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Wirtschaftsthemen

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Hinweis zum Urheberrecht

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Schäffer-Poeschel Verlag für Wirtschaft · Steuern · Recht GmbH, Stuttgart

Vorwort

Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg: Die Wirtschaft ist am Boden, die Deutschen sind verunsichert und gespalten. Weite Teile der Bevölkerung vertrauen eher dem Sozialismus als dem Kapitalismus. Es sind Texte von Ökonomen wie Walter Eucken oder Wilhelm Röpke, die den Deutschen in dieser heiklen Situation in einer verständlichen Sprache einen dritten Weg weisen: den Weg der Sozialen Marktwirtschaft.[2]

Wenn sich Ökonomen heute wieder verstärkt über die Fachgrenzen hinaus Gehör verschaffen wollen, dann knüpfen sie an die Gründungsväter der Sozialen Marktwirtschaft an. Auch heute sind große Teile der Gesellschaft verunsichert und gespalten. Wieder fremdeln viele Menschen mit marktwirtschaftlichen Prozessen. Bürger, Journalisten, Unternehmer, Ökonomen, Politiker – viele fühlen sich unverstanden, und das meist zu Recht. Ökonomische Texte können dazu beitragen, dass wir die Wirtschaft und wir uns gegenseitig besser verstehen. Sie können hitzige Diskussionen versachlichen und geistige Gräben überwinden. Wie genau Texte dies leisten können, zeigt dieses Buch.

Auch wenn Sie die Gräben zwischen Ihrem Produkt und Ihren Kunden oder zwischen Ihren Geschäftszahlen und Ihren Investoren überbrücken wollen, finden Sie in diesem Buch konkrete Tipps. Im ersten Kapitel beschreiben wir die wesentlichen Hindernisse des ökonomischen Wissenstransfers. Mit einer verständlichen Sprache (Kapitel 2) und richtig präsentierten Zahlen (Kapitel 3) können Sie in den jeweiligen Einsatzgebieten (Kapitel 4) diese Hindernisse überwinden.

Dieses Buch richtet sich an alle, die ihr volkswirtschaftliches und betriebswirtschaftliches Wissen möglichst verständlich weitergeben möchten. Allen Ökonomen, die sich dieser ebenso wichtigen wie mühsamen Aufgabe stellen, danke ich. Namentlich danke ich all denen, die ihr Wissen für dieses Buch in einem Expertenkasten verdichtet haben: Christoph M. Schmidt, Stefan Kooths und Mathias Rauck, Thomas Köster, Johannes Eber, Jan Hildebrand, Justus Lenz, Fritz Esser, Marcus Henn, David Issmer, Claus Tigges, Alexander Kurz, Nils Goldschmidt und Marco Rehm. Sie alle setzen sich auf ihre Weise für verständliche ökonomische Wissensvermittlung ein. Sie alle haben dieses Buch durch ihren Beitrag aufgewertet.[3]

Mit ihren Vorarbeiten haben zudem zahlreiche Schreibexperten, Ökonomen und Autoren – ohne ihr Wissen – geholfen, dieses Buch mit Inhalt zu füllen. Stellvertretend für alle im Literaturverzeichnis genannten danke ich Deidre McCloskey, Wolf Schneider, Frank Brettschneider, Hans-Werner Sinn, Axel Gloger und Walter Krämer. Mein Dank für konkrete hilfreiche Anmerkungen und Korrekturen gilt schließlich Tholen Eekhoff, Christian Hoffmann, Holger Niermann, Helge Hesse, Charlotte Erdmann, Adelheid Fleischer und Frank Katzenmayer vom Schäffer-Poeschel Verlag und, ganz besonders, Burkhard Pahnke. Von Burkhards Gespür für die deutsche Sprache, seiner Hilfsbereitschaft und seinen langen ICE-Fahrten hat dieses Buch ungemein profitiert. Alle verbleibenden Fehler, Missverständnisse, Füllwörter, Schachtelsätze und Floskeln können Sie voll und ganz mir zurechnen.

 

Berlin, im Dezember 2018

Nils Hesse

1   Wirtschaftswissen transportieren

Bäcker backen, Piloten fliegen, Ökonomen schreiben: Artikel und Reportagen in Redaktionen, Pressemitteilungen und Broschüren in PR-Abteilungen, Vermerke und Redeentwürfe in Ministerien, Lehrbücher und Skripte in den Universitäten.[4]

Ob als Dozent, Forscher, Referent, Berater oder Journalist: Wer sich verständlich ausdrücken kann, sticht heraus, wird gelesen und verstanden. Viele ökonomische Inhalte bleiben aber noch immer in Texten verborgen, die kaum jemand versteht, oder nur mit einem Aufwand, den kein Leser ohne Not erbringt.

Nur wer sich mit guten Argumenten, klaren Botschaften und verständlichen Texten aus seinem wissenschaftlichen Elfenbeinturm traut, wird seinem Lehr- und Beratungsauftrag gerecht. Erkenntnisse, die nicht verständlich transportiert werden, sind wie eine Saat, die nicht aufgeht. Hans Werner Sinn (2018, S. 621 ff.) ermuntert Ökonomen, dem Beispiel Josef Knechts aus Hermann Hesses Glasperlenspiel zu folgen. Dieser arbeitet sich mit Talent, Fleiß und etwas Glück in der heilen, straff organisierten und sehr vergeistigten Ordenswelt Kastaliens nach oben. Doch dabei belässt er es nicht. Immer aufmerksamer verfolgt er, was außerhalb der Ordensmauern geschieht. Nach langem Ringen entscheidet er sich, den abgeschlossenen Orden zu verlassen. Fortan erkundet er die bunte, offene Wirklichkeit und dient auf andere, wie er findet, umfassendere Weise den wichtigen Werten der Welt.

Josef Knecht ertrinkt schließlich in einem kalten Gebirgssee; die meisten Ökonomen überstehen ihre Ausflüge in die Wirklichkeit hingegen physisch weitgehend unbeschadet. Auch ist die Ökonomie lange nicht so abgeschottet wie Kastalien. Der ökonomische Orden ist keine Glaubensgemeinschaft, sondern im Kern das genaue Gegenteil davon. Nur hat er in Teilen einen gewissen Erschöpfungszustand erreicht, lebt seine Riten und dreht sich inhaltlich bisweilen im Kreis (vgl. Sinn 2018, S. 622). Der Weg aus diesem Kreis führt über eine verständliche Sprache. Je mehr Menschen die Sprache eines wissenschaftlichen Diskurses verstehen, umso mehr können sich an ihm beteiligen und ihm Impulse geben.[5]

Den Luxus, einen abgeschlossenen Diskurs zu führen, können sich Unternehmen, Finanzinstitute und Verwaltungen nicht länger leisten. Der Erfolg ihrer internen und externen Kommunikation hängt von verständlichen Texten ab. Verständliche Kommunikation schafft Vertrauen, Transparenz, Wertschätzung und stärkt die Reputation. Doch nicht in jedem Unternehmen hat sich herumgesprochen, dass verständliches Schreiben auch außerhalb der PR-Abteilung gefragt ist.

Ökonomen sind zwar gewohnt, inhaltliche Positionen zu diskutieren und Einwände ernst zu nehmen. Auf Kritik am Sprachstil reagieren viele Autoren hingegen dünnhäutig. Für sie ist der Schreibstil Geschmacksache, wie die Vorliebe für eine Eissorte (McCloskey 1983). Oder sie halten den Schreibstil für eine gottgegebene Eigenschaft, vergleichbar mit einer Charaktereigenschaft. Jede Kritik am Schreibstil wird dann als persönlicher Angriff missverstanden.

Dabei ist es gerade ehrliche Kritik am Schreibstil, die Autoren hilft, ihren Text zu verbessern. Diese Kritik sollten Sie als Autor nicht nur akzeptieren, sondern wertschätzen. Sie können aus der Kritik lernen – so wie ihr Schreibstil auch von den hier im Buch behandelten Regeln profitieren kann.[6]

Was für viele Wissenschaftler und Berater eine neue Aufgabe ist, gehört zum täglichen Brot der Journalisten: Texte schreiben, die verstanden werden. Doch auch die Wirtschaftsberichterstattung hat sich gewandelt. Der Trend geht seit langem vom fakten- und zahlenbefrachteten Artikel zur lebendigen Geschichte. Anhand von Geschichten kann der Leser Ungerechtigkeiten, Sorgen und Nöte nachempfinden, von denen es in der großen Welt der Wirtschaft viele gibt: Ausbeutung, Umweltverschmutzung, Krisen, Armut, Gehaltsexzesse, Finanzblasen und Korruption.

Es ist gut, wenn Journalisten leidenschaftlich die Schattenseiten der Wirtschaft beleuchten. Nur sollten sie mit gleicher Leidenschaft auch über die Sonnenseiten der Wirtschaft schreiben – über die Vorteile durch freien Handel, technologischen Fortschritt, internationale Arbeitsteilung und marktwirtschaftlichen Wettbewerb; über Unternehmen, die expandieren, neue Produkte entwickeln und Wohlstand schaffen; über einen weltweiten Rückgang von absoluter Armut und Kindersterblichkeit und über steigende Lebenserwartung. Sie sollten berichten, wenn der Markt und wenn der Staat versagt, aber auch dann, wenn innerhalb der staatlichen Rahmenordnung marktwirtschaftlicher Austausch millionenfach funktioniert. Eine gleichsam lebendige und ausgewogene Berichterstattung hilft den Lesern und Zuschauern, wirtschaftliche Zusammenhänge zu verstehen und die Gründe für Fehlentwicklungen einzuordnen. Ebenso erreichen Dozenten, Lehrbuchautoren oder Politik- und PR-Berater mit einer lebendigen, anschaulichen Sprache Studenten, Politiker und Kunden.[7]

Letztlich stehen alle schreibenden Ökonomen vor ähnlichen Aufgaben. Sie müssen ihre Botschaft und ihr Wissen verständlich vermitteln:

  • an den Juristen, der im Ministerium an einem Gesetz schreibt,

  • an die Bankkundin, die eine Lebensversicherung abschließen will,

  • an den Politiker, der im Wahlkampf Wähler überzeugen will,

  • an die Lehrerin, die ihren Schülern im Fach Wirtschaft Wissen und Kompetenzen vermitteln will,

  • an den Journalisten, der nur kurz prüft, ob eine Pressemitteilung das Zeug zu einer Story hat,

  • an den Leser, der am Frühstückstisch auf der Suche nach dem Sportteil die Wirtschaftsseiten überfliegt.

Damit die Inhalte der Texte in gewünschter Form ankommen, müssen wir Ökonomen uns auf die Adressaten einstellen, wir müssen uns mühen, wir müssen uns verständlich machen. Je schwieriger wir unsere Botschaften codieren, umso mehr Arbeit hat der Leser, diesen Code zu knacken und die Botschaft zu interpretieren. Einer muss sich immer anstrengen: der Leser oder der Schreiber. Der Leser wird sich unnötige Anstrengungen im Zweifel ersparen. Deshalb müssen Sie sich als Schreiber ins Zeug legen. Doch diese Anstrengungen lohnen sich. Je mehr Sie sich darum bemühen, einen klaren, verständlichen und strukturierten Text zu verfassen, umso klarer und strukturierter werden auch die Gedanken in Ihrem Kopf.[8]

Für Transportunternehmer, die das Gut „Wirtschaftswissen“ mit möglichst wenig Schwund zum Abnehmer bringen können, gibt es viel zu tun. Dieses Buch liefert Ihnen für diese edle Aufgabe das Handwerkszeug.

1.1   Die Kraft ökonomischer Ideen

„(…) the ideas of economists and political philosophers, both when they are right and when they are wrong, are more powerful than is commonly understood. Indeed the world is ruled by little else. Practical men, who believe themselves
to be quite exempt from any intellectual influence, are usually the slaves of some defunct economist.“

John Maynard Keynes

„I don’t care who writes a nation’s laws – or crafts its advanced treatises – if I can write its economics textbooks.“

Paul A. Samuelson

Was wissen Sie über Quantenphysik? Wenn Sie zu den wenigen Menschen gehören, die sehr viel davon wissen, dann können Sie zwar im Alltag nicht so viel mit Ihrem Wissen anfangen. Dafür können Sie die Welt verändern oder haben es bereits getan. Vielleicht haben Sie an den theoretischen Grundlagen gearbeitet, die die Entwicklung von Lasern, Handys, TV-Geräten oder Computern ermöglichten. Vielleicht arbeiten Sie gerade an einer ganz neuen Technologie, die außer Ihnen kaum jemand kennt. Um dieser Technologie zum Durchbruch zu verhelfen, müssen Sie keine Physik-Laien überzeugen. Auf das Verständnis von Politikern sind Sie meist auch nicht angewiesen. In einer Marktwirtschaft reicht Ihnen ein potenter Geldgeber, der an Ihre Technologie glaubt und sie vermarket.[9]

Wie steht es um Ihr ökonomisches Wissen? Vermutlich ganz gut, wenn Sie dieses Buch lesen. Dieses Wissen nützt Ihnen bei vielen Entscheidungen: beim Einkaufen, bei der Altersvorsorge, bei Wahlen. Sie können mit Ihrem Wissen aber nicht nur Ihren eigenen Alltag erleichtern. Sie können auch die Welt verändern, vermutlich sogar noch grundlegender, als es Physiker vermögen. Dazu müssen Sie aber mehr Überzeugungsarbeit leisten: bei Wählern, bei Politikern, bei Konsumenten. Sie müssen die Vorarbeit leisten, damit Physiker und andere Erfinder ihre Ideen umsetzen können. Wenn Ihnen diese Vorarbeit gelingt, wenn Sie andere Menschen mit Ihren Botschaften überzeugen, dann haben Ihre ökonomischen Ideen eine immense Kraft.

Ökonomen beeinflussen auf mehreren Ebenen: Sie beraten die Wähler und Politiker dabei, geeignete gesellschaftliche Spielregeln festzulegen. Und sie beraten die Konsumenten und Unternehmen, wie sie innerhalb dieser Regeln möglichst informierte Entscheidungen treffen.

Politikberatung und ökonomische Bildung sind zwei wichtige Felder, auf denen Ökonomen im Großen wie im Kleinen die Welt verändern. Im Gegensatz zu den Naturwissenschaften verändern ökonomische Theorien ihr Objekt, die wirtschaftliche Realität. Eine Lebenswissenschaft wie die Ökonomie hat es mit komplexen, offenen Systemen zu tun. Darüber können zwar kaum präzise quantitative Aussagen getroffen werden, aber durchaus leitende Prinzipien, Geschichten und Mustervorhersagen.[10]

Oft reicht ein einziger Aufsatz, manchmal sogar ein einziger Satz, um eine Revolution auszulösen. Die Liste, in denen ökonomische Ideen und Erzählungen gesellschaftliche Umbrüche einleiteten, ist lang. Viele erwiesen sich als fatale Irrtümer. Andere aber ebneten den Weg für mehr Handel, Fortschritt und Wohlstand:

  • Die marktwirtschaftliche Initialzündung war die Geburt des ehrbaren Kaufmanns im 14. und 15. Jahrhundert, der das Streben nach Gewinn mit einer frommen Lebensführung vereinbarte.

  • Das Bild der unsichtbaren Hand von Adam Smith verbreitete die Einsicht, dass man die eigenen Interessen verfolgen kann und gleichzeitig im Interesse aller handelt.

  • Die Ideen von Walter Eucken und Wilhelm Röpke ebneten den Weg für Ludwig Erhards Soziale Marktwirtschaft.

  • Die Ideen Milton Friedmans inspirierten Deng Xiaoping in China und Manmohan Singh in Indien, marktwirtschaftliche Reformen zuzulassen. Erst diese Reformen bildeten die Grundlage für die rasante wirtschaftliche Entwicklung der großen Schwellenländer.

Kennzeichnend für viele der Ideen, die die Welt verändern, ist nicht, dass sie einzigartig oder zwingend neu sind. So sehen Wirtschaftshistoriker in Adam Smiths „Wealth of Nations“ weniger eine originelle Arbeit als eine Synthese bereits bekannter Ideen (vgl. Söllner 2001, S. 34). Kennzeichnend ist vielmehr, dass sie auf einen Zeitgeist treffen und auch von Laien verstanden werden. Die amerikanische Wirtschaftshistorikerin Deirdre McCloskey (1983) sieht als Auslöser gesellschaftlichen Wandels oft eine veränderte Rhetorik.[11]

Um die Sprache zu verändern, müssen Ökonomen aber raus aus ihrem wissenschaftlichen Elfenbeinturm und rein in den Hürdenlauf des ökonomischen Wissenstransfers.

1.2   Die vier Hindernisse des ökonomischen Wissenstransfers

Wenn mehrere Milliarden Menschen weltweit permanent Entscheidungen treffen – arbeiten, handeln, konsumieren –, wenn daraufhin auf unzähligen Märkten die Preise sinken oder steigen, Regale sich füllen oder leeren, Unternehmen entstehen oder verschwinden und am Ende doch nicht alle genug bekommen haben: Dann reden wir von der Wirtschaft. Oder wir reden vom Leben, denn Leben heißt immer auch Wirtschaften. Wir reden vom Problem der Knappheit. Wir haben alle weit mehr Wünsche und Bedürfnisse, als Mittel, um sie zu befriedigen.

Vielleicht liegt darin bereits ein Problem der Ökonomie: Im Zentrum ihrer Aufmerksamkeit steht nicht der Überfluss – also nicht der Sand in der Sahara –, sondern der Mangel – der Wunsch nach einem neuen iPhone. Wenn wir wirtschaften, dann geben wir immer eine Sache auf (und sei es nur etwas Zeit), um etwas anderes zu bekommen. Wir verbessern uns dabei zwar in aller Regel, sonst würden wir den Tausch ja nicht eingehen. Und Ökonomen helfen uns, dabei möglichst effizient vorzugehen. BWLer helfen Unternehmen, VWLer der Gesellschaft und der Politik, Ökonomen insgesamt jedem Einzelnen in seiner Rolle als Wähler, Konsument oder Sparer.

Doch da immer Mangel besteht, bleiben wir unzufrieden. Viele werden den Verdacht nicht los, dass das Knappheitsproblem besser und gerechter gelöst werden könnte, als es der Markt schafft. Viele machen es sich noch einfacher und ignorieren das Knappheitsproblem einfach, so wie die Anhänger eines großzügigen, an keinerlei Bedingungen geknüpften Grundeinkommens. Das Schlaraffenland fasziniert, die reale Volkswirtschaft frustriert.[12]

Andere sind einfach nicht interessiert, für sie ist Wirtschaft zu komplex, zu trocken, zu rational. Wenn wir über Wirtschaft schreiben, haben wir also verschiedene Probleme zu überwinden.

Skepsis: Kapitalismuskritik und Angst vor dem Wettbewerb

Viele Menschen sehen den Kapitalismus, die Marktwirtschaft und den Wettbewerb kritisch. Der Wettbewerb und der Markt gelten verbreitet als die bösen Gegenpole der Kooperation und der Solidarität. Sie sind die dunkle Seite der Macht. Immer mehr Bereiche sollen dieser dunklen Macht entzogen werden: Gesundheit, Wohnen, Bildung, Pflege, Kultur oder Verkehr, die ganze Daseinsvorsorge. Fragen, wie genau der Wettbewerb wirkt, welche Mischformen geeignet sein könnten, welches Staatsversagen zu bedenken ist, kommen schnell unter die Räder einer pauschalen Kapitalismuskritik.

Diese Kritik richtet sich oft auch gegen die Menschen, die sich mit kapitalistischen Konzepten wissenschaftlich auseinandersetzen oder es im Studium mal getan haben: Ökonomen. Einer Umfrage der Uni Köln aus dem Jahr 2009 zufolge halten nur 15 Prozent der Befragten Ökonomen für glaubwürdig. 80 Prozent sind demnach der Ansicht, die Gesellschaft würde auch ohne Ökonomen gut auskommen (Plickert 2016, S. 46).[13]

Die Skepsis gegenüber der Marktwirtschaft und gegenüber Ökonomen ist damit in Deutschland deutlich größer als in Amerika oder Großbritannien (Fechtenhauer, in Plickert 2016, S. 46). Dies liegt auch an der öffentlichen Berichterstattung. Eine Befragung von deutschen Journalisten durch das Rheingold-Institut (2013) zeigt, dass diese die große Welt der Wirtschaft überwiegend bedrohlich wahrnehmen und entsprechend darstellen. Vielen befragten Journalisten fehlen zudem tiefere Kenntnisse von wirtschaftlichen Zusammenhängen. Eine schlechte Voraussetzung, um den Lesern diese Zusammenhänge zu vermitteln.

Auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk trägt nur bedingt zur Aufklärung bei. Dem Institut für empirische Medienforschung zufolge widmete sich die ARD im Jahr 2016 nur 13 Minuten am Tag der Wirtschaft, beim ZDF waren es sogar nur 8 Minuten (vgl. Krüger 2017). Noch bedenklicher als die ohnehin kurze Sendezeit ist der Inhalt, der in den wenigen Minuten besprochen wird. Bei Plusminus, dem „klassischen Wirtschaftsformat“ der ARD, geht es zum Beispiel mehr um die Schattenseiten der Marktwirtschaft, um Betrüger, Steuerhinterzieher oder Lebensmittelverschwendung. Die Info, dass es vorteilhaft für Verbraucher sein kann, wenn Unternehmen im Wettbewerb stehen, bleibt den Zuschauern von ARD und ZDF weitgehend vorenthalten.

Dies liegt nicht nur an voreingenommenen Journalisten. Es liegt auch am Wesen von Marktwirtschaft und Wettbewerb. Ihre Vorzüge sind oft unmerklich und wenig greifbar. Ihre Nachteile haben hingegen häufig ein konkretes Gesicht: Das Gesicht eines gierigen Managers, eines betrogenen Verbrauchers oder eines arbeitslosen Stahlarbeiters. Im Ergebnis wird häufiger über Firmenschließungen als über Firmengründungen, prominenter über einen Anstieg als über einen Rückgang der Arbeitslosigkeit berichtet. Dadurch entsteht ein falscher Eindruck der wirtschaftlichen Wirklichkeit. Die Menschen schätzen die gesamtwirtschaftliche Lage zu negativ ein; jedenfalls deutlich negativer als ihre eigene, persönliche Lage (vgl. Zufriedenheitsstudien von Allianz und Uni Hohenheim).[14]

Erst im Vergleich mit Planwirtschaften kann die unsichtbare Hand des Marktes gegenüber der lenkenden Hand der Bürokratie punkten. Oder in Unternehmen, die wie die Telekom privatisiert wurden. Wenn Sie sich bei einer Darstellung dieses Wandels an die orangenen Telefone mit Wählscheibe erinnern, an Gespräche in der Nacht, um Geld zu sparen, an extrem kurze Ferngespräche, dann wird die positive Entwicklung deutlich.

Beispiel

Rainer Hank erinnert in der FAZ (2018) an die 1980er-Jahre:

„Wer telefonierte, musste auf die Uhr schauen, damit die Rechnung nicht aus dem Ruder lief. Nach 18 Uhr wurde es etwas billiger; dafür waren die Schlangen vor den gelben Telefonhäuschen ewig lang. Nach Amerika telefonierte man nicht, ließ sich lieber von dort anrufen, wollte man nicht gleich verarmen. Heute kostet Telefonieren im Festnetz innerhalb Deutschlands gefühlt gar nichts mehr (korrekt: unter zwei Cent je Minute). Und bei den Auslandstarifen gab es seit 1988 Preissenkungen um 95 Prozent.“[15]

Mit konkreten Beispielen und Bildern ermöglichen Sie es den Lesern, abstrakte Prinzipien mit konkreten Alltagserfahrungen zu verknüpfen. Ein gutes Mittel, um den abstrakten Wettbewerb konkret, greifbar und lebendig zu machen. Weitere geeignete Sprachbilder zeigen wir in Kapitel 2.5.

Ob mit oder ohne Bilder – holen Sie Ihre Leser emotional und politisch ab. Umso kritischer und politisch weiter entfernt Ihr Leser ist, umso schwieriger wird diese Aufgabe. Doch so groß können Meinungsunterschiede gar nicht sein: Letztlich findet sich immer etwas Verbindendes. Die Drei-Sichtachsen-Methode hilft bei der Suche nach dem gemeinsamen Nenner.

  • Liberale Sichtachse: Freiheit versus Zwang,

  • Soziale Sichtachse: stark versus schwach,

  • Konservative Sichtachse: Zivilisation versus Barbarei.

Dazu betrachten Sie politische Fragen durch eine konservative, eine liberale und eine soziale Brille. Argumentieren Sie gegen eine Mietpreisbremse, können Sie durch die soziale Brille betonen, dass sie gerade die Wohnungssuche von Geringverdienern erschwert. Dies trifft – für Konservative relevant – häufig junge Familien mit steigendem Wohnraumbedarf. Aus liberaler Sicht können Sie den Eingriff in die Vertragsfreiheit stärker kritisieren.

Übertreiben Sie es aber nicht! Viele Leser merken, wenn Sie sie manipulieren wollen oder eine „hidden agenda“ verfolgen. Machen Sie lieber deutlich, wo und wieso Sie zu einer unterschiedlichen Bewertung kommen, klären Sie die Fronten und zeigen Sie Respekt für begründete Gegenpositionen. Gehen Sie in drei Schritten vor:[16]

  • Konzentrieren Sie sich zunächst auf das Verbindende.

  • Finden Sie dann den Punkt, an dem die Bewertungen auseinandergehen.

  • Von diesem Punkt aus belegen Sie Ihre Position möglichst schlüssig.

Desinteresse: Wirtschaft ist nicht sexy

Für viele Zeitungsleser ist der Wirtschaftsteil ungefähr so attraktiv wie ein Besuch beim Zahnarzt. Eine Stichtagsumfrage unter allen Zeitungslesern ergab, dass sich 78 Prozent der Befragten am Vortag den Lokalteil ansahen, aber nur 18 Prozent den Wirtschaftsteil. Ähnlich unbeliebt sind nur das Feuilleton und die Wissenschaftsseite (vgl. Schnettler 2000).

Viele Menschen wollen von Wirtschaft gar nicht viel verstehen. Bildungsbürger verstehen was von Philosophie, Geschichte, Kunst und Kultur. Bei Zinseszins, Opportunitätskosten, Steuererklärungen, Bausparverträgen und Leistungsbilanzen überlassen sie das Feld gerne anderen. Das ändert sich nur langsam. Entsprechend wenig Begeisterung werden Sie ernten, wenn Sie einem Verleger als Zielgruppe für ein neues Buch „wirtschaftlich Interessierte“ vorschlagen. „Diese Gruppe gibt es nicht“ ist eine vielleicht etwas überspitzte, aber keineswegs realitätsferne These.

Doch Desinteresse an Wirtschaftstexten sollte nicht mit einem generellen Desinteresse an wirtschaftlichen Themen verwechselt werden. In einer Umfrage aus dem Jahr 2011 äußern 85 Prozent der Befragten ein starkes oder sogar sehr starkes Interesse für Wirtschaftsthemen (Wirtschaftsjournalist 04/2011). Demnach bestünden große Erwartungen an den Wirtschaftsjournalismus, die großen Zusammenhänge aufzuzeigen und auch den Schleier wegzuziehen, den eine PR-Rhetorik der Politik und der Unternehmen über viele Themen legt. Retten „Rettungspakete“ wirklich? Was sind die gesellschaftlichen Auswirkungen von Unternehmensentscheidungen? Wer profitiert von Subventionen, wem wird der Marktzugang erschwert?[17]

Wirtschaft wird vor allem dann interessant, wenn Leser einen Bezug zur eigenen Lebenswirklichkeit erkennen. Dann werden sie neugierig. Zum Glück gibt es diesen Bezug an mehr Stellen, als es die Leser vermuten. Als Autoren ökonomischer Texte haben wir somit häufig die Aufgabe, Wissen zu transportieren, von dem viele potenzielle Abnehmer noch nicht wissen, dass es sie interessiert. Eine spannende Aufgabe!

Zwei typische Gruppen, die von wirtschaftlichen Texten profitieren können: Weltverbesserer und Kleinsparer: Wer die Welt nicht nur besser verstehen will, sondern sie auch besser machen will, muss wissen, wie Wirtschaft funktioniert. Gleiches gilt für Sparer, die ihre Altersvorsorge nicht allein den gesetzlichen Rentenversicherungen anvertrauen wollen. Nicht nur für sie gibt es zahllose interessante ökonomische Geschichten, Einsichten, Zusammenhänge. Gerade die Schnittmengen mit anderen Disziplinen – Psychologie, Politik, Geschichte, Soziologie, Physik – sind spannend. Werden sie mit einfachen Worten anschaulich beschrieben und mit einer aussagekräftigen Überschrift versehen, stoßen sie auch auf Interesse.[18]

Um Interesse zu wecken, sollten Sie als Autor selbst interessiert und neugierig sein. Und um den interessierten Leser dann nicht zu enttäuschen, müssen Sie etwas zu sagen haben. Nur begeisterte Ökonomen begeistern, nur informierte Ökonomen informieren. Dabei darf es aber nicht um Sie, den Autor, gehen, sondern um den Leser. Wer sich durch künstliche Komplexität profilieren will oder durch einseitige Informationen seinen Leser zu manipulieren versucht, stiehlt dem Leser nur seine Zeit.

Um redlich, klar und verständlich sein zu können, müssen Sie das Thema Ihres Textes schon verstanden haben. Nur dann können Ihre Leser Ihr Wissen korrekt decodieren. Unklarheiten beginnen im Kopf des Verfassers, breiten sich in Texten aus und landen schließlich bei den Lesern. Die sitzen am Ende der stillen Post und können nicht nachholen, was bereits im Kopf des Verfassers versäumt wurde. Auch wenn sich die Leser mühen, wenn sie interpretieren und deuten: Haben Sie als Autor keine klare Botschaft mitzuteilen, kommt auch keine klare Botschaft beim Leser an. Alle, denen die Lust am Lesen Ihres Textes nicht schon vergangen ist, lesen etwas anderes. Sie haben die Kontrolle über den Wissenstransfer verloren.

Wissenslücken: Ökonomische Analphabeten

„Ich bin doch etwas erschrocken, wenn ich sehe, wie wenig Schulentlassene, ja auch Erwachsene von [Grundfragen der Wirtschaft und des wirtschaftlichen Alltags] verstehen, obgleich das Wirtschaftliche ihr Leben und das des gesamten Volkes mitformt und mitbestimmt. Es ist nicht Hohn und Spott, wenn ich dazu sage, dass das vielleicht der Grund dafür ist, warum sich in Wirtschaftsfragen alle für sachverständig halten.“[19]

Ludwig Erhard

Angesichts des überschaubaren Interesses an Wirtschaftstexten verwundert es nicht, dass viele Deutsche große ökonomische Wissenslücken haben.

In einer repräsentativen Umfrage aus dem Jahr 2016 (Plickert 2016, S. 100) konnten immerhin 89 Prozent der Befragten korrekt berechnen, dass aus 100 Euro Anlage bei 5 Prozent Zins nach einem Jahr 105 Euro werden (und nicht 100,50 oder 105,50 oder 150 Euro). Unsicherer waren sich die Befragten, welchen Effekt eine Dollar-Aufwertung auf die deutsche Wirtschaft haben könnte. 27 Prozent vermuteten, die deutschen Exporte würden sinken, 10 Prozent glaubten, dass Rohstoffe für Deutschland günstiger würden. Nur etwas mehr als die Hälfte der Befragten erkannte die korrekte Antwort: Ölimporte werden durch eine Dollar-Aufwertung (die einer Euro-Abwertung entspricht) teurer.

In anderen Studien konnten zwei Drittel der Befragten den Begriff „Beitragsbemessungsgrenze“ nicht oder nur falsch erklären (vgl. Hummelsheim 2010). Weniger als die Hälfte der Befragten können die Inflationsrate richtig bestimmen oder den Unterschied zwischen festverzinslichen Wertpapieren und Aktien korrekt ausführen. Deutlich zeigen sich Wissenslücken bei der Bekanntheit von Prominenten: Über 90 Prozent der Deutschen kennen die Reality-Show-Blondine Daniela Katzenberger oder den Fußballer Mario Götze, aber nur rund die Hälfte kennt den EZB-Präsidenten Mario Draghi oder die Investorenlegende Warren Buffett (vgl. Heuser 2018). In Texten, die sich an Leser mit durchschnittlicher ökonomischer Bildung richten, können Sie demnach viele Begriffe und Namen nicht als bekannt voraussetzen.[20]

Ökonomen müssen die wichtigste Zutat liefern, um die gravierendsten Bildungslücken zu schließen: Verständliche, anschauliche und lebensnahe ökonomische Texte. Dazu sollten grundlegende ökonomische Zusammenhänge immer wieder erläutert und erklärt werden: etwa das Abwägen von Kosten (auch Opportunitätskosten) und Nutzen, die Unterscheidung von realen und nominalen Größen, absoluten und relativen Werten, Brutto und Netto und die Wirkung von Wechselkursänderungen (siehe hierzu „Das kleine Einmaleins der Wirtschaftszahlen“ in Kapitel 3.1).

Wie wichtig eine ökonomische Grundbildung ist, belegen zahlreiche Studien: Ökonomisch gebildete Menschen überschulden sich seltener, sorgen eher fürs Alter vor und gründen häufiger ein Unternehmen.

Um den ökonomischen Analphabetismus zu lindern, reicht es nicht, Techniken und Fachwörter zu vermitteln. Es geht auch um Fähigkeiten, die über das reine Fachwissen hinausgehen, etwa die Mehrwertsteuer richtig berechnen zu können oder den Unterschied zwischen Netto und Brutto zu erkennen.[21]

Um die ökonomische Grundbildung zu erhöhen, sind einfach geschriebene Texte gefordert. Doch Texte können auch zu einfach sein. Forscher der Uni Münster (Scharrer et. al 2016) haben in einem Experiment festgestellt, dass Leser von leicht konsumierbaren Artikeln dazu neigen, ihr Wissen deutlich zu überschätzen. Sie sind schnell überzeugt, sich bereits ein fundiertes Urteil über komplexe Zusammenhänge gebildet zu haben. Oft handele es sich aber nur um eine „Illusion des Verstehens“. Um dieser Illusion vorzubeugen, sollten auch in verständlichen Texten komplexe ökonomische Zusammenhänge als solche erkennbar bleiben. Dazu können Sie in Ihrem Text auf offene wissenschaftliche Fragen oder andere Positionen hinweisen.

Starrsinn: Was kümmern mich Fakten, wenn ich eine Meinung habe?

„Wir schätzen die Menschen, die frisch und offen ihre Meinung sagen – vorausgesetzt, sie meinen dasselbe wie wir.“

Mark Twain

Alle haben eine Meinung und wissen es besser. Wenn eine Physikerin beim Friseur ihre Theorie über die Quantengravitation erläutert, wird sie in der Regel wenig Widerspruch ernten. Anders geht es einem Ökonomen, der versucht zu erklären, warum eine Mietpreisbremse auf lange Sicht zu steigenden Mieten führt. Er kann sich auf eine hitzige Diskussion einstellen, bei der er seine Diskussionspartner im Zweifel auch dann nicht überzeugt, wenn er auf 40 Jahre Forschungsarbeit verweisen kann. Das Problem: Kaum jemand ohne Physik-Diplom hat eine Meinung zur Quantenphysik. Aber sehr viele Menschen haben eine Meinung zur Wirtschaftspolitik. Und ist eine Meinung erst mal da, dann ist sie meist beharrlich. Zumindest wird sie kaum jemand aufgeben, nur weil ein frisch frisierter Ökonom dies gerne möchte.[22]

Als belief perseverance oder beharrliche Überzeugung bezeichnen Forscher, wenn jemand an eine Geschichte glaubt, selbst wenn er wissen müsste, dass sie falsch ist. Diese Starrköpfigkeit konnten Forscher bei etwa drei von vier Versuchsteilnehmern beobachten. Demnach gieren Menschen nach kausalen Begründungen für Ereignisse, ganz egal, ob diese kausalen Begründungen schlüssig sind oder nicht. Wenn eine Begründung durch Fakten widerlegt wird, entsteht erst mal eine Lücke. Wird diese Lücke nicht gefüllt, bleiben viele Menschen zunächst bei ihrer ursprünglichen Überzeugung. Erst wenn Erklärungen geliefert werden, warum das Gegenteil der diskreditierten Information wahr ist, ändern viele ihre Position. Eine Lücke muss also wieder geschlossen werden.

Ökonomen haben besonders große emotionale Hindernisse zu überwinden. Ökonomische Argumente wirken meist kühl und berechnend. Oft treten Ökonomen als Mahner auf und erklären, warum etwas nicht geht, nicht finanzierbar ist oder falsche Anreize setzt. Damit machen sie sich zunächst wenige Freunde. Doch als Sozialwissenschaftler können Ökonomen auch etwas dazu sagen, wie Menschen möglichst glücklich und friedlich miteinander leben können. An positiven Botschaften mangelt es den Ökonomen nicht, vielmehr an einer Sprache, um diese Botschaften auch an den Mann oder die Frau zu bringen.[23]

Der Elefant und der Reiter

Der Psychologe Jonathan Haidt hat in seinem Buch „The Righteous Mind“ (2012) eine interessante Theorie entwickelt, warum Menschen gerade bei politischen Themen so starrsinnig sind. Demnach treffen Menschen vom Kleinkindalter an zunächst intuitiv moralische Urteile. Erst danach suchen wir nach Begründungen für diese Urteile, versuchen also unser Bauchgefühl im Nachhinein zu rechtfertigen. Gewichtige Gegenargumente blenden wir erfolgreich aus, dafür saugen wir selbst sehr schwache Argumente auf, die unser moralisches Urteil bestärken.

Haidt vergleicht die Intuition mit einem Elefanten und die Ratio mit einem Reiter. Der Elefant geht intuitiv seinen Weg, er hat seine eigene Intelligenz und seinen eigenen Willen. Der Reiter kann versuchen, an der einen oder anderen Stelle den Weg des Elefanten zu korrigieren, den Weg bestimmen kann er nicht. Oft bleibt ihm nur, die Entscheidungen des Elefanten nachträglich zu rechtfertigen, dann ist er weniger ein Reiter als der Anwalt oder Pressesprecher des Elefanten bzw. unseres tieferen, verborgenen Selbst.

Die moralischen Urteile werden auf einem moralischen Fundament getroffen. Haidt erkennt als moralische Fundamente Fürsorge, Fairness, Freiheit, Loyalität, Autorität und Reinheit. Für all diese Bereiche sei es möglich, entsprechende Tugenden, Emotionen, soziale Auslöser und evolutionäre Anpassungszwänge zu finden. Das Gebot der Fürsorge zum Beispiel lasse sich auf die Notwendigkeit zurückführen, unseren Nachwuchs zu beschützen und zu umhegen; Fairness auf die gegenseitigen Vorteile, die aus partnerschaftlicher Zusammenarbeit entstehen.[24]

Wenn wir nun mit jemandem diskutieren, der ein anderes moralisches Fundament hat, haben es unsere rationalen Argumente sehr schwer. Wichtig ist es daher bei Themen mit einer moralischen Bewertung, erst den Elefanten zu überzeugen. Ideal ist es, eine gemeinsame moralische Grundlage zu finden oder zumindest Verständnis für die eigene Sichtweise zu erhalten. Erst wenn wir auf emotionaler Ebene ein gemeinsames Grundverständnis erzielen, können die rationalen Argumente das intuitive Urteil verändern.

Für Ökonomen ist es eine gute und eine schlechte Nachricht zugleich, dass Menschen so sehr von ihrer emotionalen Grundstruktur beeinflusst werden: Einerseits reicht es nicht, Missverständnisse und Fehlinformationen einfach durch Fakten zu widerlegen. Auch die Autorität eines wissenschaftlichen Abschlusses reicht bei Ökonomen nicht aus, um überzeugen zu können. Andererseits können ökonomische Argumente viel erreichen, wenn sie nicht nur den Kopf, sondern auch den Bauch, nicht nur den Verstand, sondern auch die Emotionen erreichen. Wie dies mit anschaulichen Bildern und lebhaften Geschichten klappen kann, werden wir in diesem Buch (siehe Kapitel 1.3 und 2.5) besprechen.

Ein Tipp vorneweg: Machen Sie erst sich selbst und dann Ihren Lesern klar, welche Ziele Sie verfolgen. Denn ökonomische Effizienz ist meist nur ein Zwischenziel. Es geht den meisten Ökonomen nicht nur um die Maximierung von Einkommen, sondern darum, den Menschen zu helfen, ihre selbst gesetzten Ziele zu erreichen.

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