit später kam auch gleich der Detektiv und nahm mich mit hinter in sein Büro. Kaum zu Hause angekommen, drohte mir mein Vater, mich deswegen in ein Heim zu stecken. Ich hatte eine riesige Angst davor und wollte einfach weglaufen. Aber wo sollte ich denn mit zehn Jahren hin? Was mich in dieser Zeit auch sehr traf, war der Auszug meiner älteren Schwester Erika, die zu ihrem Freund zog. Sie hatte mir bei Hausaufgaben und Kummer stets zur Seite gestanden.

Und dann noch ist mein liebster Cousin, Horst K., mit erst 28 Jahren an einer Lungenentzündung gestorben. Sein Hausarzt schickte ihn von der Praxis nach Hause, weil er meinte, er hätte nur eine Erkältung und sollte sich ins Bett legen. Dort erstickte er dann an seinem Erbrochenem und starb.

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